24. Cortes’ Feldzug nach Honduras.

Dem Statthalter von Neuspanien lag seine Colonie in Honduras sehr am

Herzen; mit großer Sorge hatte er die Nachricht von dem Verrathe seines

Waffengefährten Olid erhalten, mit Spannung erwartete er günstigere

Kunde über den Verlauf der Sendung seines Schwagers. Da aber jede

Botschaft ausblieb, weil derselbe seine Schiffe verloren und selbst

in Gefangenschaft gerathen war, so fürchtete er schon, sein Rivale

Velasquez möchte in Gemeinschaft mit Olid in Honduras festen Fuß

gefaßt haben und könnte ihn von dieser Seite her bedrohen oder seinem

Pflanzlande Schwierigkeiten bereiten. Ehe er also von dem für ihn

glücklichen Ausgang der Sendung des Las Casas vernommen, beschloß

er selbst zu Lande nach Honduras zu ziehen und seinen ungehorsamen

Vasallen zu bändigen.

Nachdem er den Schatzmeister Alonso de Estrada zu seinem Stellvertreter

in der Statthalterei ernannt hatte, verließ er mit seinen Truppen im

October 1524 die Hauptstadt Mexiko. Um etwaigen Aufständen und Unruhen

während seiner Abwesenheit vorzubeugen, veranlaßte er den letzten

aztekischen Kaiser Guatemotzin und andere mexikanische Fürsten, ihn

zu begleiten. Als Dolmetscherin folgte ihm wieder die bewährte Donna

Marina. Wenn er den schwierigsten Weg zu Lande wählte, so wurde er

dazu zum Theil durch den Besitz einer aztekischen Karte veranlaßt,

welche ihm in der ersten Hälfte seines Marsches durch Angabe der

hauptsächlichsten Oertlichkeiten wesentliche Dienste leistete; dann

trieb ihn aber auch der Drang zu neuen Entdeckungen. Sollte zwischen

Mexiko und Honduras eine Meerenge existiren, so mußte sie auf diese

Weise sicher gefunden werden. Cortes sagt selbst, er sei mehrere Jahre

bereits unthätig gewesen; der Abfall Olid’s bot ihm also die beste

Gelegenheit, nicht nur diesen wieder zu unterwerfen, sondern auch sich

zu neuen Thaten auszumachen und neue Länder zu entdecken. Niemand

hat diesen Feuergeist treffender gezeichnet als sein Waffengefährte

Bernal Diaz, wenn er schreibt: „Wie denn Cortes’ Gedanken immer sehr

hoch gingen, so gedachte er in allen Dingen den König Alexander von

Macedonien nachzuahmen.“[400]

Seine Schar bestand aus 140 Arkebusieren und Armbrustschützen und aus

93 Reitern, dazu kamen noch 3000 Mann indianischer Hilfstruppen. So

lang der Weg von dem Plateau von Anahuac nach der Landschaft Tabasco

führte, fand er gebahnte Straßen und konnte sich auf der mitgenommenen

Karte orientiren. Vom Isthmus von Tehuantepec bis an die Wurzel

der Halbinsel Yukatan ist aber das Küstenland von einem Gewirre

wasserreicher Flußadern durchzogen. Die Kulturen der Indianer bilden

nur Oasen in dem Waldlande und zwischen den ausgedehnten Sümpfen. Der

Verkehr der Eingeborenen ist fast ganz auf die zahlreichen Wasserwege

angewiesen, und ein Marsch mit Truppen und Heerestroß wird ebenso

häufig durch die von Wald umschlossenen Wasserläufe, welche meist

erst überbrückt werden mußten, aufgehalten, als die Verpflegung einer

größeren Menschenmenge in den Urwaldwildnissen immer mehr erschwert

wird.

