Pantoffeltierchen hatte sich fortlaufend 1021 mal geteilt, hatte
1021 Generationen erzeugt, solange die Tochterzellen nach jeder neuen
Teilung in frische Nährlösung gebracht wurden. Und die Nachkommen dieses
1021. Ur ... Urenkels waren noch 179 Generationen lang so munter wie je
zuvor. Hatte man es aber unterlassen, die Tiere nach jeder Teilung in
frische Nährlösung zu bringen, so nahm die Teilungsgeschwindigkeit
allmählich ab: statt 179 Generationen wurden in demselben Zeitraum 138
erzeugt und die Tiere gingen schließlich zugrunde. _Warum?_ Aus
»Altersschwäche« hätte Maupas gesagt. Weil sie in einem
»Depressionszustand« waren, der in die Lebensgeschichte eines jeden
Pantoffeltierchens normalerweise hineingehört, hätte Calkins behauptet.
Woodruffs Doppelversuch sagt uns aber, daß diejenigen Pantoffeltierchen,
die im Laufe der Generationen an Teilungsfähigkeit einbüßten und
schließlich starben, einfach geschädigt worden waren dadurch, daß man es
unterlassen hatte, die Tiere nach jeder Teilung in frische Nährlösung zu
bringen. Was Maupas und Calkins an »Altersschwäche« und »Depression« bei
Einzelligen beobachtet haben, war also wirklich nichts anderes als eine
Schädigung der Tiere durch die Nährlösung, in der ihre Versuchstiere über
mehrere Generationen hinaus verbleiben mußten. _Es brauchen also die
Pantoffeltierchen gar nicht unbedingt zu altern und die Depression gehört
gar nicht unbedingt in die Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens
hinein._
Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, daß die Pantoffeltierchen _auch in
der freien Natur_ Schädigungen unterliegen, wie in den Versuchen von Maupas
und Calkins und daß es dabei zu Depressionszuständen bei ihnen kommen muß,
wie sie Maupas und Calkins bei ihren Versuchstieren beobachtet haben. Aber
dadurch wird nichts an der Tatsache geändert, daß, wie die Versuche von
Woodruff uns gezeigt haben, dieses »Altern« und diese »Depression« _nicht
unbedingt_ in den Lebenslauf des Pantoffeltierchens hineingehören und daß
das Pantoffeltierchen, wenn es von allerlei Schädigungen frei bleibt,
wirklich unsterblich ist.
Da es in einer Nährlösung, in der die Versuchstiere einige Zeit drin
bleiben, von Bakterien wimmelt, die den Pantoffeltierchen als Nahrung
dienen, so kann die Schädigung der Pantoffeltierchen in der Nährlösung
nicht auf einem Nahrungsmangel beruhen, worauf wir übrigens schon bei der
Beschreibung der Versuche von Maupas hingewiesen haben. Es bleibt nur eine
Annahme übrig: _daß die Pantoffeltierchen in einer solchen Nährlösung
geschädigt werden durch Stoffe, die sie selber in die Nährlösung
hineinbringen, durch Stoffwechselprodukte oder durch Schlacken, die in
ihrem Stoffwechsel entstehen_.
Woodruff hat durch zahlreiche weitere Versuche diese Annahme gestützt. Er
hielt seine Pantoffeltierchen in verschieden großen »Tropfen-Aquarien«, die
zwei, fünf, zwanzig und vierzig Tropfen Nährlösung fassen konnten, und es
zeigte sich, daß die Teilungsgeschwindigkeit seiner Versuchstiere um so
größer war, je mehr Tropfen Nährlösung ihr Aquarium enthielt. Diese
Versuche sagen uns, daß die Teilungsgeschwindigkeit um so größer ist, je
leichter es für die Pantoffeltierchen ist, sich ihrer Schlacken zu
entledigen: es ist eben für die Pantoffeltierchen um so leichter ihre
Schlacken nach außen abzugeben, je größer die Flüssigkeitsmenge ist, von
der sie umspült werden und in der sich die Abfallstoffe verteilen können.
