3. Die Versuche der Engländer, eine Nordwestpassage zu finden.

In England hatten seit den Nordwestfahrten Sebastian Cabot’s die

Unternehmungen nach dieser Richtung geruht. Da trat 1527 +Robert

Thorne+, der Sohn eines der ältesten Begleiter Cabot’s mit dem Project

auf, direct über den Pol den Weg nach China zu suchen, und wies darauf

hin, daß England durch seine Lage vor allen anderen Mächten Europa’s

berufen sei, das Problem einer Nordwestpassage zu lösen. Heinrich VIII.

bewilligte einen Theil der Kosten, und so ging Thorne im Mai 1527 mit

zwei Schiffen von England ab, kehrte aber ohne irgend einen Erfolg

zurück.

Wiederum trat eine Pause von 50 Jahren ein, bis unter der Königin

Elisabeth der Unternehmungsgeist mächtig erwachte und sich in einer

Reihe von Expeditionen bethätigte, welche über 50 Jahre lang, von

1576-1632 fortgesetzt wurden. Und wenn sie auch ihr Ziel nicht

erreichten, so haben sie doch einerseits zur Aufhellung der polaren

Küstensäume Nordamerika’s Erhebliches geleistet, andererseits die

englische Marine in den schwierigsten Fahrten geschult und den

Aufschwung des Seewesens bedeutend gefördert. So wurden diese

Nordwestfahrten durch die Gunst des Volkes getragen; wohlhabende,

patriotisch gesinnte Männer traten zusammen, um die Kosten zu

bestreiten. Der Schauplatz dieser Unternehmungen liegt im Westen

Grönlands, wo die Gewässer der Frobisherbai, Davisstraße und

Baffinsbai, der Hudsonsstraße und Hudsonsbai die Namen der Seehelden

jener Tage verewigen. Die Schifffahrt in jenen arktischen Regionen

wird durch die häufig auftretenden starken Nebel, welche das Erkennen

der Küstenlandschaften unmöglich machen, noch mehr aber durch das Eis

erschwert, welches einerseits die zahlreichen engen Sunde versperrt und

die Küsten bis zum Hochsommer besetzt hält, andererseits aber in der

warmen Jahreszeit theils in Form von dicken Schollen, theils in Gestalt

phantastisch aussehender Eisberge, an der See abgebrochener riesiger

Trümmer mächtiger Küstengletscher, durch die breiteren Meeresgassen

der Hudsonsstraße, des Lancaster- und Smithsundes dem Ocean zutreibt;

denn in allen diesen Canälen vertieft sich der Meeresgrund nach dem

atlantischen Meere zu immer mehr und befördert in natürlichster

Weise das Abtreiben der Eismassen, welche in der mittleren Bahn

der Baffinsbai und Davisstraße sich zu dichtgedrängten Massen als

Packeis zusammenschieben, und von den Schiffen nur selten mit Erfolg

durchbrochen werden können. Daraus erklären sich die eigenthümlichen

Course der Schiffe, welche oft in scheinbarer Rathlosigkeit hier vor

den andringenden Eismassen zurückweichen, dort in eine sich zufällig

öffnende Gasse freien Fahrwassers einlenken, bis das Eis ihnen wieder

Halt gebietet.

Zuerst erschien in jenen Gewässern +Martin Frobisher+, welcher von

1576-78 drei Fahrten unternahm. Aber nur die erste verfolgte den

Zweck geographischer Entdeckungen, die beiden folgenden sollten die

bereits gewonnenen Erfolge ausbeuten. Als er im Anfang Juni 1576 mit

seinen beiden kleinen Barkschiffen von 35 und 30 Tons die Themse

hinuntersegelte, winkte ihm die Königin mit der Hand Abschiedsgrüße

zu und bezeugte dadurch die hohe Theilnahme an den patriotischen

Forschungen. Wenn man erwägt, daß Frobisher für den hohen Norden, nach

welchem er steuerte, keine andere Karte, als die Zeno’sche besaß,[524]

