Zellenstaates nicht so sorgfältig herausgeschafft werden, wie aus dem
Zelleib des Pantoffeltierchens? Da müssen wir daran denken, daß so ein
Pantoffeltierchen eine _freilebende_ Zelle ist, die von allen Seiten vom
Wasser, in dem es lebt, umspült wird. Unter solchen Umständen geht es mit
der Ausscheidung der Stoffwechselprodukte sehr leicht. Bei den Zellen aber
im Zellenstaat mußte die Sache schwieriger werden. Allerdings, auch die
Zellen im Zellenstaat leben im Wasser, in »fließendem Wasser«, denn wir
nehmen alle Tage ein paar Liter Wasser auf und erneuern so im Laufe von
längstens drei Wochen alles Wasser unseres Körpers. Aber die Zellen im
Zellenstaat sind mit Bezug auf das Wasser, das sie umspült, doch schlechter
bestellt als das freilebende Pantoffeltierchen. Nur die wenigsten Zellen im
Zellenstaat werden von den Körperflüssigkeiten, vom Blut und von der
Lymphe, unmittelbar umspült. Die meisten Zellen im Zellenstaat, die in
großen Haufen beisammenliegen, können mit dem Blut und der Lymphe nur durch
Vermittlung benachbarter Zellen verkehren, die dem Blute näher sind oder
direkt von diesem umspült werden. Da ist es leicht begreiflich, daß die
Abfuhr der Schlacken im Zellenstaat nicht so sorgfältig vonstatten gehen
kann wie beim Pantoffeltierchen, das sich frei im Wasser tummelt. Und die
Zellen des Zellenstaates sind in derselben Lage wie ein Pantoffeltierchen,
dem man nicht häufig genug das Wasser wechselt. Und sie gehen zugrunde,
weil sie mit den Schlacken des Stoffwechsels überladen werden.
Dann kommt noch hinzu, daß das weiche bindegewebige Daunenbett der
Blutgefäße im Laufe der Zeit hart geworden ist: das alt gewordene
Bindegewebe macht die Blutgefäße starr und stört die prompte Zufuhr von
Blut zu den Zellen im Körper.
Und so ergibt sich uns der Schluß: #Im Zusammenleben der Zellen im
Zellverband liegen die Bedingungen für den Tod des vielzelligen Organismus,
für den natürlichen Tod aus Altersschwäche, der sich mit eiserner
Notwendigkeit aus dem Leben der Zellen im Zellenstaat entwickelt.
Die Schlacken des brennenden Lebensfeuers der Zellen im Zellenstaat
bringen das Leben allmählich zum Stillstand. Der Zellenstaat bringt sich
selber um.#
Mit Bezug auf die Bedeutung, die die Nervenzellen für das Zustandekommen
des Todes haben sollen, ist ein Einwand möglich. _Ribbert_ selbst hat
diesen Einwand in ansprechender Weise diskutiert.
Man könnte nämlich behaupten, daß die Atrophie der Nervenzellen doch nicht
immer daran schuld sein könne, daß nunmehr das Sterben des Zellenstaates
beginnt. Sehr viele Menschen sterben bei völliger geistiger Frische,
trotzdem sie ein Alter erreichen, das über das Durchschnittsalter der
Menschen weit hinausgeht. Man denke an den Historiker Mommsen, der 86 Jahre
alt war, als er starb, und an den Physiker Bunsen, der sogar erst mit 88
Jahren starb. Beide waren bis zuletzt bei völliger geistiger Frische. Der
berühmte Physiologe Eduard Pflüger, der ein Alter von 81 Jahren erreichte
und vor wenigen Jahren in Bonn starb, hielt bis zu den letzten Tagen seines
Lebens nicht nur die Vorlesung ab, sondern arbeitete in angestrengter Weise
auch noch im Laboratorium an schwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen,
mit denen er auch literarisch im Mittelpunkte hochwichtiger physiologischer
Streitfragen stand. Und dann war er zu Ende des Semesters wenige Tage krank
und war tot.
