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1001 Nacht
Alaeddin und die Wunderlampe
Von diesem Werk erschien eine
numerierte Vorzugsausgabe in
250 numerierten Exemplaren auf
imitiert Japanpapier mit einer
Original-Radierung, die auf
echt Japan hergestellt ist
[Illustration]
Alaeddin
und die Wunderlampe
Aus
Tausend und eine Nacht
mit 11 Vollbildern
u. der Buchausstattung
von F. Staeger.
Hugo Schmidt Verlag
München
_Textrevision besorgte Kurt Moreck_
_Copyright 1919 by Hugo Schmidt Verlag, München_
Alle Rechte, insbesondere das an den Abbildungen, vorbehalten
HUGO SCHMIDT VERLAG
Alaeddin und die Wunderlampe
Mustafa war der Name eines Schneiders, der in einer sehr reichen und
großen Hauptstadt Chinas lebte. Dieser Mustafa war sehr arm, und seine
Arbeit warf kaum so viel ab, daß er, seine Frau und ein Sohn davon leben
konnten.
Die Erziehung dieses Sohnes, welcher Alaeddin hieß, war sehr
vernachlässigt worden, so daß er allerhand lasterhafte Neigungen
angenommen hatte. Er war boshaft, halsstarrig und ungehorsam gegen Vater
und Mutter. Kaum war er ein wenig herangewachsen, so konnten ihn seine
Eltern nicht mehr im Hause zurückhalten. Er ging schon am frühen Morgen
aus und tat den ganzen Tag nichts, als auf den Straßen und öffentlichen
Plätzen mit kleinen Tagdieben spielen.
Als er ein Handwerk erlernen sollte, nahm ihn sein Vater in seine Bude
und fing an, ihn in der Handhabung der Nadel zu unterrichten. Allein
weder gute Worte noch Drohungen vermochten den flatterhaften Sinn des
Sohnes zu fesseln. Kaum hatte Mustafa ihm den Rücken gekehrt, so
entwischte Alaeddin und ließ sich den ganzen Tag nicht wieder sehen. Der
Vater züchtigte ihn, aber Alaeddin war unverbesserlich, und Mustafa
mußte ihn mit großem Bedauern zuletzt seinem liederlichen Leben
überlassen. Dies verursachte ihm großes Herzeleid, und der Kummer zog
ihm eine hartnäckige Krankheit zu, an der er nach einigen Monaten starb.
Alaeddins Mutter machte darauf alles zu Geld, um davon, und von dem
Wenigen, was sie mit Baumwollespinnen erwarb, mit ihrem Sohne leben zu
können.
Alaeddin, der jetzt nicht mehr durch die Furcht vor seinem Vater in
Schranken gehalten wurde, bekümmerte sich nicht um seine Mutter. Er
suchte noch mehr als zuvor junge Leute von seinem Alter auf und spielte
mit ihnen unaufhörlich noch leidenschaftlicher als bisher. Diesen
Lebenswandel setzte er bis in sein fünfzehntes Jahr fort.
Eines Tags, als er nach seiner Gewohnheit mit einem Haufen Gassenjungen
auf einem freien Platze spielte, ging ein Fremder vorüber, der stehen
blieb und ihn ansah. Dieser Fremde war ein berühmter Zauberer, und die
Geschichtschreiber, welche uns diese Erzählung aufbewahrt haben, nennen
ihn den afrikanischen Zauberer. Wir wollen ihn gleichfalls mit diesem
Namen bezeichnen, um so mehr, da er wirklich aus Afrika stammte und erst
seit zwei Tagen angekommen war.
Sei es nun, daß der afrikanische Zauberer, der sich auf Physiognomien
verstand, in Alaeddins Gesicht alles bemerkte, was zur Ausführung des
Planes, der ihn hierhergeführt, notwendig war, oder mochte er einen
andern Grund haben, genug, er erkundigte sich, ohne daß es jemandem
auffiel, nach seiner Familie, seinem Stande und seinen Neigungen. Als er
von allem, was er wünschte, gehörig unterrichtet war, ging er auf den
jungen Menschen zu, nahm ihn einige Schritte von seinen Kameraden
beiseite und fragte ihn: »Mein Sohn, ist dein Vater nicht der Schneider
Mustafa?« -- »Ja, lieber Herr,« antwortete Alaeddin, »aber er ist schon
lange tot.«
Bei diesen Worten fiel der afrikanische Zauberer Alaeddin um den Hals,
umarmte ihn und küßte ihn zu wiederholten Malen mit Tränen in den Augen
und seufzend. Alaeddin bemerkte diese Tränen und fragte, warum er weine.
»Ach, mein Sohn!« rief der afrikanische Zauberer, »wie könnte ich mich
da enthalten! Ich bin dein Oheim und dein Vater war mein geliebter
Bruder. Schon mehrere Jahre bin ich auf der Reise, und in dem
Augenblick, da ich hier anlange, voll Hoffnung, ihn wiederzusehen und
durch meine Rückkehr zu erfreuen, sagst du mir, daß er tot ist!«
Er fragte hierauf Alaeddin, indem er seinen Beutel herauszog, wo seine
Mutter wohne. Alaeddin erteilte ihm sogleich Auskunft und der
afrikanische Zauberer gab ihm eine Hand voll kleines Geld mit den
Worten: »Mein Sohn, gehe schnell zu deiner Mutter, grüße sie von mir und
sage ihr, daß ich, wofern es meine Zeit erlaubt, sie morgen besuchen
werde, um mir zum Trost den Ort zu sehen, wo mein lieber Bruder so lange
gelebt und seine Tage beschlossen hat.«
Sobald der afrikanische Zauberer den Neffen, den er sich soeben selbst
geschaffen, verlassen hatte, lief Alaeddin voll Freude zu seiner Mutter.
»Mütterchen,« sagte er, »ich bitte dich, sage mir, ob ich einen Oheim
habe.« -- »Nein, mein Sohn,« antwortete die Mutter, »du hast keinen
Oheim, weder von seiten deines seligen Vaters noch von der meinigen.« --
»Und doch,« fuhr Alaeddin fort, »habe ich soeben einen Mann gesehen, der
sich für meinen Oheim von väterlicher Seite ausgab und versicherte, daß
er der Bruder meines Vaters sei. Er hat sogar geweint und mich umarmt,
als ich ihm sagte, daß mein Vater tot wäre. Zum Beweis, daß ich die
Wahrheit sage, sieh, was er mir geschenkt hat. Er hat mir überdies
aufgegeben, dich in seinem Namen zu grüßen und dir zu sagen, daß er dir
morgen seine Aufwartung machen wird, um das Haus zu sehen, wo mein Vater
gelebt hat und gestorben ist.«
»Mein Sohn,« antwortete die Mutter, »es ist wahr, dein Vater hatte einen
Bruder; aber er ist schon lange tot und ich habe ihn nie sagen gehört,
daß er noch einen andern hätte.«
Damit wurde das Gespräch über den afrikanischen Zauberer abgebrochen.
