Edelsteinen gefüllte Porzellanvase und hüllte sie in doppelte Leinwand,
zuerst in sehr feine und schneeweiße, sodann in minder feine, welche
letztere sie an den vier Zipfeln zusammenband, um die Sache bequemer
tragen zu können. Endlich ging sie zur Freude Alaeddins fort und nahm
ihren Weg nach dem Palaste des Sultans. Der Großvezier nebst den übrigen
Vezieren und die angesehensten Herren vom Hofe waren bereits
hineingegangen, als sie ans Tor kam. Die Zahl der Wartenden war sehr
groß. Man öffnete und sie ging mit ihnen in den Divan. Dies war ein über
die Maßen schöner, tiefer und geräumiger Saal und hatte einen großen,
prächtigen Eingang; sie stellte sich so, daß sie den Sultan gerade
gegenüber, den Großvezier aber und die übrigen Herren, die im Rate
saßen, rechts und links hatte. Man rief die verschiedenen Parteien eine
nach der andern vor, in der Ordnung, wie sie ihre Bittschriften
eingereicht hatten, und ihre Angelegenheiten wurden vorgetragen,
verhandelt und entschieden, bis zur Stunde, wo der Divan wie gewöhnlich
geschlossen wurde. Dann stand der Sultan auf, entließ die Versammlung
und ging in sein Zimmer zurück, wohin ihm der Großvezier folgte. Die
übrigen Veziere und Mitglieder des Staatsrats begaben sich nach Hause;
ebenso die, welche wegen Privatangelegenheiten erschienen waren; die
einen vergnügt, daß sie ihren Prozeß gewonnen hatten, die andern
unzufrieden, weil gegen sie entschieden worden war, und noch andere in
der Hoffnung, daß ihre Sache in einer andern Sitzung vorkommen werde.
Als Alaeddins Mutter sah, daß der Sultan aufstand und fortging, schloß
sie daraus, daß er an diesem Tage nicht wieder erscheinen werde, und
ging, wie die andern alle, nach Hause. Alaeddin, der sie mit dem für den
Sultan bestimmten Geschenk zurückkommen sah, wußte anfangs nicht, was er
von dem Erfolg seiner Sendung denken sollte. Er fürchtete eine schlimme
Botschaft und hatte kaum Kraft genug, den Mund zu öffnen und sie zu
fragen, welche Nachricht sie bringe. Die gute Frau, die nie einen Fuß in
den Palast des Sultans gesetzt und keine Ahnung von dem hatte, was dort
Brauch war, machte der Verlegenheit ihres Sohnes ein Ende, indem sie mit
vieler Treuherzigkeit und Aufrichtigkeit also zu ihm sprach: »Mein Sohn,
ich habe den Sultan gesehen und bin fest überzeugt, daß er mich
ebenfalls gesehen hat. Ich stand gerade vor ihm und niemand hinderte
mich, ihn zu sehen, allein er war zu sehr mit denen beschäftigt, die zu
seiner Rechten und Linken saßen, daß ich Mitleiden mit ihm hatte, als
ich die Mühe und Geduld sah, womit er sie anhörte. Dies dauerte so
lange, daß er, glaube ich, zuletzt Langeweile bekam, denn er stand auf
einmal ganz unerwartet auf und ging schnell weg, ohne eine Menge anderer
Leute anzuhören, die noch mit ihm sprechen wollten. Ich war sehr froh
darüber, denn ich fing wirklich an, die Geduld zu verlieren und war von
dem langen Stehen außerordentlich müde. Indes ist noch nichts verdorben;
ich werde morgen wieder zu ihm gehen, der Sultan ist vielleicht dann
nicht so beschäftigt.«
So heftig auch das Feuer der Liebe in Alaeddins Busen brannte, so mußte
er sich doch mit dieser Entschuldigung zufrieden geben und mit Geduld
waffnen. Er hatte wenigstens die Genugtuung, zu sehen, daß seine Mutter
bereits den schwersten Schritt getan und den Anblick des Sultans
ausgehalten hatte, und so konnte er hoffen, daß sie, wie die andern, die
in ihrer Gegenwart mit ihm gesprochen hatten, nicht anstehen werde, sich
ihres Auftrages zu entledigen, sobald der günstige Augenblick zum
Sprechen komme.