Wie reimt sich das damit zusammen, daß ein Versagen der Nervenzellen den
Tod unseres Zellenstaates einleitet?
Die Sache liegt hier vielleicht so: Die Arbeit des Gehirnes beruht auf
einem Zusammenarbeiten vieler Nervenzellen, und jede Zellgruppe kann dabei
für sich im Dienst versagen. Während z. B. die Nervenzellen, die der Atmung
und dem Blutkreislauf vorstehen, noch rüstig arbeiten, können die
Nervenzellen, die das Denken besorgen, schon mehr oder weniger atrophisch
sein. Das ist im Alter ja auch die große Regel. Es kann nun aber auch der
Fall eintreten, daß die Nervenzellen, die der Atmung und dem Blutkreislauf
vorstehen, eher versagen, als die Zellen, deren Arbeit Denken ist! Dann
wird der Greis bei völliger geistiger Frische sterben. Die
Altersveränderungen in den Nervenzellen, die das Denken besorgen, werden
bei solchen Menschen, die andauernd geistig tätig sind, sich weniger
schnell bemerkbar machen. »Die fortgesetzte Übung der Nervenzellen, die mit
besserer Blutzufuhr und besserer Ernährung verbunden ist, wird dadurch
auch eine lebhaftere Durchspülung des Protoplasmas und eine leichtere
Abfuhr der Stoffwechselprodukte herbeiführen,« sagt Ribbert. Die
Nervenzellen aber, die für die Regelung der Herztätigkeit und der Atmung in
Betracht kommen, werden bei diesen Menschen in demselben Tempo der Atrophie
und dem Tode entgegenschreiten, wie bei allen anderen Menschen, die aus
Altersschwäche sterben. Und dann wird plötzlich der Tag gekommen sein, wo
den silberweißen Greis, den wir alle wegen seiner geistigen Frische
bewundert, der Sensenmann ereilt hat.
Diese Auffassung ist wohl plausibel. Das sieht ein jeder ein. Wir wissen,
daß z. B. ein Muskel mit Bezug auf seine Ernährung viel besser davonkommt,
wenn er Arbeit leistet, als wenn er keine Arbeit tut. Voraussetzung ist
natürlich, daß er nicht überanstrengt wird, daß ihm genügend Zeit zur
Erholung gelassen wird. Aber es ist doch zunächst bloß eine Vermutung, daß
es so auch mit den Nervenzellen ist, daß die andauernde geistige Tätigkeit
die Nervenzellen, die Denkarbeit leisten, vor einer allzuschnellen
Überladung mit den todbringenden Stoffwechselabfällen verschont.
_Mühlmann_ hat nun vor einigen Jahren Untersuchungen ausgeführt, die diese
Vermutung vielleicht zu stützen vermögen. Er hat die Pigmentmenge in den
Nervenzellen des Rückenmarks, die die Muskeln des rechten und linken Armes
regieren, bestimmt. Er fertigte sich mikroskopische Schnitte von der
»Arm-Anschwellung« des Rückenmarkes (Abb. 34) an und zählte in einer ganzen
Serie von Schnitten die Nervenzellen aus, wobei er sich die Zahl der
Nervenzellen, die stark pigmenthaltig waren, besonders notierte. Die
Zählungen von Mühlmann haben ergeben, daß die Zahl der Nervenzellen, die
stark pigmenthaltig waren, auf der rechten Seite geringer war als auf der
linken. So waren nach Mühlmann bei 18 Personen im Alter von 18 bis
46 Jahren auf der linken Seite 77,2 Prozent aller Zellen stark
pigmenthaltig, auf der rechten Seite nur 74,8 Prozent. Die Personen, deren
Nervenzellen Mühlmann auf ihren Pigmentgehalt untersucht hat, waren
rechtshändig und sie hatten somit mit dem rechten Arm im Laufe ihres Lebens
mehr Arbeit geleistet als mit dem linken. Mühlmann ist der Meinung, daß
seine Untersuchungen dafür sprechen, daß die mehr arbeitenden Nervenzellen
weniger Pigment enthalten, d. h. weniger Stoffwechselprodukte anhäufen, als
diejenigen Zellen, die weniger gearbeitet haben. Ohne weitere
Untersuchungen ist es nicht möglich, zu entscheiden, ob Mühlmann hier
wirklich recht hat: der Unterschied von rechts und links ist in den
Zählungen von Mühlmann doch zu gering. Wollte man aber die Ergebnisse der
Mühlmannschen Untersuchungen auf die Nervenzellen des Gehirnes, die die
Denkarbeit leisten, übertragen, so wäre hier der Sachverhalt so: Bei
manchen Leuten, bei denjenigen, die als geistig hochstehende Menschen
andauernd geistig tätig sind, werden bestimmte Nervenzellen des Gehirns
mehr Arbeit leisten als bei andern Leuten, die nicht in einem solchen Maße
geistig arbeiten. Bei den ersten werden die Denkzellen weniger Pigment
anhäufen als bei den zweiten. Und darum werden die geistig arbeitenden
Menschen ihre geistige Frische länger erhalten können als die andern.
