Die zweite Nacht

Halten Sie die kleine Mannpistole gegen die Lampe auf den Fahnenmast,

visieren Sie genau, so entdecken Sie einen hellen Punkt. Er bewegt sich.

Es ist die Diva, die sich dem Schnee aussetzt.

Um acht Uhr öffneten sich die Türen zu dem Glasabschluß und in den

Speisesaal kamen die Filmer, die seither, geschminkt in der Arbeitspause

unter sich speisten. Man applaudierte ihren Einzug, zwischen den Damen

in übermäßiger Toilette kamen die berühmten Allgeier und Schneeberger

und Schneider-Sankt Anton und stampften mit den Füßen. Es schien,

zwischen den sportliebenden Leuten der Gesellschaft, den Weltdamen des

Films und den Schneeschuhheroen werde eine Stimmung sich entfachen von

der leisen Heiterkeit des Kamins, aber es wurde nur Katastrophe. Es gab

keinen gemeinsamen Ton, die Skiläufer waren zu laut, die Filmweiber ohne

Gefühl für die ihnen provinziell scheinenden Damen der Gesellschaft und

diese hatten von vornherein den Verdacht der Eingesessenen gegen das

fahrende Volk. Die Musik rettete mit einer silbernen Kaskade neben der

sie noch überzitternden Stimme einer italienischen Dame den Abend und

gab mit dem wechselnden Überglänzen des Flügels und des Alts ihm einen

gewissen Abschluß.

Sie hatten wohl alle die beste Absicht und suchten es sich zu bezeugen,

aber sie gelangten alle nicht über die Grenze ihres Blutes, dessen

vielfache Gehemmtheit Deutschland mehr zum Feldlager von Condottieri als

zu einer Nation macht. Wen haßt der Deutsche mehr wie den Deutschen und

wen kennt er weniger wie seinen Nachbarn? Wie nobel beweist sich

manchmal sein Herz zu den Feinden und welche Voreingenommenheit und

welche Ungeheuerlichkeit speit er dem Bruder ins Gesicht. Wenn Sie genau

zusehen, werden Sie bemerken, daß die Diva in den roten Radius der Lampe

geraten ist, und wenn Sie wollen, werden Sie spüren, mit welcher

Bewegung sie in die Skiablage eintritt, denn sie reckt ihre Brust und

den Nacken hoch und es ist als folgten geschmeidig die Hüften und die

langen Schenkel, genau so, als bemühe sie sich in der liebenden

Umklammerung einer Schlange aufzusteigen. Welche Rasse. Diese Filmbanden

sind ein glänzender Nachzug jener wandernden Trupps in grünen Wagen, die

Theater ins Land brachten, wenn auch das Tempo ihrer Automobile, der

Schmuck ihrer Weiber und die Schecks ihrer Arrangeure andere Ansprüche

dem Schicksal entgegenstellen als früher jene Lust geschundener

Komödianten zu stellen hatte: nicht tiefer geachtet zu werden wie die

Zigeuner, dafür aber Kunst machen, lieben und bieten zu dürfen. Die

prächtigen Intelligenzbärte und alle Schleimsuppen des Geistes haben

sich im Namen der Musen nicht zurückgehalten, »Stellung zu nehmen« und

den Film als unwürdig abzudonnern.

Die armen Schlauen haben ihr Geschütz falsch gerichtet und mit einem

Mörser einen Sperling erschossen und triefen vor Zufriedenheit wie alle

falschen Nimrods. Niemand hat die Behauptung so formuliert. Film ist

keine Kunst. Aber er macht Vergnügen. Daher beschäftige ich mich mit

ihm. Er ist die zweitgrößte Industrie des Landes und bewirtet die

schärfsten Intelligenzen der Akteure, Regisseure, Techniker, daher

interessiert er mich in seinen Möglichkeiten. Ich weiß, daß ein Husten

Bassermanns mehr ist als die Film-Zauber des Nils. Aber es verlangt mich

gelegentlich auf Seglern das Meer vor Nizza zu schauen, oder den

Pullmanzug durch die Prärien rattern zu sehen und angewidert von der

Arroganz und Erfindungslahmheit der zeitgenössischen Dichter eine

Handlung in fabelhaften Kurven vor mir hinsurren zu spüren.

Ich ziehe es vor, ein Drama in Verfolgung und Erschießen im Ballon und

die Maskierung von Verbrechern atemlos zu verfolgen als im Theater

erleben zu müssen, wie Gerhart Hauptmann sich die seelischen Konflikte

der Azteken Mexikos vorstellt -- und ich achte staunend lieber darauf,

wie von Häusern herabgeklettert wird und mit welchem Anstand man heute

doch noch irgendwo scheinbar lebt und Haltung behält, reitet und schießt

und das Ganze im Bildflimmern zusammensetzt, als daß ich

schlafmohnumwunden die Dreizehn Bücher der Deutschen Seele von Wilhelm

Schäfer lese. Wer Saphire in ein Zahnrad schmeißt, ist ein Idiot, wer

Kunst in den Film trichtert, den weise man aus der guten Gesellschaft.

Ich bin für den Film, wenn es mir Lust macht, und dagegen, wenn ich

Unbehagen habe. Ich tue ebenso tausend andere Dinge, die mit Kunst

nichts zu tun haben, ich reise, ich spiele Croquet, ich beschäftige mich

mit meinem Hund und niemand wird mit mir über Kunst dabei diskutieren,

sondern höflich bei seinem Thema bleiben. Es blieb den deutschen

Dichtern vorbehalten, die so weltunwissend wie abgründig in ihrem

Ausdruck sind, daß sie, die unter maßloser Überschätzung ihres Berufes

leben und Welt und Wolken und Schicksal nur unter dem Gesichtspunkt

ihrer Verse und Szenen erbärmlich zu sehen wissen, es blieb ihnen

vorbehalten, Bannstrahle »gegen Unbekannt« zu schleudern und da von

Kunst zu reden, wo es ums Geldverdienen geht.

Als Friedrich der Große, der sein Leben lang eifersüchtig auf Voltaires

besseres Hirn war, Rapporte las, die ihn veranlaßten loszuschlagen oder

zu verlieren, sagte er, beschwingt von dem schöpferischen Atem, der ihn

beim Handeln endlich gegen den geistigen Nebenbuhler bevorzugte, ein

wenig spöttisch vergleichend: »Was würde Voltaire tun?«, und schlug los.

