31. Almagro’s Zug nach Chile und sein Tod.

Nachdem das Hauptland von Peru bezwungen worden war, beschloß

Almagro auch die südlichen Länder zu unterwerfen. Es war der

schwerste und kühnste Heereszug, welcher je durch die Wüsteneien der

südamerikanischen Hochgebirge ausgeführt wurde. Zwei indianische

Edelleute, der Bruder des Inka, Paulo Topa, und der Oberpriester

Vilehoma, wurden in Begleitung dreier Spanier vorausgesendet, um den

Weg zu zeigen, die Indianer über die Absichten des Zuges zu beruhigen

und Quartiere zu schaffen. Dann brach Almagro am 3. Juli 1535 von

Cuzco auf[445] und zog durch das Gebiet der Conchas, nordwestlich

vom Titicacasee, und am westlichen Ufer des Gebirgssees durch die

Landschaft Collao, ging dann auf der Ostseite des Aullagassees

südöstlich über das Hochland von Potosi nach Tupiza, an der Südgrenze

Boliviens, wo er, nachdem er bereits einen Marsch von wenigstens 200

Meilen gemacht hatte, seinen Truppen zwei Monate Rast gönnte. Während

des Aufenthaltes entfloh der Oberpriester Vilehoma sammt seinem Gefolge

bei Nacht und kehrte nach dem Norden, nach der Landschaft Collao zurück.

Almagro stand hier an der Grenze des Inkareiches, weiter hinaus

hatte er unabhängige Bergstämme vor sich, durch deren Gebiet er sich

mit Gewalt den Weg bahnen mußte. Es standen ihm, um nach Chile zu

gelangen, dessen Schätze ihn lockten, zwei in gleichem Maße schwierige

Wege offen. Entweder mußte er von Tupiza aus sich westwärts über die

unwirthlichen Einöden und den Hauptkamm der Anden übersteigend nach

der Küste wenden und die wasserlose Atacamawüste durchschneiden, oder

den mühsamen Gebirgsmarsch nach Süden fortsetzen und ausgedehnte

Schneeregionen durchziehen, wo für die Mannschaften weder Vieh noch

Getreide zu beschaffen war. Almagro wählte den letzteren Weg, weil er

kürzer schien. Da von den Eingeborenen in Jujuy drei Spanier, welche

vorausgeschickt waren, getödtet worden, so wurde der Capitän Salcedo

mit 50 Reitern und Fußgängern ausgesandt, die Indianer zu züchtigen.

Diese hatten sich in eine Festung zurückgezogen, welche Salcedo erst

anzugreifen wagte, als ihm Francisco de Chaves Unterstützung brachte.

Darauf flohen die Indianer ins Gebirge und ließen den Paß frei. Nun

rückte das Heer weiter durch Jujuy in die Landschaft Chicoana, südlich

von der modernen Stadt Salta. Das fruchtbare Thal war verödet, wilde

Bergstämme waren von Norden her eingebrochen, hatten die Kulturen

zerstört und die Ortschaften in Trümmerhaufen verwandelt. Doch gelang

es Almagro noch, seine Truppen mit einigen Vorräthen von Vieh und Mais

zu versorgen; allein beim Uebergang über einen reißenden Bergstrom

ging ein großer Theil der Thiere verloren, ein empfindlicher Verlust,

der nicht wieder ersetzt werden konnte, wenn auch hie und da in den

Hochthälern noch einige wenige kleine Ortschaften angetroffen wurden.

Von Chicoana (Salta) ging der Zug in südwestlicher Richtung über das

Campo del Arenal westlich von der Sierra Aconquija durch das Thal von

Arroyo nach dem Hauptrücken der nördlichen chilenischen Anden, um diese

zu übersteigen. Hier stand den Truppen noch die schwerste Arbeit bevor.

Als sie aus einer Gebirgsschlucht (Quebrada) heraustraten, sahen sie

hohe, schneebedeckte Gebirge in unabsehlicher Ausdehnung vor sich.

Nachdem sie eine Zeit lang daran hingezogen, sahen sie sich genöthigt,

dieselben zu übersteigen, ohne ihre Breite zu kennen. Aber muthig

wagten sie sich hinein, mit den Elementen und mit dem Hunger kämpfend,

mit wenig Lebensmitteln, mit Waffen und allerlei Geräth, um Brücken

oder Flöße zu bauen, beladen.

Almagro zog mit 20 Reitern vorauf, um Wege und Pässe ausfindig zu

machen, und womöglich dem nachfolgenden Heere Lebensmittel zu schaffen.

