verlange nichts von mir, worin ich nicht willigen kann, ohne mich ganz
zu zerstreuen und von meinen Gebeten und frommen Übungen abzukommen.« --
»Das darf dich nicht beunruhigen,« erwiderte die Prinzessin, »ich habe
mehrere Zimmer, die nicht bewohnt sind, wähle dir eins daraus, welches
dir am besten zusagt, dann kannst du deine Übungen ebenso ruhig
verrichten, wie in deiner Einsiedelei.«
Der Zauberer, der keinen andern Zweck hatte, als in Alaeddins Palast zu
gelangen, wo es ihm viel leichter sein mußte, sein Schelmstück
auszuführen, als wenn er immer von der Einsiedelei in den Palast und von
da wieder zurück hätte hin und her gehen müssen, machte jetzt keine
großen Einwendungen mehr gegen das verbindliche Anerbieten der
Prinzessin und nahm es an. »Prinzessin,« sagte er zu ihr, »so fest auch
der Entschluß einer armen und elenden Frau, wie ich, sein muß, der Welt
und ihrer Pracht zu entsagen, so wage ich es doch nicht, dem Willen und
Befehl einer so frommen und mildtätigen Prinzessin zu widerstreben.«
Er folgte der Prinzessin Bedrulbudur und wählte unter ihren Zimmern
dasjenige, welches am wenigsten schön war, indem er mit heuchlerischem
Tone sagte: es sei noch viel zu gut für ihn und er wähle es bloß der
Prinzessin zu Gefallen.
Die Prinzessin wollte den Schurken in den Saal mit den vierundzwanzig
Fenstern zurückführen, damit er bei ihr zu Mittag speisen sollte. Da er
aber beim Essen sein bis jetzt immer noch verschleiertes Gesicht hätte
enthüllen müssen und fürchtete, die Prinzessin möchte den Betrug
durchschauen, so bat er sie, ihm zu erlauben, seine kleine Mahlzeit auf
seinem Zimmer zu sich zu nehmen.
Die Prinzessin speiste zu Mittag und die falsche Fatime unterließ nicht,
sich wieder bei ihr zu melden, sobald sie ihr durch einen Verschnittenen
hatte sagen lassen, daß sie von der Tafel aufgestanden sei. »Meine gute
Mutter,« sagte die Prinzessin zu ihr, »ich bin hoch erfreut, eine
heilige Frau, wie dich, zu besitzen, die diesem Palaste Segen bringen
wird. Ei, wie gefällt dir denn der Palast? Ehe ich dir aber Zimmer für
Zimmer zeige, so sage vor allem, was hältst du von diesem Saale?«
Die falsche Fatime, die um ihre Rolle besser spielen zu können, bisher
immer mit gesenkten Augen dagestanden war und ihren Kopf weder rechts
noch links hingewendet hatte, hob ihn endlich bei dieser Frage empor,
durchmusterte den Saal von einem Ende zum andern, und als sie ihn
genugsam betrachtet hatte, sagte sie: »Prinzessin, dieser Saal ist
wahrhaft bewunderungswürdig und ausgezeichnet schön. Indes scheint es
mir, so viel eine Einsiedlerin beurteilen kann, daß eine einzige Sache
daran fehle.« -- »Und was denn, meine gute Mutter?« fragte die Prinzessin
Bedrulbudur; »ich beschwöre dich, sage es mir. Ich für meinen Teil habe
immer geglaubt und auch sagen hören, daß er in allem vollkommen sei.
