Nach vielem hin und her im Suchen und Forschen sind wir dahin gekommen, daß

wir nun wissen, wie der Tod nach Krankheit über den Zellenstaat hinkriecht.

Aber was wir eigentlich herausbekommen wollten, war doch etwas anderes: wie

_der Tod aus Altersschwäche_ von uns Besitz ergreift, wie wir aus

Altersschwäche sterben. _Das_ wollten wir wissen. Vom Tod durch Krankheit

haben wir nur gesprochen, weil wir uns das Suchen leichter machen wollten.

Und wirklich, das Suchen ist uns jetzt leicht gemacht: Unsere

Aufmerksamkeit ist nun von vornherein auf zwei Zellgruppen im Zellenstaat

gerichtet, die wir fest ins Auge fassen müssen -- auf die

_Herzmuskelzellen_ und auf die _Nervenzellen_. Diese Zellgruppen hatten wir

erkannt als die Künder des Todes im _kranken_ Zellenstaat. Vielleicht sind

sie es auch im _alternden_ Zellenstaat. Sehen wir zu.

Wir haben schon früher erfahren, daß alle Organe im alternden Zellenstaat

kleiner werden, und daß dieses Kleinerwerden der Organe auf einem

Altersschwund der Zellen beruht. Was die Zellen im Alter leisten, ist nicht

mehr das, was in jüngern Jahren ihre Arbeit war. Wir haben gehört, daß der

Stoffwechsel der Zellen im alternden Zellenstaat eine ganz bedeutende

Abnahme erfährt. Und da können wir uns wohl denken, daß die herabgesetzte

Leistungsfähigkeit der Herzmuskelzellen schließlich zu einem Stillstand des

Herzens führt: das Zusammenarbeiten der Herzmuskelzellen klappt nicht mehr

und das Herz versagt. Um so mehr, als die Blutröhren, durch die das Herz

das Blut zu treiben hat, nicht mehr so elastisch sind wie früher und dem

schwachen, gealterten Herzen sogar noch _mehr_ Arbeit zumuten als in jungen

Tagen.

Und was noch hinzukommt: auch das _Gehirn_ hat einen Altersschwund

erfahren. Ja, wie _Ribbert_, dem wir eine geistvolle Studie über den Tod

verdanken, darauf hingewiesen hat, unterliegt es gar keinem Zweifel, daß

_beim Sterben aus Altersschwäche die Veränderungen und Störungen im Gehirn

und damit auch in denjenigen Nervenzellen, die der Atmung und der

Herzarbeit vorstehen, noch mehr in die Wagschale fallen, als die

Veränderungen in den Herzmuskelzellen selber_.