wo zwar Island und Grönland in schicklicher Lage sich finden, die

Faröer aber zu einer an Größe mit Island wetteifernden vielgliederigen

Insel aufgebauscht sind und weiter hinaus die Fabelgestalten von Icaria

und Estotiland sich zeigen: so darf man sich nicht wundern, wenn der

englische Seefahrer über die im Eismeere auftauchenden Küsten eine

irrige Meinung faßte. Als er am 11. Juli unter 61° n. Br. auf die

Ostseite von Grönland stieß, erklärte er dieses Land für Friesland,

verlegte das „grüne Land“ noch weiter hinaus und steuerte darum von

der Südspitze Grönlands westlich. So stieß er am 26. Juli auf die

Labradorküste am Eingange der Hudsonsstraße, fand alle Sunde noch

mit Eis besetzt und ging an der Resolutioninsel vorüber zum Eingange

der Bai, welche noch jetzt seinen Namen trägt. Hier glaubte er, am

8. August, die gesuchte Straße, welche den Weg nach den Molukken

gestatte, gefunden zu haben, nahm eine Ladung von Kupferkies, welchen

man für Golderz hielt, an Bord und segelte nach Europa zurück.

Der vielversprechende Anfang der Nordwestfahrten heischte rasche

Förderung. Mit einem königlichen Schiffe und zwei Barken konnte

Frobisher am 26. Mai 1577 wieder in See gehen, um die Durchfahrt noch

weiter zu erforschen (~for the further discovering of the passage to

Cathay~. Hakluyt, ~Voyages~, III, 32). Am 16. Juli war er mit seinen

Schiffen an der vermeintlichen Straße, nannte die südliche Küste „~The

Queenesforeland~“ (Königin-Vorland), und die Insel auf der Nordseite

nach dem Steuermann des Hauptschiffes „Hall-Insel“. Diese liege,

so meinte er, neben Asien; denn er war in der irrigen Vorstellung

befangen, einen Paß an der Grenze der alten und neuen Welt gefunden zu

haben. Das Land an der Nordseite der Frobisherbai galt ihm bereits als

asiatische Küste. Am 19. Juli lief er in die „Straße“ ein und ließ an

der Nordseite, am Warwicksunde (nach der Gräfin Anna Warwick benannt)

wieder sog. „Nordwesterz“ laden, in welchem der italienische Alchymist

Agnello durch eine geschickte Täuschung Spuren von Gold nachzuweisen

verstanden hatte. Eine weiter nach Nordwesten gehende Untersuchung

der Bai unterblieb; trotzdem nannte Master George Best, welcher die

Reise mitmachte, den vermeintlichen Sund emphatisch „die nördliche

Magalhãesstraße“.[525] Am 24. August kehrte Frobisher zurück und

erreichte am 17. September Landsend, die Südwestspitze Englands.

Da man in London die Ansicht des Entdeckers theilte, daß die Straße

zwischen Amerika und Asien gefunden sei, so galt es vor allem, die

Vortheile eines kürzeren Weges nach China für England allein zu

sichern. Der Eingang der Nordwestpassage mußte militärisch befestigt

werden, um fremden Schiffen das Einlaufen verwehren zu können. Das

Land auf der Südseite taufte die Königin ~Meta incognita~ („das

unbekannte Ziel“). Zur förmlichen Besitzergreifung des wichtigen

Passagelandes zog Frobisher 1578 zum drittenmale mit einer stattlichen

Flotte von 15 Segeln aus. Zwölf Schiffe sollten wieder Erz laden

und dann zurückgehen, die drei anderen dort stationirt bleiben und

Befestigungen anlegen. Da Frobisher diesmal einen zu südlichen

Cours eingehalten hatte, so gerieth er zuerst in den Eingang der

Hudsonsstraße, erkannte aber die Wichtigkeit derselben nicht, oder war

so sehr von der Ueberzeugung erfüllt, in der schon zweimal besuchten

Bucht die einzige Straße gefunden zu haben, daß man eine genauere

Untersuchung des südlichen Wassers für unnütze Zeitvergeudung hielt.

