Bald nachdem Cortes sich mit Alvarado vereinigt hatte, erfolgte ein
wüthender Angriff auf die Festung, der bis zur Nacht andauerte, aber
durch die Kanonen abgeschlagen wurde. Die Brustwehren und Hauswände
waren mit Pfeilen dermaßen bedeckt, daß man kaum gehen konnte.
Die Menge der Schleudersteine verdeckte fast den ganzen Boden der
Palasthöfe. Am nächsten Morgen machten die Spanier einen Ausfall und
begannen einen erbitterten Kampf gegen die dichten Massen der Indianer.
Sie feuerten Schuß auf Schuß gegen sie, sie rückten dicht an sie heran
und stießen in jedem Anlauf 30 bis 40 Indianer nieder; umsonst, die
Feinde behaupteten ihre Stelle und ihre Kraft schien eher zu wachsen
als abzunehmen. Von den Dächern der Häuser warf man große Steine auf
die Weißen. Cortes ließ zwar, um seine Gegner zu vertreiben, die
nächsten Häuser anzünden; allein da dieselben durch Wassergräben von
einander getrennt waren, so verbreitete sich das Feuer nicht weiter.
Da ein fortgesetzter Kampf aus dem Innern der Stadt für die Spanier
völlig nutzlos war, so forderte Cortes den König auf, sich seinem Volk
zu zeigen und demselben zu erklären, daß die Fremden bereit seien, die
Stadt zu verlassen, wenn man ihnen unbelästigten Abzug gestatte. Nach
einigem Zögern erschien Montezuma in vollem königlichen Schmucke auf
der Plattform des Thurmes. So wie das Volk seiner ansichtig wurde,
trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein. Er erklärte laut: er sei kein
Gefangener und die Spanier wollten abziehen. Aber das erzürnte Volk
nahm die Worte des Herrschers für ein Zeichen von Feigheit und rief
ihm zu, sie hätten seinen Vetter, den Fürsten von Iztapalapan, auf den
Thron gehoben und geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, als
bis alle Spanier getödtet seien. Ein Hagel von Steinen und Geschossen
begleitete diese Worte. Ehe die neben dem Könige stehenden Spanier ihn
mit ihren Schilden decken konnten, erhielt er mehrere Wunden und wurde
durch einen Steinwurf an den Kopf besinnungslos niedergeworfen.[375]
Diese Demüthigung durch sein eignes Volk empfand Montezuma so tief,
daß er, als er aus seiner Betäubung erwacht war, alle ärztliche
Hilfeleistung von sich wies, den Verband abriß und am dritten Tage
starb, am 30. Juni 1520. Mit seinem Tode hörte auch der letzte Rest
von Rücksicht auf, welche die Azteken um ihres Königs willen noch an
den Tag gelegt. Ihr Ziel war auf die vollständige Vernichtung ihrer
gefährlichen Feinde gerichtet, und zu dem Zwecke hatte man auch die
Dammbrücken beseitigt, um den Spaniern den Rückzug abzuschneiden. Dazu
gingen die Lebensmittel aus. Cortes mußte den Abmarsch vorbereiten
und ließ zu dem Vorhaben eine tragbare Brücke zimmern, um damit die
Dammbrücken, eine nach der andern, überschreiten zu können. Bei dunkler
Nacht, am 1. Juli 1520, brach Cortes mit seinem Heere auf und schlug
den Weg über den westlichen Damm ein. Die Töchter des Montezuma und
den Fürsten Cacama nahm er als Gefangene mit. Da die Goldschätze wegen
ihres bedeutenden Gewichtes nicht auf einmal zu transportiren waren, so
ließ er nur den königlichen Antheil aufpacken; von dem übrigen Vorrathe
konnte sich jeder Soldat nehmen. Doch warnte der Feldherr, sich nicht
zu sehr zu beladen. Mancher wurde durch seine Habgier ins Verderben
gezogen, wenn er in dem Gedränge des nächtlichen Kampfes durch seine
Goldlast in der Führung seiner Waffen gehemmt wurde. Ebenso kamen alle
Tlascalaner ums Leben, denen der Kronschatz anvertraut war.
