Eine große That trägt immer den Keim zu andern Thaten in sich. Die
für praktische Ziele unternommene Weltumsegelung erwies sich als
äußerst fruchtbringend, sowohl für wissenschaftliche Anschauungen
als auch für materiellen Gewinn. Wenn auf der einen Seite durch ein
augenfälliges Beispiel der Beweis von der Kugelgestalt der Erde
erbracht war und der Blick zum erstenmale auf einer bestimmt gegebenen
Linie das ganze Erdenrund umschweifen konnte, wenn gelehrte und
gebildete Männer wie Transilvanus, durch die Weite des neugewonnenen
Forschungsfeldes ermuthigt, sich von den Theorien und Phantasien des
Alterthums loszulösen und die überlieferten kosmographischen und
geographischen Lehren auf Grund der neuen Anschauungen mit kritischen
Augen zu betrachten wagten, oder sich sogar ein Herz faßten, die
länger als ein Jahrtausend durch alle Lehrbücher urtheilslos weiter
geschleppten Erzählungen von den menschlichen Ungeheuern, den
Schattenfüßlern, Langohren, Einäugigen, Pygmäen u. a. einfach unter die
Ammenmärchen zu verweisen, weil weder Spanier noch Portugiesen irgend
wo auf dem Erdenball auch nur annähernd Aehnliches gefunden hatten;
so gewann auf der andern Seite auch der Staatsmann, der Politiker
einen bedeutend erweiterten Gesichtskreis für seine Combinationen.
Die Interessen des Verkehrs verließen die engen Schranken des alten
Europa, kühne Pläne einer rivalisirenden Colonialpolitik flogen über
die weiten Meere und scheuten nicht zurück vor einem diametral auf
der anderen Seite des Erdballes auszufechtenden Streite. Denn da nun
nach entgegengesetzten Richtungen zwei Wege zu dem Lande der Gewürze
gefunden waren -- und diese gesegneten Regionen waren ja das alleinige
Ziel aller Seefahrten seit mehr als einem Menschenalter gewesen
--, so mußte nothwendig auch die Frage entstehen, wem eigentlich
nach der durch päpstliche Sanction erfolgten Theilung der Erde die
Molukken gehören sollten, den Portugiesen oder den Spaniern. Aber
diese letzteren beschäftigte nicht blos die Frage nach dem Besitz,
sondern auch die Aufsuchung eines bequemeren Weges, als der, welchen
Magalhães durch die Felsenengen am Feuerlande aufgefunden hatte. Man
richtete dabei selbstverständlich den Blick auf die lockere Gliederung
der mittelamerikanischen Gelände. Kaum ein Jahr nach der Heimkehr
Sebastian del Cano’s ließ Karl V. schon, nach dem Gutachten seines
Kosmographen den Eroberer Mexiko’s auffordern, seine Versuche, eine
mittelamerikanische Durchfahrt zu entdecken, eifrig fortzusetzen,
weil dadurch der Weg zu den Gewürzländern erheblich abgekürzt werden
könne. Auch gestattete er, allen Kaufleuten und Unternehmungslustigen
in Spanien, sich an Expeditionen nach den Molukken zu betheiligen. Um
den Streit mit Portugal, wenn irgend möglich, auf friedlichem Wege
zu schlichten, entschlossen sich beide Nachbarstaaten, einem aus
Vertretern beider Mächte gebildeten Congresse die Entscheidung der
schwierigen Frage zu übertragen. Diese „Junta“, welche beiderseits
aus drei Juristen, drei Astronomen und drei Piloten zusammengesetzt
war, kam zum erstenmal auf der Brücke, welche zwischen den Städten
Badajoz und Elvas über den kleinen Grenzfluß Caya führt, am 11. April
1524 zusammen und setzte dann ihre Verhandlungen abwechselnd in den
beiden Städten bis zum 31. Mai fort; aber resultatlos. Da nicht
einmal der Ausgangspunkt jener oft erwähnten Demarcationslinie (die
westlichste der Capverden) sicher festgesetzt war, von hier aus 370
spanische Meilen westwärts die Theilungslinie gezogen werden sollte
und ihre Verlängerung über die andere Erdhälfte berechnet werden
mußte, so hätte vor allem die Möglichkeit gegeben sein müssen, die
Länge eines Meridiangrades genau zu bestimmen. Ja noch mehr, es stand
nicht einmal die Größe des Erdumfanges fest. Man hatte als Unterlagen
aus dem Alterthum eine Berechnung (zuerst von Eratosthenes) und eine
davon etwas abweichende Messung der arabischen Astronomen aus dem 9.
