»Meine liebe Kathinka,« sagte Benno kopfschüttelnd, »das ist mein

Steckenpferd, und das vertraue ich nicht einmal Dir an. Wenn Du fielst

und es zerbrächst, wäre mir die ganze Freude verdorben. Ich trage es

selber hinauf. Warten Sie hier nur einen Augenblick, Baumann; ich bin

gleich wieder bei Ihnen und bringe dann auch den Gartenschlüssel mit,

daß wir Sie hinten hinauslassen können; Sie ersparen dadurch einen

Umweg.« Und ohne eine Einrede zu gestatten, nahm er mit sorglicher Hand

das Räderwerk und schritt rasch durch den Garten dem Schlosse zu.

Die beiden jungen Leute folgten ihm, Jedes seinen eigenen Gedanken

nachhangend, mit den Augen. Endlich sagte Baumann, aber fast mehr zu

sich selbst als der neben ihm Stehenden redend:

»Armer junger Mann, so reich begabt, so gut und so unglücklich!«

»Ja, er ist wirklich gut und unglücklich,« seufzte Kathinka, »denn ich

fürchte das Schlimmste für ihn!«

»Und glauben Sie nicht, Fräulein, daß er geheilt werden könnte,

vielleicht durch eine Luftveränderung?«

»Ich weiß es nicht; aber der Arzt sieht ihn immer so mitleidig an und

hat ihm in der letzten Zeit wieder so Vieles erlaubt, was ihm sonst

streng verboten war -- das ist kein gutes Zeichen.«

»Und Sie sind immer so gut mit ihm und geben sich so viele Mühe...«

»Ich wollte, ich könnte mehr für ihn thun,« sagte Kathinka herzlich,

»und wenn er stirbt, werde ich ihn wie einen Bruder betrauern.«

»Und Sie Beide haben keine Mutter!« sagte Baumann fast unwillkürlich,

denn er dachte an die rauhen Worte, die er vorhin im Schlosse gehört,

bereute aber augenblicklich das Gesprochene, als er sah, welch ein

wehmüthiger Ausdruck sich über Kathinka's Züge legte. Er setzte auch

rasch hinzu: »Ich habe Ihnen nicht weh thun wollen, liebes Fräulein,

seien Sie mir nicht böse.«

»Gewiß nicht, ich weiß es,« erwiederte Kathinka leise; »aber da kommt

der Baron schon wieder zurück,« fuhr sie rasch und augenscheinlich

erfreut, das Gespräch abbrechen zu können, fort. »Wie schnell er muß

gegangen sein! Er fühlt sich heute doch viel kräftiger! Gott gebe nur,

daß es so bleibt!«

Benno kehrte zurück. Er sah in der That heute viel wohler aus, als in

den letzten Tagen; sein sonst so bleiches, wachsähnliches Gesicht hatte

Farbe, und das Auge einen viel gesunderen und natürlichen Glanz. Er

nahm auch ohne Weiteres, wie stets gewohnt, Kathinka's Arm und sagte

fröhlich: »So, und nun gehen wir langsam durch den Park der Hinterpforte

zu; von dort aus schneiden Sie den ganzen langen und häßlichen Weg durch

das Dorf ab, Baumann, und haben gar nicht mehr so weit in die Stadt.

