1. Die Engländer auf dem Nordostwege und die moskowitische Compagnie.

Sebastian Cabot, den wir zuerst, in Gemeinschaft mit seinem Vater, von

England aus die nordwestliche Bahn nach Indien betreten sehen, ist auch

der Urheber des Gedankens, den letzten noch möglichen Weg nach den

reichsten Ländern Asiens einzuschlagen: von England aus nach Nordosten

um Nordeuropa und Nordasien. Zwar hat Sebastian Cabot nicht selbst mehr

Schiffe nach dem Nordosten geführt, denn er war bereits hochbetagt,

wenigstens 80 Jahre alt, als er mit seinem Vorschlage hervortrat; aber

er lieh dem Unternehmen die Unterstützung seiner reichen Erfahrungen im

Seewesen und wirkte dadurch fördernd und anregend.

Es könnte befremden, daß der Nordostweg so spät, erst 1553 versucht

wurde, wenn uns nicht ein Blick auf die Karten jener Zeit belehrte,

daß man die Küstenumrisse Afrika’s und Südamerika’s besser kannte

und richtiger darstellte als die Meeressäume in Nordeuropa; denn bis

nach Skandinavien erstreckte sich der Handel der Italiener, folglich

auch ihre Kunst der Seekarten nicht, und die Hanseaten, zu deren

Handelsgebiet der ganze Norden, wenigstens bis Bergen und Drontheim

gehörte, verwendeten statt der gemalten Compaßkarten geschriebene

Segelanweisungen, Seebücher. So blieb der Norden Europa’s in seiner

kartographischen Entwicklung lange hinter dem Süden, namentlich den

Gestaden des Mittelmeeres, zurück. Wie die Karten des Nicolaus Donis

von 1482,[538] die Weltkarte von 1513 (vorliegendem Werke beigegeben)

und Jacob Zieglers Karte[539] (Straßburg) von 1532 zeigen, hielt

man noch an der Vorstellung fest, daß vom Norden Europa’s eine

Landverbindung nach Grönland existire. Entsprach eine solche Auffassung

der Wirklichkeit, dann war selbstverständlich an eine nordöstliche

Durchfahrt nicht zu denken. Und doch bestand, wenigstens schon seit dem

15. Jahrhundert, ein Schifffahrtsverkehr zwischen dem weißen Meere und

den Westgestaden Skandinaviens, von dem man im Süden eigentlich nichts

wußte. Noch mehr: die leichtgebauten russischen Fahrzeuge wagten sich

schon bis nach Nowaja Semlja und bis an die Eingänge des karischen

Meeres; denn im Laufe des 16. Jahrhunderts fanden englische Schiffe

an der Westseite des „Neuen Landes“ die Einfahrt in einen sichern

Hafen bereits durch Kreuze markirt. Sigismund von Herberstein, welcher

zweimal, 1517 und 1526 als Gesandter des deutschen Kaisers nach Moskau

ging, berichtet uns[540] über die im Jahre 1496 von dem russischen

Botschafter David ausgeführte Seefahrt von der Dwina nach Drontheim.

Wir erfahren aus dem Munde eines Mitgliedes dieser Gesandtschaft,

Gregory Istoma, daß zu jener Zeit schon das norwegische Grenzfort

Vardöhuus am Varangerfjord jenseit des Nordcaps bestand, wodurch die

Grenzen der norwegischen Besitzungen bewacht wurden. Und wenn die

von da aus nach Südost verlaufende Küste der Halbinsel Kola noch

jetzt den Namen murmanische d. h. normannische Küste führt, so müssen

skandinavische Seefahrer sie besucht haben. Ihnen war also das äußerste

Nordgestade unseres Continents längst bekannt; aber in Südeuropa

vernehmen wir nur vereinzelte kundige Stimmen. So erzählt Gomara, in

Bologna habe ihm der landesflüchtige, schwedische Bischof Olaus Magnus

erzählt, daß man um Nordeuropa bis nach China segeln könne.[541] Aber

Olaus Magnus rückt irrthümlich auf seiner Karte[542] die Nordspitze

Skandinaviens bis zum 84° n. Br. hinauf, während doch der Florentiner

Verrazzano schon im Jahre 1525 richtig die geographische Breite des

Nordcaps auf 71° verlegte.[543]

