Die Mäuse huschen unter den Heizungsrohren durch die Zimmer. Erschrecken
Sie nicht, wenn die Fallen klappen. Elf Uhr. Die elektrischen
Bogenlampen draußen auf den Fahnenmasten für die Verirrten dringen keine
zwanzig Meter in diese Nacht.
Das dumpfe Dröhnen sagt, daß der Neufundländer Bary vom Hebelhof diese
Nacht nicht im Schnee schlafen kann und morgen nicht seine Geliebte, die
Wolfshündin auf Herzogenhorn besuchen wird. Als wir vom Blösling das
erstemal in der Lawinenzeit unter den Wächten herkamen und uns die
schöne Frau mit dem Monocle und die beiden Badener von der Terrasse des
Blockhauses, das unten mitten in der Ebene stand und jede Minute
weggewischt ward von Schneewehen, mit Posaunen und Reiterdrommeln
begrüßten, wie lachten wir vor Wonne über die Musik, die man wie ein
Geschoß uns entgegenknallte . . . . . . aber wie entsetzten wir uns, als
über der Grafenmatte mitten im Schußfeld wir Bary zum erstenmal
erblickten, der unfehlbar einem schwarzen Bären glich, und wie umfuhren
wir ihn mit entsetzten Schwüngen.
Denn der Wechsel von Licht und Schnee war so gespenstisch, daß uns kein
Tier der Urzeit erstaunt hätte, wäre es aus diesem von Sonnenkanonaden
und Luftspiegelungen durchwehten Tag aus der Landschaft
herausgetreten, über die wir wie Götter herabkamen, achtzig Kilometer
Stundengeschwindigkeit, auf Hickorys, immer neue schier unabsehbare
Terrassen von Hängen hinunter. Nun sitzen wir auf den Fenstern und
starren bei Kerzenschein in die Nacht. Kommt uns ein Echo zurück aus dem
Brausen?
»Was nun ist deutsch?«, fragt Ihr Auge, Mijnheer, frug es schon oft an
meinem. Frug es, als man den jungen Springer vom Hügel gestern brachte,
der, als die Chirurgen die scharfen Knochenenden in den Oberschenkel
zurückspießten, Ziehharmonika spielte. Es war schneidig, doch ich sah
dasselbe bei Blériot. Sie frugen, ohne zu reden, das Gleiche, als hinter
Konstanz ein Rotbart ins Coupé schaute und ehe er Platz nahm, schrie:
»Sind Juden drin?« Das war nur untermenschlich. Sie sagten einmal, daß
in Ihrer Jugend in Grénoble, als französische Studenten den wahren Mut
der Deutschen bezweifelten, ein alemannischer Skulptore vor Ihren Augen
am Tisch des Cafés sich die Brust aufschnitt. Das war barbarisch aber
nett. Nicht deutsch. Nun fragen Sie ernstlich und wollen eine Antwort,
rund und klar und voll Verantwortung. Das ist nicht leicht. Das ist
unmöglich.
Was ist italienisch, was spanisch? D'Annunzio oder Michelangelo?
Cervantes oder Goya? Ein Teil jeder Nation würde jeden dieser
Reflektanten bestreiten. Die Deutschen haben aber sogar in der
Gesamtheit den Sinn für das wirklich nationale Grundgefühl verloren und
sich falsche Götter aufgebaut. Goethe ist eine völlig romanische
Mischung. Und Schiller hat das Pathos, nach dem sie sich vergeblich
sehnen, weil sie es nicht wie die Romanen im Blut besitzen. Die Weimarer
Tradition hat mit keiner deutschen Vergangenheit irgend etwas zu tun.
Diese Klassik ist der stehengebliebene Wunsch der deutschen Germanen
nach der südlichen Erlösung, der sie früher mit Schwerten und Kreuzzügen
dienten. Rodin, der bestimmt Germanisches in seinem Wurf besaß, hielt
die griechische Kunst nicht für mehr als gute Geometrie. Ein wahrhaft
innerlich deutscher klassischer Stil würde nie bei dem von Pelasgern
bewohnten Griechenland anfangen, die uns bei allem Neid auf ihre
Vollendetheit so wesensfremd sind wie Chinesen und uns nur durch die
Renaissance als Blutsbrüder vorgetäuscht wurden. Sondern er würde sich
in jener Herbe erfüllen, die von den Domportalen her, von Mäleskirchner
und Cranach, den Sängern des Nibelungenliedes, von Ekkhart, von
Fischart, von Grünewald ausgeht und aus einer barocken Fontäne in einen
stillgewordenen Himmel hinein sich formt.
Eher ist der Bamberger Platz bei all seinem Chaos deutsch, der immerhin
einen Riesenwurf darstellt von dem romanischen Geist des Doms an über
die Paläste der Renaissance und des Barock bis zur Schlußgestaltung des
monumentalen Raums, als daß Deutsch sich offenbare in jener
nichts-als-harmonischen Geste, auch wenn sie die größte Begabung, die je
den Deutschen ward, zelebriert.
Dazu braucht es anderes Klima und anders vor Wonne des reinen Seins
geschüttelte Himmel. Das Deutsche hat immer als Reiz, selbst in seiner
landschaftlichen Atmosphäre den unbestimmbaren Hintergrund getragen, und
war immer fern der farbigen Plastik, mit der die Südländer ihre Gebärden
schließen. Constant, der gescheiteste Franzose, der gleichzeitig
Deutschland, in dem er Jahre lang hörig hinter der Staël herreiste, heiß
liebte, hat Goethes zentrale Schwäche rasch durchschaut. Denn er spürte
unfehlbar, wo das schönste Genie der Deutschen abbog von seiner
Bestimmung, die Menschen in Liebe zueinanderzuführen, indem es keine
Stellung nahm zu ihren kriegerischen Konflikten, und statt in den
geistigen Kampf zu jagen, einbog in die Verherrlichung einer Klarheit,
die bei Deutschen nie Inhalt sondern nur Fassade sein konnte. Constant
hielt den »Faust« daher für eine Verhöhnung des Menschengeschlechtes und
stellte Voltaires »Candide« darüber, den er zwar gleich unmoralisch und
dürftig aber geistreicher und besser gemacht fand. Teutonische Ajaxe
werden dies Urteil unerhört finden, weil sie die Welt nur zwischen Elbe
und Rhein und mit viel Vorurteilen gemalt sehen. Es ist jedoch nur
gerecht. Denn andere Völker sehen mit Puppille, wie ihre Leidenschaft am
idealsten sich in der entsprechendsten Form löst.
Die Deutschen haben aber keinen Sinn mehr für ihre Eigenart, verehren
Götter, die keine sind und Heroen, die sich als Puppen aus falschen
Sentiments entschleiern. Deutsch ist daher fast nie, was die heutigen
Deutschen lieben, deren Andachtsheißhunger vor allem Anders-Seienden sie
in Ideale hineinreißt, die andere, nur nicht sie selbst besitzen. Sie
lieben entweder das Sentimentale, das klassisch aussieht, im Grunde aber
Lüge ist. Oder sie verehren das unvollkommen Dunkle, das nicht das groß
Barocke, sondern die eitle Ohnmacht von Narren ist, die ihre Schwäche
damit verbergen. Stellen sie aber einmal ein Denkmal von Qualität auf
ihre Landschaft, in der die verlogenen Feldmarschallbilder des Tuaillon
mit erbärmlicher Glätte neben dem Kölner Dom stehen, so stellen sie
Figuren Meuniers auf die Frankfurter Mainbrücke, die zwar Kunst sind,
aber den nationalen Ausdruck wallonischer Fischer und nicht deutscher
Seeleute ausdrücken.
