Prinzessin, als die strahlenden Edelsteine. Ihre majestätische Haltung
und die anmutsvolle Verbindlichkeit, mit der sie ihn empfing, während
sie ihn bisher immer so rauh zurückgewiesen hatte, machte einen solchen
Eindruck auf ihn, daß er kaum seiner Sinne mächtig war. Als er sich
gesetzt hatte, nahm die Prinzessin, um ihn aus seiner sichtlichen
Verlegenheit zu ziehen, das Wort und sprach zu ihm: »Du wirst dich ohne
Zweifel wundern, daß du mich heute ganz anders findest, als bis jetzt,
doch wirst du es erklären können, wenn ich dir sage, daß meine ganze
Gemütsart aller Traurigkeit, Schwermut, Betrübnis und allen Sorgen
zuwider ist, die ich immer gern von mir abschüttle, sowie ich keine
Ursache mehr dazu sehe. Ich habe mir das, was du mir von Alaeddins
Schicksal sagtest, wohl überlegt, und da ich die Gemütsart meines Vaters
recht gut kenne, so bin ich mit dir überzeugt, daß er der schrecklichen
Wirkung seines Zornes unmöglich entgehen konnte. Wenn ich nun auch
darauf beharren wollte, mein ganzes Leben lang um ihn zu weinen, so sehe
ich doch, daß meine Tränen ihn nicht ins Leben zurückrufen würden.
Deshalb glaube ich, nachdem ich ihm bis ins Grab alle Pflichten erwiesen
habe, welche die Liebe von mir forderte, so muß ich nunmehr auch alle
Mittel versuchen, mich zu trösten. Dies sind die Gründe meiner
Veränderung. Um nun sogleich jeden Anlaß zur Traurigkeit zu entfernen,
die ich ganz von mir zu bannen entschlossen bin, und in der Hoffnung,
daß du die Gefälligkeit haben werdest, mir Gesellschaft zu leisten, habe
ich eine Abendmahlzeit für uns bereiten lassen. Da ich aber bloß
chinesischen Wein habe und mich doch in Afrika befinde, so hat mich die
Lust angewandelt, den hierzulande wachsenden zu kosten, und ich zweifle
nicht, daß du den besten herausfinden wirst, wenn es welchen hier gibt.«
Der afrikanische Zauberer, der das Glück, so schnell und so leicht die
Gunst der Prinzessin Bedrulbudur zu gewinnen, für eine Unmöglichkeit
gehalten hatte, sagte, er könne kaum Worte finden, um seinen Dank
genugsam auszudrücken, und um dieses Gespräch bald abzubrechen, lenkte
er schnell auf den afrikanischen Wein ein, dessen sie gedacht hatte, und
sagte, unter allen Vorzügen, deren sich Afrika rühmen könne, stehe sein
trefflicher Wein oben an, und der allerbeste wachse in dem Teil des
Landes, wo sie sich gegenwärtig befänden; er habe ein Faß, das schon
sieben Jahre gefüllt und noch nicht angestochen sei, und er glaube nicht
viel zu sagen, wenn er behaupte, daß dieser Wein an Güte die
vortrefflichsten Weine auf der ganzen Erde übertreffe. »Wenn meine
Prinzessin es mir erlauben will,« setzte er hinzu, »so will ich zwei
Flaschen davon holen und werde augenblicklich wieder zurück sein.« -- »Es
sollte mir leid tun, wenn ich dir so viele Mühe machte,« sagte die
Prinzessin, »du könntest ja jemanden hinschicken.« -- »Nein,« antwortete
der afrikanische Zauberer, »ich muß notwendig selbst hingehen; niemand
außer mir weiß, wo der Schlüssel zu diesem Keller ist.« -- »Wenn dem so
ist,« sagte die Prinzessin, »so gehe und komm bald zurück. Sobald du
zurückkommst, wollen wir uns zu Tische setzen.«
Der afrikanische Zauberer, voller Hoffnung auf sein vermeintliches
Glück, lief nicht, sondern flog und kam sehr schnell zurück. Inzwischen
hatte die Prinzessin das Pulver, das ihr Alaeddin gebracht, selbst in
einen Becher geworfen. Sie setzten sich einander gegenüber zu Tisch, so
daß der Zauberer dem Schenktisch den Rücken kehrte. Die Prinzessin legte
ihm vom Besten vor und sagte zu ihm: »Wenn du es verlangst, so will ich
dir Musik machen und singen lassen; da wir aber beide ganz allein hier
sind, so denke ich, es wird uns mehr Vergnügen machen, uns miteinander
zu unterhalten.« Der Zauberer betrachtete diese Wahl der Prinzessin als
eine neue Gunst.
