Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter im Tale erlöschen,

der Abendwind pustet hohler, ein Reh schreckt irgendwo, ein

aufgestörter Pieper klagt ängstlich. Schneewasser kluckst zwischen

Gestein, in schneller Folge schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie

ein Uhrwerk tickend, weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird

Nacht im Berge.

Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel wird es rosig

schimmern; von der Wetterfichte an der kahlen Wand wird die

Misteldrossel singen, unter der hohen Klippe wird ihr die Zippe

antworten, Fink und Pieper werden wieder schlagen, Zaunkönig und

Braunelle werden singen, aber niemals wieder wird von der alten

Eberesche am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen

Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier sang.

Goldhals.

Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, die Krähen

rudern hastig am roten Himmel hin, die Misteldrossel beendet ihr

Abendlied und das Rotkehlchen schnurrt von dem dürren Zacken in sein

Schlummerversteck.

Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der Nacht heimliche, stille

Geschöpfe. Aus dem faulen Laube schiebt sich der Salamander hervor, die

Rötelmaus rutscht durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk

und die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her.

Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, der auf der Platte

der hohen, grauen Klippe schläft, ein leises Kratzen unter sich. Er

hält den Kopf schief, aber was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so

zieht er den Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht

um das, was unter ihm geschieht.

Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales Felsband an

der Klippe entlang. Darauf huscht ein schwarzes Ding hin und her.

Es ist lang und schmal wie ein Aal und schnell wie eine Natter. Es

huscht lautlos nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine

Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen die Wand

und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde lang.

Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler Knäuel, der sich einen

Augenblick ruhig verhält, dann zu einem schwarzen Pfahl emporwächst,

der sich in seltsamer Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so

daß die beiden grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben

oder unten schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, die

bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu Zacke, von

Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben auf der Platte der Klippe

auftaucht.

Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, der stärkste

Edelmarder des Berges, der Schleicher und Schweifer, der Meister aller

Künste, der Schrecken der Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner

ganzen braunseidenen Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei

und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier immer tut,

er löst sich.

Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, der

Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er morgens auf seinem

Luginsland die frische Losung findet. Goldhals beschnuppert die Reste

einer Krähe, die neben den Blumen liegen, dreht sie hin und her und

stößt sie schließlich über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in

das Fallaub fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der

Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen Ast der

Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten Buche und fährt an

ihrem Stamme herab.

Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. Bei jeder Dohne

macht er halt, aber jedesmal schnürt er mißmutig weiter. Endlich fällt

ihm ein, wie gestern und vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der

Bärenlauch stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen

wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad

ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. Richtig, dort,

halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine fette Rötelmaus ist

geliefert.

»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los, faßt aber sofort zu,

ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal läßt er sie springen, siebenmal

packt er sie wieder, beim achten Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch

was, sagte Schnabel, und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er

die Maus binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt

es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein Salamander. Er

niest und prustet und reibt den Fang im taunassen Moose, denn das ist

ja noch schlimmer, als das Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar

vor Heißhunger herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher,

dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort!

Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst abgesucht. Aber nur

deswegen, denn im Mai, da mag Goldhals keine trockene Wurstpelle und

harte Käserinde. Ein kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird

den Förster ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon

jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen Hals. Ach so,

Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf sitzt dort und knabbert an

einem Brotrest, den es in den Pfötchen hält. Schon hat der Marder es

am Wickel. Einmal noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen

Rute, dann läßt er alle Viere hängen.

»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den armen

Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.« Dreiviertel

davon läßt er auf dem Tische liegen und legt seine Visitenkarte

daneben, dann verschwindet er in dem Pflanzgarten. Dort ist nichts,

nicht einmal eine Maus, nur eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen

boshaft ansieht. Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter,

den Holzweg entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in dessen

Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein und hinaus,

bis an den Bach. Dort gibt es immer etwas: junge Wasseramseln oder

Bergbachstelzen, einmal sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett

wie Schnecken; ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle,

die nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten dort, und

wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. Heute gab es gar nichts

als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz wurde unverschämt. Er hatte seine

drei quappenfetten flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in

einem fort knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den Wald

zurückkehrte.

