Um den unaufhörlichen Verleumdungen und Beschuldigungen, welche seine
Feinde in Spanien gegen ihn erhoben und welche darin gipfelten, daß er
den Tod der kaiserlichen Statthalter durch Gift veranlaßt habe, auf das
kräftigste entgegentreten zu können, beschloß Cortes, sich persönlich
nach Spanien zu begeben, um mündlich seine Sache zu führen und sich zu
rechtfertigen. In seinem Gefolge befanden sich mehrere treuergebene
Ritter, namentlich Sandoval, sodann die Söhne der Fürsten von Tlascala,
eine Anzahl Gaukler, indianische Tänzer und Zwerge, von denen einige
später dem Papste verehrt wurden, und endlich Proben von verschiedenen
merkwürdigen Landesprodukten, dazu kam noch eine reiche Sammlung von
Edelsteinen, 200,000 ~pesos d’oro~ und 1500 Mark Silber. Die Fahrt ging
rasch von statten und in 41 Tagen segelte er, ohne irgendwo anzuhalten,
über den Ocean und landete im December 1527 bei dem Kloster La Rabida
vor Palos. Dort traf er mit Franz Pizarro zusammen, welcher ebenfalls
in die Heimat geeilt war, um für seine kühnen Eroberungspläne sich die
Unterstützung der Regierung zu sichern und die Geldmittel aufzutreiben.
Cortes erlitt kurz nach seiner Landung einen schmerzlichen Verlust,
denn es starb sein treuer Waffenbruder Gonzalo de Sandoval, welcher
bereits krank ans Land gebracht war, kurze Zeit darauf in Palos, im
kräftigsten Mannesalter, erst 31 Jahre alt. Er war der ausgezeichnetste
unter den Gefährten des Cortes; in seinem 22. Jahre kam er nach Mexiko
und erwies sich überaus tapfer und entschlossen. Sein grades, offnes
Wesen, sein schlichtes Aeußere, seine ritterliche Freigebigkeit bei
der Austheilung der Beute, seine Besonnenheit und Ruhe in der Gefahr,
machten ihn zum Liebling aller Soldaten. Und wenn man auch hie und da
seine Art zu sprechen -- er stieß nämlich mit der Zunge an -- im Lager
nachahmte; seine Befehle wurden befolgt, sein Vorbild riß die Lässigen
mit fort. Cortes verlor in ihm seine zuverlässigste Stütze.
In Toledo empfing ihn Karl V. in glänzender Audienz und ließ ihm auch
die Urkunde[411] über seine bereits 1522 erfolgte Ernennung zum Marques
de Valle (nämlich Oaxaca) aushändigen, wobei ihm in diesem schönsten
Theile Neuspaniens große Ländereien als Eigenthum überwiesen wurden.
Aber die Regierung von Mexiko erhielt er nicht zurück, sondern nur das
Commando über die Militärmacht. Im Frühjahr 1530 kehrte er, vor seinen
Feinden allerdings gerechtfertigt, aber doch unbefriedigt, weil ihm
die Civilverwaltung entzogen war, nach Mexiko zurück und beschäftigte
sich einige Jahre auf seinen Gütern, namentlich in Cuernavaca, südlich
von der Hauptstadt, mit dem Landbau, bis er im Jahre 1532 seine
Entdeckungen in dem westlichen Ocean wieder ausnahm.
Die erste von ihm ausgerüstete Expedition ging unter seinem Vetter
+Diego Hurtado de Mendoza+ am 30. Juni 1532 mit zwei Schiffen von
Acapulco aus, ging an der Westküste nach Norden, entdeckte die kleine
Inselgruppe der „drei Marien“ (~las tres Marias~) zwischen 21 und 22°
n. Br., erreichte weiterhin Culiacan in Sonora, welches in späteren
Zeiten der Ausgangspunkt merkwürdiger Entdeckungszüge wurde und segelte
von da nach der Küste der Halbinsel Californien hinüber. Dort brach
unter dem Schiffsvolk eine Meuterei aus, der Capitän Mendoza wurde
erschlagen, die beiden Schiffe trennten sich, das Hauptschiff mit den
Meuterern blieb verschollen, das andere kehrte nach Jalisco zurück.
