Als Alaeddin sah, daß weder Brot, noch Lebensmittel, noch Geld mehr zu

Hause war, nahm er eine silberne Schüssel und suchte den Juden, den er

kannte, auf, um sie zu verkaufen. Auf dem Wege zu ihm kam er an dem

Laden eines Goldschmieds vorüber, der durch sein Alter ehrwürdig und

zugleich ein ehrlicher und rechtschaffener Mann war. Der Goldschmied

bemerkte ihn, und rief ihm, er möchte hereintreten. »Mein Sohn,« sagte

er zu ihm, »ich habe dich schon mehrere Male mit derselben Ware wie

jetzt vorbeigehen, jenen Juden aufsuchen und bald darauf mit leeren

Händen zurückkommen sehen. Dies hat mich auf den Gedanken gebracht, daß

du das, was du trägst, jedesmal an ihn verkaufst. Aber du weißt

vielleicht nicht, daß dieser Jude ein Betrüger, und zwar ein ärgerer

Betrüger ist, als die andern Juden, und daß niemand, der ihn kennt, mit

ihm zu tun haben will. Im übrigen sage ich dir dieses bloß aus

Gefälligkeit. Wenn du mir zeigen willst, was du jetzt in der Hand hast,

und es dir feil ist, so will ich dir den wahren Wert getreulich

ausbezahlen, wofern ich es brauchen kann; wo nicht, so will ich dich an

andere Kaufleute weisen, die dich nicht betrügen werden.«

In der Hoffnung, noch mehr Geld für seine Schüssel zu lösen, zog

Alaeddin sie sogleich unter seinem Kleide hervor und zeigte sie dem

Goldschmied. Der Greis, der auf den ersten Blick erkannte, daß sie vom

feinsten Silber war, fragte ihn, ob er wohl schon ähnliche an den Juden

verkauft und was er von ihm dafür erhalten habe. Alaeddin gestand

offenherzig, daß er schon zwölf solche verkauft und der Jude ihm für

jede ein einziges Goldstück bezahlt habe. »Ha, der Spitzbube!« rief der

Goldschmied. »Mein Sohn,« fügte er hinzu, »was geschehen ist, ist

geschehen, und man muß nicht mehr daran denken; aber wenn ich dir jetzt

den wahren Wert deiner Schüssel entdecke, die vom feinsten Silber ist,

das nur irgend von uns verarbeitet wird, so wirst du einsehen, wie sehr

der Jude dich betrogen hat.«

Der Goldschmied nahm die Wage, wog die Schüssel und nachdem er Alaeddin

auseinandergesetzt hatte, was eine Mark Silber sei, machte er ihm

begreiflich, daß diese Schüssel ihrem Gewichte nach zweiundsiebenzig

Goldstücke wert sei, die er ihm sogleich blank ausbezahlte. »Da hast

du«, sagte er, »den wahren Betrag deiner Schüssel. Wenn du noch daran

zweifelst, so kannst du dich nach Belieben an jeden andern von unsern

Goldschmieden wenden, und wenn dir einer sagt, daß sie mehr wert sei, so

mache ich mich anheischig, dir das Doppelte dafür zu bezahlen.«

Alaeddin dankte dem Goldschmied sehr für den guten Rat. In der Folge

verkaufte er auch die übrigen Schüsseln, sowie das Becken, an ihn und

erhielt von allem den vollen Wert je nach dem Gewichte. Obwohl nun

Alaeddin und seine Mutter eine unversiegbare Geldquelle an ihrer Lampe

hatten, so lebten sie dennoch ebenso mäßig, wie zuvor, nur daß Alaeddin

einiges auf die Seite legte, um anständig auftreten zu können und

verschiedene Bequemlichkeiten für ihre kleine Wirtschaft anzuschaffen.

Seine Mutter dagegen verwendete auf ihre Kleider nichts, als was ihr das

Baumwollespinnen einbrachte. Bei dieser nüchternen Lebensweise kann man

sich leicht denken, daß das Gold, das Alaeddin für seine zwölf Schüsseln

und das Becken von dem Goldschmied erhalten hatte, lange ausreichte. So

lebten sie denn mehrere Jahre lang von dem guten Gebrauch, den Alaeddin

von Zeit zu Zeit von seiner Lampe machte.