Am andern Morgen ging Alaeddins Mutter wieder ebenso frühe mit ihrem
Geschenk nach dem Palast des Sultans, allein sie machte diesen Gang
vergeblich, denn sie fand die Türe des Divans verschlossen und erfuhr,
daß nur alle zwei Tage Sitzung sei und sie also am folgenden Tage
wieder kommen müsse. Sie kehrte nun um und brachte diese Nachricht ihrem
Sohne, der somit aufs neue Geduld fassen mußte. Noch sechsmal
hintereinander ging sie an den bestimmten Tagen in den Palast, aber
immer mit ebensowenig Erfolg, und vielleicht wäre sie noch hundertmal
vergebens gelaufen, wenn nicht der Sultan, der sie bei jeder Sitzung
gegenüber von sich sah, endlich aufmerksam auf sie geworden wäre.
An diesem Tage endlich sagte der Sultan, als er nach aufgehobener
Sitzung in seine Gemächer zurückgekehrt war, zu seinem Großvezier:
»Schon seit einiger Zeit bemerke ich eine gewisse Frau, die regelmäßig
jeden Tag, wo ich Sitzung halte, kommt und etwas in Leinwand eingehüllt
in der Hand hat. Sie bleibt vom Anfang bis zu Ende der Sitzung stehen,
und zwar immer gerade mir gegenüber. Weißt du wohl, was ihr Begehr ist?«
Der Großvezier, der es so wenig wußte, als der Sultan, wollte gleichwohl
keine Antwort schuldig bleiben. »Herr,« sagte er, »es ist dir wohl
bekannt, daß die Frauen oft über geringfügige Sachen Klage führen. Diese
da kommt offenbar, um sich bei dir zu beschweren, daß man vielleicht
schlechtes Mehl an sie verkauft oder ihr sonst Unrecht zugefügt hat, das
von eben so wenig Belang ist.« Der Sultan war mit dieser Antwort nicht
zufrieden und sagte: »Wenn diese Frau bei der nächsten Sitzung wieder
erscheint, so vergiß nicht, sie rufen zu lassen, auf daß ich sie höre.«
Der Großvezier küßte seine Hand und legte sie auf seinen Kopf, zum
Zeichen, daß er bereit sei, ihn sich abschlagen zu lassen, wenn er
diesen Befehl nicht erfüllte.
Alaeddins Mutter war schon so sehr daran gewöhnt, im Divan vor dem
Sultan zu erscheinen, daß sie ihre Mühe für nichts achtete, wofern sie
nur ihrem Sohne zeigen konnte, wie sehr sie sich's angelegen sein ließ,
für ihn alles zu tun, was in ihren Kräften stand. Sie ging also am
Sitzungstag wieder nach dem Palast und stellte sich wie gewöhnlich am
Eingang des Divans dem Sultan gegenüber.
Der Großvezier hatte seinen Vortrag noch nicht begonnen, als der Sultan
Alaeddins Mutter bemerkte. Diese lange Geduld, die er selbst mit
angesehen, rührte ihn. »Damit du es nicht vergissest,« sagte er zum
Großvezier, »dort steht wieder die Frau, von der ich dir neulich gesagt
habe: laß sie hierhertreten, dann wollen wir sie zuerst anhören und ihre
Angelegenheit ins reine bringen.« Sogleich zeigte der Großvezier die
Frau dem Obersten der Türsteher, der zu seinen Befehlen bereit stand,
und hieß ihn sie näher heranführen.
Der Oberste der Türsteher kam zu Alaeddins Mutter und gab ihr ein
Zeichen; sie folgte ihm bis an den Fuß des königlichen Thrones, wo er
sie verließ, um sich wieder an seinen Platz neben dem Großvezier zu
stellen.
Alaeddins Mutter befolgte das Beispiel der andern, die sie mit dem
Sultan sprechen gesehen hatte: sie warf sich zu Boden, berührte mit
ihrer Stirne den Teppich, der die Stufen des Thrones bedeckte, und blieb
in dieser Stellung, bis der Sultan ihr befahl, aufzustehen. Als sie
aufgestanden war, sprach er zu ihr: »Gute Frau, ich sehe dich schon
lange Zeit in meinen Divan kommen und von Anfang bis zu Ende am Eingange
stehen. Welche Angelegenheit führt dich hierher?«
Alaeddins Mutter warf sich, als sie diese Worte hörte, zum zweiten Male
zu Boden, und nachdem sie aufgestanden war, sagte sie: »Erhabenster
aller Könige der Welt, bevor ich dir die außerordentliche und fast
unglaubliche Sache erzähle, die mich vor deinen hohen Thron führt, bitte
ich dich, mir die Kühnheit des Anliegens zu verzeihen, das ich dir
vortragen will. Es ist so ungewöhnlich, daß ich zittere und bebe, und
große Scheu trage, es meinem Sultan vorzubringen.« Um ihr volle Freiheit
zu geben, befahl der Sultan allen Anwesenden, sich aus dem Divan zu
entfernen und ihn mit dem Großvezier allein zu lassen; dann sagte er zu
ihr, sie könne ohne Furcht sprechen.