Deutsch ist nicht das unvollkommen gestaltete Klare, sondern das im
Dunkel ringend Gebaute. Deutsch ist nicht der magyarische Melancholiker
Lenau aber etwas an Grabbe. Deutsch ist nicht Herr von Münchhausen, der
einfach einen Panzer umtat und blödsinnig mit kriegerischem Gebrüll das
Maul aufriß, wie er es für adlig hielt, aber sicher etwas von Richard
Dehmel. Deutsch ist nicht etwa jener mit Kothurn auftretende Gott der
Langeweile, der mit Paul Ernsts gesammelten Schriften am Arm erscheint,
aber sicher etwas von der Malerei des Max Beckmann. Deutsch ist nicht
das dumme hohle Zeug, das mit klassischem Jambus Herr von Wildenbruch in
anständigster Gesinnung verbrach, aber sicher etwas in den tollen
Phantasien des Architekten Poelzig, dem Deutschland keine Bauaufträge
gibt. Deutsch ist vor allem nicht Gerhart Hauptmann, aber sicher etwas
in Wedekind.
Was hat gerade diese sehr starke Begabung des Naturalismus, dieser
Schlesier Hauptmann Unrechtes getan, daß ihn die jüdischen Literaten aus
Respekt vor seiner arischen Rasse als Repräsentanten deutschen Wesens
der Welt mit begeistertem Finger zeigen? Er ist der blendendste Beweis
für den Irrtum, alles Halbe und Sentimentale, alles Greise und
Weibisch-menschliche sei Deutsch, wenn es nur von Mondschein und einer
gewissen hellen Hilflosigkeit übergossen sei . . ., während der
blitzende Genius Wedekind, der sich ohne weiteres in die Kette der
barocken Meister einordnet und der aus dunkelster Wirrung ein
metallisches Werk hingab, von allen Hunden und Untermenschen
Deutschlands noch heute zerfetzt wird. Was hat die badische Exzellenz,
der Wirkliche Geheime Rat Dr. Hans Thoma Unrechtes getan, daß er, der
den Schwarzwald wahrlich mit einer Fülle des Gefühls wie wenige malte,
aber ungeheuerliche Dinge an Heiligen und Madonnen nebenher, daß an ihm
bewiesen ward, Mondschein und Geige und jene penetrante Innigkeit der
falschen Sentimentalitäten sei alleinig deutsch. Ach die Deutschen
haben, als ihre Gesellschaft sich scheinbar in kleinbürgerlichen
Behausungen konsolidierte, sich Markenschilder und Klischees ihres
Wesens so anfertigen lassen, wie es ihren wirtschaftlichen Sehnsüchten
am geeignetsten schien und sie sind vom Heroischen mit kalkiger Angst
zum Sentimentalen gelaufen und haben der Antike, die sich ihnen in den
Klassikern offenbarte, einige Denkmale der Huldigung unter der Adresse
des deutschen Genius gesetzt.
Man schuf eine Waffenbrüderschaft für alles Dilettierende und
Epigonenhafte, das sich »naiv« gebärdete und erschlug die fabelhaften
Wölfe der Sprache, wo sie in die Wälder kamen. Man verdarb mit falschem
Zucker den Geschmack und hetzte die Mittelmäßigen auf das Ungewöhnliche.
Man begann alles Unzureichende, soweit es auf Klarheit oder Erlösung
sich färbte, als deutsch zu flaggen und alles Dramatische und Glühende
zu hassen. Man liebt den Jungnickel mit den Papierblumen in der Hand,
aber man will nicht den jungen elsässischen Dionysos Schickele. So war
man für Freytag und gegen Nietzsche. Man schwärmte für Paul Heyse aber
ließ den Günther krepieren. Man liebt die koiffierten Sänger des Rheins
von dem Scheffel bis zu den Lauff und Bloem und Herzog, aber man ist
gegen Heinse, gegen den Büchner, gegen den Eisenkonstrukteur Georg
Kaiser und man nimmt Romantik (wo es ins Übersinnliche schon geht), nur
durch die Verlegenheitsform der Musik.
Die Deutschen halten es mit der Dichtung wie die Weiber mit den Männern,
die, wie Jean Paul meint, stets mehr den Bürger als den Menschen achten.
Sie haben sich deutschem Wesen ganz entfremdet, haben sich von den
Stilen entfernt, die ihr vielspältiges unruhvolles Wesen am deutlichsten
geben, haben sich gegen die großen Formen erklärt, in denen germanischer
Wuchs heroengleich in den Horizont sich trotzte und haben aus
angestrichenen Fellgermanen mit Lippenrouge und Trikotbäuchen sich eine
germanische Vergangenheit im Stile Richard Wagners, und aus
unbestimmbaren qualvoll süßlichen Stimmungen klassischer Schlichte eine
Gegenwart gezimmert für den Begriff des Deutschen, der niemals, der eine
wie der andere, auch mit einer Ahnung nur am Leib der deutschen Dichtung
war.
Es ist leichter zu sagen, was nicht deutsch ist, als das, was es
ausmacht. Die Deutschen halten sich für schlicht und sind immer
Verzweifelte gewesen. Sie haben keine Kultur, aber einzelne
Herrlichkeiten. Ihre Haltung ist jener der Skandinaven unterlegen, ihre
Grazie jener der Österreicher, ihre Motorräder, Tennisschläger, Kleider
jenen der Engländer, ihr Weltdrang selbst dem der dickblütigen
holländischen Germanen, ihre Parfüms den Franzosen, ihre Tänzerinnen den
Russen, ihre Boxer den Niggern. Auf ihren Theatern pissen die Akteure,
wie Heine sagt, mit den Herzen, während die Briten mit den outrierten
Bewegungen der Shakespearezeit, die der Franzosen mit dem durch Ironie
durchsüßten Pathos des Racine spielen. Ihre Maler malen den Kosmos, aber
nicht nationale Farben und nicht ein gelungenes Weltbild ihrer Rasse.
Der Kunsthändler Flechtheim hatte nicht unrecht, als er, der völlig
französisch orientiert war, durch eine Ausstellung wildester moderner
Kunst der Deutschen gehend, ausrief: »Herrlichkeiten, meine Herren, zwar
keine Malerei und ich ahne es nicht, was es sein soll, aber ich glaube,
daß es vorzüglich ist!« . . . denn er zollte unbewußt neben dem Spott
dem dunklen Trieb der echten Deutschen, sich mit Figur und toll aus dem
Dunkel hochzuwühlen, den Tribut.
Da erscheint die Erinnerung jener Fanatiker wieder, die von den
Dombauern bis zu Jean Paul sich zu jenem Barock im Ausdruck
durchzuschlagen wußten, das auch die Strenge der Gotik und die Süße des
Mittelalters umschließt. Damit seien aber im selben Atem die Überläufer
gestäupt, die aus dem Unvermögen, sich auszudrücken, in jenes gescheite
problematische Dunkel des Geschwätzes sich hüllen, das ein deutsches
Publikum genau so begeistert und unverstehend aufnimmt, wie es erregt
die Hände faltet, wenn Herr Bonsels sich auf Seele und Idylle frisiert.
Im Grunde sind das die gleichen Täuschungen, nur daß die verquollene
Geste die raffiniertere und spekulativere ist, ihrer beider Verfasser
aber Charlatane, die von den jüdischen Literaten wenigstens die
Psychologie gelernt haben, die diese in die deutsche Dichtung
importierten: ihr Publikum genau zu kennen und zu bewerten.