Die erste Dammlücke wurde mittelst der tragbaren Brücke glücklich
überschritten, obwohl die Azteken zu Lande lebhaft nachdrängten
und von zahlreichen Kähnen aus die Abziehenden mit Wurfgeschossen
überschütteten. Schon bei der zweiten Lücke wurde die Lage der Spanier
höchst bedenklich. Da es regnete, waren die Brückenbalken glatt
geworden; zwei Pferde glitten aus, wurden scheu, überschlugen sich in
den See und auch die Brücke schlug um. Nun entstand ein verzweifeltes
Gedränge, die vorderen Reihen wurden ins Wasser gestoßen, wo sich
Kampf und Gemetzel fortsetzte. Wer sich durch Schwimmen zu retten
suchte, wurde von den Kähnen eingeholt und gefangen fortgeschleppt.
Die Dammlücke füllte sich mit todten Rossen und Menschenleibern, mit
Kanonen und Karren und darüber ging der Strom der dichten, wogenden,
kämpfenden Menschenmenge. Jeder war nur noch auf die Rettung des eignen
Lebens bedacht, es galt kein Commando, es gab keinen Zusammenhalt mehr.
Alles drängte nach dem festen Lande hinüber. Von den 1300 Soldaten,
welche mit Cortes in die Stadt gezogen waren, kamen nicht mehr als
440 mit dem Leben davon, und auch sie waren alle verwundet. Ueber 860
Mann wurden getödtet oder fielen den Azteken in die Hände, welche sie
ihren Göttern opferten.[376] Verloren gingen ferner alle Kanonen,
aller Schießbedarf, alle Büchsen und 46 Pferde, so daß die Reiterei
nur noch aus 23 Mann bestand. Dieser Rückzug ist unter dem Namen der
traurigen Nacht (~la noche triste~) bekannt. In Popotla zeigt man noch
den Cederbaum, um welchen Cortes mit dem Reste seiner Truppen in jener
Nacht lagerte.[377] Am nächsten Morgen zog der Feldherr der Spanier
nordwärts und um den See herum gegen Osten, unter steter Verfolgung
des Feindes die Schwerverwundeten in der Mitte führend und mit seiner
Reiterschar die Flanken deckend. Am 7. Juli gelangte er zu den noch
vorhandenen, vielleicht ältesten Baudenkmälern des Landes, den beiden
Pyramiden von Teotihuacan (d. h. „Wohnung der Götter“), von denen die
größere an der Basis 208 Meter lang ist und eine senkrechte Höhe von
55 Metern hat. Beide waren genau nach den Himmelsgegenden orientirt.
Oestlich davon in der Ebene von Otumba suchte ihnen ein mexikanisches
Heer den Rückzug zu verlegen. Die große Uebermacht -- ihre Zahl wird
auf 200,000 angegeben -- schloß die kleine spanische Schar völlig ein.
Sie stand da wie eine Insel in stürmisch brandender See[378], aber
Cortes wußte seine Leute durch ermunternden Zuspruch zu beleben: „Heute
ist noch nicht der Tag, an dem wir besiegt werden sollen.“ Trotzdem
erkannte er den ganzen Umfang der Gefahr. Er schrieb später an den
König: „Wir fochten, so zu sagen, unter einander gemischt, und wir
hielten dies für unser letztes Gefecht in unserem Leben: so schwach
waren wir, so mächtig und stark waren hingegen die Feinde.“[379]
Cortes wurde durch zwei Steinwürfe empfindlich am Kopfe verwundet und
mußte sich verbinden lassen. Da rettete der Ritter Juan Salamanca
seine Genossen durch eine kühne That. Er sah mitten im Getümmel den
feindlichen Anführer, der das Feldzeichen trug, drang mit wenig Reitern
auf ihn ein, indem er alles vor sich niederritt, tödtete den Gegner
und nahm die Standarte.[380] Der Fall des Führers gab das Signal
zur Flucht. Nachdem die erschöpften Truppen drei Tage in der Stadt
Huejotlipan gerastet, zogen sie nach Tlascala, wo sie freundlich
empfangen wurden und in Ruhe die Heilung ihrer Wunden abwarten konnten.
