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HERMANN LÖNS
MÜMMELMANN
* * * * * *
In unserem Verlage sind von
Hermann Löns
ferner erschienen:
Aus Wald und Heide
21 Erzählungen für die Jugend, 16.--20. Tausend, Illustr. Kart. M. 1.--.
Mein braunes Buch
21 Erzählungen aus der Heide. 17.--21. Tausend, brosch. M. 3.--, geb.
M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
Mein blaues Buch
Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--,
Luxusband M. 6.50.
Der letzte Hansbur
Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.--10. Tausend, brosch. M. 3.50,
geb. M. 4.--, Luxusband M. 7.--.
Dahinten in der Heide
Niedersächsischer Roman, 13.--15. Tausend, brosch. M. 3.--, geb.
M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
Kraut und Lot
Ein Buch für Jäger und Heger, 8.--10. Tausend, geb. M. 4.20, Luxusband
M. 7.--.
Der zweckmäßige Meyer
Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem Naturleben. 8. Tausend,
geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--.
Auf der Wildbahn
Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
Haidbilder
Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband
M. 6.--.
Mein buntes Buch
Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--.
Goldhals
Ein Tierbuch für die Jugend, 4.--8. Tausend, geb. M. 1.80.
Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H., Hannover.
* * * * * *
HERMANN LÖNS
MÜMMELMANN
Ein Tierbuch
21.--25. Tausend
Höret:
Es gibt nichts Totes auf der Welt,
Hat alles sein' Verstand,
Es lebt das öde Felsenriff,
Es lebt der dürre Sand.
Laß deine Augen offen sein,
Geschlossen deinen Mund
Und wandle still, so werden dir
Geheime Dinge kund.
Dann weißt du, was der Rabe ruft
Und was die Eule singt,
Aus jedes Wesens Stimme dir
Ein lieber Gruß erklingt.
Hannover 1915
Adolf Sponholtz Verlag
G. m. b. H.
Inhalt.
Seite
1. Mümmelmann 5
2. Murkerichs Minnefahrt 13
3. Krähengespräch 21
4. Sein letztes Lied 27
5. Goldhals 34
6. Der letzte seines Stammes 41
7. Achtzacks Ende 49
8. Böbchen 57
9. Der Zaunigel 64
10. Jakob 72
11. Hausfriedensbruch 79
12. Mein Dachs und meine Dackel 86
13. Die Zeit der schweren Not 93
14. Des Rätsels Lösung 99
15. Das Eichhörnchen 105
15. Hasendämmerung 116
17. Der Mörder 123
18. Der Alte vom Berge 134
19. Die Einwanderer 144
20. Ein Hauptschwein 154
»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des Verlages
beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben von H.
Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig, entnommen.
[Illustration]
Mümmelmann.
Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die dreitausend, an
die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen in ihrem
Kriegsschmucke.
Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre
Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren
Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite
hing ein Ränzlein, strotzend von braunen, grünen, roten oder gelben
Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend
das nicht minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die
kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor
dem Magen trugen sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen,
und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen
Kalibers.
Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit
schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf und die Schaffner
mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von
~canis familiaris~ hinter sich her und verlangte Platz dafür
nächst sich.
Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzu lange beim
geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier
gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf
die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch
in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr
oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein.
Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte mit einer Stimme,
die die Fensterscheiben zum Klirren brachte, er habe gestern auf
achtzig Schritt einen Krummen geschossen, wie gerädert sei der im Dampf
geblieben, alle Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte
herum, alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder
sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er es durchaus
nicht glaube.
Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger Mensch
verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, Schweiß und Wolle,
Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, Kesseln und Suchen, Stokeln
und Strecke, meinten aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin
durch die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus dem
Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer warf.
Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von Knubbendorf die Nase
eines alten Rammlers, der langsam und hochläufig über die Landstraße
hinkte, Haanrich Mümmelmann genannt in seiner Sippe. Er machte einen
Kegel, putzte sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der
rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er noch nach der
reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von jungen Apfelbäumen in den
Gärten von Knubbendorf zu sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher
sei, einige vorjährige Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte
einen Druck im Magen.
Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem er auf einem
plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht von den Hesperiden,
sondern von dem edlen Rosse stammte, mit, daß ein Wagen sich nähere.
Er drehte sich um, spitzte die schwarztimpigen Löffel und sagte sich
dann in seinem lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe
schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein Marktwagen
sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender Zeit. Item sei
es etwas Ungewohntes, und das Ungewohnte sei stets unbekömmlich.
Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei Läufe über
die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt entlang. Auf dem großen
Schlehbusch saß der Neuntöter. Den fragte er, ob er nicht sähe, was da
die Straße entlangkomme, seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger
sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach der Dieme, denn
da hatte er eine Maus gesehen.
Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln und hoppelte
weiter, bis an den großen Stein, der an der Sandkuhle lag. Dort klopfte
er dreimal mit dem linken Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den
rechten fraßen nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein
Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei sauber gekämmte
Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume.
»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage giff dat Drievjagd.
Eck weit blot noch nich, wenn sei in Holte drieven oder inn'e Feldmark.
Seih deck vör!«
»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,« meinte Geesche.
»Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie von dannen.
»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach, und Geesche machte
einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und hoppelte fort.
Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und Jochen Pielsteert
und sagte ihnen, daß sie gut täten, die Löffel steif zu halten. Und
dann hoppelte er weiter, bis nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen
Stelle. Dort lief er eilig hin und her, als habe er etwas verloren,
schlug Haken auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich
scharrte.
Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben, da vernahm er
ein Geräusch und machte einen Kegel. Da sah er Aadje Slappuhr eilig
daherkommen, Aadje, dessen Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im
vorigen November die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten.
»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward leege van Dage. De
Driever drücket dat Holt dör und denn schall ekesselt weern.«
»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners war'd von Dag to
Dag heller. Na, will't sehn, wat seck dohn lätt. 'djüs.« Und damit
rückte er sich wieder in seinem Pott zurecht, und Aadje lief weiter.
Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach, daß der Mensch doch
das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw,
dem Habicht, und daß es Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte
er von weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und der
wiederholte sich immer wieder.
Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte nach der Gegend hin,
aber seine Lichter trugen so weit nicht. So rückte er wieder zusammen
und wartete. Die Sonne brannte ihm warm auf den billigen Balg, der
Wind hatte sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur
die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte der Olle schon
lange gemacht, er war nun fast zehn Jahre alt, und ewig kann man nicht
leben. So philosophierte er.
Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der Nebelkrähe. Er
machte sich ein ganz klein bißchen höher und seine Seher wurden starr.
Über das Feld kam ein Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen
zwei große graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und
die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen Hasen, und
Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde der kranke Hase kürzer,
dann fuhren beide Krähen auf ihn los. Und dann rappelte er sich wieder
auf und machte ein paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er
wieder kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und noch einer
und immer wieder einer, lauter Krähen, graue und schwarze, und wie
eine Wolke von Blut und Tod zog es über den Kranken her. Und jetzt,
Mümmelmann schauerte zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte,
was jetzt kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und da
scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh, o weih mir,« und
dann war alles still und nur die Galgenvögel, die sich zankten, hörte
man.
Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein Gepolter und sah die
Krähen abstieben. Er richtete sich ein bißchen hoch, und sah einen
großmächtigen Köter einen kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das
sah der Alte, war der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige
Hund ihn bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, Natz
Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen werden.
»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett di dahl!« Der
kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, fuhr in das warme Lager, und
mit einem Hui, eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte
Feldhase aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß der Hund
ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, schlug wieder Haken,
machte einen Kegel, nahm wieder das Feld hinter sich, bis dem Hunde die
Zunge aus dem Halse hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm
nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete sich wieder
ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe.
Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein Dröhnen und
Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich, dann südlich, dann auch
im Osten. Er machte sich hoch und sah rundum lauter schwarze Pfähle.
Und nach einer Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen
auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier einen aus
seiner Sippe über den Schnee rennen, und da einen von den Waldhasen,
und da stand einer auf dem Kopf und hier rollte einer im Dampf.