Nachdem sie einige Bissen gegessen hatten, verlangte die Prinzessin zu
trinken. Sie trank auf die Gesundheit des Zauberers und sagte dann zu
ihm: »Du hattest alles Recht, deinen Wein zu loben; ich habe nie einen
so köstlichen getrunken.« -- »Reizende Prinzessin,« antwortete er, indem
er den Becher, der ihm überreicht wurde, in der Hand hielt, »mein Wein
erhält durch deinen Beifall eine neue Güte.« -- »Trink auf meine
Gesundheit,« erwiderte die Prinzessin, »so wirst du selbst finden, daß
ich mich darauf verstehe.« Er trank auf die Gesundheit der Prinzessin,
sah dann den Becher an und sagte: »Prinzessin, ich schätze mich
glücklich, daß ich dieses Faß für eine so gute Gelegenheit aufgespart;
ich gestehe selbst, daß ich in meinem ganzen Leben noch keinen so
vortrefflichen Wein getrunken habe.«
Als sie noch weiter gegessen und noch dreimal getrunken hatten, gab
endlich die Prinzessin, die dem afrikanischen Zauberer durch ihre
Höflichkeit und ihr verbindliches Wesen vollends ganz den Kopf verrückt
hatte, der Frau, die das Schenkamt versah, das verabredete Zeichen, und
während man ihren Becher mit Wein brachte, sagte sie, man solle auch den
des afrikanischen Zauberers vollschenken und ihm überreichen.
Als nun beide den Becher in der Hand hatten, sprach sie: »Ich weiß
nicht, wie es bei euch zulande unter Liebenden, die miteinander trinken,
Sitte ist; bei uns in China wechseln die Geliebte und der Liebhaber ihre
Becher miteinander aus und trinken so einander Gesundheit.« Mit diesen
Worten überreichte sie ihm den Becher, den sie in der Hand hielt, und
streckte ihre andere Hand aus, um den seinigen in Empfang zu nehmen.
Der afrikanische Zauberer beeilte sich um so freudiger, diesen Tausch
vorzunehmen, da er dies als das sicherste Zeichen betrachtete, das Herz
der Prinzessin nun völlig erobert zu haben, und er hielt sich für den
glücklichsten aller Sterblichen. Ehe er trank, sagte er, mit dem Becher
in der Hand: »Prinzessin, wir Afrikaner sind lange nicht so weit in der
Kunst, die Liebe mit allen möglichen Annehmlichkeiten zu würzen, wie die
Chinesen, und indem ich hier etwas lerne, was ich noch nicht wußte,
fühle ich zugleich, wie hoch ich diese Begünstigung zu schätzen habe.
Nie werde ich es vergessen, liebenswürdige Prinzessin, daß ich aus
deinem Becher getrunken und darin ein Leben gefunden habe, auf das ich
keine Hoffnung mehr gehabt hätte, wenn du noch länger bei deiner
Grausamkeit beharrt.«
Prinzessin Bedrulbudur führte nun den Becher an den Mund, berührte ihn
aber nur mit den Lippen, indes der afrikanische Zauberer sich sehr
bemühte, es ihr zuvor zu tun, und den seinigen ausleerte, ohne einen
Tropfen darin zu lassen. Die Prinzessin sah, daß seine Augen sich
verdrehten und er ohne Bewußtsein rücklings zusammensank.