Wenn aber etwas daran fehlt, so will ich diesem Mangel abhelfen lassen.«
»Prinzessin,« erwiderte die falsche Fatime mit vieler Verstellung,
»verzeih, daß ich mir so viel Freiheit herausnehme. Meine Meinung, wenn
dir etwas daran liegen könnte, ist nämlich, daß wenn oben von der Mitte
dieser Kuppel ein Rochei herabhinge, dieser Saal in allen vier Teilen
der Welt seinesgleichen nicht haben und der Palast ein Wunder der Welt
sein würde.«
»Meine gute Mutter,« fragte die Prinzessin, »was für ein Vogel ist denn
der Roch, und woher könnte man wohl ein Ei von ihm bekommen?« --
»Prinzessin,« antwortete die falsche Fatime, »es ist dies ein Vogel von
bewundernswürdiger Größe, der auf der höchsten Spitze des Berges
Kaukasus wohnt; der Baumeister dieses Palastes wird dir schon ein
solches Ei verschaffen.«
Die Prinzessin Bedrulbudur dankte der falschen Fatime für ihren Rat, und
unterhielt sich mit ihr noch über eine Menge anderer Gegenstände; doch
vergaß sie das Rochei nicht, und nahm sich vor, mit Alaeddin darüber zu
sprechen, sobald er von der Jagd zurückgekehrt sein würde. Er war
nämlich seit sechs Tagen fort und der Zauberer, der dies recht gut
wußte, hatte seine Abwesenheit benützen wollen. Alaeddin kam noch an
demselben Tage abends zurück, als die falsche Fatime sich soeben von der
Prinzessin verabschiedet und auf ihr Zimmer begeben hatte. Er ging
sogleich ins Zimmer der Prinzessin, die soeben dahin zurückgekehrt war,
begrüßte und umarmte sie; allein es schien ihm, als ob sie ihn etwas
kalt empfinge. »Teure Prinzessin,« sagte er zu ihr, »ich finde dich
nicht so heiter, wie sonst. Ist in meiner Abwesenheit etwas vorgekommen,
das dir mißfallen und Verdruß oder Mißvergnügen verursacht hätte? Ich
beschwöre dich bei Gott, verhehle es mir nicht, denn ich werde alles
aufbieten, deinen Wunsch zu erfüllen, wenn es in meiner Macht steht.« --
»Es ist bloß eine Kleinigkeit,« antwortete die Prinzessin, »und die
Sache kümmert mich so wenig, daß es mir unbegreiflich ist, wie du es
meinem Gesichte hast anmerken können. Da du es jedoch wider mein
Erwarten wahrgenommen hast, so will ich dir die Ursache mitteilen,
obgleich sie nicht von Bedeutung ist.«
»Ich hatte,« fuhr die Prinzessin Bedrulbudur fort, »wie du auch, bisher
immer geglaubt, unser Palast sei der herrlichste, prachtvollste und
vollkommenste auf der ganzen Welt. Doch muß ich dir jetzt sagen, was für
ein Gedanke mir bei genauer Besichtigung des Saales mit den
vierundzwanzig Fenstern gekommen ist. Meinst du nicht auch, daß nichts
zu wünschen übrig bleiben würde, wenn mitten im Kuppelgewölbe ein Rochei
hinge?« -- »Prinzessin,« antwortete Alaeddin, »sobald du findest, daß
noch ein Rochei daran fehlt, so finde ich diesen Fehler auch, und aus
dem Eifer, womit ich diesem Mangel abhelfen werde, sollst du dich
überzeugen, daß es nichts gibt, was ich nicht dir zuliebe tun würde.«
Alaeddin verließ augenblicklich die Prinzessin Bedrulbudur, ging in den
Saal mit den vierundzwanzig Fenstern, zog die Lampe, die er nun überall,
wo er ging und stand, bei sich trug, aus seinem Busen hervor und rieb
sie. Sogleich erschien auch der Geist. »Geist,« sprach Alaeddin zu ihm,
»es fehlt dieser Kuppel noch ein Rochei, das mitten in ihrer Vertiefung
hängen muß: ich befehle dir nun im Namen der Lampe, daß du diesem Mangel
abhilfst.«
Kaum hatte Alaeddin diese Worte ausgesprochen, als der Geist ein so
lautes und entsetzliches Geschrei erhob, daß der Saal davon erbebte und
auch Alaeddin taumelte, so daß er beinahe zu Boden stürzte. »Wie,
Elender!« sagte der Geist in einem Tone zu ihm, der auch dem
unerschrockensten Manne Furcht eingeflößt haben würde, »ist es dir nicht
genug, daß meine Gefährten und ich dir zuliebe alles getan haben? Mußt
du auch noch mit einer Undankbarkeit, die ihresgleichen nicht hat,
befehlen, daß ich dir meinen Meister bringen und mitten in diesem
Kuppelgewölbe aufhängen soll? Dieser Frevel verdiente, daß du samt
deiner Frau und deinem Palaste auf der Stelle in Staub und Asche
verwandelt würdest. Zu deinem Glück bist du jedoch nicht selbst auf
diesen Gedanken gekommen, und der Wunsch geht nicht unmittelbar von dir
aus. Du mußt nämlich wissen, daß er von dem Bruder des afrikanischen
Zauberers, deines Feindes, herkommt, den du vertilgt hast, wie er
verdiente. Er befindet sich in deinem Palast im Anzug der heiligen Frau
Fatime, die er ermordet, und er hat deiner Frau das verderbliche
Verlangen eingegeben, das du gegen mich geäußert hast. Seine Absicht
ist, dich umzubringen, sei daher wohl auf deiner Hut.« Mit diesen Worten
verschwand er.
