3. Die Vollendung der ersten Erdumsegelung.

Mit dem Tode Magalhães’ trat eine völlige Wandelung in der Gesinnung

der Eingebornen ein. Der Glaube an die Unüberwindlichkeit der Fremden

war gewichen, und mit malaiischer Tücke trachtete der getaufte Fürst

von Zebu nach einer Gelegenheit, seine neuen Freunde mit List aus dem

Wege zu schaffen. Er lud die Spanier zu einem Gastmahle ein, um ihnen

bei der Gelegenheit angeblich ein für den König von Spanien bestimmtes

Geschenk an edlen Steinen vorzulegen. Vierundzwanzig Spanier, darunter

die beiden neugewählten Capitäne, Duarte Barbosa und Juan Serrano

sowie der Astronom San Martin folgten der lockenden Einladung, indem

der erwachende Argwohn durch die Bemerkung unterdrückt wurde, eine

ablehnende Antwort könne als Feigheit ausgelegt werden. Pigafetta

litt noch an seinen Wunden und blieb darum zurück, ebenso Lopes de

Carvalho, welcher mit Recht Verrath fürchtete. Beim Gastmahl wurden

sie überfallen und bis auf Serrano, den man lebendig gefangen behielt,

getödtet. Carvalho ließ auf die Nachricht von dem hinterlistigen

Ueberfall die Anker lichten und, mochte ihn der ans Ufer geführte,

verwundete und gefesselte Serrano auch noch so dringend beschwören, ihn

loszukaufen, man wagte sich nicht wieder an den Strand, aus Furcht,

die Schiffe preiszugeben. Serrano blieb einem unbekannten Schicksal

überlassen. Da die Mannschaft für den Dienst auf drei Schiffen

nicht mehr ausreichte, so wurde die Concepcion als das am wenigsten

seetüchtige Fahrzeug bei der Insel Bohol, östlich von Zebu, verbrannt.

Trinidad und Victoria segelten unter der Führung von Carvalho und

Gonzalo Vaz d’Espinosa südwärts nach Mindanao und von da nach der

kleinen, nordöstlich von +Borneo+ gelegenen Insel +Cagayan+, wo man

nur einige von Borneo vertriebene Mohammedaner (Mauren) fand. Von

hier aus steuerten sie in nordwestlicher Richtung nach Palawan, wo

sie freundliche Aufnahme fanden und Lebensmittel eintauschen konnten.

Dort trafen sie einen Mohren, namens Bastiam, der etwas portugiesisch

verstand und auf den Molukken gewesen war. Dieser erbot sich zwar, sie

nach Borneo, nach dem Staate Brunei an der Nordwestküste der Insel

zu führen, erschien aber nicht wieder, und so hätten die Spanier den

Weg ohne Hilfe suchen müssen, wenn nicht am nächsten Tage eine Praue

an die Schiffe herangekommen wäre und die Führung übernommen hätte.

So gelangten sie nach der Stadt Brunei, deren Häuser, auf Pfahlrosten

gebaut, bis ins Meer standen, und deren Einwohnerschaft Pigafetta auf

25,000 Familien schätzte. Mit dem Könige des Landes wurden Geschenke

ausgetauscht, die spanischen Abgesandten ritten auf zwei Elephanten

zum Palaste, wo der König ihnen Audienz ertheilte, aber nur durch

Mittelspersonen mit ihnen sprach. Man befand sich hier bereits in

der Kulturregion der malaiischen Sundawelt. Die spanischen Gesandten

wurden in einem vornehmen Hause gastlich untergebracht und schliefen

auf seidenen mit Baumwolle gefüllten Matratzen. Der Radscha gab

Erlaubniß, Handel zu treiben; allein das gute Verhältniß trübte sich

nach wenigen Tagen, denn als eine große Anzahl von Prauen und kleinen

Böten die Schiffe umschwärmte und sich vor dem Hafen versammelte,

fürchteten die Spanier Verrath, griffen die Dschunken an, bohrten

mehrere in den Grund und bahnten sich einen Weg in freies Fahrwasser.