Den andern Tag näherte sich dieser zum zweitenmal Alaeddin, als er auf
einem andern Platze in der Stadt mit anderen Kindern spielte. Er umarmte
ihn, wie tags zuvor und drückte ihm zwei Goldstücke in die Hand mit den
Worten: »Mein Sohn, bring dies deiner Mutter, sage ihr, ich werde sie
auf den Abend besuchen, und sie möge dafür etwas zum Nachtessen kaufen,
damit wir zusammen speisen können. Zuvor aber sage mir, wie ich das Haus
finden kann.« Alaeddin bezeichnete es ihm und der afrikanische Zauberer
ließ ihn gehen.
Alaeddin brachte die zwei Goldstücke seiner Mutter. Sie ging, das Geld
zu verwenden, kam mit gutem Mundvorrate zurück, und da es ihr an den
nötigen Tischgeräten fehlte, entlehnte sie dieselben von ihren
Nachbarinnen. Sie brachte den ganzen Tag mit Vorbereitungen zu und als
alles fertig war, sagte sie zu Alaeddin: »Mein Sohn, dein Oheim weiß
vielleicht unser Haus nicht, gehe ihm entgegen und führe ihn hierher,
wenn du ihn siehst,« als man an die Türe klopfte. Alaeddin öffnete und
erkannte den Afrikaner, der mit mehreren Weinflaschen und Früchten von
allerlei Gattungen hereintrat.
Nachdem der afrikanische Zauberer seinen Beitrag Alaeddin eingehändigt
hatte, begrüßte er die Mutter und bat sie, ihm die Stelle auf dem Sofa
zu zeigen, wo sein Bruder Mustafa gewöhnlich gesessen sei. Sie zeigte
ihm dieselbe. Nun warf er sich sogleich zur Erde, küßte die Stelle und
rief mit Tränen in den Augen: »Armer Bruder, wie unglücklich bin ich,
daß ich nicht zeitig genug gekommen bin, um dich vor deinem Tode noch
einmal zu umarmen!« So sehr ihn nun auch Alaeddins Mutter bat, so wollte
er sich doch nicht auf diesen Platz setzen. »Nein,« sagte er, »ich werde
mich wohl hüten, aber erlaube, daß ich mich gegenüber setze, damit ich,
wenn mir auch das Vergnügen versagt ist, ihn persönlich als Vater einer
mir so teuren Familie zu sehen, mir wenigstens einbilden kann, er sitze
noch dort.« Alaeddins Mutter drang nun nicht weiter in ihn und ließ ihn
Platz nehmen, wo er Lust hatte.
Als der afrikanische Zauberer sich da gesetzt hatte, wo es ihm am besten
behagte, fing er ein Gespräch mit Alaeddins Mutter an: »Meine liebe
Schwester,« sagte er, »wundere dich nicht, daß du während der ganzen
Zeit, da du mit meinem Bruder Mustafa verheiratet warst, mich nie
gesehen hast. Es sind schon vierzig Jahre, daß ich dieses Land verlassen
habe. Seitdem habe ich Reisen nach Indien, Persien, Arabien, Syrien und
Ägypten gemacht, mich in den schönsten Städten dieser Länder aufgehalten
und bin dann nach Afrika gegangen, wo ich einen längeren Aufenthalt
nahm. Da es indes dem Menschen angeboren ist, sein Heimatland, so wie
seine Eltern und Jugendgespielen, auch in der weitesten Ferne nie aus
dem Gedächtnis zu verlieren, so hat auch mich ein so gewaltiges
Verlangen ergriffen, mein Vaterland wieder zu sehen und meinen geliebten
Bruder zu umarmen, jetzt, da ich noch Kraft und Mut zu einer so langen
Reise in mir fühle, daß ich ohne weiteren Aufschub meine Vorbereitungen
traf und mich auf den Weg machte. Ich sage dir nichts von der Länge der
Zeit, die ich dazu brauchte, noch von den Hindernissen, die mir
aufstießen, noch von all den Beschwerden und Mühsalen, die ich
überstehen mußte, um hierherzukommen. Ich sage dir bloß, daß mich auf
allen meinen Reisen nichts so tief gekränkt und geschmerzt hat, als die
Nachricht von dem Tode eines Bruders, den ich immer mit echt
brüderlicher Freundschaft geliebt hatte. Ich bemerkte einige Züge von
ihm auf dem Gesicht meines Neffen, deines Sohnes, und dies machte, daß
ich ihn aus all den übrigen Kindern, bei denen er war, herausfand. Er
hat dir vielleicht erzählt, wie sehr die traurige Nachricht vom Tode
meines Bruders mich ergriff. Indes, was Gott tut, das ist wohlgetan; ich
tröste mich, ihn in seinem Sohne wiederzufinden, der so auffallende
Ähnlichkeit mit ihm hat.«
Als der afrikanische Zauberer sah, daß Alaeddins Mutter bei der
Erinnerung an ihren Mann gerührt wurde und aufs neue in Schmerz versank,
brach er das Gespräch ab, wandte sich zu Alaeddin und fragte ihn um
seinen Namen. -- »Ich heiße Alaeddin,« antwortete dieser. -- »Nun gut,
Alaeddin,« fuhr der Zauberer fort, »womit beschäftigst du dich?
Verstehst du ein Gewerbe?«
Bei dieser Frage schlug Alaeddin die Augen nieder und geriet in
Verlegenheit. Seine Mutter aber nahm das Wort und sagte: »Alaeddin ist
ein Taugenichts. Sein Vater hat, so lang er lebte, alles mögliche getan,
um ihn sein Gewerbe zu lehren; allein er konnte seinen Zweck nicht
erreichen, und seit er tot ist, streicht er, trotz meinen täglichen
Ermahnungen, die ganze Zeit auf den Straßen herum und spielt mit
Kindern, wie du gesehen hast, ohne zu bedenken, daß er kein Kind mehr
ist; wenn du ihn deshalb nicht beschämst und er sich diese Ermahnung
nicht zunutzen macht, so gebe ich alle Hoffnung auf, daß jemals etwas
aus ihm wird. Er weiß, daß sein Vater kein Vermögen hinterlassen hat,
und sieht selbst, daß ich mit meinem Baumwollespinnen den ganzen Tag
über kaum das Brot für uns beide verdienen kann. Ich bin entschlossen,
ihm nächster Tage einmal die Türe zu verschließen und ihn
fortzuschicken, daß er sich seine Unterkunft anderswo suchen kann.«
Als Alaeddins Mutter unter vielen Tränen so gesprochen hatte, sagte der
afrikanische Zauberer zu dem Jungen: »Das ist nicht gut, mein Neffe, du
mußt darauf denken, dir selbst fortzuhelfen und einen Lebensunterhalt zu
verschaffen. Es gibt ja so viele Gewerbe in der Welt; besinne dich
einmal, ob nicht eines darunter ist, zu dem du mehr Neigung hast, als zu
den andern. Vielleicht gefällt dir bloß das deines Vaters nicht und du
würdest dich besser zu einem andern anschicken; verhehle mir deine
Gesinnung hierüber nicht, ich will ja bloß dein Bestes.« Als er sah,
daß Alaeddin nichts antwortete, fuhr er fort: »Ist es dir überhaupt
zuwider, ein Handwerk zu erlernen und willst du ein angesehener Mann
werden, so will ich für dich eine Bude mit kostbaren Stoffen und feinen
Linnenzeugen einrichten; du kannst dann diese Sachen verkaufen, mit dem
Gelde, das du daraus lösest, den Einkauf neuer Waren bestreiten und auf
diese Art ein anständiges Unterkommen finden. Frage dich selbst und sage
mir offen, was du denkst. Du wirst mich stets bereit finden, mein
Versprechen zu halten.«
Dieses Anerbieten schmeichelte Alaeddin sehr; ein jedes Handwerk war ihm
zuwider, um so mehr, da er bemerkt hatte, daß solche Kaufläden, wovon
sein Oheim gesprochen hatte, immer hübsch und stark besucht und die
Kaufleute gut gekleidet und sehr geachtet waren. Er erklärte daher dem
afrikanischen Zauberer, daß seine Neigung mehr nach dieser Seite
gerichtet sei, als nach jeder andern, und daß er ihm zeitlebens für die
Wohltat danken würde, die er ihm erweisen wolle. »Da dieses Gewerbe dir
angenehm ist,« erwiderte der afrikanische Zauberer, »so werde ich dich
morgen mitnehmen und dich so hübsch und reich kleiden lassen, wie es
sich für einen der ersten Kaufleute in dieser Stadt geziemt; übermorgen
wollen wir dann darauf denken, einen solchen Laden zu errichten, wie ich
im Sinn habe.«
Alaeddins Mutter, die bis jetzt nicht geglaubt hatte, daß der
afrikanische Zauberer der Bruder ihres Mannes sei, zweifelte nach solch
glänzenden Versprechungen nicht mehr daran. Sie dankte ihm für seine
guten Gesinnungen, und nachdem sie Alaeddin ermahnt hatte, sich der
Wohltaten, die sein Oheim ihn hoffen ließ, würdig zu zeigen, trug sie
das Abendessen auf. Die Unterhaltung während des ganzen Mahles drehte
sich immer um denselben Gegenstand, bis endlich der Zauberer bemerkte,
daß die Nacht schon weit vorgerückt war. Er verabschiedete sich von
Mutter und Sohn und ging nach Hause.