In dieser Zwischenzeit hatte Alaeddin, der es nicht unterließ, sich sehr

fleißig bei den Zusammenkünften angesehener Personen in den Läden der

bedeutendsten Kaufleute, die mit Gold, Silber, Seidenstoffen, den

feinsten Schleiertüchern und Juwelen handelten, einzufinden und

bisweilen sogar an ihren Unterhaltungen teilzunehmen, sich vollends

ausgebildet und allmählich alle Manieren der feinen Weltleute

angenommen. Namentlich bei den Juwelenhändlern kam er von dem Irrwahn

ab, als wären die durchsichtigen Früchte, die er in dem Garten, wo die

Lampe stand, gepflückt hatte, nur buntfarbiges Glas; er erfuhr hier, daß

es sehr kostbare Edelsteine waren. Da er täglich in diesen Läden alle

Arten solcher Edelsteine kaufen und verkaufen sah, lernte er sie nach

ihrem Werte kennen und schätzen; da er nirgends so schöne und große

bemerkte, wie die seinigen, so begriff er wohl, daß er statt der

Glasscherben einen Schatz von unmeßbarem Wert besaß. Indes war er klug

genug, niemandem etwas davon zu sagen, selbst seiner Mutter nicht, und

ohne Zweifel verdankte er diesem Stillschweigen das hohe Glück, zu dem

wir ihn in der Folge werden emporsteigen sehen.

Eines Tags, als er in der Stadt spazieren ging, hörte Alaeddin mit

lauter Stimme einen Befehl des Sultans ausrufen, daß jedermann seinen

Laden und seine Haustüre schließen und sich ins Innere seiner Wohnung

zurückziehen solle, bis die Prinzessin Bedrulbudur, das heißt »Mond der

Monde«, die Tochter des Sultans, die baden wollte, vorübergegangen und

wieder zurückgekehrt sein würde.

Dieser öffentliche Aufruf erweckte in Alaeddin den Wunsch, die

Prinzessin entschleiert zu sehen. Er mußte sich zu diesem Behuf in das

Haus eines Bekannten begeben und dort hinter ein Gitterfenster stellen;

allein dies war ihm nicht genug, da die Prinzessin, dem Brauche gemäß,

auf ihrem Weg ins Bad einen Schleier vor ihrem Gesichte haben mußte. Um

seine Neugierde zu befriedigen, ersann er endlich ein Mittel, das ihm

glückte. Er stellte sich nämlich hinter die Türe des Bades, das so

eingerichtet war, daß er sie unfehlbar sehen mußte.

Alaeddin mußte nicht lange warten: die Prinzessin erschien und er

betrachtete sie durch einen Ritz, der groß genug war, so daß er sehen

konnte, ohne gesehen zu werden. Sie kam in Begleitung einer großen

Anzahl ihrer Frauen und Verschnittenen, die teils neben ihr, teils

hinter ihr hergingen. Drei oder vier Schritte vor der Türe des Bades

nahm sie den Schleier ab, der ihr Gesicht bedeckte und ihr sehr unbequem

war, und auf diese Art sah Alaeddin sie um so bequemer, da sie gerade

auf ihn zukam. Alaeddin hatte bis dahin noch nie eine Frau mit

entschleiertem Gesichte gesehen, als seine Mutter, die schon alt und

niemals so hübsch gewesen war.

