Nach der Eroberung Mexiko’s blieben die Blicke noch jahrzehntelang
auf das unbekannte Gebirgsland im Norden gerichtet. Die Fahrten,
welche im westlichen Meere schon von Cortes selbst angeregt waren,
hatten eine unendlich weite Erstreckung des Festlandes mit bedeutenden
Gebirgszügen im Norden nachgewiesen. Im Binnenlande rückte man in die
öderen Striche des neuspanischen Vicekönigreichs nur langsam nach
Norden vor. Es bedurfte besonderer, lockender Aussichten, um die dort
beginnenden Wüsteneien zu durchbrechen. Der Präsident des königlichen
Gerichtshofes in Mexiko, welcher von 1528-31 die Civilverwaltung des
reichen Pflanzlandes leitete, Nuño de Guzman, hatte schon im Jahre 1530
von einem Indianer Mittheilungen erhalten über ein im Norden liegendes
Land Tejos (Texas?), wo er sieben Städte wollte besucht haben, jede
so groß wie Mexiko, in denen ganze Straßen mit Juwelierläden besetzt
seien. Der Weg dahin führe 40 Tage durch eine Wüste. Guzman beschloß
mit 400 Spaniern und 2000 Indianern sich dahin einen Weg zu bahnen;
aber er fand, indem er sich vornehmlich an den westlichen Terrassen
des Hochlandes nordwärts bewegte, schon in Culiacan, südlich von 25°
n. Br., so bedeutende Schwierigkeiten, daß er von seiner Unternehmung
abstand und sich dabei begnügte, +Culiacan+ zu colonisiren. Dieser Ort
bildete in der Folgezeit den Ausgangspunkt mehrerer Expeditionen in
die nördlichen Regionen. Die Fabel von den goldreichen Städten tauchte
1536 von neuem auf, als die letzten Ueberbleibsel der Expedition des
verunglückten Narvaez, Nuñez Cabeça, Dorantes, Maldonado und der Mohr
Estebanico sich nach Neuspanien zurückgefunden hatten. Sie behaupteten,
es gäbe im Norden Städte, deren Häuser sechs bis sieben Stockwerke
hätten, und die Thürgewände seien mit kostbaren Steinen geschmückt.
Im Auftrage des Vicekönigs Antonio Mendoza (1535-57) schickte Coronado,
welcher damals Commandant in Culiacan war, den Priester +Marcos de
Niza+ nebst einem Franciskaner Fray Onorato und Estebanico im Frühling
1539 nach Norden.[420] Onorato blieb schon in Sonora wegen Krankheit
zurück. Die andern zogen mit einigen Indianern weiter. Der Mohr wurde
auf Kundschaft vorausgeschickt. Je weiter man nach Norden durch die
sporadischen Ansiedlungen der Indianer vorwärts drang, um so bestimmter
lauteten die Angaben über eine große Stadt Cibola. Bald aber erhielt
Marcos de Niza die Trauerbotschaft, Estebanico sei bei seinem Eintritt
in die Stadt getödtet worden; wie sich später herausstellte, war er als
ein Opfer seiner Lüsternheit und Habgier gefallen. Marcos konnte seine
indianische Begleitung nur durch Geschenke bewegen, ihm so weit zu
folgen, bis er die Wunderstadt mit eignen Augen, wenn auch nur aus der
Ferne, sähe.
Es gelang ihm in der That, so weit vorzudringen. Er sah die Stadt in
einer Ebene, am Abhange eines runden Hügels. Ob er sich selbst täuschte
oder ob der Eindruck aus der Ferne ein größerer wurde: Marcos hielt
die Stadt für ansehnlicher und größer als Mexiko. Gern hätte er die
Stadt selbst besucht, allein bedenkend, daß, wenn er getödtet werde,
alle Kunde seiner Entdeckung verloren ginge, stand er davon ab. Auf der
Höhe, wo er stand, thürmte er einen Steinhaufen auf, errichtete darüber
ein kleines Kreuz und nahm im Namen des Vicekönigs von dem Lande
Besitz. Dann kehrte er zurück und stattete noch im September desselben
Jahres dem Vicekönig in Mexiko Bericht ab. Coronado, mit welchem Marcos
in Guadalajara zusammengetroffen war, schickte noch im Herbst den
Capitän Melchior Diaz ab, weil ihm die Erzählung des Priesters nicht
hinreichend beglaubigt schien. Aber Diaz konnte wegen der eintretenden
Winterkälte in den wenig bewohnten Regionen nicht ans Ziel gelangen,
sondern mußte sich in seinem Bericht, den er am 20. März 1540 an
Coronado abgehen ließ, auf die unterwegs gemachten Erkundigungen
stützen. Wenn nun auch dadurch die überschwenglichen Schilderungen des
Pater Marcos etwas gedämpft wurden, so mußte er doch die Existenz von
sieben merkwürdigen Städten, deren vornehmste Cibola war, bestätigen.
