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Der Erbe.
Roman
von
Friedrich Gerstäcker.
Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.
Erster Band.
Jena,
Hermann Costenoble.
1867.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
1. Beim Frühstück 7
2. Die Bewohner von Schloß Wendelsheim 30
3. Ein unbequemer Besuch 56
4. Die elende Familie 79
5. Beim Schlosser Baumann 112
6. Der alte Salomon 133
7. Rebekka 159
8. Der Familienball 182
9. Am andern Morgen 212
10. Neue Spuren 237
11. Die beiden Verbündeten 266
12. Frau Müller 287
13. Vater und Sohn 322
1.
Beim Frühstück.
»Mama, dieser Lieutenant von Wendelsheim tanzt wirklich entzückend,«
sagte Ottilie, als sie Morgens um zehn Uhr in einem allerliebsten
Negligé zur Mutter in's Zimmer trat, wo das Kaffeeservice noch auf dem
Tische stand. »Ich kann Dir versichern, man fliegt ordentlich mit ihm
über den Boden hin und wird gar nicht einmal müde.«
»Nun, mein Kind,« erwiederte die Mutter, »ich kann Dir versichern, daß
_ich_ wenigstens müde geworden bin.«
»Aber Du hast gar nicht getanzt, Mütterchen.«
»Das fehlte auch noch,« stöhnte die Frau; »das Herumsitzen ist so schon
arg genug -- und nun auch noch diese schreckliche Räthin Frühbach neben
mir! Ich sage Dir, ich habe meinem Schöpfer gedankt, als es drei Uhr
schlug und wir mit Ehren fort konnten.«
»Arme Mama -- und ich habe mich so gut amüsirt!«
»Junges Blut,« nickte die Mutter; »aber trink' Deinen Kaffee, Kind, denn
er steht schon eine ganze Weile und wird sonst kalt.«
Ottilie hatte sich neben sie auf das Sopha gesetzt und trank; aber der
kleine Fuß klopfte unter dem Tische noch immer leise den Tact eines der
erst vor wenigen Stunden beendeten Tänze -- ihre Gedanken waren noch
entschieden bei dem Balle! Und wer hätte es ihr verdenken wollen? War
sie doch kaum zwanzig Jahr alt, in der Blüthe ihrer Jugend, und der
Blick, der unter den langen Wimpern so glücklich hervorleuchtete, sah
nur Licht und Freude, denn kein dunkler Tag in ihrem jungen Leben warf
seinen Schatten auf der Zukunft Bahn.
Ottilie war die Tochter des Staatsanwalts Witte, eines seiner
Tüchtigkeit sowohl als Rechtlichkeit wegen allgemein geachteten Mannes,
und das einzige, also auch das verzogene Kind im Hause. Von Herzen
lieb und gut, hatte ihr Charakter dadurch aber doch etwas Eigenwilliges
bekommen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sich der fast übermäßig
beschäftigte Vater hätte mehr um ihre Erziehung bekümmern können.
Leider konnte er das nicht, und sie wurde einzig und allein der Mutter
überlassen, die freilich nicht recht dazu paßte, ein junges Mädchen
heranzubilden.
Die Frau Staatsanwalt Witte war, wie ihr Niemand absprechen konnte,
eine brave und tüchtige Frau, und als sie vor langen Jahren ihren Mann
heirathete und Beide sich fast ohne Vermögen kümmerlich durch das Leben
arbeiten mußten, da hatte sie bewiesen, daß sie eine tüchtige Hausfrau
sei, und mit den bescheidensten Ansprüchen gesorgt und geschafft und
immer den Kopf oben behalten. Solchen gedrückten Verhältnissen war sie
auch gewachsen gewesen, und Witte hätte sich dafür keine bessere Frau
wünschen können. Als er aber in seinem Berufe einen Namen bekam und viel
Geld verdiente, ja, später sogar Staatsanwalt wurde und sie weit mehr
einnahmen, als sie gebrauchten, da fiel sie in einen Fehler, in den nur
zu viele Frauen fallen -- sie wurde auf ihren Mann stolz und beschränkte
das nicht allein, wie es passend gewesen wäre, auf die eigene Familie,
sondern suchte es der Stadt zu zeigen.
Von da an zog der Luxus in ihr Haus ein, und wenn Witte auch selber
viel zu vernünftig war, sie weiter gehen zu lassen, als er für gut fand,
behielt sie doch in vielen Dingen -- des Hausfriedens wegen -- ihren
Willen und arbeitete sich mit den Jahren endlich in ein solches Gefühl
ihrer Würde hinein, daß Witte selbst oft und bedenklich darüber den Kopf
schüttelte.
In diesem »Bewußtsein ihrer Stellung« wurde Ottilie erzogen, und leider
bekam sie von der eigenen Mutter öfter als gut zu hören, wie hübsch
sie sei -- und wie vornehm, und daß sie sich mit gutem Gewissen zu den
ersten Familien der Stadt, der sogenannten »Crême« der Gesellschaft,
zählen dürften.
Dadurch wurden viele Verbindungen mit früher befreundet gewesenen,
aber ärmeren Familien abgebrochen und an deren Statt eine nähere
Bekanntschaft mit dem Adel gesucht, von dem Witte selber gar nichts
wissen wollte, aber die Frau Staatsanwalt desto mehr; und wenn sie auch
vielleicht nichts Derartiges äußerte, so war sie doch jedenfalls im
Herzen fest entschlossen, ihre Ottilie -- komme was wolle -- dermaleinst
als »Frau Baronin« einhergehen zu sehen. Dann, wie sie oft im Stillen
seufzte, »wollte sie gern sterben.«
Daß Ottilie selber gegen solche Andeutungen nicht gleichgültig blieb,
läßt sich denken. Das Samenkorn hatte jedenfalls Wurzel geschlagen, und
es war nun jetzt die Frage, wie es gepflegt und genährt werden würde.
»Wo ist denn der Vater?« fragte Ottilie endlich. »Hat er schon
getrunken?«
»O, schon seit einer vollen Stunde,« sagte die Mutter; »aber er wurde
mitten darin abberufen.«
»Der arme Papa, nicht einmal seinen Kaffee lassen sie ihn ruhig trinken!
Wer ist denn bei ihm?«
»Ich weiß es nicht; ich glaube, es war in Sachen einer Scheidungsklage.
