Prinzessin, die noch zu Bette lag. Sie näherte sich ihr, küßte sie und
wünschte ihr einen guten Morgen; aber wie groß war ihr Erstaunen, als
sie nicht nur keine Antwort von ihr erhielt, sondern auch bei näherer
Betrachtung tiefe Niedergeschlagenheit an ihr bemerkte, woraus sie
schloß, es müsse ihr etwas begegnet sein, das sie nicht erraten konnte.
»Liebe Tochter,« sagte die Sultanin zu ihr, »woher kommt es denn, daß du
alle meine Liebkosungen so schlecht erwiderst? Vor deiner Mutter
brauchst du doch keine solchen Umstände zu machen. Gestehe mir offen und
frei, was dir begegnet ist, und lasse mich nicht so lange in dieser
peinlichen Unruhe.«
Die Prinzessin Bedrulbudur unterbrach endlich das Schweigen mit einem
tiefen Seufzer. »Ach, meine sehr verehrte Mutter,« rief sie, »verzeihe
mir, wenn ich es an der schuldigen Ehrfurcht fehlen ließ. Es sind mir
heute nacht so außerordentliche Sachen zugestoßen, daß ich mich von
meinem Staunen und meinem Schrecken noch nicht erholt habe, ja kaum mich
selbst wiedererkenne.« Sie schilderte hierauf mit den lebhaftesten
Farben, was ihr begegnet.
Die Sultanin hörte alles, was die Prinzessin ihr erzählte, sehr ruhig
an, wollte es aber nicht glauben. »Liebe Tochter,« sprach sie zu ihr,
»du hast wohl daran getan, daß du dem Sultan, deinem Vater, nichts davon
gesagt hast. Hüte dich ja, gegen jemand etwas verlauten zu lassen; man
würde dich für eine Närrin halten, wenn man dich so sprechen hörte.« --
»Verehrungswürdige Mutter,« antwortete die Prinzessin, »ich versichere
dir, daß ich bei Verstande bin. Frage nur meinen Gemahl, er wird dir
dasselbe sagen.« -- »Ich werde mich bei ihm erkundigen,« antwortete die
Sultanin, »aber wenn er auch gerade so spräche, wie du, so vermöchte
mich dies immer noch nicht zu überzeugen. Steh nur auf und schlag dir
diese Gedanken aus dem Kopf.« Zugleich rief die Sultanin die Frauen der
Prinzessin, und als sie sah, daß sie aufgestanden war und sich zu
schmücken begann, begab sie sich nach den Zimmern des Sultans und sagte
ihm, es sei ihrer Tochter wirklich etwas durch den Kopf gegangen, was
aber von keinem Belang sei. Dann ließ sie den Sohn des Großveziers
rufen, um von ihm nähere Aufschlüsse über die Erzählung der Prinzessin
zu erhalten; dieser aber, der sich durch die Verwandtschaft mit dem
Sultan sehr geehrt fühlte, hatte sich vorgenommen, die Sache zu
verheimlichen. »Mein lieber Sohn,« sagte die Sultanin zu ihm, »sag mir
doch, hast du dir dieselbe Einbildung in den Kopf gesetzt, wie deine
Frau?« -- »Herrin,« antwortete der Sohn des Großveziers, »dürfte ich wohl
um Erklärung bitten, was deine Frage besagen soll?« -- »Ich bin schon
zufrieden,« antwortete die Sultanin, »und verlange nicht mehr zu wissen;
du bist gescheiter als sie.«
Die Lustbarkeiten im Palast dauerten den ganzen Tag fort, und die
Sultanin, die der Prinzessin nicht von der Seite kam, unterließ nichts,
um sie zur Fröhlichkeit und zur Teilnahme an den Vergnügungen und
ergötzlichen Schauspielen zu stimmen, die ihr zu Ehren veranstaltet
wurden; allein das Begebnis der vorigen Nacht hatte einen solch
gewaltigen Eindruck auf sie gemacht, daß sie für nichts anderes Sinn
hatte und immer damit beschäftigt war. Der Sohn des Großveziers fühlte
sich durch diese schlimme Nacht ebenfalls sehr geschwächt, allein er
setzte seinen Ehrgeiz darein, niemand etwas davon merken zu lassen, und
wenn man ihn sah, mußte man glauben, er sei ein sehr glücklicher
Ehemann.
