32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen Parteikämpfe.

Der junge Diego Almagro befand sich inzwischen in Lima, aber die

Statthalterschaft seines Vaters erhielt er nicht; auch wurden seine

Anhänger, die „Chilenen“, durch Verachtung gekränkt. Man wandte sich

um Recht nach Spanien. Um diesen Bemühungen der Partei Almagro’s,

besonders des eifrigen Diego de Alvarado entgegenzuwirken, ging

Hernando Pizarro 1539 selbst nach dem Mutterlande. Kurz nach seiner

Ankunft in Valladolid am Hofe starb dort Alvarado ganz plötzlich,

man sagte: durch Gift, welches Pizarro ihm beigebracht. Der Henker

Almagro’s fand keinen freundlichen Empfang, man beschuldigte ihn mit

Recht, daß er einen von der Krone eingesetzten Statthalter -- ob

aus eignem Antriebe oder durch seinen Bruder bestimmt, blieb dabei

unerörtert -- habe hinrichten lassen. Er wurde daher gefangen genommen

und blieb auf der Festung Medina del Campo bis 1560 eingesperrt, so daß

er alle seine Verwandten und auch -- seinen Ruhm überlebte.

Um die verwirrten und unerquicklichen Verhältnisse in Peru zu ordnen,

wurde der Rechtsgelehrte +Vaca de Castro+ entsendet als „königlicher

Richter“, oder, für den Fall, daß Francisco Pizarro bereits gestorben,

als königlicher Statthalter. Im Sommer 1541, während er noch auf der

Reise begriffen war und sich in Popoyan, nördlich von Quito (2½° n.

Br.), aufhielt, erreichte ihn schon die Nachricht, Francisco Pizarro

sei von seinen Gegnern ermordet. Die chilenische Partei hatte unter

Anführung des Juan de Herrada mit einer Anzahl von Verschworenen am

Sonntage den 26. Juni 1541, da Pizarro nicht zur Messe gegangen, den

Zugang zu seinem Palaste in Lima erzwungen und, wie der junge Almagro

behauptete, den Statthalter gefangen nehmen wollen, weil dieser in

gleicher Weise wie seinem Vater, auch ihm, nach dem Leben getrachtet

habe. Bei seiner Vertheidigung wurde Pizarro sammt seinem Bruder

Francisco Martin und seinem Pagen Tordoya getödtet, während das übrige

Gefolge floh. Er war 63 Jahre alt, als er zur Sühne für den an seinem

Genossen Almagro verübten Mord unter den Streichen der Verschworenen

fiel.[448] Wenn er auch Jahre lang sein Ziel, Peru zu erobern, kühn

und unbeugsam im Auge behielt und dabei eine erstaunliche Thatkraft

entfaltete, so läßt sich seinem Charakter doch keine sympathische

Seite abgewinnen. Ungebildet und gefühllos trat er Freund und Feind

nieder. Er hatte Cortes mehrfach als Vorbild genommen, so namentlich in

der Gefangennahme des Fürsten; auch war ihm die Eroberung des Landes

leichter geworden, als jenem, welcher zuerst mit einem amerikanischen

Kulturvolke rang, die Besiegung von Mexiko. Aber verglichen mit einem

Feldherrn und gebildeten Staatsmann wie Cortes erscheint Pizarro nur

als ein gemeiner Abenteurer, und zwar als der grausamste von allen,

welcher das eroberte Land ausplünderte und mit Blut überschwemmte und

den spanischen Namen für immer in Südamerika verhaßt machte.

Als Cristoval Vaca de Castro in Popayan das Schicksal Pizarro’s erfuhr,

nahm er, seiner Instruction gemäß, den Titel eines Statthalters an.

Zwar suchte der junge Almagro einen Vergleich herbeizuführen, wonach

ihm die seinem Vater zugewiesene südliche Hälfte des eroberten Reiches

überlassen werde; allein Vaca de Castro konnte, nach den Vorfällen in

Lima, darauf nicht eingehen. Er verlangte vielmehr, daß Almagro sich

unterwerfe, das Heer, welches er um sich gesammelt hatte, entlasse und

ihm, dem rechtmäßigen Statthalter, alle am Morde Pizarro’s betheiligten

Personen zur Bestrafung ausliefere. Almagro weigerte sich, und so

kam es am 16. September 1542 auf der Ebene von Chupas bei Guamango

(jetzt Ayacucho) zwischen Lima und Cuzco zum Entscheidungskampfe.