Es gelang ihnen auf der ganzen Linie. Denn da es tragisches Schicksal
deutscher Dichtung ist, unvollendet und fast an der Spitze der
Vollendung abzubrechen und Torso zu bleiben, vollbrachten sie das
Fälscherstück, den Torso überhaupt als das typisch Deutsche
auszuschreien. Diese Komiker, die als Hamlete auftraten, vergaßen, daß
es dem Unbestechlichen immer noch leicht ist, unverständliches und
aufgeblasen gemurmeltes Zeug zu unterscheiden von einem metallen
geglühten Stück Kunst, das nur an der Kulturlosigkeit der Zeit
zerbricht.
Ja selbst, wie das gemeinhin leicht, aus dem Wesen der Frau die Statur
des Volkes farbenklar zu erkennen, ist uns versagt. Die germanische
Rasse ist bei den Britinnen viel klarer in der Zeichnung, anmutiger bei
den Wienern, von geistreichster Grazie bei den schönen Frauen der
Skandinaven Schwedens gezüchtet. Dennoch traf ich in der Heimat
unvergleichbar lichte Frauen, zusammengesetzt jedoch aus
Unbegreiflichem, mit vernichtenden Widersprüchen selbst in ihrer Anmut,
unbestimmbar in ihrer Rasse und ihrem Wesen schon eine Stunde nach ihrer
Entfernung.
Aber aus Erinnerung an sie formte sich plötzlich nachträglich die Idee:
das war die Deutsche. Doch es war ein Hauch nur, unerklärlich. Aus einer
Handlung der Gegangenen kam plötzlich ein Echo: das war sie. Schon
entflohen, schon nicht mehr gestaltbar. Fast ein Traum und doch eine
Gegenwart. Ein Abglanz vielleicht, der bleibt und den man nicht sieht.
Aber man weiß dennoch, auch wenn man es nicht bestimmt, wenn man es
nicht enträtselt: das gibt es. Das ist schon viel!
In Lyon traf ich in einer gebildeten Gesellschaft einen Kaufmann, der
dachte, preußisch und deutsch sei zweierlei. Er hatte Recht wider
Wissen. Preußisch ist leichter zu fangen als deutsch, es ist auch an
Tiefe nicht so dunkelschön. Immerhin, es besteht, wenn auch nur als
Erbteil von Potsdam. Mein Vermögen, meine geliebtesten Dinge gäbe ich,
wenn ich auf Monate in fernes Ausland müßte, eher dem preußischen
Granden, dem älteren General der aussterbenden Generation als einem der
in Gesinnung der Menschenliebe bramarbasierenden Internationalen, so nah
diese Ansicht mir steht. Ich bin für die Tradition und ich weiß, daß
diese Ehre früher über den Tod hinaus unverbrüchlich als Weltbild der
Samuraikaste der Preußen eingebrannt war, während ich nicht ahne, ob
hinter dem Gesicht der Bruderliebe dieses oder jenes mehr steckt, als
daß damit alles zu gewinnen und nichts zu verlieren ist. Das Ehrgefühl
des preußischen Offiziers hatte früher Weltgeltung wie eine gewisse
Treue der Germanen und darum ist Lessings »Minna von Barnhelm« das beste
deutschgeschriebene Lustspiel, weil wahrhaftiges auf beiden Beinen
aufgepflanztes Weltgefühl hier tragisch gegen alle Seiten der Windrose
rennt . . . so langweilig und trocken das Stück auch sein mag, und so
sehr die Franzosen sich unter ihm krümmen, denen seine Klarheit und
Gescheitheit überhaupt erst die Voraussetzung zu Dichtung scheint,
während sie hier das Ende und Ziel schon ist. Man darf sich nichts
vormachen. Wir sind, ohne Boden unter uns, um Jahrhunderte gehandikapt.
Es gab keinen Olymp bei den Deutschen, wo der Chor des Volkes und der
Götter sich mit den Musen band, um im Zug vereint immer wachsend in
einem unbeschreiblichen Hymnus die Kraft eines ganzen Zeitalters, die
Götter und Heroen an der Spitze, zu gestalten. Einmal nur spielten in
der Feinheit des Glücks die Dinge und die Menschen in organischer (nicht
goethescher) Harmonie aus dem Bodenschoß des Landes her kurz ineinander,
als in geheimnisvoll durchbluteter Fülle die Kraft seines Geistes so
ungeheuer glänzte, daß die gotischen Götter von den Kirchen
niederschritten, daß fromm und tapfer das gleiche Wort schien, daß in
Schöpfungsmut die Vögel diesen kurzen Sommer mit den steinernen Heiligen
um die Wette musizierten und die Engel Zeitgenossen der Erde geworden zu
sein schienen.
Damals war das Helle und das Dunkle geeint, und die barocke Kraft hatte
eine Flut von Licht in die Dunkelheit deutschen Wesens gesprengt, daß
das Jahrhundert schwebte, wie von seidiger Luft gebildet aber wie von
Stahl in der Rundung genietet. Die Wage war aufgestellt zwischen der
Kraft und der Seligkeit, und wie auch das Ringende tobte, gesellte sich
zu endgültiger Form ihm die Idylle. Die Strophen des Vogelweiders hatten
jenes unersetzliche Gleiten aus den mythischen Schatten in die
kristallene Lichte. Und wo sie geschliffen wie Glas in Bögen sprangen,
war hinter ihnen noch das Blau der Schatten sichtbar, aus denen heraus
sie sich rangen. Und über dem Rhein stand ihren hellsten Lichtern das
dumpfe Schwälen Wolframs gegenüber, den aus dem Leichten es in
wundervollem Abwägen schicksalshaft stets ins Dunkle zurückzwang.
Eine Kreatur blieb dann zurück, durch die Jahrhunderte der
Zersplitterung hindurchgerissen, deutsch genannt, nicht mehr bestimmbar
mit Kreis und Logik, mehr kühn wie gelassen, mehr zerbrechend als weise,
schon etwas lorbeergeschmückter Barbar aber nie ganz Christ, doch stets
voll Leidenschaft nach Erkenntnis in seinen besseren Exemplaren. Das gab
Temperatur, aber noch nicht Guß und Statur. Das ward wohl aufgebrochener
Acker, aber nicht Ernte. Es gab durch die Jahrhunderte hindurch keine
Kette von jungen Helden, aber Kreise, die ohne Zusammenhang, aber wie
die Jahrringe der Bäume umeinander gegürtet, die ewigen Quellen
umringten. Und in der Isoliertheit voneinander gab es mehr mörderisch
Verzweifelte als Jauchzende und es gab die kleine Menge derer, die
zwischen den Pfäffischen und Geschickten, zwischen den Satrapen und
Gauklern der Dichtung mit Genie das wirre Schicksal in Figur zu bringen
suchten, in dem unsere beste Hoffnung liegt.
Sich ins Groß Barocke hinein zu äußern ist sowohl Schicksal als auch der
gemäße Stil für das Deutsche. Die Chauvins, die ihm die aufgemalte
italienisierende Statuenpose zuerteilen wollen, möchten am liebsten, es
gebe nur Eichendorff, wobei sie beschränkt und heuchlerisch, wie alle
falschen Radikalen, den Stoff mit der Melodie verwechseln und das für
deutsch halten, was nur Anlaß zur Kunst ist. Denn Eichendorff ist eine
jener graziösesten Verzierungen in der Architektur der deutschen
Dichtung, deren oberste Ornamente (die über den dunklen Fittigen der
Kreuzschiffe sich erheben) manchmal vor liedhafter Reinheit beben, als
seien sie nicht mehr dem Bau zugehörig, sondern lägen wie die Falter
frei in der Luft.