Aber wann kommen Sie wieder heraus?«

»Sobald ich irgend kann, Herr Baron, gewiß.«

»Aber spätestens am Sonntag. Ich möchte Sie so gern dabei haben, wenn

ich meine kleine Maschine arbeiten lasse. Die Kathinka versteht eben

gar nichts davon und freut sich nicht halb so viel darüber, als ich gern

möchte.«

»Ich freue mich, ja gewiß, wenn ich sehe, daß es Dir Freude macht,

Benno.«

»Ja, nur mir zu Liebe,« sagte Benno mit einem fast noch kindlichen

Schmollen, »aber nicht über die Sache selber. Das habe ich wohl

gemerkt.«

»Aber ich verstehe es ja auch nicht, lieber Benno; ich bin solch ein

armes, unwissendes und dummes Ding.«

»Glauben Sie es ihr nicht, Baumann, das ist nicht wahr,« sagte Benno

schnell. »Sie ist gar nicht so dumm und versteht Manches so gut, daß ich

selber oft darüber erstaunt bin. Aber sie zankt immer mit mir, wenn ich

einmal ein wenig lange bei meinen Berechnungen gesessen habe, und will

mir nicht recht geben, daß das meine größte Erholung ist.«

»Aber der Arzt hat es Ihnen doch auch verboten,« sagte Baumann.

»Ach was, der Arzt!« rief Benno heftig. »Der glaubt auch, daß ich krank,

ganz gefährlich krank wäre! Aber es ist gar nicht wahr! Ich fühle mich

heute so wohl und leicht, daß ich tanzen möchte!«

»Gott gebe, daß es immer so bleibt!«

»Es wird schon. Sie sollen einmal sehen, Baumann, was wir Beide noch

Alles zusammen bauen werden, und wenn Sie erst selbstständig sind, haben

Sie auch nachher mehr freie Zeit. Nicht wahr, das geschieht bald?«

»In den nächsten Tagen, hoffe ich.«

»Das ist herrlich -- aber hier ist die Pforte. So, nun machen Sie,

daß Sie wieder in Ihr Joch kommen, und tausend Dank noch für Ihre

Freundlichkeit!«

Er ließ ihn hinaus und schloß die Pforte wieder, und als Baumann

zurückschaute, sah er, wie Benno, lebhaft plaudernd, am Arme seiner

jungen Führerin durch den Park schritt, und noch wie sie schon hinter

dem Gebüsch verschwunden waren, hörte er sein fröhliches Lachen.

3.

Ein unbequemer Besuch.

Der alte Freiherr von Wendelsheim ging eben in seinem »Studirzimmer,«

das er aber kaum je zu dem Zwecke benutzte, auf und ab und rauchte dazu

aus einer langen Pfeife mit Meerschaumkopf.

Es war eine hohe Gestalt, nur mit etwas schwammigem Oberkörper und

eben nicht besonders ansprechender Physiognomie, obgleich er einmal

ein schöner Mann gewesen sein mußte; aber das Alter rückte früh an ihn

heran. Die schon etwas in's Graue spielenden Haare wurden um die fast

zu flache Stirn schon dünn und spärlich, und die kleinen dunkeln Augen

kniff er, nach einer häßlichen Gewohnheit, nur noch mehr zusammen. Er

sah auch nie den, mit dem er gerade sprach, fest an, sondern fuhr mit

den Blicken unstät über dessen ganzen Körper oder bald da, bald dort

in die Stubenecken hinein, als ob er etwas suche. Uebrigens galt er für

einen echten Cavalier von sogenanntem »alten Schrot und Korn« und war

jedenfalls ein ausgeschulter Hofmann, wenn er auch selbst dort manchmal

mit einer gewissen Derbheit coquettirte.

Allerdings sollte er früher viele gute gesellige Eigenschaften und

besonders einen trockenen, wenn auch etwas bittern Humor besessen haben;

jetzt war der freilich verschwunden oder doch wenigstens bei Seite

gestellt, denn er verließ das Schloß selten oder nie, so lange er seinen

Wohnsitz dort hatte, und in dem Schlosse, mit der bissigen Schwester zur

täglichen Gesellschafterin, mußte der Humor wohl weichen, und wenn es

der vorzüglichste gewesen wäre. Man konnte aber auch nicht sagen, daß

er gerade mürrisch oder verdrießlich sei; er ließ die Welt eben an sich

kommen und schien nur dem fast unmittelbar bevorstehenden Zeitpunkt

entgegen zu harren, wo die Erbschaft ausbezahlt und damit auch zugleich

die Schuldenlast getilgt wurde, die ihn jetzt zu Zeiten drückte.