[Illustration: ~KARTE zu CORONADOS EXPEDITION nach CIBOLA und QUIVIRA~]
Diese Thatsachen bestimmten sodann den Vicekönig, ein ansehnliches
Heer unter +Coronado+[421] zur Erweiterung seiner Herrschaft nach
Norden zu entsenden. Dieser brach im Frühjahr 1540 mit einem Heere,
welches an Spaniern und Indianern über 1000 Mann zählte, von Mexiko
auf und ging über Compostella nach Culiacan. Da von hier aus der Weg
beschwerlicher wurde, so mußte eine kleine Schar immer vorausgesandt
werden, um die Gegend zu erforschen. Auch begleiteten zwei Schiffe
unter +Pedro de Alarcon+ die Expedition, indem sie möglichst nahe sich
an der Küste hielten. Der Marsch ging von Culiacan im allgemeinen
nach Nordwesten bis etwa zum 30° n. Br. und richtete sich dann nach
Norden und später nach Nordosten. Man durchschnitt das Thal von Sonora
und wandte sich vom Rio de S. Ignacio nordöstlich ins Gebirge, um den
oberen Lauf des Rio Sa. Cruz (Nexpa) zu erreichen, an dessen Ufer
man zwei Tage abwärts und später über die öden Flächen zum Rio Gila
gelangte, welcher, weil man auf Flößen übersetzte, den Namen Rio de
las balsas erhielt. Dem südwestlichen Steilabfall des Coloradoplateaus
ausweichend, führte der Weg in östlicher Richtung über einen mit
Fichten bestandenen Berg. Ueber grasige Ebenen, Schluchten und ödes
Bergland ging es weiter nach Nordosten, bis man Cibola erreichte.
Die Truppen hatten den Weg sämmtlich zu Fuß gemacht, jeder Mann trug
seinen Bedarf an Lebensmitteln selbst, auch die Pferde waren beladen.
Vierzehn Tage nach Ankunft der Vortruppen langte auch das Hauptcorps
an; aber das erreichte Ziel, Cibola, brachte große Enttäuschungen,
man verwünschte die übertriebenen, lockenden Schilderungen des Marcos
de Niza und erklärte spöttisch, manche Farm in Neuspanien mache einen
stattlicheren Eindruck als dieser Ort, der aus Stein und Lehm auf einen
Felsen gebaut, höchstens 200 Krieger bergen könne. Mit leichter Mühe
wurde der Ort gestürmt und die Indianer verjagt. Das Land war kalt
und hoch gelegen, der Boden sandig und nur spärlich mit Grün bedeckt.
Die Indianer waren in baumwollne Tücher oder in Thierfelle ärmlich
gekleidet. Schätze durfte man hier nicht erwarten und die herrlichen
sieben Städte, von denen gefabelt war, bestanden in kleinen Ortschaften
(~pueblozuelos~), die in einem Umkreise von etwa sechs Meilen den
Hauptplatz umgaben.
Wo lag Cibola, dessen Namen wir auf modernen Karten vergeblich suchen?
