fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt
und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine
Weile los.« »Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht
schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Bau,
dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte
die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und machten
durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag
dort ihre Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach
dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe
der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden
Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog
voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen
die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem
Stangenort über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog über die
Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie
hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht
nach Mensch, nicht nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie
bald wieder aus der Dickung heraus.
In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Hauptbaue hatten
sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Notrohre gescharrt und
zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen
getrieben, deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten
Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da will«, meinte die
gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es ist auch gut, daß wir
uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr.«
Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und
ruppiger aus, und wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn,
daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht
anders; auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem
großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der Weiber nach
und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht bloß ein Flitzchen
und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein
und -frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein
Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer
silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht.
Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht und dachte: »Nanu,
träume ich oder ist mir der junge Klee in den Kopf gestiegen?« denn an
der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben
waren es, sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch
einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar
nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor und benahm sich so
unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er
auf dem grasigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen
an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die
Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen
Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die
beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps.
Drei Monate gingen in das Land, da sah die Kiefernbesamung anders
aus, als an jenem Apriltage, an dem der Jagdaufseher die Kaninchen
ausgesetzt hatte. Überall war gescharrt, an den Wegen, an der
Feldkante, in den Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der
Jagdpächter freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze
in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall die Kaninchen
hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß der starke Bock, der
sonst immer hier austrat, sich nicht mehr spürte. Aber dem war es in
der Besamung und in dem Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht
ruschelte und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch
es nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren Losung
lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. Auch die beiden
Hasen, die sich sonst jeden Abend vorn in der Kleewiese ästen, waren
verschwunden. Erst hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die
Kaninchen auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten die
Hasen auch über die Jagdgrenze.
Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, daß es in der
Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich zwei Monate lang die größte
Mühe, eins von den unbekannten Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm
immer vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten
ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau, schnupperte in die Fahrt
hinein, zog Geschmacksfäden, wie ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte
sich lahm und müde und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab.
Beinahe hätte er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps
laut auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr durch den
Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich heftig an den Dornen und
machte, daß er weiter kam. Auch Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte
kein Glück bei den Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante
der Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte: »So, nun
mache dein Testament!« dann witschten die grauen oder schwarzen Dinger
in den Busch oder in ein Loch. Einzig und allein Dickkopp, der Kauz,
hatte Weidmannsheil und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich,
ein Jungkaninchen. Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen
und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide zog, da machte es
nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal ein Stück oder griffen sich
Kauz und Habicht eins, denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle
vier Wochen wurden es mehr.
Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und runde Augen zu
machen, wenn sie die Gänge im Getreide sahen und einer klagte dem
anderen seine Not über das neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat
schlimmer wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der
tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter, denn
er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, weil sie die Hasen
und die Rehe vertrieben. So war es auch; seitdem Hopps, Witschel und
Flitzchen und ihre Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und
deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, hatten sich
die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe waren in die Nachbarjagd
hinübergewechselt, die aus Bruch und Moorwald bestand und in der die
Kaninchen nicht leben konnten.
Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter Treibjagden
allein auf Kaninchen und wenn auch den ganzen Tag über geknallt wurde,
auf zehn Schuß kam meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie
der Jagdpächter sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und hinten
zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und Garne und ging ihnen
damit zu Balge, aber in der dichten Besamung und bei den verzweigten
Bauen, die alle keinen Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch
nicht. Er stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen,
aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und fielen nicht
mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher Schwefelkohlenstoffbomben
in die Baue warf, hatte er erst recht keinen Erfolg, weil die Baue
zu viel Ausfahrten hatten. Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem
Anstand abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug.
So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig weiter und von
Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst haben sie die Gemeindegrenze
überschritten, rund herum finden sich neue Siedlungen und alles, was
Land oder Garten hat, flucht ihnen.
Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch ist stark und
schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns kann er nicht ankommen.
Witschel hat voriges Jahr achtmal geworfen, meist sechs Stück, einmal
weniger, das andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal
acht sind achtundvierzig.«
»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«, meint Flitzchen.