Es blieben immer nämlich einige Reiter und Figuren an den Firsten der
Kathedrale deutscher Dichtung durch jede Epoche hindurch übrig und genau
erblickbar, in deren Bewegtheit und linder Anmut man alle Helden des
goldenen Zeitalters wieder erkannte, dessen schönster Ritter der von der
Vogelweide war. Über den Eschenbacher Vaganten, über Günther und Hölty
und Klopstock und Malermüller und Eichendorff geht es bis zu Heine.
Zwischen den wilden Streitrufen des Thomas Murner und der Weltflucht des
Silesius haben sie den Ton und das Vollendete weiter getragen und sich
begnügt, etwas zu sein, was zwischen Schriftstellern und Dichtern die
Deutschen allein als »Poeten« besitzen, und was nicht das Deutsche, aber
eine Spielart des Deutschen ist und im Ausgleich der beiden Wagen, die
die Melodie bestimmen, die höchste und hellste Stimme ist, die der
dunkelsten und schwersten Grundmelodie entspricht.
Sie haben etwas von Beschaulichkeit, manchmal von Weisheit an sich. Mit
unmöglichen Vorstellungen von den Dingen dieser Welt beladen, sind sie
jederzeit bereit beim Anblick des Meeres, des Frühlings und der Wiesen
die Zahlenstaffel ihres Jahrhunderts zu vergessen. Aber sie sind in
ihren sinnierenden und klaren Klängen niemals jenen Rotten verschrieben,
die als Elegiker ihrer mißlungenen Karriere Hunger und Abstinenz als die
Privilege der Dichter rühmen oder als Erfolglose neidig die
Nutzlosigkeit des Ruhmes verkünden oder als klassizistische Epigonen,
die zufällig in einer romantische Periode geboren wurden, Agitatoren
ihrer Impotenz werden, welche sie dann von kleinen Schreibern und
Eunuchen der Kritik als diskrete Erfüllung deutscher Mission in allen
Blättchen loben lassen.
Sie haben nur die eine Absicht: zu musizieren. Ohne das stürben sie.
Ihre schönste Stimme hat der Dauthendey. Er war so empfindsam, daß er in
Tränen ausbrach, wenn ihn etwas störte. Er starb mit Fünfzig wie ein
Kreuzfahrer auf Java (während in Deutschland alles verhungerte) bei
guter Nahrung inmitten phantastischer Natur, vor Heimweh. Vielleicht,
daß die Seele eines Schülers des Vogelweiders in ihn geflogen war, und
daß Herr Ulrich von Singenberg oder der Brennenberger Reinmar aus ihm
sang wie die verzauberten Vögel seiner Geschichten.
Nach soviel mißlungenen Skulpturen endlich ein Maler der Sprache,
endlich einer, der so tief aus dem Dämmrigen kam, daß er das Schaumhelle
spielmannshaft beherrschte. Er war so schön und so wichtig für seine
Zeit, daß die Deutschen ihn auf der Stelle vergaßen.
Seit »Ardinghello« aber hatte kein Deutscher diese helle Farbigkeit. Bei
den Romantikern verschwamm zwar eine gewisse Leuchtkraft in ewig schönen
Nebeln, Jean Paul hat Farbe gewiß zu riesigen Wolken jahrhundertgroß
aufgewühlt. Die hellen glatten Farben hat seit Heinse keiner mehr so
gehabt. Schon seine Valeurs bringen ihn nah ans Märchenhafte: Weiß,
Perlmutter, Silber, Gold, Elfenbein. Er kam aus dem Kreis des lyrischen
Dandy George, dessen Zucht sein Formgefühl anzog und wollte zu den
glühenden Südseefarben des Malers Gauguin. Dazwischen lag der deutsche
Naturalismus. Er hat von ihm seine Saloppheiten und das Banale einiger
unkünstlerischer Wendungen. Er stellte ihm aber eine Prosa entgegen, die
voll duftigem Atem, voll dichterischer Anmut und voll buntem Pathos war.
Endlich malträtierte Einer deutsche Erzählersprache nicht zu
Ackerdienst, sondern ritt sie in die hohe Schule. Nun fing auch die Luft
zwischen den Sätzen wieder einmal an zu leben, zu zittern und zu
glänzen. Die Taumorgen und die Rosen und der Frühling bekamen das
Geheimnis beispielloser Neuheit. Was war das Grau der Schilderer seiner
Zeit, was war die Prosa der Wildenbruch und Schlaf und Beyerlein gegen
diesen Glänzer!
Er kennt endlich wieder die Musik der Farben, er setzt sie mit den
leichtesten Kühnheiten und bekommt immer Grazie und Melodie. Seine
Farben, die ungebrochen von Weiß zu Gold gehen, wären ohne dieses
Musikalische die kühlen Schilder irgendeiner nachempfundenen Klassik.
Die schwälenden Farben von Purpur bis Mond-Orange haben schon die
Romantiker aller Länder ins Übersinnliche geführt. Bei Dauthendey jedoch
wandelt sich Weiß sofort zu Perlmutter, zu Lotos, zu Rose, zu Elfenbein,
zu tausend Spiegelungen, die so leicht zueinander gesetzt sind, daß aus
ihrer Helligkeit und ihrer Klarheit auch in der träumerischsten Luft
nichts anderes als das Märchen sich entwickeln kann, das den Vorzug hat,
ebenso deutlich wie unwirklich zu sein.
Das hat seit den »Serapionsbrüdern« auch keiner vermocht. Deren Dichter
hatte den Märchenton allerdings durch den romantisch besinnlichen Stoff
und die Form des Erzählens und eine gewisse gedämpfte Dämonie zu
beschwören vermocht. Der Dauthendey hat ihn schon von vornherein in der
Atmosphäre, in die er lediglich hineinfabuliert. Seine Sprache ist
nämlich derart ausdrucksvoll durch die mit allen träumerischen
Schattierungen, aber auch durch alle Sinnlichkeiten phantastisch
gefüllte Leuchtkraft, daß seine Figuren und Handlungen immer ohne
Bemühung ins musikalisch Unwirkliche schweben, wo die Gesetze des
Denkens aufhören, aber in einer liebenswürdigen Freiheit die
Begebenheiten sinnbildhafte klare Schönheit annehmen.
Das Geheimnis des Märchenhaften liegt in der Tat nicht im Stoff, sondern
im Ton. Der E. T. A. Hoffmann hatte ihn nach der dramatischen Wirkung
hin, der Dauthendey nach der lyrischen. Aber es kommt nur auf den Ton
an. Es kommt nicht auf die Naivität an und sicher nicht auf die Einfalt
nationalen Gemüts, wie Annexionisten dieses Literaturgebietes so gerne
träumen, und zwischen Vollmond und der Ausgabe von Grimm, zwischen Hans
Thoma und Rotkäppchen die Erde als deutsches Terrain buchen. Die besten
deutschen Märchen sind aus Asien gekommen, und ihr Ton ist wie der aller
großen Literatur international. Zwischen Negern und Eskimos gibt es nur
Unterschiede da in den Färbungen, nicht im Klang, wenn die Bäume einmal
anfangen zu reden und der Mensch durch Zaubereien mit den Elementen
kokettiert.
