Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange hinzieht, macht eine

jähe Flucht und zieht laut schreckend ab, denn vor ihm rauscht und

rasselt es ganz gefährlich. Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen,

hält ihn im Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, ganz

eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten spähend. Dann

ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, hoch aufgerichtet,

zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges nahen sollte. Aber es

kommt nichts Arges. Da hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen

Buchenaufschlag, ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig

schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen mit den

Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die Schuppen, beißen sie

durch, und hastig nehmen die Lippen ein Samenkorn nach dem anderen

fort. Eben war das Ding noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt

liegt nur noch der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den

grauen Stein.

Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen Stämme schimmern

silbern, die Schneedecke des Bodens leuchtet goldig. Zwitschernd und

pfeifend lärmt ein Flug Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt,

ein Bussard klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher,

kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke ein

Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend und die Rute

schnellend, dann ganz regungslos verharrend, und schließlich wieder

hastig über den Boden schlüpfend, jetzt einen Zweig der Knospen

beraubend, dann eine Buchennuß zerknappernd, und nun einen weißfaulen

Ast zerfasernd, in dem die Puppen von Käfern stecken.

Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne auch nur einmal

Halt zu machen, ohne rechts und links zu äugen, und erst am Rande des

Holzes hält sie ein. Da recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk

über dichtem Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne sich

zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe Gras, springt

hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, scharrt das Laub auf,

zernagt gierig eine Eichel, verspeist eilig eine Mehlbeere, schält den

Schlehenstein aus seiner Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an

einer Abwurfstange vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut sich an

drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der Jäger von dem Hochsitze

warf, findet noch eine dicke Brotrinde, einen Apfelkropf mit vielen

leckeren Kernen und zuletzt noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben

Knorpelenden.

Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß es ganz allein

ein langweiliges Leben im Walde sei. Die Sonne scheint so schön warm,

da gelüstet es sie nach einem kleinen Spiele kopfüber, kopfunter,

stammauf, stammab. Den ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht

gehabt; sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in den

Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, Weibchen oder

Männchen, Hunger hatten sie alle und so ganz viel gibt es wintertags im

Bergwalde nicht. Aber wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt

man sich doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine frische

Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten sieht oder auf dem

Geäst das bekannte Gerassel und das liebe Schnalzen und Fauchen hört.

Und so, ganz Ungeduld und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der

Holzkante entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine Weile

weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt zusammen.

Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den Pürschsteig entlang in

schnellen, hastigen Sprüngen. Und jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt

es da, ein kohleschwarzes Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig

sieht es aus; die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen

Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab und an

zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es hier kupferrot in der

Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht das schwarze Männchen einen

Satz und sofort schnalzt das rote Weibchen und wendet um. Über den

hellen Schnee und das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste

verschwindet das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher saust

der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, rasselt über das

Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, hopst die Klippe hinab und prallt

auf eine dritte Eichkatze, eine große, braunrote, deren Balg ganz grau

bereift ist.

Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme einer Buche und äugt

regungslos hinter sich. Regungslos sitzen die beiden anderen auf ihren

Keulen, die Vorderpfoten fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die

Ruten in schönem Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und

stieren sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren sich

nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. Da raschelt es

hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die beiden Männchen auf, das

Weibchen macht einige Sprünge am Stamme empor, und dann jagen ihm die

beiden Männchen nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins,

ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem Schwanze,

das der Spur des Weibchens gefolgt ist.

Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und Zaunkönig schimpfen

mörderlich, denn das ist ihnen denn doch ein bißchen zu viel des Lärms.

Das ist ja beinahe so schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde

herumtolpatschte. Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert,

hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln

und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, bald da schnalzt

und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es durch die alte Fichte,

nun saust es in der entwurzelten Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig

hin- und hertreten und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie

weiter kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager unter der

dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt heraus, einen Regen

von Schnee um sich werfend, denn es fiel plötzlich etwas rasselnd in

den Busch.

Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade zuviel wurde

mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie Ruhe gehabt seit einer

vollen Stunde. Bald war ihr das schwarze Männchen auf den Fersen, bald

das braune, und wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit

dem schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, dann

rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so ging es in einem fort,

bis es ihr zu dumm wurde und sie sich, als die drei in einem einzigen

Klumpen verfilzt von der einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten,

von der anderen Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie

nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht den drei

Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im Walde verschwinden. Dann

eilt sie in hastigen Sprüngen auf die Klippenwand zu.

Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort steht ein krummer

Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier alte Nußsträucher spreizen

sich dort unter zwei sturmzerfetzten Samenfichten, und obgleich dort

keine Eiche wächst, so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu

finden, die die Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft

jedes zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor

den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs riecht. Auch

ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, am Ausgange der Schlucht

stehen Vogelkirschen und an Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es

nicht. Ist es mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier

findet sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand gibt es

das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, würzige Trüffeln.

Nicht weit davon liegt das Forsthaus, und in dem Garten wachsen Äpfel,

Birnen, Pflaumen, Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich

ist es dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen ist,

wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, paßt er sehr

auf, doch vor Tau und Tag lebt es sich da herrlich.

Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum finden sie dort immer

Gesellschaft, und kaum ist das rote Weibchen dort angelangt, so ist

auch schon ein braunrotes Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof

macht. Anfangs ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd

durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist noch müde von

vorhin und da das Männchen mit seinen Liebenswürdigkeiten nicht abläßt,

wird es quer über die Nase gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen

und zieht schließlich ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das

Weibchen dann bedächtig an der Wand herum und sucht im Laube nach

Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, als die Sonne hinter Wolken

verschwindet, sucht es sein nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf,

einen weichen, warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend

hier bei den Klippen überrascht.

Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter tritt ein, und die

Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. So manchen Käfer scharrt sie

aus dem Laube und findet Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie

dann noch die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln

schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um die Rehe

zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, schleppt auch manche

Eichel beiseite und stopft sie unter das Moos oder verbirgt sie in

Fels- und Baumritzen. Fällt kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine

rauhe Luft, dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das

Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger Balgerei

und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten Männchen herbei, das ihr in

den Weg läuft.

Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen laufen ihm nicht

mehr nach und das Weibchen hat andere Sachen im Kopfe. In einer

ganz langen, hochschäftigen Buche baut es ein ganz großes, festes,

dickwandiges Nest. Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt

es Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes Laub

herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten zusammen,

dreht sich so lange darin herum, bis die Höhlung glatt und eben ist,

setzt ein dichtes Dach darauf, stopft jede Ritze zu, in die der Wind

hineinschnauben könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber

leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der Morgenseite weht.

Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote Eichkatze ist jetzt

nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh am Morgen sucht sie nach Nahrung

und in der Abenddämmerung, und gierig fällt sie über alles her, was

sie vorfindet. Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird

mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter den schnellen

Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns werden ebensowenig verschmäht,

wie die keimende Eiche und die treibende Buchecker. Magerer noch als

der Winter ist die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen

Hunger, denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge

Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. Da heißt

es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die Kleinen satt Milch

bekommen.

Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit der Kost wird

es nur langsam besser. Maikäfer sind noch nicht da und die Raupen sind

noch gar zu klein. Eicheln und Bucheckern gibt es nicht mehr und die

Knospen sind alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es

für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. Hunger, Hunger,

immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei der Käfer- und Raupenjagd stößt

sie auf ein Drosselnest. Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie

reife Eicheln. Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt,

ist ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt den

Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht darin, nur

nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die Alte flattert wild und

schimpft und zetert, aber es ist doch besser, als Baumrinde oder junge

Sprossen und die Hauptsache ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige

Grabbelzeug, das im Moose und Grase herumwimmelt.

Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen zu an Länge

und Dicke und die Grashüpfer werden immer fetter. Nun läßt es sich

allmählich schon leben im Walde. Außerdem liegt an der Waldstraße

ein eingegattertes Stück Land, in dem sind Löcher und darin stecken

Eicheln, die zwar schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind.

Wie die sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene

Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei bessere Sachen.

Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, die Nüsse haben kleine

milchige Kerne, es wimmelt von Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die

Roggenähren lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; von

den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen sich die Ähren

leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste aber, was der Wald in

dieser Zeit zu bieten hat, das ist der säuerliche, schäumende Saft, der

aus den alten Eichen quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich

die Eichkatze dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, die

sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis ihr ganz sonderbar

im Kopfe wird und sie anfängt, wie unklug hin und her zu springen, zu

schnalzen und mit dem Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling.

Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch und wenn

sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch gestürzt hätte,

so wäre sie in den Fängen des Habichts geblieben, der wie ein Schatten

durch das Geäst fuhr.

An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. Vor dem Habicht ist

die Eichkatze nie sicher. Mitten im fröhlichsten Hetzspiel griff er

ihren letzten Liebhaber, das kohleschwarze Männchen, und strich damit

ab. Zwei von den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei

Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich kopfüber aus

ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder sie fassen wollte, und

einmal hetzte er sie am hellen Tage über eine halbe Stunde lang von

Baum zu Baum, bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und

sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so gewitzt

geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl ging es ihr

ab und zu hart am Leben vorbei. Einige hundert Schritte vom Waldrande

steht ein hoher Birnenbaum im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt

niemals eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das Eichhörnchen

eine nach der andern durchgebissen und die Kerne verzehrt. Eines Tages

erwischte sie aber der Bauer dabei und schickte seinen Jungen in den

Baum, während er mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis

in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, bis sie im

Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der Hund

sie beim Wickel gehabt, aber im letzten Augenblicke schlüpfte sie in

das enge Entwässerungsrohr und von da in den Schlehbusch und aus diesem

in den Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. Seit

der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde immer nur in der ersten

Morgenfrühe, denn die halbreifen Roggen-, Hafer- und Weizenkörner

entbehrt sie nicht gern und am Waldrande finden sich auf dem Raine

überall die Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten.

Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im ganzen Walde

Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen und Hainbuchen liegen

massenhaft die geflügelten Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln,

die Haselbüsche tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die

fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, die von weit

und breit sich hierher zusammenziehen. Überall am Boden hüpft und

schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen aus dem Hügellande treffen

hier mit den schwarzen und braunen aus den Fichtenbeständen von den

höheren Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts gibt

als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde alle ein

tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr leichtes Sommerkleid mit dem

dichten, langhaarigen, graubereiften Winterpelze vertauscht haben, dann

verteilen sie sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz für

sich.

Hasendämmerung.

Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem Lager auf dem blanken

Heidberg, ließ sich die Mittagssonne auf den billigen Balg scheinen und

dachte nach über Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen.

Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen war. Auf grünen

Feldern hatte sich seine Jugendzeit abgespielt; seine Jünglingsjahre

hatte er im Walde verlebt; die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte

er in der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt hatten,

und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten sehnte, verließ er die

Öde.

Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung war mager, aber es

stand nicht wie beim Klee im Felde und bei der üppigen Wiese im Walde,

die Angst bleichwangig und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und

Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande des Heidhügels

die rheumatischen Glieder baden und dem Gesange der Heidelerchen

lauschen.

Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas Abwechslung in seine

Nahrung bringen müsse. Keine Philosophie der Welt tröstet den Magen

und keine Weltweisheit befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe

gab es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war da, ferner

Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der Klee war schon hoch genug,

an den Gräben wuchs allerlei winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das

Wasser hinter den gelben Zähnen zusammen.

Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe nicht ab. Fast

immer stöberten Wasser oder Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer

dieser scheußlichen Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im

Felde überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter

hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit seinem Schießknüppel auf.

Er war ein bißchen sehr dick und hatte eine trockene Leber, so daß er

sich nicht gern weit vom Kruge entfernte.

Aber schließlich was kann das schlechte Leben helfen? dachte

Mümmelmann; +einen+ Tod sterben wir Hasen ja doch nur, und besser

ist es im Dampfe dem guten Schützen sein Kompliment zu machen, als vor

Altersschwäche den Schnäbeln der Krähen zum Opfer zu fallen. Und so

machte er sorgfältig Toilette und rückte erst langsam, dann schneller

gen Knubbendorf, wo er bei tiefer Dämmerung ankam.

Es war eine gemütliche Nacht. Der Schnee war weich und trocken, die

Luft windstill, die Kälte nicht zu stark und der Himmel bedeckt,

so daß Jans und die anderen keine Angst zu haben brauchten vor dem

alten Krischan, dem Armenhäusler und Besenbinder, der mit seinem

verrosteten Vorderlader bei hellen Nächten hinter dem Misthaufen auf

die Hasen lauerte. Es gab ein langes Begrüßen und Erzählen, und so kam

es, daß Jans völlig die Zeit verpaßte und erst lange nach dem ersten

Hahnenschrei, als der Tag schon mit rotverschlafenem Gesicht über die

Geest stieg, nach seiner Heide zurückhoppelte in Begleitung eines

jungen strammen Moorhasen, Ludjen Flinkfoot, seines im letzten Herbst

bei dem großen Kesseltreiben im Feuer gebliebenen Freundes Sohn. Den

hatte er bewogen, mitzukommen; er wollte ihn erziehen und als Erben

einsetzen.

