2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um Spitzbergen.

Die Holländer folgten den Engländern auf dem nordöstlichen Wege sehr

bald nach. Als Stephen Burrough 1557 nach seiner Ueberwinterung in

Archangelsk zurückging, traf er jenseits Vardöhuus Holländer an, welche

nach Lappland Handel trieben und sich in Kola niederließen. Von hier

gingen 1566 zwei Antwerper Kaufleute Simon von Salingen und Cornelis

de Meijer an der Küste entlang zu Schiff nach dem Onegafluß, von wo

sie als Russen verkleidet zu Lande nach Moskau reisten. Noch wichtiger

und für die Entwicklung des holländischen Handels nach dem weißen

Meer von bestimmendem Einfluß war das Auftreten des niederländischen

Kaufmanns +Oliver Brunel+ aus Brüssel. Derselbe war 1565 mit einem

Enkhuizer Schiffe nach Kola gekommen und wagte sich dann auf einer

russischen Lotje nach Cholmogory. Auf Veranlassung der eifersüchtigen

Engländer als Spion erklärt, wurde Brunel in Jaroslawl an der obern

Wolga gefangen gesetzt, bis er durch Vermittlung der russischen

Kaufleute, der Gebrüder Anikiew, die Freiheit wieder erhielt, und in

den folgenden Jahren in dem Interesse seiner Befreier Handelsreisen

bis zur Petschora machte und so den ganzen Norden Rußlands kennen

lernte. Da er aber auch im Westen den russischen Waaren Absatz zu

verschaffen wünschte, so begab er sich mit Verwandten der Anikiews

zu der holländischen Niederlassung in Kola und miethete hier ein

niederländisches Schiff nach Dordrecht. Der Erfolg war günstig, und so

wurde über Kola eine regelmäßige Verbindung mit Holland angeknüpft.

Brunel diente zwischen den Handelsplätzen als Agent.[551] Im Jahre 1577

ging er mit Jan van de Walle, dem Agenten des Handelshauses Gillis van

Eychelberg, genannt Hoofman, zu Lande nach Moskau und bewog dieses Haus

noch in demselben Jahre das erste holländische Schiff nach der Dwina

zu entsenden. Andere niederländische Schiffe folgten und ankerten

in der Pudoschemsko-Mündung der Dwina. Als dann auch Melchior de

Moucheron als Agent seines Bruders, des reichen Handelsherrn Balthasar

de Moucheron, sich an der Dwina niederließ und 1584 den Capitän

Adrian Krijt veranlaßte, einen bessern Ankerplatz bei dem Kloster des

Erzengel Michael zu suchen, so entstand dort rasch Neu-Cholmogory

oder Archangelsk und entwickelte sich so günstig, daß 1591 auch die

Engländer ihre Factorei hierher verlegen mußten.