Von außenheran ist an das Märchenmotiv nicht zu kommen. Wer das denkbar
Einfache, das in Wirklichkeit das unausdenkbar Raffinierte ist,
versuchte, scheitert wie Oskar Wilde, der die Naturlaute mit
Spitzenhosen und manikürten Rosanägeln maskierte. Neben Dauthendeys
Neuheit ist selbst der Däne Jakobsen nur ein nervöser Empfindling, der
doch dem Märchenhaften sehr nahe kam und selbst gegen Andersen, der,
wirklich berufenen Tons, die alten Fabeln in seiner kindhaften Sprache
ohne Eitelkeit noch einmal erzählte, hat Dauthendey eine
unwahrscheinlich schöpferische Modernität.
Man war aber, als Dauthendey antrat, an das landläufige Klischee so sehr
gewöhnt, daß man groteskerweise den Ton hinter dem neuartigen Äußern
nicht erkannte. Welche Revolte, als »Der brennende Kalender« und »Die in
sich versunkenen Lieder im Laub« erschienen! Als der Mann, der die
Tradition der Märchenerzähler deutscher Erde weiter trug ins Neue,
auftrat, warf man ihm wie einem exotischen Teufel alle Bannflüche
entgegen, mit denen man den heiligen Herd schützt.
Dauthendey hatte aber alles gute Deutsche als Erbschaft in sich und
nicht zum Geringsten die Sehnsucht nach der Welt, die er durchwandert.
Er hat in seiner Heimatstadt Würzburg nicht nur die Helligkeit der Sonne
auf dem Main, sondern auch die Inbrunst der Linien des Holzbildhauers
Riemenschneider gesehen, er hat die tanzende Freudigkeit der Weingärten
und das Katholische einer flötenhaften Gotik erfahren, und er hat das
Spielmannhafte der Franken ebenso verschwenderisch wie ihre gut
fundierte Eleganz. So kommt das Mystische zu dem Sinnlichen und die
Heiterkeit des Lichtes zur Grazilität der Form, aber auch die Einfalt
des künstlerischen Blickes zu einer fast unbegrenzten Möglichkeit der
Farben. Und da er den Ton hat, der dies alles erst instrumentiert,
ergibt sich, nicht ganz erlesen oft und im einzelnen sicher nicht
vollendet, als Erscheinung aber erstaunlich, eine Prosa von nicht
genügend erkannter Bedeutsamkeit.
Auch vermochte er, was bloß die besten deutschen Epiker des Mittelalters
konnten, die ganze Welt zu sehen und in seinem Ton zu fangen, ihr nicht
nachzulaufen in allen ihren Wundern, sondern sie, fast offenen Mundes,
zu bestaunen, daß vor soviel Hingabe sie sich dem Stauner ergab.
Dauthendey hat mit heidnischster Freude, animalisch und dichterisch
zugleich, das Exotischste aus Asien und seinen Reisen gezogen, aber
seine Musik, die mit der Schönheit und der Eleganz eines ritterlichen
Spielmannes gelenkt wird, erzählt es nicht anders wie eine Aventure aus
Herrn Walthers Lusamgarten in Würzburg. Die deutschen Dichterreisenden
hingegen haben sich nur hingegeben, wenn sie die Welt durchfuhren, und
nichts dagegen eingetauscht: es war nicht der deutsche Ton, aber
wahrlich nicht die Stimme der fremden Völker; der Schwabe Hesse nicht
und nicht der Rheinländer Ewers, der Breslauer Ludwig nicht und nicht
der Holsteiner Bonsels, der Luxemburger Norbert Jacques nicht und nicht
der Frankfurter Schmitz und nicht der Schlesier Hauptmann. Der Franke
Dauthendey hat es gekonnt.
Dabei hat er nie Märchen geschrieben, indem er die bekannten Puppen
tanzen läßt. Er konnte auch dies und hat von Java her noch in den
»Heiligen Nächten« das Innigste dieser Art seit vielen Jahrzehnten den
Deutschen geschrieben. Er hat die kleinen malaiischen Kokotten und die
Chinesen und die Wunder des »Bivasee« und die sinnlichste Ausschweifung
der genußfrohen Phantasie geschrieben. Er ist einer der unbekümmertesten
Erotiker unserer Sprache, da seine Voraussetzungen so natürlich sind,
daß selbst die nacktesten Frivolitäten sein Liebreiz kostbar macht. Aber
er hat nie hinter fremden Stoffen herexerziert, sondern aus dem
heißesten Morgenland seinen zeitlosen Zauber gemacht, zum Lotos den
Tannenbaum, zum Stillen Ozean den Main gefügt und nichts besonderes
dabei empfunden, da es harmonisch war. Es gibt nur in diesem Sinn einen
Vergleichspunkt in der Gegenwart, das ist René Schickele, der, vom Elsaß
kommend, aus Rhein und Ganges den gleichen Ton zu machen versteht, weil
auch er als Nachkomme Gottfried von Straßburgs die Melodie hat und die
Farbe, die alles in sich einbezieht.
Welch ein Musikant, welch ein Farbenkenner, der Dauthendey! Welch
blitzende Haut auf all seinen Sachen und dabei in der Kontur (wie bei
Schickele) diese weiße, helle Reinheit. Er, der sich nach Schwanken
zwischen Malerei und Dichtung für die Literatur entschied und dessen
»Singsangbuch« noch die selbstgemachte Silhouette seines Kopfes
schmückt, der von Würzburg aus die Welt immer wieder durchmaß und kein
Schillern der Luft, den Geruch keiner indischen Frau und den Abenddampf
keines Tierzwingers zu schildern vergaß, der den Mond liebte und um die
Spiegelung aller Meere ebenso wußte wie um die Flamme jeder
Leidenschaft, dieser Dauthendey hat -- seltsamerweise -- nichts groß und
nichts vollendet gemacht. Auch ist Unterschiedliches im Verlauf selbst
seiner besten kleinen Geschichten, die deshalb klein sind, weil sie nur
Anlaß sind, zu fabulieren, nicht etwa, weil sie bescheiden an Umfang
sind.
Zwischen Naturalisten und artistisch gesalbten Versmachern brachte er
deutscher Prosa Licht und schwebende Farbe, Duft, Eleganz und Arom.
Endlich war ein Erzähler leicht und dichterisch, glatt und voll Welt.
Wie umschmeichelt er die Sätze, wie körperlich hautnah reibt er sich an
den Hauptworten, wie poliert er die Adjektive und wie prall und voll
Farbe setzt er das Verbum an! Zwischendurch erlahmt er zeitweise im
Geschmus. Mitten in verzauberten Worten und bei höchster Eleganz trägt
er den Vollbart seiner Epoche. Er ist trotzdem der schönste farbige
Deutsche seiner Zeit. Allerdings hat er von den Ahnen, die er fortsetzt,
wohl den Ton, aber, um gerecht abzugrenzen, nicht das Format. Gegen die
ungeheuerliche Schönheit des Mittelalters hat er nur den Sinn einer
lichten Erinnerung. Er ist vollendet, aber wie ein Schmetterling, nicht
wie ein Gott. Er hat wohl den Schmelz, aber nicht die Heftigkeit der
Couleurs. Er hat Bedeutendes, aber nicht den Zusammenhang mit der tiefen
Tragik. Er ist Aquarellist, aber nicht ein flammender Entfacher. Er ist
in seiner Mission vollendet, wenn auch nicht als groß geratene Figur
über der Dichtung seiner Zeit, sondern als sanfter Chimärenreiter der
Erinnerung, der, fast schon in Luft sich lösend, ins Spielerische seiner
Art vom Dach der Kathedrale unserer Dichtung hineinsprengt.