Als Alaeddin die Prinzessin Bedrulbudur gesehen hatte, konnte sein Herz

dem bezaubernden Mädchen die höchste Zuneigung nicht versagen. Wirklich

war die Prinzessin auch die schönste Brünette, die man nur auf der Welt

sehen kann. Sie hatte große, regelmäßige, lebhafte und feurige Augen,

einen sanften und sittsamen Blick, eine wohlgeformte Nase ohne allen

Tadel, einen kleinen Mund, rosenrote und durch ihr schönes Ebenmaß

wahrhaft bezaubernde Lippen; mit einem Wort, alle ihre Gesichtszüge

waren höchst anmutig und regelmäßig. Was Wunder, daß Alaeddin bei dem

Anblick einer so seltenen Vereinigung von Schönheiten, die ihm ganz neu

waren, geblendet wurde und beinahe außer sich geriet! Außer diesen

Vollkommenheiten hatte die Prinzessin einen üppigen Wuchs und eine

majestätische Haltung, deren Anblick allein schon die ihr gebührende

Ehrfurcht einflößte.

Als die Prinzessin ins Bad gegangen war, blieb Alaeddin eine Weile ganz

verwirrt und entzückt stehen, indem er sich unaufhörlich das reizende

Bild vor die Seele rief, das ihn im Innersten seines Herzens ergriffen

und bezaubert hatte. Endlich kam er wieder zur Besinnung, und da er

bedachte, daß die Prinzessin bereits vorübergegangen war, und er

vergebens seinen Posten länger behaupten würde, um sie beim Herausgehen

aus dem Bade wieder zu sehen, indem sie ihm dann den Rücken zuwenden und

verschleiert sein müßte, so beschloß er, den Ort zu verlassen und sich

hinwegzubegeben.

Als Alaeddin nach Hause kam, konnte er seine Verwirrung und Unruhe nicht

so verbergen, daß seine Mutter nichts gemerkt hätte. Sie war sehr

erstaunt, ihn gegen seine Gewohnheit so traurig und nachdenklich zu

sehen und fragte ihn, ob ihm etwas Unangenehmes begegnet sei oder ob er

sich unwohl befinde. Alaeddin aber gab keine Antwort, sondern setzte

sich nachlässig auf den Sofa, wo er unverändert in derselben Stellung

blieb, fortwährend damit beschäftigt, sich das reizende Bild der

Prinzessin Bedrulbudur zu vergegenwärtigen. Seine Mutter bereitete das

Abendessen und drang nicht weiter in ihn. Er aß viel weniger als

gewöhnlich, hatte die Augen immer niederschlagen und beobachtete ein so

tiefes Stillschweigen, daß es seiner Mutter unmöglich war, ihm auch nur

ein einziges Wort zu entlocken, so sehr sie auch in ihn drang, er solle

ihr die Ursache dieser außerordentlichen Veränderungen mitteilen.

Nach dem Abendessen wollte sie von neuem anfangen, ihn zu fragen, warum

er denn so schwermütig sei, allein sie konnte nichts aus ihm

herausbringen, und Alaeddin ging zu Bette, ohne seine Mutter im

mindesten zufriedengestellt zu haben.