Das Herz tut seinen Dienst bis ins hohe Alter hinein -- rastlos und

unermüdlich, wenn es auch nicht mehr so auf dem Posten ist wie einst im

Mai. Dagegen machen sich im Denken des alternden Menschen stets

Veränderungen geltend, die darauf hindeuten, daß die Störungen in den

Nervenzellen sehr beträchtlich sind. Das reife Alter ist uns gekennzeichnet

durch die große Erfahrung und die viele Kritik im Denken, die uns in allen

Fragen des Lebens zugutekommt. Im Greisenalter aber versagt der Mensch in

diesen beiden Dingen. Das Gedächtnis des Greises läßt nach, neuen Dingen

wird er unzugänglich, gleichgültig ist er gegen die Umgebung. Und er wird

unlogisch, einseitig, »egoistisch«, wie man zu sagen pflegt, -- es kommt

die Zeit, wo nicht nur die Jugend, sondern auch der reife Mann in Konflikt

gerät mit dem Greis. Mißtrauisch, launenhaft ist der Greis: weil alles, was

die Jugend erfüllt, nicht mehr ist für den Greis, weil er nicht mithalten

kann mit der Jugend. Alles in allem: die Intelligenz des Greises läßt nach,

läßt _allmählich_ nach, gleichsam, als ob er leise schmollend, weil er

nicht mehr mitkann, hinter den anderen zurückbliebe, über die er sich

früher erhaben gedünkt, erhaben gewesen, weil er ihnen früher mit großer

Erfahrung voraus war. Dem, was uns die alltägliche Beobachtung über die

Intelligenz der Greise lehrt, entsprechen vollkommen die Veränderungen, die

man bei einer Untersuchung der Gehirne von Leuten findet, die in sehr hohem

Alter gestorben sind. Man kann sagen, daß in keinem andern Organ die

Altersveränderungen so weitgehend, so eingreifend sind, wie im Gehirn. Die

Altersveränderungen im Gehirn, die man mit bloßem Auge sehen kann, haben

wir schon früher erwähnt, und wir werden in einem späteren Kapitel noch die

mikroskopisch sichtbaren Veränderungen kennen lernen, die die Nervenzellen

im gealterten Zellenstaat aufweisen.

Die Abnahme der geistigen Fähigkeiten, die für das Greisenalter

charakteristisch ist, kann nun natürlich nicht daran schuld sein, daß mehr

oder weniger plötzlich ein Zeitpunkt kommt, wo das schnelle Sterben der

Zellen im Zellenstaat beginnt. Bei manchen von Geburt mißbildeten Menschen,

wie z. B. bei den sogenannten Mikrokephalen, d. h. den Kleinköpfen, ist die

Großhirnrinde von vornherein so mangelhaft entwickelt, daß im Seelenleben

dieser Menschen all das fehlt, was uns im großen Ganzen einen Menschen

»Mensch« sein läßt. Und trotzdem können solche »Menschen« ein hohes Alter

erreichen. Anderseits können Tiere, denen man das ganze Großhirn

wegschneidet, trotz der sehr weitgehenden Störungen in ihrem ganzen

Verhalten doch noch recht lange, sogar jahrelang leben. Aber der Tod droht

von anderswo im Gehirn. Und da müssen wir zunächst von einem Tierversuch

erzählen. _Wird nämlich jener Teil des Gehirnes verletzt, in dem die

Nervenzellen gelegen sind, die der Atmung vorstehen, so tritt sofort der

Tod des Tieres ein._ Wenn man z. B. einem jungen Hunde oder einem Kaninchen

den Kopf stark nach vorne neigt und ihm dann mit einem hohlen

Metallröhrchen, dessen unterer Rand scharf geschliffen ist, in den Nacken

sticht, tief und sicher genug, um das verlängerte Mark zu treffen, so steht

die Atmung des Tieres momentan still. Kein Muskel von all denen, die bei

den Atembewegungen mittun, regt sich mehr, das Tier ist momentan ohne alle

Qual tot, ohne daß es auch nur die geringste Bewegung gemacht hat. Wie war

das möglich? Einfach so, daß wir mit dem hohlen Metallröhrchen eine Gruppe

von Nervenzellen im verlängerten Mark, die den Atembewegungen vorstehen und

sie regulieren, aus dem verlängerten Mark direkt herausgeschnitten haben.

Der Franzose _Flourens_, der in den vierziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts alle diese Dinge fleißig studiert und die Überzeugung der

Gelehrten von der großen Bedeutung dieser Gruppe von Nervenzellen für das

Zustandekommen der geregelten Atembewegungen endgültig gefestigt hat, hat

diese Zellgruppe schlecht und recht den »Lebensknoten« genannt.

Nun müssen wir festhalten, daß natürlich nicht nur diejenigen Nervenzellen

einen Altersschwund erfahren werden, die das Denken vermitteln. Auch

diejenigen Nervenzellen, die der _Atmung_ vorstehen und die Atembewegungen

regulieren, werden im Alter arg mitgenommen sein. Und wenn die Störungen

in dem fein abgestuften Mechanismus des Zusammenarbeitens dieser

Nervenzellen weit genug fortgeschritten sind, dann geht dieser Mechanismus

in die Brüche. Dann steht die Atmung plötzlich still und man ist tot. Man

hat ausgehaucht -- im wahrsten Sinne des Wortes.

Und auch noch das ist möglich: daß einmal die Nervenzellen versagen, die

die _Herzarbeit_ regulieren. Das alte Herz klappt dann zusammen.

