22. Der Kampf um Mexiko.

Bald nachdem Cortes sich mit Alvarado vereinigt hatte, erfolgte ein

wüthender Angriff auf die Festung, der bis zur Nacht andauerte, aber

durch die Kanonen abgeschlagen wurde. Die Brustwehren und Hauswände

waren mit Pfeilen dermaßen bedeckt, daß man kaum gehen konnte.

Die Menge der Schleudersteine verdeckte fast den ganzen Boden der

Palasthöfe. Am nächsten Morgen machten die Spanier einen Ausfall und

begannen einen erbitterten Kampf gegen die dichten Massen der Indianer.

Sie feuerten Schuß auf Schuß gegen sie, sie rückten dicht an sie heran

und stießen in jedem Anlauf 30 bis 40 Indianer nieder; umsonst, die

Feinde behaupteten ihre Stelle und ihre Kraft schien eher zu wachsen

als abzunehmen. Von den Dächern der Häuser warf man große Steine auf

die Weißen. Cortes ließ zwar, um seine Gegner zu vertreiben, die

nächsten Häuser anzünden; allein da dieselben durch Wassergräben von

einander getrennt waren, so verbreitete sich das Feuer nicht weiter.

Da ein fortgesetzter Kampf aus dem Innern der Stadt für die Spanier

völlig nutzlos war, so forderte Cortes den König auf, sich seinem Volk

zu zeigen und demselben zu erklären, daß die Fremden bereit seien, die

Stadt zu verlassen, wenn man ihnen unbelästigten Abzug gestatte. Nach

einigem Zögern erschien Montezuma in vollem königlichen Schmucke auf

der Plattform des Thurmes. So wie das Volk seiner ansichtig wurde,

trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein. Er erklärte laut: er sei kein

Gefangener und die Spanier wollten abziehen. Aber das erzürnte Volk

nahm die Worte des Herrschers für ein Zeichen von Feigheit und rief

ihm zu, sie hätten seinen Vetter, den Fürsten von Iztapalapan, auf den

Thron gehoben und geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, als

bis alle Spanier getödtet seien. Ein Hagel von Steinen und Geschossen

begleitete diese Worte. Ehe die neben dem Könige stehenden Spanier ihn

mit ihren Schilden decken konnten, erhielt er mehrere Wunden und wurde

durch einen Steinwurf an den Kopf besinnungslos niedergeworfen.[375]

Diese Demüthigung durch sein eignes Volk empfand Montezuma so tief,

daß er, als er aus seiner Betäubung erwacht war, alle ärztliche

Hilfeleistung von sich wies, den Verband abriß und am dritten Tage

starb, am 30. Juni 1520. Mit seinem Tode hörte auch der letzte Rest

von Rücksicht auf, welche die Azteken um ihres Königs willen noch an

den Tag gelegt. Ihr Ziel war auf die vollständige Vernichtung ihrer

gefährlichen Feinde gerichtet, und zu dem Zwecke hatte man auch die

Dammbrücken beseitigt, um den Spaniern den Rückzug abzuschneiden. Dazu

gingen die Lebensmittel aus. Cortes mußte den Abmarsch vorbereiten

und ließ zu dem Vorhaben eine tragbare Brücke zimmern, um damit die

Dammbrücken, eine nach der andern, überschreiten zu können. Bei dunkler

Nacht, am 1. Juli 1520, brach Cortes mit seinem Heere auf und schlug

den Weg über den westlichen Damm ein. Die Töchter des Montezuma und

den Fürsten Cacama nahm er als Gefangene mit. Da die Goldschätze wegen

ihres bedeutenden Gewichtes nicht auf einmal zu transportiren waren, so

ließ er nur den königlichen Antheil aufpacken; von dem übrigen Vorrathe

konnte sich jeder Soldat nehmen. Doch warnte der Feldherr, sich nicht

zu sehr zu beladen. Mancher wurde durch seine Habgier ins Verderben

gezogen, wenn er in dem Gedränge des nächtlichen Kampfes durch seine

Goldlast in der Führung seiner Waffen gehemmt wurde. Ebenso kamen alle

Tlascalaner ums Leben, denen der Kronschatz anvertraut war.