»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,« dachte Goldhals

und huschte an einer Eiche empor. Dort saßen drei Eichkatzenkobel. Im

ersten war nichts, im zweiten dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn

es so beibleibt,« dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und

wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da riecht es ja nach

Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. Autsch, da hat er eins darauf.

Mutter Spechten versteht keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase

reibt, saust sie an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber

die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, er macht das

Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein kann.

»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter. Sitzt da nicht

ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! Taubeneier schmecken

fein, junge Tauben noch viel feiner; natürlich nur, wenn man sie hat.

Das ist diesesmal nicht der Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab

mitsamt den Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!«

tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. Aber

da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht früher gedacht

hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn schlafen ja immer die

hagestolzen Ringeltäuber. Mehr wie einmal hat er sich einen von ihnen

dort gelangt. Darum schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die

Schlucht hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen

sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle,

das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse kratzt, den Pürschweg

unter dem Hange entlang, rechts ab nach dem Erdfall hin, in dem

Murrjahn Grämlich, der Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz

vorüber, wo man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in

dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber an der

Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, auf dem die

Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als habe sie Leibweh, und dann ist

er da.

Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte Fichte, und

läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals schnüffelt um ihren Stamm

herum: Taubenfedern mit frischer Witterung, frisches Gestüber, die

Sache ist richtig! Aber nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner

nicht aufwachen! Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf

zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast entlang, vermeidet

geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den zweiten Ast, den dritten,

vierten, fünften, hält inne, zieht sich auf den nächsten Zweig, faßt

den folgenden, schleicht darauf entlang und hängt sich an den Stamm.

Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der Mondschein macht sie

kenntlich. Aber rund herum spreizt sich dürres Gezweig. Goldhals

überlegt; heranschleichen geht nicht, denn einige sind schon erwacht;

er hört, wie sie sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt.

Da bleibt nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den

Rücken krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, noch

einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte Sprung, und da

poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt da, starrt ihnen mit den

grünschimmernden Sehern nach und hört ihrer Fittiche klingenden Schlag

verhallen. Der halbe Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab.

Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm hinab. Wütend ist er

nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht zum Kleestück, aber die Mäuse

sind seit dem Märzregen selten geworden. Er sucht die Raine entlang,

aber Ammer und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach

Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er mißmutig einen

Maikäfer nach dem anderen herab und hofft, daß ihm der Morgen besseres

bringe.

Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die erste Lerche.

Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen ihr Läuten ein, und immer

noch sucht Goldhals im taufeuchten Felde, die Wasserfurchen entlang

schleichend, die Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein

Hummelnest findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege,

kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch schief hängt, es wird

Zeit, an den Heimweg zu denken. »Der Tag ist keines Marders Freund«,

das hat die Mutter ihn gelehrt.

Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet sich auf:

Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? Und daneben, die zwei

braunen Dinger, erst recht! Und jetzt trägt der Wind ihm die bösen

Witterungen zu, die die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von

Mensch und Hund.

Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste Zeit, denn da

hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und hinter ihm her keucht es.

Schnell in den Brombeerbusch, wo er am dicksten ist. Aber die Hunde

achten der Dornen nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch

dahinein folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert es. Schnell

aus dem anderen Ende heraus, aber das geht nicht, ein schwarzes, nach

Hund riechendes Ding steckt darin.

Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! der aber faßt

zu, jault auf, denn scharfe Fänge griffen um seine Lefzen, aber jetzt

fühlt Goldhals sich vom andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt

und heraus geht die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der

erste Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt; zwei

auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er, daß es aus ist mit

Freijagd in Berg und Busch und Minnefahrt über Stock und Stein. Noch

einmal, ehe sein Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein:

»Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut und lieb.«

Der letzte seines Stammes.

Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer Erdfall. Jäh stürzen

die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen an seinen Steilwänden ab. Eine

Fichtendickung, ein schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur

Hälfte. Ihr gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem

Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter Block.

Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr zu deuten. Schwach

hebt sich aus der grauen Flechtenkruste ein kunstloses Kreuz ab, roh in

den Stein gemeißelt, und ebenso grob hineingehauen ist das gestielte

Dreieck daneben. Es soll ein Beil vorstellen.

Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein gesetzt wurde. Aber

er machte den Wald unheimlich. Kein Bauer, kein Holzarbeiter geht gern

allein hier vorbei. Es geht da um. Man hört es rascheln und sieht

nicht, was da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem. In

der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein. Der alte Waldwart hat

sie oft gesehen.

Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er unhold aus, der

graue Block. Unheimlich sind die Blumen, die um seinen Sockel blühen:

blasser, gedunsener Aaronsstab, menschenhautfarbiger Schuppenwurz,

der Vogelnestwurz, wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole

leichenfarbene Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang

zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt hin und

her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine Märzdrossel, die

mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf einem Felsbrocken einfällt,

läßt ihre Beute fallen und stiebt mit Gezeter ab. Der Rotspecht,

der vorüberschnurrt, hebt sich höher und schreit entsetzt auf. Der

Holzschreier wendet jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das

Rotkehlchen flattert mit Furchtgeschrille davon.

Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz gestreift von

den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt von einfallendem

Lichte, hat Leben bekommen. Er reckt sich, streckt sich, läßt eine grau

und schwarz geringelte Schlange sich winden und drehen, rundet sich,

dehnt sich und bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt

zwei grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten, duckt

sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame Bekrönung

des unheimlichen Steins.

Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche gehe es um, da

schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie ein unsichtbarer Kobold,

da blitzten grüne Augen. Has und Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel

und Rotbrüstchen, sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise

heranschleicht und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und sicherem

Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im alten Mutterbau

auf dem Grunde des Warloches haust, ein Kuder, so stark wie ein alter

Fuchsrüde.

Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen, den Sonnenstrahl

genießend, der durch das Eschenlaub auf seinen Rücken fällt. Dann

stellt er sich aufrecht, reckt die Lunte steif empor, rundet den

Rücken, macht ihn lang, reckt sich und gähnt, setzt sich, wäscht und

putzt sich und ist im Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch

den schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt, wohlig

schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann fährt er zurück,

springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb, zieht die Krallen

durch die Rinde, ganz schnell viele Male und dann wieder ganz sacht,

bis die Rinde wund ist und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und

da wirft sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend gegen

sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie, versetzt ihr

grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter, wirft sich auf den

Rücken und zerfetzt das starkriechende Laub mit langsamen Griffen und

schnellt plötzlich auf alle vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre

steil aufgerichtet, und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab.

Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes Blatt, leise,

ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des Katers scharfes Gehör das

Geräusch nicht richtig deutete. Das war nicht Reh und war nicht Has',

und war nicht Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war

nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit dem letzten

Vollmond den Wald durchschleicht.

Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da liegt der Kater in

sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn dort, kein Rauch erreicht ihn

da, kein Hund kann zu ihm heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den

der Fuchs vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe Spalten

und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die Gerippe der Teckel,

die an Dachs und Fuchs und Katze jagten und niemals wieder zu Tage

kamen. Dort ist so weich der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist

es da zur Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche

Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und träumen, soviel er

mag.

Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die Krallen schlüpfen aus

dem Sammet der Pranken heraus, greifen in die Luft und verkriechen sich

wieder. Alte Bilder brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater

noch ein Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte

als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen erkannte.

Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die die Kätzin zu Baue

trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt, die flügge Drossel gewürgt,

den Junghasen totgequält, ehe die Geschwister es sich trauten. Und als

erster hatte er geweidwerkt, sich an das Eichkätzchen herangebirscht,

als es Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum

Warloche geschleppt.

Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam über die

Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen Lichtung der Fichtendichtung

mündet das Notrohr, das der Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es;

ein breitverzweigter Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist

es dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug dahin. Und

so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene Moos. Da träumt es

sich noch besser als unter Tage, von heimlichen Birschgängen in lauen

Sommernächten, von Fischweid im Februar am Klippenufer des Baches, wenn

die Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln läßt.

Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit weg führten sie,

in rauher Berge schwarze Fichtenwälder, denn ringsumher lebte keiner

mehr vom Geschlechte der freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu

Bau gefahren kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und die

Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut. Sie

fanden sich nicht wieder zusammen trotz des Ältesten allnächtlichen

Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung hindurch. Da war er fortgezogen,

hatte tagsüber in Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in

einem Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt, Schrote

hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm Felssplitter um den

Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder in das heimatliche Tal zurück.

Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und Klippe Nacht

für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach Minnelohn jammernd,

hinaus in die Fremde, über kahle Felder, in unbekannte Wälder, wo er

seinesgleichen antraf. Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit

freien Katern, zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken,

aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen. Aber allzu

gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und so strich er nachts an dem

Dorfe entlang, trieb die unfreien Kater vor sich her und jagte ihnen

ihre Bräute ab, und die Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen

Katzen in ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere

Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als aber der Jäger,

der jeden Juli hier auf den roten Bock weidwerkte, ihnen sagte, in

den Katzen stecke wildes Blut, da lachten sie und sagten, die letzten

beiden Wildkatzen in der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im

Eisen gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben.

Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege ab und er sah sich

jeden alten, geschundenen Holunderbusch an und strich um jeden Bau und

lauerte an allen Uferstellen, wo er die Reste von Forellen fand und

saß stundenlang vom Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei

unsicherem Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen

von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm dieses Jahr mit

den Böcken nicht glücken wollte, denn er hatte sich gelobt, nicht eher

wieder den Finger auf einen Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz

gerächt sei, das er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle

und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der Fuchs nicht gewesen

war, das stand für ihn fest.

Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage vorher, vor Tau

und Tag die Krone der alten Samenbuche erstiegen, die oberhalb des

Warloches an dem Zwangspasse zwischen den grauen Klippen steht, sich im

Frühwind vor Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt

und sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle des

Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der grauen Gipswand

gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf Sand in die Augen warf, und

er fester in den Riemen hineinsank, mit dem er sich an den Stamm

geschnürt hatte, da hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm

und war wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand sie auf

dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf von dem Astzacken

nehmen, scharf machen und anbacken konnte, wie ein Schemen, wie ein

Traumgesicht.

Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die Fichtendickung

abspürte, da fand er die starke Katzenspur, und jeden Raum zwischen

den Jungfichten absuchend, stieß er auf das Notrohr und überlegte

nicht lange und verwitterte es nach Jägerart in gröblicher Weise, um

den Kater zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen

mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von neuem, und alle

dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen Fliegen wußten das bald

und brummten und summten nach der Dickung hin, und nun auch an diesem

Spätnachmittage war dort ein großes Gebrummse und Gesummse.

Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam schiebt er sich

in dem Notrohr entlang. Schon von weitem vernimmt er das Summen und

Brummen, und die üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven.

Er reckt sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann

fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über die

Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze sitzen.

Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll, bis er sich der Mündung

des Hauptrohres nähert. Da verhofft er lange Zeit, windet und äugt,

bis Mausepfiff und Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt.

Da steckt er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an den

Gipswänden entlang.

Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern pfeifen die jungen

Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach der Ricke, Mäuse schrillen,

die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen singt sein letztes Lied. Lautlos

schleicht der Kater an der Schattenseite des Felskessels entlang,

unhörbar schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch verharrt

er lange regungslos, den Kopf hin und her wendend, jedes Abendfalters

Schwingenschlag, jedes Käfers Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er

auf dem Mordsteine, setzt sich und äugt ringsumher.

Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen Kopf herum.

Aber oben aus den Kronen der Bäume kam noch nie ein falscher Laut, eine

gefährliche Witterung. Lange starren seine grünen Seher in den breiten

Wipfel. Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer, oder

eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher, oder die Eule.

Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel

zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt in die Ruhe des

Waldes, Stinknebel tanzt blau um den Silberstamm der Buche; die Taube

prasselt durch das Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der

Berg wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken heran.

Mümmelmann: Ein Tierbuch · 第 2 / 10 段