Wir müssen an dieser Stelle auch eines etwas älteren Versuches von _Pütter_
gedenken, in dem eine noch stärkere Anhäufung von Schlacken im
Aquarium-Wasser erzielt wurde. Pütter brachte eine größere Anzahl von
Pantoffeltierchen in einem kleinen Tropfen Wasser unter das Mikroskop.
Obgleich die Tiere genug Sauerstoff bekamen -- denn Pütter ließ den
Wassertropfen an der Luft stehen -- wurden die vielen Pantoffeltierchen,
die in dem Wassertropfen beisammen waren, schon im Verlauf weniger Stunden
soweit geschädigt, daß sie aufhörten, mit den Wimpern zu schlagen und
schließlich stillstanden. Genau so, wie wenn man die Tiere z. B. mit
Alkohol vergiftet. Brachte Pütter normale Tiere in den Tropfen mit den
geschädigten Tieren hinein, so wurden die frischen Tiere schon innerhalb
eines viel kürzern Zeitraums geschädigt. Übertrug Pütter die geschädigten
Tiere aus ihrem Wassertropfen in frisches Wasser, so erholten sich die
Pantoffeltierchen wieder -- vorausgesetzt natürlich, daß ihre Schädigung
noch nicht zu weit gegangen war.
Dieser Versuch von Pütter stützt in ausgezeichneter Weise die Annahme, daß
die »Altersveränderungen« und die »Depressionszustände«, wie sie Maupas,
Calkins und Richard Hertwig im Gegensatz zu den Befunden von Woodruff bei
den Einzelligen festgestellt haben, auf einer Schädigung der Tiere durch
Stoffwechselprodukte beruhen, die sich in der Nährlösung anhäufen, wenn man
die Tiere mehr oder weniger lange Zeit in ein und derselben Nährlösung
beläßt. Denn in dem Versuch von Pütter, wo die Tiere innerhalb weniger
Stunden oder eines noch kürzeren Zeitraumes geschädigt wurden, kann es sich
doch nur um eine Wirkung von Stoffwechselprodukten handeln. Von einem
Nahrungsmangel kann innerhalb eines so kurzen Zeitraumes unmöglich die Rede
sein. Auch sterben Pantoffeltierchen aus Hunger unter anderen Erscheinungen
ab. Und außerdem erholten sich ja die Tiere in frischem Wasser wieder.
Woodruff hat schließlich Versuche veröffentlicht, die uns mit unleugbarer
Sicherheit sagen, daß die schädigende Wirkung eines Aufenthaltes in nicht
frischen Nährlösungen ausschließlich auf einer Überhäufung der Nährlösung
mit Stoffen beruht, die aus dem Stoffwechsel der Zellen stammen. Woodruff
hat sich nämlich gefragt, ob die Stoffwechselprodukte, die von den
verschiedenen Verwandten des Pantoffeltierchens ausgeschieden werden,
schädigend auch auf unser Pantoffeltierchen wirken. Er hielt die eine
Tochterzelle des Pantoffeltierchens, das den wissenschaftlichen Namen
+Paramaecium aurelia+ trägt, in frischer Nährlösung, die andere
Tochterzelle in einer Nährlösung, die von Schlacken erfüllt war, die von
+Paramaecium caudatum+ stammten. Die beiden Pantoffeltierchen-Arten sind
einander sehr ähnlich, sie sind miteinander sehr nahe verwandt. Woodruff
fand, daß die Schlacken von +Paramaecium aurelia+ auf +Paramaecium
caudatum+ genau so wirken, wie die Schlacken von +Paramaecium aurelia+
selber. In der mit Schlacken von +Paramaecium caudatum+ erfüllten
Nährlösung sank die Teilungsgeschwindigkeit von +Paramaecium aurelia+
sofort ab, bis schließlich die Tiere in dieser Nährlösung zugrunde gingen.