Alaeddin, der von allem, was im Palast vorging, wohl unterrichtet war,
zweifelte nicht, daß die Neuvermählten, trotz ihres verdrießlichen
Abenteuers in der ersten Nacht, sich abermals miteinander zu Bette
begeben würden, und hatte keine Lust, sie in Ruhe zu lassen. Sobald die
Nacht ein wenig vorgerückt war, rieb er seine Lampe; der Geist erschien
und bot ihm mit denselben Worten, wie früher, seine Dienste an. »Der
Sohn des Großveziers und die Prinzessin Bedrulbudur,« sagte Alaeddin zu
ihm, »wollen heute nacht wieder beisammen schlafen. Gehe hin, und sobald
sie sich niedergelegt haben, bring mir das Bett hierher, wie gestern.«
Der Geist bediente Alaeddin ebenso treu und pünktlich, wie das erstemal.
Der Sohn des Großveziers brachte die Nacht wieder so kalt und so
unangenehm zu, wie die Brautnacht, und die Prinzessin mußte zu ihrem
Verdruß Alaeddin wieder als Bettgenossen annehmen, der auch diesmal
zwischen sie und sich den Säbel legte. Der Geist kam, dem Befehle
Alaeddins zufolge, morgens wieder, legte den Ehemann zu seiner Frau,
nahm sodann das Bett mit den Neuvermählten und trug es wieder in das
Zimmer des Palastes, wo er es geholt hatte.
Der Sultan, der nach dem Empfang, welchen er am vorigen Morgen bei der
Prinzessin Bedrulbudur gefunden, sehr neugierig war, wie sie die zweite
Nacht zugebracht habe, und ob sie ihn abermals so schlecht empfangen
würde, begab sich wieder ebenso früh in ihr Zimmer, um sich davon zu
unterrichten. Der Sohn des Großveziers, der sich über sein Unglück in
dieser Nacht noch mehr schämte und ärgerte, als das erstemal, hörte ihn
kaum kommen, als er eilig aufstand und in das Ankleidezimmer stürzte.
Der Sultan näherte sich dem Bett der Prinzessin, wünschte ihr guten
Morgen und sagte dann nach denselben Liebkosungen wie am vorigen Tage:
»Nun, meine liebe Tochter, bist du diesen Morgen auch wieder so schlecht
gelaunt, wie gestern? Wirst du mir wohl sagen, wie du die Nacht
zugebracht hast?« Die Prinzessin beobachtete dasselbe Stillschweigen und
der Sultan bemerkte, daß sie noch weit unruhiger und betrübter war, als
das erstemal. Er zweifelte jetzt nicht mehr, daß ihr etwas
Außerordentliches zugestoßen sein müsse, ärgerte sich aber über ihre
Schweigsamkeit und rief ihr voll Zorn und mit gezücktem Säbel zu: »Wenn
du mir nicht gestehst, was du verhehlen willst, so haue ich dir sogleich
den Kopf ab.«
Die Prinzessin, die über den Ton und die Drohung des beleidigten Sultans
noch mehr erschrak, als über den Anblick des blanken Säbels, brach
endlich das Stillschweigen und rief mit tränenden Augen: »Geliebter
Vater und König! ich bitte um Verzeihung, wenn ich dich beleidigt habe,
hoffe aber von deiner Güte und Milde, daß Mitleid an die Stelle des
Zorns treten wird, sobald ich dir den kläglichen und traurigen Zustand,
worin ich mich sowohl diese als die vorige Nacht befunden, treu
schildere.«
Nach dieser Einleitung, die den Sultan etwas besänftigte und milder
stimmte, erzählte sie ihm alles, was ihr während dieser zwei
verdrießlichen Nächte begegnet war, getreu und so rührend, daß er
betrübt wurde, denn er liebte seine Tochter sehr zärtlich. Sie schloß
mit den Worten: »Wenn du im mindesten an meiner Erzählung zweifelst, so
kannst du den Gemahl fragen, den du mir gegeben hast; ich bin überzeugt,
daß er die Wahrheit der Sache ebenso bezeugen wird, wie ich.«
Der Sultan teilte die tiefe Bekümmernis, in welche die Prinzessin durch
