Als der Sultan aufgestanden war, ging er wie gewöhnlich nach dem offenen

Erker, um sich das Vergnügen zu machen, Alaeddins Palast zu betrachten

und zu bewundern, erblickte aber nur einen leeren Platz. Im Anfang

glaubte er, er täusche sich und rieb sich die Augen; allein er sah so

wenig, als das erstemal, obgleich das Wetter sehr heiter, der Himmel

rein und die Morgenröte bereits aufgestiegen war. Er blickte rechts und

links und sah noch immer nichts. Sein Erstaunen war so groß, daß er

lange wie angewurzelt auf derselben Stelle stehen blieb, die Augen starr

nach der Seite hin geheftet, wo der Palast bisher gewesen, aber jetzt

nicht mehr zu sehen war; denn es war ihm unmöglich, zu begreifen, wie

ein so großer und ansehnlicher Palast auf einmal ganz spurlos

entschwunden sein solle. Endlich ließ er in aller Eile den Großvezier

rufen.

Der Großvezier ließ nicht lange auf sich warten. Er kam in solcher Eile,

daß weder er noch seine Leute im Vorbeigehen bemerkten, daß Alaeddins

Palast nicht mehr an seiner Stelle stand. Selbst die Pförtner hatten es

nicht bemerkt, als sie die Tore des Palastes öffneten. Der Großvezier

redete den Sultan also an: »Herr, die Eile, womit man mich berufen hat,

läßt mich schließen, daß irgend etwas Außerordentliches vorgefallen sein

muß; denn du weißt ja wohl, daß heute Ratssitzung ist, und ich mich

meiner Pflicht gemäß ohnehin in einigen Augenblicken eingestellt hätte.«

-- »Ja,« antwortete der Sultan, »es hat sich wirklich etwas sehr

Außerordentliches zugetragen und du wirst es selbst gestehen müssen.

Sprich, wo ist der Palast Alaeddins?« -- »Der Palast Alaeddins?«

erwiderte der Großvezier sehr erstaunt, »ich ging soeben daran vorbei,

und mich däuchte, er stand an seinem alten Platz. So gewaltige Gebäude

wie dieses ändern ihre Stelle nicht so leicht.« -- »Sieh einmal hinaus,«

entgegnete der Sultan, »und sag mir dann, ob du ihn gesehen hast.«

Der Großvezier begab sich in den offenen Erker, und es ging ihm, wie dem

Sultan. »Herr,« sagte der Großvezier, »du erinnerst dich vielleicht, daß

ich die Ehre hatte, dir zu sagen, der Palast, den du mit seinen

unermeßlichen Reichtümern so sehr bewunderst, könne bloß ein Werk der

Zauberei und eines Zauberers sein; allein du wolltest damals nicht auf

mich achten.«

Der Sultan, der dies nicht leugnen konnte, geriet in einen um so

größeren Zorn, als sein früherer Unglauben offenbar am Tage lag. »Wo ist

er,« rief er, »dieser Betrüger, dieser Schurke? Ich lasse ihm den Kopf

abschlagen.« -- »Herr,« antwortete der Großvezier, »man muß ihn fragen

lassen, wo sein Palast hingekommen ist, denn er allein kann es wissen.«

-- »Das wäre zu viele Schonung für ihn,« entgegnete der Sultan; »geh und

schicke dreißig von meinen Reitern ab, daß sie ihn in Ketten vor mich

führen.« Der Großvezier überbrachte den Reitern den Befehl des Sultans

und unterrichtete ihren Anführer, wie sie sich zu benehmen hätten, damit

er ihnen nicht entwischen könne. Sie gingen ab und trafen Alaeddin fünf

oder sechs Stunden von der Stadt auf dem Heimwege begriffen. Der

Anführer ritt auf ihn zu und sagte ihm, der Sultan habe großes

Verlangen, ihn wieder zu sehen, und deshalb habe er sie abgeschickt, um

es ihm zu melden und ihn nach Hause zu begleiten.