In Tabasco versanken die Pferde zwischen Chilapan und Tepetitan fast

im Sumpfe[401]. Die indianischen Ortschaften waren beinahe alle

niedergebrannt und verlassen, man fand nur noch wenig Getreide vor

und mußte sich mit unreifen, von den Feldern gepflückten Maiskolben

behelfen. Ehe man das ganze Heer der Gefahr aussetzte, in den

Wüsteneien zu verhungern, mußte man einige Abtheilungen auf Kundschaft

voraussenden. „In Tepetitan,“ berichtet Cortes, „fanden wir +einen+

Indianer. Der Mann kannte den Weg nach Iztapan, dem nächsten Ort auf

meiner Karte, nicht. Es gäbe dahin keinen Landweg, doch unternahm er

uns zu führen. Mit diesem Indianer sandte ich 30 Reiter und 30 Mann

zu Fuß voraus mit dem Befehl Iztapan aufzusuchen und mir dann eine

genaue Beschreibung ihres Weges zu machen, der ich folgen könnte. Ich

beschloß so lange Rast zu machen, bis ich von ihnen eine Nachricht

bekäme. Nach zwei Tagen, als weder ein Brief noch eine Meldung eintraf,

beschloß ich, da die Truppen bereits Mangel litten, ihnen zu folgen,

ohne Führer, ohne andere Anzeichen als die Spuren der Vorausgesandten

in den Schlammsümpfen, welche das ganze Land bedeckten, und ich kann

Ew. Majestät versichern, daß selbst auf den höheren Stellen unsere

Pferde, die wir am Zügel führten, bis an den Gurt in den Morast

sanken. So marschirten wir zwei Tage ohne irgend eine Nachricht zu

erhalten, so daß ich fast rathlos wurde. Ich konnte nicht zurück, und

vorwärts zu gehen ohne Gewißheit von der Richtung des einzuschlagenden

Weges, war eben so gefährlich. In dieser Noth, als wir erschöpft

und niedergeschlagen schon fürchteten verhungern zu müssen, kamen

zwei Indianer mit Briefen von der vorausgeschickten Schar.“ Dieselbe

hatte Iztapan erreicht. Der Ort lag, von Sümpfen umgeben, an einem

großen Flusse und war voll Indianer, welche sich durch die Natur der

Oertlichkeit sicher glaubten. Als sie aber sahen, daß die spanischen

Reiter durch den Fluß schwammen, wollten sie das Dorf in Brand stecken.

Hieran wurden sie zwar durch die Spanier gehindert; doch begann eine

allgemeine Flucht auf Böten, oder schwimmend, wobei viele ertranken.

In Iztapan fand man ausreichende Lebensmittel, und die Truppen konnten

sich erholen, auch gelang es ihnen die Einwohner zu beruhigen und

zur Rückkehr ins Dorf zu bewegen. Der Beschreibung nach lag dasselbe

am Usumaçinta, dem größten Flusse Mittelamerika’s, dessen Gebiet den

ganzen Norden der gegenwärtigen Republik Guatemala umfaßt, und der sich

nach einem Lauf von über 100 Meilen in die Laguna de Terminos ergießt.

Beim Weitermarsch gegen Südosten gerieth das Heer in den dichtesten

Urwald, wo die indianischen Führer den Weg verloren. Der Wald war

undurchdringlich und hemmte jeden weitern Blick, selbst von dem Gipfel

der mächtigen Bäume, zu welchen die Späher hinaufkletterten, konnte

man höchstens einen Steinwurf weit sehen. Man mußte umkehren, um

den Pferden, die seit 18 Stunden nichts zu fressen bekommen hatten,

Futter zu verschaffen. Die Menschen waren vor Erschöpfung und Hunger

halb todt. Da ließ sich Cortes seinen Schiffscompaß bringen, welcher

ihm schon oft große Dienste geleistet hatte, aber nie mehr als in

dieser gefährlichen Lage,[402] er erkundigte sich bei den begleitenden

Eingebornen nach der Lage des Dorfes, wohin sie sie hatten führen

wollen, und schloß daraus, daß ein Marsch in nordöstlicher Richtung sie

dahin bringen werde. Der Weg wurde nach der angegebenen Himmelsgegend

gebahnt und das Dorf glücklich gefunden. Die freudige Aufregung über

die Entdeckung des Ortes war so groß, daß die meisten Leute, ohne auf

die weiten Sümpfe vor ihnen zu achten, gerade auf die in der Ferne

sichtbare Ansiedlung zueilten, wobei manche Pferde so tief in den

Morast einsanken, daß man sie erst am nächsten Tage herausbringen

konnte, denn in ihrem Hunger hatten die Reiter sie im Stich gelassen.

Glücklicherweise ging kein Thier dabei verloren. Auch dieser, am

Usumaçinta gelegene Ort war niedergebrannt und verlassen, bot aber für

alle Mannschaften genug Vorräthe, so daß man sich eine Rast von acht

Tagen gönnte. Der directe Weg nach Honduras hatte sich als unmöglich

erwiesen, Cortes mußte in einem nördlichen Bogen ausweichend, durch

Yukatan sein Ziel zu erreichen suchen. Er setzte über den Fluß und zog

nach der Landschaft Acalan, welche an die Laguna de Terminos stößt.