Wiederum -- man hat ausgelebt.

_So kommen wir nach all den vielen Dingen, die wir vom Sterben aus

Altersschwäche erfahren haben, dahin, daß die Künder des Todes hier die

Nervenzellen sind. Störungen in dem Mechanismus der Arbeit der Nervenzellen

sind es, die das schnelle Sterben der gealterten Zellen im Zellenstaat

einleiten._

Aber wir dürfen doch nicht sagen, der Tod aus Altersschwäche trete ein,

weil bestimmte Zellen des Gehirnes einen Altersschwund erfahren haben. Das

_allein_ wäre falsch. Die Veränderungen, die die alternden Nervenzellen

erfahren haben, sind nur ein Teil von all den Altersveränderungen, die sich

im ganzen Zellenstaat abgespielt haben: alle andern Zellen im Zellenstaat

sind auch gealtert. Und alle Zellen im Zellenstaat sind aufeinander

angewiesen. Wenn z. B. die Nervenzellen, auf deren Mitarbeit die

Herzmuskelzellen angewiesen sind, ihre Dienste nicht mehr tun, wie einst im

Mai, dann zahlen sie dem Herzmuskel nur mit gleicher Münze heim. Denn die

Nervenzellen sind, namentlich dann, wenn es schon just vor dem Ende war,

vom alten Herzen aus arg mitgenommen worden, weil sie nun nicht mehr soviel

Blut zugeführt bekommen konnten, wie es früher der Fall gewesen. Das rächt

sich nun am Herzen -- und so geht das hin und her im alternden Zellenstaat.

Und auch alle andern Zellen im Zellenstaat tun nur mangelhaft ihre Arbeit.

Die Leber und die Nieren, die für das Herausschaffen der Schlacken im

Körper zu sorgen haben, sind im Rückstand, die Drüsen, die allerlei Stoffe

ans Blut abzugeben haben, lassen auf sich warten. Und schließlich ist die

Stunde da, wo die Nervenzellen, die der Atmung und dem Herzen vorstehen,

versagen, und dann beginnt das schnelle Hinsterben der Zellen im

Zellenstaat.

_Es ist also mit dem Sterben aus Altersschwäche so bestellt, daß im Verlauf

der vielen Störungen in den Zellen alle Zellen im Zellenstaat einander die

Grube graben -- und fallen alle selbst herein._

Nun wissen wir, wie der Tod aus Altersschwäche kommt. Aber _warum_ er

kommt? Darauf hinaus wollten wir ja: zu wissen, _warum wir alt werden und

sterben_.

Aber alles »warum« in der Wissenschaft ist stets nur ein anderes »wie«:

wenn wir wissen wollen, warum wir sterben, müssen wir einfach

herauszubekommen suchen, wie die Altersveränderungen in den Zellen des

Zellenstaates zustandekommen, die zum Tode des Zellenstaates führen, wie

die Zellen im alternden Zellenstaat atrophisch werden. Wir wissen aber, daß

alles Leben der Zellen in letzter Linie auf dem Stoffwechsel der Zellen

beruht. _So müssen wir denn versuchen, die Altersveränderungen der Zellen

im Zellenstaat auf eine Störung im Stoffwechsel der Zellen des vielzelligen

Organismus zurückzuführen, auf eine Störung, die im Verlaufe des Lebens der

Zellen im Zellverband entsteht._ Und weil wir erfahren haben, daß die

Nervenzellen allen andern Zellen des Zellverbandes voraus sind mit dem

Versagen im Dienst, so werden wir die _Nervenzellen_ vor allem fest ins

Auge fassen, um an ihnen herauszubekommen, wie im Laufe des Lebens des

Zellenstaats die Zellen alt werden und den Zellenstaat zugrunde richten.

Um das aber herauszubekommen, müssen wir vorerst noch der Lebensgeschichte

eines Pantoffeltierchens mit aller Aufmerksamkeit zuhören. Die also soll

nun erzählt werden.

8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens.