Cortes selbst bedurfte vor allem der Pflege. Seine Kopfwunden hatten
sich verschlimmert, er hatte außerdem zwei Finger der linken Hand
eingebüßt und war durch die gewaltige Aufregung und Ueberanstrengung
nicht unbedenklich erkrankt. Kein Wunder, daß unter solchen
Verhältnissen auch den Soldaten der Muth sank, und daß ein großer Theil
nach der Küste zurückzukehren wünschte. Dazu wurde ihre Lage höchst
unsicher, weil eine Gesandtschaft der Mexikaner die Tlascalaner zum
Bündniß gegen die Spanier aufforderte und der Häuptling Xicotencatl
nicht abgeneigt schien, sich auf die Seite der Azteken zu stellen.
Glücklicherweise hielt sein eigner Vater fest an dem Bunde mit Cortes.
Nachdem sich das Heer genügend erholt hatte, und Cortes wieder genesen
war, kehrte auch der alte Unternehmungsgeist der Truppen wieder zurück.
In glücklichen Kämpfen unterwarfen sie mit Hilfe der Tlascalaner das
Land zwischen dem Popocatépetl und dem Citlaltépetl. Neue Scharen,
welche Velasquez gesendet, in dem Glauben, Narvaez sei Herr des Landes,
traten sofort zu Cortes über. Dann schrieb dieser von der Stadt Tepeaca
aus, welche er Segura de la frontera nannte, seinen berühmten Brief,
vom 30. October 1520 datirt, an den König von Spanien, in welchem er
über die bisherigen Vorgänge genau Bericht erstattete, und schloß mit
den Worten: „Wegen aller Aehnlichkeiten, welche ich zwischen diesen
Ländern (Mexiko und Spanien) gefunden, in Bezug auf Fruchtbarkeit,
Größe, Klima u. a. habe ich für passend gehalten, ihnen den Namen
„+Neuspanien des Oceans+“ (~la nueva España del Mar Oceano~) zu geben
und wage, Ew. Maj. zu ersuchen, diese Benennung zu bestätigen.[381]
Aus diesem Berichte ersah man zuerst in Spanien, daß Cortes im Begriff
stand, ein mächtiges Reich, das eine Fülle der geschätztesten Produkte
besaß, der spanischen Krone zu unterwerfen, und Peter Martyr beeilte
sich seinen Gönnern und Freunden die Pracht der Hauptstadt „Tenustitan
~alias~ Mexiko“ und die Reichthümer des Landes zu schildern.[382]
Cortes hatte beschlossen, die feindliche Hauptstadt von neuem
anzugreifen. Aber um von dem See aus nicht wieder durch die Kriegsböte
der Azteken belästigt zu werden, wollte er sich vor allem zum Herrn
der die Stadt umgebenden Gewässer machen, um derselben die Verbindung
mit dem Lande abzuschneiden. Zu dem Zwecke ließ er eine Anzahl von
Brigantinen bauen, wozu er das Takelwerk und Eisen von Vera Cruz
heraufschaffen ließ. Die Schiffstheile wurden in Tlascala angefertigt
und von da an den See geschafft, wo sie zusammengesetzt wurden. Als
er in der Mitte des December von Tepeaca aufbrach, bestand sein Heer
aus 550 Mann zu Fuß, 40 Reitern und 8 oder 9 Kanonen. Das Heer der mit
ihm verbündeten Indianer, welche mit der Eroberung der aztekischen
Hauptstadt ihre Unabhängigkeit von dem drückenden Joche zu gewinnen
hofften, zählte über 100,000 Mann.
Auf einem schwierigen Gebirgspasse nördlich vom Iztaccihuatl zog er
nach Tezcuco, dessen Bewohner sich theils zu Boot über den See, theils
zu Fuß über das Gebirge geflüchtet hatten.