»Dübel,« dachte der Alte, »eck sitte in'n Kessel!«
Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der Schnee, prasselten
die Schrote, flog der Dampf, knallten die Schüsse. Mümmelmann blieb in
seinem Pott und überlegte. Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten
wenige Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links,
da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade aus da war ein
Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe auf einmal, und sein Nachbar,
der fuchtelte immer erst lange hin und her, ehe er drückte.
Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann schlug Kunrad
Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige Todessprünge und färbte den
Schnee rot. Weiter rechts machte Dorette Quappbuk ihr Testament,
nicht weit davon Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen
Schnellschießer und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen
Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und da richtete
sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader Linie voran, gerade
auf die Lücke zwischen den beiden Schützen zu, ganz langsam, bis er
fast in Schußnähe war, witschte dann nach links, schlug einen Haken
nach rechts, einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie
zwei Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von Kühen, um
die die Bremsen sind, und dann gab er her, was er in sich hatte, fuhr
durch die Lücke, schlug sieben Haken, hörte einen Knall, einen Schrei,
einen Fluch, nähte aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er
ein Männchen und äugte zurück.
Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die Jäger liefen nach
einem Fleck, hoben etwas auf und gingen nach dem Dorfe. Und es war
doch erst Mittag. Als sie alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach
dem Kessel. Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel.
Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines Herz von
befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben, er hatte sein Volk
gerächt.
Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am Himmel stand, kamen die
Knubbendorfer Hasen auf dem Felde, wo der letzte Kessel gewesen war,
zusammen. Mümmelmann rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig
antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten ihre Wunden
im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht angekratzt. Und als sie
alle zusammen waren, da hielt Natz Klewersitter eine Rede und sagte
allen, wie Haanrich Mümmelmann ihm das Leben gerettet hatte, und alle
zweihundert klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre Nase
an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein Männchen und erzählte,
daß der Alte vom großen Stein sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe
gesehen, daß Mümmelmann durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch
gemacht habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. »Kommt mit,
eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine Rede.
Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem Winde herangeschnürt
kam, blieb plötzlich stehen und seine Nüstern schnupperten wohlig, denn
die Witterung von zweihundert Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er
sich plötzlich, denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das
mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an.
So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte viel mitgemacht.
Als aber die zweihundert Hasen anfingen, mit den Hinterläufen zu
klopfen und gespenstisch im Kreise herum zu tanzen, da kriegte er
es mit der Angst, er machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die
Standarte nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche
hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor den Baurat
laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie eine Tenne. Und er sah,
daß das die Hasen gemacht hatten, und er schüttelte den Kopf und machte
ein ganz verstörtes Gesicht.
Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer Hasensippe
Mümmelmann, den Heldenhasen, nach Hasenweise geehrt hatte.
Murkerichs Minnefahrt.
Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. Der Abend hatte die
gelbe Wüste in braune und blaue Farben getaucht, hatte die Palmen und
Kuppeln der fernen Stadt mit Gold und Purpur umwebt.
Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah die zauberhaften
Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er war das ganze Ägypten satt,
die eleganten Reisenden, das schmierige Volk, den Spielsaal und die
Blumengärten. Traumverloren sah er nach Norden hin.
Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der Ruf der Eule war es
gewesen, der ihn aus seinem Sinnen geweckt hatte, nicht das von weitem
heranschallende Geschrei der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer
Laut, der ihm die gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald,
Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief.
Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,« dachte
er. Aber da war er wieder, der seltsame, tiefe, quarrende Ton, das
»Quoark, quoark, quoark«, und da kam es auch schon herangestrichen,
ein schwarzes Ding, eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein
langer, senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in der
Dämmerung.
Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten langweilig geworden
mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, seinen fetten Fliegenmaden und
Kamelsmistkäfern. Nach weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich,
nach braunem Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten
und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen Regenwurm.
Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus mit einem
blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, das er
nicht verstand, strich weiter, den Nil hinauf, und pfuitzte schnell
sein »Pssewitt« in den Abend hinein. Antwort erhielt er wohl, aber
Begleitung bekam er nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge.
»Noch keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch Frost im
Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich allein.
Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein Mann. Er ließ sich
die Abendluft um die Stirn ziehen, denn arg viele Maße Bier hatte er
binnen. Plötzlich blieb er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein
einziger, kleiner, blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte
er vor sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß i die
Schnepfen hör'!«
Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. Murkerich
hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den Balkan, Tirols weiße
Gipfel und Bayerns dunkle Berge. Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande
hatte er erlebt, Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und
Telegraphendrahtsurren; am Gardasee stellte eine verwitwete Schnepfin
seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte ihn bewegen, dort zu
bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und strich weiter.
Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein Mann. Rotkehlchen und
Amseln sangen, Waldwühlmäuse pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der
Totenvogel und im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte
der Mann den Stimmen des Vorfrühlings.
Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr von der Schulter,
spannte und packte an, sah sich wild um und ließ die Waffe wieder
sinken. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte,
ich hörte schon die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal
Reminiscere!«
Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade nicht solchen
großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte Murkerichs Minnefahrt schon
hier ein Ende gehabt. Aber Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben.
Schon im Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen und in
seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder. »Die kann ich
missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja doch bloß zum Staat da«,
und war weiter gestrichen. Und diese Nacht strich er noch weiter, bis
er seine engere Heimat erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da
strich er laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und ab,
fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer Schirmfichte ein
und schlief wie tot.
Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus wäre ihm fast auf den
Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, fuhr sie zitternd in ihr Loch.
Die Sonne stand schon hoch und behaglich genoß Murkerich, Flügel und
Ständer von sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre
Wärme. Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige
Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte, wo die
ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen, nassen Boden
zeigten.
Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über die goldenen
Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter des Aaronstabes, die blauen
und weißen von Leberblume und Windröschen, bohrte den Stecher in den
Boden, vollführte mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er ab
und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen krampfhaft
sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte Sumpffliegenlarve
heraus, die er sich dann mit kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte
er wieder unter seine Schirmfichte und schlief weiter.
Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und der Kauz sein hohles
Lied sang, wachte Murkerich auf. Der Abend war lau und die Luft dumpf,
so recht geschaffen für ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der
Birken. Aber ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so
beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch ein Tag
und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine ziemlich öde Beschäftigung
sei. Da vernahm er ein brünstiges »Pssewitt«, und er schwang sich auf
und folgte dem lockenden Rufe.
Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. Quarrline war es, eine
Schnepfenmadam reiferen Alters, die im Frühling vor einem Jahre hier
Witwe geworden war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben,
aber, die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine alte
Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Und
als sie Murkerichs flehendes Morken vernahm, da tat sie zwar erst
etwas verschämt, quarrte etwas von Aufdringlichkeit und Belästigung
alleinstehender Damen, aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über
den Rücken anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten
jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch für die Gefühle bei
solcher lauen Luft!
Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork über die Gräben und
Tümpel, Schläge und Dickungen, bald neben-, bald hinter-, bald
übereinander, jetzt langsam und leise, dann laut und schnell,
in gerader Richtung ein Gestell entlang, im Zickzack durch den
Lichtschlag, wo Quarrline ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken
verschwand. Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei,
und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte und ein
Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer reichlich mit
Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre Sprödigkeit auf und wurde
aus einer älteren Witwe schnell eine junge Braut.
Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, fand er, daß
er etwas voreilig gewesen war. Seine Quarrline paßte doch nicht so
ganz zu ihm. Sie war ein bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr
Gefieder war stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade
nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das war nicht zum
Aushalten. Wenn sie so schon als Braut war, wie würde sie erst später
werden, dachte der glückliche Bräutigam und hörte mißmutig ihrem
Gequarre zu, mit dem sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige
Schnepfe schläft, anödete.
So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das
hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und breit lag sie da und
erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und
rasselnd durch das Gras, Murkerich strich schreiend ab und konnte eben
noch eräugen, daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte.
Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der
entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung
fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie
zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein.
Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und
machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang
gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese
erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst
hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm
Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches
Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer
schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel,
und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst
erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm
eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg
und stach ihn derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend
in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr
ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast
zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich
und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab.