Heute zogen sich aber, ganz ungleich anderen Tagen, finstere Wolken über

seine Stirn, denn rechts in einem der Fauteuils lehnte sich, mit der

Reitpeitsche die Stiefelschäfte klopfend, sein erstgeborener Sohn Bruno;

und sonderbarer Weise zeigte er sich gerade gegen den, von dem der ganze

neue Wohlstand seines Hauses ausgehen sollte, auf dem er allein basirte,

fast immer mürrisch und verschlossen, und Bruno konnte sich kaum

erinnern, je ein freundliches Wort von ihm gehört zu haben. Auch heute

war er in nicht besserer Laune, und den Sohn, der eben erst eingetreten

sein konnte, denn er hatte noch die Mütze in der Hand, mit dem Blick nur

streifend, sagte er:

»Und was wolltest Du eigentlich heute? Du sagtest doch neulich, Du

hättest jetzt strengen Dienst und könntest nicht abkommen.«

»Freundlich ist die Frage gerade nicht,« lächelte der Lieutenant, aber

doch etwas verlegen, denn er war sich bewußt, daß die Ursache seines

Besuches den Vater allerdings nicht besonders ergötzen würde; »aber --

ich will Dich auch nicht lange auf die Folter spannen, Vater, und Dir

rund heraussagen, was mich hergeführt.«

»Geld,« sagte der Alte trocken.

»Geld allerdings.«

»Das konnte ich mir denken; aber wofür schon wieder?«

»Ich muß den Fuchs bezahlen.«

»Und was kostet der?«

»Zweihundert Louisd'or.«

»Bist Du wahnsinnig?« rief der Vater, indem er vor ihm stehen blieb und

dabei eine alte, verräucherte Silhouette fixirte, die gerade über ihm

hing. »Und wer heißt Dich jetzt ein so theures Pferd kaufen? Konntest Du

nicht warten?«

»Nein, denn wenn ich nicht rasch zugriff, hätte ihn Graf Bentheim

gekauft; er hatte schon darauf geboten. Es ist ein prachtvolles Pferd.«

»Dann sieh' auch zu, wie Du ihn bezahlst,« knurrte der Vater und setzte

seinen Spaziergang fort. »Der Verkäufer mag bis zum Termine warten; ich

habe kein Geld.«

»Das geht nicht, Vater,« sagte Bruno ernsthaft, »ich muß das Geld bis

spätestens morgen Abend sechs Uhr schaffen; denn ich habe mein Ehrenwort

gegeben und in der Stadt schon umsonst Himmel und Hölle aufgeboten, um

das Capital nur für menschliche Zinsen zu bekommen.«

»Weshalb giebst Du Dein Ehrenwort in Geldsachen?« sagte der Vater

finster. »Jetzt sieh', wie Du es einlösest; ich kann Dir nicht helfen.«

»Und ließe es sich denn gar nicht machen, die paar Wochen vor der Zeit

ein paar Tausend Thaler abschläglich von der Erbschaft zu bekommen?«

»Daran ist kein Gedanke; sie thun es nicht.«

»Hast Du es schon versucht, Vater?« fragte Bruno nicht ohne Spott.

»Sie können es auch nicht,« fuhr der alte Freiherr fort, ohne die Frage

zu beantworten; »denn das Testament lautet auf Auszahlung erst nach dem

zurückgelegten vierundzwanzigsten Lebensjahre meines Sohnes. Stürbest

Du noch vorher, so müßte der Zeitpunkt erst in Benno's Alter abgewartet

werden, und stürbe auch er, was Gott verhüten wolle, so wäre die ganze

Erbschaft für uns verloren.«

Ein schmerzliches und doch bitteres Lächeln zuckte über das Antlitz des

jungen Officiers, als er erwiederte: »Du sagtest nur bei Benno, Vater,

was Gott verhüten wolle.«

»Sei nicht kindisch!« murmelte der Baron. »Wenn ich das Geld hätte,

solltest Du es haben; aber das ist nicht der Fall, also kann ich Dir

nicht helfen. Sieh', wie Du mit Deinem Gläubiger ein Abkommen triffst.