Am andern Morgen ermangelte der afrikanische Zauberer nicht, sich
versprochenermaßen bei der Witwe des Schneiders Mustafa wieder
einzufinden. Er nahm Alaeddin mit sich und führte ihn zu einem
bedeutenden Kaufmann, der bloß ganz fertige Kleider von allen möglichen
Stoffen und für Leute jeden Alters und Standes verkaufte. Von diesem
ließ er sich mehrere zeigen, die für Alaeddin paßten, und nachdem er
die, die ihm am besten gefielen, ausgesucht und die andern, die nicht so
schön waren, als er wünschte, zurückgelegt hatte, sagte er zu Alaeddin:
»Lieber Neffe, wähle dir unter all diesen Kleidern dasjenige aus, das
dir am besten gefällt.« Alaeddin, über die Freigebigkeit seines neuen
Oheims ganz entzückt, wählte eines, und der Zauberer kaufte es ohne zu
handeln.
Als Alaeddin sich von Kopf bis zu Fuß so prachtvoll gekleidet sah,
dankte er seinem Oheim, und der Zauberer versprach ihm, ihn auch ferner
nicht zu verlassen, sondern stets bei sich zu behalten. Wirklich führte
er ihn in die besuchtesten Gegenden der Stadt, wo die Läden der
reichsten Kaufleute standen, und in der Straße, wo die Läden mit den
schönsten Stoffen und der feinsten Leinwand sich befanden, sagte er zu
Alaeddin: »Da du bald auch ein solcher Kaufmann sein wirst, wie diese
hier, so ist es gut, wenn du sie besuchst, damit sie dich kennen
lernen.« Er zeigte ihm auch die schönsten und größten Moscheen, und
führte ihn in den Chan, wo die fremden Kaufleute wohnten, und an alle
diejenigen Orte im Palaste des Sultans, zu denen man freien Zutritt
hatte. Endlich, nachdem sie die schönsten Gegenden der Stadt miteinander
durchstreift hatten, kamen sie in den Chan, wo der Zauberer wohnte. Es
waren dort einige Kaufleute, deren Bekanntschaft er seit seiner Ankunft
gemacht, und die er ausdrücklich eingeladen hatte, um sie gut zu
bewirten und ihnen seinen angeblichen Neffen vorzustellen.
Das Gastmahl endigte erst am späten Abend. Alaeddin wollte sich von
seinem Oheim verabschieden, um nach Hause zurückzukehren; aber der
afrikanische Zauberer wollte ihn nicht allein gehen lassen und geleitete
ihn selbst zu seiner Mutter zurück. Als diese ihren Sohn in so schönen
Kleidern erblickte, war sie außer sich vor Freude und wollte nicht
aufhören, Segnungen über das Haupt des Zauberers herabzurufen, der für
ihren Sohn so viel Geld ausgegeben. »Großmütiger Schwager,« sagte sie zu
ihm, »ich weiß nicht, wie ich dir für deine Freigebigkeit danken soll;
aber das weiß ich, daß mein Sohn die Wohltaten, die du ihm erweisest,
nicht verdient. Ich für meine Person,« fügte sie hinzu, »danke dir von
ganzem Herzen und wünsche dir ein recht langes Leben, um Zeuge von der
Dankbarkeit meines Sohnes zu sein, der sie nicht besser an den Tag legen
kann, als wenn er sich von deinen guten Ratschlägen leiten läßt.«
»Alaeddin ist ein guter Junge,« erwiderte der afrikanische Zauberer; »er
hört auf mich und ich glaube, wir können etwas Tüchtiges aus ihm machen.
Es tut mir nur leid, daß ich mein Versprechen nicht schon morgen halten
kann. Es ist nämlich Freitag, wo alle Läden verschlossen sind, und man
gar nicht daran denken kann, einen zu mieten und mit Waren zu versehen;
denn die Kaufleute sinnen an diesem Tage nur auf Vergnügungen aller Art.
Somit werden wir die Sache auf Samstag verschieben müssen. Übrigens
werde ich ihn morgen wieder mitnehmen und in die Gärten spazieren
führen, wo sich die schöne Welt gewöhnlich einfindet. Er hat vielleicht
noch keinen Begriff von den Vergnügungen, die man dort genießt; bisher
war er immer nur mit Kindern beisammen, jetzt muß er auch erwachsene
Menschen sehen.« Der afrikanische Zauberer verabschiedete sich endlich
von Mutter und Sohn und ging. Alaeddin freute sich im voraus sehr auf
den Spaziergang. In der Tat war er noch nie vor die Tore gekommen und
hatte noch nie die Umgebung gesehen, die schön und anmutig war.
Am andern Morgen stand Alaeddin in aller Frühe auf. Der afrikanische
Zauberer bewillkommte ihn aufs freundlichste. »Wohlan, mein lieber
Junge,« sagte er mit lächelnder Miene zu ihm, »heute werde ich dir
schöne Sachen zeigen.« Er führte ihn zu einem Tore hinaus, an großen und
schönen Häusern, an prächtigen Palästen vorüber, von denen jeder einen
sehr schönen Garten hatte. Bei jedem Palaste, an dem sie vorbeikamen,
fragte er Alaeddin, ob er ihm gefiele, und Alaeddin, der ihm gewöhnlich
zuvorkam, sagte, sobald er wieder einen andern sah: »Ach! lieber Oheim,
dieser ist noch viel schöner als alle bisherigen.« Indes gingen sie
immer weiter, und der listige Zauberer, der dies nur tat, um den Plan,
den er im Kopfe hatte, ausführen zu können, nahm Gelegenheit, in einen
dieser Gärten zu treten. Er setzte sich neben ein großes Becken, in das
durch einen bronzenen Löwenrachen kristallhelles Wasser sprudelte, und
er stellte sich ermüdet, damit Alaeddin ebenfalls ausruhen sollte.