Castro’s Heer zählte 328 Reiter und 420 Fußgänger, Almagro stellte

dagegen 220 Reiter und 280 Fußgänger ins Feld.[449] Die chilenische

Partei wurde aufs Haupt geschlagen, Almagro floh nach Cuzco, wurde

aber bald ausgeliefert und enthauptet. Damit war auch das Loos seiner

Anhänger entschieden. Der Widerstand hörte auf, und die Parteigänger

Almagro’s unterwarfen sich. Der königlichen Autorität stand, als

Castro im Jahre 1544 durch den Vicekönig +Blasco Nuñez Vela+ ersetzt

wurde, nur noch der +letzte Bruder Pizarro’s, Gonzalo+, gegenüber,

welcher sich im nördlichen Theil des Reichs festgesetzt hatte und

sich nicht beugen wollte. Er war schon im Jahre 1540 zum Statthalter

von Quito gemacht und hatte mit einem Heere von 350 Spaniern und

4000 Indianern das Land besetzt. Von hier war er dann, angelockt von

dem fabelhaften Goldreichthum, welcher sich nach den Erzählungen

der Indianer in den östlichen Waldgebieten finden sollte, in der

Nähe des Aequators über die östlichen Anden gestiegen und an dem

Rio Napo abwärts vielleicht bis zu dem Katarakt del Cando in die

Urwälder eingedrungen, wo ihn die unwegsame Wildniß und Mangel an

Lebensmitteln in die äußerste Noth brachten. Hier beschloß er ein

Fahrzeug zu bauen, um die Truppen, wenigstens zum Theil, namentlich

die Kranken, und außerdem das Geschütz, zu Wasser weiter stromabwärts

befördern zu können. Zum Schiffscapitän wurde +Francisco de Orellana+

aus Trujillo gemacht. Landheer und Schiff rückten noch eine Zeitlang

neben einander den Strom hinunter, bis die zu Lande marschirenden

Soldaten durch den verschlungenen Urwald nicht mehr weiter konnten.

Dazu trat die Regenzeit ein, die Vorräthe waren erschöpft, alle

Pferde mußten geschlachtet werden. Das Heer machte Halt, Orellana

erhielt den Auftrag, mit dem Schiffe allein weiter zu gehen, um

Lebensmittel aufzutreiben; aber er kehrte nicht wieder zurück. Ueber

sein Schicksal wird das nächste Capitel berichten. Nachdem Pizarro

wochenlang vergebens gewartet hatte, mußte er endlich erfahren, daß

Orellana ihn im Stich gelassen und weiter gesegelt sei. Er mußte sich

daher entschließen, den Rückmarsch nach Quito anzutreten. Hunger und

Fieber hatten seine Mannschaft bereits decimirt. Unter den beständigen

Regengüssen war der Waldboden in Sümpfe verwandelt. Mit zerrissenen

Kleidern, abgezehrt, zum Tode erschöpft erreichten nur 80 Spanier das

Hochthal von Quito. Hier erfuhr Gonzalo, daß sein Bruder Francisco vor

Jahresfrist von Mörderhand gefallen und der junge Almagro die Gewalt an

sich gerissen hatte, daß aber Vaca de Castro bereits über Quito nach

dem Süden gezogen sei. Aus Haß gegen Almagro bot er dem königlichen

Statthalter seine Unterstützung gegen den Mörder seines Bruders an;