Genaueres über die Polarküsten Europa’s erfuhr man erst aus den

Darstellungen Herbersteins, und es ist sehr wahrscheinlich, daß erst

durch das Erscheinen seines Werkes, in welchem auch die sibirischen

Flüsse Ob und Irtysch erwähnt werden, ein möglicherweise schon älteres

Project Cabot’s neu belebt wurde und auf Grund der neu erworbenen

Anschauungen mehr Aussicht auf Verwirklichung gewann. Allerdings

lief auch ein folgenreicher Irrthum mit unter, wie so oft in diesem

Zeitalter durch falsche Combinationen die kühnsten Unternehmungen

getragen wurden. Nach Herbersteins Erkundigungen sollte nämlich der

Ob aus einem See Kitaisk abfließen. Dieser kitaische See mußte --

so schloß man vorschnell -- in der Nähe von Kitai oder Cathay, also

China liegen. Konnte man zu Schiffe an den Ob gelangen, dann mußte

auch der Rest des Weges nach Ostasien sich ohne große Schwierigkeit

ausführen lassen. Zwar legten die Kartographen der Vollendung dieser

nordöstlichen Schifffahrt noch ein selbstgeschaffenes Hinderniß in den

Weg, indem sie nach einer misverstandenen Angabe des Plinius (~lib.

VI~, 20) ein Vorgebirge Tabin als äußerste Spitze des polaren Asien

ansetzten, welches wenigstens bis zum 75° n. Br. reichen sollte. Allein

Tabin galt doch nicht als unüberwindliche Schranke.

Daß Asien sich so weit in die polare Zone hinein erstrecken solle, war

durch keine Wahrnehmung oder Kunde irgend welcher Art zu beweisen,

und doch hat sich, wie die Forschungen des 18. Jahrhunderts ermittelt

haben, die Lage des hypothetischen „~Promontorium Tabin~“ bestätigt,

wenn wir dafür das Cap Tscheljuskin, welches unter 77° 36′ n. Br.

liegt,[544] gelten lassen.

Es ist merkwürdig, wie oft die kartographischen Phantasiegemälde,

welche die Kosmographen des 16. Jahrhunderts in ruhelosem

Schaffensdrange entwarfen, das richtige getroffen haben und gerade

bei den für die räumliche Vertheilung der Landmassen wichtigen

Momenten. Dahin gehören die bereits vier Jahre vor der Entdeckung

durch Magalhães von Schöner gezeichnete südamerikanische Meerenge,

ferner das Cap Tabin als äußerster nördlicher Punkt des Continents der

alten Welt und die schon im 16. Jahrhundert vermuthete und gezeichnete

+Anianstraße+, welche die alte und neue Welt von einander scheidet,

unsere Beringstraße.

Als Cabot daran ging, den Plan einer Nordostfahrt ins Werk zu setzen,

bedurfte er zunächst bedeutender Mittel und diese zu schaffen, galt

es besonders den Patriotismus der englischen Kaufherren aufzurufen.

Es gelang ihm, im Jahre 1553 (vier Jahre nach dem Erscheinen des

Herberstein’schen Werkes) eine Handelsgesellschaft ins Leben zu rufen,

welche der auch in England mit wichtigen Privilegien ausgestatteten

und den Seehandel beherrschenden Hansa entgegen arbeiten sollte. Diese

Gesellschaft, zu deren lebenslänglichem Präsidenten Cabot ernannt

wurde, trat unter dem Namen: „~Mystery, Company and fellowship of

merchant adventurers for discovery of unknown lands~“ ins Leben. Es lag

in diesem Titel die Absicht ausgesprochen, dem englischen Seeverkehr

Länder zu erschließen, wohin der Einfluß der Hansa nicht reichte.