»Liebe Mutter,« begann er am nächsten Morgen, »ich will jetzt mein

Stillschweigen brechen. Ich war nicht krank, wie du zu glauben

schienest, und bin es auch jetzt nicht. Aber so viel kann ich dir sagen,

daß das, was ich empfand und was ich noch fortwährend empfinde, etwas

weit Schlimmeres ist, als eine Krankheit. Zwar weiß ich nicht recht, wie

man dieses Übel nennt, aber ich zweifle nicht, daß du es aus dem

erkennen wirst, was ich dir jetzt sagen will.«

»Es ist«, fuhr Alaeddin fort, »die Tochter des Sultans gestern

nachmittag ins Bad gegangen. Da ich nicht weit vom Bade entfernt war, so

brachte mich die Neugierde, sie mit entschleiertem Gesichte zu sehen,

auf den Einfall, mich hinter die Türe des Bades zu verstecken. Wirklich

nahm sie vor ihrem Eintritt den Schleier ab und ich hatte das Glück, zu

meinem unaussprechlichen Vergnügen diese liebenswürdige Prinzessin zu

sehen. Ich liebe die Prinzessin mit einer Glut, die ich dir nicht

beschreiben kann, und da meine heiße Leidenschaft mit jedem Augenblicke

zunimmt, so fühle ich wohl, daß sie nur durch den Besitz befriedigt

werden kann; daher ich denn auch entschlossen bin, sie vom Sultan mir

zur Frau zu erbitten.«

Alaeddins Mutter hatte die Rede ihres Sohnes bis auf die letzten Worte

mit vieler Aufmerksamkeit angehört; als sie aber vernahm, daß er im Sinn

habe, um die Hand der Prinzessin Bedrulbudur anzuhalten, so konnte sie

nicht umhin, ihn durch lautes Gelächter zu unterbrechen. Alaeddin wollte

fortfahren, allein sie ließ ihn nicht zum Wort kommen und sagte zu ihm:

»Ei, ei, mein Sohn, was fällt dir ein? Bist du wahnsinnig geworden, daß

du solche Reden führen kannst?«

»Liebe Mutter,« erwiderte Alaeddin, »ich kann dir versichern, daß ich

nicht wahnsinnig, sondern ganz bei Verstande bin. Ich habe mir zum

voraus gedacht, daß du mich töricht und albern nennen werdest; allein

dies soll mich nicht hindern, dir noch einmal zu erklären, daß mein

Entschluß feststeht, den Sultan um die Hand der Prinzessin Bedrulbudur

zu bitten.«

»Wahrhaftig, mein Sohn,« erwiderte die Mutter sehr ernsthaft, »ich muß

dir sagen, daß du dich ganz vergissest; und wenn du deinen Entschluß

auch ausführen wolltest, so sehe ich nicht ein, durch wen du es wagen

könntest, deine Bitte vortragen zu lassen.« -- »Durch niemand anders,

als dich selbst,« antwortete der Sohn ohne Bedenken. -- »Durch mich!«

rief die Mutter voll Erstaunen und Überraschung; »und an den Sultan? O

ich werde mich wohl hüten, mich in eine Unternehmung der Art

einzulassen. Und wer bist du denn, mein Sohn,« fuhr sie fort, »daß du

die Kühnheit haben dürftest, deine Gedanken zur Tochter deines Sultans

zu erheben? Hast du vergessen, daß du der Sohn eines der geringsten

Schneider seiner Hauptstadt und auch von mütterlicher Seite nicht von

höherer Abkunft bist? Weißt du denn nicht, daß Sultane ihre Töchter

selbst Sultanssöhnen verweigern, die keine Hoffnung haben, einst zur

Regierung zu gelangen?«

»Liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »ich habe dir bereits bemerkt, daß

ich alles vorausgesehen habe, was du mir soeben gesagt hast, und ebenso

sehe ich alles voraus, was du etwa noch hinzufügen könntest. Weder deine

Reden, noch deine Vorstellungen werden mich von meinem Entschlusse

abbringen. Ich habe dir gesagt, daß ich durch deine Vermittlung um die

Hand der Prinzessin Bedrulbudur anhalten will; es ist dies die einzige

Gefälligkeit, um die ich dich mit aller schuldigen Ehrerbietung bitte,

und du kannst sie mir nicht abschlagen, wenn du mich nicht lieber

sterben sehen, als mir zum zweitenmal das Leben schenken willst.«

Alaeddins Mutter befand sich in großer Verlegenheit, als sie diese

Hartnäckigkeit sah. »Mein Sohn,« sagte sie nochmals zu ihm, »ich bin

deine Mutter, und als gute Mutter bin ich bereit, aus Liebe zu dir alles

zu tun, was vernünftig und schicklich ist. Wenn es sich darum handelte,

für dich um die Tochter eines unserer Nachbarn anzuhalten, der von

gleichem oder wenigstens nicht viel höherem Stande wäre als du, so würde

ich nichts versäumen, und von Herzen gern alles aufbieten, was in meiner

Macht steht; aber auch dann müßtest du einiges Vermögen oder Einkünfte

besitzen, oder ein Gewerbe erlernt haben, um deinen Zweck zu erreichen.

