Der Sultan war nicht imstande, die Begrüßung der Mutter Alaeddins

aufmerksam anzuhören. Schon beim ersten Blick auf die vierzig goldenen

Becken, die bis zum Rande mit den strahlendsten, glänzendsten und

kostbarsten Edelsteinen angefüllt waren, und auf die achtzig Sklaven,

die man für Könige halten konnte, war er so überrascht, daß er sich von

seinem Staunen nicht erholen konnte. Statt also den Gruß von Alaeddins

Mutter zu erwidern, wandte er sich an den Großvezier, der ebensowenig

begreifen konnte, woher so viele Reichtümer gekommen sein sollen. »Nun

Vezier,« sagte er laut zu ihm, »was denkst du von dem, wer es auch sein

mag, der mir ein so reiches und außerordentliches Geschenk schickt, ohne

daß wir beide ihn kennen? Hältst du ihn für unwürdig, meine Tochter, die

Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten?«

So schmerzlich es nun auch dem Großvezier war, zu sehen, daß ein

Unbekannter den Vorzug vor seinem Sohne erhalten und der Eidam des

Sultans werden sollte, so wagte er es doch nicht, seine Ansicht zu

verhehlen. Es war zu augenscheinlich, daß Alaeddins Geschenk mehr als

hinreichend war, um ihn dieser hohen Ehre würdig zu machen. Er

antwortete also dem Sultan ganz nach seinem Sinn und sprach: »Herr, es

sei ferne von mir, zu glauben, daß derjenige, der dir ein deiner so

würdiges Geschenk gemacht hat, der Ehre, die du ihm zudenkst, unwürdig

wäre; ja ich würde die Behauptung wagen, er verdiene noch weit mehr,

wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es auf der ganzen Welt keinen so

kostbaren Schatz gibt, der die Prinzessin, deine Tochter, aufwiegen

könnte.« Die Herren vom Hofe, die der Sitzung beiwohnten, gaben durch

ihre Beifallsbezeugungen zu erkennen, daß sie ebenso dachten wie der

Großvezier.

Der Sultan verschob jetzt die Sache nicht länger und erkundigte sich

nicht einmal, ob Alaeddin auch die übrigen erforderlichen Eigenschaften

besitze, um sein Schwiegersohn werden zu können. Schon der Anblick

dieser unermeßlichen Reichtümer und die Schnelligkeit, mit der Alaeddin

sein Verlangen erfüllt hatte, ohne in den ungeheuren Bedingungen die

mindeste Schwierigkeit zu finden, war ihm Beweis genug, daß ihm nichts

zu einem vollendeten Mann fehlen könne, wie er ihn sich wünschte. Um

daher Alaeddins Mutter vollkommen zu befriedigen, sagte er zu ihr: »Gehe

jetzt, gute Frau, und sage deinem Sohn, daß ich ihn erwarte und mit

offenen Armen aufnehmen werde; je schneller er kommen wird, um die

Prinzessin, meine Tochter, aus meiner Hand zu empfangen, je mehr wird er

mir Freude machen.«

Hoch erfreut, ihren Sohn wider alles Erwarten auf einer so hohen Stufe

des Glücks zu erblicken, eilte Alaeddins Mutter nach Hause; der Sultan

aber schloß die Sitzung für heute, stand von seinem Throne auf und

befahl, daß die Verschnittenen der Prinzessin die goldenen Becken nehmen

und nach den Zimmern ihrer Gebieterin tragen sollen, wohin er selbst

ging, um sie mit Muße näher zu betrachten.

Indes kam Alaeddins Mutter mit einem Gesichte, das ihre gute Botschaft

voraus verkündete, nach Hause.