Das erste Geschwader, welches die neugegründete Compagnie 1553

aussendete, bestand aus drei Schiffen von 160, 120 und 90 Tonnen

Gehalt. An die Spitze wurde Sir +Hugh Willoughby+ gestellt, weil er „im

Kriegswesen wohl bewandert war“. Ihn begleiteten Richard Chancellor und

Stephen Burrough.[545] Am 10. Mai (alten Stils) liefen die Schiffe von

der Themse aus, unter dem Jubelzurufe des versammelten Volks, am 27.

Juli ankerten sie bei den Lofoten und gingen dann weiter nordwärts.

In der Mitte des August trieb ein Sturm die Schiffe auseinander.

Willoughby gerieth nebst dem kleinsten Fahrzeuge weit jenseit des

Nordcaps, welches für die westeuropäische Schifffahrt bei dieser

Gelegenheit gleichsam entdeckt wurde, an eine von Eis umstarrte flache

Küste, vielleicht die Insel Kolgujew,[546] wandte sich von da wieder

zurück und erreichte am 18. September die lappländische Küste, wo er

am Flüßchen Arzina (jetzt Varsina) unter 68° 20′ n. Br. zu überwintern

beschloß. Aber unbekannt mit den Gefahren eines arktischen Winters und

mit den Mitteln, demselben Widerstand zu leisten, erlag die gesammte

Mannschaft beider Schiffe, sammt ihrem Befehlshaber. Russische Fischer

fanden später das verhängnißvolle Winterlager und brachten beide

Schiffe mit Willoughby’s Leiche 1555 nach England.

Das dritte Fahrzeug unter Richard Chancellor ging, als es sich nach dem

Auguststurme allein sah, nach Vardöhuus, wartete dort eine Woche lang

auf Willoughby und setzte dann auf eigene Hand seine Entdeckungsfahrt

weiter fort, bis es am weißen Meere nahe der Mündung der Dwina ein

kleines Kloster erreichte, da, wo jetzt die Stadt Archangelsk liegt.

Hier fand Chancellor gastliche Aufnahme, wurde, nachdem Eilboten

dem Zaren die Ankunft eines englischen Schiffes gemeldet hatten,

eingeladen, nach Moskau an den Hof zu kommen und verbrachte dort einen

Theil des Winters mit seinen Leuten. Dann kehrte er 1554 mit seinem

Schiff nach England zurück. So war ein Theil des Programms der von

Cabot gegründeten Handelsgesellschaft: unbekannte Länder aufzusuchen,

um mit ihnen in Verkehr zu treten, erfüllt. Rußland ergriff mit Freuden

die Gelegenheit, sich über das einzige Meer, dessen Küsten unter

seiner Botmäßigkeit standen, mit Westeuropa in Verbindung zu setzen.

Es entwickelte sich ein lebhafter Handel, die englische Gesellschaft

erhielt 1555 von der Königin Maria Corporationsrechte unter dem Namen

einer ~Company of merchant adventurers~. Man nannte sie aber gewöhnlich

die moskowitische Gesellschaft (~Muscovy Company~).

Die Gesellschaft besteht noch als ~fellowship of English merchants

for discovery of new trades~. Ihr Archiv ist leider in dem großen

Brande 1666 untergegangen und damit manches werthvolle Blatt für

die Entwicklungsgeschichte des englischen Seehandels verloren.

Chancellor wurde 1556 wieder nach dem Kloster Cholmogory (Archangelsk)

abgeschickt, verlor aber auf dem Heimwege von der Dwina bei Aberdeen im

Schiffbruch am 10. November das Leben.

In England ließ man, trotz des ersten Erfolges, das große Ziel, auf dem

eingeschlagenen Wege bis nach Indien vorzudringen, nicht aus den Augen.

Zu gleicher Zeit mit Chancellor wurde auch +Stephen Burrough+[547]

wieder entsendet, aber mit dem weitergehenden Auftrage, die Mündung des

Ob aufzusuchen, als nächsten Schritt zur Auffindung der Nordostpassage

(~intending the discovery of the north-east passage~). Cabot überwachte

persönlich die Ausrüstung und nahm auf dem Schiffe von Burrough

Abschied, welcher am 27. April von Gravesend in See ging.

