Der Gedanke, von den Küsten Europa’s auf nordwestlicher Fahrt einen
Weg nach China und Indien aufzusuchen, fand zuerst in England, als
in dem für eine solche Unternehmung am günstigsten gelegenen Lande,
eine thatkräftige Förderung. Auch hier ging die Anregung von einem
Italiener, und zwar von einem Landsmanne des Columbus aus. Wenn er
auch seine ersten Versuche vielleicht noch vor der ersten Fahrt des
Entdeckers der neuen Welt gemacht hat, so darf doch bezweifelt werden,
ob ihm die Priorität des Planes gebührt, denn man weiß, wie lange sich
Columbus mit der Idee beschäftigt hatte, ehe es ihm vergönnt war, mit
seinem ersten kleinen Geschwader von Palos aus in See zu stechen.
Der Träger des Gedankens einer nordwestlichen Bahn nach Asien
ist +Giovanni Cabotto+, oder wie ihn die Engländer nennen, John
Cabot.[508] Seine Zeitgenossen bezeichnen ihn allgemein als einen
Genuesen, dessen Wiege am ligurischen Strande in Castiglione oder
Savona stand.[509] Im Jahre 1461 wandte er sich nach Venedig, wo er am
28. März 1476 das Bürgerrecht erhielt, nachdem er, wie es das Gesetz
vorschrieb, 15 Jahre in der Stadt ansässig gewesen war. Er erhielt das
Privilegium civilitatis nach innen und außen, d. h. er konnte nun seine
bürgerlichen Rechte nicht blos in der Stadt ausüben, sondern er genoß
alle Handelsvorrechte auch in der Fremde und durfte unter der Flagge
des heiligen Markus segeln.
Wahrscheinlich um 1490 begab sich Cabotto mit seinen drei Söhnen
Ludovico, Sebastiano und Sancto nach England, wo er sich in Bristol
niederließ, um von hier seine Entdeckungsfahrten zu betreiben,
denn Bristol stand als Handelsplatz damals London zunächst. Und es
scheint, daß auf seine Anregung die Kaufleute der Stadt alljährlich
seit 1491 bereits Schiffe aussandten, um die auf den alten Seekarten
verzeichneten Inseln im westlichen Meere aufzusuchen. So schrieb
der spanische Gesandte Pedro de Ayala am 25. Juli 1498 an den König
Ferdinand: „Die Leute von Bristol haben seit sieben Jahren alljährlich
zwei, drei und vier Caravelen ausgesendet, um die Insel Brasil und die
sieben Städte zu suchen, nach den Angaben dieses Genuesen.“[510]
In wie weit diese Unternehmung von Erfolg gekrönt gewesen, ist nicht
gesagt. Doch mag hierbei erwähnt werden, daß schon ums Jahr 1480 Thomas
Llyde oder Lloyd ins westliche Meer hinaussteuerte, um die genannten
Inseln zu suchen, aber vergebens.
Bis zum Jahre 1496 waren die Kosten zu den Westfahrten lediglich aus
Privatmitteln bestritten, dann aber stellte Heinrich VII. dem Giovanni
Cabotto am 5. März 1496 ein königliches Patent aus, das ihn und seine
drei Söhne zu den Entdeckungsfahrten autorisirte.[511] Auch rüstete der
König nebst den Bristoler Kaufleuten mehrere Schiffe für Cabotto aus.