Nun benutzte aber Woodruff für weitere Versuche eine Nährlösung, in der ein
entfernterer Verwandter des Pantoffeltierchens, die sogenannte
+Pleurotricha+ gehalten worden war. Und siehe da! _In der Nährlösung, die
mit den Stoffwechselprodukten von +Pleurotricha+ erfüllt war, gediehen die
Pantoffeltierchen völlig normal._ Nun machte Woodruff folgenden
Kreuzversuch. Er züchtete die Tochterzellen von +Pleurotricha+: die eine
Tochterzelle in frischer Nährlösung, die andere in einer Nährlösung, die
mit den Stoffwechselabfällen von Pantoffeltierchen erfüllt war. _In der
Nährlösung, die mit den Stoffwechselprodukten von Pantoffeltierchen erfüllt
war, gediehen die +Pleurotricha+-Tiere völlig normal._ Diese Versuche sagen
uns, daß die schädigende Wirkung einer Nährlösung, in der Pantoffeltierchen
lange verbleiben, einzig und allein darauf beruhen kann, daß sich Stoffe in
der Nährlösung anhäufen, _die die Tiere in ihrem Stoffwechsel #selber#
produzieren_.
_Nach alledem ist uns klar, daß das »Altern« oder die »Depression«, die die
Pantoffeltierchen nach einer Reihe von Generationen erleiden, auf einer
Schädigung durch Stoffwechselprodukte beruhen, die von den Tieren selber
erzeugt werden._
* * * * *
Unsere Betrachtungen führen uns also dahin, daß die eigentümlichen
Veränderungen, die Maupas, Calkins, Richard Hertwig und andere
Forscher an den Einzelligen nach einer Anzahl von Teilungen oder
Generationen beobachtet haben, nicht Altersveränderungen sind, wie
sie in die Lebensgeschichte einer Zelle unbedingt hineingehören,
sondern daß sie auf einer Schädigung beruhen, die durch eine Anhäufung
von Stoffwechselprodukten in der Zelle hervorgerufen werden.
Man könnte nun meinen, daß somit die Untersuchungen von Maupas, Calkins und
Richard Hertwig in gar keiner Beziehung zum großen Problem des natürlichen
Todes stünden, und daß wir vielleicht besser getan hätten, den Leser, der
auf eine Antwort über den _natürlichen_ Tod, über den Tod aus
Altersschwäche wartet, mit all diesen Dingen zu verschonen. Aber die Sache
liegt eben so, daß alle diese Untersuchungen für das Problem des
natürlichen Todes von einschneidender Bedeutung sind.
Wenn wir sagen sollen, was die Veränderungen sind, die Maupas und Calkins
als »Altersveränderungen« oder »Depression« an ihren Tieren beobachtet
haben, so ist es, ganz allgemein, _ein allmählich zunehmender Zellschwund_,
der sich im Laufe der Generationen bemerkbar macht. Man werfe nur einen
Blick auf Maupas' Zahlen und auf die Abbildungen, die uns die Größenabnahme
der Einzelligen im Laufe der Generationen in den Versuchen von Maupas zum
Ausdruck bringen.[4] Auch Calkins und andere Forscher haben gefunden, daß
die »Depression« der Einzelligen durch eine Größenabnahme der Zelle
gekennzeichnet ist. Sobald die Größenabnahme weit genug fortgeschritten
ist, tritt der Zeitpunkt ein, wo die Zelle stirbt. Die Tatsache, daß die
Zellen nach einer Reihe von Generationen an Größe abnehmen, müssen wir in
dem Sinne auffassen, daß im Stoffwechsel der Zellen eine Störung
eingetreten war, die es ihnen dauernd unmöglich gemacht hat, genug an
Stoffen von außen aufzunehmen, um den Stoffverbrauch, der im Stoffwechsel
geschieht, zu decken. Wir wissen aus unsern Betrachtungen, daß diese
Störung im Stoffwechsel der Einzelligen auf einer Überladung ihres Körpers
mit Stoffwechselprodukten beruht.
[4] Vgl. Seite 53.