Alaeddin, der über ihre Nachricht hoch erfreut war, gab seiner Mutter

eine kurze Antwort und ging auf sein Zimmer. Er nahm die Lampe, die ihm

bisher in allen Nöten und bei allen seinen Wünschen so hilfreich gewesen

war, und kaum hatte er sie gerieben, als der Geist durch sein

unverzügliches Erscheinen seinen fortdauernden Gehorsam an den Tag

legte. »Geist,« sagte Alaeddin zu ihm, »ich habe dich gerufen, damit du

mir sogleich ein Bad bereiten sollst, und sobald ich es genommen habe,

will ich, daß du mir die reichste und prachtvollste Kleidung bringst,

die jemals ein König getragen hat.« Kaum hatte er dies gesprochen, als

der Geist sowohl ihn als sich unsichtbar machte, aufhob und in ein Bad

trug, das von äußerst feinem, schönem und buntgestreiftem Marmor gebaut

war. Ohne daß er sah, wer ihn bediente, wurde er in einem sehr schönen

und geräumigen Saale entkleidet. Aus dem Saale ließ man ihn in das Bad

treten, wo er gerieben und mit allerhand wohlriechenden Wassern

gewaschen wurde. Nachdem er in den verschiedenen Badestuben alle Grade

der Wärme durchgemacht hatte, kam er wieder heraus, aber ganz anders,

als er eingetreten war. Seine Gesichtsfarbe war frisch, weiß und rosig

geworden, und sein ganzer Leib weit leichter und geschmeidiger. Als er

in den Saal zurückkam, fand er das Kleid, das er dort gelassen hatte,

nicht mehr; der Geist hatte statt dessen eine andere Kleidung gebracht.

Alaeddin war ganz erstaunt, als er die Pracht des Anzugs sah. Er

kleidete sich mit Hilfe des Geistes an und bewunderte jedes Stück, ehe

er es anzog: so sehr übertraf es alles, was er sich bisher nur hatte

denken können. Als er fertig war, trug ihn der Geist in dasselbe Zimmer

zurück, wo er ihn abgeholt hatte, und fragte ihn, ob er noch etwas zu

befehlen habe. »Ja,« antwortete Alaeddin; »ich erwarte auf der Stelle

von dir, daß du mir ein Pferd herführst, dessen Schönheit und

Schnelligkeit das kostbarste Pferd im Stalle des Sultans übertrifft;

die Decke, der Sattel, der Zaum und überhaupt das Geschirr muß über eine

Million wert sein. Auch verlange ich, daß du mir zu gleicher Zeit

zwanzig Sklaven herbeischaffst, die ebenso reich und schmuck gekleidet

sein müssen, wie die, welche das Geschenk trugen, denn sie sollen mir

zur Seite und als mein Gefolge einhergehen; und noch zwanzig andere der

Art, die in zwei Reihen vor mir herziehen sollen. Auch meiner Mutter

bring sechs Sklavinnen zu ihrer Bedienung, die alle wenigstens ebenso

reich gekleidet sein müssen, wie die Sklavinnen der Prinzessin

Bedrulbudur, und jede einen vollständigen Anzug auf dem Kopfe tragen

soll, der so prächtig und stattlich sein muß, als wäre er für die

Sultanin. Ferner brauche ich noch zehntausend Goldstücke in zehn

Beuteln. Das war es, was ich dir noch zu befehlen hatte; geh und beeile

dich.«

Sobald Alaeddin dem Geiste diese Befehle gegeben hatte, verschwand

dieser und erschien bald wieder mit dem Pferde, den vierzig Sklaven, von

denen zehn je einen Beutel mit tausend Goldstücken trugen, und die sechs

Sklavinnen, wovon jede einen verschiedenen Anzug für Alaeddins Mutter,

in Silberstoff eingewickelt, auf dem Kopfe trug. Der Geist übergab dies

alles an Alaeddin.

Alaeddin nahm von den zehn Beuteln nur vier, die er seiner Mutter gab,

damit sie sich derselben in Notfällen bedienen sollte. Die sechs andern

ließ er in den Händen der Sklaven, welche sie trugen, mit dem Befehl,

sie zu behalten und während ihres Zuges durch die Straßen nach dem

Palaste des Sultans handvollweise unter das Volk auszuwerfen. Auch

befahl er ihnen, sie sollten dicht vor ihm, drei zur Rechten und drei

zur Linken, einhergehen. Endlich gab er seiner Mutter die sechs

Sklavinnen und sagte ihr, sie gehörten ihr und sie könne als Gebieterin

über sie verfügen; auch die Kleider, die sie trugen, seien für ihren

Gebrauch bestimmt.