In Mexiko war der Bruder und Nachfolger Montezuma’s nach viermonatiger
Regierung gestorben und an seine Stelle der Neffe der beiden letzten
Regenten, der 25jährige Quauhtemotzin[383] oder Guatemotzin gewählt
worden. Dieser ließ die Stadt gegen den beabsichtigten Angriff
der Spanier von allen Seiten befestigen. Nachdem Cortes sich in
Tezcuco festgesetzt hatte, ließ er einen Graben, welcher zu dem eine
halbe Legua entfernten See führte, so weit vertiefen, daß seine 13
neuerbauten Schiffe in den See einlaufen konnten. Dann unternahm
er einen Recognoscirungszug rings um den See, um die Zugänge zur
Hauptstadt kennen zu lernen, unterwarf die Städte, welche am Seeufer
lagen und griff, nachdem er von Haiti noch eine erbetene Verstärkung
an Truppen, 200 Mann zu Fuß und 70 bis 80 Pferde, erhalten hatte, die
Stadt Xochimilco (d. h. Blumenfeld, nach den schwimmenden Gärten so
genannt) an, welche theilweise im See lag. Bei der Erstürmung wäre
Cortes fast in Gefangenschaft gerathen. Im Getümmel des Kampfes that
sein Roß einen Fehltritt und stürzte nieder. Augenblicklich war er
von Feinden umringt, gegen die er sich mit seiner Lanze vertheidigte.
Er wäre fortgeschleppt worden, wenn nicht ein treuer Diener und ein
Tlascalaner ihn aus der drohenden Gefahr befreit hätten. Kurz darauf
hatte er einen Angriff Guatemotzins abzuschlagen, der mit 2000 Kähnen
und 12,000 Mann der Stadt zu Hilfe eilte.
Die Anhänger des Velasquez, deren es noch manche in dem spanischen
Heere gab, und denen die gewaltigen Anstrengungen, welche Cortes ihnen
auferlegte, nur eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben schienen,
ohne Aussicht, endlich in den Besitz der gehofften Schätze zu gelangen,
stifteten wieder eine Verschwörung an und beabsichtigten, den Feldherrn
sammt seinen treusten Officieren zu ermorden und dann nach der Heimat
zurückzukehren. Aber auch von diesem Verrath erhielt Cortes rechtzeitig
Kunde, ließ den Anstifter hinrichten und zerriß die Liste aller
Verschworenen, die er bereits in Händen hatte. Doch umgab er sich von
da an mit einer zuverlässigen Leibwache.
Endlich war nach einer Arbeit von 50 Tagen der 12 Fuß tiefe Graben
durch 8000 Arbeiter am 28. April 1521 vollendet und die Schiffe liefen
vor den Augen des versammelten Heeres in den See. Nun erst konnte man
den unaufhörlichen Belästigungen durch die feindlichen Böte, welche
jeden Vormarsch auf die Seedämme erschwerten, ein Ende machen. Jedes
Schiff erhielt eine Kanone und 25 Mann Besatzung. Dann wurde das
Heer, welches wieder auf mehr als 800 Mann angewachsen war, in drei
Haufen getheilt und diese unter den Befehl von Alvarado, Olid und
Sandoval gestellt. Durch einen glänzenden Sieg über die feindliche
Flotille machte sich Cortes zum Meister des Sees. Anfänglich war es
seine Absicht gewesen, die aztekischen Böte, die in einer Anzahl
von 500 gegen ihn auf Kundschaft ausgeschickt waren, unbehelligt
herankommen zu lassen, um sie dann mit Kanonenschüssen zu empfangen
und so bei dem ersten Zusammentreffen eine für den ganzen Krieg
wichtige Entscheidung durch die Ueberlegenheit der europäischen
Schifffahrtskunst herbeizuführen. Da erhob sich aber plötzlich ein
günstiger Wind vom Lande her. Sofort ließ Cortes die Brigantinen mit
vollen Segeln gegen die Böte steuern und gab Befehl, die feindlichen
Fahrzeuge bis an die Stadt zu verfolgen. Zahllose Kähne wurden
übersegelt und die Mannschaft in den See gestürzt und getödtet. Drei
Meilen weit wurde die Verfolgung fortgesetzt und ein Sieg errungen,
herrlicher als man gehofft hatte.[384] Dann wurde den Mexikanern das
Trinkwasser der Röhrenleitung abgeschnitten und die südlichen Dämme
besetzt, welche von den Vertheidigern der Stadt verschanzt waren,
aber, sobald die Brigantinen vorgingen, verlassen worden waren. Die
drei Heerführer der Truppentheile erhielten zu ihrer Unterstützung
mehrere Brigantinen, Alvarado und Olid besetzten die südlichen
Dammstraßen, Sandoval die nördlichen. So war die ganze Stadt cernirt.