Es war im Anfang Mai 1497, daß Cabotto zu seiner ersten erfolgreichen
Expedition über den Ocean ging. Die Kunde von den Erfolgen des
Columbus war auch nach England gedrungen, unter ihrem Einfluß wagten
die englischen Kaufleute und selbst der König den nicht bedeutenden
Einsatz für das zeitgemäße Glücksspiel, und Giovanni Cabotto selbst
drang kühner in die Weite, seitdem man mit Sicherheit auf die nicht
allzugroße Entfernung der asiatischen Küste rechnen durfte. Es darf als
erwiesen gelten, daß die Entdeckung Cabotto’s ins Jahr 1497 und nicht
schon 1494 fällt.[512]
Am Johannistage fand er Land, vermuthlich Labrador, und ging an der
Küste nach Nordosten, bis er durch das entgegenflutende Treibeis
zur Umkehr genöthigt wurde. Da er im Anfang August schon wieder
nach Bristol zurückgekehrt war, kann er unmöglich an der Küste des
amerikanischen Continents bis zur Breite von Florida gelangt sein,
wie von manchen Schriftstellern behauptet ist, auch bezeichnet
die Karte Ribeiro’s von 1529 ganz bestimmt Labrador als englische
Entdeckung,[513] während auf Neufundland (~tierra de los bacalhaos~)
der Name Cortereals eingetragen ist und an der Küste von Neu-Schottland
und der Insel Cap Breton „Land der Bretonen“ (~terra de los bretones~)
sich findet. Daß Cabotto den nordwestlichen Weg nach Asien einschlug
und nicht nach Südwesten segelte, wird von mehreren Zeitgenossen
bestätigt.[514] Erst 47 Jahre später hatte Cabotto auf seiner Weltkarte
den Namen „~prima tierra vista~“ hinter Neufundland am Lorenzgolf
eingetragen, zu einer Zeit, als jene Gegenden durch die Reisen
Cartier’s wichtig zu werden schienen, gleichsam als wollte er durch
diese Fälschung das frühere Anrecht der Engländer an jene Regionen
betonen. Wäre er bereits 1497 in den Lorenzgolf eingedrungen, so müßte
er auch die Inselnatur Neufundlands erkannt haben, während dieses
Land noch bis 1540 auf allen Karten als Continentalküste gezeichnet
ist. Auch verrathen die Namen, welche Cabotto 1544 am Lorenzstrom auf
seine Karte schrieb, daß er die Resultate der letzten französischen
Entdeckungen dabei zu Rathe zog.
Vielleicht entdeckte er aber auf seinem Rückwege schon die reichen
Fischgründe auf der Neufundlandsbank, denn seit dem Anfange des 16.
Jahrhunderts fanden sich hier schon häufig normannische, baskische und
portugiesische Fischer ein, und erhielt von letzteren die dahinter
liegende Küste den Namen „Kabeljau-Land“ (~tierra de bacalhaos~).
Unzweifelhaft hat er den Continent der neuen Welt +zuerst+ erblickt.
Cabotto wurde in England wegen seiner Entdeckung glänzend aufgenommen
und ging, durch königliches Patent ermächtigt, im nächsten Jahre mit
fünf oder sechs Schiffen wieder in See, doch gab der König selbst nur
die geringe Beisteuer von 110 £.
Die Resultate sind nicht bekannt, doch läßt sich vielleicht aus der
Stellung der englischen Wimpel auf Cosa’s Karte von 1500 vermuthen, daß
die Fahrt gegen SW. bis etwa zum Cap Hatteras führte.
Es war die letzte Reise des älteren Cabotto. Von da an trat sein Sohn
Sebastian in seine Fußtapfen; aber unruhigen Geistes und nicht so zäh
wie der Vater +ein+ Ziel im Auge behaltend, versuchte er sich nach
verschiedenen Richtungen und bot seine Dienste in allen Ländern und
Staaten an, von denen er eine Unterstützung seiner Pläne hoffte.
Nach Nordwesten steuerte er nur noch einmal, wahrscheinlich 1503. Aber
über diese Fahrt hat sich nur eine einzige Bemerkung in Robert Fabians
Chronik erhalten, wonach Sebastian Cabotto von den neugefundenen Inseln
mehrere in Felle gekleidete Wilde mitbrachte, welche rohes Fleisch aßen
und deren Sprache niemand verstand.[515]
Nach dem Tode Heinrichs VII. (1509) ging der Venetianer, vermuthlich
1512, nach Spanien, wo er mit einem Gehalt von 50,000 Maravedis
als Capitän angestellt wurde. Ob er im indischen Rathe Sitz und
Stimme erhalten, ist zweifelhaft; denn sein Name findet sich in den
betreffenden Listen nicht. Doch wurde er später unter den Kosmographen
mit zu Rathe gezogen, welche die Anrechte Spaniens an die Molukken
erweisen sollten. Für das Jahr 1516 war eine Nordwestfahrt unter seiner
Leitung geplant; da aber König Ferdinand schon im Anfange dieses Jahres
starb, so unterblieb diese Expedition.