Alaeddins Mutter begnügte sich nicht mit der Güte des Sultans, der ihr
die Verlegenheit, vor der ganzen Versammlung sprechen zu müssen, erspart
hatte; sie wollte sich auch noch vor seinem Zorn sicher stellen, den sie
bei einem so seltsamen Antrag fürchten mußte. »Großer König,« sagte sie,
aufs neue das Wort ergreifend, »ich wage auch noch dich zu bitten, daß
du mir, im Fall du mein Gesuch im mindesten anstößig oder beleidigend
finden solltest, zum voraus deine Verzeihung und Gnade zusicherst.« --
»Was es auch sein mag,« erwiderte der Sultan, »ich verzeihe es dir
schon jetzt, und es soll dir nicht das geringste Leid zustoßen. Sprich
ohne Scheu!«
Nachdem Alaeddins Mutter alle diese Vorsichtsmaßregeln ergriffen hatte,
weil sie den ganzen Zorn des Sultans für ihren kühnen Antrag fürchtete,
erzählte sie ihm treuherzig, bei welcher Gelegenheit Alaeddin die
Prinzessin Bedrulbudur gesehen, welche heftige Liebe ihm dieser
unglückselige Augenblick eingeflößt, welche Erklärungen er ihr darüber
gemacht und wie sie ihm alles vorgestellt habe, um ihn von einer
Leidenschaft abzubringen, die sowohl für den König, als für seine
Tochter im höchsten Grade beleidigend sei. »Aber,« fuhr sie fort, »statt
diese Ermahnungen zu beherzigen, und die Frechheit seines Verlangens
einzusehen, beharrte mein Sohn unerschütterlich dabei und drohte mir
sogar, wenn ich mich weigern würde, zu dir zu gehen und für ihn um die
Prinzessin anzuhalten. Gleichwohl hat es mich sehr große Überwindung
gekostet, bis ich ihm diesen Gefallen erwies, und ich bitte dich noch
einmal, großer König, daß du nicht allein mir, sondern auch meinem Sohne
Alaeddin verzeihen mögest, der den verwegenen Gedanken gehabt hat, nach
einer so hohen Verbindung zu trachten.«
Der Sultan hörte den ganzen Vortrag mit vieler Milde und Güte an, ohne
im mindesten Zorn und Unwillen zu verraten, oder auch nur die Sache
spöttisch aufzunehmen. Ehe er aber der guten Frau antwortete, fragte er
sie, was sie denn in ihrem leinenen Tuche eingehüllt habe. Sogleich nahm
sie die porzellanene Vase, stellte sie an den Fuß des Thrones, und
nachdem sie sich niedergeworfen, enthüllte sie dieselbe und überreichte
sie dem Sultan.
