In dieser Ordnung zog die Prinzessin den Teppich entlang vom Palaste des

Sultans bis zum Palaste Alaeddins, und je mehr sie vorwärts kamen, desto

mehr mischte und vereinigte sich das Spiel ihrer Musikchors mit dem, das

sich von den Terrassen an Alaeddins Palast herab hören ließ, und bildete

mit diesem ein Konzert, das, so seltsam und verwirrt es auch schien,

gleichwohl die allgemeine Freude vermehrte.

Endlich langte die Prinzessin bei dem neuen Palaste an, und Alaeddin

eilte mit einer Freude, die sich leicht denken läßt, an den Eingang der

für sie bestimmten Zimmer, um sie daselbst zu empfangen. Alaeddins

Mutter hatte der Prinzessin bereits ihren Sohn, der von glänzender

Dienerschaft umgeben war, bezeichnet, und die Prinzessin fand ihn so

schön, daß sie ganz bezaubert wurde. »Teuerste Prinzessin,« sagte

Alaeddin zu ihr, indem er auf sie zuging und sie voll Ehrerbietung

begrüßte, »sollte ich das Unglück haben, dir durch meine Verwegenheit,

womit ich nach dem Besitz einer so liebenswürdigen Prinzessin, der

Tochter meines Sultans, trachtete, zu mißfallen, so mußt du die Schuld

deinen schönen Augen und der Macht deiner Reize zuschreiben, nicht aber

mir.« -- »Prinz,« antwortete ihm die Prinzessin, »-- denn als solcher

erscheinst du mir -- ich gehorche dem Willen des Sultans, meines Vaters,

und kann, nachdem ich dich gesehen, wohl sagen, daß ich ihm ohne

Sträuben und gerne gehorche.« Alaeddin war hocherfreut über diese

angenehme und verbindliche Antwort, nahm ihre Hand, küßte sie mit vieler

Zärtlichkeit und führte sie in einen großen, von Wachskerzen

erleuchteten Saal, wo auf Veranstaltung des Geistes ein herrliches Mahl

aufgetragen war. Die Schüsseln waren von gediegenem Gold und mit den

köstlichsten Speisen angefüllt. Die Vasen, die Becken und die Becher,

womit der Tafelaufsatz reichlich besetzt war, waren ebenfalls von Gold

und von auserlesener Arbeit. Auch die übrigen Verzierungen und der ganze

Ausschmuck des Saals entsprachen dieser hohen Pracht. Die Prinzessin war

ganz bezaubert, so viele Reichtümer beisammen zu sehen, und sprach zu

Alaeddin: »Prinz, ich hatte bisher geglaubt, daß es nichts Schöneres auf

der Welt geben könne, als den Palast des Sultans, meines Vaters; aber

schon dieser Saal allein überzeugt mich, daß ich mich getäuscht habe.«

Die Prinzessin Bedrulbudur, Alaeddin und seine Mutter setzten sich jetzt

zu Tische und sogleich begann eine sehr liebliche und harmonische Musik

nebst einem reizenden Gesang von schönen Mädchen. Die Prinzessin war wie

bezaubert und versicherte, im Palaste des Sultans, ihres Vaters, nie

etwas Ähnliches gehört zu haben. Aber sie wußte nicht, daß diese

Sängerinnen Feen waren, die der Geist, der Sklave der Lampe, hiezu

ausgewählt hatte.

Es war nahe an Mitternacht, als Alaeddin, der damals in China

bestehenden Sitte zufolge aufstand und der Prinzessin Bedrulbudur die

Hand bot, um mit ihr zu tanzen und damit die Hochzeitsfeierlichkeit zu

schließen. Als dies vorüber war, hielt Alaeddin der Prinzessin Hand, und

sie gingen miteinander in das Zimmer, wo das hochzeitliche Lager für sie

bereitet war. Die Frauen der Prinzessin kleideten sie aus und brachten

sie zu Bette, Alaeddins Diener taten dasselbe und dann entfernten sich

alle. So endigten die Lustbarkeiten zur Feier der Hochzeit Alaeddins und

der Prinzessin Bedrulbudur.