Alaeddin hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem wahren Grunde,

warum diese Abteilung der Leibwache des Sultans zu ihm gekommen war, und

ritt getrost weiter. Als er aber noch eine halbe Stunde von der Stadt

entfernt war, umringte ihn die Reiterschar, und der Anführer derselben

nahm das Wort und sagte zu ihm: »Prinz Alaeddin, mit großem Bedauern

haben wir dir zu erklären, daß wir vom Sultan Befehl haben, dich zu

verhaften und als Staatsverbrecher vor ihn zu führen; wir bitten dich,

es nicht übel aufzunehmen, wenn wir jetzt unsere Pflicht erfüllen, und

uns zu verzeihen.«

Alaeddin war äußerst überrascht, denn er fühlte sich unschuldig. Er

fragte den Anführer, ob er wisse, welches Verbrechens er angeklagt sei;

dieser aber antwortete, weder er noch seine Leute wüßten davon.

Da Alaeddin sah, daß seine Leute viel schwächer waren, als die

Reiterschar, und ihn sogar verließen, so stieg er vom Pferde ab und

sagte: »Hier bin ich, vollziehet euern Befehl. Übrigens kann ich

versichern, daß ich mir keines Verbrechens bewußt bin, weder gegen die

Person des Sultans, noch gegen den Staat.« Man warf ihm sogleich eine

sehr dicke und lange Kette an den Hals und band ihn damit auch mitten um

den Körper, so daß er die Arme nicht frei hatte. Der Anführer stellte

sich nun wieder an die Spitze des Zugs, einer der Reiter aber faßte das

Ende der Kette und führte so, hinter dem Anführer hinreitend, Alaeddin,

der zu Fuß folgen mußte, mit fort. In diesem Zustande wurde er in die

Stadt gebracht.

Als die Reiter in die Vorstadt kamen und man Alaeddin als

Staatsverbrecher daherführen sah, glaubte jedermann, es werde ihn den

Kopf kosten. Da er aber allgemein beliebt war, so ergriffen die einen

Säbel und andere Waffen, und die, welche keine hatten, bewaffneten sich

mit Steinen und folgten den Reitern nach. Einige von den Hintersten

schwenkten um und machten Miene, sie auseinanderzusprengen; allein die

Volksmasse wurde so groß, daß die Reiter sich glücklich schätzten, wenn

sie nur den Palast des Sultans erreichten, ohne daß Alaeddin ihnen

entrissen wurde. So gelangten sie endlich an den Platz vor dem Palaste,

wo sie sich alle in einer Linie aufstellten und gegen die bewaffnete

Volksmasse Front machten, bis ihr Befehlshaber und der Reiter, welcher

Alaeddin führte, in den Palast eingetreten waren und die Pförtner das

Tor hinter ihm geschlossen hatten.

Alaeddin wurde sofort vor den Sultan geführt, der ihn mit dem Großvezier

auf einem Balkon erwartete. Sobald er ihn sah, befahl er dem

Scharfrichter ihm den Kopf abzuhauen, ohne daß er ihn anhören oder

irgend einen Aufschluß von ihm haben wollte.

Der Scharfrichter bemächtigte sich Alaeddins, nahm ihm die Kette ab,

breitete sofort ein Leder, das mit dem Blute von unzähligen Verbrechern

befleckt war, auf den Boden, hieß ihn niederknieen und verband ihm die

Augen. Hierauf zog er sein Schwert, holte weit aus, ließ es dreimal in

der Luft blitzen und schickte sich an, den Todesstreich zu führen, indem

er nur noch auf ein Zeichen vom Sultan wartete, um Alaeddin den Kopf

abzuschlagen.

In diesem Augenblicke bemerkte der Großvezier, daß das Volk die Reiter

überwältigt hatte und auf den Schloßplatz gedrungen war, ja sogar, daß

einige die Mauern des Palastes an mehreren Stellen mit Leitern erstiegen

und bereits anfingen, sie niederzureißen, um eine Öffnung zu machen. Er

sagte daher zum Sultan, ehe er das Zeichen gab: »Herr, ich bitte dich,

daß du den Schritt, den du zu tun im Begriff bist, reiflich überlegen

mögest. Du läufst Gefahr, deinen Palast erstürmt zu sehen, und wenn dies

Unglück geschehe, so könnte es unheilbringende Folgen haben.« --

Als der Sultan die heftige Aufregung unter dem Volke sah, erschrak er

dermaßen, daß er augenblicklich dem Scharfrichter den Befehl gab, sein

Schwert wieder in die Scheide zu stecken, die Binde von Alaeddins Augen

wegzunehmen und ihn freizulassen. Zugleich befahl er seinen Trabanten

auszurufen, daß er Alaeddin Gnade schenke, und jedermann sich nun

entfernen möge.