ein so auffallendes Abenteuer versetzt werden mußte. »Liebe Tochter,«
sprach er zu ihr, »es war sehr unrecht von dir, daß du mir diese
seltsame Geschichte nicht schon gestern erzählt hast, die mir ebenso
wichtig sein muß, als dir. Ich habe dich nicht verheiratet in der
Absicht, dich unglücklich zu machen, sondern im Gegenteil gedachte ich,
dich dadurch in den Besitz all des Glückes zu setzen, das du verdienst
und bei einem Gemahl, der für dich zu passen schien, auch hoffen
konntest. Banne nur aus deinem Gemüt die traurigen Gedanken an das, was
du mir eben erzählt hast. Ich werde sogleich Befehle geben, daß du von
nun an keine so unangenehmen und unerträglichen Nächte mehr hast, wie
bisher.«
Sobald der Sultan in seine Gemächer zurückgekehrt war, ließ er den
Großvezier rufen. »Vezier,« sagte er zu ihm, »hast du deinen Sohn schon
gesehen und hat er dir nichts gesagt?« Als der Großvezier antwortete, er
habe ihn noch nicht gesehen, so erzählte ihm der Sultan alles, was er
von der Prinzessin Bedrulbudur vernommen. »Ich zweifle nicht,« sagte er
zuletzt, »daß meine Tochter mir die Wahrheit berichtet hat; indes wäre
es mir sehr lieb, wenn dein Sohn es bestätigte. Gehe und frage ihn, was
an der Sache ist.«
Der Großvezier begab sich sogleich zu seinem Sohn, teilte ihm mit, was
der Sultan ihm gesagt hatte, und schärfte ihm ein, daß er ja nichts
verhehlen und sagen solle, ob alles wahr sei. »Ich will dir die Wahrheit
gestehen, mein Vater,« antwortete der Sohn. »Alles, was die Prinzessin
zum Sultan sagte, hat seine traurige Richtigkeit; aber die schlechte
Behandlung, die ich insbesondere erfahren habe, weiß sie selbst nicht.
Ich brauche dir nicht weitläufig auseinanderzusetzen, was ich alles
ausgestanden habe, wenn ich desungeachtet auch gegen die Prinzessin,
meine Gemahlin, alle Gefühle der Liebe, Ehrerbietung und Dankbarkeit
hege, die sie verdient. Gleichwohl muß ich dir aufrichtig gestehen, daß
ich, so ehrenvoll und glänzend die Vermählung der Tochter des Sultans
für mich ist, lieber sterben, als länger in einer so hohen
Verwandtschaft bleiben will, wenn ich mich auch ferner noch einer solch
unangenehmen Behandlung aussetzen muß. Ich zweifle nicht, daß die
Prinzessin ebenso denken wird, wie ich, und sie wird leicht zugeben, daß
unsere Trennung für ihre Ruhe so notwendig ist, als für die meinige;
darum, lieber Vater, bitte ich dich bei der Liebe, die dich bewogen, mir
diese hohe Ehre zu verschaffen, wirke beim Sultan aus, daß unsere Ehe
für nichtig erklärt wird.«
So sehr es nun auch dem Ehrgeiz des Großveziers geschmeichelt hatte,
seinen Sohn als Tochtermann des Sultans zu sehen, so hielt er es doch,
da dieser fest entschlossen war, sich von der Prinzessin scheiden zu
lassen, nicht für ratsam, ihn wenigstens noch für einige Tage zur Geduld
zu ermahnen, um abzuwarten, ob diese Widerwärtigkeit nicht von selbst
aufhören werde. Er verließ ihn daher, um dem Sultan Bericht abzustatten,
und gestand ihm aufrichtig, die Sache sei nur zu wahr; sein Sohn habe
ihm alles erzählt. Ohne erst abzuwarten, daß der Sultan selbst von der
Ehescheidung zu reden anfing, wozu er ihn sehr geneigt sah, bat er
hierauf um Erlaubnis, daß sein Sohn sich aus dem Palaste entfernen und
in sein Haus zurückkehren dürfte; indem es höchst unrecht wäre, wenn die
Prinzessin um seinetwillen nur einen Augenblick länger dieser
schrecklichen Plage ausgesetzt würde.