Er meinte, die Dinge im Leben gehörten sauber auseinander und er wäre

gewiß der Ansicht gewesen, daß das Erlernen der Filmtechnik für deutsche

Autoren wegen ihres Tempos und ihrer belebenden Form und auch für das

Einkommen der Guten förderlicher sei, als daß man in dem Gebiet der

Kunst für Geld erschreckliche Dinge tue von Balzacs Anfangsromanen bis

zu Hauptmanns »Lohengrin« und dem Kriminalbuch der waffenfrohen Amazone

Huch. Um etwas anderes kann es sich beim Streit um den Film nicht

handeln, denn das wäre nicht nur dumm, es wäre schon gefährlich.

Näher läge jetzt in die Halle zu gehen, die Diva zu laden und mit ihr

über neue Seiden, Crêpe marocain, über ihren Fiat-Wagen und wie sie aus

dem Flugzeug springt, zu reden, widerspräche es nicht unserem Abkommen,

die Nächte nicht zu unterbrechen und hätte ich nicht einen Frisson gegen

Weiber mit Beruf. Näher liegt, vom Theater zu reden, aber auch das ist

keineswegs in der Abwechselung mondän. Wo anders geht der Mensch in

Frack oder Smoking oder selbst weichem Kragen, de rigueur oder wie es

ihm beliebt, ins Theater, erheitert sich und geht sodann zum Speisen.

Der Autor des Stücks illustriert die Gesellschaft, und wo er dramatisch

wird, hilft ihm die Ironie zu unbeschwertem Takt. Der beste Dichter

dieser Art seit Molière ist Shaw. In seinen Stücken ist keine Frage,

kein Leid und keine Sehnsucht, die einen Menschen unserer Tage angeht,

ungelöst und unbesprochen, trotzdem verläßt jedermann vergnügt das Haus.

Dieser Kelte hat es ihm ergötzlich serviert und den Weg, statt

unterirdisch zu brodeln, von der heiteren Oberfläche her zu allen Tiefen

gemacht und ist wieder zur Oberfläche zurückgekehrt, weltmännisch, groß,

überlegen und wahrhaft modern. Die Schauspieler wirken daher in der

Distinktion ihres Talentes lediglich wie geschmackvoll bewegte

Landsleute dieses Iren, die der Franzosen aber sind überhaupt schon

Gottes natürliche Schauspieler, die Zuschauer erblicken in ihnen nichts

als besonders kultivierte Exemplare ihrer Rasse und Gewohnheit.

Ähnliches hat, kann man überhaupt vergleichen, nur Wedekind bei den

Deutschen, nur daß er lediglich infolge Fehlens einer Gesellschaft die

Sünden seiner Zeitgenossen zu einer schief und lahm gelachten Zeitbande

zusammenwarf.

Alles andere ist bei uns problematisches Zeug, Edelschmus und

monologisierende Vorgänge, die, meist unverständlich, geredet werden,

während man sie viel gemütlicher läse. Ohne Eindrillen der Jugend auf

die Klassik, würde Goethes »Faust« im Theater genau so als verquollen

abgelehnt wie der Wechselbalg, in dem irgendein Jüngling sich auf seine

Weise unklar mit der Welt ausdisputiert. Faust ist keine Rolle, und

Gretchen, in dessen Lyrik Erhebliches an Dichtung steckt, wirkt auf der

Bühne als alberne Gans. Niemand geht letzten Endes erlöst, kein Mensch

erheitert aus dem Theater, die Bühne als moralische Anstalt ist ein

Schlagwort der Verlegenheit unter den Gebildeten, das ihre Hilflosigkeit

aber auch ihre Feigheit, gegen den dramatischen Theaterwust zu

protestieren, schwülstig drapiert. Nie hat das Theater jemanden

gebessert, niemand hat das gewünscht, das antike Theater ist kein

Vergleich, weil es aus den Kulten kam und religiös verankert lag.

In Deutschland hat Theater mit dem Volk nichts zu tun, es hat überhaupt

mit nichts etwas zu tun, sondern hängt wie ein Kunstwitz der Semiramis

in der Luft. Wie soll Theater, in dem ein Volk stets am deutlichsten

gespiegelt ward, zusammenhängen mit einer Nation, die Architekten aber

keine neuen Städte, Künstler aber keine Kunst, erstklassische

Revolutionäre aber nie eine anständige Reaktion besitzt . . . wo durch

die Trümmerhaufen wohl geniale Irrlichter fahren, aber die Malerei sich

nicht in die Wohnungen geschmiegt hat, die Plastik sich zu keinen

Kathedralen fand, die Dichtung keine Nabelschnur zur Seele der Masse

gewann. Das Witzkarnickel der Literaturgebildeten, Herr Sudermann,

wollte viel mehr, als diese Dummlinge glauben, denn er suchte

Gesellschaft zu geben, aber er gab Wasser und Leim. Er hatte tatsächlich

nur das Mißgeschick kein Künstler zu sein, denn sonst wäre er Wedekind

geworden. Jeder von ihnen suchte Gesellschaft zu schildern, der eine

die, welche er sich vormogelte, der andere die, welche sein auf

Disharmonien eingestelltes Jägerauge in das Vakuum bannte, wo diese

Gesellschaft sein sollte, aber, sapristi, nicht bestand.

Mit den Verzückungen der Hrotsvita begann etwas Leben im deutschen

Schauspiel, geistliche Herren setzten es fort, indem sie Weiber

darstellten, die Rabbi Jesus salben wollten und den Engel trafen am

Ostermorgen. Langweilige Sachen wurden daraus in den Osterspielen und

Passionen, wo tagelang hunderte Menschen paradierten von Benediktbeuren

bis Innsbruck, bis man schließlich mit Zoten die Angelegenheit würzte

und Christus den Stuhl wegzog, als er sich setzten wollte. Die Rosenblüt

und Sachs und die ihren brachten in die verdrießlichen Bibelszenen

wenigstens Charaktere und feuerten um sich gegen Ritter und Papst, vor

einigen Jahrhunderten spielten sie in Uri bereits nationalistisch den

Tell. Die Kleriker riefen die Jesuiten zu Hilfe und diese erfanden den

bewegten Rhythmus kolossaler Barockmassen und den sensationellen Klamauk

musikalischer Aufzüge.