Die erste Dammlücke wurde mittelst der tragbaren Brücke glücklich

überschritten, obwohl die Azteken zu Lande lebhaft nachdrängten

und von zahlreichen Kähnen aus die Abziehenden mit Wurfgeschossen

überschütteten. Schon bei der zweiten Lücke wurde die Lage der Spanier

höchst bedenklich. Da es regnete, waren die Brückenbalken glatt

geworden; zwei Pferde glitten aus, wurden scheu, überschlugen sich in

den See und auch die Brücke schlug um. Nun entstand ein verzweifeltes

Gedränge, die vorderen Reihen wurden ins Wasser gestoßen, wo sich

Kampf und Gemetzel fortsetzte. Wer sich durch Schwimmen zu retten

suchte, wurde von den Kähnen eingeholt und gefangen fortgeschleppt.

Die Dammlücke füllte sich mit todten Rossen und Menschenleibern, mit

Kanonen und Karren und darüber ging der Strom der dichten, wogenden,

kämpfenden Menschenmenge. Jeder war nur noch auf die Rettung des eignen

Lebens bedacht, es galt kein Commando, es gab keinen Zusammenhalt mehr.

Alles drängte nach dem festen Lande hinüber. Von den 1300 Soldaten,

welche mit Cortes in die Stadt gezogen waren, kamen nicht mehr als

440 mit dem Leben davon, und auch sie waren alle verwundet. Ueber 860

Mann wurden getödtet oder fielen den Azteken in die Hände, welche sie

ihren Göttern opferten.[376] Verloren gingen ferner alle Kanonen,

aller Schießbedarf, alle Büchsen und 46 Pferde, so daß die Reiterei

nur noch aus 23 Mann bestand. Dieser Rückzug ist unter dem Namen der

traurigen Nacht (~la noche triste~) bekannt. In Popotla zeigt man noch

den Cederbaum, um welchen Cortes mit dem Reste seiner Truppen in jener

Nacht lagerte.[377] Am nächsten Morgen zog der Feldherr der Spanier

nordwärts und um den See herum gegen Osten, unter steter Verfolgung

des Feindes die Schwerverwundeten in der Mitte führend und mit seiner

Reiterschar die Flanken deckend. Am 7. Juli gelangte er zu den noch

vorhandenen, vielleicht ältesten Baudenkmälern des Landes, den beiden

Pyramiden von Teotihuacan (d. h. „Wohnung der Götter“), von denen die

größere an der Basis 208 Meter lang ist und eine senkrechte Höhe von

55 Metern hat. Beide waren genau nach den Himmelsgegenden orientirt.

Oestlich davon in der Ebene von Otumba suchte ihnen ein mexikanisches

Heer den Rückzug zu verlegen. Die große Uebermacht -- ihre Zahl wird

auf 200,000 angegeben -- schloß die kleine spanische Schar völlig ein.

Sie stand da wie eine Insel in stürmisch brandender See[378], aber

Cortes wußte seine Leute durch ermunternden Zuspruch zu beleben: „Heute

ist noch nicht der Tag, an dem wir besiegt werden sollen.“ Trotzdem

erkannte er den ganzen Umfang der Gefahr. Er schrieb später an den

König: „Wir fochten, so zu sagen, unter einander gemischt, und wir

hielten dies für unser letztes Gefecht in unserem Leben: so schwach

waren wir, so mächtig und stark waren hingegen die Feinde.“[379]

Cortes wurde durch zwei Steinwürfe empfindlich am Kopfe verwundet und

mußte sich verbinden lassen. Da rettete der Ritter Juan Salamanca

seine Genossen durch eine kühne That. Er sah mitten im Getümmel den

feindlichen Anführer, der das Feldzeichen trug, drang mit wenig Reitern

auf ihn ein, indem er alles vor sich niederritt, tödtete den Gegner

und nahm die Standarte.[380] Der Fall des Führers gab das Signal

zur Flucht. Nachdem die erschöpften Truppen drei Tage in der Stadt

Huejotlipan gerastet, zogen sie nach Tlascala, wo sie freundlich

empfangen wurden und in Ruhe die Heilung ihrer Wunden abwarten konnten.

