Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der warmen Decke

gar zu frech in seinem graubereiften Balge werden und er sie wieder

mit Klaue und Zahn zur Ruhe bringen muß. Aber mitten in dieser

Beschäftigung hält er ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich,

seine schwarzen Gehöre stellen sich aufrecht.

Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne, die er vernahm.

Und noch einmal das Brechen, und noch einmal das Husten. Der Fuchs

steckt wieder die sorglose Miene auf. Es ist nichts, wenigstens

nichts Schlimmes. Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte

Oberholzhauer, in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas Gutes

findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde, ein

Bückingskopf.

Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht Geschmacksfäden,

die silbern in der Sonne blitzen, und in seinem Wanst rumpelt und

pumpelt es. Vorgestern Plattfrost und steifer Nordost, gestern

Schlackschnee, das waren zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein

scheußlich salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts

daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde eines

Buchenstumpfes überwinterten, das war alles.

Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen hat es geschneit und

es wird noch mehr schneien, denn die Luft ist still und weich. Aber

brach da unten nicht etwas? Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte

Mann aus dem Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her,

daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf die Steinplatte

zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran. Da bröckelt der Schneerand

der Steinplatte ab, fällt rauschend in das Buchenlaub, der Hase hält

inne, macht einen Kegel und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses

Mal gelang es nicht, wie meistenteils.

Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn hungert. Ganz

elend wird ihm inwendig. Es hat keinen Zweck, hier sitzen zu bleiben.

Sonne auf dem Balge wärmt ja, aber frisches Fleisch im Balge hält

wärmer. Es ist noch heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft

rein, und wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht viel

einbringt, etwas kommt immer dabei heraus.

Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme, ab und zu das

Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er blieb. Jetzt taucht er in

der alten Holzriese auf, sichert einen Augenblick zum Abhange hin

und ist wieder fort. Der Wanderfalke, der auf der höchsten Zacke des

zopftrocknen Buchenüberhälters hakt, äugt unter sich, denn Reinecke

macht sich dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch

heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der Hunger

treibt es hinein.

Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe zwischen den

Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht über einen faulen Stamm

oder eine hinderliche Klippe das langsame Schnüren, hin und wieder

verhofft er auch ein wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das

Meisenvolk, nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin. Meist

bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick kann man schon

daran wenden; vielleicht glückt es. Aber schon schnürt er weiter. Die

Finkmeise hat ihn spitz; sie schlägt Lärm und schimpfend stiebt der

ganze Trupp in die Kronen.

Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig. Also

umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von oben her in das

Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es nach Maus, ganz frisch

sogar. Mit schiefem Kopfe steht er vor dem schwarzen Loche in dem

Schnee. Etwas Graubraunes will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine

schnelle Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein lautes

Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach Reh, darum halt!

Auch ganz frisch, darum entlang in der Doppelfährte! Ricke mit Kitz,

aber beide gesund. Dann hat es keinen Zweck!

Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er einmal sehr

satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen Felsen herum, an dem

Fichtenhorst vorbei, unter den losen Steinplatten hindurch in das große

Trümmerloch hinein! Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen

gelegen und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er es

knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen brach es über

der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte und rasselnd fiel es in

Laub und Kraut.

Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, als die

Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht herangeschnürt. Da war

er auf Rehschweiß gestoßen, hatte immer mehr gefunden und hatte die

Rotfährte gehalten bis an die steile Wand, war das Zickzackband der

Wand hinabgeschlichen, und als er im Grunde war, da schlug ihm die

volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine Flucht machte der

Bock noch, aber keine zweite mehr, da hatte er ihn an der Drossel,

und lange Zeit zum Klagen ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt

geworden, daß es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so.

Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und Mulm.

Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang in den Hohlweg

hinein, wieder in die Klippen und wieder heraus. Aber die Höhle könnte

man mitnehmen; einmal gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich

da gesteckt hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich

an den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, und

einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, ja, einmal sogar eine

Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen und Schnee. Ein paar dicke

Motten finden sich schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die

Fledermaus bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie riecht

schlecht.

Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. Da fährt er

zusammen. Über ihm erschallt des Hasen Todesklage. Mit jäher Flucht

nimmt er den Kopf der Klippe und will auf die folgende, von der er

in das helle Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht

oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer das einmal

durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das war auch so ein weicher,

milder Wintertag nach steifem Nordost und er hatte auch zwei Tage

gehungert oder noch länger. Er war um die Mittagszeit durch das

Stangenholz geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen

ging.

Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte ihn gut. So hatte

der Has geklagt, den er acht Tage vorher riß. Ein merkwürdiger Has,

denn er saß mit dem Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen

oft Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte Reineke, es

säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne erst Wind zu nehmen,

losgetrabt, bis vor den Baum, von woher das Klagen kam. Und da hatte

sich der Baum so merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen

und Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen und

kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem Feldloche saß und

sich die brennende Seite leckte. Seit der Zeit holt er sich immer erst

Wind. Seher und Gehör trügen, die Nase nie.

Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den Hang entlang,

bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt er. Noch einmal klagt

der Hase, matter, schwächer, immer gedämpfter klingt es. Der

Fuchs schleicht langsam näher, immer den Kopf hoch, immer mit den

Nasenflügeln heftig schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend.

Dort, gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee kein

zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still und stumm und es

riecht nur nach Stein und Holz und Moos und Schnee.

Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die Keulen. Er hat ja

viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. War es ein Has, so kriegt er

ihn immer noch, und war es keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt

läßt sich da etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am Stamm

kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat sich da an dem

Baume etwas bewegt. Reinecke windet wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz

leise und langsam schleicht der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke

verhoffend, dann wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen.

Auf einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus,

wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten Bestand zu,

daß der Schnee stäubt.

Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr vorsichtig geworden.

Er traut sich aus den Dickungen nicht heraus und erst, wie der Himmel

alles Rot verloren hat, die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die

Zeisige in den Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und

die Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte den

Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit wieder. Aber

viel länger, als vorhin, holt er sich in jeder Schlucht und auf jedem

Kamme erst Wind.

Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg entlang,

findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an einem Stück Papier etwas

Schmalz, greift am Bach eine Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an

den frischen Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich

nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf dem Felde aus

dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt ein stinkendes Darmende hinein,

das er aus einem anderen Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich

einen erfolglosen Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um

das Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen.

So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am letzten Hause auf dem

Dungplatz einen Ballen fettiger Schweinehaare vom Schlachtfest, die

er mit Widerstreben hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er

hier die halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein

kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache fest, daß die

Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht mehr dort sind, findet am

Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, am Kalkofen überhaupt nichts, bei

der Mühle dasselbe, und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die

Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, daß der Has

viel zu hellhörig ist und daß die Hühner verschwunden zu sein scheinen.

Eine einzige Maus scharrt er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die

Nacht hin und er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung,

in den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu finden oder

auf der Luzerne davor einige Mäuse zu greifen.

Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und Mäuse gibt es auch

nicht. Als er ganz trübselig den Bach entlang schnürt, stößt er auf

frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, aber ohne Hoffnung, schnürt er

der Fährte zu und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter,

denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem Wurfboden einer

Buche findet er wieder Schweiß in der Fährte, einen breiteren Tropfen,

und je näher er an den Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die

Schweißflecken im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger

weht Reinekes buschige Rute.

Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, bis er in

dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch dicht vor sich die volle

Rehwitterung. Noch vorsichtiger schleicht er näher, da rauscht es auch

schon über ihm, poltert es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er

nicht mehr, er schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor

ihm bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter dem Winde

neben der kranken Fährte, die Nase einen halben Fuß über dem Schnee.

Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer hinter ihm drein.

Es schlägt einen Haken, macht einen Wiedergang, läßt den Fuchs

hinter sich, aber der hält die Fährte, und als es zitternd und

keuchend verhofft, weil bei jeder Flucht die Schalen durch die harte

Schneekruste treten und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es

des Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf,

über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die verschneiten

Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber Reineke ist immer dicht an

ihm. Immer kürzer wird das Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon

faßt er Haar, aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts

aus und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab.

Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang hängt die Zunge aus

den schwarzen Lefzen, fest angelegt sind die spitzen Gehöre, die Lunte

flattert wie eine Fahne über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und

links in den Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal

hoch, flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist

jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder dritten Flucht

an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, jämmerlich klingt das

Angstgeschrei durch den Wald, frecher antwortet der Baß eines Altrehes,

ein Schmalreh schmält, und dann ist es still.

In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock unter dem

sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes Hinterläufe den Schnee von

dem Buchenlaube. An der Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend

der Fuchs, bis es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und

leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt seine

Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in die Dünnungen,

in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter dem Blatt, reißt heftiger,

verhofft, windet und schneidet an.

Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau bereifter Balg wie

geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot besudelt, der weiße Brustlatz ist

fort. Er zieht und zerrt, reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich

inne. Sein Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er,

und giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der seit

einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird es laut im Walde,

so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die in dem Hohlweg hintereinander

herstampfen, erstaunt stehen bleiben und eine Weile dem gellenden

Kreischen zuhören, das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme

verhallt.

Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. Eilig, aber immer

windend und verhoffend, schnürt er zu seiner Beute zurück und füllt

sich bis zum Platzen. Erst, als es ganz licht ist und die Forstarbeiter

mit Axt und Säge laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die

Fichten verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, Häher

und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase den Schnee von allen

Seiten über das Reh, es für die kommende Nacht aufhebend.

Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem Loche, in dem

sich die Quelle sammelt. Da schlappt und schlappt er das eisige Wasser,

bis sein Brand gestillt ist, rollt sich im weichen Schnee und schnürt

dann den Hang hinauf bis vor seine Burg.

Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des Berges hoch und trifft

eben noch die weiße Spitze von Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte

verschwindet, die in seinen Bau führt.

Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht dazu, und am Ende

noch einen Tag, wenn ihn der Durst nicht hinaustreibt.

Die Einwanderer.

»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen, »wirklich, eine zu

dumme Geschichte!«

Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch Feld gesehen

hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten und Kasten herumgefahren,

geschüttelt und gerüttelt worden, daß ihnen Hören und Sehen verging.

Jedes Mal, wenn das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun

käme die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln und

Schütteln.

Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der Emse gelebt, sich

an den guten Sachen fett geäst, die auf den Feldern und Wiesen wuchsen,

fleißig an ihren Bauen gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden

Kriegen gespielt, mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen,

daß ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das Haare und

vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen kann, wenn es will.

Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und jagten die Kaninchen

allesamt aus Busch und Heide zu Baue. Das wäre weiter nicht schlimm

gewesen, denn unter der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam

das Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch und

rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da es eine Klingel

um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen so arg, daß sie Hals

über Kopf zu Tage fuhren. Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur

Besinnung kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten

damit im Heidkraute umher.

Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden köpflings in einen

Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst hin- und herschossen, bis sie

sich so abgestrampelt hatten, daß sie zitternd auf einem Haufen saßen.

Dann wurden sie in dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine

dunkle Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es nicht

an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis sie müde waren.

Dann fuhr man sie in der Kiste über holprige Heidewege und lud sie

irgendwo ab und dann wurden sie wieder aufgeladen und den halben Tag

gefahren.

Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen fuhren

übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher und das Pferd stand.

Der Kastendeckel öffnete sich, eine derbe Faust faßte hinein, erwischte

ein Kaninchen nach dem anderen und dann flogen die drei kopfüber,

kopfunter in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet

von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und der Heide, aber

nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen Haken und verschwand

in der hohen Heide. Hinter ihnen her erklang das Gelächter des

Jagdaufsehers.

Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch

Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still

und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasserjungfern flirrten

vorüber, die Grillen schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen

und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere

Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall die Pässe der

Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung und die Luft war

voll von Kaninchenwitterung. Hier war von alledem nichts. Nach Hase und

Reh roch es, aber nicht nach Kaninchen.

So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur aus sehr vorsichtig,

denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen einen kohlenschwarzen

Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in

Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem

Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um.

Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und

der silbergraue Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn

da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige

Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf

führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer

Stunde hatte er seinen Notbau fertig.

Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern-

und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die

Keulen und prüfte ringsum die Luft. Halblinks roch es nach Klee.

Vorsichtig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute

Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen den

grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu hell, viel zu hell

noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in

der Wiese bewegt sich etwas Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der

Kaninchenbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der Bussard.«

Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem

Felde ein heller Laut: »Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit,

sich einen sicheren Bau zu graben.«

Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder

in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. »Halt, da riecht es ja nach

Kaninchen!« Hopps schnuppert einen Augenblick. »Das war Flitzchen.«

Zweimal klopft er mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer

Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und

starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr

gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher.

Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder.

Da faßt sie Vertrauen. Der Wind küselt und trägt ihr die Witterung

von dem schwarzen Ding vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,«

denkt sie. Da ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« »Das

ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« »Wollen wir sie

suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in

der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?«

»Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den

Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist ein mächtig kluges Mädel!

Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können

uns die Hunde 'was husten!«

Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich

übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter

Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner

Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen

bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen,

bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole

mir Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur Seite,

bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte

ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. Da ist sie schon, die gute

Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen.

»Was wollt Ihr denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.«

»Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin,

da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel sind es keine sechs

Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch

bringen, dann sind wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!«

Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem Dornbusche an,

Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witschel führt von

dem anderen Rohre eine Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt,

einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß,

je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt

sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. Es war ein glücklicher

Gedanke von Witschel, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß

die drei in der Dämmerung am Rande der Kleewiese saßen und sich an den

saftigen Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und

hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase

bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so

hielt er doch die Fährte. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg

und fuhren über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund

Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute war. Und deshalb

sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume

verschwand, mitten in den Schlehbusch hinein, und rannte sich einen

dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die

Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück.

Mümmelmann: Ein Tierbuch · 第 9 / 10 段