Hinter ihm her tummelt eine kleine Eskorte, die, wenn sie auch im
Einzelnen nicht großer Dichtung zugehört, die Liebe zum Schönen doch
voll besitzt und auch im kleinsten Werk bewußt ist, daß ihr Ehrenwort
Trouvere nichts anderes bedeutete, als den Könner der Phantasie und der
Musik des Gedichts. Ins Gigantische begabt war ein Jean Paul aus ihrem
Saft geworden. Der beste Bohème der Deutschen, Peter Hille, war aus der
Schar. Als die Fabrikhausse um ihn rauchte, die sozialen Fragen alle
deutschen Dichter fraßen (sie hatten keinen Zola), die Automobile
anfingen mit offenem Auspuffrohr durch die Landschaften zu jagen, sang
ein reiner Musikton aus ihm durch die Wälder. Er war ein Hüter des
Wortes, er lebte an Lagerfeuern und in Kabaretts und auf dem Boden
seines Landes. Aus seinen Briefen noch, die Pfennigaffären, kindische
Unwichtigkeiten stammeln, steigt, wie über die ganze Misere seiner
Person und seiner Zeit der Perlmuttglanz seiner Prosa. Sein Leben
zersprang ohne Ordnung und sein Werk kam nur auf einige Splitter, aber
wo er unterging, blieb das Durchleuchtende in dem Grau seiner Epoche,
als wüßte man nichts weiter, kaum den Namen, kaum seine Gedichte . . . .
nur daß einer der Chimärenreiter hier an deutsches Wesen streifte. Es
geht nicht verloren.
Sein südlicher Bruder in der vagierenden Weise, Zeitgenosse wie Hille
der Wallot, Bleibtreu, Hart, Henckell, Mackay, Wille, Oswald, Puttkamer,
der Kretzer, Hartleben, Hirschfeld, Halbe, Bierbaum, Gumppenberg, M. G.
Conrad (wo sind sie außer dem wüsten Panizza und dem tapferen Conradi?)
sein südlicher Genosse in der Masse der Übergangsbegabungen, von denen
keiner der deutschen Dichtung auch nur Anstoß oder sich selbst die
Berechtigung seines Daseins zu beweisen verstände, sein südlicher Bruder
ist Altenberg. Es ist fast, als breche hier die Spitze ab der
Entwicklung, denn, obwohl er den Ton hat, bohrt er ihn in alles moderne
Gekröse hinein, läßt wie zum Scherz durch Sanatorien und Pathologien ihn
zwitschern und postuliert seine seltsame Figur zur Sehenswürdigkeit der
Großstadt, daß bald der Ruf seines Gehabes, seiner Einfälle und seines
Treibens mit Dirnenverehrung und narrenhaften Vermummungen seines Leibes
fast mit Unrecht seine dichterische Note übertraf. Ja er versuchte wohl,
schlau wie die Naturkinder, den raffinierten Europäer dieses
Jahrhunderts durch seine Späße zu zwingen, sein Leben zu zahlen, jedoch,
indem er seinen Lebensstil in den Vordergrund bluffte, hielt er seiner
Dichtung eine verzweifelte Wacht. A corsaire corsaire et demi. Als
Spaßmacher entriß er dem modernen amusischen Menschen sein Geld,
dahinter schuf er neben Eduard Keyserling den einzigen Versuch eines
Impressionismus in Deutschland, der sich neben Bang und Jakobsen halten
könnte und führte eine neue, etwas alberne Drolerie in die deutsche
Dichtung. Aus Nervenschwäche und Spielmannston, aus Menschenliebe und
Verrücktheit, aus einer zeitlosen Heftigkeit seiner Gesichte und
bescheidenen Anmut des Stils machte er seine Komik, die in der inneren
Klarheit des Tons über Paul zu den tumben Sängern besserer Epochen
führt.
Auch er hielt die Hand in der Luft und in der Luft hing ihm entgegen das
geheimnisvolle Schlagwerk, das auch den Verschnittenen und Buckligen
erscheint, wenn sie erlesen sind. Die Deutschen sind ein Volk der
Zufälle, und selbst an den Unmöglichsten kann die Stunde herantreten, zu
der er auserlesen ist. Sie sind mit einer gewissen Haltung irgendwo
gestört und auf der anderen Seite voll Glanz. Sie haben, was Bonaparte
von Murat sagte, er sei ein Narr aber der beste General der Kavallerie,
oftmals scheinbar als eine der sichersten Tugenden ihrer unbestimmbaren
nationalen Eigenschaften.
Manchmal hat sich jene deutsche Melodie, da die Erwachsenen sie nicht
verstanden, zu den Knaben geflüchtet und dort mit einer Zartheit des
Empfindens den Einzug gefeiert, der, wie dem genußsüchtigen Smyndiridus
das gefaltete Rosenblatt, jede Berührung mit der Welt die Wollust
trübte. Da kommt dann in der Gebärde ästhetischer Zärtlinge, mit
primitiven aber samtenen Worten weltunwissende Unschuld des Gefühls wie
im Paradies heran. Selbst das Homosexuale hat bei Eckart Peterich einen
stillen Adel erreicht und ein idyllisches Entsetzen entsteht, wenn der
junge Dichter, dem ein sanftes Weib in der Schlafstube erscheint, zum
Lavoir flieht und mit Wasser sich begießt, statt von der Großäugigen
sich verführen zu lassen. Denn wie Kurzbold, des nahen Limburger Domes
Gründer, haßt er die Weiber wie das Äpfelessen, und aus dem Dunkel
seiner Hintergründe taucht die Welt der silbern bestickten Gobelins mit
Heiterkeit und Ruhe. Fragen der Kunst scheiden aus, wo nur die
Atmosphäre des geteilten Lichtes spricht. Man zerstört nicht den Charme,
wenn man nicht aufspießt und, indem man sich des Vergnügens nicht
beraubt, rührt man nicht an die Zerbrechlichkeit der Werte.
Etwas viel Künstlicheres ist von derselben Farbe unter dem Schweizerhut
des Robert Walser, der schon aus der unliterarischen Heiterkeit dieses
Knaben tief in die Literatur springt. Das ist ein Maler, wenn er anhebt,
und ein eitler Wissender wenn er aufhört, denn wenn er wie in ein
Stereoskop die Welt bunt hineingepappt hat, hat sie den Glanz des
Salomon Geßner verloren, dem sie nachgebildet ist, weil statt ihrer
eigenen Einfalt die gespreizte Jünglingshaftigkeit ihres Dichters darin
sitzt. Das Geckentum Walsers, der nur in ewiger Schlankheit die Welt
nicht gläubig erleben, sondern in seine Tirolerjodler hinein blasen
will, ist das gleiche wie das des Wilhelm Schäfer, nur daß der Schäfer
mit seiner breiten Brust und seinem enormen Können ein böser Raunzer
ist, der seine Verkanntheit mit naturburschenhafter Eitelkeit verbrämt.
Der Schäfer hat prachtvolle Sachen über Pestalozzi geschrieben, aber die
Dunkelheit seines Blutes genügt nicht, ihn anders als einen Epigonen des
Keller gefärbt zu sehen. Auch in den »Kammachern« Kellers sinniert
jedoch derselbe Vogelsang wie in den Jugendträumen Hermann Hesses. Und
selbst der ungeschlachte Schlesier Stehr, dieser rührende
Zu-Nichts-Kommer, hat manchmal den Wunsch, wie ein Füllen aus seiner
Elefantiasis auf die Weide zu springen. Es scheint manchmal, die
Deutschen vermöchten, wenn ein Kunstgriff ihnen die Änderung der Natur
erlaubte, sofort aus ihren Gegensätzen sich zu lösen und mit Vorzug in
der Lage zu sein, auch in der Form der Vögel zu existieren.