»Lieber Neffe,« sagte er zu ihm, »du wirst ebenso müde sein, wie ich;
laß uns hier ein wenig ausruhen, um neue Kräfte zu sammeln.«
[Illustration]
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Als sie sich gesetzt hatten, zog der afrikanische Zauberer Kuchen und
Früchte hervor, die er als Mundvorrat mitgenommen hatte, und breitete
sie auf dem Rande des Beckens aus. Er teilte einen Kuchen mit Alaeddin
und ließ ihn Früchte wählen. Während dieses kleinen Mahles ermahnte er
seinen angeblichen Neffen, sich von dem Umgange mit Kindern loszumachen,
dagegen sich an kluge und verständige Männer anzuschließen, dieselben
anzuhören und von ihren Unterhaltungen Nutzen zu ziehen. »Bald,« sagte
er, »wirst du ein Mann sein, wie sie, und du kannst dich nicht früh
genug daran gewöhnen, nach ihrem Beispiele verständige Reden zu führen.«
Als sie die kleine Mahlzeit vollendet hatten, setzten sie ihren
Spaziergang durch die Gärten fort, die bloß durch schmale Gräben
getrennt waren. Unvermerkt führte der afrikanische Zauberer Alaeddin
ziemlich weit über die Gärten hinaus und durchwandelte mit ihm die
Ebene, die ihn allmählich in die Nähe der Berge leitete.
Alaeddin, der in seinem Leben nie einen so weiten Weg gemacht hatte,
fühlte sich durch diesen Marsch sehr ermüdet und sagte: »Wohin gehen wir
denn, lieber Oheim? Wir haben die Gärten schon weit hinter uns und ich
sehe nichts mehr als Berge. Wenn wir noch länger so fortgehen, so weiß
ich nicht, ob ich noch Kräfte genug haben werde, um in die Stadt
zurückzukehren.« -- »Nur den Mut nicht verloren,« antwortete der falsche
Oheim; »ich will dir noch einen andern Garten zeigen, der alle, die du
bis jetzt gesehen hast, weit übertrifft; er ist nur ein paar Schritte
von da, und wenn wir einmal dort sind, so wirst du selbst sagen, daß es
dir sehr leid gewesen wäre, wenn du ihn nicht gesehen hättest.« Alaeddin
ließ sich überreden, und der Zauberer führte ihn noch sehr weit, indem
er ihn mit verschiedenen anmutigen Geschichten unterhielt, um ihm den
Weg weniger langweilig und die Ermüdung erträglicher zu machen.
Endlich gelangten sie zwischen zwei Berge von mittelmäßiger Höhe, die
sich ziemlich gleich und nur durch ein schmales Tal getrennt waren. Dies
war die merkwürdige Stelle, wohin der afrikanische Zauberer Alaeddin
hatte bringen wollen, um einen großen Plan mit ihm auszuführen, weshalb
er von dem äußersten Ende Afrikas bis nach China gereist war. »Wir sind
jetzt an Ort und Stelle,« sagte er zu Alaeddin; »ich werde dir hier
außerordentliche Dinge zeigen, die allen übrigen Sterblichen unbekannt
sind. Während ich jetzt mit dem Stahl Feuer schlage, häufe du hier
trockenes Reisig zusammen, damit wir ein Feuer anmachen.«
Als das Reisig aufloderte, warf der afrikanische Zauberer Räucherwerk
hinein. Dicker Rauch stieg empor, den er bald auf diese, bald auf jene
Seite wendete, indem er allerlei Zauberworte sprach, von denen Alaeddin
nichts verstand.
In diesem Augenblick erbebte die Erde ein wenig, öffnete sich vor dem
Zauberer und Alaeddin, und ließ einen Stein hervorscheinen, mit einem in
der Mitte versiegelten bronzenen Ringe, um ihn daran heraufzuheben.
Alaeddin erschrak und wollte die Flucht ergreifen. Allein er war zu
dieser geheimnisvollen Handlung notwendig, darum hielt ihn der Zauberer
zurück, zankte ihn tüchtig aus und gab ihm eine so derbe Ohrfeige, daß
er zu Boden fiel. Zitternd rief er: »Mein Oheim, was habe ich denn
getan, daß du mich so grausam schlägst?« »Ich bin dein Oheim, der jetzt
Vaterstelle an dir vertritt, und du darfst mir in nichts widersprechen.
Aber,« sagte der Zauberer, »fürchte dich nicht, mein Sohn; ich verlange
nur, daß du mir gehorchst, wofern du dich der großen Vorteile, die ich
dir zudenke, würdig machen und sie nutzen willst.« Diese schönen
Versprechungen des Zauberers beruhigten den ängstlichen und erzürnten
Alaeddin ein wenig. »Du hast gesehen,« fuhr der Zauberer fort, »was ich
durch die Kraft meines Rauchwerks und die Worte, die ich sprach, bewirkt
habe. Vernimm jetzt, daß unter diesem Steine ein Schatz verborgen liegt,
der für dich bestimmt ist und dich dereinst reicher machen wird, als die
größten Könige der Welt. Dies ist so gewiß wahr, daß keinem Menschen auf
der ganzen Welt außer dir erlaubt ist, diesen Stein anzurühren oder
wegzuheben, um hinein zu gelangen. Ja ich selbst darf ihn nicht berühren
oder auch nur einen Fuß in dieses Schatzgewölbe setzen, wenn es geöffnet
sein wird. Deshalb mußt du genau ausführen, was ich dir sage.«
Alaeddin, immer noch voll Verwunderung, vergaß alles, was vorgefallen
war. »Nun gut, lieber Oheim,« sagte er, »was soll ich tun? Befiehl nur,
ich bin bereit zu gehorchen.« -- »Komm her,« sagte der afrikanische
Zauberer, »fasse diesen Ring an und hebe den Stein in die Höhe.« -- »Aber
Oheim,« erwiderte Alaeddin, »ich bin zu schwach, um ihn zu heben: du
mußt mir helfen.« -- »Nein,« versetzte der afrikanische Zauberer, »du
bedarfst meiner Hilfe nicht; du mußt ihn allein aufheben. Sprich nur den
Namen deines Vaters und deines Großvaters, wenn du den Ring in die Hand
nimmst.« Alaeddin tat, wie der Zauberer gesagt hatte, hob den Stein mit
Leichtigkeit auf und legte ihn beiseite.
Als der Stein weggenommen war, sah er eine drei bis vier Fuß tiefe Höhle
mit einer kleinen Türe und Stufen. »Mein Sohn,« sprach jetzt der
Zauberer, »habe genau acht auf das, was ich dir nunmehr sagen werde.
Steig in diese Höhle hinab und wenn du auf der letzten Stufe bist, so
wirst du eine offene Türe finden, die dich in einen großen gewölbten Ort
führen wird, welcher in drei große aneinander stoßende Säle abgeteilt
ist. In jedem derselben wirst du rechts und links vier bronzene Vasen
voll Gold und Silber stehen sehen; aber hüte dich wohl, sie anzurühren.