Jahrhundert. Wie unzuverlässig neuere Messungsversuche und Schätzungen
ausfielen, lehren die Angaben von Columbus und von S. Martin, dem
Astronomen der Magalhães’schen Expedition. Während jener aus einer
Mondfinsterniß einen Abstand von Jamaica und Spanien berechnete, der
einen Fehler von 34 Meridianen enthielt, nahm dieser nach der Schätzung
des Schiffscourses den westlichen Abstand der Magalhães’schen Enge von
Sevilla um 51½ Grad zu gering an.
Man war noch nicht einmal darüber einig, wie viel spanische Meilen
(Leguas) auf einen Aequatorialgrad zu rechnen seien, denn die Ansichten
der Junta gingen auseinander: die Spanier nahmen 14⅙, die Portugiesen
17½ Leguas an. Nach der letzten Bestimmung mußten die Molukken den
Portugiesen zufallen. Die Spanier behaupteten, die Gewürzinseln seien
von den Capverden 183 Grade entfernt, die andern dagegen nahmen nur 137
Grade an. Die unausgleichbare Differenz betrug demnach 46 Meridiane
(etwa die Entfernung von Berlin bis zum Uralgebirge). Dabei gaben die
Spanier den Abstand um 30½ Grade zu groß, die Portugiesen um 15½ Grad
zu klein an.[490]
Der Pilotencongreß mußte ohne Resultat verlaufen, da keine der
streitenden Parteien die Mittel dazu besaß, der andern ihre Fehler
beweisen zu können, und löste sich am 31. Mai 1524 auf.
Beide Nebenbuhler rüsteten sich, wetteifernd auf den Molukken Boden zu
gewinnen und waren entschlossen, sich auf den einmal besetzten Inseln
Tidor und Ternate mit Gewalt zu behaupten.
Spanien entsandte ein Geschwader von sieben Schiffen mit 450 Mann unter
dem Befehl des +Garcia Jofre de Loaysa+, während del Cano als Oberpilot
mitging[491]. Am 24. Juli 1525 lief dasselbe von Coruña aus, denn nach
diesem tiefen und sicheren Hafen in Galicien hatte man das indische
Haus von Sevilla verlegt, einerseits um für die zu den Weltreisen
erforderlichen größeren Schiffe einen ihrem größern Tiefgange
entsprechenden Hafen zu besitzen, andererseits um für die Gewürze,
welche, wie man hoffte, nun bald in vollen Frachten auf dem Westwege
einlaufen würden, einen Stapelplatz zu schaffen, welcher den großen
Märkten von Nordwest-Europa, namentlich den flandrischen und englischen
Häfen näher liege als Lissabon. Coruña sollte zu einer Rivalin der
portugiesischen Hauptstadt gemacht werden. +Loaysa’s+ Flotte wurde
beständig von Misgeschick heimgesucht. In der Region der Calmen an der
Küste von Guinea monatelang aufgehalten, gelangten die Schiffe erst
am 22. November in die Nähe des Cap S. Augustin, am 5. December nach
Cap Frio und am 14. Januar 1526 zum Julianshafen. Am nächsten Tage
zerschellte das Schiff del Cano’s in einem Sturm, welcher auch die
anderen Schiffe arg mitnahm, an der Küste; die Mannschaft rettete sich.
Wieder verging ein Monat, ehe man den Eingang der berühmten Straße
wiederfand. Der Sommer ging zur Neige, die Stürme wurden immer heftiger
und jagten am 12. Februar die Flotte vollständig auseinander.
Zwei Schiffe, die +Anunciada+ unter Pedro de Vera und der +Gabriel+
unter Rodrigo de Acuña trafen weit nördlich von der Magalhãesenge
zusammen. Keiner der Capitäne zeigte eine Neigung, die gefährliche
Fahrt in der beabsichtigten Richtung fortzusetzen; aber über den Weg,
den sie selber einschlagen wollten, konnten sie sich nicht einigen.
Während die Anunciada ohne Steuermann (derselbe war bereits gestorben)
tollkühn ums Cap der guten Hoffnung nach den Molukken ging und auf
dem Ocean verschollen ist, steuerte der Gabriel nach Brasilien, nahm
in der Allerheiligen-Bai eine Ladung Brasilholz ein, bestand eine
feindliche Begegnung mit drei französischen Freibeutern, in folge deren
der Capitän und ein Theil der Mannschaft am Lande zurückbleiben mußte,
und erreichte am 28. Mai 1527 den Hafen Bayona in Galicien, südwestlich
von Vigo. Rodrigo de Acuña konnte erst im nächsten Jahre auf einem
portugiesischen Schiffe heimkehren.