Am andern Morgen, als Alaeddin erwachte, kamen seine Kammerdiener, um

ihn anzukleiden. Sie zogen ihm ein anderes, aber nicht minder reiches

und prachtvolles Kleid an, als am Hochzeitstage. Hierauf ließ er sich

eines seiner Leibpferde vorführen, bestieg es und begab sich mit einem

zahlreichen Gefolge von Sklaven, die vor und hinter ihm und zu beiden

Seiten gingen, nach dem Palaste des Sultans. Der Sultan empfing ihn mit

denselben Ehrenbezeugungen wie das erstemal; er umarmte ihn, ließ ihn

neben sich auf seinen Thron sitzen und befahl, das Frühmahl aufzutragen.

»Herr,« sagte Alaeddin zu ihm, »ich bitte dich, mir heute diese Ehre zu

erlassen. Ich komme, um dich zu ersuchen, daß du mir die Ehre erzeigen

mögest, mit deinem Großvezier und den Vornehmen deines Hofes im Palaste

der Prinzessin ein Mittagsmahl einzunehmen.« Der Sultan bewilligte dies

sehr gern. Er stand sogleich auf, und da der Weg nicht weit war, so

wollte er zu Fuße dahin gehen. Er brach also auf und zu seiner Rechten

ging Alaeddin, zur Linken der Großvezier und die Vornehmen des Hofes,

voraus die Trabanten und die Angesehensten seines Hauses.

Je näher der Sultan dem Palaste Alaeddins kam, um so mehr verwunderte er

sich über seine Schönheit. Noch weit höher stieg seine Verwunderung, als

er eingetreten war. Als ihn aber Alaeddin in den Saal mit den

vierundzwanzig Fenstern führte, und er die Verzierungen desselben,

besonders aber die mit den größten und ausgezeichnetsten Diamanten,

Rubinen und Smaragden geschmückten Gitterfenster betrachtete, wurde er

davon so überrascht, daß er eine Weile regungslos stand.

Der Sultan besah und bewunderte nun die Schönheit der vierundzwanzig

Gitterfenster. Doch indem er sie zählte, fand er, daß bloß

dreiundzwanzig so reich geschmückt waren, und wunderte sich sehr, daß

man das vierundzwanzigste unvollendet gelassen hatte. »Mein Sohn,«

sprach der Sultan zu Alaeddin, »dies ist der bewunderungswürdigste Saal,

der in der ganzen Welt zu sehen ist. Nur über etwas muß ich mich

wundern, daß nämlich das Gitterfenster hier unvollendet geblieben ist.

Ist dies aus Vergeßlichkeit geschehen, oder aus Nachlässigkeit, oder

haben vielleicht die Handwerksleute nicht Zeit genug gehabt, an dieses

schöne Denkmal der Baukunst die letzte Hand anzulegen?« -- »Herr,«

antwortete Alaeddin, »das Gitterfenster ist mit Absicht so unvollendet

geblieben, wie du siehst. Ich wünschte nämlich, daß du selbst den Ruhm

haben solltest, den Saal und Palast vollenden zu lassen, und nun ersuche

ich dich, meine gute Absicht gnädig aufzunehmen, damit ich mich deiner

Gunst und Gnade rühmen kann.« -- »Wenn du es in dieser Absicht getan

hast,« antwortete der Sultan, »so weiß ich dir vielen Dank dafür und

werde augenblicklich die nötigen Befehle geben.« Wirklich ließ er

sogleich die am besten mit Edelsteinen versehenen Juweliere und die

geschicktesten Goldschmiede seiner Hauptstadt rufen.

Der Sultan verließ indes den Saal, und Alaeddin führte ihn in den, wo er

die Prinzessin Bedrulbudur am Hochzeitstage bewirtet hatte. Die

Prinzessin empfing den Sultan, ihren Vater, mit einer Miene, woraus

deutlich zu erkennen war, daß sie mit ihrer Ehe sehr wohl zufrieden sein

mußte. Zwei Tafeln standen da, mit den köstlichsten Speisen besetzt, und

das Tafelgeschirr war alles von Gold. Der Sultan setzte sich an die

erste und speiste mit der Prinzessin, seiner Tochter, mit Alaeddin und

dem Großvezier. Die übrigen Großen des Hofes wurden an der zweiten

bewirtet, die sehr lang war.