Nun kam Alaeddin herauf und trat in den Saal. Als er den afrikanischen
Zauberer auf dem Sofa ausgestreckt liegen sah, und die Prinzessin
Bedrulbudur ihm voll Freude und mit offenen Armen entgegeneilte, hielt
er sie zurück und sagte: »Es ist noch nicht Zeit, Prinzessin; tu mir den
Gefallen, begib dich auf dein Zimmer und sorge dafür, daß man mich
allein läßt, indes ich meine Vorbereitungen treffe, die dich ebenso
schnell nach China wieder zurückbringen, wie du von da entfernt worden
bist.«
Sobald die Prinzessin mit ihren Frauen und Verschnittenen aus dem Saale
gegangen war, verschloß Alaeddin die Türe, näherte sich dem Leichnam des
afrikanischen Zauberers, öffnete sein Kleid und zog die Lampe heraus. Er
enthüllte sie und rieb daran und alsbald erschien auch der Geist mit
seinem gewöhnlichen Gruß. »Geist,« sagte Alaeddin zu ihm, »ich habe dich
gerufen, um dir im Namen der Lampe, deiner guten Gebieterin, die du hier
siehst, zu befehlen, daß du diesen Palast wieder nach China zurücktragen
lässest, und zwar an denselben Ort und dieselbe Stelle, von wo er
weggenommen ist.« Der Geist gab durch ein Kopfnicken zu verstehen, daß
er gehorchen werde und verschwand. Die Versetzung ging wirklich vor
sich, und man spürte sie nur an zwei sehr leichten Erschütterungen: die
eine, als der Palast von seiner Stelle in Afrika emporgehoben, und die
andere, als er in China gegenüber dem Palast des Sultans niedergelassen
wurde, was alles in wenigen Augenblicken geschehen war.
Alaeddin ging nun ins Zimmer der Prinzessin hinab, umarmte sie und sagte
zu ihr: »Prinzessin, ich kann dich versichern, daß deine und meine
Freude morgen früh vollkommen sein wird.« Da die Prinzessin ihre
Abendmahlzeit noch nicht vollendet hatte und Alaeddin zu essen
verlangte, so ließ sie aus dem Saal mit den vierundzwanzig Fenstern die
Speisen, die dort aufgetragen, aber kaum berührt worden waren, auf ihr
Zimmer bringen. Die Prinzessin und Alaeddin speisten zusammen und
tranken von dem guten alten Wein des afrikanischen Zauberers. Ich will
nichts von ihrer weiteren Unterhaltung sagen, die nur sehr vergnügt sein
konnte, und füge bloß hinzu, daß sie sich zuletzt miteinander in ihr
Schlafgemach begaben.
Seit der Entführung des Palastes und der Prinzessin Bedrulbudur war der
Sultan, der Vater dieser Prinzessin, untröstlich, weil er sie für immer
verloren glaubte. Er konnte weder bei Nacht noch bei Tag Ruhe finden,
und statt alles zu vermeiden, was seinem Kummer neue Nahrung geben
konnte, suchte er es im Gegenteil absichtlich auf. Während er zum
Beispiel vorher nur morgens nach dem offenen Erker seines Palastes
gegangen war, um seine Augen an dem angenehmen Anblick zu weiden, dessen
er nicht satt werden konnte, so ging er jetzt mehrere Male des Tags
hinauf, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen und sich immer tiefer in
seine Betrübnis zu versenken durch den Gedanken, daß er das, was ihm so
wohlgefallen hatte, nie wieder sehen werde, und das Liebste, das er auf
der Welt besessen, auf immer verloren habe. Auch an dem Morgen, als
Alaeddins Palast wieder an seinen alten Platz gebracht worden war, hatte
sich die Morgenröte kaum am Himmel gezeigt, als der Sultan wieder in den
Erker ging. Er war so in sich gekehrt und so durchdrungen von seinem
Schmerz, daß er seine Augen traurig nach der Seite hinwendete, wo er nur
den leeren Raum und keinen Palast mehr zu erblicken vermeinte. Als er
nun auf einmal diese Leere ausgefüllt sah, hielt er es für einen Nebel.
Endlich aber, nachdem er es aufmerksamer betrachtet hatte, erkannte er,
daß es unzweifelhaft Alaeddins Palast war. Freude und Fröhlichkeit
bemächtigten sich jetzt seines Herzens nach langem Kummer und Gram. Er
kehrte eilig auf sein Zimmer zurück und befahl, man solle ihm ein Pferd
satteln und vorführen. Er schwang sich hinauf, ritt fort und es war ihm,
als könne er nicht schnell genug bei Alaeddins Palast anlangen.