Es kostete den Großvezier nicht viel Mühe, die Gewährung seines Gesuchs
zu erlangen. Der Sultan, der bereits diesen Entschluß gefaßt hatte, gab
augenblicklich Befehl, die Lustbarkeiten im Palaste und in der Stadt,
sowie im ganzen Gebiete seines Königreichs, wohin er Gegenbefehle
abfertigte, einzustellen, und in kurzer Zeit hörten alle öffentlichen
Freudenbezeigungen und Festlichkeiten auf.
Diese plötzliche und unerwartete Veränderung gab zu allerlei Gerede
Anlaß. Die Leute fragten sich, woher es wohl kommen möge, aber niemand
wußte mehr zu sagen, als daß man den Großvezier und seinen Sohn, beide
sehr traurig, aus dem Palaste in ihr eigenes Haus habe gehen sehen.
Alaeddin allein wußte das Geheimnis und freute sich in seinem Innern gar
sehr über den glücklichen Erfolg, den ihm seine Lampe verschaffte. Da er
jetzt mit Bestimmtheit wußte, daß sein Nebenbuhler den Palast verlassen
hatte und die Ehe zwischen der Prinzessin und ihm vollständig aufgelöst
war, so hatte er nicht mehr nötig, die Lampe zu reiben und den Geist zu
rufen. Das Merkwürdigste bei der Sache war, daß weder der Sultan, noch
der Großvezier, die Alaeddin und seinen Antrag längst vergessen hatten,
auch nur entfernt auf den Gedanken kamen, daß er an der Zauberei irgend
Anteil haben könnte.
Alaeddin ließ indes die drei Monate vollends verstreichen, die der
Sultan als Frist für seine Vermählung mit der Prinzessin Bedrulbudur
festgesetzt hatte. Er hatte sorgfältig jeden Tag gezählt, und als sie
vorüber waren, schickte er gleich am andern Morgen seine Mutter in den
Palast, um den Sultan an sein Wort zu erinnern.
Alaeddins Mutter ging nach dem Palaste, wie ihr Sohn ihr gesagt hatte,
und stellte sich am Eingang des Divans wieder an denselben Platz wie
früher. Kaum hatte der Sultan einen Blick auf sie geworfen, so erkannte
er sie auch wieder und erinnerte sich an ihre Bitte, sowie an die Zeit,
auf die er sie vertröstet hatte. Der Großvezier trug ihm eben eine Sache
vor. Der Sultan unterbrach ihn mit den Worten: »Vezier, ich bemerke dort
die gute Frau, die uns vor einigen Monaten ein so schönes Geschenk
machte: laß sie hierher treten, du magst deinen Bericht fortsetzen, wenn
ich sie angehört habe.«
[Illustration]
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Alaeddins Mutter näherte sich dem Fuße des Thrones und warf sich der
Sitte gemäß nieder. Als sie wieder aufgestanden war, fragte sie der
Sultan, was sie wünsche. »Großer König,« antwortete sie, »ich erscheine
zum zweitenmal vor deinem Angesicht, um dir im Namen meines Sohnes
Alaeddin vorzustellen, daß die drei Monate verstrichen sind, auf welche
du ihn mit der Bitte, die ich dir vorzutragen die Ehre hatte, vertröstet
hast. Ich bitte demütiglich, daß du dich der Sache erinnern mögest.«
Der Sultan hatte diese Frist von drei Monaten das erstemal nur deshalb
angesetzt, weil er glaubte, es werde dann keine Rede mehr von einer
Heirat sein, die ihm für die Prinzessin, seine Tochter, durchaus nicht
angemessen schien, in Anbetracht des niedrigen Standes und der Armut von
Alaeddins Mutter, welche in einem sehr gemeinen Aufzuge vor ihm
erschien. Diese Mahnung an sein Versprechen setzte ihn jetzt in
Verlegenheit. Um sich in der Sache nicht zu übereilen, zog er seinen
Großvezier zu Rate und bezeigte ihm seine Abneigung, die Prinzessin mit
einem Unbekannten zu vermählen, der offenbar von ganz niedriger Abkunft
sein mußte.