Als bei dieser Fahrt eins der größeren Schiffe sich einen Weg durchs

Eis bahnen wollte, wurde es zwischen den Schollen zerdrückt und

ging unter. Die Mannschaft wurde zwar gerettet, aber leider befand

sich in dem versunkenen Fahrzeuge das Bauholz für das Fort und das

Winterhaus. Der Plan einer Befestigung mußte also aufgegeben werden,

man nahm wieder Nordwesterz ein und kehrte Ende August nach Europa

zurück. Daß die mitgebrachten Erze werthlos waren, mußte eine genauere

Untersuchung bald ergeben; aber man verschwieg die Resultate, um sich

nicht öffentlichem Spotte auszusetzen. Doch sah man bei den späteren

Expeditionen davon ab, unnützen Ballast nach Europa zu verfrachten.

Daß Frobisher keine Straße gefunden, sondern nur in eine Bucht gerathen

war, ist erst in unserem Jahrhundert, 1862, durch Francis Hall

nachgewiesen. Bis dahin, also bis vor 20 Jahren, figurirte auf allen

Karten noch eine „Frobisherstraße“.

Trotz der nicht erheblichen Resultate dieser Fahrten trat wenige Jahre

später eine Gesellschaft Londoner Kaufleute unter der Leitung William

Sanderson’s zusammen, um die Entdeckungen weiter zu verfolgen. +John

Davis+,[526] ein wissenschaftlich gebildeter und praktisch tüchtiger

Seemann wurde mit der Führung der Expedition betraut und ging mit

seinen beiden kleinen Schiffen „Sonnenschein“ und „Mondschein“, von

50 und 30 Tonnen Gehalt, am 7. Juni 1585 von Dartmouth ab. Am 20.

Juli traf er, wahrscheinlich bei Cap Discord, auf die Südostküste von

Grönland. Weil er sich aber durch die noch immer maßgebende Karte

Zeno’s irreleiten ließ, erkannte er das Land nicht als Grönland,

sondern gab ihm den Namen ~Land of Desolation~, da es mit seinen

mächtigen, schneebedeckten Bergen und dem vegetationslosen Strande,

den ein zwei Meilen breiter Eissaum umschloß, in starrer Oede sich aus

den Fluten erhob. Dann drang er um die Südspitze des Landes herum nach

Norden, ging unter 64° 15′ n. Br. über die nach ihm benannte Straße an

das westliche Gegengestade und verfolgte die Fjordküste von Cumberland

bis 66° 40′ n. Br., verewigte die Namen seiner Freunde an den Sunden

und Vorgebirgen, wandte sich zur Umkehr, ging am 12. August über den

Ausgang der Cumberlandbai, deren kahle Felsenküste er nicht weit genug

verfolgte, um das Wasser als eine abgeschlossene Bucht zu erkennen, und

langte am 30. September wieder in England an.