Nach einem dreitägigen Marsch durch die Bergwälder wurde der Zug durch

einen weiten Sumpfsee aufgehalten. Die Führer meinten, man brauche 20

Tage, um ihn zu umgehen. Mittelst eines kleinen Kahns, den man fand,

wurde das Wasser untersucht, es war vier Klafter tief und an den

zusammengebundenen Speeren, die man hinabsenkte, zeigte es sich, daß

eine zwei Klafter dicke Schlammschicht den Boden bedeckte. Der Sumpf

war nicht zu durchwaten und wegen der vielen Bäume und verschlungenen

Wurzeln in demselben konnten auch die Pferde nicht hindurchschwimmen.

Da die Lagune nur etwa 500 Schritt breit schien, entschloß sich Cortes,

eine Brücke zu bauen. Man fertigte mehrere Flöße an und trieb von

ihnen aus eine Reihe von 9 bis 10 Klafter langen Pfosten senkrecht

in den Boden. Die schwere Arbeit erschöpfte die Kräfte der Spanier,

die zu ihrer Nahrung nur wildwachsende Kräuter und Wurzeln hatten,

derart, daß sie sich weigerten, sie weiter zu führen. Da erklärte

Cortes, dann werde er mit seinen Indianern, denen er bei seiner

Rückkehr nach Mexiko reichliche Belohnung versprach, den Bau allein

vollenden. Jenseit des Sumpfes läge das fruchtbare Acalan; man müsse

über das Wasser, oder davor verhungern, denn hinter ihnen seien durch

die vom Regen angeschwellten Bäche alle ihre Brücken weggerissen.

Diese Erwägungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Spanier legten

mit Hand an und in vier Tagen wurde die Brücke fertig, zu der man

gegen 1000 Stämme gefällt und eingerammt hatte. Aber nachdem der

See glücklich überwunden war, gerieth man wieder in Sümpfe, wo die

Pferde tief einsanken; man mußte ihnen, da sie, unruhig geworden,

immer tiefer zu versinken drohten, Reißigbündel und Buschwerk unter

den Bauch schieben, um sie zu erhalten. Glücklicherweise kamen einige

vorausgesandte Spanier mit 80 Indianern zurück, welche von Acalan

Lebensmittel brachten. Die Hauptstadt Çancanar (Izancanas) lag am Ufer

einer Seebucht, die sich bis zur Laguna de Terminos erstreckte. Der

Fürst von Acalan unterstützte die Spanier nach Kräften und zeigte ihrem

Heerführer auf einer Karte, welchen Weg er einzuschlagen habe.[403]

