Der Statthalter von Cuba, Velasquez, hatte, nachdem sich Cortes mit
seinem Heere von ihm losgesagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben,
den abtrünnigen Befehlshaber zu bezwingen und das Goldland Mexiko für
sich zu gewinnen. Seine in Spanien angebrachte Beschwerde hatte bei
Fonseca Gehör gefunden, welcher in folge dessen die Abgesandten des
Cortes nicht, wie sie erwartet hatten, empfing, sondern ihr Anliegen
verschob. Velasquez rüstete inzwischen ein neues Heer in der Stärke von
wenigstens 800 Mann, darunter 80 Musketiere und 120 Armbrustschützen,
ferner 80 Reiter und 17 bis 18 Kanonen und übergab das Commando dem
+Panfilo de Narvaez+, mit dem Befehl, Cortes abzusetzen und gefangen
nach Cuba abzuführen. Sobald der Vicekönig von Haiti, Diego Colon, von
diesen Rüstungen hörte, sandte er einen gewandten Mann, den Licentiaten
Lucas Vasquez de Ayllon nach Cuba, um dem dortigen Statthalter zu
bedeuten, daß er unter keinen Umständen gegen Cortes feindlich
auftreten dürfe, um den Erfolg des so glänzend begonnenen Unternehmens
nicht in Frage zu stellen. Als Velasquez auf diese Vorstellungen nicht
eingehen wollte, hielt sich Ayllon für verpflichtet, die bereits
segelfertige Flotte von 18 Schiffen nach Mexiko zu begleiten. Narvaez
kam am 23. April 1520 an dieselbe Stelle der mexikanischen Küste, bei
der heutigen Stadt Vera Cruz, wo auch Cortes gelandet war. Als auch
hier Ayllon seinen Protest gegen ein feindliches Vorgehen wiederholte,
ließ Narvaez ihn auf ein Schiff bringen und nach Haiti zurückschaffen,
wo er dem Vicekönige über die Verhältnisse Bericht erstattete. Da
dieser sich durch die seinem Gesandten angethane Beleidigung in seiner
Autorität verletzt sah, führte er beim königlichen Gerichtshof in
Spanien gegen Velasquez und Narvaez Beschwerde. Er nahm also für Cortes
Partei, was für diesen in der Folgezeit von Wichtigkeit wurde und eine
ihm selbst günstige Entscheidung herbeiführte.
Nachdem Narvaez mit seinem Heere gelandet war, forderte er den
Befehlshaber von Villa Rica, Gonzalo de Sandoval, auf, sich ihm
zu ergeben und den Platz zu überliefern. Dieser aber schickte die
Gesandten, den Priester Guevara und fünf andere Spanier, gebunden
auf dem Rücken indianischer Lastträger direct nach Mexiko, welches
sie in vier Tagen erreichten, um ihren Auftrag persönlich an Cortes
auszurichten. Dieser ließ die unfreiwilligen Gesandten vor der Stadt
beritten machen, damit sie würdig einziehen könnten, und empfing sie
sehr höflich. Nachdem er ihnen die Verhältnisse in der Hauptstadt
auseinandergesetzt hatte, gewann er sie bald alle für sich und schöpfte
auch aus den Mittheilungen der Gesandten die Hoffnung, das gegen ihn
ausgeschickte Heer zu gewinnen. Man fürchte, sagte man ihm, nur den
Feldherrn Narvaez; allein sein Einfluß sei nicht groß, da er sich durch
seine Anmaßung und seinen Geiz viele entfremdet habe.