Als sie aber an den Heiderand kamen, da stutzten sie und machten

Männchen, denn vor ihnen zappelten im Frühwinde lauter bunte Lappen.

Voller Angst liefen sie zurück und scharrten sich, nachdem sie erst

viele Haken geschlagen und Wiedergänge gemacht hatten, in einem

mächtigen Brombeerbusch bei den Fischteichen ihr Lager.

Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig Männer waren gekommen,

bis an die Zähne bewaffnet, schrecklich anzusehen in ihrem

Kriegsschmuck. Sie waren in den Krug gegangen, aßen und tranken, was es

gab, machten sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst

vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen

Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und blau, erzählten sich

mehr oder minder starke neuaufgewärmte alte Witze und zogen dann los,

die reine Winterluft mit dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille

mit dem Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den

klaren windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für den

Hasenmassenmord.

Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht. Ein Waldhorn

erklang, Schützen und Treiber setzten sich nach dem Zentrum in

Bewegung und das Kriegsgeschrei der rauhen Kehlen dröhnte durch den

Wintermorgen. Da wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar,

die sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten,

wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte es da,

rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen rückte zusammen,

wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich liegen, sprang noch

einmal in die Höhe und lag dann ganz still. Andere schlugen im Dampf

ein Rad, daß der Schnee stäubte, wieder andere liefen wie gesund

weiter und fielen plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel,

immer zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und den

eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen, sowie die

dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine Farblosigkeit.

Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es ging zum zweiten

Kessel. Und als der abgetrieben war, kam der dritte an die Reihe,

und dann ging es zum Jagdhause vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen

Töchtern Bohnensuppe auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da

gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr Markwart, der

Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt abstoben und es weit und

breit herumbrachten, daß die Jäger wieder einmal da wären und schon

hundertundsiebzig Hasen gemordet hätten.

Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel das Herrn Luthals, dem

Würger, erzählte und er dachte sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann

werden die Schinder wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte

Ludjen Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge, mag

kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen,

und wer nicht gesehen wird, den trifft kein Blei.«

Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot noch einmal,«

knurrte Jans unter seinem bereiften Bart her, »noch ein Kessel? Die

Sonne geht ja schon in ihr Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf

uns zu.« Ein furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden

dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte rief: »Bliw

liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt wurde, sprach er Platt, was

er sich sonst als unfein abgewöhnt hatte, und dann setzte er hinzu:

»Man kann nicht wissen, was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob

ich die Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: Falle

ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, bis du an den

Heidberg kommst, wo die großmächtigen Steine aufeinanderliegen. Da

bist du das ganze Jahr sicher, da kommt niemand hin, als die dämlichen

Schafe und höchstens einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der

erzählt ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe. Einem

Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.«

Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse, hin und her

flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen auf das Eis der Teiche und

blieben da liegen. Auf einmal schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De

Voß, de Voß!« riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte es.

Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern, etwas Rotes sauste über

ihn fort, dann etwas Schwarzweißes, und dicht vor ihm schlug sich ein

großer Hund den Fuchs um den Kopf.

»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller Angst; doch im

nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem Lager, denn ein zweiter Hund

kam an und wollte ihn gerade fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die

Treiber. Aber Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen

Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug einen Haken über den

anderen und hielt sich immer dicht vor dem Hunde, so daß kein Schütze

zu schießen wagte. Auf einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote

schlugen pfeifend auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen

erhoben sich.

»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« brüllte ein dicker

Herr.

»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich habe ihn nicht

gesehen; was hat der Hund auch im Kessel herumzubiestern?«

Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs apportieren. Der Hund

hat mich dreihundert Mark gekostet.«

Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der Ihnen das abgeknüpft

hat, der wird schön gelacht haben. Ich habe den Hund ja arbeiten sehen;

hühnerrein war er, straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und

wenn er auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er

doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die Ziegen den

Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie meinen wohl Pfennige?«

Mümmelmann: Ein Tierbuch · 第 7 / 10 段