Auf der anderen Seite wissen wir aus früheren Erörterungen, daß die
Veränderungen, die die Zellen des alternden Zellenstaates erfahren, eine
Atrophie, ein richtiger Zellschwund sind. Und wir hatten es als unsere
Aufgabe bezeichnet, diese Altersatrophie der Zellen im Zellenstaat in
letzter Linie auf eine Störung in ihrem Stoffwechsel zurückzuführen, die
im Laufe des Lebens der Zellen im Zellenstaat sich immer mehr und mehr
bemerkbar macht. Nach den vorhergegangenen Feststellungen müssen wir uns
nun fragen, _ob nicht auch die Altersatrophie der Zellen im Zellenstaat auf
einer Überladung der Zellen mit Stoffwechselprodukten beruhen könnte_. Wir
haben hier einen Zellverband vor uns, in dem viele Zellen zusammenleben.
Vielleicht liegt nun hier die Sache so, daß die Zellen im Zellverband nicht
so recht die Möglichkeit haben, die Schlacken ihres Stoffwechsels nach
außen abzugeben -- genau so wie die Pantoffeltierchen in den Versuchen von
Maupas und Calkins. Gelingt es uns, den Nachweis zu führen, daß im Laufe
des Lebens in den Zellen des Zellenstaates eine Anhäufung von Schlacken
stattfindet, die wegen des Zusammenlebens der Zellen im Zellverband nicht
schnell genug aus den Zellen herausgeschafft werden können, so sind wir im
Problem des natürlichen Todes der vielzelligen Tiere ein gut Stück vorwärts
gekommen: wir hätten dann eine Störung im Stoffwechsel der Zellen im
Zellenstaat aufgedeckt, die die Altersatrophie der Zellen hervorruft und
schließlich die Zellen und damit den ganzen Zellenstaat zugrunde richtet.
Sehen wir also zu, ob dieser Nachweis möglich ist. Suchen werden wir vor
allem in den _Nervenzellen_: denn wir wissen schon, daß die Nervenzellen
allen andern Zellen im Zellenstaat im Altwerden vorausgehen.
9. Jugend und Alter der Nervenzellen.
Die Nervenzellen wollen wir besonders ins Auge fassen, weil wir uns
überzeugt haben, daß die Altersveränderungen, die das Gehirn erfährt, sehr
beträchtlich sind, und weil sich uns ergeben hat, daß das Versagen
bestimmter Teile des Gehirnes das schnelle Hinsterben der andern gealterten
Zellen des Zellenstaates einleitet.
Eine ganze Anzahl von Forschern hat sich mit der Frage befaßt, worin die
Veränderungen bestehen, die die Nervenzellen im Alter erfahren. Daß sie im
hohen Alter an Größe abnehmen, wissen wir schon. Aber noch eine andere
Veränderung hat man an den gealterten Nervenzellen beobachtet, und diese
interessiert uns hier ganz besonders.
Es ist das große Verdienst von _Mühlmann_, einem russischen Forscher,
unsere Erkenntnis über die Altersveränderungen der Nervenzellen in beinahe
zwanzigjähriger mühseliger Forscherarbeit gefördert zu haben. Man hatte
gefunden, daß in den Nervenzellen alter Leute kleine, fettglänzende
Körnchen und dunkle Stäubchen oder Pigment vorkommen, und man nahm zunächst
an, daß das Vorkommen von Fettkörnchen und Pigment in den Nervenzellen mit
irgendwelchen Krankheiten der alten Leute zusammenhängen müsse. Hier haben
nun die Untersuchungen von Mühlmann eingegriffen. Er beschränkte sich nicht
darauf, die Nervenzellen bloß alter Leute auf ihren Gehalt an den
fraglichen Fett- und Pigment-Körnchen zu untersuchen. Er untersuchte auch
die Nervenzellen von Menschen, die schon in jugendlichem Alter gestorben
waren. So hat er im Laufe der Zeit die Nervenzellen von Leuten untersucht,
die im Alter von 1, 2, 3, 8, 15, 18, 19, 24, 26, 29, 38, 48, 53, 60, 70, 83
und 90 Jahren gestorben waren, und es hat sich dabei folgendes
herausgestellt.