Wir haben uns über das Leben eines Pantoffeltierchens schon früher einmal

eine ganze Menge von einem amerikanischen Forscher erzählen lassen.[2] Und

was dabei für uns namentlich in Betracht kam, war die Tatsache, daß das

Pantoffeltierchen unter günstigen äußeren Umständen unsterblich ist.

Unsterblich in dem Sinne, daß es in der Lebensgeschichte eines

Pantoffeltierchens, wenn kein Unglück es trifft, auch in der

3000. Generation noch nicht zur Entstehung einer Leiche kommt. Die

Mutterzelle teilt sich in zwei Tochterzellen auf, die sich, wenn der

Zeitpunkt gekommen, wieder in zwei Tochterzellen teilen, und so fort.

[2] Vgl. Kapitel 4.

Obgleich man die Art und Weise, wie sich die einzelligen Lebewesen

fortpflanzen, schon seit langer Zeit kannte, ist ihre Unsterblichkeit doch

erst in jüngster Zeit durch die Untersuchungen von _Woodruff_ nachgewiesen

worden. _Weismann_ vertrat allerdings schon vor mehr als dreißig Jahren mit

aller Entschiedenheit die Meinung, daß die Einzelligen unsterblich sind.

Aber es waren im Laufe der Jahre allerlei merkwürdige Dinge aus dem Leben

der Einzelligen bekannt geworden, die eine gegenteilige Meinung aufkommen

lassen mußten. Die Meinung, daß es auch bei den Einzelligen einen Tod aus

Altersschwäche gibt. Von diesen merkwürdigen Dingen hat in großen

Zusammenhängen der Franzose _Maupas_ zu erzählen gewußt.

Maupas hat in seinen Mußestunden, die ihm sein Beruf als Bibliothekar nur

hin und wieder ließ, fleißige Untersuchungen über das Leben der Einzelligen

ausgeführt und er hat sich damit ein dauerndes Denkmal in der Biologie

gesetzt. Er hat im Laufe der Jahre die Lebensgeschichte von zwanzig

verschiedenen Arten von Einzelligen studiert, die Lebensgeschichte des

Pantoffeltierchens und seiner Verwandten, der »bewimperten

Infusionstierchen«, wie der wissenschaftliche Ausdruck lautet. Und eben

dabei hatte er die Dinge gefunden, die der Auffassung von Weismann über die

Unsterblichkeit der Einzelligen zu widersprechen schienen. Maupas

beobachtete die sich folgenden Teilungen bei Infusorien, und er fand, daß

die Teilungsfähigkeit bei Einzelligen nicht unbegrenzt sei. Nach einer

bestimmten Anzahl von Teilungen sah er bei allen Arten, die er in seinen

Versuchen züchtete, Veränderungen in den Tieren auftreten, die er als

_Alterserscheinungen_ deutete. Nach 100, 200 oder 300 Teilungen, je

nachdem, wollten die Infusionstierchen in den Aquarien, in denen sie

gehalten wurden, sich nicht mehr so schnell teilen wie früher: es dauerte

nunmehr länger, bis eine Mutterzelle so weit war, sich in zwei

Tochterzellen aufzuteilen. Und obgleich den Tieren im Aquarium reichlich

Nahrung zur Verfügung stand, wollten sie nichts mehr essen. Sah man sich

die Tiere zu diesem Zeitpunkt genauer mit dem Mikroskop an, so konnte man

zunächst bemerken, daß sie an Größe abgenommen hatten (Abb. 18): die Länge

der Tiere ging z. B. von 0,160 Millimeter fortschreitend auf 0,135, 0,110,

0,090, 0,070, 0,045 und 0,040 Millimeter herunter. Ihr Körper war

durchsichtig geworden, und schließlich hatten die Tiere einen Teil ihrer

Wimperhärchen eingebüßt; auch der Kern zeigte weitgehende Veränderungen.