Ehe du in den ersten Saal trittst, hebe dein Kleid in die Höhe und
schließe es eng um den Leib. Wenn du drinnen bist, so gehe, ohne dich
aufzuhalten, nach dem zweiten und von da in den dritten. Vor allen
Dingen hüte dich wohl, den Wänden zu nahe zu kommen oder sie auch nur
mit dem Kleide zu berühren; denn im Fall du sie berührtest, würdest du
auf der Stelle sterben. Am Ende des dritten Saales ist eine Türe, die
dich in einen mit schönen und reich beladenen Obstbäumen bepflanzten
Garten führen wird. Gehe nur immer geradeaus, und quer durch den Garten
wird dich ein Weg zu einer Treppe von fünfzig Stufen führen, auf denen
du zu einer Terrasse emporsteigen kannst. Sobald du oben auf der
Terrasse bist, wirst du eine Nische vor dir sehen, und in der Nische
eine brennende Lampe. Diese Lampe nimm, lösche sie aus, wirf den Docht
samt der brennbaren Flüssigkeit auf den Boden, stecke sie dann vorn in
den Busen und bringe sie mir. Gelüstet es dich nach den Früchten des
Gartens, so kannst du davon pflücken, so viel du willst; dies ist dir
nicht verboten.«
So sprechend, zog der afrikanische Zauberer einen Ring von seinem Finger
und steckte ihn an einen Finger Alaeddins. Dies, sagte er zu ihm, sei
ein Verwahrungsmittel gegen alles Unglück, das ihm begegnen könnte,
wofern er nur seine Vorschriften genau befolgte. »So gehe denn, mein
Sohn,« fügte er hinzu, »steige dreist hinab; dann haben wir beide für
unser ganzes Leben Geld in Menge.«
Alaeddin hüpfte leichtfüßig in die Höhle hinein und stieg die Stufen
hinab. Er fand die drei Säle, die ihm der afrikanische Zauberer
beschrieben hatte. Ohne zu verweilen ging er durch den Garten, stieg die
Terrasse hinan, nahm die brennende Lampe aus der Nische, warf den Docht
und die Flüssigkeit zu Boden, steckte sie in seinen Busen und ging die
Terrasse wieder hinab. Im Garten verweilte er beim Anschauen der
Früchte. Da gab es weiße, hellleuchtende und wie Kristall durchsichtige;
rote, teils dunkel, teils hell; grüne, blaue, violette, gelbliche, und
so von allen möglichen Farben. Die weißen waren Perlen, die
hellleuchtenden und durchsichtigen Diamanten, die dunkelroten Rubine,
die hellroten Ballaßrubine, die grünen Smaragde, die blauen Türkise, die
violetten Amethyste, die gelblichen Saphire. Und diese Früchte waren
alle so groß und vollkommen, daß man auf der ganzen Welt nichts
Ähnliches gesehen hat. Alaeddin, der ihren Wert nicht kannte, wurde vom
Anblick dieser Früchte, die nicht nach seinem Geschmack waren, schlecht
erbaut; Feigen, Trauben und andere edle Obstarten, die in China
gewöhnlich sind, wären ihm lieber gewesen. Er war noch nicht in jenem
Alter, wo man sich auf dergleichen versteht, und so bildete er sich ein,
diese Früchte seien bloß gefärbtes Glas und hätten keinen andern Wert.
Gleichwohl machte ihm die Mannigfaltigkeit der schönen Farben und die
außerordentliche Größe und Schönheit der Früchte Lust, von jeglicher
Sorte einige zu pflücken. Er nahm daher von jeder Farbe etliche, füllte
damit seine beiden Taschen und zwei ganz neue Beutel, die der Zauberer
ihm zugleich mit dem Kleide gekauft hatte; und da die beiden Beutel in
seinen Taschen, die schon ganz voll waren, keinen Platz mehr hatten, so
band er sie auf jeder Seite an seinen Gürtel. Einige von den Früchten
hüllte er auch in die Falten seines Gürtels, der von dickem Seidenstoff
und doppelt gefüttert war, und befestigte sie so, daß sie nicht
herabfallen konnten; auch vergaß er nicht, etliche in den Busen zwischen
Kleid und Hemd zu stecken.
Nachdem er sich so, ohne es zu wissen, mit Reichtümern beladen hatte,
trat Alaeddin schnell seinen Rückzug durch die drei Säle an; stieg da
wieder hinauf, wo er herabgestiegen war, und zeigte sich am Eingang der
Höhle, wo der Afrikaner ihn mit Ungeduld erwartete. Sobald ihn Alaeddin
erblickte, rief er ihm zu: »Lieber Oheim, ich bitte dich, reich mir die
Hand und hilf mir heraus.« -- »Mein Sohn,« antwortete der afrikanische
Zauberer, »gib mir zuvor die Lampe, sie könnte dir hinderlich sein.« --
»Verzeih, lieber Oheim,« sagte Alaeddin, »sie hindert mich nicht; ich
werde sie dir geben, sobald ich oben bin.« Der afrikanische Zauberer
bestand darauf, daß Alaeddin ihm die Lampe einhändigen sollte, ehe er
ihn aus der Höhle herauszöge, und Alaeddin, der die Lampe mit all den
Früchten, die er zu sich gesteckt, verpackt hatte, weigerte sich
durchaus, sie ihm zu geben, bevor er aus der Höhle wäre. Da geriet der
afrikanische Zauberer vor Ärger über die Widerspenstigkeit des jungen
Menschen in schreckliche Wut, warf etwas von seinem Rauchwerk in das
Feuer, das er sorgfältig unterhalten hatte, und kaum hatte er zwei
Zauberworte gesprochen, als der Stein, welcher als Deckel zur
Eingangsöffnung der Höhle diente, sich von selbst wieder, nebst der Erde
darüber, an seine Stelle rückte, so daß alles wieder in denselben Stand
kam, wie vor der Ankunft des arabischen Zauberers und Alaeddins.
Der afrikanische Zauberer war in der Tat kein Bruder des Schneiders
Mustafa, wofür er sich ausgegeben hatte, und somit auch nicht Alaeddins
Oheim. Er war wirklich aus Afrika gebürtig, und nachdem er sich etwa
vierzig Jahre lang mit Zaubereien, mit der Punktierkunst, mit
Räucheropfern und der Lektüre von Zauberbüchern beschäftigt hatte, war
er endlich auf die Entdeckung gekommen, daß es eine Wunderlampe in der
Welt gebe, deren Besitz ihn mächtiger als alle Könige der Erde machen
würde. Aber obschon die Lampe sich ganz gewiß an dem bewußten Orte
befand, so war es ihm doch nicht gestattet, sie selbst zu holen oder
persönlich in das unterirdische Gewölbe einzutreten. Es mußte ein
anderer hinabsteigen und sie ihm einhändigen. Deshalb hatte er sich an
Alaeddin gewandt, den er für einen gefügigen jungen Burschen und für
sehr geeignet hielt, ihm den Dienst zu leisten; dabei war er fest
entschlossen, sobald er die Lampe in Händen haben würde, die letzte
schon erwähnte Räucherung zu tun, die Zauberworte auszusprechen, und so
den armen Alaeddin seinem Geize und seiner Bosheit aufzuopfern, um an
ihm keinen Zeugen zu haben.