Als der Sultan vom Tisch aufgestanden war, meldete man ihm, die

Juweliere und Goldschmiede, die er hatte rufen lassen, seien jetzt da.

Er ging mit ihnen in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern und zeigte

ihnen das Fenster, das noch unvollendet war. »Ich habe euch kommen

lassen,« sagte er zu ihnen, »damit ihr mir dieses Fenster ausbauet und

es ebenso schön macht wie die andern.«

Die Juweliere und Goldschmiede sahen sich die dreiundzwanzig Fenster

sehr genau an, und nachdem sie sich miteinander beraten hatten und

darüber eins geworden waren, welche Arbeit jeder einzelne zu liefern

hätte, traten sie wieder vor den Sultan und der Hofjuwelier nahm das

Wort und sagte: »Herr, wir sind bereit, alle Mühe und Fleiß anzuwenden,

um dir zu gehorchen; aber, aufrichtig gestanden, so viel wir unser hier

sind, so haben wir doch alle miteinander weder so kostbare, noch so

viele Edelsteine, als zu einer so bedeutenden Arbeit erforderlich sind.«

-- »Ich besitze welche,« sagte der Sultan, »und zwar weit mehr, als ihr

brauchen werdet; kommt in meinen Palast, so will ich sie euch zeigen,

damit ihr wählet.«

Als der Sultan in seinen Palast zurückgekehrt war, ließ er alle seine

Edelsteine bringen, und die Goldschmiede nahmen sehr viele davon,

besonders von denen, die Alaeddin ihm geschenkt hatte. Sie brachten sie

an dem Fenster an, ohne daß man den Fortschritt ihrer Arbeit sonderlich

gemerkt hätte, und kamen zu wiederholten Malen, um neue zu holen; aber

in einem Monat hatten sie noch nicht die Hälfte des Werkes vollendet.

Endlich verwendeten sie alle Edelsteine des Sultans, der noch vom

Großvezier dazu entlehnte, brachten aber höchstens die Hälfte des

Fensters zustande.

Alaeddin, der wohl sah, daß der Sultan sich vergebens bemühte, dieses

Fenster den übrigen gleich machen zu lassen, und daß er nicht viel Ehre

dabei aufhob, ließ die Goldschmiede kommen und sagte ihnen, sie sollen

nicht nur ihre Arbeit einstellen, sondern auch das, was sie bisher

zuwege gebracht, wieder auseinandernehmen und dem Sultan und Großvezier

ihre Edelsteine zurückgeben.

So wurde denn das Werk, wozu die Juweliere und Goldschmiede mehr als

sechs Wochen verwendet hatten, binnen wenigen Stunden zerstört. Sie

entfernten sich dann und Alaeddin blieb allein im Saale zurück. Er zog

die Lampe heraus, die er bei sich hatte, rieb sie und sogleich erschien

der Geist. »Geist,« sprach Alaeddin zu ihm, »ich hatte dir befohlen,

eines der vierundzwanzig Gitterfenster des Saales unvollendet zu lassen,

und du hast diesen Befehl befolgt: jetzt habe ich dich kommen lassen,

daß du es den übrigen gleich machen sollst.« Der Geist verschwand und

Alaeddin ging aus dem Saale. Als er eine Weile darauf wieder hinaufkam,

fand er das Gitterfenster in dem gewünschten Zustand und ganz wie die

übrigen.

Inzwischen kamen die Juweliere und Goldschmiede in den Palast, wurden in

das Audienzzimmer geführt und dem Sultan vorgestellt. Der erste Juwelier

überreichte ihm die Edelsteine, die sie zurückbrachten, und sagte im

Namen aller zu ihm: »Beherrscher des Erdkreises, du weißt, wie lange wir

schon mit dem angestrengtesten Fleiße arbeiten, um das Werk zu

vollenden, das du uns aufgetragen hast. Es war schon sehr weit gediehen,

als Alaeddin uns nötigte, nicht nur die Arbeit einzustellen, sondern

auch alles, was wir zuwege gebracht hatten, zu zerstören und dir deine

und des Großveziers Edelsteine zurückzubringen.« Der Sultan gab sogleich

Befehl, ihm ein Pferd vorzuführen; er bestieg es und ritt zum Palaste

Alaeddins.