Inzwischen war 1581 Brunel zum zweitenmale in den Niederlanden gewesen,

um für die von schwedischen Schiffbauern auf Kosten der Anikiews

erbauten besseren Fahrzeuge holländische Matrosen anzuwerben, denn

die Schiffe sollten den Handelsweg nach dem Ob eröffnen. Seinen Weg

nach den Niederlanden hatte Brunel über die Ostsee genommen und bei

dieser Gelegenheit den Kosmographen Johann Balak in Arensberg auf der

Insel Oesel besucht, welcher ihm Empfehlungen an den berühmtesten

Kartographen seiner Zeit, Gerhard Mercator, mitgab und, nach den

Angaben Brunels in einem Brief an den großen Gelehrten, seine

Erkundigungen über die Polarregion der alten Welt mittheilte. Wir

finden darin die Petschora, Waigatsch, das karische Meer mit den

einmündenden Flüssen ganz richtig beschrieben. Jenseit des Ob werden

allerdings die Vorstellungen unklar. Der berüchtigte Kataisee, dessen

Abfluß der Ob sein sollte, wird nach dieser Auffassung von Karakalmaken

umwohnt, die ganz nahe an China grenzen oder bereits diesem Lande

angehören (~non alia certe quam Cathaya~).[552] Pet und Jakman waren

im Jahr vorher in das karische Meer eingedrungen, die Angaben Brunels

fanden dadurch eine weitere Bestätigung. Dieser scheint nun die Ehre

des großen Unternehmens, den Handelsweg nach dem Ob zu eröffnen, aus

Patriotismus seinem Vaterlande haben zuwenden zu wollen; denn er trat

nicht mehr als russischer Agent in den Niederlanden auf, sondern

brachte mit Hilfe seiner Landsleute eine Expedition zustande, an deren

Spitze er 1584 das karische Meer zu erreichen suchte. Die Geschichte

dieser Fahrt ist dunkel, wir erfahren nur, daß er sein Schiff auf dem

Rückwege an der Petschora einbüßte. Brunel kehrte nicht nach Holland

zurück; er begab sich vielmehr, da er durch seine Handlungsweise seine

Stellung auch in Rußland verloren hatte, in dänische Dienste und erbot

sich zu Fahrten nach Grönland. Dann verschwindet er aus der Geschichte,

jedenfalls erlebte er die ersten großen holländischen Entdeckungszüge

nach dem Nordosten nicht mehr.

Den directen Anstoß dazu gab Balthasar de Moucheron. Ende 1593 legte

er dem Statthalter Moritz von Oranien und Oldenbarneveldt seinen Plan

vor, durch die karische See nach China zu segeln („~in wat manieren

en by wat middelen de noordsche zee omtrent Waygats tot China toe

bevaarbaar zijn zou~“).[553] Den vierten Theil der Kosten wollte er

selbst tragen. Aber nach längerer Berathung nahmen durch Beschluß

vom 16. Mai 1594 die Generalstaaten die Sache selbst in die Hand und

machten sie zu einer Staatsangelegenheit. Zwei Schiffe wurden von der

Admiralität in Seeland und Nordholland gestellt, das dritte Schiff

und eine Yacht fügte, auf Anregung des Kosmographen Peter Plancius,

die Regierung von Amsterdam hinzu. Beide Abtheilungen standen unter

dem Oberbefehl des Capitän Cornelis Cornelisz. Nay aus Enkhuizen,

so lange sie vereinigt bis zur Insel Kildin an der lappländischen

Küste gingen. Von hier aus mußten sich die Wege trennen, denn den

von den Generalstaaten gestellten Schiffen war der Weg durch die

Waigatschstraße ins karische Meer vorgeschrieben, von wo sie dann

weiter nach Cap Tabin und der Anianstraße steuern sollten, während die

andere Abtheilung des Geschwaders Nowaja Semlja umsegeln sollte, um

die karische See zu vermeiden, von der man noch nicht wußte, ob sie

mit dem nördlichen Weltmeer zusammenhänge oder nicht. Eine Fahrt um

Nowaja Semlja hielt man deshalb für keineswegs schwierig, weil nach

der Ansicht Mercators, welcher auch sein Schüler Plancius folgte, das

Eismeer wegen des raschen Flutwechsels nicht fest zugefroren sein

könne.[554] Cornelisz. Nay kannte jene nordischen Gewässer, da er

im Auftrage des Hauses Moucheron bereits mehreremale das weiße Meer

besucht hatte. Das zweite Schiff stand unter dem Commando des Capitäns

Brandt Ijsbrandtsz. Tetgales ebenfalls aus Enkhuizen. Die Amsterdamer

Schiffe befehligte Willem Barendsz. Alle Schiffe gingen am 5. Juni 1594

von Texel ab und langten am 23. Juni zusammen vor Kildin an. Nay ging

mit Tetgales am 2. Juli nach der Waigatschstraße, kam am 5. des Monats

ins Eis, erreichte aber doch am 18. die Mündung der Petschora und

ankerte am 21. vor Waigatsch. Nach mancherlei Aufenthalte segelte er am

1. August durch die jugorische (ugrische) Straße, von den Holländern

die Nassaustraße genannt, und gelangte bis in die karische See, wo er

zwar anfangs auch noch mit dem Eise zu kämpfen hatte, dann aber unter

71° n. Br., am 11. August, in offenes Wasser kam. Da man die Durchfahrt

nach Indien in der „neuen Nordsee“, wie man das karische Meer nannte,

meinte gefunden zu haben, so beschloß man, sich mit diesem Erfolg zu

begnügen und den Heimweg anzutreten; denn man war überzeugt, an der

Mündung des Ob vorbei -- die Karabucht wurde dafür gehalten -- bis zur

Höhe des Vorgebirges Tabin vorgedrungen zu sein.