»Na also«, spricht Hopps.
Ein Hauptschwein.
Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln waren ausgewühlt,
die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe umgebrochen, die
Haferfelder mit Wechseln durchzogen.
Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt; überall spürte es
sich. Im Helmetal gab es keine Sauen; also war es kein Wunder, daß die
Aufregung groß war. Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler
an, aber alle Mühe war vergebens.
So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben Ecke blieb.
Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen hinter sich, sogar
mehr, als ihm lieb war. Ein Dutzend Jahre war er alt, hatte manche
Kugel pfeifen, Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei
durchgemacht.
Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn die Fuchshetze beim
Wickel gehabt, und hätte er nicht so hellaut geklagt und wäre die Bache
nicht ganz in der Nähe gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber
seine Mutter rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so
zu, daß sie mit knapper Not ihr Leben barg.
An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor und zum ersten Male
nach Würmern und Wurzeln brach und vor Eifer zu weit hinter seiner
Mutter zurückblieb, hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre
verloren gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke
herbeipolterte und die Köter beiseite brachte.
In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen, hatte mehr
als eine Kugel pfeifen hören, und das eine Mal hatten ihm die Paläster
ganz gehörig die linke Keule gekämmt.
Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten Hinterlauf
schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt hatte; viel hätte
nicht gefehlt, so wäre es damals mit ihm zu Ende gewesen, denn drei
Hunde hatten ihn gestellt. Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den
einen zuschanden und rettete seine Schwarte.
Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit Röllern gespickt,
die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte, als er ihm die Erdäpfel
umpflügte. Die linke war halb kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß
zerfetzt. Die langen Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke,
denn dort hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan,
und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als ein Hund ihn hinten
und einer vorne zerrte; beide blieben mit aufgeschlagenen Rippen am
Platze.
Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen; ein Schuß in das
Gebräch hatte den rechten Haderer der Schneide beraubt und einen Stumpf
daraus gemacht. Und der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen;
er hatte einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse.
Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn durchschlagen, und
beide Gehöre waren aufgeschlitzt von Hundezähnen. Außerdem wies die
Schwarte überall Schmisse auf, die er sich bei den Kämpfen in der
Rauschzeit geholt hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die
Welt und benahm sich dementsprechend.
Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung verließ, und er
trat da aus, wo er den Wind gegen sich hatte, und auch dann erst, als
er eine Viertelstunde gesichert hatte. Dann aber legte er sich auch
keinen Zwang auf und vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe
auf dem verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie
saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken.
Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege, fraß die
Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und einen Junghasen
hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das Haferstück um und um
zu pflügen, denn es saß voll von Engerlingen, nahm mit, was er an
Fröschen, Blindschleichen und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange
und ausgiebig an einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde
einen Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief um
die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte seiner Untaten
standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten, eine halbe Meile
weiter in einem verwachsenen Erdfalle, der im tiefsten Forste lag.
Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich den Tag
vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte hinein- und
herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht, weil er eben nicht
mehr da war.
So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er hier, bald war er
dort, aber nie da, wo man ihn suchte. Heulen und Wehklagen gab es,
wo er erschien; hier waren die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die
Mohrrüben vernichtet, da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und
im Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer nur, daß er da
gewesen war; wo er war, das wußte man nicht.
Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes Schwein, sondern eine
Art von bösem Geist oder Gespenst, denn anders müßte man seiner doch
einmal ansichtig werden, denn alle Jäger weit und breit dachten an
nichts anderes, als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn
an.
Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der behielt das für
sich, denn als er in seinem Loche vor dem Felde saß, hatte der Basse,
wie aus der Erde gewachsen, plötzlich dicht vor ihm gestanden und so
schrecklich ausgesehen, daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf
hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und dann lief,
was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht daran, daß er Rucksack
und Jagdglas liegen gelassen hatte. Als er am andern Morgen die Sachen
holen wollte, waren sie verschwunden.
Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann, der vor Tau und
Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß der Keiler eine mächtige
Weidenpflanzung, die im Felde lag, annahm. Nun wurde alles
zusammengeholt, was den Finger krumm machen konnte; man umstellte die
Weiden und schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als
sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen Zaunigel vor.
Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf einem Haufen
standen und lachten und schimpften, da plauschte es in den Weiden,
schnaufte es, brach es, und weg war er, der Keiler, und in den großen
Weizenschlag gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich
heraus, daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man das
Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen war, und da war
er auch schon wieder heraus und in das Holz hinein.
Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben, machte drei
Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war der Basse, denn der
steckte schon längst in dem großen Haferschlage.
Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war noch immer im Helmetal,
aber das Helmetal war lang und breit. Da es mit Gewalt nicht ging,
versuchte man es mit List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer,
Rüben, Wurzeln. Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht, wenn
irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon, dann erst, wenn
Himmel und Erde eins waren und man das Ende vom Gewehre nicht mehr
sehen konnte.
Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz lasen, lief er
am hellichten Tage an, nur keinen Mann, der einen grünen Rock anhatte,
bis auf den alten Forstmeister, der ihn am blanken Mittage aus der
Suhle steigen sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn
als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn übergezogen hatte,
da hatte ihn die Sau auch schon spitz und ging flüchtig ab, und die
Kugel traf sie ebensowenig, wie die unchristliche Redensart, die der
Weißbart ihr nachrief.
Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der führte Weichblei
und der Eingänger stand halbspitz von vorne; er bekam die Kugel zwar
gut Blatt, aber bei so einem alten Panzerschweine, dessen Schild
hart und dick wie die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke
Harzkruste trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und
schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so schnaufte die
Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster stand da und benahm sich
wenig geziemend.
Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem hatte der Eingänger
ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke lag, so zugerichtet, daß der
Spaß dabei aufhörte. Nun war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener
Mann. Er ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann mußte
der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den Kartoffeln stand, und
vom Wagen aus, damit keine Fährten den Bassen vergrämten, wurde die
Leiter in den Baum gestellt und darüber ein Hochsitz gemacht, und den
nahm der Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter.
Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr abends meinte der
Verwalter, daß es allmählich Zeit für den Keiler wäre. Der wartete
aber, bis der Mond hinter den Wolken war und dann machte er sich in
aller Seelenruhe über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude
war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond wieder die
Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch für besser, sich zu
empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich noch solange an der Eiche,
auf der der Verwalter saß und sich bald den Hals abdrehte, bis daß er
glücklich die Leiter umwarf und erschrocken abtrollte.
Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume sitzen und war,
als morgens der Knecht kam, um zu sehen, ob er noch lebte, vor
Kälte so steif, wie eine überjährige Mettwurst, so daß er kaum die
Leiter hinuntersteigen konnte. Der Keiler aber kam nicht wieder; die
Geschichte mit der Leiter hatte er übelgenommen.
Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war noch immer da, aber
er schätzte die Abwechslung zu sehr und so kam er nicht zu Schusse.
War er gestern im Buchenaltholze gewesen und hatte sich an den süßen
Bucheckern gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern
eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die Nächte waren
lang.
Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf an, eingemietete
Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in den Pflanzgärten Unfug
anzustiften, und einmal, als er spät abends quer über die Landstraße
schoß, warf er den Briefträger um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an
dem Rade waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen aus
der Reihe gekommen.
Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der böse Keiler das
gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde wohl das gute Bier gewesen
sein. Aber es war wirklich der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall
ebensowenig gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis
der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen dauerte,
Vertretung stellen mußte.
Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee haben!« Der ließ
aber bis Weihnachten auf sich warten, und dann war es wieder verkehrt,
denn nun schneite es in einem Ende und schneite die Fährten, die der
Keiler machte, alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost
und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu wollen.
So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt wurde. Boten
liefen und ritten, Fernsprecher klingelten, Butterbröte wurden
gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und um zehn Uhr hielten acht Wagen
bei der Oberförsterei.
Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des Falles eine
Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem Taler zu Gunsten
der Hinterbliebenen im Dienste erschossener Forstleute bestraft
werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte Sauen wären von großer
Rücksichtslosigkeit und kümmerten sich den Teufel weder um das
Strafgesetzbuch noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und
hätten am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos,
womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe, auch sei
Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben.
Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch und die Luft war still,
die Fichten hatten Schneemützen auf und die Jungbuchen weiße Hemden
an, die Krähen stachen sich in der Luft und die Meisen piepten in
den Zweigen. Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt
waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf die Dauer ein
fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde angeblasen und warm lief es
ihnen zwischen Hemd und Haut über den Rücken.
Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen ein Fuchs und
dem anderen ein Hase, aber darauf zu schießen, war bei Todesstrafe, ja
sogar bei zehn Mark Geldbuße verboten, und dann kam eine ganze Weile
wieder nichts, und dann ein Treiber und noch einer.
Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten murrten
dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer, und der dritte, und es
war ein Lärm, wie auf einer internationalen Hundeausstellung, und dann
pfiff ein Hund in den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut.
Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand: »Hülfe, Hüülfee!«
und die einen sahen sich nach anständigen Bäumen um und fanden es
rücksichtslos, daß ringsumher nur junge Bestände waren, die höchstens
eine Eichkatze, aber keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere
aber rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten,
dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich schön
und doch zum Lachen.
Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler, sechs Hunden und vier
menschlichen Gliedmaßen, von denen zwei in langen Stiefeln steckten und
ganz erbärmlich zuckten, während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie
und mit dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte.
Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß keiner wußte, was
ist nun Schütze, was Sau, was Hund, und so mochte niemand dem Keiler
den Fangschuß geben, noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte
rücken.
Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling mit einem
Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase, mit drei Sprüngen
hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler, faßte ihn am Gehöre, zog
vom Leder und ehe die ausgewachsenen Männer noch recht wußten, wie es
zugegangen war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende
Wehr in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten
Schützen unter der Sau fort.
Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den Mann an, der fünf
Minuten lang unter der Sau gelegen hatte. Er sah böse aus, denn die
Hunde hatten ihm in ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe
geflickt und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war aber auch
alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen und einen Fleischschmiß
auch nicht abbekommen.
Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen. Ja, was war da
zu erzählen? Er hatte gehört, wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler
verbellten, hatte sich herangebirscht und geschossen. Von da ab
erinnerte er sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau.
Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und zwischen einer
unglaublichen Masse von Hundebeinen lag, daß ihm bald der Schnee, bald
der Geifer der Sau in Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und
naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts mehr sehen
können.
Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine silberne
Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl wieder seine
funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert Mark, halbwegs gesund
bekämen. Aber schließlich: die Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig
sei. Es sei die erste Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er
noch einen Schnaps.
Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann suchte man den
Anschuß. Es war keiner da. Rundumher Hohngelächter der Hölle; das
Gesicht des glücklichen Schützen wurde noch einmal so lang, das des
Forstlehrlings nahm eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau
um und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war kein Anschuß
zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er gestanden und wohin er
geschossen hatte, und da fand man den Anschuß; eine Jungfichte war
mitten durchgeschossen. Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein
Waldheil fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter!
»Malhör über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach einen Bruch,
zog ihn durch den roten Schweiß und reichte ihn auf seinem Hute dem
Forstlehrling. »Sau tot!« blies das Horn. Heim ging es. Fast alle
ließen die Köpfe etwas hängen. Und leise sprach der Forstmeister:
»Pech ist Pech! Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes
Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht Größenwahn kriegt,
weiß ich es nicht!«
Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte seine Proben und
sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen hat er ooch!«
»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank einen Schnaps.
* * * * * *
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten.
Korrekturen:
Titelseite: leivt → lebt
Es {lebt} der dürre Sand
S. 65: sind → sich
kümmern {sich} nicht mehr um sie
S. 129: hömschen → höhnischen
trockenen, gemeinen, {höhnischen} Jubelruf
S. 134: bastige → hastige
tief unter ihm fallen {hastige} Axtschläge
S. 163: Malöhr → Malhör
{Malhör} über Malhör!