Es war an der Zeit, daß englische Akteure mit Marlowe und Shakespeare

nach Deutschland kamen und dort den Stand der Schauspieler erstmalig

gründeten. Sie lehrten die Deutschen ihr Gesicht zu mimischen Grimassen

überhaupt erst zu verziehen, man lernte, was Tragödie war, und neben den

italienischen Lazzis, neben Jean Potage und dem Pickelhäring der

Holländer zog in der Komödie Hanswurst in Deutschland ein.

Nun kam Molière. Um Stil, koste es was es wolle, zu kriegen, krampfte

sich Gottsched, der klüger war als die ihn verlachen, an Boileau und

Aristoteles und schlug den Hanswurst übers Maul. Klopstock fürwahr

brachte mit seinen sechs Dramen kein Theater auf die Höhe einer

Gesellschaft, worauf Lessing wieder englisch auf Natur die Le Nôtre'sche

Pallisade säuberte. Dann ging die Führung von den Dichtern völlig zu den

Akteuren über, wo der Schauspieler Schröder die neue Nüchternheit mit

seinem Organ beschwingte, Iffland die Schauspielerei wieder vom Kothurn

ins Aufgeregte und Mimische zurückriß, Devrient das Zerblätterte ins

Feurige des Eindrucks wieder hineintrug. Grillparzer floh zwischendurch

ins Griechische und Uhland verfaßte »Herzog Ernst.« Da Sie ihn nicht auf

der Schule lasen, sind Sie einen Faden näher der Seligkeit wie ich. Wir

sind in der Gegenwart.

Was sahen Sie? Entwicklung des deutschen Dramas? Sie sehen einen

Raubzug. Man brach aus nach allen Seiten, plünderte Stoffe, holte Stile,

suchte ein nationales Schauspiel. Man ging in freiem Ringkampf, catch as

catch can, in die Arena der Völker, um ein Theater zu erwerben und

eroberte die interessantesten Dinge. Aber was die Deutschen nicht

besaßen, ließ sich nicht erwerben. Ihr Theater war immer das von anderen

und von anderen nicht das Beste. Und war wie eine photographische Platte

höchstens genial in der Kolportage von Fremdem, auf unserem Boden aber

nie ein Stamm und ein Wuchs.

Das große heutige dramatische Theater der Deutschen um Fürsten und

ältere germanische Herrschaften und unverständliche Riesenleidenschaften

ist, wo man Gesellschaftliches und Zeitgemäßes will, nunmehr nur

komisch. Das alltäglichste Wort »Wie geht es?« heißt russisch: »kak

pozivajes« und schwedisch: »hur står det till?« Was hält so irrsinnig

andersredende Menschheit zusammen außer der Geste überkommener Sitte und

Gesellschaft und ihre Mimik. Ihren Gesichtsausdruck mußten die Deutschen

aber von den Engländern lernen, ihre Sitte von den Franzosen, es gibt

heute weniger wie je ein Theater, das von der Oberfläche her die

deutsche Zeit und Gegenwart aussagt. Die schweren in dramatischer Form

gebotenen abstrakten und längst abgetakelten Mammute, mit denen die

Dichter immer noch am Zaum erscheinen mit der Bitte um gefälliges

Interesse, ersetzen nichts, sondern machen den Zwiespalt grotesk. Unruhs

Schick, ihnen eine messianische Predigt an die Gegenwart am Schwanz

prophetisch anzuhängen, ist die unkluge Geste eines sehr begabten

Kopfes.

Solches Theater mit Weltausmaß, ehernen Ewigkeitsfiguren, Muskeldramen,

Heroen mit Lotosblättern um die Gelenke, solches Theater: die Welt in

tausend Personen, aber den Gigantenapparat in genialer Hand wie geölt,

das hat der Shakespeare nur gekonnt. Aber er fügte auch die atemlose

Spannung hinzu, schuf Menschen, nicht verkrampfte zu Lebewesen zerboxte

Ideen und hatte Rollen von solcher Vielfalt, daß er sie gleich wie aus

einem Füllhorn durch seine Schöpferzunge meteorhaft über die Erde blies.

»Shakespeare enfant« sagte Hugo zu Rimbaud, es war ein Kompliment an

dessen lyrische Wildheit. Für unsere Dramatiker gesagt ist es ein Witz.

Aber auch für den britischen Hünen war seine Urwelt, die er schuf, nur

die Epoche seiner Fürsten, seiner Kriege und seines Adels. Weiter

nichts. Aus diesem Humus, nicht aus seinen Fingern gesogen kam ihr Mark

und Menschtum. Im Knochen unserer Titanen ist Tinte, Wasser und etwas

Idee.

Da wir so viele Solostimmen aber kein Orchester besitzen, ist jedoch

immer viel Lärm derer dagewesen, die den Stil erzwingen wollen. Da die

Scharfschützen nicht von der Mitte aus schießen können, zielen sie von

der Peripherie nach der Mitte. Nirgends wird daher der zeitgemäße

Ausdruck übertriebener gesucht wie in Deutschland, kein Land färbte den

Naturalismus so widerlich, spitzte die Stilzeiten so nadelscharf, walzte

den Impressionismus so plump und gellte jede Kunstrevolte so exotisch in

das friedliche Land. Wir sind bei Gott auch in Dingen der Kunst ein

freudiges Negerlager, während sonstwo man versucht ein Haus zu bauen und

Vater und Sohn statt ewigen Racheschwüren sich befriedigt nach dem Kampf

die Hand schütteln. Sie fahren sonstwo alle im selben Schiff und wissen

es, reden im gleichen Parkett, tauchen im selben Sumpf. Die Akteure

spielen wie ihresgleichen, die nicht diesen Beruf erwählt haben, wenn

sie im Métro, in Hasselbaken, in der City, am Lido, in Kopenhagen sich

bewegen. Sie haben daher Theater. Wir haben nur Regisseure. Sie haben

die bessere Schauspielerei. Wir haben die amüsanteren Kerle. Die

Ausländer spielen auf das Menschliche hin durch das Medium ihrer

nationalen Gebärde, die Deutschen aber spielen für den Mond. Das heißt,

daß unsere Ensembles nichts taugen, daß wir aber manchmal vortreffliche

Schauspieler haben.