Als nun das Volk sah, daß der Sultan Alaeddin Gerechtigkeit widerfahren

ließ und ihn begnadigte, entwaffnete sich sein Zorn, der Aufruhr hörte

auf und es gingen alle einer nach dem andern nach Hause.

Sobald Alaeddin sich wieder in Freiheit sah, schaute er nach dem Balkon

hinauf, und als er den Sultan bemerkte, so rief er ihm in rührendem Tone

zu: »Herr, ich bitte dich, mir zu der bereits erwiesenen Gnade noch eine

neue zu schenken und mich wissen zu lassen, was mein Verbrechen ist.« --

»Was es ist, du Schurke!« erwiderte der Sultan; »weißt du es noch nicht?

Komm einmal hier herauf, so will ich dir es zeigen.«

Alaeddin ging hinauf und trat vor den Sultan. Er führte ihn an den

offenen Erker.

Alaeddin sah hinaus und erblickte den ganzen Platz, den sein Palast

sonst eingenommen hatte, da er aber nicht begreifen konnte, wie er hatte

verschwinden können, so machte ihn dieses seltsame und überraschende

Ereignis so bestürzt, daß er dem Sultan kein einziges Wort erwidern

konnte.

Der Sultan wiederholte voll Ungeduld die Frage: »Sag mir doch, wo der

Palast und meine Tochter ist?« Endlich brach Alaeddin das Stillschweigen

und sagte: »Herr, ich sehe wohl, daß der Palast, den ich erbauen ließ,

verschwunden ist, kann dir aber nicht sagen, wo er sein mag. Nur so viel

kann ich versichern, daß ich keinen Teil an diesem Ereignis habe.«

»Mir liegt nichts daran, was aus deinem Palaste geworden ist,«

antwortete der Sultan. »Meine Tochter ist mir millionenmal lieber. Du

mußt sie mir zurückgeben, sonst lasse ich dir den Kopf abschlagen.«

»Herr,« antwortete Alaeddin, »ich flehe dich an, daß du mir vierzig Tage

Frist gebest, um meine Maßregeln zu treffen, und gelingt es mir in

dieser Zeit nicht, so gebe ich dir mein Wort, daß ich selbst meinen Kopf

zu den Füßen deines Thrones niederlegen will, damit du nach Belieben

darüber verfügest.« -- »Ich bewillige dir diese Frist von vierzig Tagen,«

erwiderte der Sultan; »aber glaube ja nicht, daß du meine Gnade

mißbrauchen und meinem Zorn entfliehen könnest. In welchem Winkel der

Erde du sein magst, ich werde dich zu finden wissen.«

Alaeddin ging mit gesenktem Haupte über die Höfe des Palastes und war so

beschämt, daß er es nicht wagte, die Augen aufzuschlagen. Die

vornehmsten Hofbeamten, von denen er keinen einzigen beleidigt hatte und

die vorher seine Freunde gewesen, waren jetzt weit entfernt, sich ihm zu

nähern oder ihm eine Zufluchtsstätte anzubieten; nein, sie kehrten ihm

den Rücken, damit sie ihn nicht sehen mußten und er sie nicht erkennen

möchte. Alaeddin kannte sich selbst nicht mehr und war seines Verstandes

nimmer mächtig. Diejenigen, die in freundschaftlicher Verbindung oder

sonst in einem Verkehr mit ihm gestanden hatten, wurden von wahrhaftem

Mitleid ergriffen. Er blieb drei Tage in der Stadt, indem er sich bald

nach dieser, bald nach jener Seite hin wendete und nichts aß, als was

ihm mitleidige Menschen reichten, im übrigen aber keinen Entschluß

faßte.