Wenn man die Nervenzellen von Kindern mit dem Mikroskop untersucht, so
findet man in manchen Zellen kleine glänzende Körnchen, die über den ganzen
Zelleib verstreut sind. Betupft man das Stückchen Rückenmark oder Gehirn,
das man auf einem Glasplättchen unter dem Mikroskop liegen hat, mit einem
Tropfen der sogenannten Osmiumsäure, so werden die glänzenden Körnchen
schwarz (Abb. 23). Osmiumsäure hat die Fähigkeit, fettartige Stoffe zu
schwärzen. Wir müssen darum annehmen, daß diese Körnchen aus Fett bestehen.
Betupfen wir nun ein Stückchen Gehirn oder Rückenmark mit Alkohol oder
Äther, so verschwinden die glänzenden Körnchen: Alkohol und Äther haben die
Fähigkeit, Fett aufzulösen. Folglich ist unsere Vermutung, daß die
glänzenden Körnchen in den Nervenzellen aus einem fettähnlichen Stoff
bestehen, bestätigt. Wie uns die Abbildung zeigt, sind die Körnchen bei
jugendlichen Personen nicht in allen Zellen enthalten, und in den einen ist
ihre Zahl größer, in den andern geringer. Aber wenn man ein Stückchen
Rückenmark oder Gehirn mit dem Mikroskop untersucht, so findet man in der
einen oder anderen Zelle doch solche Körnchen in den Nervenzellen, auch
wenn es sich um die Leichen von Kindern handelt, die kaum ein Jahr alt
geworden sind.
[Illustration: Abb. 23. Nervenzellen aus dem Rückenmark eines
im Alter von 3 Jahren verstorbenen Knaben. Die mit
Osmiumsäure schwarz gefärbten Körnchen sind über die ganze
Zelle verstreut. Manche Zellen sind von Körnchen ganz frei.
(In manchen Zellen hat der Schnitt den Zellkern nicht
mitgetroffen).]
Untersucht man die Nervenzellen von ältern Personen, z. B. im Alter von 16
und 19 Jahren (Abb. 24 u. 25), so findet man, daß hier die Körnchen schon
in größerer Anzahl in den Zellen vorhanden sind. Sie liegen hier viel
dichter in den Zellen, und die Zahl der Zellen, in denen die Körnchen
vorkommen, ist größer als bei kleinen Kindern. Außerdem kann der
Untersucher feststellen, daß die Körnchen, auch wenn man sie nicht erst mit
Osmiumsäure färbt, schon an und für sich ein dunkleres Aussehen haben, die
Körnchen sind dunkelbraun bis schwarz geworden, und man muß sie jetzt als
Pigment bezeichnen.
[Illustration: Abb. 24. Nervenzellen eines 16jährigen
Mannes.]
[Illustration: Abb. 25. Nervenzellen einer 19jährigen Frau.]
Im höheren Alter liegen die nunmehr ganz dunklen Pigmentkörnchen in dichten
Haufen beisammen, wie uns die Abb. 26 zeigt, die uns eine Nervenzelle einer
80jährigen Frau vor Augen führt. Man kann hier die einzelnen
Pigmentkörnchen gar nicht mehr zählen, so groß ist die Zahl der dicht
beisammen liegenden Körnchen. Manchmal nehmen bei alten Leuten die
Pigmentkörnchen beinahe die ganze Zelle ein, so daß nur ein schmaler Saum
von Protoplasma in der Zelle von ihnen frei bleibt (Abb. 27).
[Illustration: Abb. 26. Nervenzelle aus dem Rückenmark einer
80jährigen Frau.]
[Illustration: Abb. 27. Nervenzelle einer 80jährigen Frau.
Schematisiert.]
Wie bei Menschen, so sieht man auch bei Tieren mit zunehmendem Alter die
Fett- und Pigmentkörnchen sich in den Nervenzellen häufen. Mühlmann hat die
Nervenzellen vom Meerschweinchen, von der Kuh, der Maus, dem Papagei u. a.
auf ihren Gehalt an Fett- und Pigmentkörnchen untersucht. Stets waren sie
vorhanden, wie uns die Abb. 28 u. 29 für die Kuh und für die Maus zeigen.