Sebastian Cabotto ging wieder nach England, suchte hier seine Idee
zu verwirklichen, doch scheiterte auch diese Expedition an der
Zaghaftigkeit des Viceadmirals Thomas Pert (1517).
Sobald daher Cabotto vernahm, daß der junge König Karl nach Spanien
gekommen sei, beeilte er sich, diesem seine Dienste anzubieten, und
erhielt als Pilot mayor ein Gehalt von 125,000 Maravedis (= 300
Ducaten). Trotzdem finden wir ihn 1519 auf kurze Zeit in England.
Aus den Berichten des venetianischen Gesandten Contarini geht hervor,
daß Cabotto sich um 1522 sogar der Republik Venedig heimlich zur
Verfügung stellte, um seiner Vaterstadt den Nordwestweg nach China zu
zeigen. Denn nachdem die erste Erdumsegelung die große Ausdehnung der
Meere im Westen der neuen Welt nachgewiesen hatte, schien es nicht mehr
zweifelhaft, daß man auch im Nordwesten von Amerika einen Durchgang
zum großen Ocean finden müsse. Aber diese perfiden Anerbietungen des
in spanischen Diensten stehenden Piloten wurden vom Rathe in Venedig
vorsichtig verschoben und blieben unerledigt,[516] da Cabotto bald
darauf die Leitung einer größeren Expedition erhielt, welche dem
Pfade Magalhães’ folgend in den stillen Ocean eindringen und nach den
Molukken segeln sollte. Aber diese Unternehmung, welche von 1526-30
dauerte, scheiterte vollständig, denn Cabotto kam nur bis zum Laplata.
Da man dem Leiter alle Schuld an dem Miserfolge beimaß, so wurde er
nach seiner Rückkehr zuerst gefangen gesetzt und dann (1532) auf zwei
Jahre an die afrikanische Küste nach Oran verbannt. Doch ließ König
Karl schon im nächsten Jahre Begnadigung eintreten.
Gegen Ende 1547 verließ er Spanien, ohne seine Titel und seine Pension
aufzugeben, und ging wieder nach England, wo er ebenfalls als Pilot
mayor einen Gehalt von 166 £ bezog. Der König von Spanien rief ihn
mehrmals zurück, aber der englische Kronrath erklärte, Cabotto sei
Unterthan des Königs von England, und kein Recht, kein Grund könne ihn
zwingen, das Land zu verlassen. Und während er so Englands Schutz und
Gnadengeschenke annahm, hielt er es doch für erlaubt, noch im August
1551, zum letztenmale, seiner Vaterstadt das Anerbieten zu erneuern,
eine venetianische Flotte auf dem nur ihm bekannten geheimnißvollen
Wege nach China zu führen. Ob er damals noch den nordwestlichen Weg
im Auge hatte, muß bezweifelt werden, wenn man bedenkt, daß er gleich
darauf die Ausrüstung der Schiffe zu überwachen hatte, welche zum
erstenmal die nordöstliche Straße um Europa und Nordasien nach China
einschlagen sollten. Sebastian Cabotto starb wahrscheinlich bald nach
dem Jahre 1557, Ort und Zeit sind unbekannt.
Wenn auch die letzte Hälfte seines sehr bewegten Lebens nur in
Projecten verlief, die der in drei Staaten eingebürgerte und doch
heimatlose Mann mit fieberhafter Unruhe, unbeirrt um Gewissensfragen,
allenthalben ins Werk zu setzen suchte, so hat er doch das eine
unleugbare, große Verdienst gehabt, daß er die englische Nation für
große Unternehmungen zur See begeisterte und so gleichsam der Begründer
der englischen Seeherrschaft wurde. Auf die Anregungen und Fahrten der
beiden Cabots sind alle späteren Versuche, in polaren Regionen einen
Weg nach China und Indien zu bahnen, zurückzuführen. Auf die unter den
Auspicien der Königin Elisabeth besonders regen Expeditionen nach dem
Westen und Nordwesten gründen sich die britischen Ansprüche auf den
ausgebreiteten Besitz in der neuen Welt.