Endlich, da er in diesem elenden Zustande nicht länger in einer Stadt

verweilen wollte, wo er früher den vornehmen Herrn gespielt hatte,

entfernte er sich aus derselben und schlug den Weg nach dem Felde ein.

Er vermied die großen Heerstraßen, und nachdem er in schrecklicher

Ungewißheit mehrere Felder durchirrt hatte, kam er mit Anbruch der Nacht

an das Ufer eines Flusses. Hier faßte er einen Gedanken der

Verzweiflung. »Wo soll ich jetzt meinen Palast suchen?« sagte er bei

sich selbst. »In welcher Provinz, in welchem Lande, in welchem Teile der

Welt werde ich ihn und meine vielgeliebte Prinzessin wiederfinden, die

der Sultan von mir fordert? Dies wird mir nie gelingen; deshalb ist es

besser, ich befreie mich auf einmal von all diesen Mühseligkeiten und

dem bittern Kummer, der mein Herz zerfrißt.« Schon hatte er den

Entschluß gefaßt, sich in den Fluß zu werfen, doch glaubte er als guter

und frommer Muselmann dies nicht tun zu können, bevor er sein Gebet

verrichtet hätte. Indem er sich nun dazu anschicken wollte, näherte er

sich dem Rande des Wassers, um sich der Landessitte gemäß die Hände und

das Gesicht zu waschen. Da aber die Stelle etwas abschüssig und naß war,

so glitt er aus und wäre in den Fluß gefallen, wenn er sich nicht noch

an einem kleinen Felsstück gehalten hätte, das etwa zwei Zoll hoch

hervorragte. Glücklicherweise besaß er noch den Ring, den der

afrikanische Zauberer ihm an den Finger gesteckt hatte. Diesen Ring rieb

er ziemlich stark an dem Felsen, als er sich daran hielt, und

augenblicklich stand derselbe Geist vor ihm, der ihm in dem

unterirdischen Gewölbe erschienen war, wo der afrikanische Zauberer ihn

eingesperrt hatte. »Was willst du?« sagte der Geist; »ich bin bereit,

dir zu gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer, die den

Ring am Finger haben, sowohl ich, als die andern Sklaven des Ringes.«

Alaeddin, der in seiner verzweiflungsvollen Lage durch diese Erscheinung

angenehm überrascht war, antwortete: »Geist, rette mir zum zweitenmal

das Leben und zeige mir, wo der Palast ist, den ich erbauen ließ, oder

sorge, daß er unverzüglich wieder an seinen alten Platz zurückgetragen

wird.« -- »Was du hier verlangst,« antwortete der Geist, »liegt nicht in

meinem Wirkungskreise, ich bin bloß Sklave des Rings; wende dich deshalb

an den Sklaven der Lampe.« -- »Wenn dem so ist,« versetzte Alaeddin, »so

befehle ich dir kraft des Ringes, versetze mich sogleich an den Ort, wo

mein Palast ist und bringe mich unter die Fenster der Prinzessin

Bedrulbudur.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als der Geist ihn

nahm und nach Afrika mitten auf eine große Wiese trug, auf der der

Palast nicht weit von einer großen Stadt stand; er setzte ihn dicht

unter den Fenstern der Prinzessin nieder und ließ ihn dann allein. Alles

dies war das Werk eines Augenblicks.

Ungeachtet der Dunkelheit der Nacht erkannte Alaeddin recht gut seinen

Palast und die Zimmer der Prinzessin Bedrulbudur. Da es indes schon weit

in der Nacht und im Palast alles ruhig war, so ging er etwas abseits und

setzte sich unter einen Baum. Hier gab er sich neuen Hoffnungen hin, und

indem er Betrachtungen anstellte über sein Glück, das er einem bloßen

Zufalle verdankte, wurde sein Gemüt wieder weit ruhiger. Er hing eine

Weile diesen angenehmen Gedanken nach, aber da er seit fünf oder sechs

Tagen kein Auge mehr geschlossen hatte, so überwältigte ihn zuletzt der

Schlaf und er schlummerte am Fuße des Berges ein.