Als Alaeddin alle seine Angelegenheiten geordnet hatte, entließ er den

Geist mit der Erklärung, daß er ihn rufen werde, sobald er seiner

bedürfe, worauf dieser augenblicklich verschwand. Jetzt machte sich

Alaeddin fertig, dem Wunsche des Sultans, der ihn sehen wollte, zu

entsprechen. Er fertigte einen der vierzig Sklaven -- ich will nicht

sagen den schönsten, denn sie waren alle gleich -- nach dem Palaste ab,

mit dem Befehl, er solle sich an den Obersten der Türsteher wenden und

ihn fragen, wann er wohl die Ehre haben könne, sich dem Sultan zu Füßen

zu werfen. Der Sklave entledigte sich seines Auftrages sehr schnell und

brachte die Nachricht zurück, daß der Sultan ihn mit Ungeduld erwarte.

Alaeddin stieg nun unverzüglich zu Pferde und setzte sich mit seinem

Zuge in der schon angezeigten Ordnung in Bewegung. Obgleich er nie zuvor

ein Roß bestiegen hatte, so zeigte er doch dabei so edlen Anstand, daß

selbst der erfahrenste Reiter ihn nicht für einen Neuling hätte halten

können. Die Straßen, durch die er kam, füllten sich in einem Nu mit einer

unübersehbaren Volksmasse an, von deren Beifalls-, Bewunderungs- und

Segensrufen die Luft wiederhallte, besonders wenn die sechs Sklaven,

welche die Beutel trugen, ganze Hände voll Goldstücke rechts und links

in die Luft warfen. Der Beifallsruf kam indes nicht von dem Pöbel her,

der sich drängte, stieß und niederdrückte, um Goldstücke aufzulesen,

sondern von den wohlhabenderen Zuschauern, die sich nicht enthalten

konnten, der Freigebigkeit Alaeddins öffentlich das verdiente Lob zu

spenden. Nicht bloß die, die sich erinnerten, ihn noch in seinen

Jünglingsjahren mit den Gassenbuben spielend gesehen zu haben, erkannten

ihn nicht mehr, sondern auch solche, die ihn noch vor kurzem gesehen

hatten, erkannten ihn kaum, so sehr hatten sich seine Gesichtszüge

verändert. Dies kam daher, daß die Lampe unter andern Eigenschaften auch

die hatte, den Besitzern allmählich alle Vollkommenheiten zu verleihen,

welche dem Rang, zu dem sie durch ihren guten Gebrauch gelangten,

angemessen waren.

Endlich langte Alaeddin vor dem Palaste an, wo alles zu seinem Empfang

in Bereitschaft gesetzt war. Als er vor das zweite Tor kam, wollte er,

der Sitte gemäß, die selbst der Großvezier, die Feldhauptleute und

Oberstatthalter beobachteten, absteigen; allein der Oberste der

Türsteher, der ihn auf Befehl des Sultans dort erwartete, ließ es nicht

zu und begleitete ihn bis an den großen Versammlungs- oder Audienzsaal,

wo er ihm absteigen half, obwohl Alaeddin sich sehr dagegen sträubte und

es nicht dulden wollte: er konnte es aber nicht hindern.

Als der Sultan Alaeddin erblickte, war er ebenso überrascht durch seine

reiche und prachtvolle Kleidung, als auch besonders durch seinen edlen

Anstand, seinen herrlichen Wuchs und seine würdevolle Haltung, die er um

so weniger erwartet hatte, als sie von dem niedrigen Anzuge seiner

Mutter himmelweit verschieden war. Seine Verwunderung und Überraschung

hinderte ihn indes nicht, aufzustehen und zwei oder drei Stufen des

Thrones herabzusteigen, damit Alaeddin sich nicht zu seinen Füßen werfen

und er ihn freundschaftlich umarmen konnte. Nach dieser Höflichkeit

wollte sich Alaeddin gleichwohl vor ihm niederwerfen, allein der Sultan

hielt ihn mit eigener Hand zurück und nötigte ihn, heraufzusteigen und

sich zwischen ihn und den Großvezier zu setzen.