Acalan ist fast ganz von Seen und Sümpfen umgeben, die mit der Bai

von Terminos in Verbindung stehen, und da das Land gut bevölkert und

reich an Produkten war, so trieben die Bewohner einen lebhaften Handel

nach Tabasco. Ob, wie man damals im Lande behauptete, das nordöstlich

gelegene Yukatan eine Insel sei, wollte Cortes auf seinem weiteren

Zuge zunächst ermitteln. Am ersten Sonntag in den Fasten des Jahres

1525 zog er mit indianischen Führern weiter. Während dieses Marsches

durch Acalan erfolgte die +Hinrichtung Guatemotzins+ und des Fürsten

von Tacuba, weil sie die Absicht gehabt haben sollten, alle Spanier

sammt Cortes niederzumachen, Mexiko zur Befreiung aufzurufen und das

Joch der Fremden abzuschütteln. Ob eine solche Verschwörung wirklich

stattgefunden, ist nicht erwiesen. Befremdlich bleibt die Eile, mit

welcher Cortes, sobald ihm von dem Plan der aztekischen Fürsten eine

Mittheilung geworden, Verhör, Verurtheilung und Vollstreckung des

Urtheils aufeinander folgen ließ. Aber die rasche Entscheidung war

wohl durch die schwierige Lage geboten, in welcher sich die ganze

Unternehmung befand. Da Cortes niemals leichtfertige und unnütze

Bluturtheile gefällt hat, so müssen auch bei dieser wichtigen

Entscheidung die Verdachtsgründe schwerwiegend gewesen sein. „Als

ich mich überzeugt hatte,“ schreibt er an Karl V., „daß diese beiden

(Guatemotzin und Tacuba) die Hauptschuldigen seien, gab ich Befehl, sie

zu hängen, und so wurden sie gehängt.“[404] Sich rasch zu entschließen

und ungesäumt zu handeln, lag in seiner Art; aber in diesem Falle kam

selbst den begleitenden Spaniern der Verlauf des Processes binnen 24

Stunden so unerwartet und plötzlich, daß sie an der Rechtmäßigkeit

des Spruches zweifelten. Bernal Diaz erklärt unumwunden, daß der Tod

der aztekischen Fürsten ihn aufs tiefste geschmerzt und daß derselbe

in den Augen aller, die den Zug mitmachten, eine Ungerechtigkeit

gewesen sei.[405] Jedenfalls verfehlte das summarische Verfahren auf

die übrigen Mitwisser des Planes seine Wirkung nicht; sie schrieben

dem spanischen Heerführer Zauberkräfte zu und meinten, er bringe alle

Geheimnisse durch seine Seekarte und seinen Compaß (~carte de marear

y un ahuja~) heraus. Cortes ließ sie bei dem Wahn, welcher ihn seinen

Gegnern so furchtbar machte.

Von Acalan zog er gegen Südosten zum Peténsee in der Landschaft Taiza,

welcher auf allen Seiten von 60 bis 150 Meter hohen, waldbedeckten

Kalksteinketten umgeben ist und keinen oberirdischen Abfluß hat. Die

Halbinsel, welche von Osten her in den See hineinragt und denselben in

ein nördliches und südliches Becken theilt, ist noch mit künstlichen

Hügeln bedeckt, auf denen die Spuren alter Gebäude zu sehen sind.[406]

Zu Cortes’ Zeit lag die Hauptstadt des Gebiets auf einer Insel am Ende

dieser Landzunge und umfaßte eine Menge Tempel und Steinbilder. Von

menschenleeren Wildnissen umgeben, behauptete sich hier ein kleiner

selbstständiger Staat, welcher erst 1697 von den Spaniern zertrümmert

wurde.[407] Denn wenn sich auch bei Cortes’ Ankunft der Fürst des

Landes der spanischen Oberhoheit unterwarf und Geschenke brachte, so

hatte doch diese Herrschaft nur bis zum Abzuge der Spanier Bestand.

Weiter ging der Zug zuerst über ebenes, nur hier und da waldiges Land;

dann gelangte man aber an mehrere Reihen niedriger, sehr steiler

Bergzüge, welche dem Vorrücken die größten Schwierigkeiten bereiteten.

Ueber die erste Kette konnte man die Pferde am Zügel noch sicher

hinüberführen, auf der zweiten verloren die Reitthiere fast alle

die Hufeisen, so daß man einen Rasttag machen mußte, um dieselben

wieder zu beschlagen. Dann folgte aber der beschwerlichste von allen

Paßübergängen. Das Gebirge war von unbeschreiblicher Wildheit[408].

Man brauchte 12 Tage zu einem Wege von 8 Meilen und verlor eine Anzahl

von Rossen durch Sturz von jähen Felsen, oder durch Erschöpfung. Alle

Thiere waren beschädigt und blieben drei Monate zum Reiten untauglich.