Cortes selbst bedurfte vor allem der Pflege. Seine Kopfwunden hatten

sich verschlimmert, er hatte außerdem zwei Finger der linken Hand

eingebüßt und war durch die gewaltige Aufregung und Ueberanstrengung

nicht unbedenklich erkrankt. Kein Wunder, daß unter solchen

Verhältnissen auch den Soldaten der Muth sank, und daß ein großer Theil

nach der Küste zurückzukehren wünschte. Dazu wurde ihre Lage höchst

unsicher, weil eine Gesandtschaft der Mexikaner die Tlascalaner zum

Bündniß gegen die Spanier aufforderte und der Häuptling Xicotencatl

nicht abgeneigt schien, sich auf die Seite der Azteken zu stellen.

Glücklicherweise hielt sein eigner Vater fest an dem Bunde mit Cortes.

Nachdem sich das Heer genügend erholt hatte, und Cortes wieder genesen

war, kehrte auch der alte Unternehmungsgeist der Truppen wieder zurück.

In glücklichen Kämpfen unterwarfen sie mit Hilfe der Tlascalaner das

Land zwischen dem Popocatépetl und dem Citlaltépetl. Neue Scharen,

welche Velasquez gesendet, in dem Glauben, Narvaez sei Herr des Landes,

traten sofort zu Cortes über. Dann schrieb dieser von der Stadt Tepeaca

aus, welche er Segura de la frontera nannte, seinen berühmten Brief,

vom 30. October 1520 datirt, an den König von Spanien, in welchem er

über die bisherigen Vorgänge genau Bericht erstattete, und schloß mit

den Worten: „Wegen aller Aehnlichkeiten, welche ich zwischen diesen

Ländern (Mexiko und Spanien) gefunden, in Bezug auf Fruchtbarkeit,

Größe, Klima u. a. habe ich für passend gehalten, ihnen den Namen

„+Neuspanien des Oceans+“ (~la nueva España del Mar Oceano~) zu geben

und wage, Ew. Maj. zu ersuchen, diese Benennung zu bestätigen.[381]

Aus diesem Berichte ersah man zuerst in Spanien, daß Cortes im Begriff

stand, ein mächtiges Reich, das eine Fülle der geschätztesten Produkte

besaß, der spanischen Krone zu unterwerfen, und Peter Martyr beeilte

sich seinen Gönnern und Freunden die Pracht der Hauptstadt „Tenustitan

~alias~ Mexiko“ und die Reichthümer des Landes zu schildern.[382]

Cortes hatte beschlossen, die feindliche Hauptstadt von neuem

anzugreifen. Aber um von dem See aus nicht wieder durch die Kriegsböte

der Azteken belästigt zu werden, wollte er sich vor allem zum Herrn

der die Stadt umgebenden Gewässer machen, um derselben die Verbindung

mit dem Lande abzuschneiden. Zu dem Zwecke ließ er eine Anzahl von

Brigantinen bauen, wozu er das Takelwerk und Eisen von Vera Cruz

heraufschaffen ließ. Die Schiffstheile wurden in Tlascala angefertigt

und von da an den See geschafft, wo sie zusammengesetzt wurden. Als

er in der Mitte des December von Tepeaca aufbrach, bestand sein Heer

aus 550 Mann zu Fuß, 40 Reitern und 8 oder 9 Kanonen. Das Heer der mit

ihm verbündeten Indianer, welche mit der Eroberung der aztekischen

Hauptstadt ihre Unabhängigkeit von dem drückenden Joche zu gewinnen

hofften, zählte über 100,000 Mann.

Auf einem schwierigen Gebirgspasse nördlich vom Iztaccihuatl zog er

nach Tezcuco, dessen Bewohner sich theils zu Boot über den See, theils

zu Fuß über das Gebirge geflüchtet hatten.