[Illustration: Abb. 34. Rückenmark, aus dem Wirbelkanal
herauspräpariert. Von hinten. Man sieht bei +A+ die
Armanschwellung, die Stelle, wo die vielen großen
Nervenzellen liegen, welche die Muskeln des Armes regieren.
Bei +B+ die Lendenanschwellung mit den Nervenzellen für die
Beinmuskeln. Nach Toldt.]
Aber auf jeden Fall darf man nicht glauben, daß _jede_ vermehrte Arbeit
dahin führen müsse, daß nun die Zellen, die diese Arbeiten leisten, mit
Bezug auf eine Durchspülung mit Blut besser gestellt sind als die Zellen,
die weniger Arbeit leisten. Nein, das ist nur innerhalb bestimmter Grenzen
möglich. Sobald wir den Zellen unserer Organe, sei es den Nervenzellen, die
Denkarbeit leisten, den Herzmuskelzellen, die das Blut durch die Blutgefäße
treiben, den Muskeln, die mechanische Arbeit leisten, den Nierenzellen, den
Zellen der Lunge usw. eine zu große Arbeit zumuten, der sie nicht gewachsen
sind, dann brechen sie unter der vermehrten Arbeit zusammen, wie die
Erfahrung tausendfältig lehrt. Für alle Zellen unseres Körpers gibt es ein
zuwenig und ein zuviel an Arbeit, das ihnen ein frühes Grab gräbt, und eine
bestimmte Arbeitsleistung, die ihnen am zuträglichsten ist und ihnen ein
langes und gesundes Leben sichert. Es ist das »Optimum« an Arbeit, wie der
wissenschaftliche Ausdruck für diese Dinge lauten könnte. _Dieses Optimum
an Arbeit, die »bestgrößte« Arbeitsmenge, ist das allein wirksame
Lebenselixier -- wenn man schon auf der Suche nach einem solchen ist --,
das die Wissenschaft uns zu bieten vermag._
Aber auch dieses Lebenselixier ist nicht so wirksam, daß es alle Scharten
in den Nervenzellen auswetzen könnte, die das Alter in ihnen setzt. Auch
der geistig hochstehende und andauernd geistig arbeitende Mensch büßt im
Alter an Geisteskraft ein. Aber gewöhnlich schrauben wir unsere Erwartungen
gegenüber einem Greis von 80 und 90 Jahren nicht mehr so hoch und wir
schätzen darum seine Denkleistungen höher ein, als eigentlich berechtigt
wäre. »Das wirkliche Verhalten,« sagt Ribbert, »beurteilen wir richtiger,
wenn wir uns, wie wir es ja oft tun, so ausdrücken, daß wir sagen, dieser
oder jener ist für sein Alter noch merkwürdig frisch. Damit sagen wir
zugleich, daß doch tatsächlich schon eine Abnahme der geistigen Funktionen
bemerkbar ist. Sie laufen langsamer ab und werden einseitiger. Und diese
Verminderung der psychischen Tätigkeit führen wir mit vollem Recht zunächst
auf die zu dieser Zeit allerdings noch nicht zu den höchsten Graden
fortgeschrittenen Veränderungen der Ganglienzellen zurück. Nimmt deren
