In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas Großes, Graues

klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam herab, fällt dumpf zu

Boden. Ein Lichtchen brennt auf, fährt hinter ein Glas, eine Flamme

leuchtet, tanzt nach dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein

beleuchtend und ein braunes Mannesgesicht rot färbend.

Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken findet er auf dem

grauen Steine und ein graues Büschel an einem roten, nassen Fetzen,

der zwischen den zerschossenen Flechten hängt. Und weiter nichts, gar

nichts. Auch nicht an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht

auf dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der Mündung

des Baues. Er führt einen belaubten Zweig hinein und zieht ihn heraus,

jedes Blatt ableuchtend. Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen

Schweiß.

Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den Bau, legt das

Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und lauscht. Schwach, als wäre es

unendlich weit, ertönt ein einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur

und dann nicht mehr.

Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren, kein Kitz klagt

mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle fliegt mehr im Bogen auf den

Uferschotter.

Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und breit ist nicht

mehr.

Achtzacks Ende.

Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; aber etwas Gutes war es

nicht. Es haßte den Frieden und liebte die Zerstörung.

Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren. Dem Gabelbock

vom Schälwalde war die linke Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom

Jagen drei fehlte ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem

Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock vom

Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem Ziemer abhanden gekommen.

Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich hatten sie

mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es in der Dickung gebrochen,

etwas Großes, Braunes war herausgepoltert, hatte sie über den Haufen

gerannt, die Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung

verschwunden.

Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre Bräute vergaßen sie

nicht.

Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht mehr aus.

Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm munden, weder Klee noch

Brombeerblätter, weder Gras noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er

umher und dachte an sie.

Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein feiner, warmer Regen

fiel, faßte er sich ein Herz. An dem Weidenbusche vor dem Holze wetzte

er seine Dolche, daß Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und

Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand.

Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den er aus dem Lager

jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er von der Salzlacke scheuchte,

ließ sein Herz klopfen. Aber dann warf er wieder mutig den Kopf auf,

schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte

mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen.

Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem Stangenorte klang

ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein Laut der Sehnsucht, des

Verlangens, der Zärtlichkeit. Das war sie, die er so lange nicht

gesehen, sein kleines, hübsches Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus

entgegenduftete, das war ihrer Fährte Witterung.

Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte fort, durch das

Altholz, durch den Stangenort, nach dem Ellernbruch am Fuchsbach.

Und da sah er auch schon ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem

Himbeerblättergrund.

Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht bei ihr war,

bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, und dort stand ein alter,

hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock mit fast weißem Gesicht, über dem

acht weiße, scharfe, lange Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten.

Das war Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli hier

erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen Augenblick lief es

dem Vierjährigen kalt und heiß über den Ziemer. Dann warf er trotzig

den Kopf auf, verdrehte die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch

leuchtete, senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche

gefährlich funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß Laub

und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, böses Keuchen aus und zog,

die Läufe im spanischen Tritt setzend, dem Nebenbuhler entgegen.

Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit war ihm doch

noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, der ihm Trotz bot? Ein

zurückgesetzter Bock, der noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt

ihm stand? Zu lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein

höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig senkte

er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte er ihn abtun, den Dummkopf.

Der aber war auf seiner Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren,

wich er zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es

klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen und sich

gegenüberstanden, keuchend und jappend, da hing Achtzacks linkes Licht

als feuerroter, häßlicher Klumpen aus der Augenhöhle heraus.

Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den Zweigen über den

beiden Kämpen sich im Flöten geübt hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm

war mit einem Male ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig.

Ein Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, als

schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und schließlich kam ein

Röcheln.

Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack tauchte daraus hervor.

Seine Dünnungen bebten, seine Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein

tiefes Keuchen. Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker

Seite es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot.

Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf begann. Achtzack zog

ihm auf der Fährte nach, sprengte es, als es vor ihm flüchtig wurde,

schlug es noch in die Rippen und trieb es in die Tannen.

Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den Wald, tauchte

hinter einem Stamme auf, verschwand hinter einem andern, kam wieder

hervor und war wieder verschwunden. Laut schimpfte die Amsel über

das Waldgespenst, und der Kauz in der Eiche machte große Augen und

schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte er gedacht,

könnte außer ihm niemand.

Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, junger, blonder,

blauäugiger Mann mit braunen Backen und Händen, der Förster. Er

war wütend. Er hatte eben festgestellt, daß die zwölf achtjährigen

Weißtannen, die zwischen den vielen Rottannen standen, und die zehn

Edelebereschen zu schanden gefegt waren von einem Bocke.

Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen hatte. Er sollte

einen auf das Schloß liefern. Vor Tau und Tag war er zu Holze gezogen,

jetzt war es neun Uhr und nichts hatte er gesehen, außer einer alten

Ricke. Wenn da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei

Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm hatte er sich

gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte er ihn fassen. Fünfzig

Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, hunderte Abende auf ihn

gelauert, aber alles war für die Katz' gewesen.

Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch das Holz zog, lang

und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da blieben seine Augen am Boden

hängen. Zwei Fährten standen auf die Dickung zu, die zierliche eines

Schmalrehs, die grobe eines ganz alten Stückes.

Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine großen Augen

glänzten, als er sah, daß an der Fährte des rechten Vorderlaufes eine

Lücke war.

Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner Linken

rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte sich mit einem

Geröchel. Der Förster trat einen Schritt vor, noch einen, wie eine

Katze dahinschleichend, aber im nächsten Augenblicke kniete er nieder,

faßte den geforkelten Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten

Hand nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine schnelle

Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der streckte sich und ließ

den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute Moos fallen.

Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«,

murmelte er als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene

Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei,

drei, sechs, acht, zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber

ist Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will die Kunst

nicht verstehen!«

Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den

Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er in weitem

Bogen nach dem Fuchsbach zurück.

Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen Stand zurecht,

scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren

Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener

Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den

Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab

und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden.

Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die

Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern,

die raubend über dem Bach hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein

Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine

Maus raschelte im Fallaube.

Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte

lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer

über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt

es gegen die Lippen.

Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige

verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, dreimal.

Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das

Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher

Achtzacks.

Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden

Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die

Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche

Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm

vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war;

mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das

geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt

klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es

dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch

und jung.

Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und

Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder

einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm

gehörte, was hübsch und fein war!

Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen

und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er

deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz

aus der Dickung heraus.

Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen die dürren

Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne, als er von den Tannen

her ein ganz feines Geräusch vernahm. Ein leises Lächeln ging um seinen

Mund. Er hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen Spalt.

Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen wieder. Aber dieses

Mal lauter, näher. Dem Förster schlug das Herz und die Büchse zitterte

in seinen Händen. Er schloß die Augen ganz und atmete tief und langsam.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung einen grauen

Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten Lauschern, das schwere,

weitausgelegte Gehörn mit den roten Enden.

Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß Leben in den grauen

Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das Blut wild durch die Adern jagte

und den Schweiß aus allen Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich

vorschob und ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse

an die Backe und machte den Finger krumm.

Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal brach es noch

in den Tannen, dann war alles still. Er trat leise an die Dickung,

bückte sich, nickte befriedigt, als er hellrote Blasen auf den blauen,

zerdrückten Glockenblumen sah, und ging fort.

Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, als sein

grober Bräutigam es verließ. Das war sonst seine Art nicht, bei

hellichtem Tage in den raumen Bestand zu ziehen. Und er hatte nicht

einmal von ihm verlangt, daß es mit sollte.

Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine Flucht gemacht.

Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte es vor seinem rohen Gebieter.

Es wußte, er suchte doch auf der Fährte, und dann setzte es Hiebe,

hageldicht.

Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die dürren Zweige. Da war

er! Aber was ihm nur fehlte? Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete

sich mühsam wieder auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen

und blieb liegen.

Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte ihr

liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, roher Kerl,

der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig als ihr erster

Liebster.

Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ ihn wieder fallen.

Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte aber zurück, denn er hatte eine

so seltsame, unheimliche Witterung jetzt an sich.

Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und zu versuchte er,

aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd zusammen, und jedesmal

quoll es rot aus seinen Blättern.

Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal schrecklich,

machte sich lang, und von da ab rührte er keinen Lauf mehr.

Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh stand auf.

Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein Hund, so recht, mein Hund!

Such verwundt, mein Hund!«

Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes tönte heran. Das

Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt.

Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals des Hundes erklang,

dann des Waldhorns heller, froher Ruf: »Bock tot!«

Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete er den

Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren von dem Mord.

Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte sich einsam. Laut

rief es nach einem fühlenden Herzen. Das fand sich bald. Es war ein

dreijähriger stattlicher Bock. Und er war viel liebenswürdiger und nie

so grob, wie der alte Achtzack.

Böbchen.

Unser Bob war das, was man so im Volke unter einem Terrier versteht,

denn er war kurzhaarig, von weißer Farbe mit schwarzen Flecken, zu

kurz koupiert und äußerst frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch

Terrierblut in sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher

Hund, das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. von ihm

verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein Schablonenterrier

sei, sondern eine Individualität und mehr auf persönliche, denn auf

generelle Rasse Wert legte. Seine Mutter hatte übrigens blauestes

Terrierblut, aber entschieden die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs

Vater war unbekannt und blieb es, denn: ~la recherche de la paternité

est interdite~. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, so

besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament. Leider hatte er

verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, sintemal er ein Damenhund war.

Er gehörte nämlich meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges

männliches Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf.

Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden war,

wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob oder ich. Bob benahm sich,

als ob ich nichts zu sagen hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen

lassen und trat ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der

Kampf mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den Türen

und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der Zwille und Schrot

Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; Bob erkannte meine physische

Überlegenheit in gewisser Hinsicht an, besonders wenn es ihm gerade

paßte, und gehorchte mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch

zu betonen, daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz der

Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig unzweckmäßigen

gelegentlichen Verwendung meines rechten Absatzes. Er liebte mich

allerdings mehr mit dem Verstande, mehr aus praktischen Gründen, denn

aus innerer Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging,

sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn Emailletöpfe

apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser tauchen ließ und die

Stellen kannte, wo es Feldmäuse, Hamster und Zaunigel gab. Er war von

Natur ein Mäusefänger. Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand

er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und ruhig und

besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer von den Damen des Hauses,

legte die Maus auf ihre Schuhspitze und machte hübsch; das hieß: »Ich

bitte um ein Stück Zucker zum Lohne!«

Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu jagen, das war doch

etwas anderes, das war noch schöner, als Emailletöpfe zu trudeln und

Seife und Ätherflaschen zu bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch,

also sind es wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte

Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, und biß

hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der Schaum vor der koddrigen

Schnauze stand. Genau so machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen.

»Sterben mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und

schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker Zaunigel,

das war doch noch schöner, und das beste war ein Hamster, ein ganz

dicker und fetter, der sich gehörig wehren konnte, denn ein Hamster,

der ist doch reeller als die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire

Aufdiebäumegeklettre nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe

der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt, daß es eine

alte war; denn jungen Katzen tat er nichts, weil er zu kinderlieb und

zu sehr Kavalier war.

Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt trank, nur mußte

er sich etwas beruhigt haben, und dann aß er Spargelköpfe für sein

Leben gern. Leider brach das väterliche Erbteil immer wieder bei ihm

durch. So war er in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und

verkehrte mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß des ganzen

Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde des Kohlenfuhrmanns nur

von weitem sahen, dann murrten sie dumpf und das sollte heißen: »Den

ganzen Tag nischt tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher

die Alimente bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen

gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie frech an und knurrte

ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich habe eine Zwille.« Und das glaubten

ihm die Schafköpfe wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen

bekommen und er kam als Beefsteak ~à la Tartare~ nach Hause.

Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, während

ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der Haustüre auf dem Arme. Da

ging der eine Kohlenhund vorbei und machte eine höhnische Bemerkung.

Im Hui war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf drei Beinen

auf ihn los, und da Bob halb in weiße Leinwand genäht war, kratzte der

andere Hund entsetzt aus.

Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen Debauchen nie

etwas zustieß. Er konnte wochenlang den anständigen jungen Mann von

Erziehung markieren, aber mit einem Male blieb er über Nacht aus.

So um vier oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre;

machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- oder

Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche Männer, er beugte vor

und schnauzte, sobald er in das Haus kam, damit er nicht angeschnauzt

wurde. War er dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu

meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre Küche, wo er

sich unter den Herd legte. Da blieb er den ganzen Tag liegen, roch nach

Bier und gemeinen Zigarren, aß nichts und soff abscheulich viel Wasser,

solchen Brand hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo er

gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in einer Destille in der

Nachbarschaft verkehrte, wo es einen tadellosen Harzkäse gab. Außerdem

mußte er noch anderswo verkehren, denn als er einmal wieder einen

ausschweifenden Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit

einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen heimgekehrt war,

kam ein Herr, gab sein Halsband ab und sagte, Bob pflege öfter bei

ihm zu schlafen; er ginge durch das Gitter, hüpfe auf die Veranda und

von da in das Eßzimmer, wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach

Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, denn das

fand er taktlos.

Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur aus einem Glase.

Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob oben jemand zu Hause wäre,

lief er die Treppe hinauf, hängte sich an den Klingelzug und läutete,

daß das Haus bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte:

»Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er manchmal tat, als

wenn er stocktaub wäre. Wenn es draußen nichts anderes gab, bog ich

ihm einen Ast herunter und dann hängte er sich daran, schwebte frei in

der Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. Er litt an

Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, denn er hatte sich an

Steinen und Emailletöpfen alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon

zehn Jahre alt war, brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein

oder an einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen: »Schönes

Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem Getöse, das Ding vor

sich herzutrudeln, wie er es vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen

und Blecheimern zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals aber

brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir in die Nähe der

Stadt kamen, stellte er den Pott in den ersten besten Hausflur. Als ich

jedoch mit ihm einmal verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn

niemand kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und nahm

ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr gern Zwetschen, deren

Steine er mit hörbarem Avec aus der linken Maulecke spuckte.

Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine Nase brauchte

er höchstens, um sich von der Beschaffenheit der Atmosphärilien, die

dem Erdgeschoß entströmten, wo die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte

jeden Freund des Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur

Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten wir, daß es

Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der Briefträger kam. Als dann

Muk, der blondgelockte Teckel, einzog, brachte der ihm bei, daß der

Hauptsinn des Hundes die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und

alle Rehfährten bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich

Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er damals schon

zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er nicht dahinter, fiel jede

neue Fährte an, die die andere kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und

er reuevoll zu seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch

manchmal etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng auf die

hergebrachte Sitte.

Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, einen lieben

Hund; ich würde den König und den Kronprinzen von Serbien, Castro,

und andere entbehrliche Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich

Battermann damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine

eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, denn

wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte er nie die

üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das sah, war er starr, ganz

schnell lief er hin und scharrte, um dem dummen jungen Hunde zu zeigen,

was sich gehöre. Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem

Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr Mode. Was

sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, also kratzte er jedesmal,

wenn Battermann das unterließ, wenn er sich auch nicht mehr bis zu der

betreffenden Stelle hinbemühte. Aber er kratzte.

Mümmelmann: Ein Tierbuch · 第 3 / 10 段