Die Dammlücken wurden unter heftigen Kämpfen zugeschüttet, aber näher
der Stadt warfen die Belagerten immer neue Gräben aus und erwiesen
sich trotz der Einschließung unerschüttert und todesmuthig. Ueberall
zu Lande und zu Wasser ertönte ihr wildes Kriegsgeschrei, als ob das
Weltall einstürzen sollte.[385] Endlich gelang es den Spaniern, bis
an die Stadt vorzudringen. Die in den Straßen aufgeworfenen Bollwerke
wurden von den Kanonen zusammengeschossen und über dieselben hinweg
gelangten die Sieger bis zu dem großen Tempel, dessen erneuertes
Götzenbild sie zertrümmerten. In einem wüthenden Angriff der Indianer
wurde das spanische Fußvolk zurückgetrieben, aber durch einen kühnen
Reiterangriff aus der Bedrängniß gerettet. Die Stadt schon jetzt
zu behaupten war unmöglich, weil man bei Tag und Nacht von allen
Seiten bedroht war. Aber unter dem Eindruck der spanischen Erfolge
lockerte sich der Lehnsverband im aztekischen Reiche immer mehr; der
Fürst von Tezcuco, der lange zweifelhaft gestanden, ging mit 50,000
Mann zu den Eroberern über; andere Städte folgten seinem Beispiel
und begaben sich in die spanische Botmäßigkeit. Täglich wurden die
Angriffe auf die Stadt wiederholt und einzelne Gebäude niedergebrannt,
Hungersnoth stellte sich ein, aber die Mexikaner wiesen alle
Friedensbedingungen zurück. „Wir waren,“ berichtet Cortes, „mehrere
Tage nacheinander in der Stadt gewesen, viermal schon hatte sich das
Gemetzel wiederholt. Ein Theil der Stadt war abgebrannt, die meisten
Terrassen waren zerstört, die natürlichen und künstlichen Hindernisse
wurden überwunden; immer siegreich hatten wir den Feind mit Kanonen
und Musketen niedergeschmettert. Ich erwartete daher täglich, sie
würden um Frieden bitten und mein Herz wünschte sehnlich, daß sie den
nothwendigen Schritt thun würden. Erbittert über den zähen Widerstand
glaubte ich sie zum äußersten zwingen zu müssen.“[386] So wurde,
nachdem der Kampf bereits drei Wochen gedauert hatte, ein allgemeiner
Angriff befohlen und zwar von Süden und Westen her. Beim Vorrücken
war der Hauptmann Alderete zu eilig gewesen und drang, ohne eine
Dammlücke gehörig ausfüllen zu lassen, unvorsichtig bis auf den großen
Marktplatz vor. Von dort wurde er durch die Azteken zurückgetrieben
und mit seiner Schar ins Wasser gedrängt. Cortes wollte ihnen mit
einer Handvoll Soldaten zu Hilfe kommen, wurde im Gewühl am Bein
verwundet und niedergeworfen. Schon legten mehrere Mexikaner Hand an
ihn und hätten ihn unfehlbar gefangen genommen, wenn ihm Antonio de
Quiñones nicht beigesprungen und ein anderer junger Spanier sich für
ihn geopfert hätte. Trotzdem wollte Cortes noch nicht zurückweichen und
mußte von mehreren Officieren mit Gewalt aus dem Getümmel fortgetragen
werden. In diesem unglücklichen Gefechte kamen gegen 40 Spanier um und
62 wurden nebst vielen Verbündeten lebendig fortgeschleppt, um den
Göttern geopfert zu werden. Am Abend hörte man die große Trommel in
dem Tempel des Kriegsgottes, und ein langer Zug von Kriegern bewegte
sich die hohe Treppenflucht hinauf zum Tempel. Da die Entfernung nicht
sehr groß war und man die Plattform des Tempels ganz deutlich sehen
konnte, so mußten die Spanier mit Entsetzen gewahren, wie die Mexikaner
ihren unglücklichen Kameraden die Köpfe mit Federn schmückten und sie
zwangen, vor dem Götzenbilde zu tanzen, und wie sie dieselben dann
auf dem Opfersteine niederstreckten, ihnen mit Feuersteinmessern die
Brust aufschlitzten, die zuckenden Herzen herausrissen und sie ihren
Götzen darbrachten. Cortes spricht mit Entsetzen von dem Anblick dieser
Gräuel, der das Herz seiner Soldaten erstarren machte.