In Mexiko war der Bruder und Nachfolger Montezuma’s nach viermonatiger

Regierung gestorben und an seine Stelle der Neffe der beiden letzten

Regenten, der 25jährige Quauhtemotzin[383] oder Guatemotzin gewählt

worden. Dieser ließ die Stadt gegen den beabsichtigten Angriff

der Spanier von allen Seiten befestigen. Nachdem Cortes sich in

Tezcuco festgesetzt hatte, ließ er einen Graben, welcher zu dem eine

halbe Legua entfernten See führte, so weit vertiefen, daß seine 13

neuerbauten Schiffe in den See einlaufen konnten. Dann unternahm

er einen Recognoscirungszug rings um den See, um die Zugänge zur

Hauptstadt kennen zu lernen, unterwarf die Städte, welche am Seeufer

lagen und griff, nachdem er von Haiti noch eine erbetene Verstärkung

an Truppen, 200 Mann zu Fuß und 70 bis 80 Pferde, erhalten hatte, die

Stadt Xochimilco (d. h. Blumenfeld, nach den schwimmenden Gärten so

genannt) an, welche theilweise im See lag. Bei der Erstürmung wäre

Cortes fast in Gefangenschaft gerathen. Im Getümmel des Kampfes that

sein Roß einen Fehltritt und stürzte nieder. Augenblicklich war er

von Feinden umringt, gegen die er sich mit seiner Lanze vertheidigte.

Er wäre fortgeschleppt worden, wenn nicht ein treuer Diener und ein

Tlascalaner ihn aus der drohenden Gefahr befreit hätten. Kurz darauf

hatte er einen Angriff Guatemotzins abzuschlagen, der mit 2000 Kähnen

und 12,000 Mann der Stadt zu Hilfe eilte.

Die Anhänger des Velasquez, deren es noch manche in dem spanischen

Heere gab, und denen die gewaltigen Anstrengungen, welche Cortes ihnen

auferlegte, nur eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben schienen,

ohne Aussicht, endlich in den Besitz der gehofften Schätze zu gelangen,

stifteten wieder eine Verschwörung an und beabsichtigten, den Feldherrn

sammt seinen treusten Officieren zu ermorden und dann nach der Heimat

zurückzukehren. Aber auch von diesem Verrath erhielt Cortes rechtzeitig

Kunde, ließ den Anstifter hinrichten und zerriß die Liste aller

Verschworenen, die er bereits in Händen hatte. Doch umgab er sich von

da an mit einer zuverlässigen Leibwache.

Endlich war nach einer Arbeit von 50 Tagen der 12 Fuß tiefe Graben

durch 8000 Arbeiter am 28. April 1521 vollendet und die Schiffe liefen

vor den Augen des versammelten Heeres in den See. Nun erst konnte man

den unaufhörlichen Belästigungen durch die feindlichen Böte, welche

jeden Vormarsch auf die Seedämme erschwerten, ein Ende machen. Jedes

Schiff erhielt eine Kanone und 25 Mann Besatzung. Dann wurde das

Heer, welches wieder auf mehr als 800 Mann angewachsen war, in drei

Haufen getheilt und diese unter den Befehl von Alvarado, Olid und

Sandoval gestellt. Durch einen glänzenden Sieg über die feindliche

Flotille machte sich Cortes zum Meister des Sees. Anfänglich war es

seine Absicht gewesen, die aztekischen Böte, die in einer Anzahl

von 500 gegen ihn auf Kundschaft ausgeschickt waren, unbehelligt

herankommen zu lassen, um sie dann mit Kanonenschüssen zu empfangen

und so bei dem ersten Zusammentreffen eine für den ganzen Krieg

wichtige Entscheidung durch die Ueberlegenheit der europäischen

Schifffahrtskunst herbeizuführen. Da erhob sich aber plötzlich ein

günstiger Wind vom Lande her. Sofort ließ Cortes die Brigantinen mit

vollen Segeln gegen die Böte steuern und gab Befehl, die feindlichen

Fahrzeuge bis an die Stadt zu verfolgen. Zahllose Kähne wurden

übersegelt und die Mannschaft in den See gestürzt und getödtet. Drei

Meilen weit wurde die Verfolgung fortgesetzt und ein Sieg errungen,

herrlicher als man gehofft hatte.[384] Dann wurde den Mexikanern das

Trinkwasser der Röhrenleitung abgeschnitten und die südlichen Dämme

besetzt, welche von den Vertheidigern der Stadt verschanzt waren,

aber, sobald die Brigantinen vorgingen, verlassen worden waren. Die

drei Heerführer der Truppentheile erhielten zu ihrer Unterstützung

mehrere Brigantinen, Alvarado und Olid besetzten die südlichen

Dammstraßen, Sandoval die nördlichen. So war die ganze Stadt cernirt.