Wenn arme Leute, wie wir, heiraten wollen, so ist das erste, woran sie

denken müssen, ob sie auch zu leben haben. Aber ohne an deine niedere

Abkunft, an deinen geringen Stand und deine Armut zu denken, willst du

dich auf den höchsten Gipfel des Glücks schwingen und verlangst nichts

Geringeres, als die Tochter deines Herrn und Gebieters, der nur ein

Wort zu sagen braucht, um dich zu verderben und zu zermalmen. Ich will

hier nicht erwähnen, was dich selbst betrifft, denn das mußt du in

deinem Innern in Erwägung ziehen, wofern du nur halbwegs bei gutem

Verstande bist. Ich will nur von dem sprechen, was mich angeht. Wie hat

dir ein so seltsamer Gedanke in den Kopf kommen können, daß ich zum

Sultan hingehen und ihm den Antrag machen soll, dir die Prinzessin,

seine Tochter, zum Weibe zu geben? Gesetzt auch, ich hätte die

Unverschämtheit, vor seine geheiligte Person zu treten, um eine so

ungereimte Bitte vorzutragen, an wen müßte ich mich denn wenden, um nur

vorgelassen zu werden? Glaubst du denn nicht, daß der erste, den ich

anredete, mich als Närrin behandeln und mit Schmach und Schimpf

fortjagen würde, wie ich es verdiente? Wenn wir aber auch annehmen, daß

es keine Schwierigkeit gäbe, Audienz bei dem Sultan zu erhalten: denn

ich weiß, daß man leicht zu ihm gelangen kann, wenn man um Gerechtigkeit

bittet, und daß er sie seinen Untertanen gern gewährt, sobald sie ihn

darum angehen; ich weiß auch, daß er mit Vergnügen eine Gnade bewilligt,

um die man ihn bittet, sobald er sieht, daß man sie verdient hat und

ihrer würdig ist: aber bist du denn in demselben Falle und glaubst du

die Gnade verdient zu haben, die ich für dich erbitten soll? Bist du

ihrer würdig? Was hast du für deinen Fürsten oder für dein Vaterland

getan und wodurch hast du dich ausgezeichnet? Wenn du nun nichts

geleistet hast, um eine so hohe Gnade zu verdienen, und auch im übrigen

ihrer nicht würdig bist, mit welcher Stirn könnte ich dann darum bitten?

Wie könnte ich auch nur den Mund öffnen, um dem Sultan diesen Vorschlag

zu machen? Sein majestätisches Ansehen und der Glanz seines Hofes würden

mir sogar den Mund verschließen, mir, die ich schon vor deinem Vater

zitterte, wenn ich ihn nur um eine Kleinigkeit zu bitten hatte. Auch ein

anderer Grund ist noch vorhanden, mein Sohn, den du nicht bedacht hast,

nämlich, daß man vor unsern Sultanen, wenn man sie um etwas bitten will,

nicht erscheinen darf, ohne ein Geschenk in der Hand zu haben. Welches

Geschenk könntest du ihm denn bieten? Und wenn du auch etwas hättest,

das der Beachtung eines so großen Monarchen im mindesten wert schiene,

in welchem Verhältnis stände dann dein Geschenk mit der Bitte, die du

an ihn tun willst? Geh in dich und bedenke, daß du nach etwas trachtest,

das du unmöglich erreichen kannst.«

Alaeddin hörte alles, was seine Mutter sagte, um ihn von seinem Plane

abzubringen, mit großer Gemütsruhe an, und nachdem er ihre Vorstellungen

Punkt für Punkt in Erwägung gezogen, nahm er endlich das Wort und

sprach: »Ich gestehe, liebe Mutter, daß es eine große Verwegenheit von

mir ist, so hoch hinauf zu wollen, und zugleich sehr unüberlegt, daß ich

von dir, mit solcher Hitze und Hastigkeit verlange, du sollst beim

Sultan für mich anhalten, ohne zuvor die geeigneten Maßregeln zu

ergreifen, um dir Gehör und einen günstigen Empfang zu verschaffen.