Der Radscha ließ ihnen zwar durch Boten melden, der Kampf sei durch ein

Misverständniß entstanden, denn der vorbereitete Krieg gelte nicht den

Spaniern, sondern den Heiden. Leider befand sich noch ein Theil der

Schiffsmannschaft, darunter der Sohn Carvalho’s am Lande und gerieth

in die Gefangenschaft der Malaien. Er wurde nicht ausgeliefert, obwohl

der Capitän eine Auswechselung der Gefangenen (denn es waren mehrere

vornehme Häuptlinge nebst ihren Frauen auf den eroberten Dschunken

angetroffen) vorschlug.

Um Nordborneo herum zogen die beiden Schiffe wieder nach der Südküste

Mindanao’s und von dort südwärts nach den Molukken, welche sie endlich

am 8. November 1521 durch Freudenschüsse begrüßten. Seit ihrer Abfahrt

von Sevilla waren sie bereits 2¼ Jahr unterwegs gewesen, ehe sie

den Hafen von Tidor erreichten. Wenn die Portugiesen das Gerücht

ausgesprengt hatten, die Molukken lägen zwischen Untiefen in einem von

trüber, nebliger Atmosphäre bedeckten See, so daß man die Inseln nur

mit großer Gefahr erreichen könnte, so erinnert uns dies an die von

den Griechen wiedererzählten, altphönizischen Schifferlügen, wodurch

man von den Fahrten nach solchen Gegenden abschrecken wollte, woher

geschätzte Handelsprodukte geholt wurden. Man fand vielmehr das Wasser

überall wenigstens 100 Faden tief.

Der Radscha von Tidor empfing die Spanier mit offnen Armen[486] und

schloß mit ihnen bereitwilligst einen günstigen Handelsvertrag,

denn die Spanier zahlten für die Gewürze viel höhere Preise als

die Portugiesen[487]. Diese ihre Rivalen hatten in Ternate sich

festgesetzt. Als die Spanier dies erfuhren, schickten sie eine

Botschaft hinüber, um eine friedliche Zusammenkunft zu veranlassen.

Aber die Portugiesen entschuldigten sich mit dem ausdrücklichen Verbote

der Regierung des Landes. Die Erlaubniß wurde aber vom Radscha von

Ternate gegeben, und so kam der portugiesische Factor Affonso de

Lourosa, welcher schon mit den ersten Schiffen vor 10 Jahren von Indien

hierhergelangt war, zu ihnen und war nicht wenig über die hohen Preise

erstaunt, welche die unkundigen Spanier bezahlt hatten. Auch erfuhren

diese, daß der König von Portugal dem Geschwader Magalhães’ sowohl

am Cap der guten Hoffnung als am Laplatastrom durch Schiffe habe den

Weg verlegen lassen wollen. Dann sei auch an den Oberbefehlshaber in

Indien, Lopez de Sequeira der Befehl ergangen, sechs Kriegsschiffe nach

den Molukken zu senden, um Magalhães mit Gewalt abzuweisen; aber in

folge des Krieges mit den Türken in Aegypten seien die Schiffe nach dem

Rothen Meere abcommandirt. Lourosa zeigte sich sogar geneigt, an Bord

des spanischen Schiffes mit in die Heimat zu segeln.

Bis zur Mitte December hatten beide Schiffe eine volle Gewürzfracht

eingenommen, dann wurden am 16. December neue Segel mit dem Kreuz des

heiligen Jacobus von Galicien und der Inschrift: „Das ist das Bild

unseres Glückes“ (~questa e la figura della nostra buena ventura~)

aufgesetzt und die Abfahrt für die nächsten Tage bestimmt. Da bekam das

Flaggschiff Trinidad unerwartet einen großen Leck, den auch die vom

Radscha zu Hilfe gesendeten Taucher nicht zu verstopfen vermochten.