Hierauf nahm Alaeddin das Wort und sprach: »Herr, ich nehme die Ehre,

die du mir erzeigst, an, weil es dir in deiner Gnade beliebt, sie mir zu

erweisen; erlaube mir aber, dir zu sagen, daß ich nicht vergessen habe,

wie ich dein geborner Sklave bin, daß ich die Größe deiner Macht kenne

und wohl weiß, wie tief meine Herkunft mich unter den Glanz und die

Herrlichkeit des hohen Ranges stellt, in welchem du stehst. Wenn ich

durch irgend etwas einen günstigen Empfang verdient haben sollte, so

gestehe ich, daß ich ihn bloß jener durch einen reinen Zufall

veranlaßten Kühnheit verdanke, die mich bewog, meine Augen, Gedanken und

Wünsche bis zu der erhabenen Prinzessin zu erheben, die der Gegenstand

meiner Sehnsucht ist. Ich bitte dich für diese Verwegenheit um

Verzeihung, großer König, aber ich kann nicht verhehlen, daß ich vor

Schmerz sterben würde, wenn ich die Hoffnung aufgeben müßte, meinen

Wunsch erfüllt zu sehen.«

»Mein Sohn,« antwortete der Sultan, indem er ihn abermals umarmte, »du

würdest mir unrecht tun, wenn du auch nur einen Augenblick an der

Aufrichtigkeit meines Versprechens zweifeln wolltest. Dein Leben ist mir

fortan zu teuer, als daß ich es nicht durch Darbietung des Heilmittels,

worüber ich verfügen kann, zu erhalten suchen sollte. Ich ziehe das

Vergnügen, dich zu sehen und zu hören, allen meinen und deinen Schätzen

vor.«

Bei diesen Worten gab der Sultan ein Zeichen, und alsbald ertönte die

Luft vom Schall der Hoboen und Pauken; zugleich führte der Sultan

Alaeddin in einen prachtvollen Saal, wo ein herrliches Festmahl

aufgetragen wurde. Der Sultan speiste ganz allein mit Alaeddin. Der

Großvezier und die vornehmen Herren vom Hofe standen ihnen, jeder nach

seinem Rang und Würde, während der Mahlzeit zur Seite. Der Sultan, der

die Augen fortwährend auf Alaeddin geheftet hatte, lenkte das Gespräch

auf verschiedene Gegenstände. Während der ganzen Unterhaltung aber, die

sie über Tisch miteinander führten, und auf welchen Gegenstand auch das

Gespräch fallen mochte, sprach Alaeddin mit so viel Kenntnis und

Verstand, daß er den Sultan vollends ganz in der guten Meinung

bestärkte, die er gleich anfangs von ihm gefaßt hatte.

Nach dem Mahle ließ der Sultan den obersten Richter seiner Hauptstadt

rufen und befahl ihm, sogleich den Ehevertrag zwischen der Prinzessin

Bedrulbudur, seiner Tochter, und Alaeddin zu entwerfen und aufzusetzen.

Als der Richter den Vertrag mit allen erforderlichen Förmlichkeiten

vollendet hatte, fragte der Sultan Alaeddin, ob er im Palaste bleiben

und die Hochzeit noch heute feiern wolle. »Herr,« antwortete Alaeddin,

»so brennend auch mein Verlangen ist, deine Gnade und Huld in ihrem

ganzen Umfange zu genießen, so bitte ich doch, daß du mir so lange noch

Frist gestattest, bis ich einen Palast habe erbauen lassen, um die

Prinzessin ihrem Range und ihrer Würde gemäß zu empfangen. Ich erbitte

mir hiezu einen angemessenen Platz vor dem deinigen aus, damit ich recht

nahe bin, um dir meine Aufwartung machen zu können. Ich werde nichts

unterlassen und dafür sorgen, daß er in möglichst kurzer Zeit vollendet

wird.« -- »Mein Sohn,« sagte der Sultan, »wähle dir jede Stelle aus, die

du für passend hältst; vor meinem Palaste ist leerer Raum genug, und ich

selbst habe schon daran gedacht, ihn auszufüllen; aber bedenke, daß ich

je eher je lieber dich mit meiner Tochter vermählt zu sehen wünsche, um

das Maß meiner Freude voll zu machen.« Bei diesen Worten umarmte er

Alaeddin abermals, und dieser verabschiedete sich vom Sultan mit so

feinem Anstand, wie wenn er von jeher am Hofe gewesen und dort erzogen

worden wäre.