Auch die zweite Expedition, welche bereits im October 1533 segelfertig
war, wurde von Misgeschick verfolgt. Die beiden Schiffe, welche am
30. October von St. Jago (19° n. Br.) ausgingen, wurden schon am
nächsten Tage durch Sturm getrennt und vereinigten sich nicht wieder.
Der Capitän des Hauptschiffes, +Diego Bezerra+, wurde von seinem
Lotsen Fortun Ximenes im Schlaf überfallen und getödtet. Dann steuerte
dieser nach Californien hinüber, wurde aber bei seiner Landung in
der Bai von Sa. Cruz (jetzt Bahia de la Paz) mit etwa zwanzig seiner
Leute von Indianern erschlagen. Die übrige Mannschaft kehrte darauf
nach dem Hafen von Chamatla, südlich von Mazatlan, zurück. Das andere
Schiff unter Hernando de Grijalva und dem Portugiesen Martin de Acosta
als Pilot suchte zuerst nach dem Sturm das Hauptschiff in südlicher
Richtung, angeblich bis 13½° n. Br.,[412] wandte sich am 9. November
wieder nordwärts, kam aber, von Windstillen aufgehalten, nur langsam
vorwärts, ging am 7. December über den Wendekreis und entdeckte, sich
wiederum nach S.-W. wendend, am 28. December die Revilla-Gigedo-Gruppe,
deren Hauptinsel San Tomas (jetzt Socorro) genannt wurde. Nachdem man
durch Errichtung eines Kreuzes von der Entdeckung Besitz genommen, ging
man an die Küste Neuspaniens zurück und lief im Januar 1534 in den
Hafen von Zacatula (18° n. Br.) ein.
Da die bisherigen Resultate den Erwartungen, welche +Cortes+ von
diesen Fahrten gehegt hatte, zu wenig entsprachen, so machte er sich
im Jahre 1535 selbst auf mit drei Schiffen, welche er in Tehuantepec
hatte bauen lassen und nach Chamatla (Chiametlan, 23° n. Br.) schickte,
wo er sich an Bord begab und am 15. April 1535 unter Segel ging. Am
3. Mai erreichte er die Friedensbucht an der Halbinsel Californien
und fand dort den Tod des Lotsen Ximenes bestätigt. Seine Versuche,
sich dort festzusetzen, schlugen, bei der Unfruchtbarkeit des Landes,
fehl. Von hier ging er noch 50 Meilen in den Golf von Californien
nordwärts, lief auf der Rückkehr noch einmal in der Friedensbucht an,
verlor aber, da die Lebensmittel ausgingen, viel Mannschaft; denn die
wenigen Eingebornen, welche man antraf, nährten sich kärglich nur vom
Fischfange. Man hatte ihn in Mexiko bereits aufgegeben, als er im
Anfang des Jahres 1537 nach Acapulco zurückkam. Trotz aller Miserfolge
schickte Cortes im nächsten Jahre noch einmal den +Francisco Ulloa+
von Acapulco ab. Eins von den drei Schiffen ging kurz nach der Abfahrt
(8. Juli 1538) unter, die beiden andern steuerten nach der Halbinsel
Californien und erreichten an der Westseite die Punta del Engaño[413]
(Cabo bajo), unter 21½° n. B. Da das eine der beiden Schiffe stark
beschädigt war, so ging es nach der Westküste von Mexiko zurück, wo
es glücklich anlangte. Ulloa setzte in der „Trinidad“ allein seine
Entdeckungsfahrt fort und kehrte nicht zurück.