Ich habe Schauspieler fast der ganzen Welt gesehen, ich fand Bassermann

besser als Coquelin, Kraus amüsanter als Anders de Waal, die Durieux

größer als die Bosse. Aber was sie boten, waren Leistungen, die man

bestaunte und waren nicht vorzügliche Selbstverständlichkeiten. Als die

Sarah Bernhardt mit französischen Kolonialleoparden über den Boulevard

fuhr, tat sie es, um in zehn Roben bei fünf Gerichtsverhandlungen

erscheinen zu können und die Quittung an den Abenden ihres Spielens vom

Publikum zu erfahren, nicht für ihre Reklame, sondern für ihren Mut und

ihre Phantasie, Nationaltugenden, die das Publikum bei ihr akklamierte.

Wenn sie aber, die vollendetste Tragödin, an der Rampe sterbend und grün

schon, während das Publikum vor Rührung weinte, ihrem Nachbar

zuflüsterte »Merde«, so bewunderte ihr Publikum in diesem Zwischenfall,

wenn es ihn später erfuhr, nicht die Unanständigkeit der reizenden

Gebärde, sondern die Ironie der Überlegenheit, die selbst das Sterben

meistert, und in der es eine der besten Eigenschaften des Volkes sieht.

Das ist Theater und das ist Gesellschaft. Man kennt und bestätigt sich

gegenseitig.

Es gab einen Deutschen, der auch diesen Zusammenhang herzustellen

vermochte, wenn auch auf seine Weise: Wedekind. Ich sah ihn, sehr jung

und wenig auf Kunst eingestellt, und war d'accord mit der Masse, die

sich krumm über ihn lachte. Ich lachte herzlich und begriff nach Jahren,

daß ich unbewußt das beste Deutsche damit verraten hatte. Aus seiner

dilettantischen Spielerei reckte sich mit der ganzen Größe dichterischer

Gewalt die Inbrunst des größten deutschen Dramatikers mit barocker, wenn

auch unglücklicher nationaler Gebärde. Ich begriff das, nachdem ich von

den Niggern bis zu den Japanern und den Provençalen Theater gesehen

habe. Es ist natürlich Schwindel, schauspielerische Kunst als heroisch

oder lyrisch, naturgemäß oder gotisch flankieren zu wollen, da es nur

darauf ankommt, ob ein Bursche Blut hat und sich aus einem Körper in den

andern zu schmeißen versteht. Ach Wedekind verstand keines, denn er war

hilflos wie ein Kind auf der Bühne, aber er suchte, mit der Klarheit

seiner Dichtung im Auge, die Figur dazustellen, die ihm, wenn auch

anklagend, das Zeitbild schien. Der besessene, barocke, ringende und zu

wundervoller Plastik sich bildende Mensch, mit Grübelei und Glanz um das

Haupt, wuchs über ihn hinaus, denn je mehr sein Schauspielertum

versagte, um so gewaltiger stieg die Kraft des Dichters aus ihm, ein

berückendes Sinnbild deutscher Art.

Er war genötigt, sich selbst auf die Bretter zu stellen, da die Akteure

seiner Zeit ihn nicht zu spielen vermochten, sie waren nach klassischen

Attitüden oder platten Gemeingültigkeiten hin abgedreht. Sein

Beispiel aber hat nicht umsonst gewirkt. Ich sah an jeder guten

schauspielerischen Leistung in Deutschland etwas von dem gleichen

Zauber, ob einer nun starr oder brillant, mit Feuerwort oder der

Quaderstirn das Schicksal zu höhnen versuchte. Zwischen »Hidalla« und

»Wozzek«, zwischen Grabbe und Wedekind liegt der deutsche Stil und nicht

zwischen Iphigenie und Ibsen. Das Publikum weiß nach soviel Verwirrnis

nicht, wo die Quellen der nationalen Schauspielkunst liegen und schreit

nach »Nora« und Wildenbruch, aber die Selbstbewußtheit und der Instinkt

verantwortlicher Spieler sollte sie ihren Traditionen wieder zuführen,

indem man Wedekind spielt und da ansetzt, wo der Blutsaft deutschen

Wesens einmal offen am Mund eines gut Schlürfenden und Erlesenen lag.

Das wenigstens darf im Bewußtsein eines Volkes, das Amok gegen sich

selbst läuft, und dessen Landstriche rauchen von den Autodafés seiner

besten Bürger, nicht verloren gehn.

Die Eifrigen haben jedoch nicht versäumt, durch glänzende Kunststücke zu

ersetzen, was die Natur entzog. Wo das Niveau versagte, hoben sich die

Begabungen immer am steilsten ab, und was hier nicht aus dem

Volksbewußtsein wuchs, zimmerten die Regisseure. Man spielte vor dem

Krieg daher in Berlin so gut Theater wie kaum in der Welt. Jedoch das

waren Dressuren, die vorzüglich funktionierten, und man sieht, daß, wo

nach dem Krieg wirtschaftliche Zwischenfälle und die Gagen des Films

diesen Zirkel zerreißen, kaum in der Welt wohl so schlecht gespielt wird

wie in Berlin. Die besten Konstruktionen halten nicht ohne Basis und die

genialsten Begabungen ersetzen keine Kultur. Natürlich ward es nicht

nationaler Ausdruck, wenn man die Oper, das mittelalterliche

Jesuitenstück, das antike Theater unter Scheinwerfer setzte und damit

immerhin glänzende Wirkungen schuf, aber dennoch war über seine Zeit

hinaus, für die er keine Verantwortung trug, Max Reinhardt wohl das

stärkste Theatergenie unter den Deutschen. Denn er besaß die Fülle der

Gedanken und die Glut eines Rhythmus und die Buntheit einer Phantasie

neben der gestalterischen Kraft des Aufbaues, daß bei ihm wie nirgendwo

in seiner Zeit die Anmut mit der Größe des Bildes sich paarte. Er hatte

noch, zum letztenmal wohl, jene saftige Lockerung der Bildgefüge, jene

fleischliche Gerecktheit und jenen wilden Duft der jungen Kraft, die

sich selbstgefällig wiegte vor Jugend.