aber Castro lehnte dieselbe ab, um sich nicht, wenn die chilenische

Partei von der Anwesenheit eines Pizarro in seinem Lager erfahre,

jede Aussicht auf einen friedlichen Ausgleich mit den Almagristen zu

versperren. Aber diese Ablehnung seiner Hilfe verletzte Gonzalo aufs

tiefste, trotzdem begab er sich später, nach der Hinrichtung des jungen

Almagro mit einer Reiterschar zuerst nach Lima und dann auf den Befehl

Castro’s nach Cuzco, wo sich der königliche Statthalter befand. Er

hoffte noch, daß ihm, nach dem Tode seines Bruders und der Bewältigung

des Aufstandes der chilenischen Partei, die Statthalterwürde zufallen

werde. Das kluge Benehmen Castro’s bei dieser Zusammenkunft raubte ihm

aber jeden Grund zu einer Schilderhebung, und da dieser ihm empfahl,

seine Besitzungen im Charcasgebiete[450] in Frieden auszubeuten, so

begab er sich nach dem Süden, wo er die schon den Inkas bekannten

Silberminen mit großem Erfolg abbaute. Erst als Castro in der

Person des +Blasco Nuñez+ einen Nachfolger empfing, und dieser die

vermeintlichen Rechte der Spanier über die Indianer, welche sie als

ihre Hörigen behandelten, antastete, ging Gonzalo nach Cuzco, wo man

ihn an die Spitze der gegen den neuen Vicekönig gerichteten Bewegung

stellte und ihn ermächtigte, Truppen zusammenzuziehen. Dann rückte

er mit seiner Schar gegen Lima, wo Vasco Nuñez, der sich nirgend

Freunde zu gewinnen verstand, in einer Revolte der Stadtbevölkerung

mit seinen wenigen Getreuen ohne Blutvergießen gefangen genommen und

von den gegen ihn gesinnten königlichen Richtern bald darauf nach

Panama zurückgeschafft wurde. Am 28. October 1544 zog Gonzalo in Lima

ein und wurde zum Statthalter von Peru proclamirt. Der Vicekönig war

indes nicht nach Panama gelangt, sondern hatte Mittel gefunden, in

Tumbez wieder ans Land zu gehen, von wo er sich nach Quito begab, um

von hier aus sich mit Gewalt wieder in Besitz der ihm durch königliches

Mandat übertragenen Macht zu setzen. Gonzalo Pizarro verfolgte ihn bis

über Pastos hinaus, ohne ihn zu erreichen, wußte ihn dann aber durch

eine List bis in die Nähe von Quito zu locken, wo er ihn bei Añaquito

am 18. Januar 1546 besiegte. Vasco Nuñez fiel selbst im Kampfe. Dann

kehrte Pizarro nach Lima zurück und führte die unbestrittene Obergewalt

in Peru, bis König Karl den Geistlichen +Pedro de Gasca+ mit den

weitgehendsten Vollmachten nach Peru sandte. Ohne Heer und großes

Gefolge, in einfachem Priestergewande wußte sich der gewandte Mann

zunächst die Landung im Nombre de Dios und dann den Eintritt in Panama

zu ermöglichen, obwohl Pizarro beide Plätze durch seine Untergebenen

besetzt hielt und eine starke Flotte von mehr als 20 Schiffen im Hafen

von Panama lag. Er bezeichnete seine Sendung als eine friedliche und

richtete auch in diesem Sinne ein Schreiben an Pizarro, um ihn zu

bewegen, die Befehle seines Königs anzuerkennen. Dann gelang es ihm,

den Befehlshaber der Flotte, Hinojosa, einen eifrigen Parteigänger

Pizarro’s, zu gewinnen, die königliche Vollmacht anzuerkennen und

sich seinem Befehl zu unterwerfen. Im Besitz der Flotte begann de

Gasca nun Truppen auszuheben, um mit bewaffneter Macht in Peru zu

erscheinen. Vier Schiffe wurden voraufgeschickt, um allen Spaniern

in Peru, die zu ihrer Pflicht zurückkehrten, volle Verzeihung und

Sicherheit ihres Besitzes anzukündigen. Diese Proclamation lichtete die

Reihen der Anhänger Pizarro’s rasch, die Bewohner von Cuzco erklärten

sich für den König, und die wichtige Provinz Charcas ging gleichfalls

verloren. Gasca ging mit der Flotte nach Tumbez, während die vier

vorausgesendeten Schiffe in dem Hafen von Lima landeten und, da Pizarro

gegen Cuzco gezogen war, auch die neue Hauptstadt ohne Schwierigkeit

besetzten.

Zwar leuchtete dem letzten Pizarro noch einmal das Glück, da er in dem

blutigen Gefecht bei Huarina am Titicacasee am 26. October 1547 über

seine Gegner den Sieg gewann und noch einmal in Cuzco einzog, wo er

sich zum Entscheidungskampf rüstete, denn das Hauptheer Gasca’s befand

sich zu jener Zeit in Jauja und rückte erst im Frühjahr 1548, 2000 Mann

stark, gegen die altnationale Hauptstadt vor.

Vier Meilen von Cuzco in dem Thale von Xaquixaguana standen sich

beide Heere kampfbereit am 9. April 1548 gegenüber. Gasca hatte bis

zuletzt den Gegner aufgefordert, sich zu unterwerfen und die Gnade des

Königs anzunehmen; aber Pizarro hatte auf sein Glück bauend, das ihn

aus allen Kämpfen und Gefahren siegreich hatte hervorgehen lassen, den

Frieden abgewiesen, obwohl die Heeresmacht Gasca’s stärker war. Allein

in diesen Tagen verließ ihn das Glück, verließen ihn seine Freunde.

Vor Beginn der Schlacht gab der Anführer seines Fußvolks das Zeichen

zum Abfall, indem er zur königlichen Partei hinüberjagte. Ihm folgten

die Truppen zu Fuß und zu Roß, so daß Pizarro sich gefangen geben

mußte. Ihm und seinen entschiedensten Anhängern Francisco de Caravajal

und Juan de Costa wurde der Proceß gemacht, und sie büßten alle ihre

Rebellion mit dem Tode.[451] Gasca ordnete die Verhältnisse des Landes

einsichtsvoll und kehrte 1550 nach Spanien zurück.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 109 / 123 题