Es ist erstaunlich, wie das jetzt überhand nimmt. Denke Dir nur, Herr
von Löser läßt sich auch von seiner Frau scheiden.«
Ottilie war recht nachdenklich geworden und sah eine ganze Weile
still vor sich nieder. Endlich sagte sie: »Es ist doch sonderbar und
eigentlich recht traurig, daß Leute, die geschworen haben, in Freude und
Leid treu bei einander auszuhalten, auf einmal so andern Sinnes werden
und sich so unglücklich mit einander fühlen können. Ich bin gar nicht im
Stande, mich da hineinzudenken.«
»Gewiß ist es traurig,« sagte die Mutter achselzuckend, »aber auch nur
wieder ein Zeichen, wie leichtsinnig und unüberlegt viele Verbindungen
für das ganze Leben geschlossen werden. Ein junges Mädchen sollte nie
vor dem achtundzwanzigsten Jahr heirathen.«
»Aber, Mama,« lachte Ottilie, »dann ist sie ja kein junges Mädchen mehr,
sondern eine alte Jungfer, und die bleiben regelmäßig sitzen. Wie alt
warst Du denn, als Du den Vater nahmst?«
»Was Du davon verstehst, Kind!« sagte die Mutter ausweichend. »Freilich
sind die Männer selbst daran schuld, denn sie sollten vernünftiger sein,
als solchen jungen Dingern ihre faden Schmeicheleien vorzuschwatzen, wie
es der Herr Referendarius Blaufuß etwa macht; Referendarius -- er kann
ein Greis sein, ehe er Assessor wird. Das ist die erste Giftsaat, und
nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf, das dumm und unerfahren
genug war, um all' den Unsinn zu glauben, auch gleich nach der Hochzeit
all' die schönen Sachen vergessen und eine tüchtige, nüchterne Hausfrau
werden soll. Da war Dein Vater anders.«
»Wie war denn der, Mama?« fragte Ottilie schelmisch.
»Ja, das möchte ich auch wissen,« sagte der Staatsanwalt, welcher in
diesem Augenblick in der Thür erschien und die letzten Worte gehört
haben mußte. »Von was sprecht Ihr denn eigentlich?«
»Guten Morgen, Papa,« rief Ottilie, ihm entgegenspringend. »Wir sprachen
gerade von nichts Besonderem, ich und die Mama -- nur vom Heirathen.«
»Vom Heirathen?« rief der Vater erstaunt aus, indem er seiner Tochter
die Backe zum Kuß hinhielt -- »Blödsinn! Du solltest doch gescheidter
sein, Therese, als solche Morgengespräche mit dem Kind zu führen. Sie
kann noch nicht einmal eine Suppe kochen.«
»Hör' einmal, Dietrich,« sagte die Mutter gereizt, »ich denke, ich
weiß selber gut genug, über was ich mit dem Kind zu sprechen habe, und
brauche Deine Ermahnungen und Rathschläge nicht. Ich setzte ihr eben den
Ernst der Angelegenheit auseinander, und dagegen wirst Du hoffentlich
nichts einzuwenden haben.«
»Ja, Papa,« lächelte Ottilie, »und dann wurde der Vorschlag gemacht,
daß sich ein junges Mädchen erst mit achtundzwanzig Jahren verheirathen
dürfe, und auch darüber abgestimmt; aber der Antrag blieb unentschieden,
denn die Stimmen waren getheilt.«
»Da hörst Du,« sagte der Staatsanwalt, indem er über die Brille weg nach
seiner Frau hinüber sah, »wie die Mamsell den Ernst der Angelegenheit
aufgefaßt hat -- =à propos=, ist noch eine Tasse Kaffee für mich da?«
»Gewiß, Papa, die Menge.«
»Schön -- na und wie hast Du dich gestern amüsirt, Tilchen? Wie war der
Ball?«
»Ach, himmlisch, Papa,« rief das junge Mädchen, bei dem Capitel rasch
alles Andere vergessend; »es war wundervoll, und ich werde den Abend in
meinem ganzen Leben nicht vergessen!«
»In der That? Also das heißt, Du hast ununterbrochen getanzt und nicht
ein einziges Mal -- geschimmelt -- nicht wahr, so nennt Ihr das?«
»Nicht ein einziges Mal,« bestätigte ernsthaft Ottilie; »ich habe alle
Tänze getanzt, die Extratouren noch gar nicht gerechnet, und freue mich
jetzt nur auf _unsern_ Ball. Nicht wahr, Papa, bei dem bleibt es doch
noch?«
Der Staatsanwalt stöhnte recht schmerzlich, denn er wußte, was ihm da
bevorstand; seine Frau aber sagte würdevoll:
»Das ist ja schon Alles abgemacht und versteht sich von selbst. Wo
wir die vielen Einladungen erhalten haben, müssen wir uns ja einmal
revanchiren.«
»Auch dieser Kelch wird vorübergehen,« nickte der Vater.
»Ach, Dietrich,« sagte die Frau, »thu' nur nicht so; Du amüsirst Dich
gewöhnlich dabei am besten von Allen, und gestern hast Du auch den
ganzen Abend Whist gespielt.«
»Wenn Du das ein Amüsement nennst, mit dem Rath Frühbach Whist zu
spielen, so hast Du Recht. Der Mensch hat keine Idee vom Spiel und thut
dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.«
»Und die Mama hat sich indessen so gut mit der Frau Räthin unterhalten,«
lächelte Ottilie schelmisch.
»Allerdings nicht so gut, wie Du Dich mit Deinem Lieutenant,« rief die
Mutter, »spotte auch noch, daß ich Dir zu Liebe da geblieben bin!«
»Nicht böse, Mütterchen, nicht böse, es war ja gar nicht so gemeint!«
»Mit was für einem Lieutenant?« fragte der Vater.
»Ach, mit Herrn von Wendelsheim, Papa; er tanzt so wundervoll, Du kennst
ja doch den Lieutenant von Wendelsheim?«
»Sollte es denken,« sagte der Vater und nickte dabei still vor sich hin;
»aber das ist so in der Welt: die fadesten Menschen haben es gewöhnlich
am besten in den Füßen.«
»Aber er ist gewiß nicht fade, Papa; er spricht so interessant und
versteht Alles so aus dem Grunde.«
»So?« sagte der Vater und sah dabei seine Tochter scharf an. »In der
That? und über was hat er mit Dir gesprochen, wenn ich fragen darf?«
»Ih nun,« erwiederte Ottilie und wurde in dem Augenblick wirklich
feuerroth, »eigentlich über Alles. Ueber Concert und Theater, über die
jetzigen Moden -- über....«
»Pferde,« ergänzte der Staatsanwalt trocken.
»Er hat mir allerdings von dem wilden, prachtvollen Fuchs erzählt, den
er jetzt reitet.«
»Und was er kostet....«
»Zweihundert Louisd'or.«
»Na ja, so ungefähr meine Gedanken.«
»Aber es soll ein prachtvolles Pferd sein!« rief das junge Mädchen.
»Nein, ich meine nicht das Pferd, ich meine den Reiter,« sagte der
Vater; »aber laß gut sein. Er ist eben nicht anders, wie die meisten
Uebrigen, und zu einem Abend auf dem Ball mag er ausreichen. Doch ging
da nicht eben draußen die Thür?«
In dem Augenblick klopfte es an.
»Herein!«
»Bitte underthänigst um Escüse, wenn ich etwa stören sollte!« sagte eine
etwas scharfe Stimme, und ein Kopf mit rothen Haaren erschien -- etwa in
der Nähe des Schlosses -- in der Thür.
»Ah, der Schuhmacher!« rief Ottilie, während ein muthwilliges Lächeln
über ihre Züge blitzte. »Kommen Sie herein, Meister Heßberger; Papa ist
gerade hier.«
»Mich allergehorsamst zu bedanken,« sagte der Höfliche, indem er, wie er
schon vor der Thür gestanden hatte, in's Zimmer trat. »Gelobt sei Jesus
Christus -- wünsche allerseits einen vergnügten Morgen!« Dabei blitzten
die kleinen, hellgrauen Augen rasch durch das Zimmer, um zu sehen, wer
sich hier befand, und auf den Spitzen der Zehen trat er dann weiter in
die Stube hinein.