Jedoch konnten sich die Tiere auch in diesem Zustande noch teilen, aber,

wie schon erwähnt, der Zeitraum zwischen den einzelnen Teilungen war nun

verlängert. Schließlich, wenn die Tiere schon sehr klein und die

Veränderungen in ihrem Körper schon sehr auffallend geworden waren und sie

schon zahlreiche Wimpern verloren hatten, hörten sie ganz auf sich zu

teilen und starben. Sie wurden zu Leichen. »So altert und stirbt das

Infusor aus Altersschwäche,« sagt Maupas, und er kommt zum Schluß, daß die

Einzelligen keine Ausnahme machen von der allgemeinen Regel, die für alle

lebendige Substanz gilt. Nach Maupas gehört somit der Tod unbedingt zum

Leben und alles Leben mündet nach ihm in den Tod. Es gibt nach Maupas keine

Unsterblichkeit der lebendigen Substanz.

[Illustration: Abb. 18. Die Konturen von Infusorien

verschiedener Generationen. Man sieht die Größenabnahme der

Zelle. Nach Maupas. Schematisiert.]

Später haben auch noch andere Forscher dieselben Beobachtungen an

Einzelligen gemacht wie Maupas. Sehr bekannt sind die Untersuchungen

geworden, die vor dreizehn Jahren der amerikanische Zoologe _Calkins_

ausgeführt hat. Wie schon Maupas hat auch Calkins gefunden, daß im Verlauf

der aufeinanderfolgenden Teilungen des Pantoffeltierchens, etwa nach der

90. bis 170. Generation, ein Zustand eintritt, wo die Tiere an Größe

abnehmen und sich nicht mehr so schnell teilen wie vorher, bis sie

schließlich ihre Teilungsfähigkeit ganz einbüßen. Calkins -- wie übrigens

auch schon Maupas -- hatte auch unregelmäßige Teilungen beobachtet,

unvollständig geteilte Mutterzellen, gewissermaßen »Mißbildungen«, die

entstehen, wenn die begonnene Teilung der Mutterzelle nicht mehr zu ihrem

normalen Abschluß kommt.

Jetzt müssen wir noch von einer anderen Beobachtung erzählen, die Maupas

gemacht hatte. Wenn zwei Tiere zu einem Zeitpunkt, wo die

»Altersveränderungen« noch nicht bemerkbar waren, miteinander verschmolzen,

»kopulierten«, um nach einiger Zeit wieder auseinander zu gehen, so wurden

sie »verjüngt«, sie wurden vom »Altern« verschont. Die Kopulation der

Infusorien ist von zahlreichen Forschern studiert worden. Zwei Tiere legen

sich aneinander (Abb. 19), verschmelzen gewissermaßen für kurze Zeit, wobei

ein teilweiser Zerfall der Kernsubstanzen beider Tiere und ein Austausch

von Kernsubstanz zwischen ihnen stattfindet. Dann gehen die Tiere wieder

auseinander. Die zahlreichen Einzelheiten der Kopulation interessieren uns

hier nicht. Calkins hat gefunden, daß nicht nur die Kopulation die Tiere

den schlimmen Zustand überwinden läßt, sondern auch noch allerlei einfache

Reizmittel, wie Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit,

Temperatursteigerungen und Schütteln. Calkins sagt, die Infusorien

verfallen im Laufe der Teilungen nach so und so viel Generationen in einen

_Depressionszustand_, und diesen Zustand überwinden sie eben, wenn ihnen

die Kopulation oder allerlei Reizmittel zugutekommen.

[Illustration: Abb. 19. Kopulation von Pantoffeltierchen. Man

sieht im Protoplasma den Großkern und den Kleinkern liegen.

Nach einer Photographie von Prof. H. Joseph, aus Kammerer,

Bestimmung und Vererbung des Geschlechts.]