Man mußte sich entschließen, die Victoria allein abgehen zu lassen

und das andere auszuladen, um es gründlich ausbessern zu können. Am

21. December stach die Victoria endlich in See, nachdem vorher 60

Centner Gewürznelken wieder ausgeladen waren, weil man fürchtete,

das Schiff sei zu schwer befrachtet. Unter Kanonensalven nahmen die

beiden Schiffe von einander Abschied. Die Victoria unter dem Commando

Sebastian del Cano’s (d’Elcano) hatte 47 Europäer und 13 Indier an

Bord. Man berührte zuerst Buru, sodann die Nordseite von Timor, um

Lebensmittel einzunehmen, und steuerte von da in den von den Javanen

Lautchidol, d. h. Südmeer, benannten indischen Ocean hinein, erreichte

am 18. März 1522 die einsame hohe Insel Amsterdam, stieß am 8. Mai in

der Nähe des großen Fischflusses (Rio del Infante) auf die afrikanische

Küste, wo man Erfrischung zu finden hoffte und umsegelte am 18. und

19. Mai das Cap unter heftigen Stürmen, welche das Schiff wochenlang

an dem gefürchteten Vorgebirge umherjagten und bis zum 42° s. Br.

hinaustrieben. Infolge der Anstrengungen und Entbehrungen, man hatte

nur noch Reis und Wasser an Bord, starben 21 Personen, ehe am 9. Juli

die Capverden in Sicht kamen. Man landete nothgedrungen an der Insel

St. Jago, obwohl man sie in portugiesischem Besitz wußte; man hoffte

unbelästigt zu bleiben, wenn man erklärte, das Schiff käme von Amerika.

Eine unerwartete Ueberraschung wurde den Weltumseglern hier, als sie

sich in dem portugiesischen Hafenplatze erkundigten, was für ein

Wochentag es sei. Man wollte prüfen, ob man an Bord richtige Rechnung

geführt. Die Portugiesen antworteten, es sei Donnerstag. „Das setzte

uns sehr in Erstaunen,“ erzählt Pigafetta, „weil bei uns erst Mittwoch

war. Und ich hatte doch, da ich stets gesund gewesen, Tag für Tag mein

Tagebuch geführt. Erst später erfuhren wir, daß wir keinen Fehler

gemacht und keinen Tag übersprungen hatten, und daß der Unterschied

entsteht, wenn man von Osten nach Westen die Erde umschifft. Man wird

dann im ganzen einen Tag weniger haben, als diejenigen, welche an

derselben Stelle geblieben sind.“

Als die Schaluppe zum drittenmale ans Land ging, wurden 13 Matrosen

zurückgehalten, weil bekannt geworden war, daß das portugiesische

Schiff zu dem Geschwader Magalhães’ gehöre. Unverzüglich lichtete del

Cano die Anker und kam am 6. September 1522 in den Hafen von S. Lucar.

Achtzehn Personen, und auch diese zum großen Theil krank, waren allein

von der ansehnlichen Schar übrig geblieben.[488] Nachdem sie am 8.