Schuhmachermeister Heßberger war in der That ein wunderlicher Bursche
und hatte seine Eigenthümlichkeiten. Von kleiner, untersetzter Gestalt,
machte er bei seinem ersten Erscheinen fast stets den Eindruck, als ob
ihm der Kopf, den er trug, gar nicht gehöre und er ihn nur aus Versehen
heute Morgen aufgesetzt habe. Der Körper war dünn und schmächtig, das
Gesicht aber, mit einem tüchtigen Unterkinn daran, sah fett und glänzend
aus, mit breitem Mund und etwas aufgestülpter Nase. Das Haar trug er
glatt angekämmt =à la= Napoleon =I.=, nur daß es feuerroth war, und in
den Ohren kleine goldene Ringe. Die kaum sichtbaren Augenbrauen waren
dabei immer in die Höhe gezogen, und kein Mensch hatte ihn außerdem im
Leben lachen sehen. Die Mundwinkel gingen ihm stets nach unten, und er
machte permanent ein Gesicht, als ob er auf der Erde innig betrübt wäre
und nur zum Troste gen Himmel und nach oben blicke. Er stand auch in
der That im »Geruche der Frömmigkeit« und würde nie an einem Sonn- oder
Feiertage die Kirche versäumt haben, wo er sich dann jedesmal durch
seine gellende Stimme auszeichnete.
Er arbeitete übrigens schon seit längeren Jahren für Witte's Familie,
und der Staatsanwalt war eigentlich nicht besonders mit ihm zufrieden
und würde schon lange einen andern Schuhmacher angenommen haben; Ottilie
bat aber immer für ihn, denn sie amüsirte sich so vortrefflich über sein
komisches Wesen und seine geschraubten Redensarten. »Entschuldigen Sie,
Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte auch der Mann jetzt, indem er mit der
ernsthaftesten Miene und einer Verbeugung einen Schritt vortrat, »daß
ich Ihnen im Neklischeh treffe; aber Sie haben mich rufen lassen, und
ich wünschte jetzt den Grund meines Daseins zu wissen.«
»_Ich_ habe Sie rufen lassen?«
»Ich war's, Papa,« lachte Ottilie; »Herr Heßberger sollte mir ein Paar
starke Schuhe anmessen, und da er mir die letzten ein wenig zu eng
gemacht hat, wollte ich gern, daß er noch einmal Maß nähme.«
»Mit Plesir, mein Fräulein,« sagte Meister Heßberger, indem er in die
Tasche griff und sein hölzernes Maß herausholte: »wenn Sie sich nur
gefälligst blasiren wollen, werde ich Ihnen das gleich besorgen.«
»Aber nicht wieder über den Spann so eng, Meister,« sagte das junge
Mädchen, indem es ihm den kleinen Fuß hinhielt: »die letzten Schuhe
haben mir hierherüber wirklich Streifen gedrückt.«
»Soll nicht wieder vorfallen, meine Gnädigste, soll gewiß nicht wieder
vorfallen,« versicherte Heßberger. »Also dicke Schuhe wollen Sie haben.
Vielleicht mit guten Pertsche-Sohlen?«
»Wie Sie es machen wollen. Aber ich fürchte, die Guttapercha-Sohlen
lösen sich ab.«
»Können sie nicht -- können sie bosetief nicht; denn sie werden an
den Rändern so hermöglichst verschlossen, daß gar keine Luft zudringen
darf.«
»Dann nehmen Sie aber nur besseres Oberleder,« sagte die Frau
Staatsanwalt, »als zu den letzten Stiefeln meines Mannes; denn schon
nach den ersten vierzehn Tagen ging das entzwei, und eigentlich sollte
es doch länger halten, als die Sohlen.«
»Bei mir nicht, Frau Geheime Staatsanwalt, bei mir nicht,« sagte
Heßberger; »denn ich arbeite meine Sohlen so, daß sie gar nicht
zerreißen können.«
»Sie sind unverbesserlich, Heßberger,« lachte Witte.
»Danke ergebenst,« sagte der Meister, indem er wieder aufstand und das
Maß in die Tasche schob. »Und wünschen Sie vielleicht Frangsemangs oben
drum herum?«
»Nein, Meister, ganz einfach, und oben um den Knöchel auch nicht zu
weit; ich glaube, das haben Sie noch gar nicht gemessen.«
»Ist auch nicht nöthig, das sagt mir schon der Instinct, mit Respect zu
melden; aber was ich noch fragen wollte: die Schnürbänder doch wieder
horizonticulär über den Fuß weg?«
»Ganz wie die vorigen.«
»Sehr schön. Und der Herr Geheime Staatsanwalt haben nichts auf dem
Herzen?«
»Nichts weiter, Heßberger, als daß Sie den Unsinn mit »Geheimer« lassen.
Wenn ich geheimer Staatsanwalt wäre, könnten Sie es doch nicht wissen.«
»Bitte um Escüse, Herr Ge--, Herr Staatsanwalt,« sagte Heßberger. »Wie
der Herr Rath Blumfeder, der bei mir im Hause unten wohnt, geheimer
wurde, ließ er es den Augenblick in die Zeitungen setzen.«
Der Staatsanwalt lachte.
»Also Sie befehlen nichts weiter?«
»Für heute nichts; und vergessen Sie nicht, wieder die quittirte
Rechnung beizulegen, wenn Sie die Stiefel schicken. Sie wissen, daß ich
keine Schulden haben will.«
»Sollen bedient werden, Herr Geheimer Staatsanwalt, sollen pünktlich
bedient werden. Habe indessen die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen!«
Und damit drückte er sich wieder mit einem tiefen Bückling zur Thür
hinaus.
»Das ist ein zu komischer Kauz,« lachte Ottilie, als er die Thür
geschlossen hatte; »und er braucht immer so drollige Ausdrücke. Wenn man
nur Alles behalten könnte, was er sagt.«
»Ein ganz durchtriebener Halunke ist er, darauf möchte ich meinen Hals
verwetten,« sagte der Vater; »und faustdick hat er es dabei hinter den
Ohren.«
»Ich würde ihn eher für dumm, als durchtrieben halten,« meinte Frau
Witte.
»Den verkaufe nur nicht für dumm,« nickte ihr Mann; »umsonst liegt der
nicht jeden Sonntag in der Kirche.«
»Aber daraus willst Du ihm doch keinen Vorwurf machen? Es wäre besser
für Dich, wenn Du häufiger gingest.«
»Ich kann die Heuchler nicht leiden,« sagte der Staatsanwalt, »und daß
sich der Schuhmacher nur fromm stellt, davon bin ich fest überzeugt.«
»Und was sollte er dabei haben?«
»Wer weiß es. Seine Frau betreibt hier ein sehr einträgliches Geschäft
mit Kartenlegen, Krankheiten besprechen und anderem Unsinn -- wer kann
sagen, wie er sie dabei unterstützt? Die Polizei hat dem würdigen Paare
nur noch nicht beikommen können; aber aus den Augen werden sie nicht
gelassen.«
»Und Ihr thut ihm gewiß unrecht. Er ist so komisch, und wenn er sagt:
Herr Geheimer Staatsanwalt...«
»Das ist eine ganz gemeine Schmeichelei,« erwiederte ärgerlich der
Vater, »wie es überhaupt eine Menge von Menschen an sich haben, Leuten,
mit denen sie verkehren, und besonders solchen, von denen sie etwas
erhoffen, einen höheren Titel beizulegen, als sie wirklich besitzen. Und
doch giebt es Schwachköpfe, die sich dadurch geehrt fühlen.«
»Du bist wirklich zu hart mit dem armen Heßberger, Papa.«
»Glaube aber nicht, daß ich ihm unrecht thue -- hol' ihn der Henker!