Verzeih mir diesmal. In der Hitze der Leidenschaft, die sich meiner

bemeistert hat, darfst du dich nicht wundern, wenn ich nicht auf einmal

alles, was mir die gesuchte Ruhe geben kann, ins Auge gefaßt habe. Ich

liebe die Prinzessin Bedrulbudur weit mehr, als du dir denken kannst, ja

ich bin ganz von Sinnen und beharre fest auf dem Entschlusse, sie zu

heiraten. Ich bin darüber vollkommen mit mir einig und entschieden.

Übrigens danke ich dir für die Eröffnung, die du mir soeben gemacht

hast, denn ich betrachte sie als den ersten Schritt zu dem glücklichen

Erfolg, den ich mir verspreche.

»Du sagst mir, es sei nicht Brauch, ohne ein Geschenk in der Hand vor

dem Sultan zu erscheinen, und ich hätte nichts, was seiner würdig wäre.

Wenn du aber meinst, daß ich nichts besäße, was ihm überreicht werden

könnte, so glaube ich doch, daß die Sachen, die ich aus der

unterirdischen Höhle mitgebracht habe, dem Sultan gewiß viel Vergnügen

machen würden. Ich spreche nämlich von den Steinen in den zwei Beuteln

und im Gürtel, die wir beide anfangs für farbige Gläser hielten; jetzt

sind mir die Augen aufgegangen, und ich sage dir, liebe Mutter, daß es

Juwelen von unschätzbarem Werte sind, die nur großen Königen gebühren.

In den Läden der Juweliere habe ich mich von ihrem Wert überzeugt und du

kannst mir aufs Wort glauben: alle, die ich bei diesen Herren gesehen

habe, halten mit den unsern durchaus keinen Vergleich aus, weder in

Beziehung auf Größe, noch auf Schönheit, und doch verkaufen sie

dieselben um ungeheure Summen. Wir können zwar allerdings den wahren

Wert der unsrigen nicht angeben, aber dem mag sein wie ihm wolle, so

viel verstehe ich doch, um überzeugt zu sein, daß das Geschenk dem

Sultan die größte Freude machen muß. Du hast da eine ziemlich große

Porzellanvase, die gerade dazu paßt; bring sie einmal her, und laß uns

sehen, welche Wirkung sie haben, wenn wir sie nach ihren verschiedenen

Farben ordnen.«

Alaeddins Mutter brachte die Vase, und Alaeddin nahm die Edelsteine aus

den beiden Beuteln heraus und legte sie in der besten Ordnung hinein.

Die Wirkung, die sie durch die Mannigfaltigkeit ihrer Farben und ihren

strahlenden Glanz beim hellen Tageslicht hatten, war so groß, daß Mutter

und Sohn beinahe davon geblendet wurden und sich über die Maßen

wunderten; denn sie hatten dieselben bisher nur beim Lampenschein

betrachtet. Alaeddin zwar hatte sie auf den Bäumen gesehen, wo sie ihm

als Früchte erschienen, die einen herrlichen Anblick gewährten; allein

er war damals noch Kind gewesen und hatte diese Edelsteine nur als

Spielzeug betrachtet.