Als der afrikanische Zauberer seine großen und schönen Hoffnungen auf
immer gescheitert sah, blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Afrika
zurückzukehren.
Allem Anscheine nach war Alaeddin verloren. Aber derselbe, der ihn auf
immer zu verderben glaubte, hatte nicht bedacht, daß er ihm einen Ring
an den Finger gesteckt hatte, der zu seiner Rettung dienen konnte.
Wirklich wurde Alaeddin durch diesen Ring, dessen Kräfte er nicht
kannte, gerettet.
Alaeddin, der nach so vielen Liebkosungen und Geschenken auf diese
Bosheit seines angeblichen Oheims keineswegs gefaßt war, befand sich in
einer Bestürzung, die sich nicht beschreiben läßt. Als er sich so
lebendig begraben sah, rief er tausendmal seinen Oheim und erklärte, daß
er ihm die Lampe ja gerne geben wolle; allein sein Rufen war vergeblich.
Endlich stieg er wieder die Treppe der Höhle hinab, um in den Garten und
ins helle Tageslicht zu gelangen. Aber die Mauer, die sich ihm durch
Zauber geöffnet, hatte sich indes durch einen neuen Zauber wieder
geschlossen. Er tappte vorwärts, ohne eine Türe zu finden. Nun fing er
aufs neue an zu schreien und zu weinen, und setzte sich endlich auf die
Stufen der Höhle, ohne Hoffnung, jemals das Tageslicht wieder zu sehen,
sondern mit der traurigen Gewißheit, aus dieser Finsternis in jene eines
nahen Todes versetzt zu werden.
Zwei Tage blieb Alaeddin in diesem Zustande, ohne zu essen und zu
trinken. Endlich am dritten, da er seinen Tod als unvermeidlich
betrachtete, hob er die gefalteten Hände empor und rief mit völliger
Ergebung in den Willen Gottes aus: »Es gibt keine Kraft und keine Macht,
als bei Gott, dem Allerhöchsten und Größten!« Während er so die Hände
gefaltet hatte, rieb er, ohne daran zu denken, an dem Ring, den ihm der
Zauberer an den Finger gesteckt hatte, und dessen Kraft er noch nicht
kannte. Alsbald stieg vor ihm ein Geist von ungeheurer Größe und
fürchterlichem Ansehen, der mit seinem Kopf das oberste Gewölbe
berührte, wie aus der Erde hervor und sprach folgende Worte zu
Alaeddin: »Was willst du? Ich bin bereit, dir zu gehorchen als dein
Sklave und als Sklave aller derer, die den Ring am Finger haben, sowohl
ich, als die andern Sklaven des Rings.«
Zu jeder andern Zeit und bei jeder andern Gelegenheit wäre Alaeddin, der
an solche Erscheinungen nicht gewöhnt war, bei dem Anblick einer so
außerordentlichen Gestalt von Schrecken ergriffen worden. Jetzt aber, da
er einzig und allein mit der Gefahr beschäftigt war, in der er schwebte,
antwortete er ohne Stocken: »Wer du auch sein magst, hilf mir aus diesem
Orte, wofern es in deiner Macht steht.« Kaum hatte er diese Worte
gesprochen, als die Erde sich öffnete und er sich außerhalb der Höhle
befand, an der Stelle, wohin ihn der Zauberer geführt hatte.
Erst nach und nach gewöhnte er sich an das Tageslicht, und als er um
sich blickte, war er sehr überrascht, keine Öffnung in der Erde zu
sehen; es war ihm unbegreiflich, auf welche Art er so auf einmal aus
ihrem Schoße hervorgekommen war. Nur an dem Flecke, wo das Reisig
verbrannt worden war, erkannte er die Stelle wieder, unter der sich die
Höhle befand. Als er sich hierauf gegen die Stadt hinwandte, erblickte
er sie inmitten der Gärten und erkannte auch den Weg. Diesen wandelte er
zurück und dankte Gott, daß er sich noch einmal auf der Welt sah,
nachdem er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, wieder dahin
zurückzukommen. So gelangte er zur Stadt und schleppte sich mit vieler
Mühe bis in seine Wohnung. Als er ins Zimmer seiner Mutter trat, fiel er
aus Freude über das Wiedersehen, verbunden mit der von dreitägigem
Fasten herrührenden Schwäche, in eine Ohnmacht, die einige Zeit dauerte.
Seine Mutter, die ihn bereits als verloren oder als tot beweint hatte,
ließ es jetzt an keiner Pflege und an keinem Mittel fehlen, ihn wieder
zum Leben zu bringen. Endlich erholte er sich und seine ersten Worte
waren: »Liebe Mutter, vor allen Dingen bitte ich dich, gib mir zu essen;
ich habe seit drei Tagen nichts über den Mund gebracht.« Seine Mutter
brachte ihm, was sie gerade hatte, setzte es ihm vor und sagte: »Lieber
Sohn, übereile dich ja nicht, denn es könnte dir schaden; iß ganz
langsam und nach deiner Bequemlichkeit, und nimm dich wohl in acht, so
heißhungrig du auch bist. Ich wünsche nicht einmal, daß du mit mir
sprechen sollst. Du hast immer noch Zeit, mir deine Schicksale zu
erzählen, wenn du wieder hergestellt bist. Nach der großen Betrübnis bin
ich getröstet, daß ich dich nur wiedersehe.«
Alaeddin folgte dem Rat seiner Mutter, aß langsam und ruhig, und trank
ebenso. Als er fertig war fing er an, seiner Mutter zu erzählen, was ihm
seit Freitag geschehen war, erzählte ausführlich, was er auf seinem
Hin- und Rückwege in den drei großen Sälen, im Garten und auf der
Terrasse gesehen, und wie er dort die Wunderlampe geholt habe. Zugleich
zog er sie aus seinem Busen und zeigte sie seiner Mutter samt den
durchsichtigen und buntfarbigen Früchten. Auch gab er ihr die zwei
vollen Beutel, aus denen sie sich aber wenig machte. Gleichwohl waren
diese Früchte Edelsteine, deren sonnenheller Glanz beim Schein der
Lampe, welche das Zimmer erhellte, auf ihren großen Wert hätte
aufmerksam machen sollen; allein Alaeddins Mutter verstand sich auf
dergleichen Sachen ebensowenig wie ihr Sohn; weshalb Alaeddin sie hinter
eines der Polster des Sofas schob, auf dem er saß.