Ob wir nun die Veränderungen, die der Organismus der Einzelligen im Laufe

der Zeit erfährt, mit Maupas als Altersveränderungen oder mit Calkins als

Depressionszustände bezeichnen, das bleibt sich gleich. Tatsache ist, daß

die einzelligen Lebewesen nach einer bestimmten Anzahl von Generationen

Veränderungen erfahren können, die, wenn sie nicht durch Kopulation oder

verschiedene Reizmittel behoben werden, unweigerlich zum Tode der Tiere

führen. _Die Einzelligen sind also unter gewissen Umständen sterblich wie

die lebendige Substanz der vielzelligen Tiere._ Wie tiefgreifend die

Veränderungen sind, die der Stoffwechsel der Zelle im Depressionszustand

erfährt, haben uns die Untersuchungen von _Richard Hertwig_ an einem

Strahlentierchen gezeigt (Abb. 20, 21 u. 22). Ja, so stirbt das Einzellige,

das wir früher einmal als unsterblich gefeiert!

[Illustration: Abb. 20. Beginnende Depression: die Kernmasse

ist vermehrt, die Scheinfüßchen sind alle noch normal.]

[Illustration: Abb. 21. Weiter fortgeschrittenes Stadium der

Depression: es hat sich ein »Riesenkern« gebildet, die

Scheinfüßchen sind wirr angeordnet und nur spärlich

vorhanden.]

[Illustration: Abb. 22. Dasselbe Tier wie Abb. 21, einen Tag

später: der Riesenkern ist ausgestoßen, es sind nur noch

einige wenige Scheinfüßchen vorhanden. Abbildungen 20, 21,

22. Depression des Strahlentierchens. Nach Richard Hertwig.]

* * * * *

Da sind wir in einen Sumpf von Widersprüchen hineingeraten, und der Leser

meint vielleicht, ich sei dran schuld, daß wir in diese widerspruchsvolle

Lage hineingekommen sind. Da irrt er aber sehr: denn die _Tatsachen_ sind

es, die daran schuld sind.

Wir müssen versuchen, aus diesem Sumpf der Widersprüche herauszukommen.

Wohlan -- wir werden eine ganze Menge dabei lernen.

Auf Grund der Untersuchungen von Woodruff waren wir früher zur Ansicht

gelangt, daß die Einzelligen unsterblich sind. Die Beobachtungen von

Maupas, Calkins und Richard Hertwig haben uns anscheinend das Gegenteil

gezeigt, -- daß auch die Einzelligen alt werden und sterben. Wenn wir nun

diesen Widerspruch lösen wollen, müssen wir zunächst der Frage nachgehen,

ob nicht vielleicht die Versuchsbedingungen bei Woodruff auf der einen

Seite und bei Maupas, Calkins und Richard Hertwig auf der andern Seite

verschieden gewesen sind. Das ist tatsächlich der Fall gewesen. Woodruff

hat, wie wir schon früher erfahren haben,[3] die Tochterzellen nach jeder

Teilung in frische Nährlösung gebracht. So ist es ihm denn gelungen, mehr

als 3000 Generationen von Pantoffeltierchen im Laufe von fünf Jahren zu

züchten, ohne daß seine Versuchstiere in einen Depressionszustand verfallen

wären oder Altersveränderungen zeigten. Anders aber in den Versuchen von

Maupas, Calkins und Richard Hertwig. Hier verblieben die Tiere über mehrere

Tage hinaus in derselben Nährlösung. Was hat aber dieser Unterschied in den

Versuchsbedingungen zu bedeuten? Auf den ersten Blick mag es dem Laien

scheinen, daß das doch eigentlich gar nichts zu sagen habe. Aber, wie wir

heute wissen, hat das für den Betrieb des Stoffwechsels der

Pantoffeltierchen in der Nährlösung _sehr_ viel zu bedeuten. In die

Nährlösung gelangen die Stoffwechselprodukte hinein, die im Stoffwechsel

der in ihr lebenden Pantoffeltierchen gebildet werden, die Schlacken, die

im Leben einer jeden Zelle entstehen. Diese Schlacken müssen aus den Zellen

herausgeschafft werden, wenn die Zellen nicht geschädigt werden sollen.