Nach mehreren Richtungen schien das arktische Meer noch weiteres

Vordringen zu gestatten. Darum stellten die Kaufleute dem kühnen

Polarfahrer, welcher schon bei dem ersten Versuche bedeutend weiter

nach Norden gekommen war als Frobisher, im nächsten Jahre vier Schiffe

von 120, 60, 35 und 10 Tonnen Gehalt zur Verfügung, um die entdeckte

Straße weiter zu verfolgen. Um die günstige Jahreszeit des Hochsommers

mehr ausbeuten zu können, stach er einen Monat eher in See, war schon

am 15. Juni an der Südspitze Grönlands, erreichte aber, weil er

durch dichte Nebel und Eisbarrieren aufgehalten wurde, die gleiche

Polhöhe wie im vorigen Jahre nicht (er kam am 1. August bis 66° 33′

n. Br.) und hoffte auf dem Rückwege in die Cumberlandbai eindringen

zu können, weil er fest überzeugt war, hier eine Passage zu finden,

sah aber noch am 15. August den Eingang durch Eis versperrt. So lief

er bis zum 28. August an der Küste weiter gegen Süden und brach die

weiteren Nachforschungen erst ab, als er an der Labradorküste bis zum

57° n. Br. entlang gesegelt war. Dann wandte er sich der Heimat zu

und langte am 6. October in der Themse an. Außer der Entdeckung von

gewinnversprechenden Fischgründen bot diese zweite Forschungsreise

geringere Erfolge als die erste; doch sprach Davis in einem Briefe

an seinen Freund William Sanderson die Hoffnung aus, an vier Stellen

(Davisstraße, Cumberland, Frobisherbai und Hudsonsstraße) bei günstiger

Jahreszeit den Durchgang erzwingen zu können. Auch äußerte er später

die treffende Vermuthung, daß ganz Amerika sich im Norden in Inseln

auflöse.[527]

Unter diesen Auspicien wurden zum drittenmale die Mittel beschafft, um

Davis nach dem Nordwesten zu senden. Am 19. Mai 1587 lief er mit zwei

größeren und einem kleineren Schiffe von Dartmouth aus und erreichte

am 16. Juni den Gilbertsund an der Westseite Grönlands (64° n. Br.),

in welchen er schon bei seinen früheren Fahrten eingelaufen war.

Am Eingange desselben liegt gegenwärtig die dänische Niederlassung

Godthaab. Von hier aus ging Davis am 21. Juni mit dem kleinen Schiffe,

einem „Clincher“ oder einer Pinasse, allein weiter auf Entdeckung

nach Norden, während die beiden größeren Fahrzeuge dem Fischfang

oblagen und sechszehn Tage auf seine Rückkehr warten sollten. Allein

dieselben hielten nicht Wort und ließen ihren Capitän im Stich. Dieser

segelte in offenem Fahrwasser an der grönländischen Küste nordwärts

über den Polarkreis, an der Disko-Insel vorüber, bis zur Polhöhe

von 72° 12′ n. Br.[528] Auch hier fand er im Norden und Westen noch

freies Wasser. Den nördlichsten Punkt, den er erreichte, nannte er

Hope Sanderson, südlich von Upernivik. Bei seinem Versuche, nun

westwärts quer über den Meerbusen zu segeln, stieß er am 2. Juli auf

das sogenannte Mittel-Packeis und war mehrere Tage im Eise besetzt;

doch gelangte er glücklich an die westlichen Küsten, passirte am 31.

Juli einen sehr großen Golf,[529] den Eingang der Hudsonsstraße und

ließ am 15. September im Hafen von Dartmouth die Anker fallen. Er war

der festen Ueberzeugung, daß die Nordwestpassage möglich sei. Schon

am nächsten Tage schrieb er an Sanderson: „Die Passage ist höchst

wahrscheinlich, deren Ausführung leicht.“ Dieselbe Ansicht verfocht

er auch später in einem besonderen Werke,[530] in welchem er auch

die Gründe angiebt, weshalb mit dieser dritten Fahrt die weiteren

Versuche abgebrochen wurden; denn einerseits wurde England von der

spanischen Armada bedroht, andrerseits fehlte, nachdem Walsingham, der

Secretär Elisabeths, gestorben war, ein mächtiger Fürsprecher bei der

Königin.[531]

Erst unter ihrem Nachfolger Jacob I. belebte sich das Interesse für die

Polarfahrten aufs neue und konnten wichtige Erfolge verzeichnet werden.

Hier glänzen vor allen die Namen Hudson und Baffin.