Als am folgenden Tage die Morgenröte anbrach, wurde Alaeddin sehr

angenehm erweckt durch den Gesang der Vögel, die teils auf dem Baume,

unter dem er lag, teils auch auf den dickbelaubten Bäumen im Garten

seines Palastes die Nacht zugebracht hatten. Er warf sogleich seine

Augen auf dieses bewundernswürdige Gebäude und fühlte eine

unaussprechliche Freude, daß er jetzt Hoffnung habe, wieder Herr

desselben zu werden und aufs neue seine teure Prinzessin Bedrulbudur zu

besitzen. Er stand auf und näherte sich den Zimmern der Prinzessin, dann

ging er unter ihren Fenstern eine Weile spazieren und wartete, bis sie

erwachen würde und sich sehen ließe. Inzwischen dachte er bei sich

selbst darüber nach, woher wohl die Ursache seines Unglücks gekommen

sein möge, und nachdem er sich lange hin und her besonnen, zweifelte er

nicht mehr daran, sein ganzes Mißgeschick könne bloß davon herrühren,

daß er seine Lampe aus den Augen verloren habe. Er machte sich nun

Vorwürfe über seine Nachlässigkeit, und daß er nicht Sorge getragen

habe, sie keinen Augenblick aus der Hand zu lassen. Was ihn noch mehr in

Verlegenheit setzte, war, daß er sich gar nicht einbilden konnte, wer

wohl auf sein Glück eifersüchtig sei. Dies wäre ihm zwar klar geworden,

wenn er gewußt hätte, daß er und sein Palast sich in Afrika befänden;

allein der dienstbare Geist des Ringes hatte es ihm nicht gesagt, und er

hatte ihn auch nicht darum gefragt. Sonst hätte ihn schon der Name

Afrika sogleich an den afrikanischen Zauberer, seinen abgesagten Feind,

erinnert.