Du mußt doch auch Uebung und Erfahrung darin haben; vielleicht hilft Dir

auch die Tante -- versuch' es.«

»Sie könnte, wenn sie wollte, das weiß ich,« sagte Bruno finster, »und

wenn es Benno gebrauchte, würde sie sich keinen Augenblick besinnen; ich

selber bin ja aber bei Euch Beiden immer der Ausgestoßene gewesen, der

lästig wurde, sobald er sich nur blicken ließ.«

»Das hast Du Dir nur gedacht, kein Mensch weiter; geh' zur Tante, wenn

sie Dir helfen kann, thut sie es.«

»Ich will zu ihr gehen, weil ich muß,« sagte Bruno aufstehend, »aber ich

weiß vorher, daß es nutzlos ist; ich kenne meine »steinerne« Verwandte.«

Und langsam schritt er aus dem Zimmer.

Der alte Freiherr folgte dem Sohne, als dieser ihm den Rücken drehte,

mit den Augen, und sein Blick haftete noch fest an der Thür, als diese

sich schon geschlossen. Aber es war ein häßlicher Blick, mit nicht

einer Spur von väterlicher Liebe darin, ja die zusammengebissenen

Lippen bewegten sich sogar, als ob er eine Verwünschung hinter ihm drein

murmele; doch wurde kein Laut hörbar; nur seine buschigen Brauen zogen

sich zusammen, und fest auf einander hatte er die Zähne gebissen. Er

stand auch eine lange Weile so, bis draußen wieder ein Schritt auf dem

Gange laut wurde. Kehrte sein Sohn zurück? Nein, es war nur ein Diener,

der in der Thür stehen blieb und meldete: es sei eine alte Frau draußen,

die Frau vom Schuhmachermeister Heßberger, die sage, der gnädige Herr

hätte sie herausbestellt, um ihm die Hühneraugen auszuschneiden.

»Ich?« rief der Freiherr und drehte sich plötzlich auf seinem Absatze

herum; »das alte Weib ist wohl -- wie hieß sie?«

»Die Heßberger, Herr Baron; sie kam früher wohl manchmal heraus, ist

aber jetzt die langen Jahre nicht dagewesen.«

Der Baron qualmte wieder, daß eine dicke Rauchwolke über ihm

emporwirbelte, und ging mit langen Schritten auf und ab, so daß der

Diener im Stillen die Beobachtung machte, arg weh thun könnten dem Herrn

die Hühneraugen nicht, denn er trat wenigstens ganz herzhaft auf. Es

war auch fast, als ob er den auf ihn Wartenden ganz vergessen habe, bis

dieser endlich wieder fragte:

»Wie befehlen der Herr Baron? Soll ich sie vielleicht wieder

fortschicken, daß sie ein andermal....«

»Laß sie hereinkommen, Christoph,« unterbrach ihn sein Herr; »wenn sie

einmal da ist, mag sie meinetwegen nachsehen. Ich hatte gar nicht mehr

daran gedacht. Wo ist Benno?«

»Er geht unten im Garten mit dem Fräulein spazieren.«

»Es ist gut; daß Du mir nachher Niemanden hereinläßt, bis wir fertig

sind!«

»Sehr wohl, Herr Baron.«

Der Diener verschwand, und es dauerte nicht lange, so klopfte es leise

an die Thür, die sich auch fast augenblicklich auf das barsche »Herein«

des Freiherrn öffnete.