»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit
der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so
erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing
hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So
ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch
etwas anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend,
sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen dunklen
Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres Stoßes, und die Kleine
legte geschmeichelt den Stecher an die Brust und dachte bei sich:
»Ein reizender junger Mann, viel netter, als der alte Murrkopf von
vorhin.« Und in niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes
Spitzenwerk leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich
ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, sie
tat nur so.
Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und warm, in den
Sinken braute der Fuchs, der Mond stand über den hohen Eichen. In
seliger Minnefahrt strich das Pärchen über die Schläge, zickzackte
um die Überhälter, ruderte durch das Bruch, und fiel ab und zu zu
kurzem Gekose an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder
in langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem
Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant kichernd, wenn er ihr
erzählte, welch ein herrliches Leben sie hier im schönen Ahltener Walde
führen wollten, wo der Boden so tief und locker und würmerreich ist und
wo Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen Reinekes Tücke
und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, Roheit.
Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und krachte und
rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, stürzte, nahm sich
wieder auf und flatterte in das Unterholz. Murkerich war sofort bei
ihr und trieb sie zur Eile an, denn er vernahm eine laute Stimme, und
hörte einen Hund durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding
mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft in den
gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. Noch ein Weilchen hörten sie
den Hund hechelnd im Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff,
und alles war ruhig.
Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. Ihr linker Lauf
war von einem Hagelkorn getroffen und gebrochen. Sie zog ihn fest an
den Leib und ließ sich von Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb
sie so liegen und humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu
wurmen, und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war der Lauf
fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen festen Verband darum
gebildet, so daß die Kleine schon wieder ganz gut auftreten und sich
auch wieder aufschwingen konnte.
Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so weich, so milde,
aber dem Pärchen war alle Lust am Strich vergangen. »Weißt Du was,
Pfuitzing,« quarrte Murkerich, »ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn
man immer geradeaus gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter
dem Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die da sind,
die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja immer wie eine Maus im
Verborgenen leben und hat nichts vom Leben. Wollen wir weiter?«
Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich hinter den Wolken
versteckte, da stiegen beide ganz hoch in die Luft, kreisten dreimal
und strichen dann geradeaus, nach dem Lande, wo es noch nette Menschen
gibt. Und da leben sie heute noch.
Krähengespräch.
Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, wenn der
Barsinghausener Zug über die große Bult bei Hannover keucht, kommt
ein alter Herr mit einem alten Hunde den Fußweg entlang, der sich am
Rande der Eilenriede nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und
Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt der alte Herr
stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen Abendhimmel und niest,
und meistens niest sein Hund zur Gesellschaft mit. Dann gehen beide
weiter.
Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei
der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten
Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der
Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut:
»Arrr!«
Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken
verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift
und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne
mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen
Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen
eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz,
schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem
Ton: »Aerr!«
Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu
einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub
der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich
Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann
kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen,
schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen.
Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die
Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon
sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie
in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg,
Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die
Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen,
die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu
Hause nichts haben.
Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei
der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder
andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten,
auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und
den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht
einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch
einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen
finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.
Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr
drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt
aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten
Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht
de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n
Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n
angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«
»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach
nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal
zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se.
Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze
meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die
Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla,
hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?«
Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin.
Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten
Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se
sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen
großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht
stinkiges, von Schaff hammliges.«
Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade
nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße
Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch
drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de
Kärel eßchimpet. Höhöhö!«
»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, »hierr zu
finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr bei uns zu Hause in
Wongrowitz, wo man findett serr oft Wurrst odder Knochenn. Sind sich
Pollen nicht so ängstlich mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite
hannovversches.«
»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme blivst
De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst hier rümmetobetteln un denn
ßchimpen! Dat is de rechte Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?«
fragt sie dann die Eilenriedekrähe.
»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann leiser fort,
»äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich heute, die Leute,
da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen und des-, na, wie heißt
das olle vermuckte Wort doch, so, desinfezinieren, das wird immer
dummerhaftiger. Und mit der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit
muß sein, äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe,
glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen lassen? I
bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und roden ihn bei.«
»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll wahr is, wat
ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier uff de jroße Bult kommen
dhun soll! Na, dett wär 'ne scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den
janzen Sport: Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber.