Auf dem Rückwege traf Nay am 16. August mit den Amsterdamer Schiffen

zusammen, welche unter Capitän +Willem Barendsz.+ von Kildin nach

Nordosten gesegelt waren. Am 4. Juli sah dieser unter 73° 25′ n. Br.

die Westküste von Nowaja Semlja und ging an derselben bis zum 78°

n. Br., wo am Eiscap ein mächtiges Eisfeld ihn zur Umkehr nöthigte.

Daß +vor+ ihm Russen schon so weit die Küsten des „neuen Landes“

kannten, bewiesen die unter 77° 55′ n. Br. auf einer Insel an der Küste

errichteten Kreuze.

Die Schiffe traten gemeinschaftlich den Rückweg an und langten am 16.

September wieder in Holland an.

Die Resultate dieses ersten Versuches erschienen den Unternehmern

keineswegs entmuthigend. Namentlich hielt man die Beobachtung Nay’s,

daß er ein offnes Meer bis Tabin entdeckt habe, für so günstig, daß

man sofort in dieser Richtung weiter zu gehen beschloß; aber man

wollte sich den Eingang sichern und faßte schon den Plan ins Auge,

die Nassaustraße durch Befestigungen zu sperren, damit man nicht mit

fremden Nationen den Gewinn theilen müßte.

So wurde ein zweites, noch größeres Geschwader, auf Staatskosten

ausgerüstet „zur nördlichen Schifffahrt nach den Königreichen China

und Japan“ (~opte navigatie benoorden om, naeden Coninckrycken van

China ende Japan~).[555] Man war diesmal so fest überzeugt, das Ziel zu

erreichen, daß man nicht blos die ansehnliche Zahl von sieben Segeln

(je zwei von Amsterdam, Seeland und Enkhuizen und eins von Rotterdam)

entsendete und theilweise mit Kaufmannsgütern für den Handel mit China

befrachtete, sondern auch zwei kleineren Schiffen der Flotte den

Auftrag ertheilte, die Nachricht von der erfolgten Umschiffung Tabins

sofort nach den Niederlanden zurückzubringen. Cornelis Nay wurde wieder

zum Oberbefehlshaber, Tetgales als zweiter Capitän und Barendsz. zum

Obersteuermann ernannt. Linschoten, der bekannte Geschichtsschreiber

dieser Nordostfahrten,[556] sowie Hermskerck und Rijp nahmen als

Commissarien an dem Schiffszuge theil, dessen Ziel der von Polo’s

Zeiten her bekannte Seehafen Quinsay (~haeven ende stadt van Guinsay~)

war. Aber man hatte mit der Ausrüstung der großen Flotte so viel Zeit

verloren, daß man erst am 2. Juli von Texel in See gehen konnte. Am

10. August war man am Nordcap, am 17. stieß man schon auf Treibeis.

Zwar gelang es noch am 24., durch die Nassaustraße ins karische Meer zu

kommen; aber das dichte Eis trieb die Schiffe nach der Waigatschinsel

zurück. Vergebens machte Barendsz. noch mehrere Versuche, den Eisgürtel

zu durchbrechen, aber die Jahreszeit wurde immer ungünstiger und am 15.

September mußte man schweren Herzens die Hoffnung aufgeben, vorwärts zu

kommen. Man erfuhr zwar, daß die Russen noch über den Ob hinaus nach

einem Flusse namens Gillissy (Jenissei) Handel trieben, aber man konnte

ihnen wegen der vorgerückten Jahreszeit nicht mehr folgen.[557]