Ich, für meinen Theil, würde dem Burschen nie über den Weg trauen. Aber
weshalb ich eigentlich herüberkam: Ihr kennt doch Alle den Schlosser
Baumann, unsern früheren Nachbar? Du hast ja als kleines Mädchen auch
immer mit den Baumann'schen Kindern gespielt, und sein ältester Sohn
kommt manchmal hier in's Haus.«
»Ja, gewiß, Vater,« sagte Ottilie; »er ist Werkführer beim Mechanikus
Obrich drüben.«
»Wie viel Kinder hat der Baumann?«
»Ich weiß es nicht, Vater, ich glaube aber vier.«
»Keine Tochter?«
»Doch, eine Tochter und, wenn ich nicht irre, drei Söhne.«
»Und wie alt ist die Tochter?«
»Sie kann kaum über fünf oder sechs Jahre alt sein.«
»Also keine ältere Tochter?«
»Ich weiß es nicht. Weshalb, Papa?«
»Ach, es war nur so eine Frage; aber schicke doch einmal nachher die
Jette hinüber und laß ihn bitten, zu mir zu kommen. Ich möchte mir einen
neuen Schlüssel zu meinem Schreibtisch machen lassen, denn den alten muß
ich verkramt haben; ich kann ihn nirgends mehr finden.«
»Ja, und ein anderes Schloß an unsern Vorsaal auch, Dietrich,« sagte
die Frau; »denn seit mir der Schlüssel damals weggekommen ist, fehlt
mir alle Augenblicke etwas. Denke Dir nur, zwei von unseren schweren
Eßlöffeln sind fort -- ich wollte Dir eigentlich gar nichts davon
sagen.«
»Ach, die werden sich schon wiederfinden; gestohlen können sie doch
nicht gut sein.«
»Aber ich weiß nicht, wo; alle Kisten und Kasten habe ich schon
umgedreht, alle Winkel und Ecken durchsucht.«
»Nun gut, schicke nur einmal hinüber zu dem Meister und laß ihm sagen,
es wäre mir angenehm, wenn er selber kommen könnte; ich hätte etwas für
ihn zu thun.«
»Aber unser Schlosser ist eigentlich Weller nebenan.«
»Baumann soll sehr geschickt sein, und mein Schloß ist etwas complicirt.
Wie alt kann sein Sohn, der Mechanikus, etwa sein?«
»Ich weiß es nicht, Papa; vielleicht fünf- oder sechsundzwanzig Jahre.
Er trägt einen vollen Bart, da kann man es nie so genau sehen.«
»Hm,« sagte der Vater und nickte still und nachdenkend vor sich hin,
»das ist doch ein recht ordentlicher Mensch und der alte Baumann ein
braver und durchaus rechtlicher Mann.«
»Ich habe wenigstens noch nie das Gegentheil gehört,« sagte Frau Witte;
»aber er ist entsetzlich roh. Doch paßt das wohl zu seinem Geschäft, und
so weit wir mit den Leuten in Berührung kommen, läßt man es sich schon
gefallen. Höchstens daß sein Sohn einmal eine Arbeit herüberbringt.«
»Ich denke, unser Schlosser ist Weller?«
»Nein, vom Mechanikus drüben.«
»Und was habt Ihr für Arbeiten beim Mechanikus?«
»Du lieber Himmel, Papa,« sagte Ottilie ernsthaft, »in einer Wirthschaft
fällt immer Allerlei vor. Bald ist einmal eine Lorgnette zerbrochen oder
ein Opernglas muß nachgesehen werden; neulich war erst das Thermometer
schadhaft geworden. Und der junge Baumann ist darin wirklich
außerordentlich aufmerksam und so gefällig; man kann es sich gar nicht
bequemer wünschen.«
»So?« sagte der Vater, dem jedenfalls andere Dinge im Kopf herumgingen.
»Aber ich habe zu thun, und wenn ich Euch rathen soll, so macht Ihr
auch Eure Toilette; denn es ist spät geworden und könnten doch einige
Ballbesuche kommen, mit denen ich wenigstens verschont bleiben möchte.
Vergiß nur nicht, nach dem Schlosser zu schicken.«
Der Vater ging in sein Zimmer hinüber, und die Mutter hatte sich
noch behaglich in die Sophaecke gedrückt, um vorher in aller Ruhe das
Morgenblatt zu lesen. Ottilie schickte, dem Auftrage des Vaters folgend,
das Mädchen fort und schritt dann eben über den Vorplatz hinüber ihrem
eigenen Zimmer zu, als es klingelte. Sie öffnete selber, denn ein Besuch
konnte es noch nicht sein.
»Ah, Herr Baumann,« sagte sie, halb erröthend, als sie den
Außenstehenden erkannte und wußte, daß sie eben erst über ihn
gesprochen.
»Fräulein Witte,« erwiederte der junge Mann, der in seiner Arbeitstracht
an der Treppe stand, »ich habe mir erlaubt, Ihnen das Lorgnon selber
hinüber zu tragen, da ich glaubte, daß Sie es vielleicht brauchen
würden. Ich hoffe, es soll jetzt besser halten, als früher; ich habe es
selber reparirt. Den Thermometer werde ich Ihnen auch bald bringen.«
»Ich danke Ihnen sehr, Herr Baumann,« sagte Ottilie und wurde noch
verlegener, denn der junge Mann sah sie mit einem so eigenthümlichen
Blick an. »Und was -- was habe ich Ihnen dafür zu zahlen?«
Wie Purpur zuckte es über das offene Gesicht des jungen Handwerkers und
er zögerte mit der Antwort.
»Ich hoffe,« sagte er endlich, »Sie werden die Kleinigkeit nicht
erwähnen; es war eine Feierabends-Arbeit.«
»Aber das kann ich nicht annehmen,« stotterte Ottilie; »bitte, sagen Sie
mir, was ich schuldig bin.«
»Nun denn, wenn Sie es nicht anders wollen -- einen Groschen.«
»Einen Groschen? Die ganze Schale war zerbrochen!«
»Mein Fräulein, ich muß selber am besten wissen, was meine Arbeit werth
ist. Ich habe nicht mehr verdient und kann also auch nicht mehr dafür
nehmen.«
»Aber ich kann doch nicht wagen, Ihnen einen Groschen...«
»Sie wollten mich ja absolut bezahlen, Fräulein; ich bitte also deshalb
um einen Groschen.«
Ottilie war jetzt noch viel verlegener geworden, als vorher; aber sie
konnte nun auch nicht mehr zurück. Sie wußte wenigstens im Augenblick
nicht, wie sie sich helfen sollte, griff deshalb in die Tasche und gab
dem jungen Mann den Groschen, den er lächelnd und mit leisem Danke nahm.