Atrophie weiterhin immer mehr zu, so steigert sich die Abnahme der
psychischen Funktionen. Geordnetes Denken wird allmählich unmöglich, neue
Eindrücke werden nicht mehr verarbeitet, es stellt sich Gleichgültigkeit
gegen die Umgebung ein, das Gehirn vegetiert nur noch und seine Tätigkeit
erlischt allmählich bis zum Eintritt des Todes.«
10. Der Tod der Eintagsfliege.
Nach dem, was wir alles im vorigen Kapitel gehört haben, steht eine neue
Frage vor uns: Warum sich die Schlacken in den _Nervenzellen_ eher
ansammeln als in allen andern Zellen des Zellenstaates und zu einem Berge
in ihnen anwachsen -- wie uns die Abbildungen 26, 27 u. 33 das gezeigt
haben --, so daß die Nervenzellen früher als alle anderen Zellen des
Körpers im Dienst versagen.
Die Sache ist hier folgendermaßen bestellt. Der Stoffwechsel der
Nervenzellen ist viel reger als der Stoffwechsel in den Zellen sonst. Ein
Gramm Hirnsubstanz verbraucht etwa dreimal so viel Sauerstoff als ein Gramm
anderer Körperzellen. So könnte es denn sein, daß die Menge der Schlacken,
die im Stoffwechsel der Nervenzellen entstehen, größer ist als die der
andern Zellen im Zellenstaat, und daß darum die Nervenzellen unter der Last
von Schlacken, die nicht sorgfältig genug aus ihnen herausgeschafft werden,
viel eher zusammenbrechen müssen als die andern Zellen.
Und noch eins kommt hinzu: Die Nervenzellen sind auch noch durch ihre große
Empfindlichkeit gegenüber den verschiedenen Störungen, die ihren
Stoffwechsel treffen, ausgezeichnet. Die Nervenzellen sind der »+locus
minoris resistentiae+« in unserem Körper, wie Verworn einmal gesagt hat. So
wissen wir, daß die Nervenzellen viel eher als die anderen Zellen des
Körpers der Wirkung von Giften unterliegen, wenn diese in den Körper
eingeführt werden. Die Nervenzellen sind viel früher vergiftet als die
andern Zellen des Zellenstaats. Auch wissen wir, daß die Nervenzellen bei
angestrengter Arbeit viel früher ermüden als die andern Zellen. Alle unsere
»Müdigkeit« beruht zunächst auf einer Ermüdung unseres Nervensystems, nicht
auf einer Ermüdung unserer Muskeln. Daß die Nervenzellen nach angestrengter
Arbeit viel eher müde sind als die Muskelzellen, heißt aber nach dem
heutigen Stande unseres Wissens über die Ermüdung nichts anderes, als daß
die Nervenzellen viel eher unter der Last von Stoffwechselprodukten
zusammenbrechen, die bei angestrengter Tätigkeit in größerer Menge als
sonst gebildet werden und nicht sorgfältig genug aus den Zellen
herausgeschafft werden können. Es häufen sich in ihnen »Ermüdungsstoffe«
an, wie man sagt.