Erst im November kamen die Schiffe nach Holland zurück. Aber die

Unternehmungslust der Kaufleute war durch diesen Miserfolg keineswegs

gedämpft. Namentlich Linschoten forderte zu neuen Anstrengungen auf

und wies darauf hin, wie lange sich die Portugiesen abgemüht hatten,

bis sie das Südende Afrika’s erreichten. Ihre Ausdauer sei glänzend

belohnt. Eine nordöstliche Durchfahrt nach China und Indien bestehe

ganz sicher, als Beweis führte er die Fahrten der Russen nach dem Ob

und Jenissei an. Aber man kenne die Temperatur- und vor allem die

Eisverhältnisse des Nordens noch nicht genügend, um die richtige

Jahreszeit zu treffen. Er rieth daher, zeitig im Frühjahr zwei kleine

Schiffe nach Waigatsch zu senden, welche dort das Aufbrechen des Eises

abwarten sollten und dann den Spuren der russischen Lotjen nach dem

Ob folgen könnten. Am Jenissei sollten dann die Schiffe überwintern,

von den Anwohnern Erkundigungen einziehen und im nächsten Jahre ihre

Reise fortsetzen. Die Generalstaaten freilich wollten neue Mittel für

Schiffe nicht bewilligen; um jedoch die Unternehmungen nicht ganz

fallen zu lassen, setzten sie eine Prämie von 25,000 Gulden auf die

erste glückliche Vollendung der Fahrt nach China.[558] Dagegen faßte

der Rath der Stadt Amsterdam den Beschluß, aus den Mitteln der Stadt

zwei Schiffe von 50 bis 60 und 30 Lasten auszurüsten und darauf bis

zu 12,000 Gulden zu verwenden.[559] Jan +Cornelis Rijp+ und Jacob

Hendrichsz. +Heemskerck+ führten die Schiffe, +Barendsz.+ ging wieder

als Steuermann mit. Am 18. Mai (neuen Stils) liefen sie von Vlieland

aus, Rijp steuerte von den Lofoten nach Nordnordost, da er den Nowaja

Semlja umlagernden Eismassen auszuweichen wünschte und fand so zunächst

am 9. Juni die +Bäreninsel+,[560] so genannt, weil dort ein großer Bär

erlegt wurde, und entdeckte am 17. Juni (nach Barendsz.’s Journal),

indem er einen dermaßen nördlichen Cours einhielt, als ob er über den

Pol segeln wollte, die Inselgruppe von Spitzbergen. Aber seine Versuche

von hier aus, um die Westküsten nach der Nordseite vorzudringen,

scheiterten an den unbezwinglichen Eismassen. Die Schiffe kehrten also

nach dem Süden zurück und trafen am 1. Juli wieder an der Bäreninsel

ein.[561] Hier trennten sich die beiden Schiffe: Barendsz. ging nach

Nowaja Semlja, Rijp nördlicher, in der Absicht, auf der Ostseite von

Spitzbergen von neuem den Weg über den Pol zu suchen. Aber er fand auch

hier eine feste Eismauer, ging an deren Rande nach Westen und kam so

zum zweitenmal nach Spitzbergen. Nun erst gab er seinen Plan auf und

wandte sich auch nach Nowaja Semlja. Aber da der Sommer zu Ende ging,

so gab er, ohne nach dieser Richtung noch etwas erreicht zu haben, den

Kampf gegen das Eis verloren und kehrte über Kola nach Hause zurück.

Barendsz. hatte inzwischen am 17. Juli Nowaja Semlja erreicht und war

nach langer Arbeit im Eise endlich am 15. August so glücklich, über

das Eiscap hinaus zu kommen und am folgenden Tage die nördlichste

Spitze des Landes zu umsegeln. Aber im Nordosten wurde das Schiff vom

Eise besetzt und mußte im „Eishafen“ überwintern unter 76° 7′ n. Br.

Der Aufenthalt währte vom 26. August 1596 bis zum 14. Juni 1597. Man

fand am Strande viel Treibholz, baute ein geräumiges Wohnhaus und

verbrachte darin unter Leiden und Entbehrungen den Winter. Der Muth und

die Ausdauer, mit welcher die Leute eine bis dahin unerhört strenge

Ueberwinterung überstanden, erregte die allgemeinste Theilnahme. Die

Reiseberichte wurden in alle Sprachen übersetzt, und so wurde diese

letzte große holländische Polarfahrt zugleich die populärste. Als im

Sommer 1597 die Schiffe aus ihrem Eisgefängniß nicht frei wurden,

mußte man sie preisgeben und ging in offnen Böten um Nowaja Semlja

herum zur Petschora. Fünf von der aus 17 Köpfen bestehenden Mannschaft

starben; auch der edle Willem Barendsz. erlag während der Bootfahrt

und fand auf dem neuen Lande sein Grab. Barendsz. war nicht blos ein

liebenswürdiger, allgemein geachteter Charakter, er war auch ein

gebildeter, ja ein gelehrter, der lateinischen Sprache sogar kundiger

Seemann, der von Kindesbeinen an (~von sijne kintsche daghen aen~)