Die Prinzessin Bedrulbudur stand diesmal früher als gewöhnlich auf, seit

ihrer Entführung durch die Tücke des afrikanischen Zauberers, dessen

Anblick sie bisher täglich einmal hatte ertragen müssen, weil er der

Herr des Palastes war; sie hatte ihn jedoch jedesmal so spröde

behandelt, daß er es noch nicht gewagt hatte, seinen Wohnsitz darin

aufzuschlagen. Als sie angekleidet war, sah eine ihrer Frauen zufällig

durchs Gitterfenster, bemerkte Alaeddin und verkündete es sogleich ihrer

Gebieterin. Die Prinzessin, die diese Nachricht nicht glauben konnte,

lief schnell ans Fenster, bemerkte Alaeddin ebenfalls und öffnete das

Gitter. Bei dem Geräusch, das dadurch entstand, hob Alaeddin den Kopf in

die Höhe, erkannte sie und begrüßte sie mit einer Miene, auf der

überschwengliche Freude sich abspiegelte. »Um keine Zeit zu verlieren,«

sagte die Prinzessin zu ihm, »habe ich dir die geheime Türe öffnen

lassen, tritt durch dieselbe ein und komm herauf.«

Es ist unmöglich, die Freude zu beschreiben, die die beiden Ehegatten

empfanden, als sie sich nach einer Trennung, die sie ewig geglaubt

hatten, endlich wiedersahen. Sie umarmten sich mehrere Male und gaben

sich alle Beweise von Liebe und Zärtlichkeit, die man nach einer so

traurigen und unerwarteten Trennung nur erdenken kann. Nach diesen

Umarmungen, in die sich Tränen der Freude mischten, setzten sie sich,

und Alaeddin nahm das Wort und sprach: »Prinzessin, bevor wir von irgend

etwas anderem sprechen, beschwöre ich dich im Namen Gottes, sowohl um

deiner selbst als um deines verehrungswürdigen Vaters, des Sultans, und

besonders auch um meinetwillen, sage mir, was ist aus meiner alten Lampe

geworden, die ich, bevor ich auf die Jagd ging, in dem Saal mit den

vierundzwanzig Fenstern auf das Kranzgesimse gestellt hatte?«

»Ach, teurer Gemahl,« antwortete die Prinzessin, »ich habe mir's wohl

gedacht, daß unser beiderseitiges Unglück von dieser Lampe herkomme, und

was mich untröstlich macht, ist, daß ich selbst daran schuld bin.« --

»Prinzessin,« erwiderte Alaeddin, »miß dir die Schuld nicht bei, sie ist

ganz auf meiner Seite, denn ich hätte die Lampe sorgsamer aufbewahren

sollen. Jetzt aber laß uns nur daran denken, den Schaden wieder

gutzumachen und deshalb erzähle mir, wie die Sache zugegangen und in

welche Hände die Lampe geraten ist.«

Die Prinzessin Bedrulbudur erzählte hierauf Alaeddin alles, unter

welchen Umständen sie die alte Lampe gegen die neue ausgetauscht und wie

sie in der folgenden Nacht die Versetzung des Palastes bemerkt und sich

am andern Morgen in einem unbekannten Lande gefunden habe, wo sie jetzt

beide seien und das Afrika heiße. Letzteres hatte sie aus dem Munde des

Schurken selbst erfahren, der sie durch seine Zauberkunst hierher

versetzt hatte.

»Prinzessin,« unterbrach sie Alaeddin, »du hast mir den Schurken

deutlich genug bezeichnet, indem du mir sagtest, daß ich mit dir in

Afrika bin. Er ist der abscheulichste aller Menschen; doch ist jetzt

weder Zeit noch Ort, dir seine Schlechtigkeiten ausführlicher zu

erzählen, und ich bitte dich bloß, mir zu sagen, was er mit der Lampe

angefangen und wo er sie aufbewahrt hat.« -- »Er trägt sie wohl

eingehüllt in seinem Busen,« erwiderte die Prinzessin, »ich kann dies

mit Bestimmtheit sagen, da er sie in meiner Gegenwart herausgezogen und

enthüllt hat, um sich damit zu brüsten.«

»Prinzessin,« unterbrach sie Alaeddin, »ich glaube ein Mittel gefunden

zu haben, uns beide von unserm gemeinschaftlichen Feinde zu befreien.

Ich werde gegen Mittag zurückkommen, um dir dann meinen Plan

mitzuteilen, und was du zum Gelingen desselben beizutragen hast. Doch

sage ich dir zum voraus, wundere dich nicht, wenn du mich in einer

andern Kleidung zurückkommen siehst, und gib Befehl, daß man mich an der

geheimen Türe, wenn ich klopfe, nicht lange warten läßt.« Die Prinzessin

versprach, man werde ihn an der Türe erwarten und schnell öffnen.

Als Alaeddin hinausgegangen war, bemerkte er einen Bauersmann, der aufs

Feld ging.

Er ging zu ihm und machte ihm den Antrag, die Kleider mit ihm zu

wechseln, worauf der Bauer endlich auch einging. Der Umtausch geschah

hinter einem Gebüsch, und als sie sich getrennt hatten, schlug Alaeddin

den Weg nach der Stadt ein und ging bis an den Platz, wo die Kaufleute

und Handwerker ihre besondere Gasse hatten. Er trat nun in die Gasse der

Materialienhändler, ging in den größten und bestausgestatteten Laden und

fragte den Kaufmann, ob er nicht ein gewisses Pulver habe, das er ihm

nannte. Der Kaufmann, der aus Alaeddins Kleidung schloß, er müsse arm

sein und werde nicht Geld genug haben, um ihn zu bezahlen, antwortete,

er habe zwar dieses Pulver, allein es sei sehr teuer. Alaeddin erriet

seine Gedanken, zog seinen Beutel aus der Tasche, ließ einige Goldstücke

hervorblinken und verlangte dann eine halbe Drachme von dem Pulver. Der

Kaufmann wog so viel ab, wickelte es ein, übergab es Alaeddin und

forderte ein Goldstück dafür. Alaeddin händigte es ihm ein, und ohne

sich in der Stadt länger aufzuhalten, als nötig war, um einige Nahrung

zu sich zu nehmen, kehrte er nach seinem Palaste zurück. Er brauchte an

der geheimen Türe nicht lange zu warten, sie wurde ihm sogleich

geöffnet, und so ging er ins Gemach der Prinzessin Bedrulbudur hinauf.