Sieben Tage lang ging’s über Salzboden und wieder über beschneite

Pässe, wo die Augen von dem blendenden Schnee entzündet wurden. Sturm

und Kälte erschwerte jeden Tritt. Am dritten Tage der schwersten

Leiden öffnete sich gegen Osten das Thal von Copiapo, wo Almagro’s

kleine Schar sich erholen und den nachfolgenden Truppen Lebensmittel

entgegensenden konnte. Ohne diese Hilfe wäre das ganze Heer in den

schrecklichen Wüsteneien umgekommen. Die indianischen Lastträger,

welche den Zug mitmachen mußten, litten noch mehr als die Spanier.[446]

Manche sanken vor Erschöpfung nieder; die Luft war so kalt, daß man

kaum athmen konnte. Dazu nachts kein Feuer, um sich zu erwärmen, kein

Schutz vor den rasenden Winden, keine ausreichende Nahrung, um den

Körper widerstandsfähiger zu machen. Der Hunger war so arg, daß die

lebenden Indianer das Fleisch ihrer gefallenen Kameraden verzehrten

und die Spanier mit Begier das sonst verschmähte Fleisch gefallener

Pferde unter sich theilten. Das Heer verlor bei diesem Uebergange 150

Mann und 30 Pferde. Erst im Thal von Copiapo konnten die Soldaten bei

längerer Rast sich erholen und stärken. Rodrigo Orgoñez, welcher dem

Almagro später von Cuzco her neue Truppen zuführte und denselben Weg

über die Anden einschlug, hatte noch mehr Verluste als der Adelantado.

Die Schneemassen begruben manchen Mann und manches Roß. Dann marschirte

Almagro im chilenischen Küstenlande weiter nach Süden, nach Coquimbo.

Hier traf er unerwartet einen Spanier, welcher, vor einer angedrohten

Strafe flüchtig, aus Peru 600 Meilen weit nach Chile gelaufen war,

ohne Schaden zu erleiden. (Oviedo, ~historia~ 47, 4). Von Coquimbo aus

ließ Almagro dann das Land im Süden bis zum Rio Maule (35° s. Br.)

erforschen und trat dann, da die erträumten Schätze sich nirgends

zeigen wollten, enttäuscht den Rückweg an. Um das Heer nicht noch

einmal den Gefahren des Hochgebirgs auszusetzen, wählte er diesmal den

Küstenweg, welchen ihm die Indianer in Jujuy bereits empfohlen hatten.

Zwar mußte er hier die Atacama passiren und verlor durch Mangel an

Wasser und Futter mehr als 30 Pferde, aber keinen Mann. Sein Heer war

in kleine Abtheilungen vertheilt, Almagro bildete mit seinem Gefolge

den Schluß. So überwand er glücklich diese Wüste und stieg dann von

Arequipa nach dem Hochland von Cuzco hinauf, wo er im Frühling 1537

wieder anlangte. Es war ein überaus verwegener, aber erfolgloser

Entdeckungszug gewesen.

Während Almagro auf dem Marsche nach Chile war, suchte die nationale

Partei unter ihrem Inka Manco die Gelegenheit, das spanische Joch

abzuschütteln, zu benutzen, so lange ein ansehnlicher Theil des

feindlichen Heeres aus dem Lande abwesend war. Manco entwich aus Cuzco

und rief das Volk zu den Waffen. Die Hauptstadt wurde belagert und

durch brennende Pfeile leicht in Brand geschossen, da die meisten

Häuser mit Stroh gedeckt waren. Die halbe Stadt wurde zerstört, die

Festung fiel in die Hände der Peruaner. Juan Pizarro eroberte zwar

einen Theil derselben wieder, wurde aber dabei durch einen Steinwurf

so gefährlich verletzt, daß er bald darauf starb. Erst nach seinem

Tode konnten die Spanier die Festung wieder gewinnen; dann wurden sie

aber Monate lang von einem großen indianischen Heere in Cuzco belagert

und ihre Verbindungen mit Lima abgeschnitten, so daß Francisco Pizarro

vergebens, da die Indianer die Bergpässe besetzt hielten, versuchte,

der bedrohten Hauptstadt Ersatz zu bringen. Erst als in der Zeit

der Feldbestellung das peruanische Belagerungsheer sich theilweise

auflöste, wich die äußerste Noth, in welcher sich die Besatzung

befunden hatte. Man machte in dieser Zeit sogar den, wenn auch

verfehlten Versuch, sich durch einen Handstreich der Person des Inka

zu bemächtigen. Francisco Pizarro fühlte, daß der ganze Besitz seiner

Eroberung durch den allgemeinen Aufstand auf dem Spiel stehe, wenn

nicht rasche Hilfe komme. Er entsandte Schiffe nach Mittelamerika und

forderte die dortigen Statthalter unter lockenden Verheißungen auf, ihn

mit Truppen zu unterstützen.