Dabei regnete es Tag und Nacht unaufhörlich und trotzdem litten Roß

und Mann Durst, weil zwischen den schneidigen Felskämmen sich nirgend

Wasser ansammelte und das, was man in Gefäßen zur Nachtzeit auffing,

für das Heer nur auf kurze Zeit ausreichte. Ein Neffe des Cortes erlitt

durch den Sturz seines Pferdes mehrfachen Beinbruch in schwerer Rüstung

und konnte nur mit Mühe fortgebracht werden. Am Fuß dieses Gebirges,

dem die Spanier den Namen Feuersteingebirge beilegten, mußten wieder

gegen 20 Bergschluchten, in denen das Regenwasser über Klippen brauste,

überbrückt werden. Erst am 15. April, am Tage vor Ostern, waren die

bedeutendsten Schwierigkeiten überwunden und erfuhr Cortes hoch

erfreut, daß er nur noch einige Tagereisen von der durch Gil Gonzalez

in Nito gegründeten Niederlassung entfernt sei. Man war also endlich

bis in die Nähe des Golfs von Honduras vorgedrungen und hatte den

Polochic erreicht, der sich in den Golfo dulce ergießt und aus diesem,

nach einer zweiten seenartigen Erweiterung als Rio dulce in die Bucht

von Amatique, den innern Theil des Golfes von Honduras, fällt. Die

spanische Colonie konnte allerdings den heranziehenden Truppen keine

Unterstützung gewähren, denn fast alle Ansiedler lagen fieberkrank

darnieder und litten Mangel, so daß ohne Cortes’ Dazwischenkunft ihr

Schicksal besiegelt schien. Statt also mit dem Reste seiner noch

kriegstüchtigen Mannschaft sofort weiter auf Olid’s Niederlassung

marschiren zu können, mußten zunächst für die Truppen und Colonisten

neue Vorräthe vom Golfo dulce herbeigeschafft werden. Uebrigens hoffte

Cortes bei dieser Gelegenheit mancherlei nützliche Entdeckungen im

Binnenlande machen zu können. Er unternahm diese Fahrt mit einer

Brigantine, zwei Böten und vier Canoes. In dem tiefen Fahrwasser des

Rio dulce, der zwischen 100 Meter hohen malerischen Felswänden in den

See mündet, gelangte die kleine Flotille, gegen den Strom rudernd,

in einer anstrengenden Fahrt von zwei Nächten und einem Tage zu der

ersten nur zwei Leguas vom Meere entfernten Flußerweiterung, einem

von sumpfigen Ufern umgebenen Flußsee, und von hier nach 24 stündiger

Arbeit durch die zweite Flußenge in den Golfo dulce oder den See von

Izabal, wie er nach einem neuerdings an der Südseite angelegten Orte

benannt wird. Dieser See, welcher etwa 30 engl. Meilen lang und 12

Meilen breit ist, wird von hohen Bergketten umrahmt. Am südlichen Ufer

ging Cortes ans Land, fand aber das erste Dorf verlassen; denn offenbar

hatten die Indianer die Fahrzeuge ankommen sehen und sich geflüchtet.

Nur ein einziger rauher Bergpfad führte südlich vom See an den

Micobergen entlang nach Westen. Unter Führung von zwei eingefangenen

Indianern folgte man dem Pfade, mußte auf dem Steilgehänge theilweise

auf Händen und Füßen weiter klettern, mehrere Bergströme durchwaten

und endlich, von Moskitos gepeinigt, unter Sturm und Regen die Nacht

zubringen. In der Morgendämmerung wurde das nächste Dorf überfallen;

da es aber wenig Lebensmittel bot, erkundigte sich Cortes nach

größeren Ortschaften und gelangte endlich nach Chacujal.[409] Eine

Stadt von dieser Ausdehnung mit Tempeln, Steingebäuden und großem

Platze hatte man seit Acalan nicht mehr angetroffen. Es schien daher

zweifelhaft, ob man mit der geringen Mannschaft den volkreichen Ort

werde bezwingen können. Einige riethen zur Umkehr, aber Cortes hoffte

durch Verwegenheit die Einwohner zu entwaffnen. Er überfiel den Ort

bei Nacht, vertrieb die Bewohner und bemächtigte sich der reichen

Vorräthe an trocknem Mais, Cacao, Bohnen, Pfeffer, Salz, Hühnern und

einer Art Fasanen, die man in Käfigen hielt; außerdem fand man hübsche

Webstoffe und rohe Baumwolle. Hier blieb die kleine Schar 18 Tage, ging

dann nordwärts ins Thal des Polochic hinab und holte, da sich der Fluß

schiffbar erwies, ein Boot und ein Canoe vom Golfo dulce herauf, um bei

dem Transporte von Lebensmitteln Hilfe zu leisten. Cortes ließ dann

vier Flöße bauen, um die Lebensmittel, namentlich Mais, auf dem Fluß

herunter zu schaffen. Da man während der Fahrt auf dem Wasser erwartete

von den Indianern angegriffen zu werden, so wurde die Mannschaft

getheilt und begleitete entweder die Schiffsfracht oder ging zu Lande

an den See (Golfo dulce) hinunter, wo ein Sammelplatz bestimmt war.

Cortes selbst überwachte die Beförderung der Vorräthe auf den Flößen.