Der Großvezier zögerte nicht, dem Sultan seine Gedanken hierüber zu
sagen. »Herr,« antwortete er ihm, »mir scheint, daß es ein unfehlbares
Mittel gibt, diese unpassende Heirat zu hintertreiben, ohne daß Alaeddin
sich darob beklagen könnte. Du darfst nur einen so hohen Preis für die
Prinzessin festsetzen, daß seine Reichtümer, wenn sie auch noch so groß
sind, nicht zureichen. Auf diese Art wirst du ihn von seiner kühnen, ja
ich möchte sagen, verwegenen Bewerbung abbringen.«
Der Sultan billigte den Rat des Großveziers. Er wandte sich zu Alaeddins
Mutter und sagte nach einigem Nachdenken zu ihr: »Gute Frau, ein Sultan
muß immer sein gegebenes Wort halten, und ich bin bereit, mein
Versprechen zu erfüllen und deinen Sohn mit der Hand meiner Tochter zu
beglücken. Da ich sie aber nicht vermählen kann, ohne zu wissen, welche
Vorteile sie sich davon versprechen darf, so melde deinem Sohne, ich
werde mein Versprechen erfüllen, sobald er mir vierzig große Becken von
gediegenem Gold, von oben bis unten mit dergleichen Kostbarkeiten, wie
du mir schon einmal in seinem Namen gebracht hast, angefüllt, durch
vierzig schwarze Sklaven zuschickt, die von vierzig andern ausnehmend
schönen und aufs prachtvollste gekleideten jungen weißen Sklaven geführt
sein müssen. Dies sind die Bedingungen, unter denen ich bereit bin, ihm
die Prinzessin, meine Tochter, zu geben. Geh nun, gute Frau, und bring
mir bald wieder Antwort.«
Alaeddins Mutter warf sich abermals vor dem Throne des Sultans nieder
und entfernte sich. Unterwegs lachte sie in ihrem Herzen über das
närrische Verlangen ihres Sohnes. »Wahrhaftig,« sagte sie, »wo soll er
so viele goldene Becken und eine solche Menge farbiger Gläser hernehmen,
um sie damit zu füllen? Wird er wieder in das unterirdische Gewölbe
hinabsteigen, dessen Eingang verschlossen ist, um sie von den Bäumen zu
pflücken? und woher soll er alle diese hübschen Sklaven bekommen, die
der Sultan verlangt? Jetzt ist er freilich weit von seinem Ziele
entfernt, und ich glaube nicht, daß er mit meiner Botschaft zufrieden
sein wird.« Als sie mit diesen Gedanken beschäftigt nach Hause kam,
sagte sie: »Mein Sohn, ich rate dir, denke nicht mehr an eine Vermählung
mit der Prinzessin Bedrulbudur. Der Sultan hat mich zwar sehr huldreich
empfangen und ich glaube, daß er gut gegen dich gesinnt war, allein der
Großvezier hat ihn, wenn ich mich nicht täusche, auf andere Gedanken
gebracht. Nachdem ich dem Sultan vorgestellt hatte, daß die drei Monate
abgelaufen seien, bemerkte ich, daß er eine Weile ganz leise mit dem
Großvezier sprach, und dann erst gab er mir die Antwort, die ich dir
jetzt sagen werde.« Sie erzählte nun ihrem Sohne sehr ausführlich alles,
was der Sultan ihr gesagt hatte, und nannte ihm die Bedingungen, unter
denen er in die Verbindung der Prinzessin, seiner Tochter, mit ihm
einwilligen würde. »Mein Sohn,« sagte sie zuletzt, »er erwartet eine
Antwort; aber unter uns gesagt,« fuhr sie lächelnd fort, »ich glaube, er
wird lange warten müssen.«
»Nicht so lange, liebe Mutter, als du glaubst,« antwortete Alaeddin,
»und der Sultan ist gewaltig im Irrtum, wenn er meint, durch seine
ungeheuren Forderungen könne er mich außerstand setzen, an die
Prinzessin Bedrulbudur zu denken. Ich hatte ganz andere unüberwindliche
Schwierigkeiten erwartet, oder wenigstens einen weit höheren Preis für