Am 11. Juni traf dieser jenseit des Nordcaps an der lappländischen

Küste mit russischen Lotjen (kleine Ruder- und Segelböte) zusammen

und ließ sich von ihnen den Weg zur Petschora zeigen. Da aber die

Lotjen schneller segelten als das englische Schiff, so mußten sie

oft die Segel einziehen, um Burrough nachkommen zu lassen. Diese

Fahrgeschwindigkeit der russischen Böte bestätigt die Annahme, daß jene

nordischen Seeleute weithin mit den Küsten des Eismeers bekannt sein

konnten. Am 15. Juli lief Burrough in die Mündung der Petschora ein

und ging von da fünf Tage später grade nordwärts nach dem südlichen

Rande von Nowaja Semlja. Unter diesem Namen kannten die Russen

bereits jene langgestreckte Doppelinsel, welche das karische Meer

gegen Westen abschließt. Statt nach Osten sich zu wenden, verfolgte

Burrough die Küste nach Westen, wo ihn eine russische Lotje belehrte,

daß er, um nach dem Ob zu gelangen, eine entgegengesetzte Richtung

einschlagen müsse. Auch gab der russische Schiffer den Engländern

weitere Andeutungen über die einzuhaltende Route. Burrough kam bis

zur Waigatschinsel, lag dort einige Zeit vor Anker, wurde, als er ins

karische Meer einzusegeln versuchte, am 23. August von einem schweren

Sturm betroffen, der ihn zur Umkehr zwang. Er hatte die Absicht, an der

Dwina zu überwintern und im nächsten Jahre die Fahrt nach dem Ob zu

vollenden, aber führte den Plan nicht aus, sondern ging nach England

zurück.

Die moskowitische Handelsgesellschaft ließ vorläufig die Pläne, nach

dem Ob und weiter die Route zu entdecken, fallen und beutete die neu

eröffneten Handelsbeziehungen an der Dwina aus. An dem Stillstande der

Entdeckungen war wohl auch der 1557 erfolgte Tod Cabot’s schuld. Erst

als Frobisher (s. oben S. 511-514) sich in den Jahren 1575-77 vergebens

abgemüht hatte, eine Nordwestpassage zu finden, kehrte man zu Cabot’s

Idee zurück und schickte 1580 noch einmal zwei Schiffe nach dem Ob und

nach Cathai.[548] +Arthur Pet+, welcher schon die erste Fahrt unter

Chancellor als Matrose mitgemacht, und +Charles Jakman+ befehligten die

Schiffe, welche am 30. Mai von Harwich abgingen. Jenseit des Nordcaps

trennten sich die beiden Schiffe, um sich später bei der Waigatschinsel

wieder zu treffen. Pet ging allein nördlich um diese Insel herum durch

die karische Straße, und nach Südosten am Lande hin zwischen der

Küste und einem ausgedehnten Eisfelde, bis er nothgedrungen in einem

Hafen auf der Ostseite von Waigatsch Zuflucht suchen mußte. Dort traf

er wieder mit Jakman zusammen. Da beide Schiffe vom Eise beschädigt

waren, so beschlossen sie umzukehren und das karische Meer, welches sie

zuerst betreten, wieder zu verlassen. Pet kam am 26. October wieder

nach England, Jakman überwinterte an der Küste Norwegens und ging im

nächsten Jahre auf einem dänischen Schiffe nach Island. Dort ist er

verschollen.

„Pet und Jakman waren die ersten Nordostfahrer, welche sich ernstlich

in das Treibeis wagten. Sie benahmen sich dort mit Entschlossenheit und

Umsicht, und in der Geschichte der Schifffahrt kommt ihnen die Ehre zu,

die ersten Fahrzeuge geführt zu haben, welche vom westlichen Europa in

das karische Meer eingedrungen sind.“[549] Mit Unrecht erklärt Barrow

sie für unbedeutende Seeleute;[550] denn ihre Leistung ist in diesem

Gebiete von keinem englischen Schiffer mehr übertroffen, und mit dieser

Expedition hörten die englischen Expeditionen zur Nordostpassage fast

ganz auf, nachdem die Holländer in ihre Fußtapfen getreten waren.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 120 / 123 题