Zahlreiche nordamerikanische Gelehrte und Reisende haben sich mit der
Frage beschäftigt.[422] Cibola ist das heutige Zuñi am Zuñiriver,
welcher sich durch den kleinen Colorado in den Colorado del Occidente
ergießt. Es liegt im Territorium von Neu-Mexiko nahe der Grenze von
Arizona unter 35° n. Br. Nach der Angabe von Simpson (~p.~ 324)
erscheint Zuñi aus einer Entfernung von drei Meilen als ein niedriger
brauner Felsrücken in baumloser Umgebung. Das Flußbette ist 150 Yards
breit, aber das Wasser nur sechs Fuß breit und einige Zoll tief. Die
Stadt ist terrassenartig gebaut, jedes Stockwerk der Häuser -- in
der Regel sind es drei -- tritt nach oben weiter zurück und läßt für
eine Plattform Raum. Die aufsteigenden Gassen sind sehr enge. In der
Umgebung von Zuñi finden sich noch, am Rio Vermejo, die Ruinen von
sechs Pueblos, alle dicht zusammen. Daß Zuñi und Cibola identisch sind,
geht auch aus dem Ausspruche Antonio’s de Espejo hervor, welcher 1583
das Gebiet besuchte und erklärt, die Spanier unter Coronado hätten dem
von den Indianern Zuñi benannten Orte den Namen Cibola gegeben.[423]
Während das Hauptheer nach Cibola marschirte, hatte Coronado schon
vom Sonoraflusse aus den Capitän +Melchior Diaz+ mit 25 Mann ans Meer
hinabgesandt, um die Schiffe Alarcon’s aufzusuchen und ihm, womöglich,
Verhaltungsmaßregeln für seine weitere Fahrt zu geben. Diaz zog an
dem östlichen Strande des californischen Meerbusens gegen Norden, bis
er an das Ende des Golfes kam. Da er aber von den Schiffen nirgends
eine Spur fand, ging er an dem dort mündenden Strom weiter, bis er
einen mächtigen Baum fand, in dessen Rinde die Nachricht eingegraben
war, daß Alarcon bis dahin mit seinen Schiffen gekommen sei und am Fuß
des Baumes einen Brief niedergelegt habe. Der Inhalt des Schreibens
ergab, daß Alarcon hier längere Zeit gewartet und dann, da er mit
seinen Schiffen nicht weiter vordringen, also nicht mehr in der Nähe
Coronado’s bleiben konnte, den Rückweg angetreten habe. +Alarcon+ war
am 9. Mai 1540 vom Hafen Natividad ausgesegelt, hatte von Jalisco aus
noch einen Transport mit Vorräthen für die Truppen mitgenommen und
war im August an das Nordende des Meerbusens gelangt. Mit Böten war
er noch 85 Meilen weit den Colorado, welchen er Rio de buena guia
nannte, hinaufgegangen und hatte alles versucht, um sich mit Coronado
in Verbindung zu setzen, aber vergeblich. Er sah sich zur Umkehr
genöthigt. Sein Pilot Domingo del Castillo entwarf eine Karte[424]
von den Küsten des Golfes und bewies damit, daß das westliche Land,
Niedercalifornien, eine Halbinsel sei. Später hat allerdings lange
und bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus die falsche
Vorstellung geherrscht, als sei Californien eine Insel.
In der Nähe des Colorado kam Diaz durch einen unglücklichen Zufall ums
Leben und seine Mannschaft kehrte nach Mexiko zurück.
Inzwischen hatte Coronado von Cibola aus, wo er vorläufig sein
Standquartier nahm, zunächst die umliegenden Ortschaften unterwerfen
lassen und dann nach verschiedenen Richtungen einzelne Truppentheile
in entfernte Regionen zur Erforschung der Länder entsendet. In der
Landschaft Tuzan oder Tuçaya hörten die Spanier von einem großen Flusse
im Norden. Diesen Strom aufzusuchen zog +Garcia Lopez de Cardenas+
aus. Er ging mit seiner kleinen Schar über das Coloradoplateau und
trat dann, bestürzt über den wilden Abgrund, an den Rand des großen
Colorado-Cañons. Eine Welt in Trümmern, ein von klaffenden Spalten
zerrissener Felsboden, auf dessen Grunde allein das spülende und
grabende Wasser arbeitet, zeigte sich hier den erstaunten Blicken, wie
sie in solcher Großartigkeit in keinem Erdtheil wieder auftritt.[425]
Die Spanier unter Cardenas meinten, die Stromschluchten seien drei bis
vier Meilen tief, neuere Messungen haben die Tiefe des großen Cañons
auf etwa 100 Meter bestimmt. Drei Tage lang irrten sie am Plateaurande
umher, nach einem Passe ausspähend, der sie zum Wasser hinunterführe,
umsonst. Einige Wagehälse versuchten zwischen dem zerklüfteten Gestein
hinabzuklettern, mußten aber unverrichteter Sache zurücksteigen. Sie
versicherten, daß einige Felsen, die von oben gesehen etwa Mannesgröße
gezeigt hätten, in der That höher als die Cathedrale von Sevilla
gewesen seien. Cardenas trat vor dieser unbezwinglichen Naturschranke
den Rückweg an. Er hatte zuerst den großartigsten Theil des mittleren
Colorado gesehen.