Aber auch die Prinzen haben sich an dem Rand der großen Symphonie
deutscher Dichtung eingestellt. Aus den Märchen schon hob sich die
leichte Grazie der mit seltsamer Jugendwürde verzauberten Edlen und
manchmal trägt einer den unsichtbaren Kranz noch durch unser
Jahrhundert. Sie sind bestimmt rasch zu sterben. In den Briefen des
Zeichners Thylmann, der Bäume und Felsen geliebt und gezeichnet hat,
hält einen Augenblick diese geheimnisvolle schlanke Würde. Er kam
ebenfalls aus dem Kreis des Dichters George, der die Barbarei beging, so
sehr es seiner salbentrunkenen Weltentrücktheit widersprach, durch
Vergewaltigung in Taggesängen und Minneliedern das Mittelalter
zurückzwingen zu wollen, das er selber nicht besaß. Seinem Schüler
Thylmann aber gelang es, auch den märchenhaften Farbton neben die
überlegene Würde des unbewußt erlesenen Menschen zu setzen und seiner
Prosa eine schicksalshafte Kindlichkeit zu geben, die der schlanken Maße
und der Reinheit der Haltung nicht vergaß.
Wurden die Prinzen früher verzaubert, genügte es ihnen, die Welt zu
durchstreifen als Bettler oder Hirtenjungen von uns unverständlicher
Grazie. Als sei des abgeschossenen Thylmann Seele in die Augen eines
anderen getreten, geht sein Geist, nur ein wenig verwildert, durch die
Sehnsucht Hans Siemsens. Denn auch dieses Vaganten Stimme hat die
gleiche Kurve, in der der Fall von Glück und Traurigkeit und das
Sichablösen der Stimmungen von der Landschaft hin und herschwingt und wo
jede Frage schon ohne Erwartung ihres Echos angestimmt wird. Denn es ist
bestimmt, daß diese Menschen unbegreiflicherweise dem Zustand ihres
Glückes am nächsten sind, wenn es ihnen am entferntesten schaukelt. Denn
es genügt ihnen, nichts zu haben, nichts zu erreichen, nichts zu
wünschen, sondern nur großäugig zu staunen und zu bewundern und
höchstens ihrer Besitzlosigkeit eine gewisse Gepflegtheit ihrer Körper
wie ein heimliches Erkennungszeichen hinzuzufügen. Wäre sein Ansehen und
sein Einfluß nicht zu deutlich, würde man den Meister in der Erziehung
zur Schönheit dieser Jünglinge, den Sammler des Maler-Zöllners Rousseau,
Wilhelm Uhde, leicht von ihnen weg zu den reinen Ästheten stellen. Es
wäre ein Irrtum. Die Breite seines Romans von »Fortunat« entspricht
allerdings nicht seiner Gewalt, und seine Ründe sicher nicht seinem
Aufbau, und es ist überhaupt bezweifelbar, ob der ein Künstler ist, der
ihn schrieb, und nicht ein Bewahrer ausgezeichneter Traditionen, die,
wenn auch überkultiviert und ein wenig blaß in der Farbe, dennoch die
leichte Lösung unserer Krämpfe eher begünstigen, als daß sie sie
bekämpften. Denn in der Ansicht mehr als im Ausdruck und in der Pflege
seiner Idee von der Melodie mehr als in ihrer Ausübung ist hier die
schlanke Grazie alter Farben gehütet, und wenn all diese Jünglinge auch
Zärtlinge sind und Wollüstige und ihre kleinen Begabungen mehr als Lohn
einer gewissen Verweibtheit als tiefer Abgründigkeitsqualen um die Kunst
tragen, so nimmt ihnen kein Vorwurf die Anerkennung ihrer Existenz, mit
der sie, wohl schmaler und feiner und unmännlicher als andere aber
lebend und existierend mit ihren Melodien hinter den Reitern des
Mittelalters her ziehen. Manche als Kavaliere wie Uhde in der Berline
mit sechs Pferden, manche mit Kindertrompeten und Drachen, die über
ihren Händen im Herbstwind steigen, manche auf gezüchteten Pferden oder
bukolischen Ziegen oder auf den Rücken ihrer Freunde, in einer fast
immer schon in dem Blau verschwimmenden Bewegung, mit dem die Luft sich
unter ihre Körper schiebt und sie entführt.
Auch auf den geschnäbelten Wikinger-Schiffen der Dichtung hat sich der
Ton gehalten, und als ob seine Galeere sich piratenhaft vom Domfirst
höbe, schwingt René Schickele seine fast kämpferisch helle Melodie. Er
ist der schönste und bewundernswerteste deutsche Dichter der Gegenwart.
Wie Schickele schreibt keiner das Deutsch, daß es Prosa bleibt von
aquamariner Dichte und doch Gesang. Sein Buch »Mädchen« sind die
schönsten und reinsten Erzählungen unserer Sprache seit Jahrzehnten. Er
hat die Fülle seiner elsässischen Heimat zu der fliegenden Kraft seiner
Sätze gezogen, und was die anderen alle an Kunst nicht erreichten,
sondern an Anmut nur wiesen, hat er mit einer schmetternden Kühnheit
auch an dichterischer Gewalt noch seiner Eleganz hinzugefügt. Hinter ihm
wendet mancher sein Gesicht um in die Zeit. Da beginnt schon Gegenwart
und manchmal grenzt das Träumen der Jünglinge schon an die Weite der
Welt und nimmt den Kopf in die Hand und denkt nach. »Karlos und Nikolas«
ist die Geschichte zweier Jungen von einem gewissen aus Argentinien
gekommenen nach ihm zurückgekehrten Rudolf Johannes Schmied, aber die
Deutschen sollten dies Buch kennen wie die Franzosen Daudets »Lettres de
mon moulin« oder den »Tartarin«. Hätten sie Sinn für die Bescheidenheit
und zugleich Sicherheit gegenüber der Welt, für Phantastisches, das mit
Belehrendem sich mischt, für die Eleganz ihrer Schwächen und die Größe
der Welt und die Anmut selbst in der Verzeichnung ihrer Typen, in
Schulen und Auswärtigen Ämtern würde dieses Buch aufgestapelt. Ach die
Deutschen flüchten lieber, weil sie den Glanz ihres tieferen Wesens auf
dem Grund der Dinge nicht mehr sehen, zu den Plakaten, reißen sich um
antisemitische Schmarren des Herrn Dinter, um erbärmliche
Schlachtgeschichten des Bloem, um Borussiaden, die nur das Fatale, nicht
das Edle der Preußen zeigen und wenden sich wie von läppischem Unrat von
ihrem eignen Herzen. Seltsames Volk, das sich mit den Klappern der
Wilden Götzen baut, wo es Götter hat.
Einmal mischte sich die alte zärtliche Melodie sogar mit Handlung und
Urteil. Über Schmieds Distanz zur Welt geht Robert Müller zum Angriff.
Er ist primitiv und raffiniert. Seine Frische hat eine sportlich
gepflegte Gedanklichkeit. Aber sein Naturburschentum ist nervös. Wo er
an die Grenze des landschaftlichen Dichters kommt, fängt der in großen
Zusammenhängen kombinierende Journalist an. Wo die Gefahren des
Reporters liegen, steht seine Tatkraft aufgepflanzt. Denkerisch bringt
er im »Barbar« manche Kühnheit, handelnd einen Pfauenschwanz von Zeit.
