21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez.

Der Statthalter von Cuba, Velasquez, hatte, nachdem sich Cortes mit

seinem Heere von ihm losgesagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben,

den abtrünnigen Befehlshaber zu bezwingen und das Goldland Mexiko für

sich zu gewinnen. Seine in Spanien angebrachte Beschwerde hatte bei

Fonseca Gehör gefunden, welcher in folge dessen die Abgesandten des

Cortes nicht, wie sie erwartet hatten, empfing, sondern ihr Anliegen

verschob. Velasquez rüstete inzwischen ein neues Heer in der Stärke von

wenigstens 800 Mann, darunter 80 Musketiere und 120 Armbrustschützen,

ferner 80 Reiter und 17 bis 18 Kanonen und übergab das Commando dem

+Panfilo de Narvaez+, mit dem Befehl, Cortes abzusetzen und gefangen

nach Cuba abzuführen. Sobald der Vicekönig von Haiti, Diego Colon, von

diesen Rüstungen hörte, sandte er einen gewandten Mann, den Licentiaten

Lucas Vasquez de Ayllon nach Cuba, um dem dortigen Statthalter zu

bedeuten, daß er unter keinen Umständen gegen Cortes feindlich

auftreten dürfe, um den Erfolg des so glänzend begonnenen Unternehmens

nicht in Frage zu stellen. Als Velasquez auf diese Vorstellungen nicht

eingehen wollte, hielt sich Ayllon für verpflichtet, die bereits

segelfertige Flotte von 18 Schiffen nach Mexiko zu begleiten. Narvaez

kam am 23. April 1520 an dieselbe Stelle der mexikanischen Küste, bei

der heutigen Stadt Vera Cruz, wo auch Cortes gelandet war. Als auch

hier Ayllon seinen Protest gegen ein feindliches Vorgehen wiederholte,

ließ Narvaez ihn auf ein Schiff bringen und nach Haiti zurückschaffen,

wo er dem Vicekönige über die Verhältnisse Bericht erstattete. Da

dieser sich durch die seinem Gesandten angethane Beleidigung in seiner

Autorität verletzt sah, führte er beim königlichen Gerichtshof in

Spanien gegen Velasquez und Narvaez Beschwerde. Er nahm also für Cortes

Partei, was für diesen in der Folgezeit von Wichtigkeit wurde und eine

ihm selbst günstige Entscheidung herbeiführte.

Nachdem Narvaez mit seinem Heere gelandet war, forderte er den

Befehlshaber von Villa Rica, Gonzalo de Sandoval, auf, sich ihm

zu ergeben und den Platz zu überliefern. Dieser aber schickte die

Gesandten, den Priester Guevara und fünf andere Spanier, gebunden

auf dem Rücken indianischer Lastträger direct nach Mexiko, welches

sie in vier Tagen erreichten, um ihren Auftrag persönlich an Cortes

auszurichten. Dieser ließ die unfreiwilligen Gesandten vor der Stadt

beritten machen, damit sie würdig einziehen könnten, und empfing sie

sehr höflich. Nachdem er ihnen die Verhältnisse in der Hauptstadt

auseinandergesetzt hatte, gewann er sie bald alle für sich und schöpfte

auch aus den Mittheilungen der Gesandten die Hoffnung, das gegen ihn

ausgeschickte Heer zu gewinnen. Man fürchte, sagte man ihm, nur den

Feldherrn Narvaez; allein sein Einfluß sei nicht groß, da er sich durch

seine Anmaßung und seinen Geiz viele entfremdet habe.