Alaeddin stieg nun wieder zu Pferde und kehrte in demselben Zuge, wie er

gekommen war, nach Hause zurück. Kaum war er abgestiegen, so nahm er

die Lampe und rief den Geist, wie gewöhnlich. »Geist,« sprach Alaeddin

zu ihm, »ich habe alle Ursache, deine Pünktlichkeit zu rühmen; du hast

bisher alle Befehle, die ich dir kraft dieser Lampe, deiner Herrin,

gegeben habe, pünktlich erfüllt. Heute aber handelt es sich darum, daß

du aus Liebe zu ihr womöglich noch mehr Eifer und Gehorsam an den Tag

legen sollst, als bisher. Ich verlange nämlich, daß du mir in möglichst

kurzer Zeit gegenüber vom Palaste des Sultans einen Palast erbauen

lässest, der würdig ist, die Prinzessin Bedrulbudur, meine Gemahlin,

aufzunehmen. Die Wahl der Materialien, nämlich Porphyr oder Jaspis,

Achat oder Lasurstein, oder auch den feinsten buntgestreiften Marmor,

sowie die übrige Einrichtung des Baues überlasse ich ganz dir; doch

erwarte ich, daß du mir oben hinauf einen großen Saal mit einer Kuppel

und vier gleichen Seiten bauest, dessen Wände aus wechselnden Schichten

von echtem Gold und Silber aufgeführt sein müssen, mit vierundzwanzig

Fenstern, sechs auf jeder Seite, deren Vergitterung mit Ausnahme eines

einzigen, welches unvollendet bleiben soll, kunstreich und ebenmäßig mit

Diamanten, Rubinen und Smaragden geschmückt sein muß, so daß dergleichen

noch nie auf der Welt gesehen worden ist. Ferner will ich, daß sich bei

dem Palaste ein Vorhof, ein Hof und ein Garten befinde; vor allen Dingen

aber muß an einem Ort, den du mir bezeichnen wirst, ein Schatz von

gemünztem Gold und Silber, und außerdem mehrere Küchen, Speisekammern,

Magazine und Gerätekammern voll der kostbarsten Geräte für jede

Jahreszeit und der Pracht des Palastes angemessen, vorhanden sein; dann

noch Ställe voll der schönsten Pferde und der gehörigen Anzahl

Stallmeister und Stallknechte. Auch einen Jagdzug darfst du nicht

vergessen, und es versteht sich von selbst, daß du auch noch für

hinlängliche Dienerschaft für die Küche und den übrigen Haushalt, sowie

für die gehörige Anzahl Sklavinnen zur Bedienung der Prinzessin, zu

sorgen hast. Du wirst jetzt begreifen, was mein Wunsch ist; geh und komm

wieder, wenn du alles fertig gemacht hast.«

Die Sonne ging eben unter, als Alaeddin dem Geiste wegen Erbauung des

Palastes, den er sich ausgesonnen, seine Aufträge gab. Am andern Morgen

stand Alaeddin, den die Liebe zur Prinzessin nicht schlafen ließ, in

aller Frühe auf, und sogleich erschien auch der Geist. »Herr,« sprach er

zu ihm, »dein Palast ist fertig; komm und sieh, ob du damit zufrieden

bist.« Alaeddin fand alles so weit über seine Erwartung, daß er sich

nicht genug wundern konnte. Der Geist führte ihn herum, und überall fand

er Reichtum, Schönheit und Pracht, dazu Diener und Sklaven, alle dem

Range und Dienste gemäß gekleidet, für den sie bestimmt waren. Auch

unterließ er nicht, ihm als Hauptsache die Schatzkammer zu zeigen, deren

Türe vom Schatzmeister geöffnet wurde, und Alaeddin erblickte hier ganze

Haufen von Goldsäcken der verschiedensten Größe, je nach den Summen, die

sie enthielten, bis an das Gewölbe aufgetürmt, und alles in so schöner

Ordnung, daß ihm das Herz vor Freude lachte. Beim Hinausgehen

versicherte ihm der Geist, daß er sich auf die Treue des Schatzmeisters

vollkommen verlassen dürfe. Hierauf führte er ihn in die Ställe und

zeigte ihm die schönsten Pferde von der Welt, und die Stallknechte, die

eifrig beschäftigt waren, sie zu pflegen und zu warten. Endlich ging er

mit ihm durch die Vorratskammern, worin alle Arten von Vorräten,

hauptsächlich an Nahrungsmitteln für die Pferde und Pferdeschmuck,

aufgehäuft lagen.