Derselbe Sturm vom 12. Februar trieb aber auch den Capitän +Francisco
de Hóces+ mit seinem Schiff +S. Lesmes+ bis zum 55° s. Br., sodaß
er das Ende des Landes sah, vermuthlich die südöstliche Spitze des
Feuerlandes an der Le Maire-Straße. Auf den Werth dieser Entdeckung,
durch welche das zeitraubende und gefährliche Einlaufen in den
Feuerlandssund hätte umgangen werden können, achtete man damals zu
wenig, und dem Entdecker Hóces war bald auch die Möglichkeit geraubt,
in späterer Zeit seinen Fund, welcher eine bequemere Einfahrt in den
großen Ocean in sichere Aussicht stellte, weiter auszubeuten, denn wenn
er sich auch zum Geschwader Loaysa’s zurückfand und mit diesem durch
die Magalhãesstraße zog, so wurde er doch wieder am 1. Juni 1526 durch
Sturm von den übriggebliebenen Schiffen getrennt, suchte allein seinen
Weg nach den Molukken und ist wahrscheinlich an der Paumotu-Insel
Anäa gescheitert und untergegangen.[492] Loaysa konnte mit den
vier Schiffen, welche ihm geblieben waren, erst am 6. April in die
Magalhãesstraße einsegeln und erreichte am 25. Mai den großen Ocean.
Am 1. Juni brach wieder ein wüthender Sturm los und riß das bereits
aus vier Schiffe zusammengeschmolzene Geschwader vollends auseinander,
sodaß von da an jedes Schiff sich seinen Weg allein suchen mußte.
Das kleinste Fahrzeug, der +St. Jago+, ein Schiff von nur 50 Tonnen,
sah sich unter seinem Capitän +Guevara+ außer Stande, den andern
über den großen Ocean zu folgen, denn es fehlte ihm an Proviant, von
welchem sich der größte Theil an Bord des Flaggschiffes befand. Guevara
suchte die nächsten Ansiedelungen der Spanier zu erreichen und schlug
daher den Weg nach Norden ein, in der Hoffnung, das jüngst von Cortes
eroberte Mexiko zu finden. Die Westküsten Südamerika’s waren damals vom
Feuerlande bis zum Aequator noch völlig unbekannt. Doch da Magalhães
bereits nach seinem Eintritt in den stillen Ocean einen nördlichen
Cours eingeschlagen und dabei gefunden hatte, daß die Küsten der
neuen Welt sich nordwärts erstreckten, so beschloß Guevara in dieser
Richtung weiter zu segeln. So gelang es ihm ohne Unfall, vielmehr
durch die nordwärts ziehende antarktische, sog. Humboldtströmung
begünstigt, am 25. Juli 1526 den Hafen von Tehuantepec zu gewinnen und
dabei die höchst wichtige Entdeckung über die westliche Begrenzung des
südamerikanischen Continents zu machen, eine Entdeckung, welche auf die
bald darauf ausgeführten Expeditionen von Pizarro und Almagro nicht
ohne Einfluß blieb.
Nur zwei Schiffe Loaysa’s scheinen den großen Ocean vollständig
durchsegelt zu haben, das Hauptschiff, die Sa. Maria de la Victoria
und die +Sa. Maria del Parral+ unter Jorge Manrique de Najera. Daß die
letztere bis zum Gestade von Sangir, südlich von Mindanao, gelangt sei,
erfuhr man erst, als das Hauptschiff die Molukken erreicht hatte, aus
dem Munde der wenigen Schiffbrüchigen, welche dem Untergange entronnen
waren.[493]
Aber auch das Flaggschiff wurde von schweren Schlägen betroffen. Loaysa
starb in folge der Aufregungen über den Verlust seiner Flotte am 30.
Juli 1526 während der Fahrt über das stille Weltmeer. Sein Nachfolger
Sebastian del Cano erlag gleichfalls am 4. August; denn der Tod hielt
unter der durch Hunger und Arbeit erschöpften Mannschaft täglich seine
Ernte. Toribio Alonso +de Salazar+, den man nun zum Capitän wählte,
brachte das Schiff zwar bis zu den Ladronen, wo man sich 11 Tage
Ruhe und Erholung gönnte, aber auch er starb bald nach der Abfahrt
am 13. September. Ihm folgte im Commando der Baske Martin Irriguiez
de Carquisano und brachte das Schiff endlich auf dem Wege über die
Philippinen und die Talaut-Insel nach Halmahera (Djilolo) auf dessen
Ostseite man in den Hafen von Samafo vor Anker ging. Das Schiff hatte
fast die Hälfte seiner Mannschaft eingebüßt, von 105 Personen waren 40
gestorben.