Alaeddin verlor keines von den letzten Worten des Geistes. Er hatte von
der heiligen Frau Fatime sagen gehört und wußte recht gut, wie sie dem
allgemeinen Glauben zufolge das Kopfweh heilte. Er ging nun aufs Zimmer
der Prinzessin zurück, und ohne ein Wort von dem zu sprechen, was ihm
soeben begegnet war, setzte er sich nieder, stützte seine Stirne auf
die Hand und sagte, es habe ihn plötzlich ein heftiges Kopfweh befallen.
Die Prinzessin befahl sogleich, die heilige Frau zu rufen, und während
sie geholt wurde, erzählte sie Alaeddin, wie sie in den Palast gekommen
sei und wie sie ihr darin ein Zimmer eingeräumt habe.
Die falsche Fatime kam, und sobald sie da war, sagte Alaeddin zu ihr:
»Komm her, meine gute Mutter, es freut mich, dich zu sehen, du bist
gerade zu meinem Glücke hierhergekommen. Ich bin soeben von einem
abscheulichen Kopfweh überfallen worden, und im Vertrauen auf deine
Gebete bitte ich dich um Hilfe, denn ich hoffe, daß die Wohltat, die du
schon so vielen mit dieser Krankheit Behafteten erwiesen hast, auch mir
nicht abschlagen werdest.« Mit diesen Worten stand er auf und bückte den
Kopf; die falsche Fatime näherte sich ihm, indem sie zugleich mit der
Hand nach einem Dolche griff, den sie unter ihrem Kleide am Gürtel
stecken hatte. Alaeddin aber, der sie genau beobachtete, fiel ihr in die
Hand, noch ehe sie vom Leder gezogen hatte, und durchbohrte sie mit
seinem Dolche, so daß sie tot auf dem Fußboden zusammenstürzte.
»Mein teurer Gemahl, was hast du getan?« rief die Prinzessin voll Angst,
»du hast die heilige Frau getötet!« -- »Nein, geliebte Prinzessin,«
antwortete Alaeddin mit großer Ruhe; »ich habe nicht Fatime getötet,
sondern einen Schurken, der mich ermordet hätte, wenn ich ihm nicht
zuvorgekommen wäre. Dieser Bösewicht, den du hier siehst,« fuhr er fort,
indem er ihn enthüllte, »hat die wahre Fatime erwürgt und sich in ihre
Kleider gesteckt, um mich zu erdolchen; mit einem Wort, er war der
Bruder des afrikanischen Zauberers, deines Räubers.« Alaeddin erzählte
ihr hierauf, auf welche Art er diese Umstände erfahren hatte, und ließ
sodann den Leichnam wegschaffen.
Auf diese Art wurde also Alaeddin von der Verfolgung der beiden
verbrüderten Zauberer befreit. Wenige Jahre darauf starb der Sultan in
hohem Alter. Da er keine männlichen Nachkommen hinterließ, so folgte ihm
die Prinzessin Bedrulbudur als gesetzmäßige Erbin auf dem Throne nach
und teilte ihre Herrschaft mit Alaeddin. Sie regierten miteinander viele
Jahre und hinterließen eine berühmte Nachkommenschaft.
[Illustration]
_Druck von F. Bruckmann A.G. in München_
Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine
Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 017: [Anführungszeichen ergänzt] wenn du ihn nicht gesehen hättest.«
S. 018: »Du hast gesehen, »fuhr der Zauberer fort -> »Du hast gesehen,«
S. 045: so muße er sich doch mit -> mußte
S. 059: aber die schechte Behandlung -> schlechte
S. 070: die Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten.« -> heiraten?«
S. 070: [Komma entfernt] ungeheuren Bedingungen, die mindeste
S. 072: zwanzig Sklaven herbeischafft -> herbeischaffst
S. 087: Ich besitze welche.« sagte der Sultan -> welche,« sagte
Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to
the original text.
p. 017: [added quotes] wenn du ihn nicht gesehen hättest.«
p. 018: »Du hast gesehen, »fuhr der Zauberer fort -> »Du hast gesehen,«
p. 045: so muße er sich doch mit -> mußte
p. 059: aber die schechte Behandlung -> schlechte
p. 070: die Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten.« -> heiraten?«
p. 070: [removed comma] ungeheuren Bedingungen, die mindeste
p. 072: zwanzig Sklaven herbeischafft -> herbeischaffst
p. 087: Ich besitze welche.« sagte der Sultan -> welche,« sagte
End of Project Gutenberg's Alaeddin und die Wunderlampe, by Kurt Moreck