eifrigst bemüht gewesen war, von allen Ländern, die er durchwanderte

oder befuhr, Karten zu entwerfen.[562] Mit ihm sank gleichsam die

Seele der Polarfahrten ins Grab. Sein Wahlspruch war gewesen: ~Niet

zonder God~ (nichts ohne Gott). Mit dieser dritten Reise Barendsz.’s

und mit seinem Tode hörten die energischen Versuche der Holländer,

den Nordostweg nach China zu finden, auf.[563] Man mußte zugeben, daß

die Lehren der Kosmographen von einem stets befahrbaren Polarmeere

sich als irrig erwiesen hatten. Aber die Anstrengungen und Opfer waren

doch nicht vergeblich gewesen, denn einerseits stand in dem Eismeere

ein ergiebiger Walfang in Aussicht, andererseits -- und dies war weit

höher anzuschlagen --, war das Nationalbewußtsein mächtig gehoben. Man

verglich in Holland diese arktischen Reisen mit dem Argonautenzuge,

oder gar mit Hannibals Uebersteigung der Alpen und mit Alexander des

Großen Feldzügen.[564]

Daß man die Nordfahrten vorläufig aufgab, hatte noch einen andern

Grund. In demselben Jahre, als Heemskerck mit dem Rest seiner

Mannschaft von Nowaja Semlja zurückkehrte, kam Cornelis Houtman mit

der ersten Flotte von Indien zurück. Der alte Weg ums Cap der guten

Hoffnung war sicher und brachte Gewinn, der Versuch, einen neuen Weg

zu finden, hatte nur Opfer gefordert. Nachdem Spanien seit 1580 auch

die Hand auf Portugal und seine Besitzungen gelegt, seitdem mit dem

Untergange der berühmten Armada die spanische Oberherrschaft zur See

erschüttert war, achteten weder England noch Holland mehr auf das alte,

vom Pabst verliehene Monopol des indischen Handels, und nach Houtmans

erfolgreichem Zuge blühte der Handel nach Indien dermaßen auf, daß

bereits 1602 die holländisch-ostindische Compagnie ins Leben gerufen

wurde. Man wandte also in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts

sein Interesse dieser neuen Richtung zu; aber gerade in der Gründung

dieser Handelsgesellschaft lag auch wieder der Keim und Anstoß, die

Nordostfahrten wieder aufzunehmen; denn die niederländische Regierung

hatte dieser ostindischen Gesellschaft ausschließlich das Recht

ertheilt, ums Cap oder durch die Magalhãesstraße mit Indien Handel

zu treiben. Alle nicht der Compagnie angehörenden Kaufherren waren

ausgeschlossen, und diese eben suchten nun wieder „um den Norden herum“

nach Ostasien zu gelangen.

Fünf Jahre später nahm aber auch die moskowitische Handelsgesellschaft

ihre seit 1580 abgebrochenen Entdeckungen wieder auf und entsandte

1607 +Henry Hudson+ mit einem kleinen Fahrzeuge, um über den Nordpol

den Weg nach Japan und China in nordöstlicher Richtung zu eröffnen.

Hudson steuerte am ersten Mai von der Themse aus nach Nordwesten

und stieß unter 67° n. Br. auf die Ostküste Grönlands. Von hier aus

wollte er sich mehr und mehr nach Nordosten hinüberwenden. Die Küste

des hohen Schneelandes lief anfänglich von Westen nach Osten, später

von Süden nach Norden. Dieser Theil der grönländischen Küste ist auch

gegenwärtig noch nur ungenügend bekannt. Er befuhr die Küste bis

zum 70° und wandte sich dann nordöstlich nach Spitzbergen hinüber.

Mit Sturm, Regen und mit dichten Nebeln kämpfend, welche in einem

Zeitraum von drei Wochen (vom 2. bis 21. Juni) nur einmal der Sonne

gestatteten, den Dunstschleier zu durchbrechen, kam er unerwartet

am 22. Juni noch einmal, unter 72° 38′ n. Br. in die Nähe der hier

nicht überall mit Schnee bedeckten, aber hochgebirgigen Küste von

Grönland, bis er auf die Eisbarriere stieß, welche in der Regel das

Meer zwischen Grönland und Spitzbergen überbrückt. Da er sah, daß

sich das amerikanische Land viel weiter nach Osten erstreckte, als

er nach seiner (auf Zeno basirenden) Karte annehmen durfte,[565] so

ging er nun am Rande der Eismauer nach Spitzbergen hinüber, dessen

Küste er am 27. Juni erreichte. Bis zum 13. Juli kreuzte er in dem

Eise hin und her, wobei er die Höhe von 80° 23′ n. Br. erreichte.