Alaeddin, der dies vorausgesehen hatte, war mit Tagesanbruch
aufgestanden, hatte eines seiner prächtigsten Kleider angelegt und sich
sodann in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern begeben, von wo aus
er den Sultan kommen sah. Er eilte hinab und kam noch gerade zur rechten
Zeit, um ihn unten an der Haupttreppe zu empfangen und ihm vom Pferd
absteigen zu helfen. »Alaeddin,« sprach der Sultan zu ihm, »ich kann mit
dir nicht sprechen, bevor ich meine Tochter gesehen und umarmt habe.«
Alaeddin führte den Sultan in das Zimmer der Prinzessin Bedrulbudur, die
eben mit ihrem Anzug fertig geworden war; denn Alaeddin hatte sie beim
Aufstehen erinnert, daß sie sich nicht mehr in Afrika, sondern in China,
in der Hauptstadt des Sultans, ihres Vaters, und gegenüber seinem Palast
befinde. Der Sultan umarmte sie mehrere Male, während ihm die hellen
Freudentränen über die Wangen liefen, und die Prinzessin ihrerseits
bewies ihm auf alle mögliche Art, wie hocherfreut sie sei, ihn wieder zu
sehen.
Endlich nahm der Sultan das Wort und sprach: »Geliebte Tochter, ich will
glauben, daß die Freude des Wiedersehens dich in meinen Augen so munter
und so wenig verändert erscheinen läßt, wie wenn dir nichts Unangenehmes
zugestoßen wäre, und doch bin ich überzeugt, daß du sehr viel gelitten
hast. Ich wünsche nun, daß du mir erzählst, wie die Sache zuging, und
mir nichts verhehlest.«
Die Prinzessin machte sich ein Vergnügen daraus, den Wunsch ihres Vaters
zu erfüllen.
»Um es frei herauszusagen, mein ganzes Unglück bestand darin, daß ich
mich dir und meinem teuren Gemahl entrissen sah. Was meine Entführung
betrifft, so hat Alaeddin nicht den mindesten Teil daran: ich selbst bin
allein daran schuld, aber auf eine höchst unschuldige Weise.« Um nun den
Sultan von der Wahrheit ihrer Worte zu überzeugen, erzählte sie ihm
umständlich, wie der afrikanische Zauberer sich in einen Lampenhändler
verkleidet habe, der alte Lampen gegen neue eintauschte, und wie sie
dann zur Kurzweil Alaeddins Lampe, deren geheime Kraft und Wichtigkeit
sie nicht gekannt, gegen eine neue eingetauscht, worauf der Palast nebst
ihr und den übrigen Bewohnern in die Höhe gehoben und samt dem
afrikanischen Zauberer nach Afrika versetzt worden sei.
Um sich vollends zu überzeugen, ging der Sultan hinauf, und als er den
afrikanischen Zauberer tot und im Gesicht ganz schwarzblau von dem Gifte
sah, umarmte er Alaeddin mit vieler Zärtlichkeit und sagte zu ihm: »Mein
Sohn, halte mir mein Betragen gegen dich zugute; bloß meine Vaterliebe
hat mich dazu veranlaßt, und du mußt mir die Übereilung, zu der ich mich
hinreißen ließ, verzeihen.« -- »Herr,« erwiderte Alaeddin, »ich habe
nicht die mindeste Ursache, mich über dich zu beklagen; du hast nur
getan, was du tun mußtest. Dieser schändliche Zauberer, dieser Auswurf
der Menschheit, war die einzige Ursache, daß ich deine Gnade verlor.
Wenn du einmal Muße haben wirst, so werde ich dir von einer andern
Bosheit erzählen, die er mir angetan und die nicht minder schwarz ist,
als seine letzte, vor der mich Gottes ganz absonderliche Gnade behütet
hat.« -- »Ich werde mir diese Muße ausdrücklich dazu nehmen,« antwortete
der Sultan, »und zwar recht bald. Jetzt aber laß uns nur darauf denken,
fröhlich zu sein, auch sorge, daß dieser verhaßte Gegenstand
fortgeschafft wird.«
Alaeddin ließ den Leichnam des afrikanischen Zauberers wegbringen und
auf den Schindanger werfen, um dort den Vögeln und Tieren zur Nahrung zu
dienen. Der Sultan aber gab Befehl, durch Trommeln, Pauken, Trompeten
und andere Instrumente das Zeichen zur allgemeinen öffentlichen Freude
zu geben, und ließ ein zehntägiges Freudenfest ankündigen, um die
Rückkehr der Prinzessin Bedrulbudur und Alaeddins zu feiern.