Die Dammlücken wurden unter heftigen Kämpfen zugeschüttet, aber näher

der Stadt warfen die Belagerten immer neue Gräben aus und erwiesen

sich trotz der Einschließung unerschüttert und todesmuthig. Ueberall

zu Lande und zu Wasser ertönte ihr wildes Kriegsgeschrei, als ob das

Weltall einstürzen sollte.[385] Endlich gelang es den Spaniern, bis

an die Stadt vorzudringen. Die in den Straßen aufgeworfenen Bollwerke

wurden von den Kanonen zusammengeschossen und über dieselben hinweg

gelangten die Sieger bis zu dem großen Tempel, dessen erneuertes

Götzenbild sie zertrümmerten. In einem wüthenden Angriff der Indianer

wurde das spanische Fußvolk zurückgetrieben, aber durch einen kühnen

Reiterangriff aus der Bedrängniß gerettet. Die Stadt schon jetzt

zu behaupten war unmöglich, weil man bei Tag und Nacht von allen

Seiten bedroht war. Aber unter dem Eindruck der spanischen Erfolge

lockerte sich der Lehnsverband im aztekischen Reiche immer mehr; der

Fürst von Tezcuco, der lange zweifelhaft gestanden, ging mit 50,000

Mann zu den Eroberern über; andere Städte folgten seinem Beispiel

und begaben sich in die spanische Botmäßigkeit. Täglich wurden die

Angriffe auf die Stadt wiederholt und einzelne Gebäude niedergebrannt,

Hungersnoth stellte sich ein, aber die Mexikaner wiesen alle

Friedensbedingungen zurück. „Wir waren,“ berichtet Cortes, „mehrere

Tage nacheinander in der Stadt gewesen, viermal schon hatte sich das

Gemetzel wiederholt. Ein Theil der Stadt war abgebrannt, die meisten

Terrassen waren zerstört, die natürlichen und künstlichen Hindernisse

wurden überwunden; immer siegreich hatten wir den Feind mit Kanonen

und Musketen niedergeschmettert. Ich erwartete daher täglich, sie

würden um Frieden bitten und mein Herz wünschte sehnlich, daß sie den

nothwendigen Schritt thun würden. Erbittert über den zähen Widerstand

glaubte ich sie zum äußersten zwingen zu müssen.“[386] So wurde,

nachdem der Kampf bereits drei Wochen gedauert hatte, ein allgemeiner

Angriff befohlen und zwar von Süden und Westen her. Beim Vorrücken

war der Hauptmann Alderete zu eilig gewesen und drang, ohne eine

Dammlücke gehörig ausfüllen zu lassen, unvorsichtig bis auf den großen

Marktplatz vor. Von dort wurde er durch die Azteken zurückgetrieben

und mit seiner Schar ins Wasser gedrängt. Cortes wollte ihnen mit

einer Handvoll Soldaten zu Hilfe kommen, wurde im Gewühl am Bein

verwundet und niedergeworfen. Schon legten mehrere Mexikaner Hand an

ihn und hätten ihn unfehlbar gefangen genommen, wenn ihm Antonio de

Quiñones nicht beigesprungen und ein anderer junger Spanier sich für

ihn geopfert hätte. Trotzdem wollte Cortes noch nicht zurückweichen und

mußte von mehreren Officieren mit Gewalt aus dem Getümmel fortgetragen

werden. In diesem unglücklichen Gefechte kamen gegen 40 Spanier um und

62 wurden nebst vielen Verbündeten lebendig fortgeschleppt, um den

Göttern geopfert zu werden. Am Abend hörte man die große Trommel in

dem Tempel des Kriegsgottes, und ein langer Zug von Kriegern bewegte

sich die hohe Treppenflucht hinauf zum Tempel. Da die Entfernung nicht

sehr groß war und man die Plattform des Tempels ganz deutlich sehen

konnte, so mußten die Spanier mit Entsetzen gewahren, wie die Mexikaner

ihren unglücklichen Kameraden die Köpfe mit Federn schmückten und sie

zwangen, vor dem Götzenbilde zu tanzen, und wie sie dieselben dann

auf dem Opfersteine niederstreckten, ihnen mit Feuersteinmessern die

Brust aufschlitzten, die zuckenden Herzen herausrissen und sie ihren

Götzen darbrachten. Cortes spricht mit Entsetzen von dem Anblick dieser

Gräuel, der das Herz seiner Soldaten erstarren machte.