Dann drang er bis auf die Nordseite der Inselgruppe vor, vermuthlich

bis zu den „Siebeninseln“, wo das Eis seiner Weiterfahrt ein Ziel

setzte. Es gelang ihm also ebensowenig wie früher dem Holländer Rijp,

Spitzbergen im Norden zu umsegeln. Er versuchte es dann noch auf der

Südseite, mußte aber auch hier des Eises wegen am 27. Juli von seinem

Vorhaben abstehen und kehrte nach England zurück. Wichtig wurde für

die Folgezeit die Entdeckung zahlreicher Walfische, welche sich damals

noch in dem friedlichen Meere von Spitzbergen tummelten. Im folgenden

Jahre schickte die moskowitische Compagnie ihn zum zweitenmale aus,

den Weg zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja einzuschlagen. Auch

diese Reise blieb resultatlos, wahrscheinlich weil sie wieder zu früh

im Jahre begonnen war. Hudson ging nämlich schon am 22. April die

Themse hinunter zur See und erreichte Ende Mai die Höhe des Nordcaps.

Unter 75° 29′ n. Br. gerieth er am 9. Juni ins Eis und mußte sich

mühsam, nach Südosten zurückweichend, bis zur Küste von Nowaja Semlja

durcharbeiten, welche er unter 72½° zu Gesicht bekam. Da er die Insel

im Norden nicht umsegeln konnte, wandte er sich zur Waigatschstraße,

aber wegen der in heftiger Strömung bewegten Eismassen wagte er sich

nicht hinein und kehrte um. Am 26. August ließ er in Gravesend die

Anker fallen. Es galt als eine besonders wichtige Wahrnehmung, daß

das Klima von Spitzbergen unter 80° milder war, als bei Nowaja Semlja

unter 76°, denn dadurch wurde die Theorie von dem offnen Polarmeere neu

bekräftigt.

Die niederländisch-ostindische Compagnie, welche, wie sie für den

Handel ums Cap und durch die Magalhãesstraße bereits privilegirt

war, auch noch die Nordoststraße für sich zu monopolisiren hoffte,

gewann darum für 1609 den kühnen englischen Polarfahrer, um in ihrem

Interesse den nordöstlichen Weg nach China zu finden. Daß diese dritte

Reise Hudsons aber eine ganz andere Richtung nahm, ist bereits (S.

515) berichtet. Trotzdem beschloß die ostindische Gesellschaft die

Versuche fortzusetzen. Abgesehen von der durch Plancius vertretenen

und verbreiteten Lehre, daß in der hohen Polarregion unter der

monatelang ununterbrochen andauernden Bestrahlung durch die Sonne

das Eis schmelzen und die Luft erwärmt werden, daher ein offenes

Polarmeer entstehen müsse, erhielt die niederländisch-ostindische

Handelsgesellschaft einen neuen Anstoß, den Weg über den Pol zu

versuchen, durch ein merkwürdiges Werkchen eines deutschen Gelehrten

Helisäus (Elisée) Röslin, Leibarzt des Grafen von Hanau, zu Buchsweiler

im Elsaß, welcher in seinem „künstlichen, philosophischen Tractat:

Mitternächtige Schiffarth“ nicht nur den Ansichten Plancius’

beipflichtete, sondern sich auch bemühte, mit astrologischen Gründen

zu beweisen, daß Gott die Entdeckung des Nordpols wolle. Dieses

Werkchen sandte Röslin 1610 an die holländischen Generalstaaten.

Dadurch angeregt, beschloß die Admiralität von Amsterdam 1611 zwei

Schiffe auszusenden unter +Jan Cornelisz. May+ und Simon Willemsz. Cat,

um über den Nordpol durch die Anianstraße nach China zu segeln. Sie

versuchten zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja durchzubrechen, kamen

aber des Eises wegen nicht über den 76° hinaus, und wandten sich daher

nach der Ostseite von Amerika, dessen Küsten sie zwischen 47 und 42½°

n. Br. befuhren. Im Februar des folgenden Jahres kehrte ein Schiff nach

Amsterdam zurück. May machte in diesem Jahre noch einen Versuch, Nowaja

Semlja zu umsegeln, aber er traf unter 77° wieder den unbezwinglichen

Eiswall.[566] Es war also weder Engländern noch Holländern möglich,

„um den Norden herum“ nach China zu kommen. Erst in den letzten Jahren

1878 und 1879 ist diese ruhmreiche That auf dem schwedischen Schiffe

Vega unter der Führung des kühnen Polarforschers Nordenskiöld und

des tüchtigen Capitäns Palander gelungen, und Asien auch im Norden

umschifft worden.