»Geliebte,« sprach er zu ihr, »da du so großen Widerwillen gegen deinen

Entführer hast, so wird es dir vielleicht schwer werden, den Rat zu

befolgen, den ich dir jetzt gebe. Bedenke aber, daß du dich notwendig

verstellen und dir einige Gewalt antun mußt, wenn du dich von seinen

Nachstellungen befreien und dem Sultan, deinem Vater und meinem Herrn,

die Freude machen willst, dich wieder zu sehen. Befolge also meinen Rat,

schmücke dich sogleich mit deinen schönsten Kleidern, und wenn der

afrikanische Zauberer kommt, so empfange ihn aufs freundlichste. Du

darfst dir aber keinen Zwang und keine Befangenheit anmerken lassen,

sondern mußt ihm ein heiteres Gesicht zeigen. Im Gespräch gib ihm sodann

zu erkennen, daß du dir alle Mühe gebest, mich zu vergessen; und um ihn

vollkommen von deiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, lade ihn zum

Abendessen ein und drücke den Wunsch aus, den besten Wein seines Landes

zu kosten. Er wird dann weggehen, um dir welchen zu holen. Indes du nun

den Schenktisch in Bereitschaft setzen lässest, so schütte in einen der

Becher, der dem deinigen gleich ist, dies Pulver hier, stelle ihn sodann

auf die Seite und befiehl derjenigen von deinen Frauen, die das

Schenkamt versieht, sie soll ihn dir auf ein verabredetes Zeichen voll

Wein bringen und sich ja in acht nehmen, daß kein Irrtum dabei vorgeht.

Wenn dann der Zauberer zurückkommt, und ihr beide bei Tische sitzet und

nach Herzenslust gegessen und getrunken habt, so laß den Becher mit dem

Pulver bringen und vertausche deinen Becher mit dem seinen. Er wird dies

als eine so hohe Gunst ansehen, daß er es nicht ablehnen, sondern den

Becher bis auf den Grund austrinken wird; kaum aber wird er ihn geleert

haben, so wirst du ihn rücklings hinsinken sehen. Wenn es dich anekelt,

aus seinem Becher zu trinken, so stelle dich wenigstens, als ob du

tränkest, und du hast dabei nichts zu befürchten; denn das Pulver wird

seine Wirkung schnell tun.«

Darauf antwortete die Prinzessin: »Ich gestehe dir, daß es mich

Überwindung kostet, dem Zauberer auf diese Art entgegenzukommen. Aber

welcher Entschließung ist man nicht fähig gegen einen so grausamen

Feind! Ich werde also tun, wie du mir rätst, da sowohl meine als deine

Ruhe davon abhängt.« Darauf verabschiedete sich Alaeddin von der

Prinzessin, und brachte den übrigen Teil des Tages in der Umgebung des

Palastes zu, um sich mit Anbruch der Nacht wieder bei der geheimen Türe

einzufinden. Sobald Alaeddin sich entfernt hatte, setzte sie sich an

ihren Putztisch, ließ sich durch ihre Frauen aufs prächtigste schmücken

und legte das reichste Kleid an. Ihr Gürtel war von eitel Gold und mit

den größten auserlesensten Diamanten ausgelegt; um den Hals legte sie

eine Schnur aus Perlen. Die Armbänder, die mit Rubinen und Diamanten

besetzt waren, entsprachen aufs trefflichste dem Reichtum des Gürtels

und der Halsschnur.

Als die Prinzessin Bedrulbudur vollständig angekleidet war, setzte sie

sich auf ihren Sofa und erwartete die Ankunft des afrikanischen

Zauberers.

Sobald die Prinzessin ihn in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern

eintreten sah, stand sie mit allem Glanze ihrer Schönheit und Reize auf,

wies ihm mit der Hand den Ehrenplatz an, den er einnehmen sollte, und

setzte sich dann zugleich mit ihm: eine ganz ausgezeichnete Artigkeit,

die sie ihm bisher noch nie erwiesen hatte.

Alaeddin und die Wunderlampe aus Tausend und eine Nacht · 第 7 / 9 段