Alaeddins Mutter hatte die Geduld, diese wunderbare und seltsame,
zugleich aber für eine Mutter, die ihren Sohn trotz seiner Fehler
zärtlich liebte, so schmerzliche Geschichte ohne Unterbrechung
anzuhören. Nur bei den rührendsten Stellen, wo die Schändlichkeit des
afrikanischen Zauberers recht ans Tageslicht kam, konnte sie ihren
Abscheu nicht verbergen. Jetzt aber, da Alaeddin geendet hatte, ließ sie
sich in tausend Schmähworte gegen den Betrüger aus; sie nannte ihn einen
Verräter, einen Schurken, einen Unmenschen, einen Meuchelmörder, Lügner,
Zauberer, einen Feind und Verderber des menschlichen Geschlechts. »Ja,
mein Sohn,« fügte sie hinzu, »er ist ein Zauberer, und die Zauberer sind
eine wahre Pest der Menschheit; sie haben vermöge ihrer Zaubereien und
Hexereien Verkehr mit den bösen Geistern. Gott sei gelobt, der verhütet
hat, daß seine entsetzliche Bosheit ihren Zweck an dir erreichte. Du
bist ihm für die Gnade, die er an dir getan hat, großen Dank schuldig;
dein Tod wäre unvermeidlich gewesen, wenn du dich nicht seiner erinnert
und ihn um Hilfe angefleht hättest.«
Alaeddin schlief die ganze Nacht fest und erwachte am andern Morgen
erst sehr spät. Er stand auf, und das erste, was er zu seiner Mutter
sagte, war, daß er Hunger habe, und sie ihm kein größeres Vergnügen
machen könnte, als wenn sie ihm ein Frühstück gäbe. »Ach, lieber Sohn,«
antwortete sie, »ich habe auch nicht einen einzigen Bissen Brot; du hast
gestern abend den wenigen Vorrat, der noch zu Hause war, aufgegessen.
Aber gedulde dich einen Augenblick, so werde ich dir bald etwas bringen.
Ich habe etwas Baumwolle gesponnen, die will ich verkaufen, um Brot und
einiges zum Mittagessen anzuschaffen.« -- »Liebe Mutter,« erwiderte
Alaeddin, »hebe deine Baumwolle für ein anderes Mal auf und gib mir die
Lampe, die ich gestern mitbrachte. Ich will sie verkaufen, und
vielleicht löse ich so viel daraus, daß wir Frühstück und Mittagessen,
und am Ende gar noch etwas für den Abend bestreiten können.«
Alaeddins Mutter holte die Lampe und sagte zu ihrem Sohne: »Da hast du
sie, sie ist aber sehr schmutzig. Ich will sie ein wenig putzen, dann
wird sie schon etwas mehr gelten.« Sie nahm Wasser und feinen Sand, um
sie blank zu machen, aber kaum hatte sie angefangen, die Lampe zu
reiben, als augenblicklich in Gegenwart ihres Sohnes ein scheußlicher
Geist von riesenhafter Gestalt vor ihr aufstand und mit einer
Donnerstimme zu ihr sprach: »Was willst du? Ich bin bereit, dir zu
gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer, die die Lampe in
der Hand haben, sowohl ich, als die andern Sklaven der Lampe.«
Alaeddins Mutter war nicht imstande zu antworten. Ihr Auge vermochte die
abscheuliche und schreckliche Gestalt des Geistes nicht zu ertragen, und
sie war gleich bei seinen ersten Worten vor Angst in Ohnmacht gefallen.
Alaeddin dagegen ergriff schnell die Lampe und antwortete statt seiner
Mutter mit festem Tone: »Ich habe Hunger, bring mir etwas zu essen.« Der
Geist verschwand und kam im Augenblick wieder mit einem großen silbernen
Becken auf dem Kopfe, worin sich zwölf verdeckte Schüsseln von demselben
Metall voll der besten Speisen nebst sechs Broten vom weißesten Mehl
befanden, und zwei Flaschen des köstlichsten Weines, nebst zwei
silbernen Schalen in der Hand. Er stellte alles zusammen auf den Sofa
und verschwand sogleich.
Alaeddins Mutter kam wieder zu sich. »Liebe Mutter,« sagte Alaeddin zu
ihr, »steh auf und iß: hier sind Sachen genug, um dein Herz zu stärken
und zugleich meinen großen Hunger zu befriedigen. Wir wollen diese guten
Speisen nicht kalt werden lassen, sondern essen.«
Die Mutter war erstaunt, als sie das große Becken, die zwölf Schüsseln,
die sechs Brote, die zwei Flaschen nebst den zwei Schalen erblickte und
den köstlichen Duft einatmete, der aus all den Platten emporstieg. »Mein
Sohn,« sagte sie zu Alaeddin, »woher kommt uns dieser Überfluß und wem
haben wir für solch reiches Geschenk zu danken? Sollte vielleicht der
Sultan von unserer Armut gehört und sich unser erbarmt haben?« -- »Liebe
Mutter,« antwortete Alaeddin, »wir wollen uns jetzt zu Tische setzen und
essen; deine Frage werde ich beantworten, wenn wir gefrühstückt haben.«
Sie setzten sich zu Tische und speisten mit um so größerem Appetit, als
beide, Mutter und Sohn, sich nie an einer so wohlbesetzten Tafel
befunden hatten.
Alaeddin und seine Mutter, die nur ein einfaches Frühstück einzunehmen
gedacht hatten, befanden sich um die Stunde des Mittagessens noch bei
Tisch.
Als Alaeddins Mutter abgetragen und das Fleisch, welches unberührt
geblieben war, aufgehoben hatte, setzte sie sich zu ihrem Sohne und
sagte: »Alaeddin, ich erwarte jetzt von dir, daß du meine Neugierde
befriedigst und mir die versprochene Auskunft erteilst.« Alaeddin
erzählte ihr alles, was während ihrer Ohnmacht zwischen dem Geist und
ihm vorgegangen war.