Engländer und Holländer hatten sich nun schon über ein Menschenalter

abgemüht, die starren Eismauern des Polarmeeres zu durchbrechen,

ohne daß mehr als ein scheinbarer Erfolg in Bezug auf das erstrebte

Endziel errungen wäre. Dagegen fanden sie theilweise Ersatz für

den nicht unbedeutenden Kostenaufwand in der Jagd auf die großen

Fischsäugethiere, Wale, Walrosse und Robben, welche namentlich bei

Spitzbergen in großer Anzahl angetroffen wurden. Beide Nationen

beanspruchten die alleinige Ausbeutung jener Jagdgründe und so

entwickelte sich in den ersten Decennien des 17. Jahrhunderts ein

lebhafter +Kampf um Spitzbergen+.

Die Engländer erschienen zuerst auf dem Plan und schickten ihre Schiffe

seit 1597 bereits nach dem hohen Norden, aber sie verstanden noch

nicht, die Walthiere zu erlegen. Die Basken mußten ihre Lehrmeister

werden, baskische Harpuniere wurden in Dienst genommen und gingen auf

englischen Schiffen nach Spitzbergen. Der biskaische Wal (~Balaena

Biscayensis~) ist zwar ausgestorben; aber daß die Basken schon seit

langen Jahren den Walfang betrieben hatten, läßt sich wohl daraus

schließen, daß Städte wie Guipuzcoa, Fuentarrabia u. a. einen Walfisch

im Wappen führten.

Häufiger wurden die Besuche der Engländer in der spitzbergischen See,

seitdem 1608 Hudson auf den Reichthum an Walen in jenen Gewässern

wieder aufmerksam gemacht. In den Jahren 1609 und 1610 erforschte

Jonas Pool die ganze Westküste Spitzbergens. Im folgenden Jahre

ertheilte König Jacob I. der moskowitischen Compagnie ein Privilegium,

welches alle übrigen Seefahrer, einheimische sowohl als fremde von der

Fischerei daselbst ausschloß. Trotzdem erschienen seit 1612 auch die

Holländer an jener arktischen Inselgruppe, welche von ihren Landsleuten

entdeckt war, um unter Anleitung baskischer Fangmänner (im Jahre 1613

hatten sie zwölf derselben angeworben) an der Walfischerei sich zu

betheiligen. Neben ihnen fanden sich auch baskische und französische

Schiffe ein. Aber die Engländer waren entschlossen, die fremden

Eindringlinge nicht zu dulden. Die moskowitische Gesellschaft schickte

1613 sieben große Schiffe unter Capitän Benjamin Joseph und Baffin

als Oberpilot nach Spitzbergen, welche rücksichtslos die fremden

Fischer überfielen, ihnen den gemachten Fang wieder abnahmen oder sie

verjagten, so daß nur ein holländisches Schiff mit seiner Beute entkam.

Damit war der Krieg im Eismeere erklärt, welchen die Niederländer

indes muthig aufnahmen. Die betheiligten Unternehmer vereinigten

sich, um mit geschlossener Macht energischer auftreten zu können,

1614 zu einer Handelsgesellschaft unter dem Namen der „+nordischen

Compagnie+“ und erhielten von den Generalstaaten das Handelsprivilegium

für den ganzen Norden, von der Davisstraße bis nach Nowaja Semlja.

