Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den ersten Schnee

seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht wie eine Kuh, die es

donnern hört. Dann fraß er ein bißchen von dem weißen Zeug. Darauf

warf er Stücke davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich

kollerte er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung, daß

er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an, aber der andere blieb

kalt. Dann zog er den linken an, aber nun wurde wieder der rechte

kalt. Auf einmal begann er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus

zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und ging nicht mehr auf

die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im Garten lag.

Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas Bier stehen. Erst

schmeckte es ihm nicht, aber der Durst trieb es hinunter. Als der

Hausherr zurückkam, war das Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken,

wie ein Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es noch

nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert Male, dann

versuchte er zu krähen, bekam aber den Schlucken. Alsdann versuchte er

geradeaus zu gehen, taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren;

dann flog er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch

größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem Rosenbusche, in

dem er so lange herumkrabbelte, bis der Hausherr, der sich halbtot

lachen wollte, ihn erlöste. Darauf versank er in Melancholie, zog den

Kopf ein und stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt

auf die Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand,

mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und trank so viel,

wie er sonst in einer ganzen Woche nicht trank. Nun überfiel ihn der

Zerstörungskoller und er riß Gras und Blätter ab und sprang dabei

herum, wie ein Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann

verschwand er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr schlechter

Laune, großem Brand und völliger Freßunlust wieder zum Vorschein.

Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter Heuchler und ein

gerissener Dieb und wurde deshalb auf das Land verschenkt. Dort führte

er sich aber so übel auf, daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber

selbst das half nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen,

lockte Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken an

seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein. Schließlich trieb

er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen Garten schenkte.

Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern füttern und sagt

zum Dank: »Quatsch!«

Hausfriedensbruch.

Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte es gern, und so mußte

er sich fügen; was sollte er machen?

»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was willst Du in

der Stadt wohnen? Erstens kennst Du niemand dort, zweitens wohnt Dir

allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher

von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die

Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! Dein schönes

Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. Und was muß man weit

fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast Du die fettsten

Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle

Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir

singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper besucht Dich,

wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, sie alle sind nett

zu uns. Und ist Dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein

freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere.

Laß uns nur im Walde bleiben.«

Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und

ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an:

»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den

Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und

das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer

gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut reden von

Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer

dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß

die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine

Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von

dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer dasselbe und

immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es

einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: Du fliegst hierhin

und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst Du immer

allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht

wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich

dumm und albern und höre und sehe von der Welt nichts. Höchstens, daß

Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die

Wohnung? Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und

jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus

hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten,

hellsten, luftigsten Villen frei!«

Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und

auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am

besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn

anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als

anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht.

So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die Stadt.

Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und

hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen

zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken,

Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon war am Teiche

eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare

ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp

war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht.

Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, schlug mit den

Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte

Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte

sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber

sie ließ sich nichts merken.

Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog

es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und

durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher

Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder

behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon

längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große,

weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen

Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß;

darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den

Gliedern.

Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben

Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn,

dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen

und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und

das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und

von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht

einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe.

Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war

wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie

sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und

niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob

nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen

oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der

Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie

sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal

wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber

sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja

auch die Kleinen da, und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen

und brüten.

Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen

selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug

los wurde, schaffte sich ein pikfeines, schöngemustertes Reisekleid

an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war

man am Fluß, wo Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen

besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was

dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube

hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der

Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen.

Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, meinte Dickkopp, jetzt

sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst nach der Pfalz, wo jetzt die

schönen Trauben reif wären, dann nach Italien und Spanien, vielleicht

auch nach dem Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel.

Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr milde

gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie hatten es bereut,

denn es regnete viel, und wenn einmal Frost und Schnee einsetzte, dann

sah es mit der Beköstigung recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse

erst noch einmal nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. So

flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla.

Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen Baum zwischen

den blaubereiften Zwetschen. Als sie aber näher kamen, saß ein dicker,

frecher, alter Spatz darin und tat so, als ob er immer darin gewesen

wäre. Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann setzte

sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl von diesem höheren

Standpunkte aus an, überlegend, was da zu machen sei. Watscheline aber

fuhr wie wild auf den Eindringling los.

»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? Was machen Sie da?«

»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und seine Augen

funkelten höhnisch.

»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er sitzt da in

anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß Sie herauskommen, oder ich

bringe Ihnen Manieren bei.«

»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling, »behalten Sie

das bißchen man alleine; ich will Sie nicht berauben.«

»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört? Das ist doch zu

frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, Dickkopp!«

»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, Dickkopp

kann so bleiben.«

»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit solchem

Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es erst mit Güte.

»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich »das ist unser

Haus.«

»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« fragte trocken der

Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? Und gleich bar bezahlt oder

was?«

»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des Besitzers bewohnt und

darin zweimal gebrütet und haben so ein historisches Recht darauf.«

»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das sagte die Katze

auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne ich es mit Erlaubnis des

Besitzers und beanspruche ebenfalls ein historisches Recht, denn meine

Frau wollte schon früher darin brüten, und auf einmal waren Sie da.«

»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,« meinte Dickkopp

höflich. »Sie hätten sich nur zu melden brauchen. Aber ich denke, wir

einigen uns. Wir haben uns nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen

jetzt bis zum März, solange können Sie darin wohnen.«

»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,« höhnte der Spatz.

Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang sich noch: »Und im

März treten Sie es uns dann wieder ab, nicht wahr Herr Sperling?«

»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der.

»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die Sache zu dumm

wurde, »sind Sie denn verrückt?«

»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück.

»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!«

»Danke, habe selber welche!«

»Wollen Sie heraus oder nicht?«

»Ich ziehe das letztere vor!«

Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, der aber kannte

das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline so unvorsichtig war und

in das Schlupfloch kroch, faßte er sie beim Hals und kniff sie, daß sie

schrie.

Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in das Haus, fiel über

den Spatz her und hackte gewaltig auf ihn los. Als der Sperling merkte,

daß er an den Unrechten gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun

kamen sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit Verbal-

und Realinjurien über das Starenpaar her.

»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen und schnurren sich

in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind! Bagage!

Kirschendiebe! Schneckenfresser! Und krumme Beine haben sie! Und gelbe

Schnäbel bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen! Wartet

nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten Lappen abreißen!

Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr! mit uns! Na, wartet bloß!«

»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich zumute

wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns mit dem Gesindel

herumschlagen!«

Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie draußen über der

Wiese auf dem Telegraphendraht ihre Federn ordneten, rückte die Frau

an ihren Mann heran und sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im

Walde, nicht wahr?«

»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht gleich gesagt.

Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht hören!«

Mein Dachs und meine Dackel.

Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter Seite eine Kiste

abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt. In seinem Begleitschreiben

teilte der unbekannte Absender mit, der Dachs sei für meine Hunde

bestimmt.

Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens einmal des

Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine Schinderei gewesen wäre,

die Hunde an dem wehrlosen Tierchen zu arbeiten, und drittens war

es auch viel zu niedlich dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein

kleiner, weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer,

rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise,

und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann, waren

allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd, bellend und pfeifend

tanzten sie um mich herum und baten: »Laßt uns doch den Stinker, wir

möchten ihn bloß ein ganz klein bißchen langziehen!«

Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so wurde ein

Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer Milch gefüllt, und

nachdem er einige Male durch gellendes Keckern sein Mißbehagen über

den ungewohnten Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und

anhaltend, während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust nur so aus

den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich ihn bekommen, nachmittags

lief er schon hinter mir her, wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen

war er ganz an mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie

er meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen rechten Schuh

und lutschte ruhig und besonnen an meinem linken herum, wenn er nicht

plötzlich zusammenzuckte und mit Zähnen und Branten ein furchtbares

Gemetzel unter seinen Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig

voll von langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll,

daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur befreite ihn

aber für immer von dieser Plage.

Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte Kiste im

Keller angewiesen, in der er so lange blieb, wie es ihm paßte. War das

aber nicht der Fall, dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte

wie verrückt an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend, daß

eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so daß ich aufstehen und

ihm eine Flasche machen mußte. Schwach war er übrigens auch nicht. Da

er nachts immer im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt

und mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine gelegt

wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in seinem Bett herum,

bis er Steine und Gitter herunter hatte. Aber reinlich war er. Seine

Bedürfnisanstalt hatte er in einer bestimmten Kellerecke, vor der ein

Stein lag, und es war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel

Mühe rückwärts über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer dem

gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger hatte oder

sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn man ihm plötzlich zu

nahe kam, wobei er seine Haare sträubte, sich aufblähte und sich nach

Möglichkeit den Rücken zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen,

wenn er die Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn

ihm irgend etwas nicht paßte.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn gewöhnte.

Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte ihn, nachdem

ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen tabu sei. Patzel sah ihn mit

weißfunkelnden Augen an, war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu

vergreifen. Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie

er ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als er aber

einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute, da fing er an zu

mucken. Er guckte uns nur noch von der Seite an und machte ein Gesicht,

als wenn er sagen wollte: »Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann

brech' ich allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn

Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und ich konnte sie

schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit ihm zusammen lassen.

Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er lutschte täglich einen

bis anderthalb Liter Milch aus und wußte sich seiner Haut brav zu

wehren. Nach drei Wochen brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die

Hunde taten dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe ließ.

Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie fortwährend in die

Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm nichts tun durften, so kniffen

sie peinlich berührt, vor ihm aus, wenn er sich sehen ließ, oder

retteten sich auf Stühle und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier,

dessen schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine Mama

erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien, sauste Dächschen

hinter ihm her und versuchte zu saugen, eine Zumutung, die Bob stets

mit großer Entrüstung und Verlegenheit erfüllte.

Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den kleinen Grimbart, daß

sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen entstanden, daß alle Zuschauer

Tränen lachen mußten. Am lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die

Treppe hinuntertrudelten und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte,

indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn die Treppe

hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts lieber, als den Dachs in

den Nacken zu packen und viertelstundenlang herumzuschleppen. Gar zu

gern hätte er ihn gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle

fassen, immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg, und

wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann schlug er um sich,

daß es nur so brummte.

Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann Gelegenheit hatte,

einen Bock zu arbeiten und einen alten Fuchs zu zausen, aber auch die

Staupe durchmachen mußte und seinen lieben Bruder Patzel durch einen

unglücklichen Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe

stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden, der

sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst lustig anzusehen, wie

Battermann sich zu ihm stellte. Er hatte den Dachs zuerst nicht mehr

in der Erinnerung und fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich

aber gehörig wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm nichts tun

dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir sogar aus dem Wege,

wenn er witterte, daß ich mich mit dem Dachs beschäftigt hatte. Er war

eifersüchtig und beleidigt.

Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und las. Da der Dachs

mich fortwährend störte, stieß ich ihn zurück und sah dabei, wie

Battermanns Augen leuchteten. Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen,

eine Gunst, die ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke

an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er hatte

eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte von nun an immer mit

Dächschen. Ihr Hauptspiel war Schliefen. Dächschen schliefte unter das

Faulbett, und Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen

schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte standhaft,

bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er ihn beim Nacken herauszog,

worauf dann die wilde Jagd unter allen Stuhl- und Tischbeinen her

weiter ging.

Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht, zu fressen oder

allein zu saufen, sondern interessierte sich nur für die Flasche. Eines

schönen Tages biß er sich an der Hand eines Bekannten, der ihn neckte,

den letzten Milchzahn aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie

rasend auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden ihren

schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten Reis

vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte er sich auch lebhaft

für den Garten, murkste in allen Ecken herum, stach unter heftigem

Schnauben und Prusten unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen

und verzehrte schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken, die

er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes Fleisch,

das ich ihm in den Rachen gestopft hatte, mit einer Gebärde tiefsten

Ekels im hohen Bogen ausgespieen hatte. Jetzt aber schlang er alles

hinab, was ihm vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber

auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben und Obst

verschmähte er nicht, und die Herren Hunde mußten sich mittags beeilen,

wenn sie überhaupt etwas kriegen wollten.

Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter wurde er.

War er bei mir im Zimmer, so erlaubte er es nicht, daß ich ruhig am

Schreibtisch saß. Immer wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte,

und tat ich ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die

Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er über das

ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür, daß es nicht zum

Aushalten war. Vor den Hunden hatte er schon längst keine Angst mehr.

Er jagte sie im Haus und Garten herum und brachte Battermann durch

sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul auf ihn

stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst beutelte.

Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach längerem

Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen Garten zu verehren.

Er war kaum einige Tage da, so erschien ein Freund unseres Hauses und

teilte uns mit, der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt,

die ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen

Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da war kein Dachs, und als

ich den Wärter fragte, lachte der und sagte: »Der? den sollen die Hunde

mißhandelt haben? Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen, er

ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den Affen!«

Mümmelmann: Ein Tierbuch · 第 5 / 10 段