So entging denn Alaeddin zum zweitenmal einer Todesgefahr, der er
beinahe erliegen mußte; allein es war noch nicht die letzte, und er
mußte noch eine dritte, gleich gefährliche Prüfung bestehen.
Der afrikanische Zauberer hatte noch einen jüngern Bruder, der in der
Zauberkunst nicht minder geschickt war, als er; ja man kann sagen, daß
er ihn an Bosheit und verderblichen Ränken noch übertraf. Da sie nicht
immer beisammen oder in derselben Stadt lebten, und der eine sich
manchmal im Osten befand, während der andere im Westen war, so
unterließen sie es nicht, mit Hilfe der Punktierkunst alle Jahre einmal
auszumitteln, in welchem Teile der Welt jeder von ihnen lebe, wie er
sich befinde und ob er nicht die Hilfe des andern bedürfe.
Kurze Zeit, nachdem der afrikanische Zauberer in der Unternehmung gegen
Alaeddins Glück den Tod gefunden hatte, wollte sein jüngerer Bruder, der
seit Jahr und Tag keine Nachrichten von ihm hatte und sich nicht in
Afrika, sondern in einem sehr entlegenen Land aufhielt, erfahren, an
welchem Ort der Erde er lebe, wie er sich befinde und was er treibe. Er
endeckte nun, daß sein Bruder nicht mehr auf der Welt, daß er vergiftet
worden und plötzlich gestorben sei, daß dies in China an dem und dem
Orte geschehen, und endlich, daß der, welcher ihn vergiftet, ein Mann
von niedriger Abkunft sei, der eine Prinzessin des Sultans geheiratet
habe.
Als der Zauberer das traurige Ende seines Bruders erfahren hatte, verlor
er keine Zeit mit nutzlosem Jammern, sondern beschloß augenblicklich,
seinen Tod zu rächen, stieg zu Pferde und begab sich auf den Weg nach
China. Er mußte über Ebenen, Flüsse, Berge, Einöden, und nach langer
Reise kam er endlich unter unglaublichen Beschwerden nach China und bald
darauf in die Hauptstadt.
Den Tag nach seiner Ankunft ging der Zauberer aus und spazierte in der
Stadt herum. An einem der Orte, wo man sich mit allerlei Arten von
Spielen die Zeit vertrieb, und wo, während die einen spielten, die
andern sich von den Neuigkeiten des Tages oder auch von ihren eigenen
Geschichten unterhielten, hörte er gar merkwürdige Dinge erzählen von
der Tugend und Frömmigkeit, ja selbst von den Wundertaten einer von der
Welt abgeschiedenen Frau, namens Fatime. Da er nun glaubte, diese Frau
könne ihm bei seinem Vorhaben vielleicht in irgend etwas behilflich
sein, nahm er einen von der Gesellschaft beiseite und bat ihn um nähere
Auskunft über die heilige Frau und über die Art von Wundern, die sie
verrichte.
»Wie!« sagte der Angeredete zu ihm, »du hast diese Frau noch nie
gesehen und auch nicht von ihr sprechen gehört? Sie ist durch ihr
Fasten, ihre strenge Lebensweise und das Beispiel, das sie gibt,
Gegenstand der allgemeinen Bewunderung in der ganzen Stadt. Außer
Montags und Freitags geht sie nie aus ihrer kleinen Einsiedelei heraus,
und an den Tagen, wo sie sich in der Stadt sehen läßt, tut sie unendlich
viel Gutes, auch heilt sie jeden, der mit Kopfschmerzen behaftet ist,
durch Auflegung ihrer Hände.« Der Zauberer verlangte über diesen Punkt
nichts mehr zu wissen, sondern fragte nur noch, in welchem Teile der
Stadt die Einsiedelei der heiligen Frau wäre. Der Mann beschrieb ihm
genau die Stelle.