Auf Tidor, wohin man erst am 1. Januar 1527 kam, wurden die Spanier
als Befreier von dem portugiesischen Uebermuth mit offnen Armen
empfangen und fingen sofort an, sich zu befestigen. Einen Versuch
der Portugiesen, sie zu überrumpeln, schlugen sie glücklich ab; aber
das Schiff war nicht mehr seetüchtig, und an eine Heimkehr war nicht
zu denken. Nachdem auch Irriguiez gestorben, wurde Fernando de la
Torre zum Capitän gewählt. Unter ihm behaupteten sich die Spanier,
bis Saavedra ihnen zu Hilfe kam. +Alvaro de Saavedra+[494] war gegen
Ende des Jahres 1527 von Cortes mit drei Schiffen und 110 Mann von
Mexiko über den großen Ocean entsendet, um eine Verbindung zwischen
Neuspanien und den Gewürzinseln herzustellen, aber er verlor auf der
Ueberfahrt (er kam in zwei Monaten bis zu den Ladronen) zwei Schiffe,
befreite auf den Philippinen noch mehrere von den ehemaligen Begleitern
Magalhães’ und Loaysa’s (von dem Schiffe Sa. Maria del Parral) aus der
Gefangenschaft und kam am 30. März 1528 nach Tidor. Leider war seine
Mannschaft schon auf 30 Köpfe zusammengeschmolzen, sodaß er seinen
bedrängten Landsleuten keine wesentliche Verstärkung bringen konnte;
es schien daher gerathener, noch einmal nach Mexiko zurückzukehren,
und in Anbetracht der großen Wichtigkeit, welche die Behauptung von
Tidor für Spanien hatte, von Cortes Hilfe zu verlangen. Daher ging
Saavedra am 3. Juni 1528 wieder unter Segel, berührte mehrere von
Papuas bewohnte Inseln, vermuthlich auch die Nordküste von Neu-Guinea,
streifte in nordöstlichem Cours unter 7° n. Br. die Gruppe der
Carolinen,[495] konnte aber in folge der beständigen Gegenwinde nicht
über die Ladronen hinaus in den Ocean vordringen und kam im October
wieder nach Tidor zurück. Im Mai des folgenden Jahres wiederholte
Saavedra seinen Versuch, gelangte zwar bis zu den Marshalls-Inseln
und steuerte nordöstlich bis zum 27° n. Br.; aber hier starb er.
Sein Schiff versuchte noch eine Zeitlang die eingeschlagene Route zu
verfolgen, mußte aber unter 30° n. Br. ebenfalls vor den ungünstigen
Winden umdrehen, erreichte nur mühsam im December 1529 (oder Ende
October) die Nordküste von Halmahera und fiel hier den Portugiesen in
die Hände, welche die Mannschaft nach Malaka brachten. Aus Tidor wurden
die Spanier vertrieben und wichen nach Halmahera zurück. Aber ihre
glücklichen Nebenbuhler kamen damit nicht blos ~de facto~ in den Besitz
der Molukken, sondern sie erwarben dieselben auch durch Vertrag. Karl
V. trat nämlich am 22. April 1529 seine Ansprüche für 350,000 Ducaten
an die Krone von Portugal ab und war damit einverstanden, daß man die
Theilungslinie 17 Grade östlich von den Molukken verlegte. Auch diese
bedeutende Abfindungssumme, welche an Spanien bezahlt wurde, ist unter
die Erfolge der ersten Erdumsegelung zu rechnen. Und wenn dem Vertrage
auch die Clausel angehängt war, daß die ganze Summe zurückzuzahlen
sei, falls es sich herausstelle, daß Portugal schon durch die erste
Bestimmung der Demarcationslinie rechtmäßigen Anspruch auf die
Gewürzinseln besitze, so wurde doch dieser Zusatz nie zur Ausführung
gebracht.
Endlich wurde noch zu Gunsten der Spanier festgesetzt, daß, wenn
ihre Schiffe bei Fahrten über den großen Ocean, welcher unbestritten
innerhalb der spanischen Erdhälfte lag, sich in die molukkischen
Gewässer aus Unkenntniß verlören, diese Schiffe von Seiten der
Portugiesen nicht feindlich behandelt werden sollten. Denn es ist
bemerkenswerth, daß die spanischen Fahrten von Mexiko nach den
Philippinen fortgesetzt wurden, obwohl diese Inselgruppe nordwestlich
von den Molukken liegt und nach dem Vertrag von 1529 in den
Machtbereich der Portugiesen gezogen war.
Die letzten Spanier unter de la Torre, 16 Mann, welche sich in jenem
Gebiet behauptet hatten, konnten erst 1534 nach Europa den Rückweg
antreten, aber kaum die Hälfte erreichte 1536 den heimatlichen Boden.
Unter ihnen Torre und der berühmte Pilot Andres Urdaneta, welcher nach
seiner Rückkehr einen wichtigen Beitrag zur Kenntniß der Gewürzländer
gab und seinen Bericht im Februar 1537 dem Könige in Valladolid
überreichte.[496]
Von nun an blieb Portugal im unbestrittenen Besitz des Gewürzhandels,
bis die Niederländer im Anfange des 17. Jahrhunderts sie
verdrängten.[497]