»Den werde ich mir zum Andenken aufheben, Fräulein Ottilie,« sagte er
dabei, drehte sich ab und sprang die Treppe wieder hinunter.
2.
Die Bewohner von Schloß Wendelsheim.
Draußen vor Alburg, kaum eine halbe Stunde Weges von der Stadt entfernt,
lag das Rittergut des Freiherrn von Wendelsheim in einem reizenden, von
prachtvollen Buchen und Linden bewachsenen Thale. Das alte Stammschloß
der Familie, die sogenannte Wendelsburg, stand allerdings auf dem
nächsten Felsenhügel, oder hatte vielmehr dort in früheren Jahrhunderten
gestanden, denn ihr Glanz war lange gesunken, und nur aus leeren
Fensterhöhlen starrte sie jetzt in ihren Trümmern melancholisch und
unheimlich auf das freundliche Landschaftsbild zu ihren Füßen nieder.
So stand die alte Wendelsburg aber schon lange. Ein Raubritter sollte
dort zuletzt gehaust und dermaßen gewirthschaftet haben, daß es der
Landesherr zuletzt nicht mehr mit ansehen konnte und durfte und seine
Mannen gegen das Diebesnest sandte. Die stürmten es denn auch und
räumten gründlich auf. Was aus dem Herrn der Burg wurde, weiß man nicht;
vielleicht fiel er in der Vertheidigung des Schlosses, vielleicht zog er
mit den Kreuzfahrern in das gelobte Land. Die Burg aber ward zerstört;
die einzelnen, von den Mauern niedergeschleuderten Steinbrocken lagen
noch jetzt hier und da am Bergeshange in Schlucht und Ravine, und
nur die leeren Mauern der Wohngebäude blieben stehen und fast ein
Jahrhundert lang unbenutzt.
Endlich ließen sich wieder Abkömmlinge jenes alten Geschlechts, die sich
mit den Reichsfürsten ausgesöhnt haben mochten, dort nieder; aber nicht
in der alten Burg selber, die ihnen doch wohl zu steil und unbequem
liegen mochte. Auf dem schmalen Felsenkamm hätte auch nicht einmal ein
Garten Platz gefunden, während das Thal selber wie gemacht zu einer
herrschaftlichen Wohnung schien. Dort bauten sich denn auch die Herren
von Wendelsheim an -- großartig, wie sich nicht läugnen läßt, denn
einige Zweige der Familie waren enorm reich --, mit weiten Gehöften,
Stallungen und einem palastartigen Wohngebäude. Auch ein herrlicher
Park, gefüllt mit edlem Wild, umschloß das Ganze, und ein Fürst hätte
sich dort behaglich fühlen können.
Ob nun aber schon der erste Erbauer durch die vielleicht zu großartigen
Anlagen in Schulden gerieth oder ob seine späteren Nachkömmlinge
das vorhandene Vermögen etwas scharf in Angriff nahmen, kurz, die
Wendelsheim, die von je her sehr viel Geld verbraucht, gingen in den
auf einander folgenden Geschlechtern zurück und schienen genöthigt zu
werden, sich mehr und mehr einzuschränken.
Wenn noch im vorigen Jahrhundert ein wahrer Troß von Dienern die inneren
Räume des großen Schlosses belebt hatte, wenn lustige Cavalcaden von
Herren und Damen draußen im Park dem edlen Waidwerk oblagen und manchen
braven Hirsch zu Tode hetzten, wonach dann bis spät in die Nacht
dauernde Gelage das Siegeswerk feierten, so wurden derlei Dinge jetzt
wohl auch noch ausgeführt, aber nur =en miniature=. Der alte Freiherr
setzte sich, von einem einzigen Reitknecht und dem Revierförster zu
Fuße begleitet, auf einen alten Klepper, der das Schießen gut vertragen
konnte, und ritt pirschen, und Abends trank er dann, wenn auch gerade
keinen Humpen, so doch eine halbe Flasche Landwein, und legte sich früh
schlafen. Er konnte das lange Aufsitzen nicht mehr vertragen.
Auch mit dem Schlosse selber war eine sichtbare Veränderung vorgegangen,
und zwar nicht zum Besseren. Die großen Räumlichkeiten wurden nicht mehr
gebraucht, zwei Drittel der Stallungen standen schon ohnedies leer, und
das eigentliche, drei Etagen umfassende Schloß, das sonst wohl manchmal
bis unter den Giebel von Gästen und ihrer Dienerschaft angefüllt
gewesen, zeigte den Zahn der Zeit in nur zu deutlichen Spuren. Es hätte
auch in der That viel Geld und eine weit größere Dienerschaft, als sie
die jetzigen Besitzer hielten, erfordert, um die Gebäude alle in Stand
zu halten -- und wozu? Die erste Etage mit den unteren Räumen für Küche
und andere häusliche Zwecke genügte vollkommen und stand noch in zwar
verblichener, aber doch alter Pracht. Von den übrigen Gemächern wurden
aber nur wenige dann und wann zu Fremdenzimmern benutzt, und die
beiden Flügel blieben ganz leer; ja, zerbrochene und mit Spinngeweben
überzogene Fensterscheiben zeigten sogar, daß sie gar nicht mehr
betreten wurden. Nur die oberen Etagen waren zu Kornböden eingerichtet
worden, und dazu besaß der Verwalter den Schlüssel. Die Herrschaft kam
nie mehr hinüber, den alten Freiherrn ausgenommen, der manchmal
dort hinaufstieg, um den Kopf zu schütteln, daß die aufgeschichteten
Getreidehaufen in ihrer Quantität die Summe nicht repräsentirten, die er
nothwendig dafür brauchte.
Trotz alledem wurde die äußere Form eines vornehmen Haushalts nach
besten Kräften aufrecht erhalten. Der Freiherr von Wendelsheim war
allerdings zugleich Kammerherr des Königs und als solcher, wenn auch im
Sommer selten in Anspruch genommen, doch verpflichtet, den Winter in
der Residenz zuzubringen. Dort machte er aber kein eigenes Haus, sondern
begnügte sich mit seiner Dienstwohnung im Palais, während daheim auf
Schloß Wendelsheim seine unverehelicht gebliebene Schwester Aurelia die
Oberleitung der ganzen Wirthschaft mit eisernem Scepter führte.
Der Freiherr hatte zwei Söhne, von denen der älteste -- jetzt fast
vierundzwanzig Jahre alt -- Lieutenant war, während der jüngste -- ein
zarter Knabe von kaum etwas mehr als siebenzehn Jahren -- seines sehr
leidenden Körpers wegen in den letzten Jahren sogar seine Studien hatte
unterbrechen müssen und hier auf dem Schlosse, in der milden und freien
Luft, nur seiner Gesundheit lebte.