So standen die moskowitische und die nordische Compagnie kampfbereit

einander gegenüber. Die Holländer blieben zwar im ersten Jahre, 1614,

unbehelligt, denn ihre stattliche Flotte von 14 großen Schiffen war

durch drei von den Generalstaaten zum Schutz beigegebene Kriegsschiffe

gedeckt, so daß die Engländer, welche mit 13 Schiffen und zwei Pinassen

erschienen waren, nicht wieder zu Gewaltthätigkeiten zu schreiten

wagten. Aber die Briten hatten in den nächsten Jahren doch wieder die

Oberhand. Indes ließen sich die Mitglieder der nordischen Compagnie

nicht völlig verjagen. Um nun den unsicheren Zuständen, welche

den Handel beider Parteien schädigten, abzuhelfen, versuchten die

Holländer ein friedliches Abkommen zu treffen, welches nach jahrelangen

Verhandlungen erst unter Karl I. 1627 zustande kam, wonach man die

Fischereibezirke unter den Rivalen theilte: die Engländer fischten

seitdem im Südwesten, die Holländer im Nordwesten von Spitzbergen.

* * * * *

Ueberblicken wir das Gesammtresultat aller Unternehmungen, welche

von den europäischen Seemächten ins Werk gesetzt wurden, um das

gemeinsame Ziel, Indien und die Gewürzländer, auf verschiedenen

Wegen zur See zu erreichen; so sehen wir nur die beiden romanischen

Völker, die Portugiesen und Spanier, jene ums Cap der guten Hoffnung,

diese durch die Magalhãesstraße ans Ziel gelangen. Es waren also

nur der südöstliche und der südwestliche Weg nach Indien offen

gefunden. Die Spanier hatten außerdem auf dem Westwege in den reichen

Bergländern des tropischen Amerika ein neues Indien entdeckt. Als

die beiden Nebenbuhler, nach Umschiffung der halben Welt, an den

beiden Gewürzinseln auf einander stießen, geriethen sie um den Besitz

derselben in einen lebhaft geführten Streit, welcher 1529 durch einen

Vertrag geschlichtet wurde, nach welchem die Portugiesen einstweilen

die Molukken und den Gewürzhandel behaupteten.

[Illustration: ~Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen

vom Jahre 1568. (Dresden, Königl. Bibliothek.)]

Einen ganz andern Verlauf nahmen die Versuche der germanischen

Seefahrer, der Engländer und Niederländer, im Nordwesten und Nordosten

eine fahrbare Straße nach den asiatischen Tropenländern zu finden.

Länger als ein halbes Jahrhundert setzten sie den Kampf mit dem Eise

der Polarmeere fort, um schließlich, auf der Grenze zwischen den beiden

hauptsächlich eingeschlagenen Bahnen, sich um den Besitz der

Fischereien an den unwirthlichen Klippen von Spitzbergen zu befehden,

bis auch hier, hundert Jahre nach dem Vertrage von Tordesillas, Friede

geschlossen wurde. Welch ein Gegensatz! Dort unter den Romanen der

Streit um die Gewürzinseln am Aequator, hier unter den Germanen der

Kampf um die Eisfelder von Spitzbergen nahe am Pol. Aber die Gefahren

im arktischen Meere, die stets erforderliche Wachsamkeit bei der

Führung der gebrechlichen Fahrzeuge durch die Eislabyrinthe des hohen

Nordens hatten die Kraft der germanischen Schiffer gestählt und ihr

Selbstbewußtsein mächtig gehoben. Sie fühlten sich stark genug, um

auch um den Besitz Indiens mit den Romanen zu ringen. Die Gründung der

englischen und der holländischen ostindischen Handelsgesellschaften

im Beginn des 17. Jahrhunderts eröffnete eine neue Aera des Kampfes

um das alte vielumworbene Ziel Indien. Die Germanen blieben Sieger

und theilten die Beute: England setzte sich in dem folgenden Zeitraum

auf der Halbinsel von Vorderindien fest, die Niederländer gewannen

die Sundawelt sammt den Molukken und haben bis heute diesen Besitz

behauptet. --

Um ein Bild von der Kenntniß jenes merkwürdigen und wichtigen

Inselgebietes zu geben, so weit es gegen das Ende der portugiesischen

Herrschaft in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bereits

erforscht war, geben wir zum Schluß eine getreue Copie der Karte eines

ausgezeichneten portugiesischen Kosmographen +Diego Homen+ vom Jahre

1568. Das Blatt ist einem auf Pergament gezeichneten Atlas entlehnt,

welcher sich im Besitz der königlichen Bibliothek zu Dresden befindet

und noch nicht veröffentlicht ist. Es zeigt uns die hohe Entwicklung

und die Eigenthümlichkeit der kartographischen Kunst in der letzten

Hälfte des Zeitalters der Entdeckungen.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 121 / 123 题