»Sie entschuldigen, mein gnädigster Herr Baron, wenn ich vielleicht

stören sollte,« sagte die alte Frau, indem sie die Thür wieder

vorsichtig in's Schloß drückte; »da Sie aber gewünscht hatten....«

»Ich habe gewünscht?« rief der alte Herr, dessen Laune der Besuch

wahrlich nicht gebessert zu haben schien. »Was wollt Ihr von mir, daß

Ihr Euch mit einer Lüge hier hereindrängt? Was habe ich noch mit Euch zu

schaffen?«

Die alte Frau Heßberger war eine hagere, etwas lange Gestalt. Sie

hatte schon eisgraue Haare, eine spitze Nase und etwas zusammengezogene

Lippen, auch zahllose Falten im Gesicht, aber ein Paar große, kluge,

lichtblaue Augen, und ging auch sonst ganz nett und sauber angezogen. So

demüthig sie dabei auftrat, lag aber doch in ihrem ganzen Wesen nichts

weniger als Schüchternheit, ja fast wie mit einem leisen Anflug von

Spott erwiederte sie auf die rauhe Frage:

»Ach, gnädigster Herr Baron, Unsereins muß gar oft lügen; aber nicht

unserer selbst, sondern zuweilen nur der Herrschaften wegen, die wir

bedienen -- und was für Dank haben wir nachher davon!«

»Was wollt Ihr? macht es kurz!« fuhr der Freiherr sie an; »ich habe

keine Zeit, mich lange mit Euch einzulassen.«

Die Frau antwortete nicht gleich; sie horchte erst nach der Thür, als

ob sie sich vor einer Störung oder vielleicht vor einem Horcher

fürchte. Endlich trat sie dem Freiherrn, der sie eben nicht freundlich

betrachtete, näher und sagte mit leiser, aber vollkommen deutlicher

Stimme:

»Eigentlich hatte ich geglaubt, daß der Herr Baron eine arme alte Frau,

die seinetwegen viel Ungelegenheiten gehabt, nicht ganz vergessen hätte;