Nach einer Ruhe von 8 Tagen wurde der Angriff erneuert und wurde
beschlossen, weil kein anderes Mittel von Erfolg war, die Stadt,
so weit man sie besetzt hatte, Haus für Haus niederzureißen; denn
jedes diente den Vertheidigern als Festung. So dauerte nun Kampf und
Zerstörung tagelang fort, auch Guatemotzins Palast ging in Flammen
auf, die Hungersnoth wuchs, die Einwohner verzehrten Wurzeln, Kraut
und selbst Holz; aber an Unterwerfung dachten die Azteken nicht. Sie
wollten unter den Trümmern ihrer Hauptstadt begraben sein und den Fall
des Reiches nicht überleben.
Die Belagerung währte vom 30. Mai bis zum 13. August, 75 Tage lang,
und erreichte erst ihr Ende, als Guatemotzin bei seinem Versuch, in
einem Boote über den See zu flüchten, von den Brigantinen eingeholt und
gefangen genommen wurde. Die auswärtigen Krieger ließ Cortes auf Bitten
des gefangenen Königs aus der Stadt abziehen. Drei Tage und Nächte
waren die Dammstraßen mit großen Zügen von Männern, Weibern und Kindern
bedeckt, die sich vor Entkräftung nur noch mühsam fortschleppten. Der
Zustand der Stadt, welche nun allen Widerstand aufgab, war entsetzlich.
Alle Häuser in dem Stadttheile, den Guatemotzin bis zuletzt behauptet
hatte, waren mit Todten angefüllt, und was noch am Leben war, hatte
kaum noch Kraft sich zu erheben. Der Verlust an Menschenleben wird
auf 120,000 bis 240,000 angegeben. Dem Fall Mexiko’s folgte rasch die
Unterwerfung aller Nachbarstaaten. Die Menge des erbeuteten Goldes
belief sich auf 130,000 Goldcastellanos. Die goldenen Schilde und
die kostbaren Federschmuckarbeiten als einzig in ihrer Art wurden
mit allgemeiner Zustimmung an den König nach Spanien gesendet. Dann
schritt Cortes zum Wiederaufbau der Stadt und zeigte darin sein
organisatorisches Geschick. Viele Gräben wurden zugeschüttet, die
Straßen breiter angelegt, aber die Hauptstraße der alten Stadt in
ihrer Anlage erhalten. An Stelle des Tempels des Kriegsgottes erhob
sich eine Kirche des heiligen Franciscus, welche seit 1573 durch eine
prachtvolle Kirche, die Kathedrale der heiligen Maria de la Asuncion,
ersetzt wurde. Eine starke Festung auf dem heutigen Matadoroplatze
hatte auch den Zweck, die Brigantinen zu decken, welche im Falle eines
Aufstandes wichtig waren für die Beherrschung des Sees. In wenigen
Jahren waren bereits 2000 spanische Familien ansässig, denn der Zuzug
von den Antillen und vom Mutterlande her wurde nach der Eroberung von
Mexiko immer lebhafter. Im Jahre 1524 konnte Cortes die Größe der
Einwohnerschaft schon zu 30,000 Seelen angeben. Die Zerstörung der
alten Kultur, mit welcher zugleich das Gewerbe der Eingebornen zu
Grunde ging, ist zwar zu beklagen, da mit dem Fall des Adels und der
Priesterschaft alle höheren Bildungselemente verloren gingen; allein
die Beseitigung der gräßlichen Menschenopfer und des Canibalismus ist
höher anzuschlagen. Leider riß mit der Vernichtung der bisherigen
staatlichen und socialen Ordnung eine beklagenswerthe Demoralisation
des Volkes ein. Land und Leute wurden den Conquistadoren zugetheilt
und die Eingeborenen geriethen in drückende Knechtschaft.[387] Doch
nahm sich die spanische Geistlichkeit ihrer nach Kräften an und daher
schlossen sich die Indianer leicht an die Priester an und ließen sich
taufen.