Nachdem sie die Schönheit des Geschenks eine Weile betrachtet hatten,

nahm Alaeddin wieder das Wort und sagte: »Du hast jetzt keine Ausrede

mehr, liebe Mutter, und kannst dich nicht damit entschuldigen, daß wir

kein passendes Geschenk anzubieten hätten. Hier ist eines, wie mich

dünkt, das dir gewiß einen recht freundlichen Empfang verschaffen wird.«

Obwohl Alaeddins Mutter dieses Geschenk, ungeachtet seiner Schönheit und

seines Glanzes, nicht für so wertvoll hielt, wie ihr Sohn, so dachte sie

doch, es könne vielleicht angenommen werden, und sah ein, daß in dieser

Beziehung nichts mehr einzuwenden war. Dagegen kam sie immer wieder auf

Alaeddins Forderung zurück, und dies machte ihr viel Unruhe. »Mein

Sohn,« sprach sie zu ihm, »ich begreife wohl, daß dein Geschenk Wirkung

tun und Gnade in den Augen des Sultans finden wird; aber wenn ich dann

deine Bitte vortragen soll, so fühle ich zum voraus, daß ich dazu keine

Kraft haben und stumm bleiben werde. Auf diese Art wird nicht nur mein

Gang vergeblich, sondern auch das Geschenk, das nach deiner Behauptung

so außerordentlich kostbar ist, verloren sein, und ich werde mit Schmach

abziehen müssen, um dir zu verkündigen, daß du dich in deiner

Hoffnung getäuscht hast. Ich habe es dir schon einmal gesagt und du

wirst sehen, daß es so kommt.«

[Illustration]

[Illustration]

»Aber,« setzte sie hinzu, »gesetzt auch, ich könnte mir so viel Gewalt

antun, mich nach deinem Wunsche zu fügen, und ich hätte Kraft genug, um

eine solche Bitte zu wagen, wie du mir zumutest, so wird sich doch der

Sultan ganz gewiß entweder über mich lustig machen und mich als eine

Närrin nach Hause schicken, oder er wird in gerechten Zorn geraten,

dessen Opfer unfehlbar wir beide sein werden.«

Alaeddins Mutter führte noch mehrere solche Gründe an, um ihren Sohn auf

andere Gedanken zu bringen; allein die Reize der Prinzessin Bedrulbudur

hatten einen zu starken Eindruck auf sein Herz gemacht, als daß er sich

von seinem Plane hätte abbringen lassen. Alaeddin beharrte also auf

seiner Bitte, und teils aus Zärtlichkeit, teils aus Furcht, er möchte

irgend einen tollen Streich machen, überwand seine Mutter ihre Abneigung

und verstand sich endlich dazu, ihm zu willfahren.

Da es schon spät und die Zeit, in den Palast zu gehen und vor den Sultan

zu treten, an diesem Tage bereits vorüber war, so wurde die Sache auf

den folgenden Tag verschoben. »Mein Sohn,« sagte die Mutter, »wenn mich

der Sultan so günstig aufnimmt, wie ich es aus Liebe zu dir wünsche,

wenn er auch den Vorschlag ruhig anhört, aber sich dann einfallen läßt,

nach deinem Vermögen und Stande zu fragen -- sage mir, was soll ich ihm

dann antworten?«

»Liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »wir wollen uns nicht zum voraus

über eine Sache bekümmern, die vielleicht gar nicht vorkommen wird. Wir

müssen jetzt abwarten, wie der Sultan dich empfängt und was für eine

Antwort er dir gibt. Wenn er dann wirklich über das, was du sagst,

Auskunft haben will, so werde ich mich schon auf eine Antwort besinnen,

und ich glaube zuversichtlich, daß die Lampe, die uns schon seit einigen

Jahren ernährt, mich in der Not nicht verlassen wird.«

Alaeddins Mutter wußte hierauf nichts zu erwidern, denn sie dachte, daß

die Lampe, von der er sprach, auch noch weit größere Wunder bewirken

könnte, als nur ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Dies beruhigte

sie. Alaeddin sagte zu ihr: »Jedenfalls, liebe Mutter, halte die Sache

geheim; davon hängt der ganze glückliche Erfolg ab, den wir erwarten

können.« Hierauf trennten sie sich, um zu Bett zu gehen; allein die

heftige Liebe und die großartigen, unermeßlichen Glückspläne, die

Alaeddins Gemüt erfüllten, ließen ihn keine Ruhe finden. Er stand vor

Tagesanbruch auf, weckte sogleich seine Mutter und bestürmte sie, sie

solle sich aufs schleunigste ankleiden, an das Tor des königlichen

Palastes gehen und, sowie es geöffnet würde, zugleich mit dem

Großvezier, den untergeordneten Vezieren und den übrigen Staatsbeamten

eintreten, die sich zur Sitzung des Divans begäben, welcher der Sultan

immer persönlich beiwohnte.

Alaeddin und die Wunderlampe aus Tausend und eine Nacht · 第 2 / 9 段