Aber es war eigentlich ein trauriges Leben auf Schloß Wendelsheim, und
besonders seit die Freifrau einige Jahre nach der Geburt ihres jüngsten
Sohnes gestorben, schien es, als ob der Frohsinn die alten Mauern
gründlich verlassen habe und nur noch bei dem Freiherrn und dessen
Schwester das Bewußtsein ihres Ranges und Standes mit Stolz und Härte
genug zurückgeblieben wäre, um eine dreifache Anzahl von Dienstleuten,
als sich jetzt im Schlosse befand, mürrisch zu erhalten und unbehaglich
zu machen.
Wenn aber auch die Vermögensverhältnisse des Freiherrn jetzt ziemlich
gedrückter Art waren und er bedeutende Schulden machen mußte, um nur
standesgemäß leben zu können, so bekam er trotzdem überall geborgt
und wußte auch, daß sich sogar in allernächster Zeit seine
Vermögensverhältnisse, oder die des Hauses wenigstens, glänzend
verbessern, ja wie ein Phönix aus der Asche erstehen würden.
Mit dem Geburtstage seines ältesten Sohnes, des Lieutenants nämlich,
der in kaum zwei Monaten fiel, wurde eine außerordentlich bedeutende
Erbschaft für diesen fällig, die eigens dazu bestimmt worden, den alten
Glanz des Hauses Wendelsheim wieder neu zu beleben.
Der letzte Abkömmling einer der Hauptlinien hatte diese Erbschaft
ausgesetzt, aber mit einer eigenthümlichen Nebenbestimmung.
Beide Vettern, jener alte General von Wendelsheim und unser alte
Freiherr, hatten eigentlich nie in gutem Vernehmen mitsammen gestanden,
ja, sich sogar gründlich gehaßt, und dieser Gefühle auch nie groß Hehl
gehabt. Bruno von Wendelsheim aber, wie der General hieß, war, bei einem
enormen Reichthum, unvermählt geblieben, ja, sogar ein Weiberhasser, und
hing nur mit all' der zähen Liebe und Verehrung, deren er fähig war, an
seinem alten Stammbaum, an dem Glanze und Ruhme derer von Wendelsheim,
und doch drohte das ganze Geschlecht auszusterben, denn unser Freiherr
war damals der Letzte des Namens und, obgleich er schon fünf Jahre
vermählt, noch ohne Lebenserben.
Da bezwang der alte General auf seinem Sterbebette den Haß, den er
gegen die Person des Vetters vielleicht gefühlt, und nur noch in ihm den
alleinigen Träger des Namens sehend, setzte er wenige Tage vor seinem
Tode ein Testament zu dessen Gunsten auf.
Er wußte, in welch' zerrütteten Vermögensverhältnissen sich jener Zweig
der Familie schon damals befand, und wenn ihm auch nichts daran lag, dem
Vetter selber aus der Verlegenheit zu helfen, sollten doch die Erben des
Namens wenigstens nicht mit einer solchen Misère zu kämpfen haben. Das
Testament lautete aber vorsichtiger Weise nur auf einen männlichen Erben
des Hauses Wendelsheim, der aber auch erst wenn er das vierundzwanzigste
Jahr erreicht hätte, die damals für ihn verzinslich angelegte Summe von
zweihunderttausend Thalern ausgezahlt erhalten solle.
Bekam der Baron von Wendelsheim mehrere Söhne, so blieb dieses Capital
trotzdem nur für den ältesten bestimmt und ging erst nach dessen Tode,
wenn er ohne Söhne starb, auf den zweiten über. Bekam der Baron dagegen
keine Kinder, oder nur Mädchen, so sollte er nicht einen Pfennig von der
Summe erhalten, denn diese konnten den alten Namen nicht fortpflanzen.
Fünfzigtausend Thaler waren in diesem Falle einem sehr weitläufigen
Verwandten und damals sehr lockern Officier, einem Herrn von Halsen,
ausgesetzt, und mit dem Rest, von dem indessen Zins zu Zins geschlagen
wurde, sollte ein Stift für adelige Fräuleins gegründet werden. Bekam
der Freiherr dagegen Knaben, so sollte er schon in so fern früher eine
theilweise Nutznießung der Zinsen haben, als er vom zwölften Jahre
des Erstgeborenen an jährlich für dessen Erziehung zweitausend Thaler
erheben konnte.
Freiherr von Wendelsheim wurde nach dem Tode seines Vetters mit dem
Inhalt dieses Testaments bekannt gemacht und allerdings sehr freudig
überrascht. Mit um so größerer Angst sah er aber nun auch dem Zeitpunkt
entgegen, der seine frohesten Hoffnungen verwirklichen sollte und
einzutreten versprach: nämlich die Geburt eines Kindes. Aber Alles hing
natürlich davon ab, daß es ein Knabe sei, denn bei der Geburt einer
Tochter änderte sich in seinen Vermögensumständen nichts; er blieb nach
wie vor auf seine eigenen, sehr reducirten Mittel angewiesen und ihm
schließlich, wenn kein Sohn nachkam, nichts weiter übrig, als die
Tochter in das nämliche Stift zu thun, das sein Vetter mit dem ihm
entzogenen Gelde gegründet haben wollte.
Damals soll er sich auch in einer furchtbaren Aufregung befunden haben
und halbe Nächte nicht vom Pferde gekommen sein. Aber er hatte sich
umsonst geängstigt. Die so heiß ersehnte und gefürchtete Stunde brach
endlich an, und lauter Jubel weckte plötzlich mitten in der Nacht die
Dienerschaft, denn der erwartete Erbe, ein prächtiger, dicker Junge, war
erschienen und schrie lustig in die ihm noch fremde Welt hinein.
Das war ein Jubel im Hause: der Champagner floß und die Dienerschaft
bekränzte am folgenden Morgen das ganze herrschaftliche Schloß mit
grünen Guirlanden und Blumen. Ja, der Schulmeister aus dem Dorfe
Wendelsheim rückte sogar mit der ganzen Schuljugend hinauf auf's Schloß,
ließ die Jungen einen Choral absingen, als ob sie eine Leiche zu
Grabe trügen, und zog sich dann wieder, Taschen und Hut voll von noch
dampfenden, warmen Kuchen gestopft, in die Stille des Privatlebens
zurück.
Der Knabe wuchs und gedieh. Es war anfangs ein bildhübsches Kind
gewesen, aber er entwickelte sich später etwas derber und knochiger,
wie man das ja wohl häufig bei auffallend hübschen Kindern hat, daß
sie nicht immer halten, was sie versprechen. Die Eltern aber hingen mit
größerer Liebe an dem Knaben, als sich die Hoffnung, einen zweiten Sohn
und Erben zu erhalten, immer weiter hinausschob.
Daß dabei im Publikum, mit der eigenthümlichen Erbschaft
zusammenhangend, anfangs ganz sonderbare Gerüchte auftauchten, läßt sich
denken. Auf die Aussagen verschiedener Leute im Schlosse fußend,
wurde behauptet, mit dem Erben sei nicht Alles so recht und richtig
zugegangen. Es wäre eigentlich ein Mädchen gewesen, und der alte Baron
hätte dafür gesorgt, daß er sich die Erbschaft trotzdem sicherte.