Es ist unmöglich, die Überraschung und das Erstaunen des Sultans zu
beschreiben, als er in dieser Vase so viele ansehnliche, kostbare,
vollkommene und glänzende Edelsteine erblickte, und zwar alle von einer
Größe, dergleichen er niemals gesehen hatte. Seine Verwunderung war so
groß, daß er eine Weile ganz unbeweglich dasaß. Endlich, als er sich
wieder gesammelt hatte, empfing er das Geschenk aus den Händen der Frau
und rief außer sich vor Freude: »Ei, wie schön, wie herrlich!« Nachdem
er die Edelsteine alle einen nach dem andern in die Hand genommen,
bewundert und nach ihren hervorstechendsten Eigenschaften gepriesen
hatte, wandte er sich zu seinem Großvezier, zeigte ihm die Vase und
sagte zu ihm: »Sieh einmal an und du wirst gestehen müssen, daß man auf
der ganzen Welt nichts Kostbareres und Vollkommeneres finden kann.« Der
Vezier war ebenfalls ganz bezaubert. »Je nun,« fuhr der Sultan fort,
»was sagst du von diesem Geschenke? Ist es der Prinzessin, meiner
Tochter, nicht würdig, und kann ich sie um diesen Preis nicht dem Manne
geben, der um sie anhalten läßt?«
Diese Worte versetzten den Großvezier in peinliche Unruhe. Der Sultan
hatte ihm nämlich vor einiger Zeit zu verstehen gegeben, daß er die
Prinzessin seinem Sohne zu geben gedenke. Nun aber fürchtete er, und
nicht ohne Grund, der Sultan möchte durch dieses reiche und
außerordentliche Geschenk geblendet, sich anders entschließen. Er
näherte sich ihm daher und flüsterte ihm ins Ohr: »Herr, ich muß
gestehen, daß das Geschenk der Prinzessin würdig ist. Allein ich bitte
dich, mir drei Monate Frist zu gönnen, bevor du dich entscheidest. Ich
hoffe, daß mein Sohn, auf den du früher deine Augen zu werfen geruhtest,
noch vor dieser Zeit ihr ein weit kostbareres Geschenk machen kann, als
dieser Alaeddin, den du gar nicht kennst.« So sehr nun auch der Sultan
überzeugt war, daß der Großvezier unmöglich seinen Sohn in den Stand
setzen konnte, der Prinzessin ein Geschenk von gleichem Werte zu machen,
so hörte er dennoch auf ihn und bewilligte ihm diesen Wunsch. Er wandte
sich also zu Alaeddins Mutter und sagte zu ihr: »Geh nach Hause, gute
Frau, und melde deinem Sohn, daß ich den Vorschlag, den du mir in seinem
Namen gemacht hast, genehmige, daß ich aber die Prinzessin, meine
Tochter, unmöglich verheiraten kann, bis ich ihr eine Ausstattung
besorgt habe, die erst in drei Monaten fertig wird. Komm also um diese
Zeit wieder.«
Alaeddins Mutter ging mit um so größerer Freude nach Hause, als sie es
im Anfang wegen ihres Standes für unmöglich gehalten hatte, Zutritt beim
Sultan zu erlangen, und nun war ihr statt einer beschämenden
abschlägigen Antwort, die sie erwarten mußte, ein so günstiger Bescheid
zuteil geworden. Als Alaeddin seine Mutter zurückkommen sah, schloß er
aus zwei Sachen auf eine gute Botschaft: erstens, weil sie früher als
gewöhnlich kam, und zweitens, weil ihr Gesicht vor Freude glänzte.
»Ach, meine Mutter!« rief er ihr entgegen, »darf ich hoffen oder soll
ich aus Verzweiflung sterben?« Sie legte ihren Schleier ab, setzte sich
neben ihn und sagte dann zu ihm: »Lieber Sohn, um dich nicht lange in
Ungewißheit zu lassen, will ich dir gleich zum voraus sagen, daß du
nicht ans Sterben zu denken brauchst, sondern im Gegenteil alle Ursache
hast, gutes Mutes zu sein.« Hierauf erzählte sie ihm, wie sie vor allen
andern Zutritt erhalten, und welche günstige Antwort sie aus des Sultans
eigenem Munde erhalten habe. Sie fügte hinzu: aus dem ganzen Benehmen
des Sultans habe sie entnehmen können, daß das Geschenk einen überaus
mächtigen Eindruck auf sein Gemüt gemacht und ihn zu dieser huldreichen
Antwort bestimmt habe.