Cortes blieb trotz aller Unglücksfälle unerschütterlich. Das Glück
versagte ihm beharrlich auf dem Meere die Ruhmestitel, womit es seine
Unternehmungen zu Lande ausgezeichnet hatte. Wenn daher der Vicekönig
von Neuspanien, Mendoza, ihm nicht gestatten wollte, dem westlichen
Ocean weitere Opfer zu bringen, so fühlte sich Cortes dadurch in seinem
eigentlichen Amte als Oberfeldherr und Befehlshaber an der Küste der
Südsee beeinträchtigt. Sein Geist war viel zu lebhaft, um sich in
müßiger Ruhe dem Genusse des Errungenen hinzugeben. Um die Entscheidung
über seine Differenz mit dem Vicekönig dem König vorzulegen, ging er
1540 zum zweitenmale nach Spanien. Aber Karl V. empfing ihn ziemlich
kühl, und so blieb Cortes, nachdem er 1541 an Karls Feldzug gegen
Algier theilgenommen hatte, jahrelang auf günstigen Bescheid hoffend in
Spanien, bis er am 2. December 1547 in Castilleja de la Cuesta, einem
Dorfe bei Sevilla, starb. Er war 63 Jahre alt geworden. Sein Schicksal
erinnert an das des Columbus. In den späteren Jahren war sein Name
schon halb vergessen und durch den Glanz des peruanischen Goldes auch
sein Ruhm verdunkelt. Er starb wie Columbus, in beständiger Erwartung,
wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden. Die Sonne, die im Zenith
gestrahlt und am Abend hinter Wolken untergeht, ist ein treffendes
Bild, welches auf beide Entdecker paßt. Aber Cortes war ein reicher
Mann geworden, Columbus starb in Dürftigkeit. Seine Gebeine wurden 1562
nach Neuspanien und zwar nach Tezcuco gebracht, dann 1629 in der Kirche
des heiligen Francisco in Mexiko beigesetzt und 1794 in das von ihm
gegründete Hospital Jesus von Nazareth übergeführt. Von hier wurden
die irdischen Überreste 1823 während des Aufstandes entfernt, man weiß
nicht, wohin? Seine männlichen Nachkommen starben im vierten Gliede aus.
[Illustration: Rüstung von Ferdinand Cortes (Madrid, Waffenmuseum).]
Cortes war von hoher kräftiger Gestalt, der Ausdruck seines bleichen
Gesichtes war gewöhnlich ernst; er trug einen dünnen, schwarzen Bart,
den er in späteren Jahren, als er ergraute, zu färben liebte. Er
war ein vorzüglicher Reiter und in jeder Kampfesart, zu Fuß oder zu
Roß, sehr gewandt. Als junger Mann soll er auf Hispaniola manchen
Liebeshandel mit Frauen und manchen Degenkampf mit Männern bestanden
haben. Bei einer solchen Gelegenheit war er im Gesicht verwundet und
trug davon am Kinn eine Narbe, welche der Bart nicht ganz verdeckte.
Karten- und Würfelspiel liebte er auch noch im Lager, aber er
blieb dabei stets, auch wenn er verlor, guter Laune. Seine äußere
Erscheinung, seine Haltung, sein Gang, sein Benehmen verriethen den
Mann von hohem Stande. Er kleidete sich einfach und trug als einzigen
Schmuck immer dieselbe zierliche Goldkette mit dem Bilde der Mutter
Gottes. Auf der Universität hatte er sich den Grad eines Baccalaureus
der Rechte erworben, und durch diese seine wissenschaftliche Bildung
überragte er alle seine Kriegsgenossen und sämmtliche Conquistadoren,
welche sich in der neuen Welt als Heerführer einen Namen erwarben. Mit
gelehrten Leuten verstand er Lateinisch zu reden. Er schrieb fließend
und gewandt und pflegte seine Briefe mit lateinischen Citaten zu
schmücken. Seine ausführlichen Berichte an den König Karl, in denen
er eine klare Darstellung seiner Kriegsthaten gegeben, gehören zu den
werthvollsten Urkunden der Geschichte der spanischen Eroberungen, sie
fesseln durch die Schlichtheit und Natürlichkeit, welche den Stempel
der Wahrheit an sich trägt. Sie zeigen uns den ganzen Mann, klar und
entschieden in seinem Wollen, umsichtig in seinen Plänen, rastlos
thätig, immer bemüht zu schaffen, zu ordnen. Denn er war Feldherr und
Staatsmann zugleich und besaß einen weiten politischen Blick.