+Henry Hudson+[532] hat vier Reisen nach dem Norden gemacht, davon

gehören die beiden letzten in den Rahmen der Nordwestfahrten. Im Jahre

1609 sollte er im Auftrage der niederländisch-ostindischen Compagnie

(gegründet 1602) in der Yacht „Der Halbmond“ einen wiederholten Versuch

machen, die Eisschranken der Nordostpassage, welche um Nordasien herum

nach Indien führen sollte, zu brechen. Da er aber für dieses Vorhaben

viel zu zeitig, am 27. März alten Stils, von Texel in See gegangen

war, so stieß er im Anfang Mai jenseits des skandinavischen Nordcaps

bereits auf dichtes Eis, verlor dadurch die Aussicht, weiter als in den

früheren Jahren kommen zu können, und entschloß sich rasch, umzukehren

und an den Küsten Nordamerika’s nach einer Passage zu suchen. So

ging er Ende Mai von den Lofoten über die Faröer nach Neufundland

hinüber und begann, vom 35° 41′ n. Br. an, alle Buchten des Continents

in langsamer Fahrt gegen Nordosten zu mustern. Dabei verwendete er

die meiste Zeit, einen vollen Monat, auf die Erforschung des tiefen

Stromes, welcher nach ihm der Hudson benannt ist, und welchen er bis in

die Nähe von Albany aufnahm. Die große Wichtigkeit dieser Stromrinne

wurde durch ihn so entschieden betont, daß die Niederländer bald darauf

an der Mündung desselben eine Colonie, Neu-Amsterdam, anlegten, aus

welcher später, nachdem sie von Engländern besetzt und in Neu-York

umgetauft worden war, die größte und mächtigste Stadt der neuen Welt

erwuchs.

Im folgenden Jahre 1610 wurde ihm die Gelegenheit gegeben, im Auftrage

der englischen moskowitischen Gesellschaft dasselbe Ziel weiter

nordwärts zu verfolgen. Er richtete dabei sein Augenmerk auf die von

seinen Vorgängern Frobisher und Davis bereits gesehene große Bucht,

südlich von der ~Meta incognita~, hinter welcher Davis eine Straße

zum großen Ocean vermuthete und in welche 1602 Georg Weymouth, dessen

Logbuch Hudson durch Vermittlung des holländischen Gelehrten Peter

Plancius hatte einsehen können, bereits eingesegelt war. Unter den

großen Patronen der englischen Seeunternehmungen jener Zeit, Männern

wie Sir Thomas Smith, Sir Francis Jones, Sir Dudley Digges, Sir John

Wolstenholm, Sir James Lancaster, hat sich besonders Smith durch seine

patriotische Opferwilligkeit, durch seinen selbstlosen Eifer und

durch die Kühnheit seiner Pläne nicht blos um die rasche Ausdehnung

des englischen Handels, sondern auch um die maritimen Entdeckungen

hohe Verdienste erworben. Er gehörte nicht nur zu den thätigsten

Mitgliedern der moskowitischen Handelsgesellschaft, deren Bestrebungen

wir im nächstfolgenden Capitel kennen lernen werden, sondern war

auch einer der Begründer der ostindischen Compagnie (1600) und rief

später (1615) die Gesellschaft Londoner Kaufleute zur Entdeckung der

Nordwestpassage (~the Company of merchants of London, discoverers of

the Northwestpassage~) ins Leben.

Noch ehe diese letzte Gesellschaft bestand, trat er mit den genannten

Freunden zusammen, um Henry Hudson auf dem Schiffe „Discovery“ nach

dem Nordwesten zu senden. Man billigte dessen Plan, südlich von der

Meta incognita in die von Weymouth zuletzt besuchte Bucht weiter

vorzudringen.