Cortes entsandte darauf den klugen Pater Olmedo mit einem versöhnlichen

Briefe an Narvaez, in welchem er ihm Waffenbrüderschaft und Theilung

der Macht anbot. Außerdem waren für die Officiere des gelandeten Heeres

reichliche Goldgeschenke beigelegt. Die Erzählungen und Berichte

Guevara’s und Olmedo’s gewannen die Soldaten bald für Cortes, aber

Narvaez wollte von einem Vergleiche nichts wissen. Ohne die Antwort

abzuwarten, deren Inhalt ihm nicht zweifelhaft sein konnte, beschloß

Cortes, seinem Rivalen entgegenzurücken, ehe er Zeit gewinnen könne,

ins Innere vorzudringen. Nachdem er den König Montezuma unter der

Obhut des tapferen und zuverlässigen Pedro de Alvarado mit 140 Mann

und allem Geschütz zurückgelassen hatte, brach er selbst mit nur 70

seiner tapfersten Leute und 2000 Indianern, welche gegen die Reiter

des Narvaez mit langen Lanzen bewaffnet waren, im Mai 1520 von der

Hauptstadt auf, traf in Cholula mit einer Abtheilung seines Heeres,

welche, 120 Mann stark, unter Velasquez de Leon südlich von Vera Cruz

einen Hafen hatte aufsuchen sollen, aber auf die Nachricht von der

Landung des Narvaez zurückgerufen war, zusammen, begegnete in der Nähe

von Tlascala seinem zurückkehrenden Gesandten Olmedo und verfügte

nun, nachdem in der Nähe des Pico de Perote noch Sandoval von Villa

rica mit 60 Mann zu ihm gestoßen war, über eine Streitmacht von etwa

260 Spaniern. Mit diesen rückte er dem Narvaez, welcher bei Cempoalla

lagerte, kühn entgegen. In einer regnerischen, dunkeln Nacht, am Abend

vor Pfingsten, überfiel er seinen Gegner, dessen Stellung er genau

ausgekundschaftet hatte. Er benutzte die Nacht, damit seine Gegner

nicht durch die geringe Zahl seiner Mannschaft zu stärkerem Widerstande

gereizt würden. „Als wir eindrangen,“ erzählt Bernal Diaz, „war es

stockfinster und es regnete stark, und erst später ging der Mond

auf; aber auch die Finsterniß war uns von großem Nutzen, denn in der

dunklen Nacht flogen eine Menge Leuchtkäfer umher, die von Narvaez’

Leuten für Lunten zum Losbrennen der Musketen gehalten wurden und

ihnen daher einen ganz besonderen Begriff von der großen Zahl unserer

Feuergewehre beibrachten.“[374] Cortes wußte genau das Quartier des

feindlichen Heerführers und kam unbemerkt bis in den Hof des Hauses,

wo erst die Gegner allarmirt wurden. Sandoval drang in das Thurmzimmer

ein, wo Narvaez wohnte. Im nächtlichen Getümmel verlor dieser durch

einen Lanzenstich ein Auge und wurde gefangen genommen. Der Kampf

gegen seine Truppen dauerte nur kurze Zeit, ihr Widerstand hörte mit

der Gefangennahme des Feldherrn auf. Nur zwei Spanier waren gefallen.

Die Soldaten huldigten Cortes, welcher den verwundeten Gegner und

seine entschiedensten Anhänger nach Villa rica bringen ließ. Erst am

nächsten Morgen kamen die 2000 indianischen Hilfstruppen an, welche

Cortes am Kampfe gegen seine Landsleute nicht hatte theilnehmen lassen,

damit sie sich nicht eines Sieges über die Weißen rühmen könnten. Es

war ein leicht errungener Erfolg gewesen. „Ich kann Euch versichern,“

hatte Cortes zu dem gefangenen Narvaez gesagt, „daß dieser Sieg eine

der geringsten Waffenthaten ist, die wir in Neu-Spanien verrichtet.“

Aber der Sieg war trotzdem von höchster Bedeutung, weil ohne ihn die

begonnene Unterwerfung des aztekischen Reichs unmöglich gewesen wäre.

Kurze Zeit darauf erhielt Cortes eine Nachricht, welche ihn veranlaßte,

so rasch als möglich nach Mexiko zu eilen. Alvarado hatte bei einem

großen Opferfeste in der Stadt, welches angeblich von den Mexikanern

hatte benutzt werden sollen, um ihren König wieder zu befreien,

allzurasch zu Gewaltmaßregeln sich hinreißen lassen, auf die

versammelte Menge einzuhauen befohlen und ein Blutbad angerichtet,

wobei viele vom aztekischen Adel niedergestoßen waren. In folge

dessen erhob sich die ganze Stadt und griff die spanische Besatzung

in ihrem Palaste so energisch an, daß Alvarado Boten entsenden und

den Oberfeldherrn um schleunige Hilfe bitten mußte. Die Kranken und

Verwundeten in Cempoalla zurücklassend, eilte Cortes mit seiner ganzen

Macht auf das Tafelland zurück. In Tlascala hielt er kurze Rast und

musterte sein Heer. Er verfügte wieder über eine Streitmacht von

1300 Mann, darunter 90 Reiter, 80 Armbrustschützen und ebensoviel

Musketiere. Je näher er der Hauptstadt kam, um so kühler wurde der

Empfang von seiten der Bewohner. Alvarado war seit vierzehn Tagen

in seiner Festung belagert. Als Cortes am Johannistage 1520 wieder

in die Hauptstadt einrückte, empfing ihn nicht mehr eine neugierige

Volksmenge, wie das erste Mal. Alle Bewohner hielten sich scheu zurück.

Die Stadt schien wie verödet.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 97 / 123 题