Was nach ihm kam und den Deutschen vorzuspiegeln bestimmt war, sie

besäßen ein Theater, war schon wilde Steeplechaise, und die Regisseure

waren mit Peitsche, Revolver und Gefrierkammern hinter den Schauspielern

her, denen sie wie Papageiherden jedes Wort in den Mund legten und jede

Bewegung einstudierten, daß die Vorstellungen manchmal so begannen, als

führe ein Blitz in ein Panoptikum. Man jagte von den menschlichen

Kräften zu den geballten Typen und man wechselte das Blut gegen eine

ganz neue aber nicht sehr tragfähige geistige Energie der Routine. Mit

seinem Hirn hält von Herrn Hartung bis Herrn Jessner jeder große

Spielleiter der Nachkriegszeit sein Ensemble zusammen. Schießt man dem

Mann eine Kugel durch den Kopf, ist das Zusammenspiel entzwei, die

Schauspieler entwurzelte Wichte und das Geschwärm vom neuen Theaterstil

der Deutschen eine geplatzte Blase.

Die Regisseure sind zu tief in die abstrakten Stile hineinmarschiert und

haben vergessen, daß Übertreibungen immer dekorativ werden und haben

über die Vergipsung ihrer Stücke vergessen, daß nur der Marmor eine Haut

hat, die Milde atmet. Immerhin sind die Regiezeiten der Hartung,

Jessner, Martin, Berger, Weichert, Viertel ungewöhnliche Steigerungen

der Einzelkräfte, und wo sie verarmten an Atmosphäre und Grazilität und

Fülle der bunten Gesichte, setzten sie dafür einen derartigen Willen zu

Monumentalität und Straffung, daß ihr Fanatismus fast Reichtum

vortäuschte statt Armut, die er irgendwie war. Sie taten allerdings

nichts anderes, als daß sie dem stark ins Steile und Zusammengepreßte

ausgeschlagenen Pendel der Zeit folgten, dessen wilde Kraft noch

Wedekind und Strindberg über Europa richteten, und das ein bedeutsames

Winken zu großer Sammlung war. Die beiden Dramatiker haben die ihnen

folgende Generation ziemlich vorweggenommen, außer Sternheim und Kaiser

ist die dramatische Generation nach Hauptmann (abgesehen von

Hofmannsthal und Schmidtbonn) unwichtig. Hauptmann hat neben

Unzulänglichem, und trotz allem, ein paar wenige Stücke großen Wurfs und

starker Menschlichkeit geschrieben, von seiner Generation bleibt auf dem

Theater sonst nichts. Kaiser hat mit einem verhüllten melancholischen

Ton enorme quadrische Stücke geschaffen, deren Bau metallisch die Härte

und lieblose Konstruktion dieser Zeit herabblitzt. Sternheim hat seine

Epoche nicht mit der Wedekindschen Plastik, aber mit dem zugespitztesten

Aperçu auf die Bühne begleitet und manche bittere Entlarvung für die

Nachwelt vorgenommen. In beiden nähert sich Mitwelt und Dichtung soweit,

wie Angreifer und Angefallene sich nähern können, da ja zu friedlicherer

und menschennäherer Berührung kein Boden unter ihnen liegt.

Doch sind die Regisseure, die dieses moderne Theater führen und das

vergangener Epochen in dieselbe Schwingung bringen, keine Minute

Erfüller einer nationalen Kulturstufe, sondern sie sind höchstens

Könner. Das Volk gipfelt nicht in ihren Bühnen, sondern sie zwingen

etwas der Masse auf. Sie sind nicht für sondern immer noch gegen die

Gesellschaft. Und sie haben kein Theater sondern irgendeinen

verzauberten Ort, wo unter Scheinwerfern und Suggestionen geschrien,

gestrampelt, getötet wird, wo aber, nie im Leben, das Volk sich edel

spiegelt. Wenn sie den Ehrgeiz aber haben mit etwas wenigstens kongruent

zu sein, so ist dies das irrsinnige Tempo einer mörderischen Zeit. Sie

sind genau so Dompteure ihres Säkulum statt seine heiteren Erklärer,

ebenso wie die Dichter statt der liebenswürdigen Former die Prediger

ihrer Zeit geworden sind.

Denn ihnen fehlt die Festlichkeit und die Heiterkeit der Luft ihres

Lebens und die Anmut jener Fruchtbarkeit des Geistes, die eine Dichtung

wie einen Obstgarten am Bodensee überbauscht. Sie haben alle etwas zu

sagen und vergessen das Blut in ihre Figuren zu pumpen und wissen nicht,

daß sie doch nur Aufsätze und Ansichten gebildet haben mit den Körpern

der Menschen, und daß diesen Puppen ihre Gescheitheiten und

Lebensansichten purpurrot aber gedruckt zum Hals heraus hängen. Neun

Zehntel der Dichtung ist Essai und Dreiviertel der Dichter sind Juden.

Es scheint, das auserwählte Volk solle uns über die Zeit namenloser

Zersplitterung, wenn auch nicht in Jehovas feurigem Wagen, so doch in

einer klugen Gewandtheit und mit zusammengepappten Rossen über den

Abgrund tragen, bis die Dampfwolken besserer Landeplätze zum deutschen

Wesen weisen.

Wir sind von Natur aus wenig für Üppiges bedacht, die Natur gab uns

einen kurzen regenschweren Sommer, kühle Nächte und wohl raffinierte

Übergänge, aber ein scheußliches Klima ohne Goldton und ohne die ehern

gefärbte Kantate eines begeisterten Himmels. Deshalb sind wir auch nicht

das Volk der Pantomimen. Wer eine Segelregatta an südlichen Buchten sah,

einen Stierkampf bei den Pyrenäen, weiß, daß der Sinn für Festliches,

den die Skandinaven wiederum stahlblond und feurig besitzen, uns versagt

ist wie das Geld, das diesen Aufwand in der Wage hält. Nie hätte eine

Anlage wie Versailles, nie Madrid, nie Rom entstehen können ohne die

Voraussetzung von Völkern, die ihre Freudigkeit zum Leben dadurch

betonten, daß sie dem Leben hymnische und weite Gesten entgegenschlagen

konnten. Wir Deutsche sind seit dem Verlust des Mittelalters nicht mehr

genug Kinder, aber auch noch nicht so ins Ernste gestraffte Männer, daß

wir den Prunk von beiden Enden des Lebens her lieben könnten. Wir geben

dem Dasein eine kluge, aber nicht einmal schöne Wahrheit an den Kopf.

Aber wir leben uns nicht unbekümmert, wie aus dem strahlenden Meer

steigend, aus dem Leben selbst heraus. Wir sagen Dinge aus, aber wir

leben sie nicht. Unsere Dichtung ist darum Essai, aber was ist unser

Essai?

Er liegt da wie die Magd, die der Teufel im Dampfbad schälte und von der

nichts zurückblieb als die Haut, an der aber die Augen, die Haare und

die Nägel sich noch befanden. Es fehlt der Saft und das Fleisch. Wie im

Theater die landläufigen Gescheiten und die gealterten Kritiker nur zwei

Schablonen kennen, die Posse und die dunkle Tragödie, aber nicht das

feine Lustspiel und das gepflegte Schauspiel, so gibt es unter den

Schreibern über Zustände und Dinge nur Affen und Genies. Die deutschen

Schriftsteller haben eine wundervolle Begabung einfache Dinge zu

verwirren, indem sie dem klaren Kern eine Elefantiasis ins Geistige

anwachsen lassen, oder indem sie hochstehende Dinge in der albernsten

Form zum Vortrag bringen. Sie wissen nicht, daß es keineswegs auf die

Dinge ankommt, sondern auf den Schriftsteller, der sie schreibt, und daß

es dessen Pflicht ist, das dunkle Geheimnis des Seienden in eine

muskulöse und adlig gebogene Form der Eleganz vorzutreiben, den leichten

Angelegenheiten aber die angenehme Schwere der Bedeutsamkeit

hinzuzufügen, die ihnen die Grazie nicht nimmt. Was wäre der Griechenzug

durch Asien ohne Xenophon, wäre der wackre Mann Agricola ohne Tacitus,

was bedeuteten tausend Menschen und Vorgänge ohne den Schriftsteller,

der sie faßt und in bedeutsame und repräsentative Form bringt? Cäsar

schrieb nicht wie ein General, sondern wie ein Autor. Napoleon nicht wie

ein Kaiser, sondern wie ein Mann von Geist. Die deutschen Schriftsteller

schreiben ihre Essais wie Bajazzos oder sie verfassen sie wie

Alchimisten, denen daran gelegen ist, ihre Meinung nicht kristallen

herausspringen zu lassen, sondern sie möglichst zu verbergen. Sie

schreiben wie Geheimbündler, aber nicht wie Gentlemen.

Sie müßten natürlich allerdings die krummen Gänge und Qualen des

Geistes, sich zu seinen Klarheiten durchzuringen, an der gestrafften

Struktur der Sätze und der edlen Gebogenheit der Gedanken erkennen

lassen, aber vor allem auch bestrebt sein, das Schwierige mit jener

Anmut zu mildern, wie man das im Leben gemeinhin auch tut. Schon Fichte

schrieb im Nachwort seiner Schrift über die französische Revolution (wo

er noch nicht um den nationalistischen Schreibstuhl gewunden sich nach

der Freiheit hin zu drehen suchte, sondern wo er fast anarchisch

europäische Ideen fauchte), Fichte schrieb, man klage, er sei zu dunkel.

Er meinte, wolle nur das Publikum sich bemühen ihn aufmerksamer zu

lesen, verspreche er auch, faßlicher zu schreiben. Er wußte, daß durch

das gewohnte platte und ungepflegte Zeug der Tagesliteratur und Zeitung

das Publikum entwöhnt war, dem Gang der Feinheiten in der Sprache zu

folgen. Aber er wußte auch, daß es für ihn ebenfalls darauf ankam, mehr

zu dem Blutsaft des Ausdrucks vorzudringen, als im Nervendämmern hängen

zu bleiben. Er meinte, wenn er sagte »faßlicher«: durchsichtiger,

fleischiger, fester. Er meinte nicht, wie Dummköpfe ewig zetern:

grammatikalischer. Denn Sprache ist keine Starre und vor allem in ihren

Regeln eine nur zur leichteren Erlernbarkeit hergerichtete Dressurübung,

sie ist vielmehr eine tropische Frucht, die wächst, vor Lust bebend, in

alle Zonen des Traums und der Wirklichkeit, sie ist keine Logik, keine

Lehraufgabe, sondern ein Tier wie die Erde selbst, die atmet vor

Ewigkeit, sie ist ein Material weiblich und köstlich bereit für jede

höchste Erkühnung, wenn nur der Meister kommt, der sie glüht und treibt

und verführt nach seiner Kraft und seinem Genie und seinem Ehrgeiz. Man

müßte zehntausend Herzen nur haben, um aus ebensoviel Kraft die Sprache

klirren und sich bäumen zu lassen vor Duft und Bewegtheit. Sprache war

nie ein Vorwand, sondern ist man selbst.

Da man dem Essai, statt ihn zu durchbluten, noch Saft für alle möglichen

Sorten der Dichterei abzog, wankt er mit schlotternden Hüften in

Deutschland herum und sucht Unterkunft bei ländlicher Kost oder bei

pompösen Reitern. Ihn juckt es Pamphlete wie des Hutten und Luther zu

reiten und unter des Büchner Schenkelschwung als falber Hengst die

Sprünge der tapferen Jugend zu machen. Er war es gewohnt daß man ihn

drillte, wie eine Nadel scharf und voll Kreiskraft wie ein Adler zu

sein, die hochmütigen Gesten mit der Schärfe des Säbelhiebs in sich zu

tragen, die großen Landschaften al fresco hinzuhauen, als käme er aus

Tiepolos schöner Hand und die flammenden Sehnsüchte an einem Horizont

voll Dunkelheit festlich aufzuziehen. Ihn gelüstete immer nach gefitzten

Abenteuern der farbigen Ideen und langen ritterlichen Zügen durch das

unterirdische Dunkel, bis er aufwuchs wie ein Liebling der Schöpfung,

gehärtet zu edelstem Ausdruck, feurig und schmiegsam und voll Haß wie

Liebe ausgewogen in den Hüften.

Wie war noch Heinse die Leiber antiker Statuen mit ihm so glücklich

nachgezogen, daß diese Schilderungen, die schon Gesicht und erhöhtes

Traumbild waren, bebend vor Kraft im Morgen der Sprache standen. In

vornehmer Sachlichkeit behüteten ihn stets dann einige Braven. George

lehrte ihn den byzantinischen Stelzschritt, aber es mißlang ihn auf die

Würde der Brokate festzulegen und es wurde, anders wie im Gedicht,

dekorativer schlechter Jugendstil. Hofmannsthal und Rilke schickten ihm

das Flimmern und die Magie der wie unter Wasser gemalten und gehauchten

Sätze, sie bogen ihn samtartig bis an die Gefühle, aber sie faßten ihn

nicht, sondern ließen die Atmosphäre der Gedanken irisieren und

begnügten sich mit diesem bengalischen Spiel. Borchardt fügte dem noch

die Wirrheit einer Üppigkeit hinzu, die aus sich selbst wuchernd wie

eine Pergola sich zuzog und mit mächtigen Bögen sich verrenkte. Zur

Helligkeit, die mit der Weisheit benachbart ist und der Anmut, die der

Schlagkraft nicht ermangelt, führte ihn René Schickele, der manchmal

schon nah an den Gesang ihn brachte, während die tapfere Frau, Annette

Kolb, wie Heinrich Mann, aus dem Gallischen die Verstandesschärfe

nehmend, ihn fast antik in der ruhigen Haltung bauten. Wilhelm Michel

verstand der Schwere der Gedanken Musik zu geben, daß sie auf einer

makellosen Sprache mit schönen Linien flogen, Max Krell und Kesser

setzten ihn auf das behutsame Postament einer gläsernen Intelligenz.

Kerr, meisterlich, ritt ihn aber in alle Gangarten, schlug den Eindruck

zu plastischer Form und traf mit dem nächsten die bunte blumige Fülle

und zog die Landschaft an sich heran, was außer dem kleinen malerischen

Idylliker kaum einer konnte. Die Österreicher, die auf Geselligkeit des

Geistes immer bedacht waren, haben ihn spielender gehandhabt. Der

gescheiteste Mann Österreichs, Hermann Bahr, hat ihn liebenswürdig

gepflegt in der Disputation über die Dinge des Tages. Stefan Zweig hat

ihm eine außerordentliche, nicht flammend feurige, aber edel entflammte

Haltung gegeben, mit der er das Profil bedeutender Menschen festhielt.

Die deutschen Aktivisten haben ihm den Imperativ wieder geschenkt, Kurt

Hiller hat Schärfen des Hiebes in seinen Schwung gebracht, eh' er begann

nur noch in die Luft damit zu schlagen. Der größte deutsche politische

Schriftsteller, Maximilian Harden, hat ihm eine Bildung, eine Kraft,

einen Eifer, ein Gewicht und durch die Jahrzehnte der Verwilderung eine

wöchentliche Erhabenheit gegeben wie keiner vor ihm. Geplaudert hat ihn

Wiegler, sichere Gescheitheit der Zeit gab ihm Hübner, köstlich

gescheite Nüchternheit Dornseiff, Theodor Wolff führte in der

Journalistik ihm in Deutschland seltene Anmut zu, als Kritiker der

bildenden Künste haben ihm Meier-Gräfe männliche schöne Haltung,

Hausenstein die Differenziertheit, Däubler fast erzählerische Farbe

bewahrt. Was bleibt? Drei fast runde Nummern. Zu wenig. Es müßten

hundert sein. Sie haben aber alle irgendwie Taucherrüstungen, und wenn

Borchardt noch schwimmt, sind das seine schlinggewächsigen Sätze, die

wuchern, nicht er, und wenn Hiller einen Raubzug antritt, trägt er nicht

Beute ins Positive, sondern er hat mit Domestiken ein Gezänk. Selbst

Schickele biegt manchmal, verführt von der schönen Fahrt seiner Gedanken

ab von den Urteilen und bestimmt nicht, sondern schildert. Harden,

Deutschlands politischster Kopf, vermag nur das Urteil neben den Zustand

zu setzen und die Anmut dem Angriff beizugesellen und aus Puppille und

Ausscheiden und Vorschnellen der Begriffe und Gebären des einkreisenden

Wortes das Ziel wie eine Frucht zu treffen. Kerr reitet es herunter. Es

sind nur noch zwei.

Zu einem Mädchen, das er gehabt, sagte der blondperückte Übersetzer

Shakespeares: »Liebes Kind, vergiß nie diese weihevolle Stunde, wo A. W.

von Schlegel dich küßte!« Ich nehme an, daß der Geck sie auf den Mund

liebkoste. Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber

sie haben ihre Muse mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern geküßt.

Sie haben nicht genug Geist, um klar sein zu können und sie verfügen

über zu wenig Kenntnis der Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie

besitzen daher genügend Anmaßung, um das nicht einmal eingestehen zu

wollen. Ein Essai ist kein dürrer Gaul, aber er ist auch keine fette

Dirne. Er ist: man selbst.

Kam aber einer, der von dem liebenswürdigsten der Lessingperiode, von

dem Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von

Lichtenberg die tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schön wie Heine

und prunkte seinem Erbteil noch den Kampfruf von europäischer Höhe

hinzu, so schmähten ihn die seichten Enten der banalen Gewässer, aber

die großen Chemiker der Prosa höhnten: Journalist. Ist dies Land nicht

seltsam, wo die Berufe sich miteinander bombardieren, ein Musiker ein

Schuster, ein Dichter ein Reporter, ein Journalist ein Schwärmer gezankt

wird und wo Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die jedes Handwerk zu

erreichen in der Lage ist?

Geliebter Heine! Welche Fülle saß hinter seiner Glätte und welche

Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife über seiner Eleganz und

welche Idee hinter der zart gefalteten wasserklaren Verästelung der

Begriffe! Ihm war der Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten

Dunkelheit der Deutschen spottete, war er ihnen näher, weil er sie

liebte, als wenn er mit Lot und Blei ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt

wäre, den er verachtete. Er konnte auch dies. Aber er wußte, daß es

nicht darauf ankam, die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu

zauberschöner Figur zu enthüllen.

Er hat die schönste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft

erlebt, seine Feinde gezüchtigt, seine Hasser übergangen, hat verachtet

und maßlos Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein

Geliebter, und hat seine Sprache mit seinen Gefühlen durchschritten wie

ein Page so erlesen und wie ein Gentleman so groß. Er hat versucht

Sprache gesellschaftlich zu machen, und hat sie wahrlich aus den schönen

Wäldern und aus den unklaren Schwülsten in die Üppigkeit eines noblen

Barocks geleitet. Da aber schrieen genial erscheinende Strizzis, es habe

zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die Flüssigkeit einer

Höhenlage erreicht, die ihn über alle in ihren Goldton stellte. Dann

starb er im Exil, furchtbar von den Göttern heimgesucht, die ihm zu

seinem Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der

inneren Schönheit seiner Sprache wie ein Genius zu überstehen.

Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen müssen, und für

die Höhe jedes Glückes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen. Sie

wissen es wie ich und ahnen, daß gutes Leben und beneidetes Schicksal

nur in der Kunst besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die

Glücksgöttin, die der Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der

gleichen zarten Hand, das des guten und das des üblen Ausgangs und

lenkte sie, wie es ihr gefiel, indem sie die Sterne ansah, aber die

wirklich Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler an sie als die

nur richtig und glückhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft

ins Rechte führte. Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt

Glückbringenden zu, und der Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel,

als er auf dem Throne saß. Man muß nur vertrauen.

Höben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schössen Sie ins

Nichts, denn was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um

den Schnee. Und doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den

verschneiten Wäldern zog es mich die ganze Nacht schon in die

Dämmerbläue des Südens, obwohl ich nichts weiter wünsche, wie noch

Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die Kämpfe des Frühjahrs mit dem

Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die schwarze Sonne des Mai die

Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den Schneeharsch der

Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber wie lockt

mich toll der Gedanke an Brioni, daß ich den Hafen von Marseille wieder

sehe und das Donnern der Jetée vor dem Blumengarten von Genf wieder

höre. Es reißt uns immer aus einem Zustand des besitzenden Glücks in die

Leere nach neuem und, seltsames Widerspiel der Kräfte, trägt uns die

Blutfahrt von der Eroberung zu dem Verlassenen zurück. Welches Glück,

welche Wanderschaft, mit der wir kreisen um unsere Achsen und, ach,

welches Vertrauen, daß Tyche das Steuer richtig warf.

Im Norden Schwedens erzählte mir der Dichter Didring, daß es ihn treibe

aus den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wäldern mit dunkelblauen

Schatten Skånes und Smålands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher

aufzubrechen, die das Gebirge zwischen Lappland und Rußland formieren,

bei den Bahnarbeitern in Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne

aufgehen zu sehen wie einen geliebten Stern der Heimat und dann wieder,

das Herz von Entbehrungen voll wie ein Wolf aber in Glück gebadet, zu

den rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Südens

zurückzufahren. Welcher Widerspruch, Mijnheer, der Gefühle, und wo, wenn

dies unsere Wegfahrt ist, fängt Glück an, hört Glück auf? Denn, wenn es

da ist, fühlen wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es wohl, aber

es ist schon Legende hinter den Wäldern und Jahren. Man legt sein Leben

daran, es, wie die bengalischen Jäger den Tiger, mit Raketen aufzujagen

und erkennen später vielleicht einmal, daß unbeachtet von uns, in der

stillsten Stunde, auf einfachstem Lande, das Glück uns die Bestimmung

und die lichteste Minute auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was

bleibt?

Weiterleben.

In Elis stand Tyche schon groß neben dem kleinen Halbgott der Stadt als

die Schützerin, denn man glaubte so stark an ihren guten Wurf, daß sich

die Zuversicht schon zum Monument verdichtete. Aber man war nicht

gesonnen, anzunehmen, daß das Steuer nach der dunklen Seite falle, und

die recht Lebendigen haben den Gedanken, daß das Furchtbare komme, stets

mit der überlegenen Lache behandelt, mit der aus dem vollen Prunk des

Rokoko der Herzog von Lauzun von dem Miserabelen sprach: »Ich behandelte

es nach Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.«

Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei

vielleicht an der Zeit und ein guter Stil, die alten Häuser der

Melpomene abzubrechen und mit Autos und Zelten durch die Hauptstädte der

Welt und ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr

gelten, die Kulte der Völker, von ihren wild gewordenen Maschinen aus,

durcheinanderzuwerfen und so einen großen Stil der internationalen

Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die Völker wie mit Blitzen

untereinander und ohne die üblichen Sentimentalitäten zu befruchten. Der

Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker über die Poebene und streute

aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er

liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe

zur Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten

Tempel überall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es

verbrecherisch ist aber wie alles Böse und Dämonische nicht ohne

erhabene Schönheit, warum sollte eine neue Generation nicht ihren

Ausdruck und ihre Zufriedenheit mit ihren verzehnfachten PS erjagen?

Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der

großen Katzen über den Körper durch den Schneesturm in das blendende

Hell der Halle treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform

ihres Lebens. Denn diese Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch

Wirkung, sie geben nur ihre Körper hin, aber sie sind nicht verpflichtet

ihre Seelen hinauszuspeien. Sie haben den Beifall und das Publikum der

Millionen, sie erreichen die Schichten der Menschheit, die keine

Zeitung, keine Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein

Beauftragter Gottes mehr erreicht und sie haben den einzigartigen

Vorzug, daß sie nicht an die Sprache ihrer Heimat, sondern an die

gesamte Menschheit nur verpflichtet sind. Welche Breite, welcher Radius.

Aber auch welche Fülle, wenn sie aus den elektrischen Kanonaden der

Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die Landschaft der Natur in ihrem

Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem anderen der Berufe, heute von den

Sprunghügeln des Engadin herunterfegen können und morgen die

Motorjachten des Züricher Sees überfüllen, später den Bobsleigh in

Oberwiesental führen, Skijöring in Partenkirchen, Fuchsjagd über den

Schnee Oberhofs und Kitzbühls treiben, auf den Kamelen von Tunis

schwanken und ohne über einen Scheck von märchenhafter Größe zu

erbleichen, sich beim Valutastand von einigen Tausend auf den Dollar

nach den Prärien von Texas, den Quecksilberurwäldern Mexikos und den

Bergen des Dalai-Lama aufmachen. Dies Leben ist zeitgemäß wie nur eines,

denn es verneint alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat

die Richtung nach der natürlichen und prunkvollen Erhöhung des Daseins,

ohne dabei seinem Wurfspieße zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu

kennen. Es ist allerdings keine Kunst.

Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der

Festlichkeit anderer Völker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach

Micarême in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem

Triebschnee gegen die Züge der Fenster. Kunst ist: mit Dreißig Jahren

sein Leben auszubalancieren, daß die Leistungen aber auch der Genuß in

die erste Reihe des Möglichen treten. Je suis l'ami des bons jours. Aber

ich liebe die Nächte auch. Schlafen Sie tief, aber nicht lang. Das

Wetter ist ein Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den Morgen

herein.

Das Bücher-Dekameron Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur · 第 8 / 21 题