Dazwischen geht der Ton des Dauthendey wie auf Wiesen und läuft,
bestimmend zwar und wichtig, aber fast unsichtbar zwischen trainierten
Muskeln und geschultem Hirn in die europäische Arena, einer Troyka
gleich, deren Außenpferde ziehen und deren drittes nur schön ist und die
Richtung gibt, sonst nichts.
Ich bin nicht der Chargé d'affaires der Süßlinge. Ich erwarte kein Heil
der Zeit von den Troubadouren, und meine Zweifel an der Kraft der
Gefälligen sind wie meine Eigenliebe groß. Ich glaube nicht, daß die
Homosexualen uns in das Glück führen, wie die heilige Schar der
Thebaner, die nur aus sich Liebenden bestand, aber ich weiß, daß ihre
Manieren besser sind und ihre Instinkte manches Männliche behielten, was
die Robusten vergaßen. Absurd zu denken, daß ich den Knaben die Flöte
halte, um deutschen Himmel damit zu ersingen. Selbst Don Quichote mußte
sich gegen die Galeerensklaven sofort verteidigen, denen er selbst die
Freiheit gab und ich muß die Winkel richtig stellen zur Schau.
Indem ich den Irrtum nehmen wollte, Klassisches oder Naives sei typisch
deutsch, verlangte es mich die Verzierungen zu zeigen, die den wahren
stillen Ton der Deutschen tragen neben den Falschen, die die Masse hört.
Diese Sänger, die die Kette zum Vogelweider irgendwo selbst in der
einfältigsten Blässe immerhin binden, sind nicht das Bild des Deutschen,
sondern sie sind die leichten Schönheiten des Schaumes, die nur anzeigen
in ihrer Anmut, mit welchen gigantischen Donnern das Element darunter
liegt. Die schönen Chimärenreiter blasen die rosane Melodie auf den
Firsten, um die dunkle Schönheit der Kathedralen unter ihnen und ihr
gewaltiges Wachstum um so schöner zu beweisen. Ihre Töne kamen wie
Blasen manchmal ins Urbane, sogar bis ins Bewußte. Aber unter ihnen
liegt die unentbundene und ach vielleicht nie entbindbare wilde Kraft
der deutschen Bestimmung.
Ach was wissen Sie nun, Mijnheer? Sie haben geträumt, gerochen, aber
nichts gefaßt. Wie sieht ein Deutscher aus? Sie wissen es nicht. Ein
Dicker, ein Bemonocleter, ein Tapferer, ein Schmalhüftiger, ein
Zärtling, ein Hanswurst, einer mit Blumen am Hut, ein Amokläufer? Ich
weiß es nicht. Ich ahne es kaum. Wenn Sie mich gut verstanden haben,
werden Sie ihn dennoch erkennen in der Welt, des bin ich gewiß.
Manchmal, nicht selten, begab sich nämlich das Geheimnisvolle, daß mir
war in der Fremde, ich träfe Deutsches unter den Söhnen anderer
Nationen. Ich vertraute, ich liebte, ich wurde wieder geliebt, und ich
erklomm die Höhe manches Glückes. Aber ich fand dagegen unter den
Kindern meines Volkes, am Rhein, am Neckar und den Seen meiner
Segelzeiten alle Fehler gehaßter Völker, ich wurde gehaßt und bekämpft
und verleumdet. Ich starrte oft, wenn ich die Gaffel am Mast nach den
Launen der Böen studierte, in einen namenlos entfremdeten Himmel über
Bayern, aber ich fand in der Welt der Fremde oft deutschen Himmel voll
Reife und Glück, die ich in Deutschland nie sah. Deutsches zu finden
kann heißen vielleicht, in die Welt zu gehen und ist nicht abzumessen
und anzugliedern vorerst nach Bau und Hand. Deutsches zu gestalten wird
heißen, es aus der Welt und gereift zurückzutragen in die Heimat, aus
der wie ein zersprungener Stern sich das Volk der Germanen über die Erde
stürzte und Afrika, den Norden, Spanien, Asien und die Slawen mit seinem
Blute düngte. Europäische Luft dringt durch die Kerzen herein, die unter
dem Bewußtsein des Sturmes allein schon beben.
Sie sind fast abgebrannt. Wir haben lang geredet, selbst die Mäuse
schlafen und die Vögel haben sich beruhigt. Die Alpen waren gegen Abend
einen Augenblick lang aufgebrochen mit entflammter Idee, ihre Figuren
geteilt wie Heroen, dann sank die rote Dämmerung über die Bäume, die
unter den Lasten des Schnees schon tropischen Wäldern gleichen.
Phantastische Palmen haben sich den großen Fichten gesellt und die
Weiden tragen eine gläserne Gespenstigkeit, als kämen sie wie ein Traum
von Hawai, wo die Bäume nicht nur die Form der Orchideen, sondern auch
die Vielfalt und tolle Kraft der Träume tragen.
Ich liebe die Eifel, die Rhön, die Vogesen, den wilden Karwendel, die
Alpspitze, den Schwarzwald, ich liebe alle Gebirge der Heimat, die ich
durchwandert, befahren, überflogen seit meiner Kindheit. Aber oft stieß
ich an Berge der Fremde, an Meere, die daran mit Größe und funkelnd sich
schlossen, an Prärien der Freude, und ich dachte nicht der fremden Namen
und der anderen Sprache, sondern dachte: auch hier ist Deutschland.
Und ich empfing die gleiche hinreißende Liebe wie zu einer Eroberung der
Schönheit und ich verstand immer wieder den Wandertrieb der Germanen,
die so sehr schließlich ihre Heimat überall empfanden, daß sie glaubten:
wo auch immer es gut gehe, sei Deutschland gepflanzt. Es gibt keine
deutsche Sehnsucht, die nicht in die Welt hineinführte, aber keiner hat
verstanden, sie erfüllt aus der Welt zurückzutragen und damit an ihren
Menschen zu bauen. Darüber zu trauern, ist chagrin de luxe. Es ist
Bestimmung und Tragödie, das ändert kein Gefühl.
Wie sollte der Deutsche aussehen, den ein Wunsch im Innern unbewußt
gestaltet? Der Fürst Pückler Muskau hatte etwas von ihm, der zur Melodie
der alten Sänger die Bildung eines Seigneurs legen konnte und dem noch
die Haltung des Briten und die Gewandtheit des Romanen hinzufügte. Ich
vertrieb einmal, in den Gartenpavillon eines englischen Diplomaten
tretend, den Besitzer, allein ich sah noch, daß er im Kimono floh, um
sich anzuziehen. Neben dem Tisch seines Frühstücks aber lag eine Karte
der Welt mit allen Festungen, Flüssen und Schiffahrtslinien und den
Küsten und Städten aller Kontinente neben einem diplomatischen Bericht
und den Oden des Horaz.
Das war ein Mann, der das Leben, das Geschäft und die Muse mit
überlegener Würde anmutig zusammenhielt. In Schumanns Briefen steht er
unbewußt einmal im Umfang ähnlich, an Figur noch klarer gezeichnet, wo
dieser Musiker träumt von einem Mann, der zu Fuß Moskau, Rom, Marseille,
Hamburg und die Welt dazwischen durchwandert habe, gut sich kleide,
Thukydides lese, Algebra treibe und musiziere. Das ist die Zukunft, die
wir hoffen, aber zuviel schon der Hoffnung. Die Kerzen sind aus. Aber
der Sturm hat kein Ende.