Aber es war in all' den Gerüchten keine feste Basis, und das Meiste
beschränkte sich nur auf Hörensagen. Der Verdacht war allerdings da; man
traute dem Baron etwas Aehnliches zu, aber die Beweise fehlten, und
wie sich diese Gerüchte ein paar Monate gehalten und das stehende Thema
aller Kaffeegesellschaften gebildet hatten, verschwanden sie, wie sie
gekommen. Zuletzt sprach kein Mensch mehr davon, und als sechs und ein
halb Jahr später die Baronin noch einem zweiten Knaben das Leben gab,
zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen überhaupt in
Nichts.
Leider kränkelte von da ab die Baronin selber unaufhörlich, und wenn es
auch manchmal schien, als ob sie wieder hergestellt werden könne, war
das nur immer ein Aufflackern der Lebenskräfte. Benno hatte noch nicht
sein viertes Jahr erreicht, als sie ihrer unheilbaren Krankheit erlag.
Nun ist es allerdings ein sehr natürlich Ding, daß Eltern nur zu sehr
geneigt sind, das jüngste Kind etwas zu verwöhnen und ihm anscheinend
ihre ganze Liebe zuzuwenden. Das Kleinste ist ja auch immer das
Niedlichste und erfordert die meiste Sorge und Pflege, und wir geben uns
am liebsten und häufigsten mit ihm ab. Auffallend war aber doch, wie
der Vater von dem Augenblick an, wo er seinen jüngsten Sohn auf dem Arm
schaukelte, den Erstgeborenen vernachlässigte und sich fast gar nicht
um dessen Erziehung kümmerte. Das jüngste und allerdings sehr zarte Kind
ließ er fast nicht aus den Augen und wachte mit ordentlich mütterlicher
Sorgfalt über ihn. Der Aelteste dagegen mochte thun, was er eben wollte,
er ließ ihm ganz seinen eigenen Weg. Bruno wuchs demnach ganz allein,
seinen eben nicht glänzenden Anlagen überlassen, ziemlich wild und
ungehindert auf. Zur Musik zeigte er entschiedenes Talent, zu weiter
nichts, und als die Frage endlich an den Vater herantrat, was einmal aus
ihm werden sollte, wurde er in die große Versorgungsanstalt für adelige
Kinder, in ein Cadettenhaus gesteckt.
Benno, der zweite Sohn, wuchs indessen ebenfalls heran; aber es war in
der That nur ein Angstkind und sein kleiner Körper so empfänglich für
die geringsten Einflüsse, daß es fast keine gesunde Stunde hatte. Ob man
es vielleicht mit allzu großer Pflege versehen, läßt sich nicht sagen;
aber während Bruno draußen in Wind und Wetter herumtollte, wenn er
einmal nach Hause kam, des Vaters wildeste Pferde ritt, oder Nächte
durch draußen im Wald auf dem Anstande lag, mußte Benno wie ein rohes Ei
vor jedem rauhen Luftzug gehütet werden.
Merkwürdig stach außerdem Benno's zarter, von lichtblauen Adern
durchzogener Teint, das bleiche Antlitz mit den großen, dunklen Augen
und den wirklich edlen Zügen gegen das kräftige, sonnverbrannte Gesicht
des Bruders ab, der außerdem noch blaue Augen und eine etwas stumpfe
Nase hatte. Die beiden Brüder sahen sich überhaupt gar nicht ähnlich,
wenn sie sich auch herzlich lieb hatten, und waren auch in ihren
Neigungen ganz verschieden.
Bruno fand weniger Freude am Soldatenstande als an der Oekonomie,
für welche er schon von früher Jugend an eine Vorliebe zeigte. Benno
dagegen, vielleicht auch durch seinen kränklichen Körper darauf
angewiesen, warf sich mit größter Liebe auf die Wissenschaften, und
darunter besonders auf physikalische und mathematische Werke. Er schien
auch dabei nur eine Leidenschaft seines Großvaters geerbt zu haben, der
sich ebenfalls mit der Mathematik viel beschäftigt und eine Masse von
ihm benutzter Instrumente noch hinterlassen hatte.
So wuchsen die Brüder heran, und der Zeitpunkt war schon auf wenige
Monate, ja, fast auf Wochen nahe gerückt, wo Bruno, als der älteste
Sohn oder Erstgeborene, die indessen durch Zins und Zinseszins
bedeutend angewachsene Erbschaft erheben sollte. Es schien ja auch allen
Bedingungen genügt, und Vater wie Sohn wünschten den Tag sehnlichst
herbei, denn beide hatten nicht gering auf ihn gesündigt. Du lieber
Gott, wie viel Geld braucht denn nicht allein ein adeliger Lieutenant,
wenn er auf der Welt nichts weiter zu thun, als einen alten Namen zu
repräsentiren hat!
Benno's Zustand verschlimmerte sich dagegen mit jedem Tage, und wenn
man gehofft hatte, daß er in einem mehr reiferen Alter die
Kränklichkeitskeime abschütteln würde, so zeigte sich leider nur zu
bald das Gegentheil. Der Arzt hatte die Krankheit für einen Herzfehler
erklärt, und sie schien, anstatt sich zu heben, einen immer drohenderen
Charakter anzunehmen.
Sein Vater und selbst die Tante, oder das »gnädige Fräulein,« wie sie im
Schlosse genannt wurde, pflegten ihn allerdings nach besten Kräften
und thaten, was sie ihn nur an den Augen absehen konnten, aber Benno
erwiederte die Liebe kaum, die sie ihm entgegenbrachten. Des Vaters
hastiger, unruhiger Charakter sagte dem kranken Knaben nicht zu, und
die Tante nun gar, die keinem Menschen auf der Welt, ihn vielleicht
ausgenommen, ein freundliches Wort gönnte, vermochte nicht ihn an sich
zu gewöhnen.
Die Einzige im ganzen öden Schlosse, bei deren Erscheinen ein Lächeln
seine Züge überflog, und der er traurig nachsah, wenn sie ging, war ein
junges Mädchen, eine weitläufige Verwandte, die seine Mutter noch als
kleines Kind zu sich genommen und der jetzt seine Hauptpflege übergeben
worden.
Kathinka von Stromsee, in ziemlich gleichem Alter mit Benno, dem
jüngsten Sohne, war eigentlich dessen Cousine, wenn auch die Familie
Wendelsheim nie etwas von der Verwandtschaft wissen wollte. Ein
Neffe des alten Barons, der Sohn seiner älteren, längst verstorbenen
Schwester, ein von Stromsee, hatte nämlich den furchtbaren Mißgriff
begangen, mit selbst keinem Vermögen, ein blutarmes, bürgerliches
Mädchen zu heirathen, welcher Mesalliance dann glücklicher Weise nur
diese einzige Tochter entsproß. Die beiden Eltern starben auch bald
nachher, und Frau von Wendelsheim setzte es gegen ihre Schwägerin durch,
die Waise in ihre Familie aufzunehmen.
Fräulein von Wendelsheim war aber vom ersten Augenblick an gegen das
Kind gewesen und würde ihren Bruder nach der Baronin Tod sicher bewogen
haben, die Kleine wieder fortzuthun, wenn sich nicht Benno so sehr
an sie gewöhnt hätte. Er war unglücklich, sobald er die kleine
Spielgefährtin nur auf eine Secunde missen sollte, und der Baron selber,
der Alles für den Knaben that, duldete deshalb nicht, daß sie aus dem
Hause gestoßen wurde.