Gegen Mitternacht ging der Zauberer geraden Wegs nach der Einsiedelei
Fatimes, der heiligen Frau; denn unter diesem Namen war sie in der
ganzen Stadt bekannt. Er öffnete ohne Mühe die mit einer bloßen Klinke
verschlossene Tür, trat hinein und machte die Türe ganz leise wieder zu;
drinnen erblickte er bei hellem Mondschein Fatime, die an freier Luft
auf einem mit einer schlechten Matte überdeckten Sofa schlief und gegen
ihre Zelle hingelehnt dalag. Er näherte sich ihr, zog einen Dolch, den
er an seiner Seite trug, und weckte sie.
Als die arme Fatime die Augen aufschlug, erschrak sie über die Maßen
beim Anblick eines Mannes, der im Begriff war, sie zu erdolchen. Er
setzte ihr den Dolch auf die Brust, machte Miene zuzustoßen und sagte:
»Wenn du schreist oder nur das mindeste Geräusch machst, so bist du des
Todes; steh aber jetzt auf und tue, was ich dir sagen werde.«
Fatime, die sich in ihren Kleidern niedergelegt hatte, stand zitternd
und bebend auf. »Fürchte dich nicht,« sagte der Zauberer zu ihr, »ich
verlange bloß dein Kleid, gib es mir und nimm dafür das meinige.« Sie
vertauschten ihre Kleider, und nachdem der Zauberer das Kleid Fatimens
angezogen hatte, sagte er zu ihr: »Jetzt färbe mir das Gesicht gleich
dem deinigen, und zwar so, daß ich dir ähnlich sehe und die Farbe sich
nicht verwischt.« Da er sah, daß sie noch immer zitterte, sagte er, um
sie zu beruhigen, und damit sie mit um so größerer Zuversicht seinen
Wunsch erfüllen möchte, abermals zu ihr: »Fürchte dich nicht; ich
schwöre dir bei dem Namen Gottes, daß ich dir das Leben lasse.« Fatime
hieß ihn in ihre Zelle treten, zündete ihre Lampe an, nahm einen Pinsel
und einen gewissen Saft, den sie in einem Gefäße stehen hatte, rieb ihm
damit das Gesicht ein und versicherte ihm dann, die Farbe werde nicht
ausgehen und sein Gesicht sei jetzt durchaus ganz wie das ihrige.
Hierauf setzte sie ihm ihre eigene Kopfbekleidung aufs Haupt nebst ihrem
Schleier und zeigte ihm, wie er sich auf seinem Gang durch die Stadt das
Gesicht damit verhüllen müsse. Endlich, nachdem sie ihm noch einen
großen Rosenkranz, der ihm vorne bis auf den Gürtel herabhing, um den
Hals geschlungen, gab sie ihm denselben Stab, den sie gewöhnlich trug,
in die Hand, hielt ihm dann einen Spiegel vor und sagte zu ihm: »Da
blicke einmal hinein und du wirst sehen, daß du mir gleichst, wie ein Ei
dem andern.« Der Zauberer fand alles nach Wunsch, hielt aber der guten
Fatime den Schwur nicht, den er ihr so feierlich geleistet hatte. Damit
man keine Blutspuren sehen möchte, wenn er sie erstäche, so erwürgte er
sie, und als er sah, daß sie den Geist aufgegeben hatte, schleppte er
ihren Leichnam an den Füßen zum Wasserbehälter der Einsiedelei und warf
ihn da hinein.
Nach Vollführung dieser verruchten Mordtat brachte der als heilige
Fatime verkleidete Zauberer den Rest der Nacht in der Einsiedelei zu. Am
andern Morgen ging er, obgleich dies kein gewöhnlicher Ausgangstag für
die heilige Frau war, dennoch aus, denn er glaubte, es würde ihn niemand
darum fragen, und wenn man ihn fragte, so würde er schon zu antworten
wissen. Da er sich bei seiner Ankunft vor allen Dingen nach Alaeddins
Palast erkundigt hatte, und da er dort seine Rolle spielen wollte, so
nahm er sogleich seinen Weg dahin.
Jedermann hielt ihn für die heilige Frau, und so wurde er bald von einer
großen Menschenmasse umringt. Einige empfahlen sich seinem Gebet, andere
küßten ihm die Hand, andere, die noch ehrerbietiger waren, küßten bloß
den Saum seines Kleides, und noch andere, die entweder wirklich Kopfweh
hatten, oder sich nur dagegen verwahren wollten, neigten sich vor ihm,
damit er ihnen die Hände auflegen möchte, was er auch tat, indem er
einige gebetähnliche Worte murmelte; kurz, er ahmte die heilige Frau so
gut nach, daß jedermann ihn dafür ansah. Nachdem er mehrere Male
unterwegs stehen geblieben war, um solche Leute zu befriedigen, die von
dieser Art Händeauflegung weder einen Nutzen noch einen Schaden hatten,
kam er endlich auf den Platz vor Alaeddins Palast, wo sich noch mehr
Volk versammelt hatte, so daß es große Mühe kostete, sich ihm zu nähern.
Die Stärksten und Eifrigsten drängten sich mit Gewalt durch das Gewühl,
und darüber erhoben sich Klagen und ein solches Geschrei, daß man es in
dem Saal mit den vierundzwanzig Fenstern, wo die Prinzessin Bedrulbudur
war, hören konnte.
Die Prinzessin fragte, was der Lärm bedeuten sollte, und da es ihr
niemand sagen konnte, befahl sie nachzusehen und ihr Bericht
abzustatten. Eine ihrer Frauen sah, ohne den Saal zu verlassen, durch
ein Fenster und meldete ihr sodann, der Lärm komme von der Volksmenge
her, die die heilige Frau umgebe, um sich durch ihr Handauflegen das
Kopfweh vertreiben zu lassen.
Die Prinzessin, die schon lange Zeit viel Gutes von der heiligen Frau
gehört, sie aber noch nicht gesehen hatte, wurde neugierig, ihre
Bekanntschaft zu machen und mit ihr zu sprechen. Sobald sie etwas davon
verlauten ließ, sagte der Obere der Verschnittenen, wenn sie es wünsche,
so wolle er sie heraufkommen lassen. Die Prinzessin genehmigte es und er
fertigte sogleich vier Verschnittene ab mit dem Befehl, die angebliche
heilige Frau heraufzubringen.
Sobald die Verschnittenen zum Tore von Alaeddins Palast herauskamen und
auf den afrikanischen Zauberer zugingen, so wich die Menge auseinander,
und als dieser sich nun frei und die Verschnittenen auf sich zukommen
sah, so ging er ihnen mit um so größerer Freude entgegen, da sein
Schelmstück ihm einen guten Anfang zu nehmen schien. Einer von den
Verschnittenen nahm das Wort und sagte: »Heilige Frau, die Prinzessin
wünscht dich zu sprechen; komm und folge uns.« -- »Die Prinzessin erzeigt
mir viele Ehre,« antwortete die angebliche Fatime; »ich bin bereit, ihr
zu gehorchen.« Mit diesen Worten folgte er den Verschnittenen.
Als der Zauberer, der unter dem heiligen Kleide ein teuflisches Herz
verbarg, in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern eintrat und die
Prinzessin bemerkte, begann er mit einem Gebet, das eine lange Reihe von
Wünschen für ihr Wohlbefinden, ihr Glück und die Erfüllung alles
dessen, was sie nur begehren könnte, enthielt. Hierauf entfaltete er all
seine trügerische und heuchlerische Beredsamkeit, um sich unter dem
Mantel großer Frömmigkeit ins Herz der Prinzessin einzuschleichen, was
ihm auch um so leichter gelang, als die Prinzessin in ihrer natürlichen
Gutherzigkeit die Überzeugung hatte, alle Leute müßten ebenso gut sein,
wie sie, besonders aber diejenigen Männer und Frauen, die es sich zur
Pflicht machten, Gott in der Einsamkeit zu dienen.
Als die falsche Fatime ihre lange Anrede vollendet hatte, sagte die
Prinzessin zu ihr: »Meine gute Mutter, ich danke dir für deine schönen
Gebete, ich habe großes Vertrauen darauf und hoffe, daß Gott sie erhören
wird. Komm näher und setze dich zu mir.« Die falsche Fatime setzte sich
mit heuchlerischer Bescheidenheit. Hierauf nahm die Prinzessin wieder
das Wort und sagte: »Meine gute Mutter, ich bitte dich um etwas, das du
mir bewilligen mußt und nicht abschlagen darfst, nämlich darum, daß du
bei mir bleibst, mir die Geschichte deines Lebens erzählst und mich
durch deine guten Beispiele lehrst, wie ich Gott dienen soll.«