September in Sevilla angelangt waren, machten sie am nächsten Tage

sämmtlich eine feierliche Procession nach der Kirche der heiligen

Maria del Antigua und begaben sich dann an den königlichen Hof nach

Valladolid, wo der Capitän und die beiden Officiere sehr gnädig

empfangen und mit einer Leibrente bedacht wurden. Del Cano erhielt

außerdem ein neues auf die Entdeckung der Gewürzinseln bezügliches

Wappen und als Helmzier einen Globus mit der Umschrift: ~Primus

circumdedisti me~ (du hast mich zuerst umsegelt). Pigafetta überreichte

bei dieser Gelegenheit dem Könige sein eigenhändig geführtes Tagebuch

der ganzen Fahrt. Die Anerkennung und die Bewunderung, welche allgemein

den Theilnehmern der ersten Erdumsegelung gezollt wurde, drückt

Transilvanus mit den Worten aus: „Wahrlich unsere Seeleute sind des

ewigen Ruhmes würdiger als die Argonauten, die mit Jason nach Colchis

segelten, und ihr Schiff (nämlich die Victoria) verdient mehr unter die

Sternbilder versetzt zu werden als die Argo.“

Zu dem Ruhm trat aber auch noch der materielle Gewinn hinzu; denn

die Fracht des einen heimgekehrten Schiffes, welche aus 533 Centnern

Gewürznelken bestand, deckte die Kosten des ganzen Geschwaders

vollauf.[489]

Wie bereits oben (S. 481) erzählt ist, mußte die +Trinidad+ auf Tidor

zurückbleiben, weil sie einen bedeutenden Leck bekommen hatte. Erst

am 6. April 1522 stach sie mit 50 Europäern und zwei einheimischen

Lotsen an Bord in See. Der Capitän Gonzalo Gomez de Espinosa beschloß

den Rückweg über den großen Ocean zu versuchen und steuerte von Tidor

aus nach Norden und Nordosten. Durch ungünstige Winde aus der Bahn

getrieben, kam das Schiff bis zum 42° n. Br. Monatelang umhergeworfen,

litt es durch Kälte und Mangel an Lebensmitteln so entsetzlich, daß

viele von der Mannschaft erlagen. Als endlich in einem fünftägigen

Sturm das Vordercastell und der Hauptmast verloren gingen, sah man

sich zur Umkehr nach den Molukken gezwungen, wo man erfuhr, daß

die Portugiesen inzwischen nach Ternate gekommen seien und dort

eine Festung bauten (s. oben S. 205). Die Noth zwang die Spanier,

an der Küste von Halmahera Zuflucht zu suchen und von hier aus den

portugiesischen Anführer Antonio de Brito zu bitten, sie mit einem

Schiffe aus ihrer traurigen Lage zu befreien; denn ein Theil der

Mannschaft war todt, der andere krank und zu hilflos, um das eigne

Fahrzeug leiten zu können. So ließ denn Brito die noch lebenden 17

Spanier nach Ternate hinüberführen, wo sie bis Ende Februar 1523,

vier Monate lang, festgehalten wurden. Dann wurden sie nach Banda

gebracht; Juan de Campos, den man bei der ersten Abfahrt von Tidor

dort als Factor zurückgelassen (s. oben S. 205), versuchte von Banda

mit drei andern Spaniern auf einer Dschunke sich durchzuschlagen,

ist aber mit seinen Gefährten verschollen. Die übrigen ließ man vier

Monate in Banda, dann wieder fünf Monate in Malaka, dann noch ein

Jahr in Kotschin warten, ehe man ihnen Gelegenheit bot, sich nach dem

Vaterlande einzuschiffen. Absichtlich hielt man sie an ungesunden

Plätzen zurück, um ihre Reihe zu lichten, denn es war den Portugiesen

höchst ungelegen, ihre Nebenbuhler von den Molukken in die Heimat zu

befördern. So kam es denn, daß nach mehreren Jahren nur drei Seeleute

Europa wieder erreichten und auch nach ihrer Landung in Lissabon noch

sieben Monate in Haft bleiben mußten, bis der Befehl des Königs ihnen

die Freiheit gab. Es kehrten demnach von den 239 Personen, welche sich

mit Magalhães eingeschifft hatten, im ganzen nur 21 wieder zurück, die

letzten nach jahrelangen Leiden.

Erst nach 50 Jahren erhielt Magalhães in Drake und Oliver de Noort

Nachfolger, welche in derselben Richtung wie er, eine Erdumsegelung

ausführten: ein sicherer Beweis, wie viel gewaltiger und schwieriger

ein solches Unternehmen den Zeitgenossen erschien als die Fahrten

Gama’s oder Columbus’, die sich nach dem ersten Entdeckungszuge

alljährlich wiederholten.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 114 / 123 题