meine unvergleichliche Prinzessin. Jetzt aber bin ich wohl zufrieden,
denn was er verlangt, ist eine Kleinigkeit gegen das, was ich ihm für
ihren Besitz bieten könnte. Während ich nun darauf denken werde, ihn zu
befriedigen, besorge du ein Mittagessen für uns und laß nur mich
gewähren.«
Sobald seine Mutter nach Lebensmitteln ausgegangen war, nahm Alaeddin
die Lampe und rieb sie. Sogleich erschien der Geist, fragte in den
gewöhnlichen Ausdrücken, was er zu befehlen habe, und sagte, daß er
bereit sei, ihn zu bedienen. Alaeddin sprach zu ihm: »Der Sultan gibt
mir die Prinzessin, seine Tochter, zur Frau; zuvor aber verlangt er von
mir vierzig große und vollwichtige Becken von gediegenem Gold, bis zum
Rande angefüllt mit den Früchten des Gartens, wo ich die Lampe geholt
habe, deren Sklave du bist. Ferner verlangt er, daß diese vierzig
goldenen Becken von ebensovielen schwarzen Sklaven getragen werden
sollen, vor denen vierzig wohlgebildete, schlanke und prachtvoll
gekleidete junge weiße Sklaven hergehen müssen. Gehe und schaffe mir
baldmöglichst dieses Geschenk zur Stelle, damit ich es dem Sultan
schicken kann, ehe er die Sitzung des Divans aufhebt.« Der Geist sagte,
sein Befehl solle unverzüglich vollzogen werden, und verschwand.
Eine kleine Weile darauf ließ der Geist sich wieder sehen, begleitet von
vierzig schwarzen Sklaven, deren jeder ein schweres Becken von
gediegenem Gold, angefüllt mit Perlen, Diamanten, Rubinen und Smaragden,
welche die dem Sultan bereits geschenkten an Größe und Schönheit weit
übertrafen, auf dem Kopfe trug. Jedes der Becken war mit goldgeblümtem
Silberstoff überdeckt. Diese Sklaven, sowohl die weißen als die
schwarzen mit den goldenen Becken, erfüllten fast das ganze Haus, das
ziemlich klein war, nebst dem kleinen Hofe vor und einem Gärtchen hinter
demselben. Der Geist fragte Alaeddin, ob er zufrieden sei, und ob er ihm
sonst noch etwas zu befehlen habe. Alaeddin antwortete, er verlange
nichts mehr, und der Geist verschwand.
Als Alaeddins Mutter vom Markte zurückkam, verwunderte sie sich
höchlich, da sie so viele Leute und Kostbarkeiten sah. Nachdem sie die
Nahrungsmittel auf den Tisch gelegt hatte, wollte sie den Schleier, der
ihr Gesicht verhüllte, ablegen, aber Alaeddin ließ es nicht zu. »Liebe
Mutter,« sprach er zu ihr, »wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren. Es
ist von großer Wichtigkeit, daß du, noch ehe der Sultan den Divan
schließt, in den Palast zurückkehrst und das verlangte Geschenk nebst
der Morgengabe für die Prinzessin Bedrulbudur hinbringst, damit er aus
meiner Eile und Pünktlichkeit das brennende und aufrichtige Verlangen
ermessen kann, womit ich nach der Ehre trachte, sein Schwiegersohn zu
werden.«
Ohne die Antwort seiner Mutter abzuwarten, öffnete Alaeddin die Türe
nach der Straße und ließ alle seine Sklaven paarweise, immer einen
weißen mit einem schwarzen zusammen, hinaus. Als nun seine Mutter hinter
dem letzten Sklaven her ebenfalls draußen war, verschloß er die Türe und
blieb ruhig auf seinem Zimmer, in der süßen Hoffnung, der Sultan werde
ihm endlich nach diesem Geschenke, das er selbst gefordert hatte, seine
Tochter geben. Kaum war der erste weiße Sklave vor Alaeddins Hause, als
alle Vorübergehenden, die ihn bemerkten, stehen blieben, und ehe noch