Nach einer Ruhe von 8 Tagen wurde der Angriff erneuert und wurde

beschlossen, weil kein anderes Mittel von Erfolg war, die Stadt,

so weit man sie besetzt hatte, Haus für Haus niederzureißen; denn

jedes diente den Vertheidigern als Festung. So dauerte nun Kampf und

Zerstörung tagelang fort, auch Guatemotzins Palast ging in Flammen

auf, die Hungersnoth wuchs, die Einwohner verzehrten Wurzeln, Kraut

und selbst Holz; aber an Unterwerfung dachten die Azteken nicht. Sie

wollten unter den Trümmern ihrer Hauptstadt begraben sein und den Fall

des Reiches nicht überleben.

Die Belagerung währte vom 30. Mai bis zum 13. August, 75 Tage lang,

und erreichte erst ihr Ende, als Guatemotzin bei seinem Versuch, in

einem Boote über den See zu flüchten, von den Brigantinen eingeholt und

gefangen genommen wurde. Die auswärtigen Krieger ließ Cortes auf Bitten

des gefangenen Königs aus der Stadt abziehen. Drei Tage und Nächte

waren die Dammstraßen mit großen Zügen von Männern, Weibern und Kindern

bedeckt, die sich vor Entkräftung nur noch mühsam fortschleppten. Der

Zustand der Stadt, welche nun allen Widerstand aufgab, war entsetzlich.

Alle Häuser in dem Stadttheile, den Guatemotzin bis zuletzt behauptet

hatte, waren mit Todten angefüllt, und was noch am Leben war, hatte

kaum noch Kraft sich zu erheben. Der Verlust an Menschenleben wird

auf 120,000 bis 240,000 angegeben. Dem Fall Mexiko’s folgte rasch die

Unterwerfung aller Nachbarstaaten. Die Menge des erbeuteten Goldes

belief sich auf 130,000 Goldcastellanos. Die goldenen Schilde und

die kostbaren Federschmuckarbeiten als einzig in ihrer Art wurden

mit allgemeiner Zustimmung an den König nach Spanien gesendet. Dann

schritt Cortes zum Wiederaufbau der Stadt und zeigte darin sein

organisatorisches Geschick. Viele Gräben wurden zugeschüttet, die

Straßen breiter angelegt, aber die Hauptstraße der alten Stadt in

ihrer Anlage erhalten. An Stelle des Tempels des Kriegsgottes erhob

sich eine Kirche des heiligen Franciscus, welche seit 1573 durch eine

prachtvolle Kirche, die Kathedrale der heiligen Maria de la Asuncion,

ersetzt wurde. Eine starke Festung auf dem heutigen Matadoroplatze

hatte auch den Zweck, die Brigantinen zu decken, welche im Falle eines

Aufstandes wichtig waren für die Beherrschung des Sees. In wenigen

Jahren waren bereits 2000 spanische Familien ansässig, denn der Zuzug

von den Antillen und vom Mutterlande her wurde nach der Eroberung von

Mexiko immer lebhafter. Im Jahre 1524 konnte Cortes die Größe der

Einwohnerschaft schon zu 30,000 Seelen angeben. Die Zerstörung der

alten Kultur, mit welcher zugleich das Gewerbe der Eingebornen zu

Grunde ging, ist zwar zu beklagen, da mit dem Fall des Adels und der

Priesterschaft alle höheren Bildungselemente verloren gingen; allein

die Beseitigung der gräßlichen Menschenopfer und des Canibalismus ist

höher anzuschlagen. Leider riß mit der Vernichtung der bisherigen

staatlichen und socialen Ordnung eine beklagenswerthe Demoralisation

des Volkes ein. Land und Leute wurden den Conquistadoren zugetheilt

und die Eingeborenen geriethen in drückende Knechtschaft.[387] Doch

nahm sich die spanische Geistlichkeit ihrer nach Kräften an und daher

schlossen sich die Indianer leicht an die Priester an und ließen sich

taufen.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 98 / 123 题