So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann. Der machte, daß

er fortkam, denn er haßte Zank und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um

den Jungen hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand

kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen nicht kümmern,

da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe auf einmal fühlte er es

in Rücken und Keulen. Das war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen

aufrollen wollte.

Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam doch noch vom Fleck

und tauchte in der Dämmerung unter. Ihm war sehr schwach zu Mute,

obgleich er gar keine Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer

und das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf Heidberg, und

da wühlte er sich in den weichen Sand, lag ganz still und äugte nach

dem hellen Sternbilde, das über dem fernen Walde stand und ganz wie ein

riesenhafter Hase aussah.

Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch Ludjen Flinkfoot

heran. Er hatte, so schwer es ihm bei seiner Angst auch wurde, seines

Oheims Ratschläge befolgt und war gesund davongekommen. Der gute Junge

war sehr betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn

heran und wärmte den Fiebernden.

Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher

groß und starr; er sah die Zukunft vor sich. »Der Mensch ist auf die

Erde gekommen,« sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und

den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den

Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder

und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch

vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen, wird er

übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Mensch sich kehren und

sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur

die Hirsche und Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und

die Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht. Du, Ludjen,

mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag fortpflanzen, und dein

Geschlecht wird herrschen von Aufgang bis Untergang. Der Hase wird Herr

der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste

Herz.«

Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit

zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!« und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,«

und seine Seher brachen.

Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei Tage und drei Nächte

blieb er bei ihm. Als er aber nach der vierten Nacht zurückkam zum

Hünengrab, da war der Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte,

die kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt zu dem

Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf dem unendlichen Kleeanger

sitzt.

Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich, daß der alte

dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer so klapperdürr war,

seit einigen Tagen einen strammen Balg hatte. Er hatte seinen Freund

Mümmelmann bestattet auf seine Art.

Der Mörder.

Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger in Aufregung; es

spürte sich ein fremder Haupthirsch.

Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der Uhlenflucht trat er

zur Äsung aus und vor Tau und Tag zog er wieder in die Dickung.

Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem zehnten Kopfe;

bequem konnte ein Mann die vier Finger der Hand hineinlegen. Es war

eine Fährte, die tief und fest in dem Sande stand; danach gab man dem

Hirsche dreihundert Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes

Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche, so

schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her zugewechselt sein

mußte.

Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf

ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in dieser Forst,

morgen war er verschwunden und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen

zehn Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander

stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld und sah das

Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich

schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter

ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich

ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, aber

da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der

Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein.

Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen

oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen

Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter,

weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der

halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie viel

Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den

Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Kniee gekommen, Eis auf seinen

Rücken, Fieber über seine Stirn und Nebel vor seine Augen.

Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er in den wilden

Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen

Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding;

wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu,

wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock

laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind

Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post.

Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das

Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch

steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem

verwachsenen Altwege in die modrige muffige, schwüle, enge Wildnis

hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am

Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach

manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen

und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt.

Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die

geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet

der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm

im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die

Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme

und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen

Himmel lieb herabsehen.

An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und

harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab,

er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die

ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor

seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort

hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr

wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der

Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn

in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren,

Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf

von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen

hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte.

Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen

heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit

der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades?

Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es

ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln brummen nahebei.

Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor;

träumende Augen sehen hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst

zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch

zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern

bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem

Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich

öffnet, um mitzuhorchen.

Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte

vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft

hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt

und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt

von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in

einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem

verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen

Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen,

und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in

der Sonne leuchtet, den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme

Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß

der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der

Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer und mit Kling und Klang

und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden.

Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Meile weiter vor

dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren,

häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und

gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein

Hirsch geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht,

wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der

Förster hat das Glas vor den Augen und späht das silberne Gatter ab,

mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit

zornig in den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus

der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm

her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes,

gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, höllisch. Der

Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still,

bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort

in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine

Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde

mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit

dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller

Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel.

Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe

der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist

er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der

schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge

ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind

lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger

Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es

schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen

Augenbinde und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen

Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich,

so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie,

und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein.

Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und

geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In

den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt

das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der

Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf

auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen

Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken.

Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht

schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens

röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen.

Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an

der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender,

der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im

Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel

der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im

Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das

Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.

Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu

Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze

Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte

das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war

schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsame

Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte.

Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da stumpfsinnig, an eine

Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das

Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen,

die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war.

Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten.

Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den

grünen Rock trug, einen roten Kopf. Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß

war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische

Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal

hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die

Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde,

überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches

Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen

Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat

er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen

Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht

hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies,

sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin- und herfuhren und im Nebel

verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der

Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der

Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder saß in der Suhle im

wilden Bruche.

Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die

Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zu Schanden.

Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen,

hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe,

bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das

Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln

der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte

auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie

Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung,

dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen

Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer

rund um die Wiese.

Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl, wie

eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache

entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen,

kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust

sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe

Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die

kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In

der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die

Läufe weit von sich gestoßen. Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die

Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in

die Leber brachte ihn um.

Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein Sekretär steht den

halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles

Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half,

soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends

kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter,

Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der

Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am andern Morgen meldet der

Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten,

verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu

dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise,

schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die

Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur

Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde

Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein

jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein

Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der

Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote

Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen

auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade

die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben.

Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller

Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen

noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das

hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!«

Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht

vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute

überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hin und her. Alle Mühe,

alle Kosten waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das

Stiftsmoor und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er

wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in

dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär

von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute

Hirsche zu Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war

er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen

wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er

geblieben war.

Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote

Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage

Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er

in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd

durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher

nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die

Tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten.

Als er so durch den verwachsenen Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht

gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu

einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen

lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte

sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote

Haar auf seiner sommersprossigen Stirn zuckte hin und her und seine

abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorne ging etwas

Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im

Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein Thomann kroch.

Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in

die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er,

den kurzen Totschläger fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos

näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen

konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das

halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum

Schlage. Aber dann fuhr er zurück und sein fahles Gesicht wurde weiß,

denn was er da sah, das war gräßlich.

Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing

zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt ein

starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern

und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen

haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und

zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih mit den

langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte mit den blutrot

gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war

der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu

seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an

ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein

hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen.

Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige

Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er

hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge

zappeln, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine

ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann

schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen

Schluck, sah scheu hin und her, und schlich näher. Ein dumpfer Schlag,

das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl

plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein

Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch

zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen

Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an

Weidenruten in die Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen

Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der

Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang

schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen

drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der

Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine

Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.

In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber

an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler

das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers,

des Schadhirsches, der sich selbst richtete und den langsamen,

schrecklichen Tod starb, den Tod des Mörders.

Der Alte vom Berge.

Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die Buchenjungenden

brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst steht in Flammenschein.

Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen. Das Geschwätz

bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut ab, schwillt an und

endet in einem schneidenden Gekreische.

An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem schimmernden

Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf. Schimpfend und lästernd

fallen die bunten Vögel in der krummen Linde über der Felsplatte ein,

stellen sich entsetzlich giftig an und stieben ärgerlich keifend ab.

Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann reckt er sich,

gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen und beginnt sich

heftig mit dem Hinterlaufe hinter dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei

knurrend, fährt dann mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort

ausgiebig, kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt dann

würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend.

Vom Vorholze tief unter ihm fallen hastige Axtschläge herauf; es stört

ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge ertönt; ihn kümmert es nicht.

Ein knirschender Laut wird hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem

dröhnenden Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise,

dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch das läßt

ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit sieben Jahren gewöhnt,

und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter erst recht.

Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des Zaunkönigs und das

Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn nicht aus seiner Ruhe; vor sechs

Jahren reizte es ihn, einen Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das

keinen Zweck hat. Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt

sich in der Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da.

Mümmelmann: Ein Tierbuch · 第 8 / 10 段