Schon aus ältern Versuchen von _Ranke_ und _Mosso_ wissen wir, daß bei der
Arbeit der Muskeln Stoffwechselprodukte in ihnen gebildet werden, die, wenn
sie sich in den Muskeln anhäufen, diese lähmen. _Verworn_ hat gezeigt, daß
dasselbe auch für die Zellen des Nervensystems gilt. Vergiftet man einen
Frosch mit Strychnin, so bekommt das Tier schwere Muskelkrämpfe. Nach
einiger Zeit werden die Krämpfe schwächer und nach ungefähr 20 bis
30 Minuten wird das Tier unerregbar, es wird gelähmt. Aber die _Muskeln_
unseres Tiers sind noch gar nicht gelähmt: prüfen wir die Erregbarkeit
eines jeden einzelnen Muskels, so überzeugen wir uns, daß sie alle noch gut
erregbar sind. Nur das _Rückenmark_ ist gelähmt, das _Rückenmark_ hat zu
angestrengt gearbeitet. Nun sehen wir dem Versuch weiter zu. Verworn band
dem gelähmten Tier ein Glasröhrchen in die Aorta, in das große Blutgefäß,
das vom Herzen abgeht, und verband das Glasröhrchen mit Hilfe eines dünnen
Gummischlauches mit einem Gefäß, das physiologische Kochsalzlösung[5]
enthielt. Die Kochsalzlösung strömt dann durch die Blutgefäße unseres
Frosches. Auch wenn wir allen Sauerstoff aus der Kochsalzlösung durch
vorheriges Auskochen vertrieben haben, tut so eine Durchspülung mit
frischer Kochsalzlösung dem Tiere außerordentlich gut: der Frosch erholt
sich in wenigen Minuten und bleibt nun wieder für einige Zeit erregbar. Er
beantwortet die Reize, z. B. das Berühren oder Kneifen der Haut, mit einer
Zuckung. Die Wirkung der Durchspülung mit der Salzlösung kann hier nur
darauf beruhen, daß aus den gelähmten Zellen des Rückenmarks irgendwelche
Stoffe herausgewaschen worden sind, die an der Lähmung, an der Ermüdung der
Nervenzellen schuld waren. Der Versuch sagt uns also, daß bei angestrengter
Arbeit Stoffwechselprodukte oder Ermüdungsstoffe sich in den Nervenzellen
anhäufen, die die Zellen lähmen. Werden diese Schlacken aus den Zellen
herausgewaschen, so kehrt ihre Erregbarkeit wieder. Sie haben sich erholt.
_Hamburger_ hat vor einigen Jahren dasselbe auch für die Flimmerzellen der
Rachenschleimhaut des Frosches nachgewiesen: auch hier häufen sich, wie
selbstverständlich in jeder andern Zelle auch, Stoffwechselprodukte an, die
lähmend auf die Zellen wirken.
[5] Eine »physiologische Kochsalzlösung« nennt man eine
Lösung, die 7 Gramm Kochsalz auf einen Liter destillierten
Wassers enthält. In einer solchen Salzlösung erhalten sich
lebendige Zellen einige Zeit recht frisch, die Salzlösung
ersetzt bis zu einem gewissen Grade (siehe im Text) das Blut.
Die Ermüdungsstoffe sind Stoffwechselprodukte, wie sie auch in der Ruhe
gebildet werden -- nur werden sie bei angestrengter Arbeit in viel zu
großer Menge gebildet, um von dem Blute, auch wenn der Blutzufluß vermehrt
ist, aus den Zellen sorgfältig genug herausgewaschen zu werden. Wegen einer
Überhäufung mit den Ermüdungsstoffen, mit den Schlacken des vermehrten
Stoffwechsels, werden also die Nervenzellen müde und büßen an
Leistungsfähigkeit ein. Aber die Nervenzellen können bei angestrengter
Arbeit unter der Last der Ermüdungsstoffe auch ganz zusammenbrechen: die
Ermüdung kann so stark sein, daß man infolge einer Übermüdung stirbt. In
diesem Falle ist der Sachverhalt beim Menschen genau so wie bei den
Pantoffeltierchen, die in dem Versuch von Pütter (vgl. S. 61) in einem zu
kleinen Tropfen zusammengepfercht waren, so daß sie infolge einer
Überlastung mit Stoffwechselabfällen schließlich stillstanden, um sich
erst wieder zu erholen, wenn man ihnen durch Übertragung in frisches Wasser
die Möglichkeit gab, den Rückstand an Schlacken wieder los zu werden. Gibt
man ihnen diese Möglichkeit nicht, dann sterben die Pantoffeltierchen
infolge der Überlastung mit den Stoffwechselprodukten. Ebenso auch die
vielzelligen Tiere. Behindert man z. B. Hunde längere Zeit am Schlafen, so
gehen sie nach einer oder zwei Wochen zugrunde. Und man findet in den
Nervenzellen solcher schlafloser Hunde Veränderungen, die darauf hinweisen,
daß die Tiere infolge einer _Übermüdung_ der Nervenzellen gestorben sind.