Nachdem Alaeddin den ganzen Palast von oben bis unten, von Zimmer zu

Zimmer, von Gemach zu Gemach, besonders auch den Saal mit den

vierundzwanzig Fenstern gemustert und darin mehr Pracht und

Herrlichkeit, als er je gehofft, sowie alle nur erdenklichen

Bequemlichkeiten angetroffen hatte, sagte er zu dem Geiste: »Geist, es

kann niemand zufriedener sein, als ich es bin, und es wäre sehr unrecht

von mir, wenn ich mich im mindesten beklagen wollte. Bloß etwas fehlt

noch, wovon ich dir nichts gesagt habe, weil ich nicht daran dachte. Ich

wünschte nämlich von dem Palasttore des Sultans an bis zum Eingang der

Zimmer, die in diesem Palaste für die Prinzessin bestimmt sind, einen

Teppich von schönstem Samt ausgebreitet zu haben, damit sie auf

demselben gehe, wenn sie aus dem Palaste des Sultans kommt.« -- »Ich

komme im Augenblick wieder,« sprach der Geist und verschwand. Eine

kleine Weile nachher sah Alaeddin mit großem Erstaunen seinen Wunsch

erfüllt, ohne daß er wußte, wie es zugegangen war. Der Geist erschien

dann wieder und trug Alaeddin in seine Wohnung zurück, während eben die

Palastpforte des Sultans geöffnet wurde.

Die Pförtner des Palastes, die das Tor öffneten und nach der Seite hin,

wo jetzt Alaeddins Prachtgebäude stand, immer eine freie Aussicht gehabt

hatten, waren sehr überrascht, als sie diese Aussicht verbaut und von

dorther bis zur Palastpforte des Sultans einen Samtteppich ausgebreitet

sahen. Ihr Erstaunen wuchs, als sie ganz deutlich den herrlichen Palast

Alaeddins sahen. Die Nachricht von diesem merkwürdigen Wunder

verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Palast. Der Großvezier, der

sich gleich nach Öffnung der Pforte im Palaste einfand, war ebenso

überrascht, wie alle andern, und teilte die Sache sogleich dem Sultan

mit, erklärte sie aber für ein Werk der Zauberei. »Vezier,« antwortete

der Sultan, »warum soll es denn ein Werk der Zauberei sein? Du weißt so

gut wie ich, daß es der Palast ist, den Alaeddin vermöge der Erlaubnis,

die ich ihm in deiner Gegenwart gab, als Wohnung für die Prinzessin,

meine Tochter, hat erbauen lassen. Nach den Proben, die er uns von

seinem Reichtum gegeben, ist es durchaus nicht so befremdlich, daß er

diesen Palast in so kurzer Zeit vollendet hat. Er hat uns damit

überraschen und zeigen wollen, daß man mit barem Gelde über Nacht Wunder

tun kann. Gestehe nur, daß bei dir etwas Eifersucht mit unterläuft, wenn

du von Zaubereien sprichst.« Indes wurde es Zeit, in die Ratsversammlung

zu gehen, und sie brachen das Gespräch ab.

Als Alaeddin in seine Wohnung zurückgebracht worden war und den Geist

entlassen hatte, fand er seine Mutter bereits auf den Beinen und mit dem

Anziehen eines der Kleider beschäftigt, die er ihr hatte bringen lassen.

Er veranlaßte sie nun, um die Zeit, wo der Sultan gewöhnlich aus der

Ratsversammlung kam, in Begleitung der Sklavinnen, die der Geist ihr

gebracht hatte, nach dem Palaste zu gehen. Wenn sie den Sultan sähe,

sollte sie ihm sagen, sie komme, um die Ehre zu haben, die Prinzessin

auf den Abend nach ihrem Palaste zu begleiten. Alaeddin stieg nun zu

Pferde, verließ sein Vaterhaus, um nie wieder zurückzukehren, vergaß

aber die Wunderlampe nicht, die ihm so herrliche Dienste geleistet

hatte, und zog dann nach seinem Palast mit demselben Pomp, mit dem er

sich tags zuvor dem Sultan vorgestellt hatte.