Als Alaeddin diese Nachricht hörte, hielt er sich für den glücklichsten
aller Sterblichen. Er dankte seiner Mutter für die viele Mühe, und
obwohl ihm bei seinem ungeduldigen Verlangen nach dem Gegenstande seiner
Liebe drei Monate entsetzlich lang erschienen, so nahm er sich doch vor,
mit Geduld zu warten und auf das Wort des Sultans zu bauen, das er für
unverbrüchlich hielt. Indes zählte er in Erwartung des ersehnten Zieles
nicht bloß Wochen, Tage und Stunden, sondern selbst Minuten, und es
waren ungefähr zwei Monate verflossen, als seine Mutter eines Abends die
Lampe anzünden wollte und merkte, daß kein Öl mehr im Hause war. Sie
ging aus, um welches zu kaufen, und als sie in die Stadt hinein kam,
fand sie, daß alles festlich geschmückt war. Die Kaufläden waren
geöffnet, man schmückte sie mit Blumenkränzen und machte Anstalt zu
festlichen Beleuchtungen, wobei es jeder dem andern an Pracht und Glanz
zuvorzutun suchte, um seinen Eifer an den Tag zu legen. Auf allen
Gesichtern strahlte Freude und Fröhlichkeit, sogar die Straßen waren mit
Hofbeamten in Festkleidern angefüllt, die auf reichgeschmückten Pferden
saßen und von einer großen Menge Bedienten zu Fuß umgeben waren. Sie
fragte den Kaufmann, bei dem sie ihr Öl kaufte, was dies alles zu
bedeuten habe. »Woher kommst denn du, liebe Frau?« gab ihr dieser zur
Antwort; »weißt du allein nicht, daß der Sohn des Großveziers heute
abend die Prinzessin Bedrulbudur, Tochter des Sultans, heiratet? Sie
wird bald aus dem Bade kommen und die vornehmen Herren, die du hier
siehst, haben sich versammelt, um sie nach dem Palast zu geleiten, wo
die Feierlichkeit vor sich gehen soll.«
Alaeddins Mutter wollte nichts mehr hören. Sie lief so eilig nach Hause,
daß sie fast atemlos ankam. »Ach!« rief sie ihrem Sohne, der auf nichts
weniger, als auf eine solche unangenehme Nachricht gefaßt war, entgegen,
»für dich ist alles verloren. Du zähltest auf das schöne Versprechen des
Sultans, aber es wird nichts daraus.« Alaeddin erschrak über die Maßen
und antwortete: »Liebe Mutter, warum sollte mir denn der Sultan sein
Versprechen nicht halten? woher weißt du das?« -- »Heute abend noch,«
versetzte die Mutter, »heiratet der Sohn des Großveziers die Prinzessin
Bedrulbudur im Palaste.« Sie erzählte ihm hierauf, wie sie es erfahren
hatte, und teilte ihm so genau die einzelnen Umstände mit, daß er nicht
mehr daran zweifeln konnte. Bei dieser Nachricht war Alaeddin wie vom
Blitze getroffen. Jeder andere als er wäre seinem Kummer erlegen, aber
eine geheime Eifersucht weckte die Tätigkeit seines Geistes bald wieder.
Er gedachte jetzt der Lampe, die ihm bisher so nützlich gewesen, und
ohne mit leeren Worten gegen den Sultan, den Großvezier oder den Sohn
dieses Ministers zu eifern, sagte er bloß: »Liebe Mutter, der Sohn des
Großveziers ist heute nacht vielleicht nicht so glücklich, als er hofft.
Ich will einen Augenblick auf mein Zimmer gehen, bereite du indes das
Abendessen.«
Alaeddins Mutter begriff wohl, daß ihr Sohn von der Lampe Gebrauch
machen wollte, um die Heirat des Sohnes des Großveziers womöglich zu
hintertreiben, und sie täuschte sich nicht. Alaeddin nahm, sobald er in
seinem Zimmer war, die Wunderlampe, die er seit der Erscheinung des
Geistes, der seiner Mutter so großen Schrecken eingejagt, hierher
gebracht hatte, und rieb sie an derselben Stelle, wie früher. Alsbald
erschien der Geist und sprach zu ihm: »Was willst du? ich bin bereit dir
zu gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer, die die Lampe
in der Hand haben, sowohl ich als alle andern Sklaven der Lampe.« --
»Höre,« sagte Alaeddin, »du hast mir bisher zu essen gebracht, so oft
ich dessen bedurfte, jetzt aber habe ich dir einen Auftrag von weit
höherem Belang zu erteilen. Ich habe bei dem Sultan um die Prinzessin
Bedrulbudur anhalten lassen. Er hat sie mir versprochen und nur einen
Aufschub von drei Monaten verlangt. Statt aber sein Wort zu halten,
vermählt er sie heute abend noch vor Ablauf der Frist mit dem Sohne des
Großveziers. Ich habe es soeben erfahren und die Sache ist ganz gewiß.
Nun verlange ich von dir, daß du Bräutigam und Braut, sobald sie sich zu
Bette gelegt haben, wegtragest und alle beide in ihrem Bette hierher
bringst.« -- »Mein Gebieter,« antwortete der Geist, »ich werde dir
gehorchen. Hast du sonst noch etwas zu befehlen?« -- »Für den Augenblick
nichts,« erwiderte Alaeddin und der Geist verschwand.