Am 24. Juni kam das Schiff vor die Einfahrt in die Hudsonsstraße,

mußte sich aber vor den herausflutenden Eisschollen in die Ungavabucht

flüchten und arbeitete sich mühsam im Eise weiter, so daß die

Mannschaft umzukehren wünschte, weil sie der harten Arbeit überdrüssig

geworden. Erst gegen Ende Juli hatte er bis zur Insel Salisbury am

westlichen Ausgange der Straße vorrücken können und wandte sich nun,

da die Labradorküste nach Süden verlief und ein weiteres Meer sich vor

ihnen ausbreitete, nach Südwesten. Im nördlichen Theile von Labrador

setzte Hudson in den Namen Cap Wolstenholm, Diggesinseln und Cap Smith

den Förderern der Expedition ein bleibendes Denkmal. Hier bricht leider

Hudsons Tagebuch ab und wir sind für den weitern Verlauf und das

tragische Ende des Entdeckers auf die Aufzeichnungen beschränkt, welche

Abacuk Prickett, ein Diener Sir Digges’, hinterlassen hat. Hudson ging

mit seinem Schiffe an der die Festlandsküste in ziemlicher Entfernung

begleitenden Inselreihe der Nord- und Süd-Schläfer entlang bis zur

südwestlichen Einbuchtung der Jamesbai, wo er am 1. November vor Anker

ging und in einer Breite von 52 Graden zu überwintern beschloß. Den

meuterischen Steuermann und Hochbootsmann hatte er absetzen müssen

und ihre Stellen an Robert Bylot und William Wilson übertragen. Schon

am 10. November fror das Schiff ein und wurde erst im Juni wieder

frei. Die strenge Winterkälte steigerte den Mismuth der Mannschaft

gegen den harten Capitän, der mit eiserner Hand seine Autorität wahren

wollte.[533] Als er im Juni 1611 auf dem Rückweg nach Cap Wolstenholm

sich befand, brach die Empörung aus, weil Hudson gedroht hatte, er

werde die Widerspenstigen an dem unwirthlichen Gestade aussetzen. Zu

den Haupträdelsführern gehörte auch Henry Green, den Hudson in seinem

Hause in London aufgenommen und erzogen hatte. Er gehörte nicht zu

der besoldeten Mannschaft, sondern war von Hudson auf seine Kosten

mitgenommen, „weil er gut schreiben konnte“. Das Schicksal, das den

Meuterern angedroht war, bereiteten sie dem Capitän. Hudson wurde

bei Nacht von ihnen überfallen, gebunden und sammt seinem jungen

Sohne und acht Leidensgefährten in einer Schaluppe ausgesetzt und

dem unvermeidlichen Untergang preisgegeben. Zwar ereilte auch den

undankbaren Green und einige seiner Genossen das Verhängniß; denn sie

wurden am 29. Juli bei den Diggesinseln von Eingeborenen erschlagen.

Das Schiff kehrte dann nach England zurück.

Die Hudsonsbai wurde Hudsons Grab. Um den Verschollenen aufzusuchen,

wurden 1612 zwei Schiffe, auf welchen auch Robert Bylot und Abacuk

Prickett mitgingen, nach dem Schauplatz des Verraths ausgesendet unter

+Thomas Button+ und +Ingram+, aber sie fanden von den Verlorenen keine

Spur. Sie umkreisten den nördlichen und westlichen Rand der großen

Bai bis zum Nelsonflusse, wo sie überwinterten, und da der Winter

ausnahmsweise milde verlief, nur vom 16. Februar bis zum 5. April vom

Eise besetzt waren. Weil man in Port Nelson eine Fluthöhe von 15 bis 18

Fuß beobachtet hatte, so folgerte man in England daraus, die Hudsonsbai

müsse im Südwesten mit dem großen Ocean in Verbindung stehen, denn

in einem geschlossenen Binnenmeere könnten die Gezeiten eine solche

Höhe nicht erreichen. Von Westen kommende Fluten galten mit Recht als

Anzeichen einer weitern Wasserverbindung nach jener Himmelsgegend.

Button war von der Existenz der Passage westlich von der Hudsonsbai aus

fest überzeugt.

So lief denn dasselbe Schiff, die „Discovery“, welches Hudson und

Button befehligt hatten und welches auch noch im Jahre 1614 mit Capitän

Gibbons an der Labradorküste gewesen war, im folgenden Jahre zu neuen

Entdeckungen aus, diesmal unter Robert Bylot und +William Baffin+.[534]

Baffin war in den arktischen Gewässern kein Neuling mehr. Im Jahre

1612 war er als Steuermann mit James Hall nach der Westküste Grönlands

gegangen, um nach den Trümmern der alten normannischen Niederlassungen

zu forschen, hatte dann im Dienste der moskowitischen Compagnie in den

beiden nächsten Jahren größere Flotten nach Spitzbergen begleitet und

ließ sich nun für die Unternehmungen der Nordwestcompagnie gewinnen.