Er blieb auch ziemlich gut mit ihr, aber Kathinka konnte sich dagegen
nicht rühmen, je nur einen freundlichen Blick selbst von der Tante
gesehen zu haben, die sie von Grund aus zu hassen schien, und doch hatte
ihr das Kind nie etwas zu Leide gethan. Es lag das freilich im Charakter
des »gnädigen« Fräuleins, und ließ sich eben nicht ändern.
So blieb Kathinka allerdings im Schlosse, verlebte dort aber auch eine
traurige, trostlose Jugend. Zuerst nahm sie an den Unterrichtsstunden
Benno's Theil und war seine Gespielin, dann wurde sie seine Pflegerin,
ja, endlich nur die Krankenwärterin des armen, dahinsiechenden Knaben,
aber auch zugleich seine treueste Freundin und Vertraute.
War kein Mensch im Stande, ihn von seinen anstrengenden Studien und
Büchern wegzubringen, selbst nicht sein Vater, so brauchte Kathinka nur
ihren Strohhut aufzusetzen und zu sagen: »Nun, wie ist's, Benno, wollen
wir einen kleinen Spaziergang machen? Ich muß nach unseren Rosen sehen,«
dann warf er den Band, den er gerade in Händen hielt, rasch bei
Seite, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und schritt mit einem
glücklichen Lächeln an ihrer Seite durch die schattigen Laubgänge
des Parkes. Nach solchen Spaziergängen fühlte er sich auch immer viel
wohler, jedenfalls heiterer, und der darüber befragte Arzt rieth ihm,
diese Zerstreuung unter jeder Bedingung zu erhalten. Er wisse nichts,
was wohlthätiger auf ihn wirken könne.
Benno, so jung er war, beschäftigte sich sehr gern mit physikalischen
Arbeiten; er hatte sich auch mit Hülfe eines Technikers aus der Stadt
-- unseres jungen Bekannten Baumann --, der manchmal herauskam, um ihm
Anleitung zu geben, eine kleine Elektrisirmaschine selber gebaut und war
jetzt wieder dabei, um einen Luftballon mit Centrifugal-Fliegmaschine
herzustellen. Freilich konnte er die dazu nöthigen feineren und sehr
genau zu arbeitenden Theile nicht allein bewältigen, und Fritz Baumann
half ihm da, wo es nur irgend seine Zeit erlaubte, mit wirklich
aufopfernder Geduld. Baumann hatte aber auch nicht allein bald den sehr
bösartigen und vielleicht drohenden Charakter von Benno's Krankheit
erkannt, sondern er fand in der That selber Freude an den oft sogar
geistreichen Versuchen des Knaben, und verbrachte manchen ganzen Sonntag
auf Schloß Wendelsheim. Die »gnädige« Tante gestattete aber natürlich
nie, daß er mit am Herrentische aß -- der war nicht für Bürgerliche und
noch dazu für Handwerker, sondern er wurde, wie auch Benno dagegen
bat, jedesmal auf den Verwalter angewiesen, gewissermaßen an die
»Marschallstafel.«
Bei solchen Besuchen unterstützte er den kranken Knaben aber nicht
allein in seinen Arbeiten und experimentirte mit ihm, sondern er gab ihm
auch zugleich manche werthvolle Anleitung, wie er sich Kleinigkeiten mit
leichter Mühe herstellen konnte, und Benno fand eine unendliche Freude
daran.
So war er auch heute wieder herausgekommen, um Benno eine von diesem
selber entworfene und angefangene Arbeit zu bringen: einen Mechanismus,
der die genaue Bewegung des Mondes um die Erde darstellen sollte. Wie
er aber das Schloß betrat, hörte er eine scharfe, keifende Stimme; das
konnte nur die des gnädigen Fräuleins sein, und er blieb zögernd
stehen. Er wußte nicht, sollte er trotzdem hinaufgehen oder lieber einen
günstigeren Zeitpunkt abwarten, denn obgleich ihm die »Tante« gerade
nichts zu befehlen hatte, theilte er doch unwillkürlich die Furcht
oder Scheu vor ihr, die fast das ganze Schloß erfüllte. Wie er noch
so dastand, kam Kathinka die Treppe herunter und glitt mit einem
schüchternen Gruße hastig an ihm vorüber in die Wirthschaftsräume. Es
konnte ihm auch nicht entgehen, daß sie geweint hatte oder noch weine,
wenn sie ihr Gesicht auch von ihm abdrehte. Ein einzelner fallender und
in der Sonne blitzender Tropfen verrieth Alles.
»Armes Mädchen,« murmelte er leise vor sich hin, »Du hast auch einen
schweren Stand in diesem Hause, und ich möchte nicht an Deiner Stelle
sein! Daß vornehme Leute nur so selten wissen, wie solch einem armen
Wesen unter fremden Menschen zu Muthe sein muß -- oder ob sie's wissen
und es nur nicht wissen wollen? Die Tante sähe mir etwa gerade danach
aus. Himmel, ist das ein Drache!«
Er wollte langsam und ganz in seine Gedanken vertieft die Treppe
hinaufsteigen, denn das Keifen oben hatte aufgehört, als einer der
Diener unten aus der Küche kam und ihm zurief, der junge gnädige Herr
sei im Garten in der Weinlaube. Kathinka mußte den Boten gesandt haben,
um ihm die Treppe zu ersparen. Er dankte dem Manne, der sich aber schon
nicht weiter um ihn kümmerte, denn was ging ihn der Handwerker an, und
schritt dann rasch in den Garten und der bekannten Stelle zu, wo er auch
Benno zwischen seinen Büchern und Instrumenten traf.
Benno's ganzes Gesicht leuchtete, als er ihn kommen sah, und Fritz
Baumann mußte sich jetzt zu ihm setzen, damit er die gebrachte
Arbeit genau prüfen konnte. Fritz erklärte ihm dabei eine kleine, nur
unwesentliche Aenderung, wie er sagte, die er für nöthig befunden und
die nur das Arbeiten des Werkes erleichtere, in Wahrheit es aber nur
allein möglich machte, und Benno war glücklich darüber und schien auch
heute wohler und lebendiger, als seit langer Zeit. Er plauderte und
erzählte dem jungen Manne noch von einer Menge seiner Pläne und merkte
gar nicht, daß Kathinka endlich mit seinem gewöhnlichen Getränk selber
herausgekommen war, um ihn dann zu seinem vom Arzte vorgeschriebenen
Spaziergange abzurufen.
»Spazierengehen? Ja, liebe Kathinka,« sagte Benno, »recht gern, aber was
fange ich indessen mit diesem kleinen Kunstwerk an?«
»Kann das nicht so lange hier stehen bleiben?«
»Daß mir der Gärtnerbursche wieder, wie neulich einmal, seine dicken
Finger dazwischen steckt und etwas verdirbt, nicht wahr?« rief Benno
rasch.
»Dann will ich es lieber rasch hinauftragen,« erbot sich das junge
Mädchen.