Alaeddin ging wieder zu seiner Mutter zurück und speiste so ruhig, wie
sonst, mit ihr zu Abend. Nach dem Essen sprach er eine Weile mit ihr
über die Vermählung der Prinzessin, wie über eine Sache, die ihn
garnicht bekümmerte. Sodann ging er auf sein Zimmer zurück, damit seine
Mutter ungestört zu Bett gehen konnte. Er selbst legte sich indessen
nicht nieder, sondern erwartete die Rückkunft des Geistes und die
Vollziehung seines Befehles.
Indessen waren im Palast des Sultans mit ungeheurer Pracht alle
Anstalten zur Vermählungsfeier der Prinzessin getroffen worden, und die
Festlichkeiten und Lustbarkeiten dauerten bis in die Nacht. Als alles
vorüber war, entfernte sich der Sohn des Großveziers unbemerkt auf ein
Zeichen, das ihm der Oberste von den Verschnittenen der Prinzessin gab,
der ihn auch nach der Wohnung der Prinzessin und in das Gemach führte,
wo das Brautbett bereitet war. Er legte sich zuerst nieder. Bald darauf
brachte die Sultanin in Begleitung ihrer Frauen und der Frauen ihrer
Tochter die Braut herein. Nach der Sitte aller Neuvermählten sträubte
sie sich heftig. Die Sultanin half sie auskleiden, legte sie wie mit
Gewalt ins Bett, umarmte sie, wünschte ihr eine gute Nacht und entfernte
sich dann mit allen ihren Frauen. Die letzte, die hinausging, schloß die
Türe hinter sich zu.
Kaum war die Türe verschlossen, als der Geist, ein treuer Sklave der
Lampe und pünktlicher Vollzieher aller Befehle ihrer Besitzer, ohne dem
jungen Gatten Zeit zu lassen, seine Neuvermählte auch nur ein wenig zu
liebkosen, zum großen Erstaunen beider das Bett, worin sie lagen, nahm
und in einem Augenblick in Alaeddins Zimmer trug.
Alaeddin, der diesen Augenblick voll Ungeduld erwartet hatte, duldete
nicht, daß der Sohn des Großveziers bei der Prinzessin liegen blieb.
»Nimm diesen jungen Ehemann,« sagte er zu dem Geist, »sperre ihn ins
heimliche Gemach, und komm morgen früh etwas vor Tagesanbruch wieder.«
Sogleich nahm der Geist den Sohn des Großveziers im bloßen Hemd aus dem
Bett, brachte ihn an den bezeichneten Ort und ließ ihn daselbst, nachdem
er einen Dunst auf ihn gehaucht hatte, den er vom Wirbel bis zur Zehe
spürte, und der ihn hinderte, sich von der Stelle zu rühren.
So groß nun auch Alaeddins Liebe zur Prinzessin Bedrulbudur war, so
führte er doch, sobald er sich mit ihr allein sah, keine langen Reden,
sondern sagte bloß in sehr zärtlichem Tone zu ihr: »Fürchte nichts,
geliebte Prinzessin; du bist hier in Sicherheit, und so gewaltig auch
die Liebe ist, die ich für deine Schönheit und deine Reize empfinde, so
werde ich doch nie die Schranken der tiefen Ehrfurcht überschreiten,
welche ich dir schulde. Wenn ich,« fügte er hinzu, »gezwungen worden
bin, zu diesen äußersten Maßregeln zu greifen, so geschah dies nicht in
der Absicht, dich zu beleidigen, sondern ich wollte nur einen
ungerechten Nebenbuhler verhindern, dem Versprechen, das der Sultan,
dein Vater, mir gegeben, zuwider dich in Besitz zu nehmen.« Die
Prinzessin, die von all diesen Umständen nichts wußte, achtete nicht
sehr auf Alaeddins Worte und vermochte ihm nichts zu erwidern. Der
Schrecken und das Erstaunen über dieses überraschende und unerwartete
Abenteuer hatte sie in einen solchen Zustand versetzt, daß Alaeddin ihr
kein einziges Wort entlocken konnte. Alaeddin ließ es indes nicht dabei
bewenden; er entkleidete sich und legte sich an die Stelle des Sohnes
des Großveziers, indem er der Prinzessin den Rücken kehrte, zugleich
aber die Vorsicht gebrauchte, einen Säbel zwischen die Prinzessin und
sich zu legen, zum Zeichen, daß er damit bestraft zu werden verdiente,
wenn er sich gegen ihre Ehre vergehen sollte.