Der Uebergang aus dem Dienste der einen Gesellschaft in den der andern

vollzog sich um so leichter, weil beide von Thomas Smith geleitet

wurden. Baffin war einer der gebildetsten Seeleute seiner Zeit, der mit

der einem Polarfahrer nöthigen Kühnheit und Entschlossenheit das Talent

und die Liebe zu wissenschaftlichen Beobachtungen verband. Er war in

dieser Hinsicht dem Capitän Bylot bedeutend überlegen, ordnete sich

demselben aber im Interesse der Sache unter und ging als Pilot mit.

Am 27. Mai drang die „Discovery“ in die Hudsonsstraße ein, wo Baffin

bald darauf den ersten Versuch auf der See machte, die Längen nach

Monddistanzen zu bestimmen, eine Methode, welche schon 1514 von dem

Nürnberger Astronomen Johann Werner gelehrt, aber bisher von den

Seefahrern noch nicht ausgeführt war. Am 3. Juli befand sich das Schiff

bei der Millsinsel, am nordwestlichen Ausgange der Straße und versuchte

nun, sich nordwärts durch den Foxcanal einen Weg zu bahnen. Man sah

auch hier noch mit Betrübniß, daß die Flutwelle von Osten, also aus

dem atlantischen Ocean kam. Zwar belebte sich die Hoffnung noch einmal

auf kurze Zeit, als man an der westlich vom Foxcanal gelegenen großen

Southamptoninsel eine von Norden kommende Flut beobachtete und gab den

freudigen Erwartungen dadurch Ausdruck, daß man daselbst ein Vorgebirge

Cap Comfort (Trost) benannte (75° n. Br.); allein schon am nächsten

Tage zerrann die Hoffnung wieder, denn man sah vom Westen bis herum

nach Nordosten ringsum mit Eis umschlossenes Land und beobachtete nur

eine schwache Flut. Hier konnte also die Passage nicht erwartet werden.

Das Schiff kehrte dann nach der Südostspitze von Southampton zurück,

wo man in offner See ankerte, um die Richtung der Flutbewegung

besser beobachten zu können. Das Hochwasser kam ganz sichtlich aus

Südosten, die Ebbe von Nordwesten. Schärfer war die Strömung noch

nicht wahrgenommen; aber sie vernichtete jede Hoffnung, im Umkreise

der Hudsonsbai die Durchfahrt zu finden.[535] Also wandte man sich zur

Heimkehr und landete am 6. September in Plymouth, ohne während der

ganzen Fahrt einen Mann eingebüßt zu haben.

Baffin sprach nunmehr seine Ansicht dahin aus, daß die Hauptpassage nur

in der Verlängerung der Davisstraße zu suchen sei. Um dieselbe weiter

aufzuhellen, wurden Bylot und Baffin in demselben Schiffe 1616 noch

einmal ausgeschickt. Diesmal steuerten sie direct nach der Davisstraße

und erreichten am 30. Mai Hope Sanderson (72° 42′ n. Br.). Von hier

aus also begannen die neuen Entdeckungen. Das Schiff ging bis zum 10.

Juni an der grönländischen Küste nordwärts und versuchte dann einen

Vorstoß in die westlichen, in der Mitte der Bai treibenden Eismassen,

um weiter von der Küste abkommen zu können. Aber dieser Versuch, das

sogenannte Mittelpackeis zu durchbrechen, schlug fehl[536], und man

war gezwungen, das Küstenfahrwasser wieder aufzusuchen. In diesem

fuhr man nordwärts bis zum Whalesunde (77° 30′ n. Br.), der nach

der großen Anzahl dort gesehener Walfische benannt wurde, und bis

zum Eingange des Smithsundes, wo das Schiff zwei Tage lang in Sturm

und Nebel umhergejagt wurde. Auf der andern Seite der großen Bai

gelangte das Schiff am 10. Juli zur Oeffnung des Jonessundes, am 12.