[Illustration]

[Illustration]

Sobald die Pförtner des königlichen Palastes Alaeddins Mutter

bemerkten, meldeten sie es dem Sultan. Sogleich wurde den Chören der

Trompeter, der Pauken- und Trommelschläger, der Querpfeifer und

Hoboisten, die bereits auf den Terrassen des Palastes an verschiedenen

Punkten aufgestellt waren, ein Zeichen gegeben, und im Augenblick

ertönte fröhliche Musik, die der ganzen Stadt Freude verkündete. Die

Kaufleute fingen an, ihre Läden mit schönen Teppichen, Polstern und

Laubwerk zu schmücken, und trafen Anstalten zur Beleuchtung der Stadt.

Die Handwerksleute verließen ihre Arbeit und scharenweise zog das Volk

nach dem großen Platz zwischen des Sultans und Alaeddins Palästen.

Letzterer zog hauptsächlich allgemeine Bewunderung auf sich, zumal da

der Palast des Sultans mit dem neuen durchaus nicht in Vergleich zu

setzen war. Am meisten aber staunten sie, weil sie nicht begreifen

konnten, durch welches unerhörte Wunder sie einen so prachtvollen Palast

an einem Orte erblickten, wo sie tags zuvor weder den Grund legen, noch

Baumaterialien gesehen hatten. Alaeddins Mutter wurde im Palaste

ehrenvoll empfangen und vom Obersten der Verschnittenen in die Zimmer

der Prinzessin Bedrulbudur geführt. Sobald die Prinzessin sie erblickte,

ging sie auf sie zu, umarmte sie, hieß sie auf ihrem Sofa Platz nehmen,

und während ihre Frauen sie vollends ankleideten und mit den kostbarsten

Juwelen von Alaeddins Geschenk schmückten, ließ sie ihr einen köstlichen

Imbiß vorsetzen. Der Sultan, welcher dazu kam, um noch so lange als

möglich mit der Prinzessin, seiner Tochter, zusammen sein zu können,

bevor sie sich von ihm trennte und den Palast Alaeddins bezöge, erwies

ihr ebenfalls große Ehre. Alaeddins Mutter hatte mit ihm schon mehrere

Male vor dem versammelten Rate gesprochen, aber er hatte sie noch nie

wie jetzt ohne Schleier gesehen. Obwohl sie schon eine erkleckliche

Anzahl Jahre auf dem Rücken hatte, so sah man doch noch aus ihren

Gesichtszügen, daß sie in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein mußte.

Der Sultan, der sie immer sehr einfach, ja sogar armselig gekleidet

gesehen hatte, war nun voll Verwunderung, als er sie ebenso reich und

prachtvoll angezogen sah, wie die Prinzessin, seine Tochter. Er schloß

daraus, daß Alaeddin in allen Dingen gleich erfahren, verständig und

einsichtsvoll sein müsse.

Als die Nacht anbrach, verabschiedete sich die Prinzessin vom Sultan,

ihrem Vater. Dieser Abschied war höchst zärtlich und tränenreich; sie

umarmten sich mehrmals, ohne ein Wort zu sprechen, aber endlich ging die

Prinzessin aus ihrem Zimmer und trat den Zug an; zu ihrer Linken ging

Alaeddins Mutter und hinter ihnen hundert Sklavinnen in der

prachtvollsten Kleidung. Sämtliche Musikchöre, die seit der Ankunft von

Alaeddins Mutter ununterbrochen gespielt hatten, vereinigten sich jetzt

und gingen dem Zuge voran; ihnen folgten hundert Trabanten und

ebensoviele schwarze Verschnittene in zwei Reihen, mit ihren

Befehlshabern an der Spitze. Vierhundert junge Edelknaben des Sultans,

die in zwei Zügen mit Fackeln in der Hand auf beiden Seiten

einhergingen, verbreiteten einen Lichtglanz, der im Verein mit der

Beleuchtung der beiden Paläste des Sultans und Alaeddins den Mangel des

Tageslichts aufs herrlichste ersetzte.

Alaeddin und die Wunderlampe aus Tausend und eine Nacht · 第 5 / 9 段