Alaeddin war damit zufrieden, seinen Nebenbuhler des Glücks beraubt zu
haben, das er in dieser Nacht zu genießen hoffte, und schlief ganz
ruhig. Anders die Prinzessin Bedrulbudur: sie hatte in ihrem Leben noch
keine so verdrießliche und unangenehme Nacht zugebracht, und wenn man
den Ort und den Zustand bedenkt, in dem der Geist den Sohn des
Großveziers verlassen hatte, so wird man sich leicht denken können, daß
sie für den jungen Ehemann noch viel betrübter war.
Am andern Morgen brauchte Alaeddin nicht erst die Lampe zu reiben, um
den Geist herbeizurufen. Er kam zur bezeichneten Stunde wieder und sagte
zu Alaeddin, während dieser sich ankleidete: »Hier bin ich, was hast du
mir zu befehlen?« -- »Geh,« antwortete Alaeddin, »hole den Sohn des
Großveziers, lege ihn wieder in dies Bett und trage ihn nach dem Palast
des Sultans an denselben Ort zurück, wo du ihn genommen hast.« Der Geist
löste den Sohn des Großveziers von seinem Posten ab und Alaeddin nahm,
als er zurückkam, seinen Säbel wieder. Jener legte den jungen Ehemann
neben die Prinzessin und trug das Brautbett in einem Augenblick nach
demselben Gemach des königlichen Palastes zurück, wo er es geholt hatte.
Zu bemerken ist noch, daß der Geist weder von der Prinzessin noch dem
Sohne des Großveziers gesehen wurde; seine abscheuliche Gestalt hätte
sie leicht vor Schrecken töten können. Ebensowenig hörten sie die
Gespräche zwischen Alaeddin und ihm, sondern bemerkten bloß die
Bewegungen des Bettes und ihre Versetzung von einem Ort an einen andern;
dies allein konnte ihnen schon genug Schrecken einjagen, wie sich leicht
denken läßt.
Kaum hatte der Geist das Brautbett wieder an seinen Ort gestellt, als
der Sultan, der gern erfahren hätte, wie die Prinzessin, seine Tochter,
ihre Hochzeitsnacht zugebracht, ins Zimmer trat, um ihr guten Morgen zu
wünschen. Der Sohn des Großveziers, der die ganze Nacht in der Kälte
hatte stehen müssen und noch keine Zeit gehabt hatte, sich zu erwärmen,
stand, als die Türe geöffnet wurde, sogleich auf und ging in das
Vorzimmer, wo er sich den Abend zuvor entkleidet hatte.
Der Sultan näherte sich dem Bett der Prinzessin, küßte sie der Sitte
gemäß zwischen die Augen, wünschte ihr guten Morgen und fragte sie
lächelnd, wie sie sich diese Nacht befunden habe? Als er sie aber
aufmerksamer betrachtete, fand er sie zu seinem großen Erstaunen in
tiefe Schwermut versenkt; auch wurde sie weder rot, noch gab sie sonst
ein Zeichen, das seine Neugierde hätte befriedigen können. Sie warf ihm
bloß einen sehr traurigen Blick zu, der große Betrübnis oder großes
Mißvergnügen verriet. Er sprach noch einige Worte zu ihr; da er aber
sah, daß er ihr keine Antwort entlocken konnte, so glaubte er, sie tue
dies aus Schamhaftigkeit, und entfernte sich. Gleichwohl stieg die
Vermutung in ihm auf, dieses Stillschweigen müsse einen ganz
absonderlichen Grund haben; deswegen ging er sogleich nach den Gemächern
der Sultanin und erzählte ihr, in welchem Zustande er die Prinzessin
gefunden und wie sie ihn empfangen habe. »Herr,« gab die Sultanin zur
Antwort, »du mußt dich darüber nicht wundern; am Morgen nach der
Hochzeitsnacht zeigen alle Neuvermählten solche Zurückhaltung. In zwei
oder drei Tagen wird dies anders sein. Ich will nun selbst zu ihr
gehen,« fügte sie hinzu, »und ich müßte mich sehr täuschen, wenn sie
mich ebenso empfinge.«