Genau so, wie die Asche aus der Dampfmaschine entfernt werden muß, wenn der

ganze komplizierte Apparat der Dampfmaschine nicht bald in die Brüche gehen

soll. Wenn aber die Stoffwechselprodukte der Zellen sich im Laufe einiger

Zeit in der Nährlösung anhäufen, so wird es dadurch den Zellen schwer

gemacht, sich ihrer Stoffwechselprodukte zu entledigen. Denn je mehr

Schlacken in der Nährlösung schon enthalten sind, desto schwieriger geht

die Ausscheidung der Schlacken aus den Zellen vor sich. Worauf diese

Schwierigkeit beruht, das ist eine Frage für sich. Hier ist für uns nur

wichtig festzuhalten, daß eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten in der

Nährlösung eine Anhäufung von Schlacken auch in den Zellen bedingen muß.

Die Anhäufung von Stoffwechselprodukten aber stört den Ablauf des

Stoffwechsels der Zelle, stört den Ablauf des Lebens und bringt die Tiere

um.

[3] Vgl. S. 26.

Wenn diese Betrachtungen richtig sind, dann wäre der Widerspruch, der uns

beunruhigte, gelöst und die Unsterblichkeit der Einzelligen gerettet. _Das,

was Maupas, Calkins und Richard Hertwig an Altersveränderungen oder an

Depressionszuständen bei den Einzelligen beobachtet haben, wäre dann kein

Altern und kein Zustand, wie er in den Lauf der Dinge im Leben der

Einzelligen unbedingt hineingehörte, sondern eine krankhafte Störung wie

tausend andere auch, die die Zelle töten können._

Da müssen wir schon genau zusehen, ob all das, was man an

»Altersveränderungen« oder an Depressionszuständen bei den Einzelligen

beobachtet hat, wirklich auf eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten und

auf eine dadurch bedingte Schädigung der Zellen zurückgeführt werden

könnte.

Ausgedehnte Versuche über die Art und Weise, wie die Nährlösung die

Pantoffeltierchen zu beeinflussen vermag, wenn die Stoffwechselprodukte

sich in ihr anhäufen, darüber, wie die Stoffwechselprodukte, wenn sie nicht

regelrecht aus dem Körper ausgeschieden werden, die Einzelligen schädigen,

verdanken wir wiederum _Woodruff_. Wir werden später noch sehen, wie diese

Versuche von Woodruff die Lehre vom Tode des vielzelligen Organismus in

ganz hervorragender Weise gefördert haben. Zunächst aber wollen wir die

nackten Tatsachen kennen lernen, die Woodruff hier festgestellt hat.

Der grundlegende Versuch, mit dem Woodruff gewissermaßen schon alle seine

weitern Versuche vorweggenommen hatte, bestand in folgendem. Die zwei

Tochterzellen eines Pantoffeltierchens, das schon der 1021. Ur ... Urenkel

eines »wilden« Pantoffeltierchens war, wurden jede unter verschiedenen

Bedingungen weitergezüchtet. Während die Tochterzellen der einen Stammzelle

nach jeder neuen Teilung in frische Nährlösung gebracht wurden, blieben die

Tochterzellen der andern Stammzelle jeweils mehrere Generationen hindurch,

mehrere Tage lang, in ein und derselben Nährlösung, genau so wie das in den

Versuchen von Calkins der Fall war.

Schon bald nachdem die beiden Stamm-Tochterzellen in verschiedene

Lebensbedingungen gekommen waren, war die Teilungsgeschwindigkeit bei

demjenigen Stamm, bei welchem die Nährlösung nicht so häufig frisch

gewechselt wurde, geringer geworden. Ganz augenfällig wurde der Unterschied

im Verhalten der beiden Stämme einige Monate später, wo die

Teilungsgeschwindigkeit bei dem zweiten Stamm mehr und mehr zu sinken

begann. Die Pantoffeltierchen teilten sich jetzt nur etwa alle zwei Tage

einmal. Bald hörten die Tiere des zweiten Stammes ganz auf sich zu teilen

und starben, während die Tiere des ersten Stammes noch genau so munter

waren wie vor vier Monaten, als der Versuch begonnen hatte. Im ersten Stamm

hatte es im Laufe der 107 Tage, die der Versuch währte, 179 Generationen

gegeben, im zweiten Stamm bloß 138 Generationen.

Warum wir sterben · 第 4 / 7 段