Det wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!«
»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der Eilenriede. »Wenn
ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, als die hohen Fuhren noch
vor der Seelhorst standen! Was wäör däö wintertags für ein Leben; an
die Tausend von uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst
schmissen sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, da
trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei Jäöhren immer
in dem Holze vor Misburg geschläöfen, äöber da käömen die Jäger und
schossen nach uns. Und seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es
ist däö jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör Dohlen,
äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede ist an einen ruhigen
Schläöf doch nicht mehr zu denken. Noch bei nachtschläöfender Zeit
läuft das Volk in 'n Holze herum und überall sind Laternen. Die Welt
wird immer dümmer!«
»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt die dicke graue
Pommerin, »auch bei uns wird es immer schlechter«, und die Ostpreußin
stimmt bei: »Bei uns da oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so
schlimm; aber weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen
die Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, Thienemann
heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen Ringe um die Beine mit
dem Datum darauf und bittet, daß man überall Krähen totschieße und ihm
die Füße einschicke, der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat
die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch kommt jeden Tag
auf neue Dummheiten.«
»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei uns in
Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu grroßes auf Pfahl;
kommen sich Krrähen an auf zu beißen Uhu dickköpfiges, schießen sich
Herren feine dann mit Gewehrre auf Krrähen, Hundsblutt gemeines
niddertrrächtiges!«
»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, »up de
Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der Seelhorst, da kümmt
ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut de Slägerstraate, Wiegand heit
dat Lork, de kruppt in'n Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle
henne, und wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen
wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle up den
Swindel nicht mehr rin.«
»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn hier up de Grote
Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen laaten. Wenn eck man nich min
Haus bi Degersen hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat
se man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all ball up den
Drab bringen. Mit den Snabel den Pären gegen die Oogen, wenn se öwer de
Hürden wullt, dat se dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann
schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners herümmejöckeln.
Meint Sei nich ook so?«
Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie weiß, daß
gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist. Und dann antwortet
sie einer guten Bekannten, die aus hoher Luft ihr einen rauhen Gruß
herunterschreit, macht die Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von
ihrem Sitz fallen, steigt in die Luft und fliegt krächzend fort.
Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, krächzen und
folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, den Kirchröder Turm, den
Nackenberg, die breite Wiese, Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden
Abend vom November bis zum März Tausende von Krähen schlafen.
Sein letztes Lied.
Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange
gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck
gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da
flog Fuchs und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.
Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte,
verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen,
das Wallgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit
Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende
Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln
über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer
Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom
blühenden Sauerklee fort.
Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und
das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied,
schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwitscherte
die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu
Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben
Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh,
Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges
stolzestes Geflügel, der Urhahn.
Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und
sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo
selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort,
wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht,
wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren
seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und
Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot.
Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich
zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt.
Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden
und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer
Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben
Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über
den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr
für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die
Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte
Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine
Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und
Holz gehärtet.
Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte
Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den
Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen
des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob
und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und
unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und
hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine
Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz
sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum
herab.
Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten,
Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel,
als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk
zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd
strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den
mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und
Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht
war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine
Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu
streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang
seinen Harem schirmte.
Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold
und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen
Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte
es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das
Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches
zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig
dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang
sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder
von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte
den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so
rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und
ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß
der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom
Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel
und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das
er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste
die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er
noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied
nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich
auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf
versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde
Einsamkeit hinaussang.
Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre
und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne
hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein
ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie
herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn
am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und
waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt
der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter
nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der
Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er
denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts
Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer,
und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus.
Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte.
In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer
die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf
seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die
Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich
in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen
es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über
den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den
Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn
der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig,
bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang
zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über
die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als
eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß
er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel
gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und
es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine
Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die
Schläfer zu gut.
So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit
hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild
fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben
sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im
Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle
zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen,
und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier,
wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen
gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise
pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das
hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon
nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er
von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder
gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und
dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf.
Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er
bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt
völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein
liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen,
die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken
heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der
Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach
dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn
wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab,
daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt
einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem
Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein
wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger
zu balzen.
Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich
bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen
beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch
die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine
Hinterpranten an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während
er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem
Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu
scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen
schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des
Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den
jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen
Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen,
Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz
aufhört.