Der Sultan sagte zu Alaeddin: »Mein Sohn, ich komme selbst, um dich zu

fragen, warum du denn einen so prächtigen und einzigen Saal, wie der in

deinem Palaste ist, unvollendet lassen willst?«

Alaeddin verhehlte den wahren Grund, daß nämlich der Sultan nicht reich

genug an Edelsteinen wäre, um einen so großen Aufwand zu bestreiten, und

antwortete ihm: »Herr, es ist wahr, du hast den Saal unvollendet

gesehen, aber ich bitte dich, sieh jetzt einmal, ob noch etwas daran

fehlt.«

Nachdem der Sultan sich überzeugt, daß das Gitterfenster, woran seine

Goldschmiede so lange gearbeitet hatten, in so kurzer Zeit vollendet

worden war, umarmte er Alaeddin und küßte ihn zwischen die Augen und auf

die Stirne. »Mein Sohn,« sagte er hierauf voll Verwunderung zu ihm, »was

für ein Mann bist du, daß du so erstaunliche Werke zuwege bringst, ehe

man eine Hand umkehrt? Du hast auf der ganzen Welt nicht deinesgleichen,

und je mehr ich dich kennen lerne, um so bewunderungswürdiger finde ich

dich.«

Alaeddin nahm die Lobsprüche des Sultans mit vieler Bescheidenheit auf

und antwortete ihm folgendermaßen: »Herr, es ist ein großer Ruhm für

mich, das Wohlwollen und den Beifall meines Königs zu verdienen; auch

versichere ich dir, daß ich stets alles aufbieten werde, um mich

desselben immer mehr und mehr würdig zu machen.«

Der Sultan kehrte in seinen Palast zurück, wo der Großvezier ihn

erwartete. Noch voll Staunen über das Wunder, das er mit eigenen Augen

gesehen, erzählte ihm der Sultan alles.

Alaeddin verschloß sich nicht in seinem Palaste; er zeigte sich in der

Stadt, indem er bald in diese, bald in jene Moschee ging, um sein Gebet

zu verrichten, oder von Zeit zu Zeit dem Großvezier einen Besuch

abstattete, der sich beeiferte, ihm an bestimmten Tagen seine Aufwartung

zu machen, oder er erwies auch zuweilen einigen Vornehmen am Hofe, die

er öfters in seinem Palaste bewirtete, die Ehre, sie zu Haus zu

besuchen. Jedesmal wenn er ausritt, hatte er ein zahlreiches Gefolge von

Sklaven um sich, und zwei von ihnen mußten auf den Straßen und Plätzen,

durch die er kam und wo sich immer eine große Volksmenge einfand, ganze

Hände voll Gold auswerfen. Kein Armer erschien an der Pforte seines

Palastes, ohne sehr vergnügt über die Gaben, die auf seinen Befehl

ausgeteilt wurden, zurückzukehren.

Da Alaeddin seine Zeit so eingeteilt hatte, daß er jede Woche wenigstens

einmal auf die Jagd ging, bald in die nächsten Umgebungen der Stadt,

bald auch in weitere Ferne, so zeigte er sich auf den Straßen und auf

den Dörfern ebenso freigebig. Dieses großmütige Benehmen machte, daß das

ganze Volk ihn mit Segenswünschen überhäufte und zuletzt nicht höher

schwor, als bei seinem Haupte. Ja man kann, ohne den Sultan in Schatten

zu stellen, wohl sagen, daß Alaeddin sich durch seine Leutseligkeit und

Freigebigkeit die Zuneigung des ganzen Volkes erworben hatte und im

allgemeinen mehr geliebt wurde als der Sultan selbst. Mit allen diesen

schönen Eigenschaften verband er eine Tapferkeit und einen Eifer für das

Wohl des Staats, den man nicht genug loben kann. Beweise davon gab er

bei Gelegenheit eines Aufruhrs an den Grenzen des Reichs. Kaum hatte er

erfahren, daß der Sultan ein Heer ausrüstete, um ihn zu dämpfen, so bat

er ihn, ihm den Oberbefehl zu übergeben. Sobald er nun an der Spitze des

Heeres stand, führte er es so schnell und mit solchem Eifer ins Feld,

daß der Sultan die Niederlage, Bestrafung und Zerstreuung der Aufrührer

eher vernahm, als seine Ankunft beim Heere. Diese Tat, die seinen Namen

im ganzen Reiche berühmt machte, verdarb doch sein Herz nicht; er kehrte

zwar sieggekrönt zurück, blieb aber immer noch so mild und leutselig wie

zuvor.

Alaeddin hatte bereits mehrere Jahre auf diese Art gelebt, als der

Zauberer in Afrika sich seiner erinnerte. Obwohl er bisher des festen

Glaubens gelebt hatte, Alaeddin müsse in dem unterirdischen Gewölbe

zugrunde gegangen sein, so bekam er doch auf einmal Lust, genau zu

erfahren, welches Ende er genommen habe. Als großer Meister in der

Punktierkunst entdeckte er, daß Alaeddin nicht nur nicht in dem

unterirdischen Gewölbe gestorben sei, sondern sich daraus gerettet habe

und in großem Glanz und gewaltigem Reichtum, vermählt mit einer

Prinzessin, hochgeehrt und geachtet lebe.

[Illustration]

[Illustration]

Kaum hatte der afrikanische Zauberer mittels seiner teuflischen Kunst

diese Entdeckung gemacht, so stieg ihm das Blut ins Gesicht. Voll

Wut sagte er zu sich selbst: »Dieser elende Schneiderssohn hat also das

Geheimnis und die Wunderkraft der Lampe entdeckt; ich hielt seinen Tod

für gewiß und nun genießt er die Frucht meiner Arbeiten und Nachtwachen!

Aber eher will ich untergehen, als ihn noch länger in seinem Glücke

lassen.« Er hatte seinen Entschluß schnell gefaßt, bestieg gleich am

andern Morgen einen Berberhengst, den er im Stalle hatte und machte sich

auf den Weg. So kam er von Stadt zu Stadt, und von Land zu Land, ohne

sich unterwegs länger aufzuhalten, als sein Pferd zum Ausruhen Zeit

brauchte, bis nach China und bald auch in die Hauptstadt des Sultans. Er

stieg in einem öffentlichen Wirtshause ab und mietete sich ein Zimmer.

Hier blieb er den noch übrigen Teil des Tages und die folgende Nacht, um

sich von den Beschwerden der Reise zu erholen.

