Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein das Affengesindel

ist, das wußte ich. Als ich aber an den Rhesuskäfig kam, da spazierte

Dächschen ruhig und besonnen darin herum, fraß alles, was das liebe

Publikum durch das Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten

Akazien geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das Zusehen

gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer von ihnen ins Parterre,

dann sauste Dächschen sofort hinter ihm her und stach ihm ganz gehörig

einen. Da er durch seine Erziehung an das Tageslicht und an die

Menschen gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum

und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er hatte sogar

Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht. Die Affen gewöhnten sich

schon etwas an ihn, befolgen aber immer noch den alten Wahlspruch:

»Vis-a-vis is beeter as dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb

erwachsen, hatte sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus.

Aber Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn die Affen

aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen wurden und sich auf das

Wasserbecken stürzten, um zu trinken, gab Dächschen jedem von ihnen,

den er erwischte, einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die

nassen Affen herauskrabbelten, dann lachte er.

Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem ungestümen

Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich aufzureißen, was

er so gründlich besorgte, daß er in den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort

machte er es nicht besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche

Wohnung im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause

Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte, weil er eine

größere Wohnung gewöhnt war.

Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe widerstanden,

suchte er sich andere Zerstreuung und die besteht darin, daß er

jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn, der Stachelschweine, sich zu

sehr seinem Käfig nähert, ihm einen oder mehrere Stacheln mit großer

Behendigkeit ausrupft, die er dann, hat er gerade nichts Besseres,

ruhig und besonnen zerkaut.

Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß ich ihm die

Flasche gab, kennt er mich und wenn mein Trillerpfiff erklingt, stürzt

er aus seiner Höhle und wartet der guten Dinge, die da kommen sollen.

Meine lieben Hunde aber sind alle tot.

Die Zeit der schweren Not.

Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem was am Berge lebte,

mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs,

blies er in ihre Verstecke und Bussard und Krähe, Meise und Häher

pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es

knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der

Eiche sprang, still stand der Graben und der Bach verschwand.

Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor er

den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer,

schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf

das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch

aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und eine

Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht, und so noch einmal,

bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber

aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen

brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe

wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden,

das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe

und Häher tauchten auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem

Kleinvogelvolke.

Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der

tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume, er knickte die

Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der

Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der

Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da

kam die Zeit der schweren Not.

Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich

mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der

Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten

ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem

Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die

Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen

und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was

der Berg an Äsung bot.

Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel

es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und

immer größer die Lichter.

Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle

Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die

Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel

zeichneten sich blaßrote Flecke ab.

Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf,

schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich

an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde,

einen ganzen Tag und eine volle Nacht.

Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis

aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin,

mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und

wo sie zogen, da wurde der Schnee rot.

Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht

an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte,

bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf.

Ein drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte

im eisigen Wasser.

Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt,

war reicher beschickt, als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und

das Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden

sein und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen

blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten

Sehnenfetzen von den Knochen.

Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge

ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am

gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu

Tag mehr in die Breite ging.

Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung

lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan

hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine

seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert

hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und

eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und

heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und

schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören

mißmutig ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und

einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die

niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.

Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und er schlug Stück um

Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte

er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke

Fährte stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie

zu halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse; er schob

den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen,

kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und

verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs

ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und

er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte

unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen und dann schnürte

er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen

ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er

trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so, wie

oben.

Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er

dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke

Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis

zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn

immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr

er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten

war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als

wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und

geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen

vermag.

In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche

und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er

am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze,

schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich

vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der

Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich

näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam

schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung

entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die

fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stücke

wahrgenommen hatte, das ihm verloren gegangen war, eine unbekannte,

verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung,

zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich

und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen,

Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den

Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute dem

Frieden nicht.

Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das

Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten,

da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und grob

schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind,

trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend

zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an.

Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlang strich, um

eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen,

rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der

ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt

mit dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann

strich die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen.

Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel

absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die

Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in

dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte

der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.

Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er

nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im

Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war,

die Zeit der schweren Not.

Des Rätsels Lösung.

Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas Rätselhaftes

ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, Unbegreifliches,

Transzendentales.

Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der Hof des Forsthauses eine

so sonderbare Witterung hat? Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch

nicht? Also: »Was ist es?«

Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und der Belaufsgrenze, als

eine Hundenase verstehen kann. Das ist das Ergebnis der philosophischen

Betrachtungen Waldmanns, ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe

genommen hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, das eine ganz

andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs und Has' und Reh und Hirsch

und Sau, und auch eine andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und

Eichkater.

Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in den Torfschuppen.

Manchmal bleibt es drei Tage aus, aber am vierten ist es wieder

dagewesen. Einmal war es eine volle Woche fort und Waldmann dachte

kaum mehr daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen

Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann wie toll hin-

und herlief und winselte und kratzte und kläffte, bis der Hegemeister

fragte, ob er nicht ganz klug sei.

Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier war, vergaß er die

unerklärliche Witterung, draußen gab es immer so schrecklich viel zu

schnüffeln und ab und zu auch etwas zu zausen; heute einen Fuchs,

der die Kugel zu kurz bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das

Waldmann arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf

vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein großes Vergnügen,

am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, und ein noch größeres,

das Stück zu Stande zu hetzen, und das größte, es an der Drossel zu

schütteln, als es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen

Arbeit vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für Nacht auf

dem Hofe umging.

Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß ihm der Gedanke

daran in den Sinn. Und wenn er noch so hungrig war und die Frau

Hegemeisterin ihn auch noch so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf

den Schweinestall los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte

und winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm

sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich schließlich mit

nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender Rute in das Haus, und der

Hegemeister lachte und meinte: »Unser Waldmann hat den Rattenkoller.

Wir wollen Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich

Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die Behänge, und dann

schoß er wieder auf den Schweinestall los und fing an zu schnüffeln.

Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem Sessel saß, fuhr

er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe das Mädchen um, das mit dem

Nachtmahl hereinkam, rannte in den Hof und kläffte und winselte an dem

Torfschuppen herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den

Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und her, sprang an den

Wänden hoch, kletterte über die Törfe, schnaufte in alle Ecken hinein,

bis er von dem Torfmull einen Husten bekam, und zog schließlich, von

dem Hegemeister weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag

er während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst der

Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, wenn er der

Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an den Tisch.

»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas auf dem Hofe war, und es

war nicht Müschen, die Katze, und eine Ratte war es auch nicht, und es

war etwas, das ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer

weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, das die

Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß aufpassen, daß es kein

Unglück gibt. Herrchen ist ja der klügste Mensch, den ich kenne, aber

gegen uns ist er doch ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht

besser, als die anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten,

das Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, und

Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die jeder feinen Nase

entsetzlich sind!«

Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß Waldmann noch

einmal nach dem Wetter sehen wollte, und er ließ ihn hinaus. Wieder

ging das Hin- und Hergerenne und das Gewinsel los; und als sich der

Hegemeister zu dem Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem

Torfschuppen zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm empor, pfiff in

den höchsten Tönen und stellte sich an, als hinge das Wohl und Wehe des

ganzen Hauses davon ab, daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der

Hegemeister ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die Törfe;

da lief Waldmann hin und her und machte einen Lärm, wie eine ganze

Meute, bis schließlich ein halbes Hundert Törfe ins Rutschen kamen und

mit dem Hunde dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es

denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht um die albernen

Ratten auf!« Als aber mitten in der Nacht Waldmann mit fürchterlichem

Gekläffe aus seinem Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von

da gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn doch etwas

zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an den Hals und wurde in einer

Weise angeschnarcht, die ihm durchaus nicht paßte.

Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag; er ließ seine

Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem Wege und verkniff sich das

Pfeifen und Wedeln, als er mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu

versöhnen, schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit

großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu verspeisen,

wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ sie liegen, und der

Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte und sagte nachher zu Hause:

»Der Hund trägt es mir jetzt noch nach, daß ich ihm heute nacht den

Pantoffel an den Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel

genommen, als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der Ausdruck:

»Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er beim Abendbrot noch nicht

einmal, als ihm eine Fetthaut von der Leberwurst hingeworfen wurde, und

es dauerte fast fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen.

Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn möglich, daß die

Menschen essen und trinken und lachen können, während es draußen

umgeht? Wer weiß, ob nicht schon heute nacht das schreckliche Wesen

sich in das Haus schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb

schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe hinaus und war

und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister pfiff und pfiff. Die

ganze Nacht blieb er draußen, bald auf der Schwelle lauernd, bald am

Schweinestalle oder am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts,

und als die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann

sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und ließ sich erst

wieder blicken, als es etwas zu fressen gab. Der Hegemeister war dann

noch so taktlos, ihn zu fragen, ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt

habe, eine Äußerung, die nicht geeignet war, Waldmann in bessere

Stimmung zu versetzen.

Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt. Der Knecht kam

herein und sagte: »Wir haben nämlich die erste Neue, Herr Hegemeister,

und ich glaube, der Waldmann der war nämlich klüger als wir alle

zusammen. Vom Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein

Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum das morgens

auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich glaube nämlich, wir tun

dem Hunde den Gefallen und machen ordentlich Blechmusik, indem das

nämlich der Iltis für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten

Hegemeister wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der stellte sich

nämlich mit der Flinte an und wir ließen die Hunde in die Ställe und

machten mit Kasserollen und Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der

Iltis, und entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu

fassen.«

Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir das nämlich so

machen.« Und so ging die Geschichte los. Der Knecht und die Line

und sogar die Frau Hegemeisterin nahmen Topfdeckel und zogen in den

Schweinestall, der Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem

Hofe an und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der Lärm

los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in den Torfschuppen

und winselte da so lange herum, bis der Knecht ihn hineinließ. Da

stellte sich Waldmann ganz wild an, so wild, wie er wurde, wenn er

eine kranke Sau verbellte, und er scharrte und kratzte an dem Torfe

herum, daß der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe

auseinander.«

Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter mit den Topfdeckeln

klappern. Auf einmal schrie sie auf, ließ die Deckel fallen, hielt sich

die Röcke zusammen, rannte dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die

Pfeife aus dem Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten,

was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und hinterher sauste

Waldmann. Und da hörten sie auch, wie die Frau Hegemeisterin schrie:

»Bravo, Waldmann, bravo! Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker,

so recht, so schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht und

Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt. Waldmann stieß den

Iltis, der nur noch ein ganz wenig zuckte, hin und her, schlug ihn sich

noch einmal um die Behänge, trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf

seine Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister den

Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte.

»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja ganz glatt hinunter, aber

er dachte doch bei sich: »Ihr hättet mir viel Ärger und Kummer ersparen

können, wenn ihr eher auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer

recht habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die Nase und so

kann man euch schließlich nichts übel nehmen.«

Das Eichhörnchen.

Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still ist es. Der

Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, hat sich gelegt. Dem

scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft Platz gemacht. Das gefällt den

Rehen, die langsamer als in den drei letzten Tagen den Dickungen am

Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast plätzend, und dem

Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu; so laut, als wäre es im April,

jauchzt er auf und dann streicht er lautlosen Fluges zwischen den

dunkelen Stämmen der Buchen einher.

In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten Zwille der

langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. Ein halblautes

Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der leise den Holzweg

hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, aber mißmutig trabt er

weiter. Das ist nichts für ihn. Es hat zwar Haare und keine Federn, es

hält sich zuzeiten auch auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat

es, macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum in die

Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt kwutt kwuttkwutt,« so

wie das da oben.

Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille raschelt es

stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen und putzt sich. Ab und zu

hebt sie den Kopf und schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt

ihr. Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über den

schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der Hunger ist groß.

Drei Tage und drei Nächte vom eigenen Fette zu leben, das hält nicht

vor. Wer weiß, wie lange das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht

zu trauen. Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und

dann heißt es abermals: schlafen und hungern.

Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert an der Rinde,

knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist mit einem jähen Satze in

der nächsten Krone. Dünn sind die Zweige und brüchig vom Frost, aber

ehe sie dazu kommen, abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los,

federn rasselnd empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig

in dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft einen

dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den fünften Baum

befördert, und dann noch ein Sprung und noch einer und sie fällt in den

Wipfel der alten Samenfichte.

Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in die Spitze.

Schwer beladen war er im Herbste mit langen Zapfen, wenige hängen nur

noch daran. Einen nach dem anderen holte sich das Eichkätzchen und

half sich mit der mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der

ganze Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen,

überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor und auf den

halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen Haufen die Überreste der

kärglichen Mahlzeiten. Und zwischen dem Geröll liegen auch allerlei

Knochen, die die Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer

fand und hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die

knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran saß, so nagte

es doch jeden Tag aus Langeweile daran herum.

Mümmelmann: Ein Tierbuch · 第 6 / 10 段