Das Canoe wurde vorausgesandt, um nach etwaigen Hinterhalten der

Indianer auszuspähen, dann folgten die Flöße und zuletzt das Boot,

in welchem Cortes mit zwei Armbrustschützen sich befand, um, wenn

nöthig, den Flößen beispringen zu können. Die Flußfahrt war gefährlich,

sowohl wegen der bedeutenden Strömung, als auch wegen der Angriffe der

Indianer. Gegen Abend stieß ein Floß so heftig gegen einen im Flußbett

festsitzenden Baumstamm, daß es ganz untertauchte und die Hälfte der

Ladung verlor. Bei einer Wendung des Stroms, wo die Fahrzeuge durch den

Strudel hart an den einen Uferrand getrieben wurden, erwarteten sie

die Indianer und überschütteten sie mit einem Hagel von Geschossen, so

daß fast alle Spanier verwundet wurden. Cortes selbst, der seinen Helm

abgenommen, erhielt einen Steinwurf an den Kopf. Glücklicherweise war

das Wasser an jener Stelle tief, die Ufer hoch, so daß die Fahrzeuge

in wenigen Minuten an dem Hinterhalte vorbeigetrieben wurden. Auch

war die Nacht zu dunkel, um den Angreifern deutliche Zielpunkte

für ihre Geschosse zu zeigen. Am nächsten Tage erreichte man den

Golfo dulce und fand die Brigantine zur Stelle. Die von den Flößen

hinübergeschafften Vorräthe wurden aus den Maisfeldern am See, wo

inzwischen das Getreide zur Reife gelangt war, noch vervollständigt,

und als die von Chacujal zu Lande kommende Schar ebenfalls eingetroffen

war, kehrte die Expedition, nach Verlauf von 25 Tagen, befriedigt zur

Niederlassung an der Bai St. Andres zurück. Der Platz der bisherigen

Ansiedlung wurde wegen seiner ungesunden Lage aufgegeben und weiter

ostwärts eine neue Stadt gegründet, welche den Namen Natividad de

nuestra señora erhielt. Dann erst brach Cortes nach dem letzten Ziel

seines mühevollen Zuges, nach Triumfo de la Cruz, der Niederlassung

Olid’s, auf. Hier erfuhr er den Tod seines ungetreuen Vasallen; das

ganze Unternehmen erwies sich somit eigentlich als unnöthig. Aber

unermüdlich, und trotz aller Strapazen immer noch mit weiter gehenden

Plänen beschäftigt, hoffte er die Küste von Honduras zum Ausgangspunkt

weiterer Eroberungen zu machen. Die Indianer der Umgebung von Trujillo,

dessen Hafen sich besonders günstig erwies, wußte er zu beruhigen,

so daß sie den Platz wieder mit Lebensmitteln versorgten, und befuhr

die weiter nach Osten streichenden Küsten, um auch Nicaragua seinem

Colonialreiche einzuverleiben. Allein diese Unternehmung fand einen

vorzeitigen Abschluß, weil in Mexiko Unruhen ausgebrochen waren, da

sich das Gerücht verbreitet hatte, Cortes sei in den Sümpfen von

Chiapas, südlich von Tabasco, mit seinem ganzen Heere umgekommen. Er

wollte rasch zu Schiffe die Rhede von Vera Cruz zu erreichen suchen,

aber zweimal trieb der Sturm das Fahrzeug mit gebrochenem Maste an die

Küste zurück. Cortes lag am Fieber schwer krank darnieder. Erst am 25.

April 1526 konnte er Honduras verlassen, erreichte Ende Mai Vera Cruz

und hielt im Juni seinen festlichen Einzug in Mexiko.

Vier Wochen später langte Luis Ponçe de Leon als Bevollmächtigter der

spanischen Regierung dort an, um die von den Widersachern des Cortes

vorgebrachten Klagen über Verschwendung der Staatsgelder zu unnützen

Unternehmungen zu untersuchen und die Civilverwaltung von Neuspanien

zu übernehmen. Man hatte in Europa sogar das verleumderische Gerücht

verbreitet, Cortes wolle sich ganz unabhängig machen. Da aber Ponçe de

Leon, dessen trefflicher, unparteiischer Charakter gerühmt wird, leider

bald starb, so folgte ihm zuerst Marcos de Aguilar und nach dessen

Tode der Schatzmeister Estrada, welcher, voll feindlicher Gesinnung,

danach trachtete, den Eroberer von Mexiko zu demüthigen; er verbannte

ihn aus der Hauptstadt, und wenn er auch bald darauf diesen Befehl

zurücknahm und sich mit Cortes zu versöhnen suchte, so vermied dieser

doch absichtlich, die Stadt Mexiko zu betreten.[410]

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 100 / 123 题