Juli zum Lancastersunde. Hier befand man sich thatsächlich an der

Pforte der nordwestlichen Durchfahrt, aber man erkannte sie nicht;

denn die Bezeichnung „Sund“ berechtigte noch nicht zur Annahme eines

Durchgangscanals. „Vom Lancastersunde an,“ schreibt Baffin, „begann

unsere Hoffnung auf eine Passage geringer zu werden. Denn von nun an

hatten wir eine geschlossene Eisbank zwischen uns und der Küste. Wir

hielten uns bis zum 14. Juli dicht an der Eisbarriere und sahen das

Land sich noch bis zum 70° 30′ n. Br. erstrecken. Bei dem Versuche,

durch das Eis nach Osten ins grönländische Küstenwasser zu kommen,

wurden wir in dem Schollenmeere festgehalten und trieben bis 65° 40′ n.

Br. südwärts.“ Nun erst gab man, da auch viele Leute an Bord erkrankt

waren, die Untersuchung der Westküste auf und kehrte nach England

zurück, wo man am 30. August in Dover landete.

In einem Briefe an John Wolstenholm spricht sich Baffin ganz

entschieden dahin aus, daß das große Wasser nördlich von der

Davisstraße, die Baffinsbai, nur eine geschlossene Bai sei und daß

dort keine Passage existire. Ehe er sich mit eignen Augen davon

überzeugte, sei er noch anderer Ansicht gewesen. Er schließt seinen

Brief mit den Worten: „Ich darf kühn und ohne Prahlerei behaupten, daß

in kürzerer Zeit bessere Entdeckungen nicht gemacht sind, wenn man die

Eismassen und die Schwierigkeit einer Segelfahrt so nahe am Pol und

dazu die fabelhafte Abweichung der Magnetnadel in Rechnung zieht, so

daß ohne die größte Sorgfalt gar keine richtige Karte entworfen werden

kann.“[537]

Volle zweihundert Jahre, bis 1818, ruhten die Versuche, durch

den nördlichen Theil der Baffinsbai weiter vorzudringen. Doch

wurden jene Gewässer für den Walfischfang in ergiebigster Weise

ausgebeutet. Erst in unserm Jahrhundert nahm man die Frage der

Nordwestpassage in England wieder auf. Nach einer Reihe glänzender,

heldenmüthiger Forschungsreisen ist 1850 durch Mac Clure die Existenz

einer Wasserstraße von der Baffinsbai aus durch den Lancastersund

um Nordamerika sowie durch die Beringsstraße zum großen Ocean

nachgewiesen, aber eine Umsegelung der neuen Welt im Norden wegen

der höchst schwierigen Eisverhältnisse noch nicht ausgeführt. Der

materielle Gewinn, welchen der britische Handel aus den Nordwestfahrten

erzielte, ergab sich noch im Laufe des 17. Jahrhunderts, nachdem im

Jahre 1631 noch zwei verschiedene Expeditionen unter den Capitänen

+Fox+ den Norden und +James+ den Süden der Hudsonsbai erforscht hatten,

und sich dann 1670 auf Anregung des Prinzen Rupert eine Gesellschaft

bildete (~Company of adventurers of England trading into Hudsonsbai~),

um von den Küsten dieses nordamerikanischen Binnenmeeres aus besonders

Pelzhandel zu treiben. Die Hudsonsbai-Compagnie beherrschte sodann in

ihrer weiteren Entwicklung den ganzen Norden Amerika’s und legte so

den Grund zu der Ausdehnung der britischen Herrschaft über die ganze

nördliche Hälfte jenes Continents.

Fünftes Capitel.

Die Nordostpassage.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 119 / 123 题