Als Heerführer im Kampfe war er kühn, fast tollkühn. In der Schlacht
zeigte er sich stets allen voran und gerieth dabei mehrfach in
höchste Lebensgefahr. Bei seinen kriegerischen Unternehmungen war er
unbeugsam, es mochte kosten was es wollte, und er ließ trotz aller
gutgemeinten, aber ängstlichen Rathschläge nicht ab, bis er sein Ziel
erreicht. Manches Beispiel seiner treffenden Reden, mit denen er in
gefährlicher Lage sein Kriegsvolk zu ermuntern pflegte, hat uns Bernal
Diaz aufbewahrt. Wenn seine Soldaten unruhig und mismuthig wurden und
ihn durch ihre Reden in Zorn brachten, dann schwoll ihm eine Ader am
Hals und an der Stirn, er warf wohl auch in der Aufregung den Mantel
von sich, aber nie ließ er ein Schimpfwort hören. Redete ihn jemand
ungebührlich an, so rief er, ohne heftig zu werden. „Schweigt!“ oder
„Geht in Gottes Namen und besinnt Euch eines Besseren, daß Eure Rede
Euch nicht bösen Lohn bringt.“ Sein gewöhnlicher Schwur war: „Auf
mein Gewissen!“ Schlagfertig in seinen Antworten, setzte er unter
die Spottverse, welche man nach der Eroberung Mexiko’s, enttäuscht
über die geringe Beute an Gold, in der Nähe von Cortes’ Wohnung an die
Wand geschrieben hatte, sofort seine Erwiderung in Versen und brachte
dadurch die Murrenden zum Schweigen. Im Dienste war er sehr pünktlich
und inspicirte die Wachen selbst bei Nacht persönlich. Wo er Unordnung
fand, nannte er die Leute räudige Schafe, denen die eigne Wolle zur
Last sei.
Im Beginn seines Feldzuges gegen Mexiko war es ein staatskluger
Schritt von der höchsten Wichtigkeit, daß er nach mehreren Siegen das
tapfere Volk der Tlascalaner für seine Partei zu gewinnen wußte. Aber
der romantische Zug, welcher der ganzen spanische Ritterschaft jener
Zeit im hohen Grade eigen war, ließ ihn auch nach der Eroberung des
aztekischen Reiches noch nicht zur Ruhe kommen. Der Gedanke einer
mittelamerikanischen Meerenge, welche sein Neuspanien unmittelbar an
die Hauptstraße des beginnenden Weltverkehrs verlegen sollte, trieb
ihn nach Honduras und Californien. Und erst als ihm die Weiterführung
dieser, wie wir jetzt erkennen, fruchtlosen Unternehmungen versagt
wurde, zog er sich von dem Schauplatze seiner Thätigkeit zurück. Die
Anerkennung aber seiner Verdienste um die spanische Krone findet ihren
charakteristischen Ausdruck in dem Wappen, welches ihm Kaiser Karl am
7. März 1525 verlieh. Das Wappenschild (~escudo de armas~) des Marques
de Valle umfaßt vier Mittelfelder, rechts oben den kaiserlichen,
doppelköpfigen schwarzen Adler, darunter rechts unten einen goldenen
Löwen in rothem Felde, um den Löwenmuth des Cortes anzudeuten.
Links oben zeigten sich drei goldene Kronen auf schwarzem Grunde,
sie stellten die drei mexikanischen Könige vor. Im letzten Felde,
links unten, erschien die Stadt Mexiko. Rings um den vierfeldigen
Mittelschild standen die Köpfe der sieben bezwungenen Fürsten im
goldenen Felde, durch eine goldene Fessel an einander gekettet. So
waren seine Thaten auf dem Wappenschild verherrlicht. Wenn ihm in
späteren Jahren die Verwaltung von Neuspanien entzogen wurde und nur
das Heer untergeben blieb, so liegt die Ursache dieser für Cortes
demüthigenden Maßregel der Regierung wohl weniger in dem Einfluß der
Verleumdungen und Intriguen seiner Feinde, als in der Erwägung, daß
Cortes sich durch einen ungesetzmäßigen Schritt von dem Statthalter
von Cuba losgerissen hatte, und daß man für die Folgezeit den Act der
Felonie nicht sanctioniren wollte. Dessen ungeachtet bleibt Cortes
eine der anziehendsten Gestalten in der Geschichte der spanischen
Eroberungen.