Versuche, die _Piéron_ und _Legendre_ in Paris vor ein paar Jahren
ausgeführt haben, haben uns das gezeigt. Auch wir Menschen sterben, wenn
wir lange nicht geschlafen haben. Im alten China soll es eine Form der
Todesstrafe gegeben haben, die darin bestand, daß man den zum Tode
verurteilten Verbrecher einige Zeit am Schlafen hinderte.
Aus diesen Tatsachen können wir für ein Verständnis des Todes eine ganze
Menge lernen. Mit vollem Recht dürfen wir das Zugrundegehen der
Pantoffeltierchen im zu engen Wassertropfen beim Versuch von Pütter als ein
_schnelles_ Sterben auffassen, das sich nur _dem Grade nach_ vom langsamen
Sterben der Pantoffeltierchen in den Versuchen von Maupas und Calkins
unterscheidet, wo der Tod das Tier erst nach einer langen Reihe von
Generationen ereilt. Und genau so kann man nach unserer heutigen
wissenschaftlichen Erkenntnis über das Sterben der vielzelligen Tiere den
natürlichen Tod des Menschen als ein langsames Sterben infolge einer
Überladung der Zellen im Zellenstaat, vor allem der Nervenzellen, mit
Stoffwechselprodukten auffassen, _das sich nur dem Grade nach vom schnellen
Hinsterben infolge einer starken Übermüdung, z. B. bei andauerndem Wachen,
unterscheidet_.
* * * * *
Und jetzt müssen wir wichtiger Untersuchungen gedenken, die in jüngster
Zeit _W. Harms_ in Marburg an einem kleinen Wurm aus dem Golf von Neapel
angestellt hat. Dieser einige Millimeter lange Wurm, +Hydroides pectinata+
mit Namen, besitzt, wie seine andern Wurmverwandten auch, ein Nervensystem,
das aus einigen größern Nervenknoten am Kopfende, dem sogenannten Gehirn,
und einem zarten Strickleiternervensystem besteht. Harms hatte sich zur
Aufgabe gestellt, den natürlichen Tod bei wirbellosen Tieren zu verfolgen,
und da bot sich dieser Wurm als geeignetes Material für eine solche
Untersuchung dar, schon allein aus dem Grunde, weil er sehr anspruchslos
ist und durch äußere Bedingungen nicht leicht geschädigt wird. So gedieh er
z. B. ganz munter sogar in den Abflußbecken der Zoologischen Station in
Neapel. Und das Sterben, das Harms bei seinen Tieren verfolgt hat, können
wir ruhig als ein Sterben aus Altersschwäche auffassen -- das winzige
Würmchen wird über ein Jahr alt.
Harms hat nun gefunden, daß die ersten Veränderungen, die das Sterben des
Tieres einleiten, sich in den Nervenzellen abspielen, namentlich in
denjenigen Nervenzellen, die in dem Hirnknoten des Wurmes gelegen sind.
Zunächst erfahren diejenigen Zellen Veränderungen, von denen die Nerven zu
den Kiemen, d. h. zu den Atmungsorganen des Tieres, abgehen. Dann kommt die
Reihe an die Nervenzellen, die den Blutkreislauf und die Nierenarbeit
regulieren. Harms hat festgestellt, daß diese Veränderungen sich in den
Nervenzellen schon bemerkbar machen, wenn das Tier noch am Leben ist und
nur die ersten Anzeichen des herannahenden Todes aufweist.
_So führen uns die Beobachtungen von Harms die bedeutungsvolle Tatsache vor
Augen, daß auch bei Wirbellosen das Sterben der Zellen im Zellenstaat
eingeleitet wird durch ein Versagen der Nervenzellen und vor allem
derjenigen Nervenzellen, die der Atmung und dem Blutkreislauf vorstehen._
Harms hat seine Untersuchungen an einem so großen Material
ausgeführt -- insgesamt hat er 560 Tiere in Beobachtung gehabt --, daß an
der Richtigkeit seiner Ergebnisse nicht gezweifelt werden kann. Und wir
dürfen jetzt ganz allgemein sagen, daß _der Tod der Zellen im Zellenstaat
seinen Ausgang nimmt von den Nervenzellen_.