die achtzig Sklaven, die weißen und schwarzen untereinander, draußen
waren, wimmelte die Straße von einer Masse Volks, das von allen Seiten
herbeiströmte, um dieses prachtvolle und außerordentliche Schauspiel
anzusehen. Die Kleidung der Sklaven bestand aus so kostbaren Stoffen,
und war so reich mit Edelsteinen geschmückt, daß die besten Kenner nicht
zuviel zu sagen glaubten, wenn sie jeden Anzug auf mehr als eine Million
schätzten. Die Schönheit und der gute Sitz der Kleider, der edle
Anstand, der ebenmäßige und stattliche Wuchs der Sklaven, ihr
feierlicher Zug in gleichmäßig abgemessenen Zwischenräumen, der Glanz
der außerordentlich großen Edelsteine, die in schönster Anordnung rings
um ihre Gürtel in echtes Gold gefaßt, und die Rosen an ihren Turbanen,
die ebenfalls aus Edelsteinen zusammengesetzt und ganz besonders
geschmackvoll gearbeitet waren, dies alles versetzte die Zuschauer in so
große Verwunderung, daß sie nicht müde wurden, sie zu betrachten. Die
Straßen waren so mit Menschen angefüllt, daß jeder an dem Platze, wo er
war, stehen bleiben mußte.
Da man durch mehrere Straßen gehen mußte, um zu dem Palaste zu gelangen,
so konnte ein großer Teil der Stadt und Leute aus allen Klassen und
Ständen den prachtvollen Aufzug sehen. Endlich langte der erste von den
achtzig Sklaven an der Pforte des ersten Schloßhofes an. Die Pförtner,
die sich bei Annäherung dieses wundervollen Zuges in zwei Reihen
aufgestellt hatten, hielten ihn für einen König, so reich und
prachtvoll war er gekleidet, und näherten sich ihm, um den Saum seines
Kleides zu küssen. Der Sklave aber, den der Geist vorher seine Rolle
gelehrt hatte, gab es nicht zu und sagte feierlich zu ihm: »Wir sind
bloß Sklaven; unser Herr wird erscheinen, sobald es Zeit ist.«
So kam der erste Sklave an der Spitze des ganzen Zugs in den zweiten
Hof, der sehr geräumig war und wo sich der Hofstaat des Sultans während
der Sitzung des Divans aufgestellt hatte. Die Anführer jeder einzelnen
Truppe waren zwar prachtvoll gekleidet, wurden aber weit verdunkelt, als
die achtzig Sklaven erschienen, die Alaeddins Geschenk brachten. Im
ganzen Hofstaate des Sultans gab es nichts so Herrliches und Glänzendes,
und alle Pracht der ihn umgebenden Herren von Hofe war Staub im
Vergleich mit dem, was sich jetzt seinen Blicken darbot. Da man dem
Sultan den Zug und die Ankunft dieser Sklaven gemeldet, hatte er Befehl
gegeben, sie eintreten zu lassen. Nachdem sie vor dem Throne des Sultans
einen großen Halbkreis gebildet hatten, stellten die schwarzen Sklaven
die Becken auf den Fußteppich, dann warfen sie sich alle miteinander
nieder und berührten den Teppich mit ihrer Stirne. Die weißen Sklaven
taten dasselbe. Hierauf standen alle wieder auf, und die schwarzen
enthüllten dabei sehr geschickt die vor ihnen stehenden Becken, worauf
sie mit gekreuzten Armen und großer Ehrerbietung stehen blieben.
Indes nahte Alaeddins Mutter dem Fuße des Thrones, warf sich vor
demselben nieder und sprach zu dem Sultan: »Herr, mein Sohn Alaeddin
weiß recht wohl, daß das Geschenk, das er dir schickt, weit unter dem
steht, was die Prinzessin Bedrulbudur verdient. Gleichwohl hofft er, du
werdest es huldreich annehmen und auch die Prinzessin werde es nicht
verschmähen; er hofft dies um so zuversichtlicher, da er sich bemüht
hat, der Bedingung, die du ihm vorgeschrieben, nachzukommen.«