[Illustration: Ansicht des großen Colorado-Cañon.]
Eine andere Schar ging unter +Hernando d’Alvarado+ von Cibola nach
Osten; jenseits der Zuñigebirge trafen sie wieder auf mehrere
indianische Ortschaften, welche in ähnlicher Weise, wie Cibola angelegt
waren. Unter diesen war namentlich Acuco (jetzt Acoma)[426] durch
seine Lage auf einem zerklüfteten Sandsteinfelsen merkwürdig. Auf
der Nordseite hat der Wind den Sand so hoch angehäuft, daß man auf
demselben fast bis zur Höhe hinaufsteigen kann. Dann bleibt aber noch
der nackte Fels zu erklimmen; in einer engen Spalte windet sich der
Pfad hinauf, den die Indianer durch eingezwängte Holzstufen bequemer
gemacht haben. Alvarado mußte mit seinen Leuten auf Händen und Füßen
den Felsen erklettern. Diese Felsendörfer lagen in der Nähe eines
Flusses, der gegen Südosten floß und sich bald mit einem größeren
nach Süden ziehenden Strome vereinigte. Bis nach Cibola hin hatten
alle Stromrinnen vorwiegend eine westliche Richtung gezeigt. Die
Bedeutung dieser hydrographischen Verhältnisse entging dem Scharfblick
des Capitän Jaramillo nicht. Treffend bemerkt er in seinem Bericht:
„Alle Gewässer, Flüsse und Bäche, welche wir bis Cibola oder noch
ein paar Tagereisen weiter antrafen, laufen zum Südmeere (d. h. zum
großen Ocean), von da ab aber zum Nordmeere (d. h. zum mexikanischen
Golfe).“[427] Mit der größten Sicherheit erkennen wir daraus, daß
die Expedition die Wasserscheide zwischen dem Colorado del Occidente
und dem Rio grande del Norte überschritten hatte und sich nun im
Gebiet des letzteren befand. Auch dieser Strom wurde überschritten
und in der Landschaft Tiguex vereinigte sich Coronado wieder mit dem
vorausgegangenen Alvarado. Weiterhin wurde der östliche Nebenfluß des
Rio grande, der Rio Pecos, erreicht; denn der Häuptling, welcher hier
in einer festen Stadt, Namens Cicuyé, hauste, sollte begehrenswerthe
Schätze besitzen. Auf diesen waren die Spanier durch einen Indianer
aufmerksam gemacht, welcher viel von gold- und silberreichen Städten zu
erzählen wußte. Dort, berichtete er, halte ein Fürst seine Siesta unter
einem mächtigen, großen Baume, dessen Zweige mit goldenen Glöckchen
behängt seien, damit sie, wenn er entschlummere, im Luftzuge leise
erklängen. Er selbst habe einige von diesen Schellen besessen, aber
der Fürst von Cicuyé[428] habe sie ihm abgenommen. Alvarado rückte
nach Cicuyé, um die Glocken zu holen, fand aber keine Spur von Gold,
und die Einwohner erklärten jenen Indianer für einen unverschämten
Lügner. Dann nahm er zwar den Häuptling gefangen und brachte ihn zu
Coronado, der ihn sechs Monate in Haft hielt, aber damit nur erzielte,
daß die Indianer allenthalben sich gegen die Spanier erhoben, welche
sich unter steter Unruhe den Winter über in Tiguex behaupteten. Im
Mai des Jahres 1541 sollte das vielversprechende Quivira aufgesucht
werden; über den Pecosfluß nach Nordosten, und am Gebirge hin über die
Steppen ziehend, traf man hier mit Jagdindianern zusammen, welche ohne
feste Wohnsitze (~sin casas~) in Lederzelten lebten und alle wichtigen
Lebensbedürfnisse von der Beute an erlegten Büffeln bestritten,
Nahrung, Kleidung und Schuhwerk.[429] Weiterhin begegnete man einem
Indianer, welcher durch Zeichen zu verstehen gab, daß er schon Spanier
gesehen habe. Offenbar bezog sich diese Andeutung auf Cabeça de Vaca
und seine Genossen.