Nach dieser Feststellung werden wir die Annahme machen müssen, daß auch der
_frühe_ Tod mancher Wirbellosen -- manche Insekten, wie z. B. die
Eintagsfliege, sterben schon wenige Stunden nach dem Ausschlüpfen aus der
Larve! -- bedingt wird durch eine Überhäufung der Nervenzellen mit
Stoffwechselprodukten. Allerdings: die Eintagsfliege und manche andere
Wirbellosen sterben so frühzeitig, daß es uns auf den ersten Blick eine
widerspruchsvolle Behauptung dünkt, sie stürben aus Altersschwäche und daß
es sich hier um eine Erscheinung handle, die dem Tod aus Altersschwäche der
unvergleichlich länger lebenden Wirbeltiere gleichzusetzen sei. Aber im
ersten Abschnitt dieses Kapitels waren wir dahin gelangt, daß das Versagen
der Nervenzellen, die eine Altersatrophie erfahren haben, sich nur _dem
Grade nach_ von dem Zusammenbrechen übermüdeter Nervenzellen unterscheidet.
In dem ersten Fall handelt es sich um einen in den Zellen liegenbleibenden
Rückstand an Schlacken, die den Stoffwechsel der Zellen ganz allmählich
beeinträchtigen und zu einem Zellschwund führen; in dem zweiten Fall
handelt es sich um eine so starke Überhäufung der Nervenzellen mit
Schlacken, daß der Stoffwechsel schon innerhalb eines ganz kurzen
Zeitraumes eine weitgehende Störung erfährt, wobei die Nervenzellen sehr
bald versagen und zusammenbrechen. Und der frühe Tod der Eintagsfliege hat
nichts Unverständliches mehr für uns: _auch die Eintagsfliege stirbt aus
Altersschwäche_. Dort langsames Hinsiechen, hier schneller Tod der
Nervenzellen -- das ist der ganze Unterschied. _Ob die Eintagsfliege nur
wenige Stunden lebt, ob Insekten nur Tage und Wochen, manche Würmer kurze
Monate, der Mensch mehrere Jahrzehnte, manche Vögel über ein Jahrhundert
und manche Fische und Reptilien gar viele Jahrhunderte lang leben -- der
vielzellige Organismus des Tieres stirbt von den Nervenzellen aus, wobei
die Nervenzellen bei der einen Art früher, bei der andern später unter der
Last der Stoffwechselprodukte, die sich in ihnen ansammeln und ihren
Stoffwechsel stören, zusammenbrechen. Der Mechanismus des natürlichen
Todes, des Todes aus Altersschwäche ist bei den vielzelligen Tieren, die
ein Nervensystem haben, stets ein und derselbe._
11. Kopulation und Befruchtung.
Unerbittlich ringt der Tod die vielzelligen Tiere nieder ...
Die befruchtete Eizelle, der Keim des werdenden vielzelligen Tieres hat
sich mehrfach geteilt, und aus der einen Keimzelle ist ein ganzer
Zellenstaat geworden, in dem jede einzelne Zelle ein Nachkomme der
Keimzelle ist. Die Zellen des Zellenstaats sterben schließlich alle -- mit
Ausnahme einer bestimmten Anzahl von Keimzellen, die in den Kindern
fortleben. Während bei den Einzelligen sämtliche Nachkommen einer
Stammzelle, wie z. B. in den Versuchen von Woodruff, unsterblich sind, sich
weiter teilen, sind aus der Zahl der Nachkommen der Keimzelle eines
vielzelligen Tieres nur die Keimzellen unsterblich. Die Körperzellen leben
dagegen im großen Ganzen nur wenig länger, als es für die Brutpflege nötig
ist. Der Mohr hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehn ...