wäre er ein Mensch gewesen, hätte der Erdball unter ihm so gedröhnt,
wie unter dem ersten Napoleon, denn was Furcht war, das kannte er
nicht. In aller Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen
Garten mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an der Leine
gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen können. Ohne sich zu
besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge an, und Bullen auf Weidekämpen
zu hetzen, das dünkte ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es
einmal, ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl der
Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab radelt, die
Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. Das war in einer
Gastwirtschaft; da sah er ein großes weißes Tier, das ganz sonderbar
roch. Er wollte es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf
ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit einem furchtbaren
Fluche rappelte er sich zusammen und fiel das Ungetüm wieder an,
aber alle Mühe, die er sich gab, es von hinten zu erwischen, war
vergebens; mit Schaum vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab,
ging in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete die
schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend, denn allzusehr war
sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und noch etwas gab es, das ihn mit
Hilflosigkeit erfüllte, ein Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich
wie Lazarus. Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte
sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern den Weg aller
Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; ein Stock versetzte ihn in
Ärger, die Hundepeitsche in Zorn und die Zwille in schäumende Wut. Aber
Angst? Keine Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war,
immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit. Ganz
plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß gab ihm ein schnelles Ende.
Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, wenn er mich durch
Piepen und Kratzen bei der Arbeit störte. Aber viel Freude habe ich
doch an ihm gehabt, und immer denken wir gern zurück an unser Böbchen.
Der Zaunigel.
Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem Moorbache ein
Eichenhain. Ein halbes hundert grauer Bauwerke erhebt sich dort,
halb versteckt von dem breiten Astwerke der alten Eichen. Es sind
die Schafställe und Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte
Fachwerkbauten, deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf
bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken liegen.
Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer aus Ortsteinblöcken,
von Moos übersponnen und von Engelsüß und Glockenblumen und Efeu
überwuchert, hinter der sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder,
Stechpalmen und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das
Wohnwesen gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier; in
den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen, auch ein paar
Schleiereulen und ein paar Käuzchen hausen dort, unter den Scheunen
haben es Spitzmaus und Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht
minder Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen.
Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl ab und zu ein Ei oder
ein Kücken fortnehmen, dafür halten sie aber auch die Mäuse kurz. So
treiben sie denn ungescheut schon am späten Nachmittage im Garten oder
auf dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und Lord,
die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern sich nicht mehr um
sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch etwas albern und quält sich
dann und wann ein Viertelstündchen mit einem Igel ab, um schließlich
mit zerstochener Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so
getrieben und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den Herd gelegt,
wo er schläft und im Traume das Stacheltier weiter verbellt.
Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt dagelegen,
dann hat er sich aufgerollt und ist in das Gestrüpp des Hagens
gekrochen. Er hatte vor, im Garten Schnecken zu suchen, aber der dumme
Hund brachte ihn davon ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube
herum, scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald einen
Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und nun eine dicke
Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch ihn; er hat junge Mäuse
pfeifen gehört. Ein Weilchen noch verharrt er in seiner aufmerksamen
Haltung, dann schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt
seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den Ortsteinen
der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und jedesmal erklingt ein
dünner, schriller Todesschrei. Dann langt er sich die jungen Mäuschen
heraus und schmatzt sie hastig auf.
Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste herum, dann trippelt
er weiter, ab und zu fauchend oder stehen bleibend und sich mit Krallen
oder Zähnen heftig da juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am
meisten zwicken. Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem
Eichenhain. Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen
oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen jungen
Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es laut, und ein dickes,
braunes Dings stößt mit hartem Anprall an die blutende Eiche. Es ist
ein Hirschkäfer. Er hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die
goldgelbe Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter ihm.
Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten Zangen. Aber
schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm den Leib abgerissen, und während der
Kopf des Käfers im Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und
schließt, knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann
jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach dem andern
ab.
Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen, etliche Käfer,
auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist alles. Es ist zu trocken
gewesen den Tag über, die Junisonne hatte es reichlich gut gemeint,
und der Wind ging scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der
Stachelrock nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd besser
lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt jeden Grasbusch
auseinander, immer prüfend und schnaufend und seine Nase in das Moos
und in die Blätter bohrend und ab und zu sitzend bleibend, um irgend
ein kleines Tier zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat
eine alte Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher.
Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird sie wieder
zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade wie er zufahren will,
löst sich ein grauer Schatten von der Wagenleiter, die Maus quiekt auf
und das Käuzchen streicht, sie in den dolchbewehrten Fängen haltend,
auf die hölzernen Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das
Nachsehen.
Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer, der am Nachmittage
die Puppe verlassen hatte und sich, nachdem er seine Schwingen fertig
gereckt hat, nun zum ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den
spitzen Zähnen. Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen
Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit Ekel ab. Sie
riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber das laute, rollende
Flöten da in dem anmoorigen Sande am Bachufer, das lockt ihn. Ein
schnelles Getrippel, ein fester Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille
erledigt. Weiter geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die
Erde. Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder gar eine
Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig schiebt er sich voran.
Lange muß er lauern, ehe die Erde sich wieder rührt, aber schließlich
kann er zufahren. Er stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die
schwarze Erdwühlerin in den Bach, daß es plumpst, und nach einer langen
Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den Eichen zu.
Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer und daneben ein
Regenwurm, das wird so nebenbei alles mitgenommen. Aber was ist das da,
was sich da im Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln,
steckt die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute
los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal, dreimal
fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen Stachelpanzer. Ein
viertes Mal noch, dann aber nicht mehr. Er hat sie überrannt, hat sie
mit den Kopfstacheln an den Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren
Hinterkopf gefaßt, und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht,
zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt den Leib
hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen verschwindet auch die
äußerste Schwanzspitze, die sich immer noch windet, in seinem Rachen.
Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch einen großen
Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft an das Hinterbein, aber
gerade als der arme Frosch seinen schrillen Todesschrei hören läßt,
gibt ihn sein Bezwinger frei und der Frosch springt in gewaltigen,
ungeschickten Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel
nach dem Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe
spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu, die ihn
ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu machen, trippelt er in
schnurgerader Richtung weiter, und gerade als die Dorfuhr ausholt um
die zehnte Stunde zu verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn
hohl an zu heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an.
Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben einen langen,
dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner Erdröhre herauszieht. Wie
besessen stürzt der erste Igel auf ihn zu. Blitzschnell wendet der
andere sich um und beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen,
dann nähert er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb,
wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und noch
zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere Taktik ein.
Schnaufend und fauchend trippelt er um den anderen und versucht,
sich ihm von hinten zu nähern, dieser aber dreht sich schnaufend und
fauchend fortwährend im Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch
mit einem blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide
gegenüber, daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen,
der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne, die Igelin
immer zur Abwehr bereit.
Bisher war der Igel immer von rechts nach links um seine Auserkorene
herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der umgekehrten Richtung. So
muß auch die Igelin von links nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn
er sie zehn- oder zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich.
Dann setzt es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann
sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie sehen
sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an Nase, bis er wieder
Mut bekommt und von neuem um sie herumtrippelt, jetzt von links nach
rechts, nach dem nächsten Hiebe von rechts nach links, dann wieder
umgekehrt und so weiter.
Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters Horn. Immer noch
murksen und fauchen die beiden stachligen Liebesleute umeinander herum.
Es wird Mitternacht; das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange.
Es schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben, und
ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es schlägt zwei Uhr; noch immer
trippelt er fauchend und pustend um sie herum, bald von rechts, bald
von links, und nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne
und überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu
nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem Paare stehen
und lacht und schüttelt den Kopf, bis die Helligkeit im Osten ihm
sagt, daß es Zeit für ihn werde, nach dem Moore zu gehen. Schon singt
der Rotschwanz von dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am
Giebel, der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren
Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche ausfliegt,
verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr nach. Als der
Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter dem Estrich das Gefauche und
Geschnaube und ruft dem jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!«
Aber Widu mag nicht; er hat von gestern genug.
Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau des Schäfers den
Komposthaufen auseinander stößt, findet sie in einem Haufen welken
Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche Dingerchen neben der alten
Igelin liegen. Nachmittags will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie
sind nicht mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt.
Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest gekratzt und
sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber, aber nachts treibt sie
sich im Garten umher und frißt sich an Schnecken und Würmern dick,
scharrt Mäusenester aus und fängt junge Frösche, schont auch die
junge Brut der Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und
nimmt auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht, wie
sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert, nicht
viel Federlesens macht. Sogar die große Wanderratte, die sich in dem
Schlageisen gefangen hatte, muß daran glauben; trotz ihres Strampelns
und Quietschens wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz
aufgefressen.
Nach vier Wochen führt die Igelin ihre fünf Kleinen aus. Eines Abends,
als der Schäfer vor der Türe sitzt und seine Pfeife raucht, raschelt
es hinter dem Brennholze und da kommt erst schnaubend und prustend
die Igelin angetrippelt und hinter ihr wackeln die fünf Kleinen. Der
Schäfer ist ein ernster Mann und lacht selten; heute aber muß er doch
lachen, denn es sieht zu putzig aus, wie die kleinen Dinger hinter der
Alten herbummeln, überall kratzen und scharren und ihre Nasen in alle
Löcher am Boden stecken, oder hastig hineinrennen, wenn die Mutter
einen tüchtigen Wurm bloßgescharrt hat und ihn sich von den Kleinen
fortnehmen läßt. Seit der Zeit ist es für den Schäfer und seine Frau
ein Hauptvergnügen, den Igeln zuzusehen, und damit sie nicht gestört
werden, wird Widu jeden Abend angelegt. Auch allerlei Eßbares legt
der Mann den Igeln hin; Butterbrot verschmähten sie, aber frisches
Fleisch nahmen sie gern, und auch kleine Fische, die der Schäfer für
die Hechtangeln gefangen hatte. Als der Schäfer sah, daß die Igelin
sich immer so viel kratze, fing er sie, und als er fand, daß sie voller
Ungeziefer saß, salbte er sie mit der Schmiere, mit der er seinen
Schafen das Ungeziefer vertrieb. Seitdem gab sie das Kratzen auf.
Mittlerweile wurden die kleinen Igel immer größer, hielten auch nicht
mehr zu der Alten, sondern gingen ihre eigenen Wege, und wenn sie der
Alten begegneten, wurden sie von ihr weggebissen. So wanderten sie denn
aus; der eine in die Heidberge, der andere in die Eichen, der dritte
in den Wiesenbusch, noch einer in das Dorf und der letzte nach dem
Immenzaun, und wenn der Schäfer einen von ihnen antraf, denn er kannte
sie gleich wieder, weil er ihnen allen, dem einen am Kopfe, den andern
hier oder da am Rücken, ein Büschelchen Stacheln abgeschoren hatte,
dann zeigte er sie den Leuten und sagte: »Das ist einer von meinem
Hofe.« Bis in den Herbst hinein sah er bald hier, bald da einen von
seinen Igeln, und sogar im Februar, als nach einem leichten Schnee die
Sonne schön warm schien, traf er die alte Igelin am hellen Nachmittage
vor der großen Hecke am Immenzaun, und nahm sie mit und setzte sie in
den Schafstall, und als im März die Sonne die Oberhand bekam, traf er
fast jeden Abend einen Igel an im Garten, auf dem Hofe oder unter den
Eichen und hatte sein Vergnügen an ihnen.
Eines Tages aber kam eine Zigeunerbande zugewandert und der Vorsteher
wies ihnen die Heide bei den Eichen als Lagerstätte an. Während die
Männer sich überall herumtrieben und die Weibsleute wahrsagen gingen,
zogen die Jungens auf die Igeljagd. Sie hatten Stöcke, an denen oben
ein langer, dicker, spitzgefeilter Draht befestigt war, und damit
stachen sie in alle Laubhaufen, Hecken und unter die Schafställe. Ab
und zu quietschte es und einer von den Bengeln zog einen aufgespießten
Igel aus seinem Verstecke, den er dann totschlug.
Abend für Abend saß der Schäfer auf der Bank vor der Tür und wartete
auf seine Igel. Er sah sie nie wieder.
Jakob.
Mitten im Bruche stand eine gewaltige, hochschäftige, breitkronige
Kiefer, ein Wahrbaum für die ganze Gegend.
In ihr horstete Jahr für Jahr ein Kohlrabenpaar und erfüllte im April
das Bruch mit seinen rauhen Balzrufen.
Ab und zu versuchten Schreiadler, Wanderfalken oder Habichte den Raben
den Horstbaum abzutreiben, aber die Raben hatten zu grobe Schnäbel und
blieben stets siegreich.
An einem schönen Junimorgen kam ein junger Jäger unter dem Wahrbaume
her und sah einen fast flüggen Raben im Heidekraute sitzen. Er nahm ihn
mit und verschenkte ihn an Bekannte in der Stadt, die in ihrem Garten
allerlei Tiere hielten.
Es gab einen großen Aufstand in dem Garten, als Jakob, wie das schwarze
Ungetüm genannt wurde, auf den Rasen gesetzt wurde. Jaköble, der Häher,
war ganz entsetzt, als das großmächtige Rabenvieh seinen Riesenrachen
aufsperrte und ihm auf den Leib rückte; aber schließlich holte er
Futter und stopfte es ihm in den roten Schlund. Auch Jackelchen, die
Elster, kam herangehüpft, sah sich das Scheusal an und als das Gegiere
nicht aufhören wollte, holte sie irgend etwas Eßbares und tat es
vorsichtig in Jakobs unersättlichen Schnabel.
Jakob war immer hungrig. Was man ihm gab, das war ihm ganz gleich; er
schlang alles hinab. Und wenn man ihn auch gerade gefüttert hatte,
und irgend etwas, das Federn hatte, kam ihm in den Weg, ganz gleich,
ob Jaköble oder Jackelchen oder Adam, der Turmfalke, oder Hans, der
Waldkauz, oder eins von den Hühnern, es wurde angeplärrt. Ja, als
einmal das Stubenmädchen aus Versehen den Flederwisch in den Garten
fallen ließ, hüpfte Jakob sofort heran und schrie nach Futter und
ein anderes Mal machte er den Versuch, einen Federhut, der auf dem
Gartenstuhl lag, zu bewegen, ihm den Hals zu stopfen.
Eines Nachmittags war die ganze Familie ausgegangen. Vor einer Stunde
war in Jakob, die Dranktonne, wie die Mutter ihn auch noch nannte, erst
soviel hineingestopft, wie nur hineingehen wollte, aber unaufhörlich
hüpfte das gefräßige Ungetier im Garten umher und stieß seinen
Heißhungerschrei aus. Da Jaköble und Jackelchen eingesperrt waren,
damit sie keine Dummheiten machen sollten und Adam, der Turmfalke, in
der Nachbarschaft Besuche machte, plärrte Jakob solange dem Kauze Hans
etwas vor, bis es diesem auf die Nerven ging. Er bequemte sich also
nach seiner Futteranstalt in der Efeuberankung des Aquariumsockels,
holte ein Stückchen Fleisch hervor und hielt es Jakob vor, damit er es
ihm fortreiße, wie es die jungen Eulen machen. Aber Jakob kannte die
Sitten der Eulen nicht und schrie nur noch scheußlicher und da wurde es
Hans zu dumm und er tat, was noch nie eine Eule getan hatte, er stopfte
Jakob das Fleisch in den Rachen.
Es dauerte sehr lange, ehe daß der junge Rabe fressen konnte und noch,
als er schon beflogen war, krächzte er hinter allem, was eine Schürze
trug oder in Federn gekleidet war, hinterdrein und bettelte um Futter.
Schließlich bequemte er sich aber doch dazu, selber zu fressen und
als er das erst verstand, war nichts mehr vor ihm sicher. Jaköble und
Jackelchen mußten scharf aufpassen, daß sie überhaupt etwas bekamen.
Nur vor Hans hatte Jakob Achtung, denn der konnte seine großen Augen
so seltsam auf- und zuklappen und so gefährlich mit dem Schnabel
klappen. Das merkte sich Jaköble, der Häher bald, und da er mit dem
Kauz gut Freund war, so stopfte er ihm immer den Rest von seinem Futter
unter den Flügel, so daß er sicher vor Jakob dem Großen war. Kam
Jaköble mit einem Fleischbröckchen angehüpft, so lüftete Hans sofort
den Fittich und Jakob mußte zusehen, wie das Fleisch unter Hansens
Achsel verschwand. Ab und zu versuchte er wohl, Hans am Schwanze zu
ziehen, damit er das Fleisch fallen lasse, aber wenn die Eule sich
dann umdrehte, die großen schwarzen Augen aufriß und mit dem Schnabel
klappte, dann fuhr Jakob zurück, als wenn, ja, als wenn eine überreife
Birne neben ihm hingeplatscht wäre. Denn so frech er war, er hatte in
der großen Stadt Nerven bekommen. Wenn eine Tür zuflog, verjagte er
sich und schrie: »Kräcks«.
Sonst aber war er frech, wie es eben nur ein Kolkrabe sein kann. Er
hatte vor niemand Achtung, als vor dem Besen und vor Hans. Wehe dem
jungen Mädchen, das mit roten Strümpfen in den Garten kam; sie empfing
einen Hieb in die Wade, daß sie noch lange einen blauen Fleck behielt.
Blieb ein Buch im Garten liegen, so las Jakob auf seine Art darin und
die Fetzen flogen überall herum. Erwischte er den Drückschlüssel des
Hausherrn, so stopfte er das dreieckige Loch ganz fest mit faulen
Blättern voll und stand ein Stuhl vor der Tür, so machte er es mit dem
Schlüsselloche genau so. Unglücklich der Hund, der sich im Garten sehen
ließ. Jakob lauerte in seinem Verstecke, bis der Hund vorbeikam. Wupps,
wischte er ihm eins und saß sofort auf dem Tisch oder der Stuhllehne
und der Hund zog mit eingekniffenem Schwanze fort. Katzen kamen nie
mehr in den Garten. Sowie sich eine sehen ließ, um nach jungen Amseln
zu fahnden, machte Adam einen schrecklichen Lärm und Jakob brannte ihr
eins auf das Fell, daß sie wie wahnsinnig über den Zaun fuhr.
Er saß voller Unarten, aber da er so ulkig war, sah man darüber hinweg,
daß er die Butter aus der Dose hackte oder wenn der Aquariumdeckel
offen stand, fischte. Dann saß er eine ganze Stunde auf dem Rande des
Gefäßes und sobald ein Goldfisch emporkam, erhielt er einen tödlichen
Schnabelhieb und wurde verspeist. Ebenso ging es auch den unglücklichen
Fröschen, die sich in den Garten verirrten und mehr als einmal
erwischte Jakob sogar eine Maus und einmal sogar einen Maulwurf, den er
in die Laube brachte, wo die Familie beim Kaffeetische saß. Jakob legte
seine Beute in den Weißbrotkorb und sagte: »Quatsch!«
Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und besuchte den Hausherrn.
Als er sich verabschiedete und sagte: »Hoffentlich haben Sie für
Ihre Heidfahrt schönes Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch,
Quatschquatsch!« Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie
traurig es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben
könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak sich
sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle her. Wieder einmal kam
ein junger Geck zu Besuch und stellte seine Angströhre hinter sich auf
den Rasen. Als er sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein
Pomadenhaar. »Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief Jakob und
machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben.
Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines Tages ging die Familie
aus und vergaß ihn einzusperren. Auf dem Rasen lag die Wäsche zum
Bleichen. Jakob pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf
die Wäsche und massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur
so herumstob. Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal
gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen gepflanzt, abwechselnd
rote und weiße. Nach dem Mittagessen gab es ein großes Geschrei: alle
Maßliebchen waren geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in
ein Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung; in dem
einen Loche lagen die weißen, in dem andern die roten Blumen.
Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das Eisen der Harke zu
setzen, wenn die Gartenwege geharkt wurden; dann benahm er sich so
stolz, wie ein Mann, der sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte.
Einmal stellte er sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch
ein. Er plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf das
Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich einige Tage später.
Er flog auf die schlappe Waschleine und konnte das Gleichgewicht nicht
halten. Ein Vaterunser lang schaukelte er auf der Leine hin und her
und schrie, als zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich
benahm er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über den Kopf
stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann schüttelte er den Kopf wie
unklug, darauf versuchte er Rad zu schlagen und Kobolz zu schießen,
schließlich hüpfte er im Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine
verrückt gewordene Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten.