Mijnheer, wir sind eingeschneit.
Von den Spießhörnern bis zur Todtnauer Hütte jagt der Schneesturm schon
den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhüllt und um Herzogenhorn ballt
sich die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Bärental häuft sich der Schnee
schon wie Meer. Als ich zuletzt Sie traf in ähnlicher Lage, war es am
Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten Eschenbrettern herauf,
ich schnallte die Hickorys, um in die Schweiz zu fahren, und die schon
fast italienische Sonne glühte über Tirol das Gebirge zu Metall.
An diesem Tag zog D'Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut
empfängt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an
dem blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der »Doppelköpfigen
Nymphe«. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und
Nein nicht lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder
nicht? Wie hat in der Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich
umgedreht!
Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und
Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals schoß man in
Haufen auf den Straßen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg,
während die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers
präpariertem Schädel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die
Einschußrichtungen seiner Mörder. In den Festungen sitzen nach dem
Proletarischen hin ausgeschwärmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen
Paraden ab über die Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen
belgische Kanonenboote, auf keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen
sehen Sie die Farbe Schwarz-Rot-Gold. Die Bäder der deutschen
Ostsee-Küste sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den
Fahnen des Kaiserreichs beflaggt. Der erste deutsche Botschafter in
Amerika übergibt seine Beglaubigung im Namen von »The German Empire«,
und man antwortet ihm in Washington, er meine wohl seine Republik. In
Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: vivat Rupertus
Rex. Der Reichspräsident, der München besucht, erhält feierlich am
Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.
Sie interessieren sich nicht für Politik?
Ich auch nicht.
Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das
sind die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich ähnlich
knisternd Begriffe und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!
Zwei Stunden nördlich übers Gebirge, in Baden-Baden, endigte früher die
bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard der
Siebente in Hemdsärmeln vierspännig den Blumenkorso über die
Lichtenthaler Allee, führte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein
als Wette durch den Kurgarten, sauste der britische Hoftroß mit
Bettlaken nachts in Droschken zum alten Schloß, Gespenster für harmlose
Passanten zu spielen. Die Fürstin Gagarin telegraphierte aus Syrakus an
ihr Palais Stourdza, um ihre Ankunft zu melden: »Préparez trois
cotelettes pour les chiens«, hier wurde den Gazellen des siamesischen
Sultans jeden Morgen in einem Springbrunnen ein Bad fin champagne
gerüstet, wurde dem jungen Portugiesenprätendenten eine Straße gebaut,
um zwei Gärten zu vereinen. Hier, wo Liane von Pouchi tanzend ihre
Triumphe feierte, beginnt einige Jahre nach Krieg und Revolte unbedrückt
vor Angst, daß niedere Klassen mit Schüssen und Raub darauf antworten,
unter jahrhundertalten Bäumen das Leben wieder feierlich und reich zu
spielen.
Die bengalischen Feuer schmeicheln dem sanften Anfang der dunklen Höhen,
und unter den Schatten der Bosketts gleiten die Lampions mit den
wohligen Seufzern der Menschen zusammen zum immer festlich bereiten
Nachthimmel. Die Blüte aller Bäume von Flieder bis Magnolien und von den
feierlichen Kastanien bis zu den wilden Rosen und Geisblatthecken wird
dieses Jahr zusammenfallen, und die von den Fontänen besprühten
siebenfarbenen Rhododendronbüsche werden vor der Spiegelfassade des
Hotel Stefanie mit unbekannter unterdrückter Leidenschaft blühen.
Ein Geschlecht von wenigen bevorzugten und finanzierten Deutschen, aber
Hollands und Amerikas Kleinbürgerschaft wird die wundervolle Burg des
großen Lebens in Besitz nehmen, indem es sich das Vorrecht der früheren
Jahrhunderte mit einem Geld, das mit Hundertzwanzig bis Zweitausend usw.
die Mark kauft, sichert. Guizots Rat: »Enrichissez-vous!« hat nach jeder
Revolte und jedem endlosen Krieg sein Publikum verstanden, eine neue
Schicht, die nach Leben und Wirkung mit allen Zähnen bleckt, ist aus der
Tiefe aufgehoben worden und hat von der Oberfläche die seitherigen
Gebieter ablaufen lassen. Aber Gambettas Beispiel, der die
Subskriptionsbälle für die neue Gesellschaft seines Landes schuf und
Salons aus der Erde zauberte, indem er flüsterte: »La république manque
de femmes«, Gambettas Beispiel hat keine Nachfolge gefunden. Die Elite
des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt unversöhnlich, ja
vernichtend der Republik, deren Vorsteher nicht die Weltmännischkeit
besaßen, diese Masse an sich heranzuziehen. Ich habe an kaum einem
_sichtbaren_ bürgerlichen Ort einen Republikaner gefunden, ich kenne
keinen Republikaner außerhalb des Klüngels der Politiker und Schreiber.
Ja sogar der befreundete Leiter einer Sternwarte, der behauptet, mit
einem Überguß Schwefelsäure auf seiner äußersten Linse das politische
Bewußtsein seiner Opfer gespiegelt zu sehen, versicherte betrübt und
gelangweilt, seit Monaten sehe er in Flugzeugen und Autos und Äckern nur
die Farben der Vorkriegszeit.
Man mußte den manischen Alten, der vor Sucht nach einem Republikaner
verging, wegen Farbenblindheit einer Heilanstalt zuführen, die Sehnsucht
nach der Republik hatte ihm seinen Beruf und seine wissenschaftliche
Carriere gekostet. Kein Bankier kaum ansonst, kein Industrieller, der
auf die neue Flagge schwört und höchstens einige Juden, die verschämt
über die Thora mit ihr kokettieren. Selbst die Direktoren demokratischer
Industrieregenten wagen in Ruhrort und Recklinghausen und Duisburg
nicht, durch das gleiche Bekenntnis wie ihr Zar dem gesellschaftlichen
Terror zu widerstehen. Denn Gesellschaft heißt in Deutschland nicht wie
in anderen Ländern: durch die Jahrhunderte in einem Rassebewußtsein zu
gewissen Neigungen und Bewegungen filtriert sein, sondern heißt jene
Clique, die vor dem Krieg zufällig verdiente, adlig war und die Ämter
beherrschte. Die schwört heute auf die Reaktion. Die arbeitende Klasse
kämpft, schon in der Verteidigung wieder, um den Achtstundentag. Die
großen Auseinandersetzungen werden noch kommen.
Auf dieser Atempause der Geschichte, auf einem gläsernen Regenbogen
steht die Republik.
Eine Generation junger frecher und halb hilfloser Leute mit sehr roten
Handschuhen und hellen Koffern aus Leder hat zwischen Franc und Dollar
die Plätze der Eisenbahnen belegt. In Innsbruck sahen wir, von den
Ötztaler Alpen vor drei Wochen heruntersteigend, den Adel Tirols aus den
Schlössern zusammenströmen und ihre Komtessen tanzen in den Kostümen der
Mode von vor fünfzehn Jahren, da ihr Geld die neue nicht mehr kauft,
aber mit phantastischem Familienschmuck, den sie nicht veräußern, noch
exklusiver wie früher, und einen gewissen tötlichen Stolz in den
zwanzigjährigen Gesichtern. Das ist Deutschland.
Bald haben alle Fürsten und Feldherrn ihre Memoiren herausgegeben und
alle schieben die Schuld auf den andern genau wie, als die Franzosen den
vorletzten Krieg verloren, Ollivier, Benedetti, Leboeuf, Wimpfen sich
die Niederlage an die Köpfe warfen, bis man in dem Spitzbart Bazaine den
Prügeljungen entdeckte. Für unser Schrifttum ist der Haufen Papier ein
verwegenes Nichts, für die Erinnerungsliteratur keine Bereicherung des
Stolzes, der letzte große Memoirenschreiber der Deutschen aber, der
pfaueneitle jedoch illustre Fürst von Muskau hätte mit einer
Handbewegung diesen Hahnenkampf seiner Kaste abgelehnt: »Quelle blague.«
Ich traf im Sommer auf einem Bodenseedampfer einen früheren russischen
Attaché, der Schweine für die deutsche Regierung in Belgrad gekauft
hatte, der riet, zur Südsee auszuwandern mit einem Harem von Frauen und
schönen Tieren, und fünfzigjährig in das dann befriedete Europa
zurückzukehren wie Apoll, der bei Winterbeginn zu den Hyperboräern jagt,
um erst wieder, von Päanen gerufen, im Frühling zum silbernen Kephissos
und seiner geliebten Quelle Kastalia im Schwanenwagen zurückzukehren.
Den Russen langweilten die Zuckungen, mit denen die Erde Europas sich
langsam wieder in ein festes Bett zurückstemmt und er wußte, daß nicht
die Spur nachzuhelfen sei mit Kongressen, Parlamenten und Paraden des
Geschwätzes, und daß elementare Gewitter nicht durch Beschwörungen der
Regenmacher sondern nur durch elementare Ausströmungen langsam sich
sänfteten.
Ich bin, obwohl ich abenteuerlustig las, in Mozambique bei Beira hätten
Kaffern endlich die Seeschlange angeschwemmt gefunden, und obgleich Sir
William Loyd Davkins in »Manchester Guardian« hinzufügt, ihre Köpfe
seien groß wie die Leuchtfeuer von Makuti gewesen und die Kaffern hätten
zwölf Tage lang an der gelben Gallerte fressend gelegen . . . . . . ich
bin, obwohl alle Himmel der Fremde und alle noch nicht genossene
Seligkeit der Erde mit beispiellosen Kontinenten, Mondgebirgen und
barbarisch dunklen Meeren dahinter locken . . . . ich bin für Bleiben.
Die Luft unserer Jugend ist elektrisch wie die Cinnas und Hannibals und
des dritten Otto und jenes vierten Heinrich, der einer der schlausten
Anwälte der Deutschen war, aber sie ist auch noch schicksalgesättigter
in ihrer zuckenden Röte als die des großen Korsen. Die Ausschweifungen
der noblen Jugend, die Reisen ins Tropische unserer Leidenschaft sind
uns verdorben. Die Sommernachtsfahnen der Freude haben unter anderen
Sternen anderen Generationen geflaggt. Es gibt nur _eine_ Haltung des
Anstandes, in den Krisenfeuern, in denen Europa sich anschickt einen
neuen Stern zu gebären oder zu krepieren, mitten im Land und unter
seinen Leuten zu stehen, ihnen zu helfen zur Lösung oder zu neuem Kurs
sie zu überreden, oder wie auf einem Schiff mit ihnen zu ersaufen
. . . . und sei es auch nur, den hoffnungslosen Kampf mit der Politik zu
sehen, den diese Menschen, die Andersdenkende ruhig (wie zur Zeit, wo
Mord bei den Germanen noch reine Privatsache der betreffenden Familien
war) erschießen aber die Pferde innig lieben, die oft roh sind wie
Tataren aber gütig und sentimental wie die Engel, die manchmal wie jener
Thomas Münzer, der sich mit dem Schwert Gideonis unterzeichnete,
unflätig in den Gesten aber in den Herzen voll dunkel flackernder
Begeisterung sind . . . . . . sei es auch nur dem hoffnungslosen Kampf
dafür unbegabter aber herrlicher Menschen mit der Politik in einer
mitleidlosen Zeit beizuwohnen.
Diese Deutschen!
Man muß hinter Düsseldorf am Rhein gelegen sein, um die Größe dieses
Landes mit dem stillen Verströmen des Flusses zu spüren. Man muß
zwischen Bingen und Sankt Goar seine Romantik fliegen gesehen haben voll
jahrhundertblauer Gewalt. Wie haben die Spessartwälder gedröhnt von der
Musik ihrer donnernden Wölbung. Wie haben die bayrischen Seen unter der
Pranke des Herbstmonds mit aufschießenden Nebeln gebuhlt und die
Morgenberge mit wilder Idylle gespiegelt. Wie hat der sommerliche
Schwarzwald vor Behagen aus allen samtenen Fichtenhängen geraucht und
die Nacht noch sanfter an den glatten Muskeln des Vogesenbruders in den
Rheingau fallen sehen. Wie hat der Odenwald von Sagen an allen Quellen
aufgezittert und wie reif sind über der Mosel die Sonnensegnungen
gelegen.
Wie haben die Sturmfluten die Nordseehäfen überdeckt, während der Mond
bleirote Lähmung gespenstisch darüber flutete, daß die Molen verzaubert
von soviel Glanz reglos von den Raubwellen zerrissen wurden -- und mit
welchem Jubel haben wir als Jünglinge die tänzerische Grazie Bayreuths
und die Stierwucht von Bamberg und die Rothenburger Silhouette vor den
Abendhimmeln des Sommers empfunden. Die Parke unserer Kindheit waren
voll von Tritonen und Bächen und flötentragenden Göttern der Büsche und
Wälder und den stampfenden Pferden besinnungslosen Glücks auch im
dunklen Erschauern der Zukunft.
Wie hat Friesland uns später mit schwarzen Bauerngütern in fetter Erde
unter seinen Herden gebebt, wie haben die Ostseeleuchttürme den
Dreimastern und Hochseebooten herzbange Grüße durch die Jasminnacht
geworfen, wie haben die Züge gejauchzt, als die süddeutschen Erntefelder
sie mit beispielloser Goldfülle verschlangen. Wie hat der Wein des Elsaß
sich zur Melancholie der Eifel in unseren Knabenfahrten herrlich
gesellt, und mit welchen Farben haben die mecklenburgischen Teiche sich
noch an den grauen Himmel pommerscher Riesengüter gemalt, wenn die
Wildgänse darüber flogen.
Wie hat das ganze Land sich gereckt wie ein Weib, bis es die Schönheit
erreichte und bis aus jeder Falte ihrer Erde der Duft der Anmut und der
Vollendung in solcher Musik stieg, daß wir vor Liebe und Demut die
Sünden und Fehler der Bewohner fast vergaßen. Die Luft unserer Jugend
ist stürmisch wie die des Cinna und Hannibal, aber, unverrückbar, die
Seen und Wälder und Berge unserer Leidenschaft und unserer Heimat sind
von erhabenem Gleichmut der Schönheit.
Welche Zeiten!
Gleichsam auf einer zweiten unsichtbaren Ebene darüber aber steht wie
ein zitternder Kessel zwischen den Manometern und Fieberkursen der
Valuten »The German Empire«, so, als sei zwischen den Zustand seiner
Fluren und den eines möglichen Glückes die heutige Misere wie ein
verlegener Alpdruck hineingeschmettert und als seien die Geister, die um
diesen Zustand irrten, vor Verzweiflung fast schon bereit sich selbst zu
verhöhnen und auch der letzten Entschlußkraft beraubt. Ich fürchte, gäbe
es in der Politik einen Eros und Stufungen der Geschlechter wie bei den
Lebewesen, man würde »The German Empire«, das weder wagt mit dem Glanz
der Senatoren von Catos Strenge bis zu Clemenceaus Unerbittlichkeit eine
Republik zu sein, noch sich für ein wahrlich neues Kaiserreich zu
entscheiden, zu den Zwischenstufen zählen, denen zwar viel Nüancen aber
keine eindeutigen Himmelfahrten erlaubt sind.
Aber der Haß auf ihre Gegenwart hat nie vermocht, die Liebe zu ihr zu
unterdrücken, und die besten Augen des Landes sind unbeirrbar auf jede
ihrer Bewegungen gerichtet. Denn man liebt nur, wo man helfen will und
man ist voll Zärtlichkeit nur da, wo man zu verzweifeln begonnen hat.
Im Kreis darum aber laufen die Ringe unerbittlich weiter, die die Mörder
mit den Heiligen und die Tüchtigen mit den Träumenden durcheinander
werfen. Ein Tropf, der nicht sein Schicksal zu korrigieren sucht, wo
Kunst und Wahrheit nie so isoliert (aber kaum je von den Wenigen
geliebter) in der Welt standen. Wer vermag festen Grund zu sehen, wo
alle Maßstäbe aufhören, wo das Natürlichste: gut zu speisen und
innerhalb Deutschland zu reisen, schon ungewöhnlicher Luxus dünkt und
das Leben der mittleren Schichten (ohne daß sie es merken, weil sie ihr
früheres Glück in soviel Fatalität vergaßen) eine Versuchung ist mit
Gott zu hadern. Die apartesten Gegensätze durchdringen sich mit einer
gewissen Heiterkeit, und jede Handlung wird mit auffälligem Ernst von
einer Gegenhandlung begleitet, deren Gesicht die Grimasse des
Widerspruchs trägt.
Vermuten Sie, daß am Tag, als Max Hölz mit Kommunisten und Räubern das
Vogtland unterjochte, ein eigens gebautes Segelboot mit dreiundzwanzig
deutschen Künstlern aufbrechen sollte, die Welt zu umreisen zum größeren
Ruhm des Geistes? Ach Sie vermuten nicht, daß am gleichen Vormittag, als
diejenigen Deutschen, die gerne mit endlichem und praktischem Erfolg die
Welt befrieden möchten, zu einer großen Konferenz zusammentraten, in der
anderen Ecke dieses Landes die männlichen Mitglieder einer Junkerfamilie
zum Spaß mit Schrotgewehren auf alle vorbeifahrenden Automobilisten
schossen. Täglich beobachtet man, daß führende Generäle der Kriegszeiten
plötzlich ausgerechnet die Agenturen der Lebensversicherungen
übernehmen, daß Juden mit einem Male führende Sportleute werden, daß
korrekte Assessoren Autofabriken gründen, daß die Bohèmes der
Literaturkaffees plötzlich infolge der Beschäftigung mit
Wohnungsschiebung liebenswürdige Cavaliere werden mit einem Anflug
sicherer Beleibtheit, die den Frieden mit Gott, Welt und Satan immer
voraussetzt.
Sehen Sie die Wirtschaft gigantisch wachsen, die von der Kohle über die
Erze, die Hochöfen, die Walzwerke, die Maschinenfabriken, über den
Vertrieb der Erzeugnisse, über die Schiffahrtslinien eine ungeahnte neue
Konzentration herstellt und, fast schon mächtiger als der Staat, beinahe
alles erzwingen aber alles verhindern kann, während vor sechs Jahren man
glaubte, sie sei in der Hochkurve? Vermutlich wird sich das technische
Zeitalter noch zu einer mythischen Größe recken, Dampfer von ungeheuren
Maßstäben und tausendfacher Kraft werden durch Motore gelenkt werden,
daß sie wie die Delphine im kleinen Kreise tanzen, und die Luft wird
derart bezwungen scheinen, daß die Menschen, knapp an die Grenze der
großen Weltgeheimnisse wirklich kommend, erst im letzten Augenblick, und
nicht ohne Größe, gestürzt werden.
Aber heute gastieren im Schatten dieses Wachstums noch die vielen
Schauspieler der Verwirrung und ich vergesse nicht, wie es entrüstete
und amüsierte, als auf dem Concours hippique in Kissingen im Frühjahr
nur der Stallmeister der luxemburgischen Großherzogin im grauen
Seidenzylinder erschien und dann ein Kinobesitzer und nicht Graf Görtz
die Sache machte. Man glaubte, das Apokalyptische käme hernieder und die
germanische Midgardschlange lasse die Erde aus ihrer Umklammerung
fallen. Die Oberfläche der Zersetzung schwankte ein wenig und man sah
die gesamten Akteure der Zeit mit einem Male, wie sie über die Hürden
und Koppelricks herauf und herunterjagten, als welle sich die Erde unter
ihnen.
Europa ist heute ein großer Faschingsball mit schönen Debardeurs und
anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die
kühnsten Griffe und die besten Lenden aufweist. Man demaskiert erst in
einer späteren Zeit. Ich habe daran denken müssen heute Nacht, als ich
hörte, man habe den großen Ahnen aller Abenteurer des Geistes und Lebens
zurückgerufen, indem man das Grab des Marquis von Seintgalt in
Dux in Böhmen gefunden. Es war nur ein Zufall, der es beim
Legen von Wasserrohren wieder in die Welt spielte, auf dem
Grabstein stand mit einer gewissen schlichten Haltung: »Casanova
Siebzehnhundertneunundneunzig.« Im gleichen Jahre wurden der Baron
Balzac und der Jude Heinrich Heine geboren, die die gleichen
Umschichtungen des Lebens in Frankreich in ihren Büchern damals schon
schilderten und mit Kunst einen gewissen Schlußstrich setzten unter die
letzte große Kurve einer Zeit, die der kluge und genießende Casanova im
Leben noch einmal unerhört gespiegelt hat: den Glanz und die
spielerische Abenteuerlichkeit der Welt . . . ., eh sich die Wagschalen
des Daseins in die tragischen Entscheidungen von heute stellten.
Man hat nunmehr gelernt nüchtern zu werden, selbst in der erregtesten
Zeit, teilt Arbeit und Leben und berechnet selbst seine Zufälle. Wir
sind eingeschneit, Mijnheer. Ihr großes Gepäck ist nicht transportabel,
der Schneepflug braucht drei Stunden für hundert Meter Weg. Die Dame,
die Sie erwarten, kann nicht herauf, es sei denn, sie flöge. Von
Stübenwasen bis Gisiböden steht der Schneesturm und wirft Sie über den
Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten Sie ohne Gepäck ins Tal zu
kommen auf Skiern, ist Ihnen nur der Weg der Waldflächen offen, wo der
Schnee sich nicht so hoch gesetzt hat, aber schon an den ersten Matten
ersaufen Sie im Schnee trotz Ihrer Bretter wie eine Maus.
Wir sitzen fest. Am Tage ists manchmal möglich, vielleicht sich in die
Latschen zu schlagen oder Sprunghügel zu bauen, vielleicht geht die
Sonne auf und drückt die Schneeflut zusammen, man hat Möglichkeiten und
man rechnet mit ihnen. Völlig abmarschieren kann man aber erst, wenn der
Sturm gefallen ist, jedoch der Meteorologe versichert, er stehe zehn
Tage über dem Gebirg. Das war noch nie, und solche Kaskade von Weiß warf
der deutsche Himmel seit meiner Geburt noch nie über Baden. Man muß
resignieren und eine Beschäftigung suchen, die wir leicht von selbst
gehabt hätten, wäre es uns nicht eingefallen, die braun brennende Sonne
des Arlberg mit der schwarzen des Schwarzwalds noch zu vertauschen. In
St. Anton wäre der Sirocco uns zu Hilfe geeilt und hätte die Wolken nach
Norden geschmissen, die hier von allen Schwarzwaldbergen sich heben und
wie Rabenchöre um den Feldberg kreisen. Schon Lukian hat die Reiselust
verspottet, nun sind wir die Opfer. Es gibt nichts, was einem
unabhängigen Gentleman unerträglich werden könne? Beweisen wir es.
Als im Jahre Dreizehnhundertachtundvierzig sich unter Pampineas Führung
die sieben Frauen Boccacces mit den drei Liebhabern vor der Pest aus
Florenz flüchteten, lag es nahe, daß sie dem Gespenst nur die Anmut von
Vergnügungen entgegenhielten, die ihre Zeit ihnen bot. Es war ihre
einzige Waffe. Um sie blühte die Zeit, große Männer und erfüllte Epochen
umstanden ihre Welt und es gab nur die Möglichkeit, mit Grazie und
gepflegtester Sinnlichkeit dem barbarischen Tod gegenüber sich
verächtlich zu zeigen.
Wir haben hier kein Schloß, Mijnheer, mit Dienerinnen, wir haben keine
Frauen, was ich sah seit der Ankunft ist nicht erregend und unsere
Freundinnen, mit denen wir vertraut sind, sind von uns getrennt. Wir
verstehen die Einfalt jener Menschen des Dekameron nicht mehr, die bei
Dambrettspiel in den Gärten mit Anrufung Gottes pikante Geschichten
erzählten, daß vor der Anmut ihrer lorbeergeschmückten Königin selbst
das Schicksal zurückrauschte. Wir sind nicht Kinder einer erlesenen
Epoche, sondern Freibeuter eines Zusammenbruchs. Wir haben die Pest
nicht draußen und die runde und vollendete Welt im Herzen, sondern um
uns kracht die nüchterne Phantastik unseres Säkulums und wir haben
nichts in der Brust als die Kühnheit es doch zu lieben.
Boccacces Jahrhundert hatte die Pflicht zu genießen, was bleibt einem
Gentleman anderes heute, als die Freiheit, sich mit seiner Zeit in
Ordnung zu bringen. Man kann das auch bei Cocktails aus Milch, Ei, Gin,
Whisky und Worchestersauce, und wenn der Tag dem Leben reserviert
bleibt, haben die Nächte Raum für eine europäische Diskussion. Was kann
einen Holländer, dessen Land neutral blieb, dessen Literatur ihn nicht
interessiert, der die Musen liebt und Horaz in einer seltenen Ausgabe im
Koffer mitführt (wie Casanova selbst in die intimsten Situationen), was
kann einen holländischen Edelmann mehr reizen, als zu sehen, wie die
Zeit sich in den wichtigsten Literaturen spiegelt, denn in nichts
erkennt man, wie Flaubert in seiner Einsamkeit schon verspürte, den
Menschen und die Nation so sehr wie im Buch.
Auch den Boccacce hat seine Zeit, weil er ein Ausschweifender und
gleichzeitig ein frommer Mann war, mitten in die Kirche seiner
Vaterstadt beigesetzt, weil die Zeit in ihm ihre Vorzüge und
Eigenschaften am besten erkannte. Und doch hat seine Stimme die Wollust
wie kein anderer zierlich bis in das Herz der Frömmigkeit getragen, aber
es war die Sprache eines Dichters, und seine Sprache kam aus der des
Apulejus und des Lukian und sang sich weiter bis zu dem roten Hymnus des
d'Annunzio. Welche Vergangenheit einer Sprache! Ja, Mijnheer, man muß,
um ein europäisches Gespräch zu führen, zuerst den Sinn der Sprache
begreifen und ihren Weg betasten. Das ist wichtiger wie Whisky und
Frauen und der fatale Ernst unserer Einsamkeit.
Ich habe heute Nacht daran denken müssen, als ich am Fenster nichts
vernahm als die Dünung des Sturms, den Aufschlag des weichen Schnees und
das Zustreun des Geländes, und ich unter dem Bord der hölzernen Veranda
eine Schar Vögel entdeckte, die vor der Katastrophe der Natur zu den
Menschen flüchteten und nichts hatten sich verständlich zu machen, als
ihren aufgeregten, im Hals zitternden Herzschlag und die schreckliche
Angst ihrer Augen. Ich hörte, während ich Stare und Amseln auf die
Heizung hereinhob, die Wetterhähne dröhnen und die Blitzableiter wie die
Elstern schreien. Hinter ihnen aber stand auf den Untertönen des Winds
die Musik der Schwarzwaldwälder mit einem dunklen Brausen. Durch die
gleiche Musik haben Germanen hier manchen ihrer Kaiser auf kreuzgelegten
Speeren aus dem Ruhm des Südens, den sein Haupt gesucht, tot
zurückgetragen.
Ach es stand im Donnerton der Tannen in der Dünung mit verzweifelter
Melancholie die Irrnis unserer Geschichte, die das Unmögliche stets wie
knabenhaft begehrte und ohne Ziel dann ihren schönsten Kopf sich
einschlug. Erst als ich vom Balkon zurücktrat, gelang mirs ohne
Bitterkeit zu atmen, und als ich mit den Vögeln sprach, war ich lauter
als das Sturmwehen. Der Schneezyklon schoß von oben auf den Dachfirst,
warf sich zu Boden und hob sich in einem flimmernden selbst in der Nacht
sichtbaren Kreis über dem Steinsee. Da blieb er wie ein Krater, der sich
rasend drehte.
Es klang verführerisch jetzt hinter dem geschlossenen Fenster, wenn ich
die Vögel ansprach, gleichwie als sammelte die Sprache sich in seinen
Rhythmen und hebe aus den Jahrhunderten den Ton der Heimatlaute herauf
voll unerfüllter Leidenschaft und der heiteren Wehmut seiner unbewußten
Schönheit.
Geliebte Sprache:
Als die antiken Zeiten sich von unseren schieden, entführten sie als
Dialekt der Mythen und Götter das Griechisch und es blieb nur noch eine
moderne Sprache, das Latein. Nie gab es vorher und später ein
menschliches Ausdrucksmittel, das so präzis und zugleich flimmernd die
Begriffe aufstach und die Umwelt dazu glänzend umschrieb, das ebenso
vollendet das Vorgestellte in kristallene Nähe zwang und zugleich das
Phantastische in eine Bannmeile atemloser Erregung darum sammelte. Es
war die Sprache der Weltleute und der Kommis, der Dichter und der
Feldherrn. Herrlich band schon Tacitus ihre Kühnheit im Bilde, als er
beschrieb, Germanien sei von anderen Nationen getrennt durch Furcht und
Berge. Für die Deutschen war es zu scharf, wie diese Prosa blitzte,
zuhieb und trennte. Eine Zeitlang versuchten sie miteinander die
Verschmelzung, aber die Mönche jagten das Latein in ihre Klöster. Wie
zuckte es manchmal noch aus Klerikerhand brünstig ins Weltliche hinaus,
wie mischte es sich anfangs voll und farbig mit den steifen kirchlichen
Liedstollen, wie gab es noch der Mariensequenz von Muri die demütige
Schlankheit: »Ave vil liehtu maris stella.« Umsonst, es mußte nach
Westen fliehen und ließ seinen Schatten nur zurück, der als Theologie
vermummt und enthauptet durch das Mittelalter irrte.
Der deutsche Dialekt der Germanen kam jetzt in seinen raschen tropischen
Glanz. Allein gelassen nun ward er die Stimme der großen Epen und der
germanischen Troubadoure. Wie glühte der kurze Sommer seiner Pracht in
des Vogelweiders Strophen, wie verschlang sich Gedanke und Reim und
kehrte voll Musik zurück in die heiß und kindlich gefaltete Kadenz. Nie
hat, selbst in Rilkes Versgeäder, Deutsch wieder die Größe der Einfalt
und die Vollendung des Tons und die Linie der Grazie erreicht wie in der
flötenhaften Lage der Walther-Strophe:
Daz er bî mir laege, --
wessez iemen
(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.
Wes er mit mir pflaege,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich.
Wunderbar füllte die deutsche liedhafte Zartheit die gläserne Wölbung
des frühen Mittelalters mit Auben, Weckrufen, Taggesängen, Hörnern,
Kreuzzügen und heroisch-sanften Mythen, aus deren Bau die Sprache jubeln
konnte noch stolzer wie Horaz, daß wahrlich nie gehörte Sänge ihr
entströmten . . . ., bis mit der schönsten Zeit der Welt, der Epoche der
Dome und Kaiser und lichter Maienhaftigkeit Europas sie in den
tragischen Schlußvers fiel. Deutsch ward nun die Knochensprache
kleinbürgerlicher Meistersinger, die barbarische und oft wildsaftige der
Volksbücher oder die robuste Dämonie Grimmelshausens und die Pedanterie
der gelehrten Habenichtse.
Doch wie hatte das Latein, das über den Rhein gezogen und mit den
Galliern sich vereinigt hatte, im Französisch sich zu geschliffener
Klarheit mittlerweile vollendet! Wie hatte auch sein Mittelalter gehallt
von den unter Ölbäumen von den Sarazenen heraufreitenden Trouveres, wie
hatten die Regenbogen der großen deutschen Epen mit einem Fuße tief in
der Provence gestanden, die breit und groß am feierlichsten Meer
wiederum sich der Levante und den Dichtern afrikanischer Erde hingab.
Wie lärmte über Spanien und Frankreich graziös und gottselig der
vogelvolle Himmel der Frühzeit der Menschheit dann aber weiter bis hoch
in den vollen Zenith. Und wie erfüllte er sich neu immer durch die
lateinische Vergangenheit, die stets die zarte umschwebende Luft blieb,
bis zu schönster Vollendung aus den Allegorien der Götter noch tief in
der Renaissance der herrlichen Plejade und den späten Prunk des Rokoko.
Immer gings aufwärts aus dem Blutsaft der Antike bis in ihre kühnste
Moderne.
Aber wir:
Als der ältere Balzac seine»Lettres« wie Schlittschuhkurven der
französischen Prosa vorbog, sielte das Deutsch noch im Jargon der
Sauhatz; glaubte Herr Opitz aus Bunzlau am Bober durch Beschreibung des
Vesuvs deutsche Dichtung einem neuen Frühling entgegenzuführen. Als der
taube Gentleman Ronsard und die Sechs seiner Plejade den Horizont
Frankreichs mit dem Duft der farbigsten Lieder bewölkten, knabberte Hans
Sachs die Klebsilben aus dem Skelett seiner sechsunddreißig Bücher
deutscher Sprache. Während der flotte Offizier Descartes kristallinische
Treppen mit seinem Französisch in den Nebel der Philosophie hineinbaute,
sang Herr Simon Dach, Professor der Poesie in Königsberg: »Der Mensch
hat nichts so eigen / so wohl steht ihm nichts an / als daß er Treu
erzeigen / und Freundschaft halten kann«, und glaubte damit, während
Shakespeare schon lebte, eine Revolution der deutschen Dichtung
geschmissen zu haben. Rabelais, ein entlaufeper Benediktiner, der
wundervollste Vagabund neben Villon, und vierzigjährige Medizinstudent
führte das Französisch in das ungeheuerlichste Barock, während der
Bürger Ayrer seine üblen Fastnachtsscherze schrieb. Im Französischen
bildete sich Niveau. Bei den Deutschen war es nur, wenn Wundervolles
aufsprang, eine begabte Revolution. Denn auch Ekkhart war den Deutschen
nur das mystische Gewissen, Fischart blieb nur die skurrile Blähung voll
gewaltiger Einfälle und Luther war keine Sprache sondern nur ein
Temperament.
Die Kriege der anderen und die Reformationen, denen Deutschland den
Rücken hinzuhalten das Schicksal hatte, haben die Einheit der Empfindung
und die Sprache zerstört. Als man sie wieder hätte sammeln können,
gelang es nicht den schlanken Bau der Gotik und die Süße
mittelalterlicher Gefühlskraft wieder zu entzaubern. Es gab keine
Gemeinschaft, keinen so zentralen Hof, der sie glanzvoll gepflegt hätte.
Die Führer und Verantwortlichen haben von jeher den Geist und das Volk
im Stich gelassen. Man hetzte Hirsche und drillte Soldaten. Das war
genug.
Wie anders hat Frankreichs Volk die Muse gehegt! Als Marquisen mit
Vaugelas Grammatik unter dem Arm dozierend durch die Schloßparke
schritten, korksten deutsche Fürsten wie Stotterer den Dialekt oder
retteten sich ins Französisch. Wie hat die Literatur seit Margarethe von
Navarra, dieser erlesenen Frau, seit Karl dem Neunten, seit dem ersten
Franz, dem vierzehnten, fünfzehnten Louis um die Höfe sich gereckt, die
Sprache sich veredelt, wie war der Ausdruck des Menschen Maßstab fast
mehr wie die Geburt geworden, daß schon über die Übertreibungen die
Spötter des Molière in Lachkrämpfe verfielen. Ja die Macht war so groß,
daß selbst revolutionäre Dinge gelitten wurden, wenn ihr Anspruch ihrer
Würde und Vollendung entsprach, und die Gesellschaft vernahm mit der
Grazie der Gegeißelten die Anmut der Geißler.
Den blauen Salon des Hotel Rambouillet besuchten die Prinzen neben
Bossuet und Scudéry, und die Geistigkeit der Marquise, die empfing, war
stark genug aus ihren Jours und Empfängen eine literarische Bewegung zu
machen, die Richelieu zur Gründung der Akademie trieb. Und während über
Deutschland der Dreißigjährige Krieg flutete, war der politische Einfluß
der Literatur so ungemein, daß der größte Staatsmann Frankreichs im
Streit um Corneilles »Cid« mit allen Pressionen die gebildeten Kreise
mobil machte, Corneille zu zerreißen, weil ihm dessen Geschwärm für
Duelle und Spanien seine Taktik kontrekarrierte, die den Adel auf den
Bauch warf und Spanien an die Wand drückte. Am Arm von Herzoginnen aber
besuchte der große Dramatiker den sich über die Ehre tief verbeugenden
und den Besuch des höchsten Adels wahrlich gewohnten Bernini, Italiens
damals größten Künstler, unter der Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten
Nation, während in Wasserstiefeln deutsche Pastoren, submissest
verhungernd, als schlesische Dichterschule schüchtern verkleidet,
weltfremd einen dünnen, wenn auch nicht uncharmanten Barock auf deutsche
Flaschen ziehen wollten. Wie hat noch hundert Jahre später der große
Friedrich seine armseligen Dichter verachtet und mit welcher frivolen
Überlegenheit dem Schweizer Henri de Catt die Aperçus über einen
gewissen Hofmann erzählt, der mit demselben Hemd ein ganzes Wörterbuch
verfertigte und der, als man ihm drohte, am jüngsten Tage werde er
allein unter den lichten Gottseligen unrein bekleidet vor Gott
erscheinen, den saftigen Wunsch aussprach, daß er lieber, als das Hemd
zu wechseln, auf die Auferstehung verzichte.
Wie verachtet, wie schmählich verkuppelt ist in dieser Gesellschaft die
Sprache der Heimat geworden, wie erlösend und rührend aber ist sie
manchmal dennoch in die Hände von Einzelnen zurückgekehrt, die sie für
ihre Launen und für ihre Begeisterung züchteten und sie auf dem langen
Weg der Erniederung schön über die beflaggten Barrieren ritten! In
Frankreich steht ein gezüchteter Schlag.
Bei uns kommen manchmal die interessanteren Hengste und wiehern die
Erinnerung der großen Zeit und blitzen Hoffnung auf die Zukunft aus dem
schönen Schlag der Hufe.
Heil Lessing, der mit Strenge säuberte, Sturz, der sie schlank wie ein
Florett im Kreis auf seine Hände zurückband. Grabbe, der sie dunkel
durchwühlte, Kleist, der ihr die Stahlsehnen des jungen Genius durch den
Torso zog, Jean Paul, der erste, der ihr den Nebel und die göttliche
Atmosphäre der Worte wie einem gigantischen Stern zur Wielandschen
Grazie gab, Büchner, der sie zu heroischer Schlankheit des Mutes
begeisterte, Heine, ihr geliebtester Sänger der vogelleichten Kraft, die
Romantik, die sie träumerisch wieder mit dem Gesicht ins Übersinnliche
wandte, Nietzsche am Schluß mit dem jubilierenden Hurra der obersten
Verzweiflung. Geliebte Dichter! Sie waren gute Jokeys und vorzügliche
Trainer, aber sie ritten ohne Tribüne und ihre Ställe und Concours
hatten keinen Zulauf ihres Publikums, auch hatten sie keine Kenner,
obwohl ihre Klasse von internationaler Güte war. Sie waren Desperados
der Kunst gegen die Gesellschaft, die sich nie recht formierte, während
sonst in Europa diese Gesellschaft die Kunst wie eine sanfte und schöne
Krönung über sich trägt.
Selbst Pindar war nur in diesem Sinne ein Dichter für feinere Sportfeste
seiner dorischen homosexual gerichteten Geldaristokratie, Shakespeare
und Molière die Fabrikanten der von ihren Höfen bestellten
Theaterstücke, Calderon war seines spanischen Hofs Arrangeur für pompöse
Vergnügung, die Maler der Renaissance die Hauseinrichter ihres sie
bezahlenden geschmacklich kultivierten Publikums, Bernini der Baumeister
für luxuriöse Ausschweifungen des Barock und der Vogelweider im
Lyrischen der Pressechef seines staufischen Adels.
Die Menschen guter Zeiten gaben sich durch die Leute, deren sie sich zur
Herstellung angenehmer Verzierung ihrer Epoche bedienten, ein veredeltes
Gesicht. Das war alles. Manchmal achteten sie diese Leute nicht einmal,
erst Michelangelo machte sich mit seinem Anspruch zum Fürsten. Damit
blieb er, genau wie wenn man ihn als Sklaven gehalten, das gleiche
Ornament seiner Zeit. Daß man aber ohne Zusammenhang mit seiner Epoche,
rund um eine Zeit rasend, die keine Gesellschaft barg, Dramen
zusammenschrieb, Bilder zusammenmalte, Türme in die Wolken
hineinschickte, Bücher wohl über Probleme der Ideen aber nicht über die
Erziehung zur Nation zusammenstapelte, das ist in seiner
generationenlangen Dauer so rührend wie unglaublich, aber deutsch. Hat
uns nun, seit man in Autos und Flugzeugen und Bahnen fährt, telephoniert
und drahtlose Depeschen sendet, die Muse heftiger und vereinigender
geküßt? Man hat uns, Mijnheer, noch mehr wie die Schafe
auseinandergetrieben. Die Techniken haben uns ein jagendes Tempo in die
Adern gesetzt, aber sie haben uns weiter von den Wurzeln deutschen Seins
gescheucht wie der Dreißigjährige Krieg.
Was hinter den Romantikern herkam, hatte Plattes und Sauberes, hatte
Persönliches und Albernes aber es hatte kein Niveau. Die bärtigen Leute
um Paul Heyse hatten die Vehemenz des Dichterischen schon ganz
vergessen, als sie nazarenisch in ihren lombardischen Wein den Zucker
ihrer Gefühle füllten. Die Holz und Schlaf, die diese in schwacher
Nachahmung des großen Zola entthronten, hatten nur schlechte Manieren
aber keine Kraft. Es blieb wohl Einsicht, aber keine Stärke, sondern
Geschrei. Daß gegen diese dann wiederum die geölten und geschmackvollen
Jünglinge des Dichters George marschierten, der ihnen langsam an
Baudelaires und Mallarmés erhabenem Beispiel das Geheimnis der strengen
Form beigebracht hatte, bewies wohl Einsicht und Sinn für das
Dichterische, aber es stellte gegen den Schlamm der Epoche nur einen
Salon von Süßlingen. In der Tat, Georges Beispiel ist sinnbildhaft von
Bedeutung, es schuf in Wahrheit nur einen Zenakel und dieser war denkbar
nur in Frankreich, aus dem er kam.
Erst als die Schicksalsuhren tragischer ins Volk bellten, suchten einige
Dichter und fanden einige einer neuen Generation eine Sprache, die, wie
die keiner Epoche vorher, wenn auch nicht aus den Klarheiten so doch aus
den Krämpfen ihrer Dezennien sich der Zeit anschloß. Die
Unerbittlichkeit Wedekinds, der Zauber Schickeles, der breite Döblin,
die tapfere Kolb, der hell urteilende Kerr, Sternheim, Benn, Kaiser
versuchten ihre Generation zu einem mörderischen Glanz zu verdichten.
Das Material Balzacs war ihnen nicht gegeben zwar, sondern nur ein
zersplitterter Spiegel. Sie pappten ihn nicht, sondern sie schossen ihn
zusammen. Eine Weile deckte sich Kunst und Zeit. Wir sind in der
Gegenwart.
Wir sind in der Gegenwart, Mijnheer. Sie liegt vor uns wie Land und
Meer, und wo sie zusammentreffen ist Hafen und Schiff. Und wo sie sich
schneiden, hat Kunst und Nation sich berührt. Zehn Nächte bei Flips und
Cocktails und Gin und Kerzen sind eine knappe Zeit das Terrain zu
beschauen. Was interessiert einen holländischen Gentleman an der
Gegenwart? Er hat ein Haus in 's Gravenhage, eine Herde in Utrecht, eine
Bibliothek in Delft. Er reist durch die Welt, von Krieg verschont, von
Kriegssteuern ledig, den Passeport von der Königin visiert, unabhängig
und gebildet, gelangweilt von seinem Lande, und neugierig, was aus
Europa geworden ist. Dazu, weil er bereits aus den Gärten der Jugend in
die Üppigkeit gepflegter Gelehrsamkeit geführt ward, voll Eifer zu
sehen, wie in den Literaturen das europäische Gewürm sich vereinigt. Was
kann Sie besonders reizen, nehmen Sie das Glas und beschauen Sie die
Linie zwischen Meer und Land.
Die paar Pioniere, von nicht sehr großer Lunge, die die Vereinigung
betrieben, haben nicht natürlich Gesellschaft gebildet und Volk und
Kultur sich wie im Paradies unter Tränen gerührt ans Herz sinken lassen.
Sie haben das Wichtige, wohl unter großen Fehlern, dem Wachstumfähigen
genähert. Mehr nicht, aber es ist wohl viel. Will einer nun wissen was
kommt, was sonst an Schiff, Barke, Floß, an Haus und Matrose diese
Phantasie-Gegend bevölkert, ist die Untersuchung der Gegenwart immer von
Reiz, das Prophezeihen aber Kinderei. Der Ehrliche sagt immer nur, was
ist. Das Kommende folgert er zum Teil, ahnt er zum andern, zum größten
weiß er es nicht. O navis referent in mare te novi fluctus? Ich zweifle
nicht, aber ich begebe mich der Antwort. Wir sind zu verwirrt
ineinander, man reißt die Kunst nicht der Zeit aus dem Bauch und gibt
ihr eine gewünschte Direktion. Auf Zukünftiges die Antwort kann nur
Deutschland geben.
In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der
Entscheidungen Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt.
Wie auch immer es sich anschickt, mit seinen dunklen Meeren, den blauen
Gewässern und den flammenden Ernten seine Fahrt zu nehmen, sind auch
unsere Schicksale mit dem seinen in sein Gesicht gebrannt. Wir können
uns nicht trennen. Ob es der rechte Weg ist oder der verfluchte, wir
müssen ihn gehen, vielleicht müssen wir ihn auch lieben. Wir können nur
hoffen, es möge der rechte Weg sein.
Zehn Nächte Mijnheer sind lange Zeit, man muß alles bereden. In
Boccacces »Dekameron« beginnt unter Pampineas Szepter das Spiel, sich
die Ergötzlichkeiten des Daseins zu erzählen, und reihum geht der
Königsstab von Frau zu Mann jeden Tag, ein König führt sie am Ende
lebend nach Florenz. Wir sind nur zwei, zu wenig für einen König. Und
mit zuviel Gestrüpp und Sturm um unser Gespräch, als daß das
Spielerische eines Fürsten hinein passe. Mijnheer, Sie sind Monarchist.
Ihren Ahnen hat Greco gemalt, ein anderer fuhr zu Cortez und zog in
Mexiko ein. Ihr Wappen zeigt mit einem verschnörkelten _M_, daß einer
mit Karl dem Fünften zum Kloster ging. Mit einem anderen kam Ihr
Geschlecht nach Holland, nahm javanisches Blut auf, hatte vielleicht
schon jüdisches in sich. Mijnheer, Sie sind konservativ und urban. Sie
sind nicht reaktionär und dumm. Ihre Tradition macht Sie gepflegt und
weit und nicht verkümmert und eng. Was seither je vor unseren Blick kam,
hatte die gleiche Geltung für Sie und für mich. Sie sind nicht weniger
Europäer als ich, ich aber bin nicht weniger stolz ein Deutscher als Sie
ein Mann der Niederlande. Aber vermögen wir die Gegenwart, deren
erlesene Dinge nicht deutlich von der Zeit distanziert sind, mit
gleichem Auge zu beurteilen in einer Epoche, die nicht nach Vorzügen und
Glanz, sondern nach Zwecken, nach Angst, nach Wünschen und Richtungen
urteilt? Haben wir den gleichen Blick, wenn wir, wie vor Kanonen, vor
die Gegenwart geprellt stehn?
Wie soll ich es Ihnen am deutlichsten sagen?
Hören Sie die Geschichte meines Geburtstags.
Am Tag, als im Grunewald die Mörder den Reichsminister Walther Rathenau
erschossen, fuhr ich aus dem Süden im Auto in meine Heimat. Als wir
gegen Mittag den Main überkreuzten, kamen wir, von nickenden
Birkenalleen flankiert, nach Wilhelmsbad, wo die Prinzen von Hanau ihr
Versailles in einen schönen Park gebaut hatten. Über einem Atlas mit
einer Löwenpranke vor dem Geschlecht, der eine sechzehnflächige
Sonnenuhr trug, sahen wir einen kleinen innen gehöhlten Berg, in dessen
Innerem zwei Pferde seinerzeit im Dunkeln nebst den Lakaien einen Hebel
im Kreise drehten. Oben jedoch, vor dem seidigen blauen Himmel flogen
auf dem derart gedrehten Karussell die Prinzen der Zeit durch die Luft
ihrer spielerischen Entzückung. Wir lachten und kamen in die Wetterau.
Aus den weichen Schatten, mit denen die Wolken über die Ähren wanderten,
am bläulichen Grün des Saftes in den meilengroßen Ebenen, im Wind der
Weiler, die aus Baumspalieren mittaglich träumten, aus der fetten Kraft
und sprudelnden Wucht des Bodens spürte ich die Heimat. Hier haben meine
Ahnen, die Lanzen im Arm, gewohnt. Durch diese Täler sind sie von ihren
Burgen gezogen. Meine Mutter hatte etwas von dem besinnlichen braunen
Glanz alter Wildheit im Auge. In Friedberg, das am Horizont blieb wie
ein Starnest, habe ich sechsjährig auf den Burgzinnen Dohlen gejagt und
unter den Sommerbüschen der Schwarzdorne und gelben Ginster habe ich die
Platten der Rittergräber mit dem Finger abgefahren. In Büdingen hängt in
der Schloßkapelle die Isenburger Kriegsfahne, gegen die sie gezogen. Am
Schloßportal erfuhr ich die Ermordung des Ministers, die Lakaien standen
am Schloßgraben und schwatzten, der Pförtner in einer sagenhaften
Uniform öffnete das Tor.
Ich bin den Mittag weiter durch meine Heimat gefahren, die Störche saßen
auf allen Giebeln, die Schwalben sangen sich über den Eichen, die wie
Pappeln gewachsen sind, in klarem Sang herauf und herunter, und an den
Enden des Horizonts zogen sich violette Schatten, die langsam den Himmel
wie große Zeichen der Festlichkeit heraufkamen.
Um uns rauschte das reifende Korn geheimnisvoll in den mittaglichen
Glanz, und die Felder mit farbigem Mohn bogen verführerisch in die
Stille der Hänge. Wie ein roter Regen flogen die Alleen mit den satten
Kirschen über uns, als wir nach Gelnhausen kamen und sofort die Pfalz
des besten Hohenstaufen suchten. Während seine Vorgänger und seine
Nachfolger den Dom bauten, setzte er in den Sumpf für eine Geliebte die
Pfalz von wunderbarer Wucht, den Pallas von einer Brust der leichtesten
Säulen gegliedert. Der Jasmin flutete mit dem Geruch des weißen
Hollunders durch die Ruinen und umdampfte das steinerne Gesicht des
Barbarossa.
Sein Kopf springt aus der Wand über dem Eingang hervor und läßt keinen,
der eintritt, ohne Blick. Der Bart ist gespalten und nach außen in die
Höhe gezogen, bis er die Höhe seiner Augen erreicht. Auf den Spitzen des
Bartes tanzen da zwei kleinere Köpfe, der des Hundes, der ihn in die
weiten Jagdfelder führte, der jenes Weibes Gela, die er liebte wie ein
Toller, die ihn zwanzigmal von italienischen Fahrten und deutschen
Revolten an ihre Wärme zurückriß. Aus der Tiefe dieser Schatten kam mir
manches ins Blut geschossen, als sich die Hollunderbüsche teilten.
Ich bin wie trunken, gesättigt vom Atem aller großen Zeiten durch meine
Heimat gefahren und die Bäume hatten etwas Erkennendes in ihrem
Dunklerwerden und die Vögel in ihrem Schweigen und die Felder in ihrem
helleren Rauschen und die Wolken selbst, die den satten Ton der
Dämmerung auf ihre lila Segel genommen, erstiegen die Höhe des Himmels
mit grüßendem Triumph. Ich sah die Rehe flüchten und den Mond über den
Barockschlössern aufgehen, deren Spiegel die Nacht silbern erhellten,
ich sah die Nymphen der Dächer fester in ihre Hörner blasen, wenn die
Nachtwinde aus den Feldern sie trafen und ich sah den Main mit seinen
Schiffen heraufkommen in der weißen Nacht mit einer Größe und
Verwandtheit, die ich aus den Jahrhunderten, die wir hier verbrachten,
sofort verstand.
Ich bin durch die Empfänglichkeit meines romantischen Blutes wie ein zu
dem Stern der großen Kaiser und adliger Erinnerungen Verführter durch
die Nacht meiner Heimat gefahren, in deren Landschaft deutsches
Schicksal und deutsche Welt sich durch Generationen entschied und
Ausdruck und Figur erhielt bis an ihre besten Maße. An diesem Tage wurde
Rathenau als der vierhundertste wehrlos, von hinten, erschossen. Ich bin
für die Republik.
Ich bin für die Republik, Mijnheer, wir sind angelangt bei politischen
Dingen und haben sie schon überwunden, indem wir es erkannten. Denn Sie
wie ich werden bemüht sein, ich von dem Ihren und Sie von meinem Herzen
aus die Gegenwart zu sehen. Und wir sind beide genug voll innerer
Distanz zu den Dingen, um nicht zu verstehen, das Saubere von dem
Gemeinen und das Echte vom Gefälschten zu unterscheiden. Sonst ist
nichts von Belang. Welches Volk aber von Barbaren, Mijnheer! Man kann
mit diesen Leuten nicht sein, die den Mord heiligen, um zu Monarchien zu
kommen, deren Absurdheit Sie wie ich in jener Form verachten, wie
vernarrte Jünglinge und verbissene Greise sie wollen. Das hat kein Band
mit den Erinnerungen meines Blutes.
In meinem Wappen stehen unter dem springenden Löwen die sechs Punkte des
Gleichgewichtes. Der Wahlspruch schrieb: »fidèle sans blâme«. In Ihrem
ist das Segel der Fregatte, mit dem ein Ahn die Mauren jagte, ein
späterer seinen König nach den Niederlanden führte und darunter steht:
»Illum oportet crescere me autem minui« wie bei dem furchtbaren Johannes
des Grünewald, der vergehen wollte wie ein Blatt, damit der Nazarener
aufschieße wie ein Baum. Ach, wenn die Könige Europas doch auch wie
junge Heilige wüchsen! Auch Ihr Monarchismus hat eine Idee und es wäre
Ihnen darum unmöglich, den Meuchelmörder zu rufen, wo ein Gedanke Sie
erfüllt. Napoleon Bonaparte hat als Letzter die Monarchie einer
europäischen Idee verfochten und ich gestehe, daß ich das Verführerische
dieses Glaubens spüre. Ich sehe aber in diesem Europa meiner Jugend
keinen Weg und keinen Führer dazu. Ich bin für die Republik.
Mijnheer, wir sind eingeschneit. Die Läufer, die zurückkehren, haben die
Figuren von Tieren. Wir sind mit ihnen in dieser angenehmen Höhle
eingesperrt. Sie wollen nunmehr mich in der Zwischenzeit veranlassen,
mit der gleichen animalischen Unvoreingenommenheit der Kunst nicht nur
die Knospen des Busens zu bewundern und den zitternden Elan der Schenkel
zu bestaunen, sondern der schönen Gejagten den Bauch zu beklopfen und
alle Sehenswürdigkeiten aber auch alle Fehler ihres Baues in unser
Entzücken und in unser Urteil aufzunehmen. Die Wertungen ihrer Schönheit
fällt allerdings erst die spätere Geschichte.
Aber die Göttlichkeit des Augenblicks, die versteckte Herrlichkeit einer
ihrer sekündlichen Bewegungen und den Schatten der Sonne auf ihrer
schlanken Hüfte bringt keine Ewigkeit zurück. Es lebe der Augenblick!
Ich habe daran denken müssen, als nicht nur die Wände des
Barbarossa-Pallas mit den schmalen Scharnieren der Säulen sondern auch
die Färbungen der Ecken und die Dunkelheiten der Verließe und die
schmerzlichen Lücken des Fehlenden mir den Ruhm ihrer Zeit erst völlig
entgegenbrachten. Fesseln wir den Augenblick! Durchbohren wir ihn, weil
er erst dann unsterblich ist. Alles andere geht, wie Deutschland geht.
Es lebe die Republik!
Wir gehen in die erste Nacht, Mijnheer, als ob wir in die Verbannung
gingen und Deutschland so fern hinter den Schneewehen sei, als habe das
Exil sich wahrlich zwischen uns und die Heimat gelegt. Der Sturm, der an
den Schwarzwaldbergen hängt, hat die Gegenwart wie die eines Sternes
entfernt, man sieht durch den Kerzenschein nur Kämpfe und Gesinnungen
wie bei Homers großer Schlacht. Man sieht nur die Dichte der Leistung
und den Adel des Wettspiels und erschrickt nicht, wenn man beim Reden
das Herzblut der Zeit auf den Lippen spürt und stirbt nicht daran wie
jene Geliebte und Liebende von Coucy, die wie am Blitz starb, als sie
das Kreuzzugherz ihres Freundes durch Irrtum verspeiste. Hinter dieser
Betrachtung formieren sich dann schon die Massen. Man kommt nirgens ohne
innere Haltung aus: »Après vous, messieurs,« schrien englische Cavaliere
französischen Rittern zu, als diese höflich den Briten den Vorrang der
ersten Salve bei einer Schlacht lassen wollten. Diese Devise ist nicht
flacher in einer Zeit, wo die Schwengel sich duellieren und die
Edelleute sich öffentlich verleumden. Man darf nicht erstaunt sein, beim
Untersuchen der Zeit statt einer Armee von Helden ein Lager von Schelmen
anzufinden, aber man braucht deshalb seine Unparteilichkeit und seine
Manieren nicht zu verlieren. Man kann unbefangen sein und kalt wie ein
Fisch im Urteil und doch seine private Sehnsucht vor alles Richtige
nachher wie einen Traber vorspannen.
O Deutschland!
In seinen Tälern beginnen die zaghaften Anfänge des Frühlings schon in
den ersten Sommer einzukreisen und aus den Gärten bricht schon der
Geruch der vielen Blumen. Unsere Träume haben keine Muse, teilzunehmen
an so sanften Entzückungen seines Wesens. Im Gewirr seiner Pfade einen
Weg suchen und die Beete zu unterscheiden ist eine Aufgabe, die
verflucht ist, auch wenn die Donner eines stürmischen Frühjahrs nicht
mit dunklen Gewittern über uns hingen. Unser dreißigstes Jahr ist nicht
heiter wie das der Jünglinge des Boccacce und unsere Jugend ist
stürmischer wie die des Cinna und Hannibal. Was ist noch zu tun?
Ich habe gehört, daß über mein Ordnen und Schichten und Höhe- und
Tiefe-Weisen einige schrien, es sei Diktatur, die versucht werde, aber
da es, wie ich näher hinsah, erbärmliche Schatten waren, die schrien,
habe ich nicht geantwortet und mein Ehrgeiz war nicht klein genug zum
Kampf mit den Gerippen. Die Erfolglosen, die das Nein gegen die Gesunden
stets im Munde führen, haben mich nie gereizt und Verneiner sind nichts
anderes als frühzeitige Tote.
Man hat in Deutschland wie das züchtigende Ja so auch das Ringen um die
klar erkannten Ziele und das Bewußtsein der handwerklichen Leistung ganz
verlernt. Man hat sich so zerspalten, daß man nichts mehr weiß von jener
weltumspannenden Kameraderie der Handwerke, von der gemeinsamen Wollust
europäischer Arbeit, von jener Staffelung in Gut und Schlecht und Volk
und Arbeit . . . . und wie in seinem Mittelalter man sich verehrte,
nicht weil man berühmt war, sondern weil man etwas konnte, wie man sich
gegenseitig unterwarf und lernte und schließlich allesamt bewußt dann
kreiste, der Vollendung nahe nachher, um die Achse eines sicheren
Weltgefühls. Es gibt heute keine Schüler mehr und keine Belehrer, nur
seltsame Meister ohne Boden und ohne Himmel.
Man muß ihnen zeigen, was ist, diesen armen unbelehrbaren Menschen. »Ich
werde Euch lehren den Arm, ein Bein, mit Grazie zu biegen,« sagte
Boucher zu seinen ungelenken begabten Schülern. Hokusai, der seit dem
fünften Jahre unendlich viel zeichnete, verwarf, was er vor dem
siebenzigsten Jahr geschaffen und glaubte, mit Dreiundsiebzig etwas von
der Farbe der Dinge zu begreifen. Ronsard empfiehlt in seiner Poetik den
Dichtern, zu Schlossern und Goldschmieden zu gehen, um zu lernen die
Sprache zu ziselieren. Ingres empfahl, wenn man für hunderttausend
Francs Handwerk habe, keine Sekunde zu zögern noch für einen Sou
dazuzukaufen. Und Flaubert, der es wissen mußte, wie keiner, schrieb
nachts an Madame X. von Croisset nach Paris, er habe auf hunderttausend
Arten einen Ausdruck gesucht, behauen, gegraben, gewendet, durchstöbert,
gebrüllt, bis er ihn unter Garantie endlich habe und nun, nachts um ein
Uhr stehe er mit fieberndem Kopf und brennender Kehle seiner Geliebten
zur Verfügung.
Sie wußten alle, daß Talent nichts sei als lächerliche Voraussetzung und
daß bei genauer Prüfung schließlich wohl jedermann ein Talent habe, und
daß ohne die grauenvollste Arbeit nach einem Ziel, das man sehe, im
Sinne aller Meister jedes Geschreib und Gemale nur ein dilettantischer
Schmus und ein zweckloser Unfug sei. Sie wußten, man müsse den Menschen
zeigen, wie sie arbeiten sollten, wo die Quellen lägen und wohin sie
ihre vom Übermaß der Bemühung geröteten Gesichter freudig wenden
sollten.
Ein Glockengeläute gibt zuerst, weil der Klöppel eine Seite lediglich
berührt, einen hellen dünnen Ton. Erst wenn er die andere Seite unter
geschickter Führung dazu noch erreicht, überbaut den ersten Anschlag die
dunkle Kraft des zweiten . . . . und so, voneinander nehmend und sich
überbietend, baut sich die Stufe der Melodie immer breiter dröhnend in
den Himmel.
Man darf nicht zögern, das Seil zu führen, wenn man Musik liebt. Man
will das nicht wissen? Man kann es nicht sehen? Um so besser. Ist
niemand da, der die Kontrolle führen will . . . . hier ist er. Vergessen
Sie die Kerzen nicht, Mijnheer. Der Sturm hat ein Rad über die Gletscher
geschlagen. Er vergißt uns nicht.