Nachdem man, wenn auch in kurzen Tagemärschen, einen Monat lang nach
Nordosten gezogen war, erreichte man einen großen Fluß, dem man
nach dem Tage der Entdeckung den Namen Rio de San Pedro y San Pablo
(Arkansas) beilegte. Jenseits desselben stieß man wieder auf jagende
Indianer, deren Wohnungen drei oder vier Tagereisen weiter hinab
ins Land gegen Osten lagen. Diese Ortschaften gehörten bereits zu
Quivira. Ziemlich einstimmig erklären die ältern Geschichtsschreiber,
Coronado sei etwa bis zum 40° n. Br. vorgedrungen. Wenn nun Theilnehmer
des Zuges, wie Jaramillo, erfreut über das frischgrüne Ansehen der
Landschaft, Quivira ein prachtvolles Land nennen, wie es nicht besser
in Spanien, Frankreich oder Italien zu finden, und meinen, es sei für
alle Arten von Kulturen geeignet, denn man finde an einigen Bächen
sogar Trauben von ziemlich gutem Geschmack, und wenn ferner dieses Land
nicht mehr als gebirgig, sondern nur als hügelig und eben, von Strömen
getränkt, geschildert wird, und wenn der Zug über den Peter-Paulsfluß
hinaus zu einem noch größeren Strome gelangte, an welchem die
Ortschaften sich mehrten und die einheimische, in Strohhütten lebende
Bevölkerung wuchs; so darf aus allen diesen Angaben mit ziemlicher
Sicherheit geschlossen werden, daß Coronado im nordöstlichen Kansas bis
an den Missouri gelangte. Den Marsch noch weiter auszudehnen, versprach
wenig Erfolg, denn von den edlen Metallen hatten die Indianer gar
keine Kenntniß; selbst die Häuptlinge trugen nur Kupfer als Schmuck.
Man nannte zwar den nachforschenden Fremdlingen noch eine fernere
Landschaft Harahey; aber auch diese bot nichts Verlockendes. Dazu war
bereits der Augustmonat herangekommen, man sah sich also, um nicht
etwa von dem einbrechenden Winter auf den öden Hochsteppen überrascht
zu werden, genöthigt, den Rückmarsch anzutreten.[430] Zum Zeichen,
wie weit man gekommen sei, errichteten die Soldaten ein Kreuz und
schnitten den Namen ihres Feldherrn Francisco Vasquez de Coronado in
das Holz des Stammes. Den Rückweg nahm man in mehr südlicher Richtung
und gerieth in noch sterilere Regionen, in denen auf den Salzsümpfen
4-5 Zoll starke Salzplatten schwammen. Nachdem man den nördlichen Theil
des Llano estacado passirt, erreichte man den Pecosfluß etwa 30 Meilen
südlich von der Stelle, wo man ihn auf dem Hinwege überschritten hatte.
Während Coronado in Quivira weilte, waren von der Landschaft Tiguex aus
Streifzüge nach Norden und Süden, flußauf und flußab gemacht. Immer
traf man wieder auf die nämliche Form der Oasendörfer. Am weitesten
drang man am Rio grande abwärts und fand, nachdem man vier größere
Ortschaften entdeckt, schließlich eine Stelle, wo der Strom im Boden
zu verschwinden schien. Vermuthlich ist damit die Gegend bezeichnet,
wo unter 31° 39′ n. Br. der „große Fluß“ in seinen tiefen und
unpassirbaren Cañon eintritt. Hier entzog sich derselbe ihren Blicken;
doch sollte er, nach Angabe der Indianer, weiter unten im Lande noch
wasserreicher wieder hervorbrechen.
Coronado hatte die Absicht, nach der Ueberwinterung in Tiguex
im nächsten Frühling zeitiger einen zweiten Zug nach Quivira zu
unternehmen, um womöglich noch weiter in das fruchtbare Land
vorzudringen. Allein ein Unfall, welcher ihn im Turnier mit Pedro
Maldonado traf -- er wurde im Ringrennen aus dem Sattel geworfen und
schwer verletzt -- nöthigte ihn, von weiteren Plänen abzustehen.
So brach er im April 1542 auf und kehrte über Cibola nach Culiacan
zurück. Die theure Expedition war ohne Gewinn verlaufen, ohne Schuld
Coronado’s; aber der Vicekönig empfing den berichterstattenden
Heerführer in der Hauptstadt sehr ungnädig und nahm ihm die Oberleitung
in dem nördlichen Theil seines Vicekönigreichs, welches man mit dem
Namen Neu-Galicien bezeichnete.
Die weite, scheinbar unbegrenzte Erstreckung der Landschaften, welche
man betreten hatte, gegen Norden, der Abschluß des californischen
Golfes, hinter welchem das Land ins Unendliche nach Nordwesten verlief,
gab zu eigenthümlichen Vorstellungen von der Vertheilung und Gruppirung
der Landmassen, sowie zu seltsamen Vermuthungen über die Bewohner
Anlaß. So vermuthete der Capitän Castañeda, die Indianer von Quivira
müßten aus Großindien stammen, weil ihre Sitten und Lebensformen so
gänzlich von den bisher beobachteten Erscheinungen indianischen Lebens
abwichen. Nach Uebersteigung der Gebirge, meinte er, seien sie dem
Laufe der Flüsse, wie z. B. des Rio grande, nach Süden gefolgt. Es
müsse in dem Lande, von wo die Indianer eingewandert seien, große
Reichthümer geben; dieses Land müsse theils im äußersten Gebiete von
Ostindien liegen, theils in jenem weiten Binnenlande zu suchen sein,
welches sich fast von China bis Norwegen erstrecke.
Nach diesen Vorstellungen setzte sich also die Westküste Amerika’s
mit Asien in Verbindung, während der Ostrand der neuen Welt über
Florida und Grönland nach Norwegen liefe. Uebrigens waren derartige
Anschauungen nicht etwa dem müssigen Kopfe eines ungebildeten
Kriegsmannes entsprungen, sie wurden auch in Europa getheilt, und so
findet sich ein klares Bild dieser tellurischen Träume auch in der 1562
zu Venedig erschienenen ~Geographia Claudii Ptolemaei~ auf der ~Carta
marina nuova tavola~.
Wie lange solche trügerische Vorstellungen selbst unter den Gebildeten
sich noch erhalten konnten, dafür gibt den sichersten Beleg ein
Ausspruch Lorenzana’s, des Erzbischofs von Mexiko, welcher noch
1770 darüber im Dunkeln ist, ob nicht Mexiko einerseits mit China,
andererseits mit Grönland zusammenhänge.[431]
* * * * *
Ueber die Beziehungen zur asiatischen Küste brachte auch die Expedition
+Juan Rodriguez Cabrillo+’s keine weitere Aufklärung. Derselbe wurde
bald nach der Rückkehr Coronado’s mit mehreren Schiffen auf die
Westseite der Halbinsel Californien gesendet, und kam im Sommer 1542
an der Cedros-Insel (28° n. Br.) vorbei, wahrscheinlich bis zu den
südlichen Ausläufern der Sierra nevada, denn er sah, angeblich unter
40° n. Br., hohe schneebedeckte Gebirge. Nachdem Cabrillo während
der Ueberwinterung im Hafen bei der Insel Posesion an den Folgen
eines unglücklichen Sturzes das Leben verloren hatte, versuchte sein
Nachfolger, der Pilot mayor Bartolomé Ferrel, noch einige Breitengrade
weiter vorzudringen und behauptete, bis zum 43° n. Br. gekommen zu
sein. Doch sind diese Angaben sehr zweifelhaft und die Configuration
der Festlandsküste blieb in jenen Breiten durchaus unklar.
Man suchte hier im Norden nach einer Straße, welche zum atlantischen
Ocean hinüberführen und etwa bei Neufundland ausmünden sollte.
Denn es war eine weitverbreitete Ansicht, daß, der eingebildeten
Gleichförmigkeit wegen, im Norden eine ähnliche Wasserverbindung
bestehen müsse, wie sie im Süden durch Magalhães aufgefunden sei.
Dieser postulirten Straße, welche zwischen 1560 und 1570 den Namen
+Anianstraße+ erhielt, schrieb man militärische Wichtigkeit für
Spanien zu und noch im Jahre 1602 schickte Philipp III. von Spanien
Schiffe aus, um dieselbe zu besetzen, damit nicht ungebetene Gäste,
Engländer oder Franzosen, auf diesem Wege den Westküsten der neuen
Welt unliebsame Besuche abstatten könnten; aber die Straße wurde
nicht gefunden und der spanische Entdeckungseifer erlahmte an den
Küsten Californiens etwa unter dem 43° n. Br. Den weitern Verlauf der
Küsten aufzuhellen, blieb einer späteren Zeit und anderen Seemächten
überlassen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich schon nach
dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich den
Entdeckungen und Vorgängen in Südamerika zugewandt.