Alaeddins Mutter geriet in große Verwunderung über die Erzählung ihres
Sohnes und die Erscheinung des Geistes. »Aber, mein Sohn,« fragte sie,
»so lange ich auf der Welt bin, habe ich nie sagen gehört, daß jemand
von allen meinen Bekannten einen Geist gesehen hätte. Durch welchen
Zufall ist dieser garstige Geist zu mir gekommen? Warum hat er sich an
mich gewendet und nicht an dich, da er dir doch schon in der Schatzhöhle
einmal erschienen war?«
»Liebe Mutter,« erwiderte Alaeddin, »der Geist, welcher dir erschienen,
ist nicht derselbe, der mir erschien. Sie haben zwar einige Ähnlichkeit
in Beziehung auf ihre Riesengröße, aber an Gesichtsbildung und Kleidung
sind sie gänzlich voneinander verschieden und gehören auch verschiedenen
Herren an. Du wirst dich noch erinnern, daß derjenige, den ich sah,
sich einen Sklaven des Rings nannte, den ich am Finger habe, während der
soeben erschienene sagte, er sei Sklave der Lampe, die du in der Hand
hattest.«
»Wie!« rief Alaeddins Mutter, »also deine Lampe ist schuld, daß dieser
verwünschte Geist sich an mich gewendet hat, statt an dich? Ach, lieber
Sohn, schaffe sie mir sogleich aus den Augen und hebe sie auf, wo du
willst, ich mag sie nicht mehr anrühren. Eher lasse ich sie wegwerfen
oder verkaufen, als daß ich Gefahr laufe, bei Berührung derselben vor
Angst zu sterben. Folge mir und tue auch den Ring ab. Man muß keinen
Verkehr mit Geistern haben: es sind Teufel und unser Prophet hat es
gesagt.«
»Mit deiner Erlaubnis, liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »werde ich
mich jetzt wohl hüten, eine Lampe, die uns beiden so nützlich werden
kann, zu verkaufen. Siehst du denn nicht, was sie uns erst vor einigen
Augenblicken verschafft hat? Sie soll uns jetzt Nahrung und
Lebensunterhalt besorgen. Du kannst dir denken, daß mein garstiger
falscher Oheim sich nicht ohne Grund so viele Mühe gegeben und eine so
weite und beschwerliche Reise unternommen hat, da er nach dem Besitz
dieser Wunderlampe trachtete, die er allem Gold und Silber, das er in
den Sälen wußte, und das ich, wie er es mir beschrieben, mit meinen
eigenen Augen sah, vorgezogen hatte. Er kannte den Wert und die
herrlichen Eigenschaften dieser Lampe zu gut, um sich von dem übrigen
reichen Schatze noch etwas zu wünschen. Da nun der Zufall uns ihre
geheime Kraft entdeckt hat, so wollen wir den möglichst vorteilhaften
Gebrauch davon machen, aber ohne Aufsehen zu erregen, damit unsere
Nachbarn nicht neidisch und eifersüchtig werden. Ich will sie dir
übrigens gern aus den Augen schaffen und an einem Orte aufheben, wo ich
sie finden kann, wann ich sie brauche, da du so große Angst vor den
Geistern hast. Auch den Ring wegzuwerfen, kann ich mich unmöglich
entschließen. Ohne diesen Ring hättest du mich nie wieder gesehen, und
ohne ihn würde ich jetzt entweder nicht mehr, oder höchstens noch auf
einige Augenblicke leben. Du wirst mir daher erlauben, daß ich ihn
behalte und immer mit großer Behutsamkeit am Finger trage. Wer weiß, ob
mir nicht irgend einmal eine andere Gefahr zustößt, die wir beide nicht
voraussehen können, und aus der er mich vielleicht befreit?« Da
Alaeddins Bemerkung sehr richtig schien, so wußte seine Mutter nichts
mehr einzuwenden. »Lieber Sohn,« sagte sie zu ihm, »du kannst handeln,
wie du es für gut hältst; ich für meinen Teil mag mit Geistern nichts zu
tun haben.«
Am andern Tag nach dem Abendessen war von den herrlichen Speisen, die
der Geist gebracht hatte, nichts mehr übrig; Alaeddin, der nicht so
lange warten wollte, bis der Hunger ihn drängte, nahm daher am dritten
Morgen eine der silbernen Schüsseln unter seine Kleider und ging aus, um
sie zu verkaufen. Er wandte sich an einen Juden, der ihm begegnete, nahm
ihn beiseite, zeigte ihm die Schüssel und fragte, ob er wohl Lust dazu
hätte.
Der Jude, ein schlauer und verschmitzter Bursche, nahm die Schüssel,
untersuchte sie, und da er erkannte, daß sie von echtem Silber war,
fragte er Alaeddin, was er dafür verlange. Alaeddin, der ihren Wert
nicht verstand und nie mit solchen Waren Handel getrieben hatte, sagte
ihm nur, er werde wohl am besten wissen, was die Schüssel wert sei, und
er verlasse sich hierin ganz auf seine Ehrlichkeit. Der Jude geriet
wirklich in Verlegenheit über die Offenherzigkeit Alaeddins. Da er nicht
wußte, ob Alaeddin den Wert seiner Ware wirklich kannte oder nicht, zog
er ein Goldstück aus seinem Beutel, das höchstens den zweiundsiebenzigsten
Teil vom wahren Wert der Schüssel betrug, und bot es ihm an. Alaeddin
nahm das Goldstück mit großer Freudigkeit, und sobald er es in der Hand
hatte, lief er so schnell davon, daß der Jude, mit seinem ungeheuren
Gewinn bei diesem Kaufe nicht zufrieden, sich sehr darüber ärgerte,
Alaeddins gänzliche Unwissenheit über den Wert der Schüssel nicht besser
erraten und ihm noch weit weniger geboten zu haben. Er geriet in
Versuchung, dem jungen Menschen nachzulaufen, ob er nicht etwas von
seinem Goldstück herausbekommen könnte; allein Alaeddin war schon so
weit entfernt, daß er ihn schwerlich eingeholt hätte.
Auf dem Heimwege blieb Alaeddin bei einem Bäckerladen stehen, kaufte
einen Vorrat Brot und bezahlte ihn mit dem Goldstück, das der Bäcker ihm
wechselte. Als er nach Hause kam, gab er das übrige Geld seiner Mutter,
die auf den Markt ging, um für sie beide die nötigen Lebensmittel auf
einige Tage einzukaufen.
So lebten sie eine Zeitlang fort; Alaeddin verkaufte alle zwölf
Schüsseln, eine nach der andern, sowie das Geld im Hause ausgegangen
war, an den Juden. Der Jude, der für die erste ein Goldstück gegeben
hatte, wagte es nicht, für die übrigen weniger zu bieten, und bezahlte
alle mit derselben Münze, um einen so guten Handel nicht auszulassen.
Als das Geld von der letzten Schüssel ausgegeben war, nahm Alaeddin
seine Zuflucht zu dem Becken, das allein zehnmal mehr wog, als jede
Schüssel. Er wollte es einem gewöhnlichen Kaufmann bringen, allein es
war ihm zu schwer. Somit mußte er den Juden aufsuchen und ihn in sein
Haus führen; dieser prüfte das Gewicht des Beckens und zahlte ihm auf
der Stelle zehn Goldstücke aus, womit Alaeddin zufrieden war.
So lange die Goldstücke dauerten, wurden sie für die täglichen Ausgaben
der Hauswirtschaft verwendet. Alaeddin hatte indes, obschon er ans
Müßiggehen gewöhnt war, seit seinem Abenteuer mit dem afrikanischen
Zauberer nicht mehr mit den jungen Leuten seines Alters gespielt. Er
brachte seine Tage mit Spazierengehen zu oder unterhielt sich mit
älteren Leuten, deren Bekanntschaft er gemacht hatte. Oft blieb er auch
bei den Läden der großen Kaufleute stehen und horchte aufmerksam auf die
Gespräche vornehmer Männer, die sich hier aufhielten oder sich hierher
bestellt hatten: und diese Gespräche gaben ihm allmählich einigen
Anstrich von Weltkenntnis.
Als von den zehn Goldstücken nichts mehr übrig war, nahm Alaeddin seine
Zuflucht zur Lampe. Er nahm sie in die Hand, suchte die Stelle, welche
seine Mutter berührt hatte, und als er sie an dem Eindruck des Sandes
erkannte, rieb er sie ebenso, wie sie getan hatte. Sogleich erschien ihm
wieder derselbe Geist, der sich schon einmal gezeigt hatte; da aber
Alaeddin die Lampe sanfter gerieben hatte, als seine Mutter, so sprach
er diesmal in einem milderen Tone dieselben Worte: »Was willst du? ich
bin bereit, dir zu gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer,
die die Lampe in der Hand haben, sowohl ich, als die andern Sklaven der
Lampe.« Alaeddin antwortete ihm: »Mich hungert, bring mir zu essen.«
Der Geist verschwand und erschien in einigen Augenblicken wieder mit
einem ähnlichen Tafelzeug, wie das erstemal, stellte es nieder und
verschwand wieder.
Alaeddin und seine Mutter setzten sich zu Tische, und nach dem Mahle
blieb ihnen noch so viel übrig, daß sie die beiden folgenden Tage
behaglich davon leben konnten.