Sehr schön ist der Unterschied zwischen der jugendlichen und gealterten
Nervenzelle auf den Abb. 30 u. 31 zu sehen: die Fettkörnchen fehlen bei dem
neugeborenen Meerschweinchen, während sie bei dem 2 1/2 Jahre alten
Meerschweinchen in beträchtlicher Zahl vorhanden sind. Ebenso beim jüngern
und ältern Papagei (Abb. 32 u. 33). Zuweilen findet man die Pigmentkörnchen
auch in dem Kern der Zelle liegen (Abb. 28).
[Illustration: Abb. 28. Nervenzelle aus dem Rückenmark einer
zweijährigen Kuh.]
[Illustration: Abb. 29. Nervenzelle aus dem Rückenmark einer
zweijährigen Maus. Stark schematisiert.]
[Illustration: Abb. 30. Nervenzelle eines 1 Monat alten
Meerschweinchens.]
[Illustration: Abb. 31. Nervenzelle eines 2 1/2 Jahre alten
Meerschweinchens.]
[Illustration: Abb. 32. Nervenzelle eines etwa 12 Jahre alten
Papageis. Stark schematisiert.]
[Illustration: Abb. 33. Nervenzelle eines alten Papageis.
Schematisiert. Abbildungen 23 bis 33 nach Mühlmann.]
In manchen Gebieten des Nervensystems häufen sich die Fettkörnchen, die
allmählich zu dunklen Pigmentkörnchen geworden sind, früher an als in
andern, z. B. in manchen Zellgruppen, die bei der Regulierung der
Herzmuskelarbeit und der Arbeit der Atemmuskeln mittun.
Fassen wir zusammen, was uns die Untersuchungen von Mühlmann gelehrt haben,
so läßt sich sagen, daß _in den Nervenzellen schon in der frühen Jugend
Fettkörnchen auftreten, die mit dem Alter an Menge mehr und mehr zunehmen,
bis sie schließlich beinahe die ganze Zelle erfüllen_.
_Pigmentkörnchen hat man auch in den gealterten Zellen aller anderen Organe
nachgewiesen._ Besonders auffallend ist die Ablagerung eines bräunlichen
Pigmentes in den Herzmuskelzellen.
Was hat diese Einlagerung von Pigment in den Zellen zu bedeuten? Diese
Frage zu beantworten, ist nicht leicht. Nur _Vermutungen_ können wir
darüber anstellen.
Man kennt die Tatsache, daß im Stoffwechsel mancher Formen der lebendigen
Substanz, z. B. bei Bakterien und bei manchen Wirbellosen, Stoffe
entstehen, die in die chemische Gruppe der Fettsäuren hineingehören. Unter
gewissen Umständen, wie bei Krankheiten, entstehen auch im Stoffwechsel des
Menschen Fettsäuren, z. B. bei der Zuckerkrankheit. Fettsäuren nun
vereinigen sich mit Glyzerin zu Fett. Gibt man einem Tier größere Mengen
von Fettsäuren ein, so findet man nach einigen Stunden in der Lymphe des
Tieres zahlreiche Fettkügelchen. Das sagt uns, daß die Zellen des
tierischen Organismus die Fähigkeit besitzen, Glyzerin herzustellen, das
sich dann mit den Fettsäuren zu Fett vereinigt. Man könnte sich daraufhin
vorstellen, daß die fettglänzenden Körnchen, die man in den Zellen des
Organismus von der frühesten Jugend an sich bilden sieht und die, wie wir
uns oben überzeugt haben, jedenfalls Tröpfchen eines fettähnlichen Stoffes
sind, in folgender Weise entstehen. In den Zellen unseres Körpers werden im
Stoffwechsel vielleicht auch schon normalerweise Fettsäuren gebildet, die
aber im weiteren Verlauf der stofflichen Umsetzungen in den Zellen aus
diesen herausgeschafft werden, indem sie zu Kohlensäure und Wasser, den
Endprodukten des Stoffwechsels, verbrannt werden. Nun nehmen wir an, daß es
mit der Abfuhr der Stoffwechselprodukte aus den Zellen des Zellenstaates
gar nicht so gut bestellt ist, wie es sein sollte. Dann werden
Stoffwechselprodukte in den Zellen liegen bleiben, obgleich sie hier nicht
mehr hineingehören. Die Umsetzungen in den Zellen werden eine Einbuße
erleiden und die Weiterverarbeitung der Fettsäuren wird nicht gut genug
vonstatten gehen können. Es wird ein Rest von Fettsäuren in den Zellen
zurückbleiben. Die Fettsäuren werden zu einer fettähnlichen Substanz
verarbeitet werden -- das Glyzerin, das die Zellen dazu nötig haben, können
sie ja selber herstellen. Wenn dieser Gedankengang richtig ist, dann dürfen
wir die fettglänzenden Körnchen oder die Pigmentkörnchen, in die sich die
fettglänzenden Körnchen in den Nervenzellen im Laufe der Zeit umwandeln,
als Stoffwechselprodukte auffassen, die sich in den Zellen sammeln, weil
die Abfuhr der Stoffwechselprodukte aus den Zellen im Zellenstaat nicht
ergiebig genug vonstatten geht.