aber Du lieber Gott, es ist einmal so der Welt Lauf, und ich will Ihrem

Gedächtnisse zu Hülfe kommen. Ich bin die Frau Heßberger, die alte

Kartenschlägerin aus der Stadt, und war früher, als die gnädigste

Frau Baronin von einem so allerliebsten Knäblein entbunden wurden, die

Hebamme bei der gnädigen Frau.«

»Was soll der Unsinn?« sagte der Freiherr finster. »Eure Person habe ich

doch wohl nicht vergessen; ich denke, Ihr sorgtet schon dafür, daß das

nicht geschah. Was wollt Ihr jetzt?«

»So, der Herr Baron erinnern sich also noch?« lächelte die Frau. »Nun,

dann kann ich kurz zur Sache kommen, und wir brauchen keine Umschweife

weiter zu machen. Sie wissen, Herr Baron -- aber Sie erlauben

vielleicht, daß ich mich ein bischen auf den Stuhl da setzen darf, der

Weg ist weit hier heraus, und die alten Knochen wollen doch nicht mehr

so recht mit fort -- Sie wissen also, Herr Baron, daß jetzt die Zeit

bald umgelaufen ist, wo Sie die große Erbschaft antreten -- lieber Gott,

Unsereins kann sich so viel Geld fast nicht einmal denken --, und wenn

Sie das erst einmal haben, dann wird wohl das Gedächtniß für die arme

Heßbergern ganz weg und verloren sein, und da wollte ich mir nur noch

einmal vorher erlauben, ganz gehorsamst nachzufragen, ob Sie uns nicht

mit einer Kleinigkeit auf die Füße helfen können. Der Verdienst ist

jetzt bei den harten Zeiten so schlecht, und, Du lieber Himmel, man thut

ja wohl, was man kann, und ist immer bei der Hand, aber der Neid der

Menschen macht Alles wieder zu nichte. Die Herren Aerzte, wenn sie auch

viele Krankheiten gar nicht curiren können, gönnen es doch einer armen

Frau nicht, daß sie mit Kräutern, die sie sich mühsam im Walde sucht,

und mit frommem Gebet die Bresten der Menschen lindert. Nichts als

Verfolgung und Anfeindung habe ich zu leiden gehabt die langen Jahre,

und seit der Zeit sogar, wo einmal das Kind der Frau Baronin Zühfel

starb -- du lieber Himmel, es war ein Wechselbalg und konnte nicht

leben --, da haben sie mir gar das Metier verboten, und ich muß nun

sehen, wie ich mich so ärmlich durchschlage durch die Welt.«

»Und was habe _ich_ damit zu thun?« sagte der alte Freiherr finster.

»Nichts, Herr Baron, gar nichts,« erwiederte die Frau seufzend; »es ist

nur unser alltägliches Elend, das wir durch's Leben schleppen müssen.

Gott behüte, daß Sie damit zu thun bekämen! Wessen aber das Herz voll

ist, Sie wissen ja wohl, davon geht der Mund über. Es thut mir auch

leid, Ihre werthvolle Zeit damit so lange in Anspruch genommen zu haben,

aber -- es ging eben nicht anders. Dazu sind wir Menschen ja auch da auf

der Welt, daß wir einander helfen und beistehen sollen, und ich habe das

Meinige redlich gethan, Herr Baron, das Zeugniß müssen Sie mir geben --

wie?«

»Ich habe Euch noch nicht das Gegentheil zum Vorwurf gemacht,« sagte der

Freiherr finster; »aber....«

»Das ist hübsch von Ihnen,« nickte die Frau, und wieder zuckte das

spöttische Lächeln um ihre dünnen Lippen, »und ich werde es Ihnen

gedenken, so lange ich lebe; aber -- schöne Worte verfliegen im Winde,

wie die Spreu, denn nur das Korn fällt auf den Boden und wiegt. Bis

jetzt kann Ihnen kein Mensch die Erbschaft streitig machen, Herr Baron

-- kein Mensch auf der ganzen Welt, und wird es auch nicht, denn eher

bisse ich mir die Zunge ab, ehe Ein Wort von der Geschichte über meine

Lippen käme; aber leben wollen wir Alle, und selbst der arme Bauer läßt

die Kinder, wenn er sein Korn einfährt und den Segen in die Scheune

führt, ein paar einzelne Aehren lesen. Sie werden wahrhaftig nicht

weniger thun, Herr Baron.«

»Aber die Aehrenleser dürfen erst auf das Feld kommen, wenn das Korn

eingefahren ist,« sagte der Freiherr, der schon lange verstand, auf was

die Frau abzielte; »das meinige steht noch draußen.«

»Aber fertig geschnitten, beim schönsten Wetter, und die Wagen zum

Einfahren bereit,« nickte die Frau, nicht so leicht abgewiesen; »ich

kann auch nicht länger warten. Uebermorgen ist der Erste, und wir

müssen Hauszins bezahlen; die Rechnungen sind uns außerdem über den Kopf

gewachsen, denn mein Mann war lange krank und konnte das Salz nicht zu

seinem Brot verdienen.«

»Macht es kurz -- was wollt Ihr?« unterbrach der Baron sie ärgerlich.

»Ich sehe, das Ganze läuft nur auf eine Gelderpressung hinaus. Ich sage

Euch auch, Frau, heute will ich Euch noch einmal zu Willen sein; aber

meine Geduld ist jetzt zu Ende -- das kann so nicht fortgehen, und kommt

Ihr mir dann noch einmal auf den Hof, so....«

»So? Der Herr Baron haben noch nicht ausgesprochen.« Und ihre blauen

Augen hafteten in lauerndem Trotze auf ihm. Er begegnete aber dem Blicke

nicht.