Unter solchen Verhältnissen erschien Almagro wieder in Peru. Die schon

lange im Stillen glimmende Eifersucht zwischen ihm und Pizarro hatte

zwar schon vor seinem Abmarsch nach Chile eine scheinbare Versöhnung

gefunden, da sich beide Rivalen durch schriftlichen Vertrag und

Eidschwur auf die Hostie am 12. Juni 1535 zur Beilegung des Streites

bereit erklärt hatten; allein da nun nach seiner Rückkehr Almagro

erfuhr, daß eine königliche Vollmacht ihn zum selbständigen Statthalter

über alle Länder ernenne, welche 270 Leguas (17½ Leguas = 1 Breitengrad

von 15 Meilen) südlich vom Santiagoflusse[447] beginnend, sich gegen

Süden ausdehnten, so glaubte er Anspruch auf den Besitz von Cuzco zu

haben. Bei der Unsicherheit genauer astronomischer Bestimmungen konnte

zu jener Zeit allerdings die Entscheidung dieser Frage zweifelhaft

sein, wenn wir jetzt auch mit Bestimmtheit sagen können, daß die alte

Hauptstadt noch zum Gebiete Pizarro’s gehört. Ehe Almagro noch in

die Nähe von Cuzco gelangt war, suchte er mit dem Fürsten Manco, mit

welchem er früher befreundet gewesen, eine Zusammenkunft, wurde von

diesem aber überfallen. Nachdem er den Angriff siegreich abgewiesen

hatte, rückte er mit seinem Heere vor Cuzco und forderte von Gonzalo

und Hernando Pizarro, welche in derselben befehligten, die Uebergabe

der Stadt. Da dieselbe unter verschiedenen Vorwänden verzögert wurde,

so drang er in einer finstern Nacht am 8. April 1537 in Cuzco ein und

nahm beide Brüder nach kurzem Kampfe in ihrem Hause, welches dabei in

Flammen aufging, gefangen.

Inzwischen war Alvarado, von Francisco Pizarro zu Hilfe gerufen, zum

zweitenmale in Peru erschienen und stand, im Begriff mit 500 Mann auf

Cuzco zu marschiren, 13 Meilen von der Hauptstadt entfernt in Jauja.

Almagro ließ ihm die erfolgte Besetzung seiner Hauptstadt melden, aber

Alvarado befahl, die Boten in Ketten zu werfen. Erbittert über solchen

Verrath fiel Almagro rasch über ihn her, besiegte ihn bei der Brücke

von Abancay, am 12. Juli 1537, und kehrte dann nach Cuzco zurück. Der

Inka wurde mit dem Rest seiner Scharen ins Gebirge getrieben und das

Land von den Aufständischen gesäubert. Es kam nun vor allem darauf

an, eine directe Verbindung mit dem Mutterlande zu schaffen und einen

Seehafen im südlichen Peru ausfindig zu machen. Deshalb zog Almagro

ins Küstenland hinunter, um dort einen befestigten Landungsplatz zu

gründen. Sein Augenmerk war auf das fruchtbare Chinchathal gerichtet;

Hernando Pizarro mußte als Gefangener folgen, während es dem andern

Bruder Gonzalo gelang, aus der Haft zu entfliehen und Lima zu erreichen.

Francisco Pizarro, welchem vor allem daran gelegen war, seinen noch

gefangenen Bruder dem siegreichen Gegner zu entreißen, zeigte sich

sehr friedlich gesinnt und knüpfte Unterhandlungen an. Beide Parteien

kamen am 13. November in Mala, südlich von Lima, zusammen und Almagro

verstand sich dazu, gegen die vorläufige Anerkennung seiner Ansprüche

auf Cuzco, Hernando Pizarro freizugeben. Die endgiltige Entscheidung

des Streits wurde der spanischen Regierung überlassen.

Kaum war Hernando frei, so erklärte bereits Francisco Pizarro den

Vertrag für ungiltig, und der Streit begann von neuem. Almagro ging

nach Cuzco zurück, wohin ihm sein erbitterter Gegner Hernando im

Frühling des nächsten Jahres folgte. Am 26. April 1538 kam es zum

Kampfe bei Las Salinas, eine kleine Meile von der Hauptstadt. Keine

der beiden Parteien verfügte über mehr als 700 oder 800 Mann, aber das

Gefecht war sehr heftig und dauerte den ganzen Tag. Almagro konnte,

weil er krank war, nicht unmittelbar in den Streit eingreifen, aber

er befand sich ganz in der Nähe. Während des Gefechtes fielen nur

15 bis 20 Mann, aber bei der Verfolgung der geschlagenen Truppen

Almagro’s, welcher selbst gefangen genommen wurde, sollen noch 150 Mann

niedergemacht worden sein. Hernando hatte für den überwundenen Gegner,

den frühern Waffengefährten, der ihm großmüthig die Freiheit geschenkt,

kein Mitgefühl, kein Erbarmen; er sann auf Rache für die angethane

Schmach. Almagro wurde nach Cuzco gebracht und ihm dort der Proceß

gemacht. Unter Aufbietung einer ansehnlichen Truppenmacht wurde ihm

öffentlich am 8. Juli der Urtheilsspruch verkündet. Dann ließ Hernando

ihn im Gefängniß erdrosseln.

Almagro war eine offne, rohe Natur, welche sich nie mit heuchlerischen

Hintergedanken oder mit Racheplänen trug. Er besaß einen empfindlichen

Ehrgeiz und liebte es, durch verschwenderische Geschenke seine Truppen

zu belohnen. Tapfer und in allen Strapazen ausharrend, machte ihn seine

durch und durch soldatische Natur bei seinem Heere beliebt. Seine

Verbindung mit dem herz- und gewissenlosen Pizarro stürzte ihn ins

Verderben.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 108 / 123 题