Doch wir dürfen nicht vergessen, daß alle diese Einzelheiten ganz und gar
nur Vermutungen sind. Der wirkliche Sachverhalt kann auch anders sein, die
Pigmentkörnchen können in den Zellen auch auf eine andere Weise entstanden
sein. Wie dem aber auch sei: _wir kommen um die Tatsache nicht herum, daß
in den Zellen unseres Körpers, vornehmlich in den Nervenzellen und in den
Herzmuskelzellen -- aber auch in allen andern Zellen sonst --,
Pigmentkörnchen, aus fettähnlichen Stoffen entstanden, sich häufen und daß
diese Körnchen wahrscheinlich Stoffwechselprodukte der Zellen oder
Schlacken des Stoffwechsels schlechtweg sind_.
Und jetzt gedenken wir all der Dinge, die wir uns aus der Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens haben erzählen lassen. Wir waren dahin gekommen,
daß das sonst unsterbliche Pantoffeltierchen altert und stirbt, wenn sich
Schlacken in seinem Zelleib ansammeln. Das Pantoffeltierchen verfällt dabei
einer Atrophie, die mit der Altersatrophie im Zellenstaat verglichen werden
kann. Nun ist uns die Tatsache vertraut geworden, daß auch in den Zellen
des Zellenstaates sich im Laufe des Lebens ganz allmählich Schlacken
ansammeln. Was ist da durchsichtiger, als daß die Altersatrophie der Zellen
im Zellenstaat in derselben Weise zustandekommt wie die Depression und die
Atrophie des Pantoffeltierchens? Die Schlacken, die sich mehr und mehr in
der Zelle häufen, stören den Stoffwechsel der Zellen, die Zellen nehmen
allmählich an Masse ab, sie werden atrophisch -- bis sie schließlich
zusammenbrechen, genau so wie das Pantoffeltierchen und seine Verwandten in
den Versuchen von Maupas und Calkins.
Wir werden also dahin geführt, _daß die im Leben entstehenden
Stoffwechselprodukte wahrscheinlich nicht sorgfältig genug aus den Zellen,
die im Zellverband beisammenleben, herausgeschafft werden können, daß sie
sich mehr und mehr in den Zellen häufen, den Stoffwechsel der Zellen stören
und eine Atrophie der Zellen hervorrufen. Und sobald die Anhäufung der
Schlacken in den Nervenzellen und damit die Atrophie der Nervenzellen weit
genug fortgeschritten ist, sind diese Zellen nicht mehr auf ihrem Posten,
sie versagen im Dienst. Wir büßen die geistige Frische ein, wir werden alt.
Es kommt schließlich der Zeitpunkt, wo auch diejenigen Nervenzellen
versagen, die Atmung und Herztätigkeit regulieren. Die alten
Herzmuskelzellen und auch alle andern Zellen im Körper sind gleichfalls
nicht mehr so recht auf ihrem Posten. Atmung und Herzschlag stehen still --
das Sterben der Zellen im Zellenstaat beginnt._