»Macht es kurz -- wie viel braucht Ihr? Aber ich schwöre es Euch zu, es

ist das letzte Mal! Nachher thut Euer Schlimmstes. Was Ihr selber dabei

riskirt, wißt Ihr besser, als ich es Euch sagen könnte.«

»Es ist nicht nöthig, viel darüber zu reden,« lächelte die Alte. »Wir

sind Beide nicht von gestern, Herr Baron, und wissen genau, wie weit wir

gehen können; nur das ausgenommen, daß der eine Theil nichts oder doch

beinahe nichts dabei zu verlieren hat und der andere eben Alles.«

»Das ist nicht wahr,« fuhr der Baron auf; »Gott ist mein Zeuge, wie ich

bereue, jemals Euren Worten, Eurem Rathe gefolgt zu sein, und zehn-,

ja tausendfach trage ich jetzt an der Last, die ich mir damals ganz

unnützer, unnöthiger Weise aufgeladen!«

»Unnöthiger Weise, Herr Baron? Sie vergessen die Clausel.«

»Und habe ich nicht einen rechtmäßigen Erben für mein Haus -- für meinen

Namen?«

»Sie meinen den Baron Benno, nicht wahr? Armer Vater, sehen Sie denn

nicht, daß das Kind nur ein wurmstichiger Apfel ist? Und sechs Jahre

müßte er noch leben, um der Frist zu genügen.«

»Ich hoffe, daß er noch sechzig leben soll!« rief der alte Mann; »denn

die Gefahr der Krankheit ist beseitigt. Heute noch war er kräftiger

und gesunder als je. Seine Wangen bekommen wieder Farbe, sein Geist ist

frischer, sein Körper kräftiger geworden, und wenn....«

Der alte Freiherr horchte auf, denn über den Gang kam ein hastiger

Schritt; kaum fünf Secunden später wurde die Thür aufgerissen, und der

alte Christoph stürzte mit einem ganz verstörten Gesicht herein.

»Was giebt's? Was hast Du?« rief ihn der Baron erschreckt an.

»Ach, gnädiger Herr Baron,« stammelte der Alte, und schon sein Gesicht

kündete ein Unglück -- »Sie -- Sie möchten doch einmal schnell in den

Garten kommen; der junge Herr Baron....«

»Benno?« schrie der Freiherr in Todesangst.

»Der junge Baron Benno hat plötzlich einen Blutsturz bekommen, und

Fräulein Kathinka ist allein mit ihm.«

»Armes junges Blut!« sagte die Frau, während der alte Herr fast starr

vor Entsetzen auf einem Stuhl zusammenknickte und einen Moment das

Antlitz in den Händen barg. Aber es war auch nur ein Moment. Im nächsten

schon fuhr er wieder empor und griff mit wild verstörtem Blick nach

seinem Hut.

»Ist schon Jemand fort nach einem Arzte?«

»Der Karl sattelt eben das eine Wagenpferd; der Schimmel lahmte heute

Morgen ein wenig.«

»Mein ältester Sohn ist mit seinem Fuchse hier; er soll augenblicklich

selber in die Stadt jagen und einen Arzt heraussenden.«

Der Diener eilte fort, und der Baron wollte ihm nach, als sein Blick die

noch dort stehende Frau traf.

»Aber jetzt -- jetzt kann ich nicht!« rief er von Angst gepeinigt aus.

»Nein, Herr Baron,« sagte die Frau, mit dem Kopf schüttelnd, »jetzt

gewiß nicht; ich komme wieder -- morgen oder übermorgen oder in acht

Tagen vielleicht -- wenn die »sechzig Jahre« vorüber sind,« setzte sie

leise murmelnd hinzu und verließ das Gemach und gleich darauf auch das

Schloß.