Am andern Morgen wünschte der afrikanische Zauberer vor allem zu

erfahren, was man von Alaeddin spreche. Indem er nun durch die Stadt

spazierte, trat er in ein sehr berühmtes und von vornehmen Leuten stark

besuchtes Teehaus. Kaum hatte er Platz genommen, als man ihm eine Schale

Tee einschenkte. Während er trank, horchte er rechts und links und

hörte, daß man von Alaeddins Palaste sprach. Als er ausgetrunken hatte,

näherte er sich einem, um ihn beiseite zu nehmen und ihn zu fragen, was

denn das für ein Palast sei, von dem man so rühmend spreche. »Woher bist

denn du, Freund?« erwiderte ihm der Angeredete. »Du mußt erst seit ganz

kurzem hier sein, wenn du den Palast des Prinzen Alaeddin noch nicht

gesehen oder wenigstens noch nicht einmal davon reden gehört hast.« Man

nannte nämlich Alaeddin immer so, seitdem er die Prinzessin Bedrulbudur

geheiratet hatte. »Ich sage nicht,« fuhr der Mann fort, »daß es eins von

den Wunderwerken der Welt ist, sondern ich behaupte vielmehr, daß er das

einzige Wunder auf der Welt ist. Sieh ihn einmal selbst an und urteile,

ob ich dir nicht die Wahrheit berichtet habe.« -- »Verzeih meine

Unwissenheit,« antwortete der afrikanische Zauberer, »ich bin gestern

hier angelangt und komme in der Tat so weit her, ich kann sagen vom

äußersten Ende Afrikas. Meine Neugierde ist so groß, daß ich sie

sogleich befriedigen möchte, wenn du nur die Güte hättest, mir den Weg

zu zeigen.«

Jener, an den sich der afrikanische Zauberer gewandt hatte, machte sich

ein Vergnügen daraus, ihm den Weg nach Alaeddins Palast zu beschreiben,

und der afrikanische Zauberer ging dahin. Als er angekommen war und den

Palast von allen Seiten genau betrachtet hatte, zweifelte er nicht mehr

daran, daß Alaeddin sich der Lampe bedient haben müsse, denn er wußte

recht gut, daß solche Wunderwerke nur von den Geistern der Lampe

geschaffen werden konnten. Voll Ärger über das Glück und die Größe

Alaeddins, der sich nicht von dem Sultan unterschied, kehrte er nach dem

Wirtshaus zurück, wo er abgestiegen war.

Nun brauchte er nur noch zu wissen, wo die Lampe war, ob Alaeddin sie

bei sich trug oder irgendwo aufbewahrte, und um dies zu entdecken, mußte

der Zauberer seine Punktierkunst zu Hilfe nehmen. Aus seinen Versuchen

erkannte er, daß die Lampe in Alaeddins Palast war, und war außer sich

vor Freude über eine solch wichtige Entdeckung. »Ich muß sie bekommen,

diese Lampe,« sagte er, »und Trotz sei Alaeddin geboten, ob er mich

hindern kann, sie ihm zu entreißen und ihn in die Niedrigkeit wieder

hinabzudrücken, aus der er so hoch emporgestiegen ist.«

Das Unglück wollte, daß Alaeddin damals gerade auf acht Tage auf die

Jagd gegangen und erst seit drei Tagen fort war; der afrikanische

Zauberer erfuhr dies.

Er ging in den Laden eines Mannes, der Lampen zum Verkauf machte, und

sagte zu diesem: »Meister, ich möchte zwölf kupferne Lampen haben:

kannst du sie mir liefern?« Der Lampenverkäufer antwortete, es fehlten

ihm zwar noch einige, wenn er sich aber bis morgen gedulden wolle, so

könne er ihm ein volles Dutzend liefern. Der Zauberer war es zufrieden

und empfahl ihm, sie müssen recht hübsch und blank sein; nachdem er ihm

noch eine gute Bezahlung versprochen hatte, ging er in sein Wirtshaus

zurück.

Am andern Tage wurde das Dutzend Lampen dem afrikanischen Zauberer

abgeliefert, der, ohne zu markten, den verlangten Preis dafür bezahlte.

Er legte sie in einen Korb, ging mit diesem Korb am Arm nach Alaeddins

Palast und fing, als er in der Nähe war, an zu rufen: »Wer will alte

Lampen gegen neue austauschen?« Als die kleinen Kinder, die auf dem

Platze spielten, dies hörten, liefen sie herbei und sammelten sich um

ihn, denn sie hielten ihn für einen Narren. Auch die Vorübergehenden

lachten über seine Dummheit. Der afrikanische Zauberer aber fuhr fort,

seine Ware anzubieten und laut zu schreien: »Wer will alte Lampen gegen

neue austauschen?« Er wiederholte dies so oft, auf dem Platze vor dem

Palast und in der Nähe desselben auf- und abgehend, daß die Prinzessin

Bedrulbudur, die gerade in dem Saale mit den vierundzwanzig Fenstern

war, die Stimme des Mannes hörte; da sie aber wegen des Geschreies der

Kinder nicht verstand, was er ausrief, so schickte sie eine ihrer

Sklavinnen hinab, um zu sehen, was der Lärm bedeute.

Die Sklavin kam bald wieder mit lautem Lachen in den Saal. Sie lachte so

herzlich, daß die Prinzessin bei ihrem Anblick ebenfalls lachen mußte.

»Nun, du Närrin,« sagte sie endlich, »wirst du mir nicht sagen, warum du

so lachst?« -- »Herrin,« antwortete die Sklavin, immerfort lachend, »wie

könnte man auch anders, wenn man einen Narren sieht, der einen Korb voll

schöner, ganz neuer Lampen am Arm hat, aber sie nicht verkaufen, sondern

nur gegen alte austauschen will. Der Lärm aber, den du hörst, kommt von

den Kindern her, die ihn verhöhnen.«

Nach diesem Bericht nahm eine andere Sklavin das Wort und sagte: »Da von

alten Lampen die Rede ist, so weiß ich nicht, ob die Prinzessin schon

bemerkt hat, daß hier auf dem Kranzgesims eine solche steht. Der

Eigentümer wird es wohl nicht übelnehmen, wenn er statt der alten eine

neue findet. Wenn es der Prinzessin genehm ist, so kann sie sich den

Spaß machen, zu erproben, ob dieser Narr wirklich verrückt genug ist,

eine neue Lampe für eine alte zu geben, ohne etwas herauszuverlangen.«

Die Lampe, von der die Sklavin sprach, war eben die Wunderlampe, die

Alaeddin zu seiner Größe verholfen hatte, und er selbst hatte sie, bevor

er auf die Jagd ging, auf das Kranzgesims gestellt, um sie nicht zu

verlieren: eine Vorsichtsmaßregel, die er jedesmal anwendete. Aber weder

die Sklavinnen, noch die Verschnittenen, noch die Prinzessin selbst

hatten sie jemals während seiner Abwesenheit bemerkt. Außer der Zeit, wo

er auf der Jagd war, trug er sie immer bei sich. Man wird nun sagen,

diese Vorsicht Alaeddins sei recht gut gewesen, aber er hätte seine

Lampe wenigstens einschließen sollen. Dies ist freilich wahr, doch

dergleichen Versehen sind zu jeder Zeit begangen worden, werden noch

täglich begangen und noch in Zukunft begangen werden.

Die Prinzessin Bedrulbudur, die von dem hohen Wert der Lampe nichts

wußte, und sich nicht denken konnte, daß es für Alaeddin, der gar nie

davon sprach, von so hoher Wichtigkeit sein könnte, sie unberührt zu

lassen und aufzubewahren, ging auf den Scherz ein und befahl einem

Verschnittenen, sie zu nehmen und umzutauschen. Der Verschnittene

gehorchte, ging die Treppe hinab, und war kaum aus dem Tore des

Palastes, als er den afrikanischen Zauberer bemerkte. Er rief ihn, und

als er zu ihm kam, zeigte er ihm die alte Lampe und sagte: »Gib mir eine

neue Lampe für diese da.«

Der afrikanische Zauberer zweifelte nicht, daß dies die Lampe sei, die

er suchte. Er nahm sie dem Verschnittenen schnell aus der Hand, schob

sie in seinen Busen und überreichte ihm dann seinen Korb, damit er nach

Belieben eine auswählen könnte. Ohne sich länger in der Nähe von

Alaeddins Palast aufzuhalten, machte er sich ganz unvermerkt aus dem

Staube.

Der afrikanische Zauberer brachte den Rest des Tages in einem Versteck

zu, bis ein Uhr nachts, wo die Finsternis am größten war. Jetzt zog er

die Lampe aus seinem Busen und rieb sie. Auf diesen Ruf erschien der

Geist sogleich. »Was willst du?« fragte er ihn, »ich bin bereit dir zu

gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller, die die Lampe in der

Hand haben; ich und die andern Sklaven der Lampe.« -- »Ich befehle dir,«

antwortete der afrikanische Zauberer, »daß du augenblicklich den Palast,

den du oder die andern Sklaven der Lampe in der Stadt erbaut, so wie er

ist, mit allen seinen lebenden Bewohnern aufhebst und zugleich mit mir

an den und den Ort nach Afrika versetzest.« Ohne etwas zu antworten,

schaffte der Geist mit Hilfe der übrigen der Lampe dienstbaren Geister

in sehr kurzer Zeit sowohl ihn selbst, als den ganzen Palast an den

bezeichneten Ort in Afrika. Wir wollen indes den afrikanischen Zauberer

und den Palast samt der Prinzessin Bedrulbudur in Afrika lassen und nur

von dem Erstaunen des Sultans reden.

Alaeddin und die Wunderlampe aus Tausend und eine Nacht · 第 6 / 9 段