Der Diener hatte übrigens den Unfall, der den armen jungen Mann

getroffen, nicht übertrieben. Als der Vater mit zitternden Gliedern,

aber festen Schrittes den Park durcheilte, fand er den Sohn auf dem

Rasen liegend, den Kopf an Kathinka's Kniee gelehnt, deren lichtes Kleid

von seinem Blute geröthet war. Er sah dabei todtenblaß aus, und die

Augen hafteten mit einem ganz eigenthümlichen Glanz auf dem Nahenden.

»Benno, mein armer Benno, was ist geschehen?« rief der Baron, neben ihm

niederknieend und seine Hand ergreifend. »Du bist gewiß zu rasch mit ihm

gegangen, Kathinka, ich habe es Dir so oft verboten.«

Der Kranke schüttelte leise mit dem Kopf und hob mühsam die eine Hand;

dann sagte er leise: »Nein, Kathinka ist nicht Schuld daran; es kam so

plötzlich -- ich -- fühlte mich so wohl und leicht -- wie lange nicht

mehr. Ich war so glücklich -- es ist so schön, gesund sein -- und ich

bin immer krank gewesen. Arme Kathinka, und wie Dein hübsches Kleid

aussieht -- aber ich konnte nicht dafür.«

»Mein lieber, guter Benno,« sagte das junge Mädchen bittend, »das hat

ja gar nichts zu sagen; sorge Dich nur darum nicht, das wäscht sich ja

Alles wieder aus.«

Der Vater hatte mit angsterfüllten Blicken den Sohn betrachtet, und die

Worte schnitten ihm in's Herz. Nur erst, als Benno einen Versuch machen

wollte aufzustehen, wehrte er ihm.

»Bleib' noch einen Augenblick, mein Kind,« sagte er mit herzlicher

Stimme; »die Leute werden gleich mit einem Stuhle hier sein, um Dich

hinaufzutragen -- ich bin ihnen nur vorausgeeilt. Du darfst Dich jetzt

nicht anstrengen, oder es könnte sich wiederholen.«

»Aber Kathinka wird müde mich zu halten, Papa.«

»Nein, gewiß nicht, gewiß nicht -- ich könnte noch eine Stunde so

knieen,« rief diese; »und dorthinten sehe ich auch schon die Leute

kommen. Du darfst Dich nicht anstrengen.«

»Nun werde ich wieder diese Woche nicht mit meiner Maschine fertig,«

seufzte der Knabe -- »ich soll auch gar keine Freude haben! Aber da

kommt auch Bruno -- den habe ich recht lange nicht gesehen.«

»Und weshalb bist Du nicht fort nach dem Arzt?« rief diesem der Vater

entgegen. »Was thust Du noch hier?«

»Was ich hier thue, Vater?« rief Bruno erstaunt. »Soll ich nicht selbst

nachsehen dürfen, wie es dem Bruder geht?«

»Guten Tag, Bruno!« sagte der Knabe, ihm matt die Hand

entgegenstreckend; »ich bin wieder einmal krank geworden.«

»Mein armer Benno -- wie blaß Du aussiehst! Soll ich Dich hinauf in Dein

Zimmer tragen?«

»Du wirst mir weh thun.«

»Ah, dort kommen sie ja schon mit einem Sessel,« rief Bruno; »so, das

ist recht, Kathinka, laß ihn den Kopf ein wenig anlehnen. Habe nur einen

Augenblick Geduld, Benno, Du sollst gleich zur Ruhe und auf Dein Bett

kommen.«

Der Knabe nickte ihm freundlich zu, und Bruno sprang jetzt selber fort,

um den gebrachten Stuhl so herzurichten, daß sie den Kranken gut darauf

transportiren konnten. Da hinein setzten sie ihn dann, und während

die Dienerschaft herbeigerufen war, um ihn langsam und vorsichtig in's

Schloß zu tragen, ging Kathinka an der einen, Bruno an der andern Seite

und unterstützten ihn.

Der Erbe: Roman. Erster Band. · 第 2 / 15 段