Cortes entsandte darauf den klugen Pater Olmedo mit einem versöhnlichen
Briefe an Narvaez, in welchem er ihm Waffenbrüderschaft und Theilung
der Macht anbot. Außerdem waren für die Officiere des gelandeten Heeres
reichliche Goldgeschenke beigelegt. Die Erzählungen und Berichte
Guevara’s und Olmedo’s gewannen die Soldaten bald für Cortes, aber
Narvaez wollte von einem Vergleiche nichts wissen. Ohne die Antwort
abzuwarten, deren Inhalt ihm nicht zweifelhaft sein konnte, beschloß
Cortes, seinem Rivalen entgegenzurücken, ehe er Zeit gewinnen könne,
ins Innere vorzudringen. Nachdem er den König Montezuma unter der
Obhut des tapferen und zuverlässigen Pedro de Alvarado mit 140 Mann
und allem Geschütz zurückgelassen hatte, brach er selbst mit nur 70
seiner tapfersten Leute und 2000 Indianern, welche gegen die Reiter
des Narvaez mit langen Lanzen bewaffnet waren, im Mai 1520 von der
Hauptstadt auf, traf in Cholula mit einer Abtheilung seines Heeres,
welche, 120 Mann stark, unter Velasquez de Leon südlich von Vera Cruz
einen Hafen hatte aufsuchen sollen, aber auf die Nachricht von der
Landung des Narvaez zurückgerufen war, zusammen, begegnete in der Nähe
von Tlascala seinem zurückkehrenden Gesandten Olmedo und verfügte
nun, nachdem in der Nähe des Pico de Perote noch Sandoval von Villa
rica mit 60 Mann zu ihm gestoßen war, über eine Streitmacht von etwa
260 Spaniern. Mit diesen rückte er dem Narvaez, welcher bei Cempoalla
lagerte, kühn entgegen. In einer regnerischen, dunkeln Nacht, am Abend
vor Pfingsten, überfiel er seinen Gegner, dessen Stellung er genau
ausgekundschaftet hatte. Er benutzte die Nacht, damit seine Gegner
nicht durch die geringe Zahl seiner Mannschaft zu stärkerem Widerstande
gereizt würden. „Als wir eindrangen,“ erzählt Bernal Diaz, „war es
stockfinster und es regnete stark, und erst später ging der Mond
auf; aber auch die Finsterniß war uns von großem Nutzen, denn in der
dunklen Nacht flogen eine Menge Leuchtkäfer umher, die von Narvaez’
Leuten für Lunten zum Losbrennen der Musketen gehalten wurden und
ihnen daher einen ganz besonderen Begriff von der großen Zahl unserer
Feuergewehre beibrachten.“[374] Cortes wußte genau das Quartier des
feindlichen Heerführers und kam unbemerkt bis in den Hof des Hauses,
wo erst die Gegner allarmirt wurden. Sandoval drang in das Thurmzimmer
ein, wo Narvaez wohnte. Im nächtlichen Getümmel verlor dieser durch
einen Lanzenstich ein Auge und wurde gefangen genommen. Der Kampf
gegen seine Truppen dauerte nur kurze Zeit, ihr Widerstand hörte mit
der Gefangennahme des Feldherrn auf. Nur zwei Spanier waren gefallen.
Die Soldaten huldigten Cortes, welcher den verwundeten Gegner und
seine entschiedensten Anhänger nach Villa rica bringen ließ. Erst am
nächsten Morgen kamen die 2000 indianischen Hilfstruppen an, welche
Cortes am Kampfe gegen seine Landsleute nicht hatte theilnehmen lassen,
damit sie sich nicht eines Sieges über die Weißen rühmen könnten. Es
war ein leicht errungener Erfolg gewesen. „Ich kann Euch versichern,“
hatte Cortes zu dem gefangenen Narvaez gesagt, „daß dieser Sieg eine
der geringsten Waffenthaten ist, die wir in Neu-Spanien verrichtet.“
Aber der Sieg war trotzdem von höchster Bedeutung, weil ohne ihn die
begonnene Unterwerfung des aztekischen Reichs unmöglich gewesen wäre.
Kurze Zeit darauf erhielt Cortes eine Nachricht, welche ihn veranlaßte,
so rasch als möglich nach Mexiko zu eilen. Alvarado hatte bei einem
großen Opferfeste in der Stadt, welches angeblich von den Mexikanern
hatte benutzt werden sollen, um ihren König wieder zu befreien,
allzurasch zu Gewaltmaßregeln sich hinreißen lassen, auf die
versammelte Menge einzuhauen befohlen und ein Blutbad angerichtet,
wobei viele vom aztekischen Adel niedergestoßen waren. In folge
dessen erhob sich die ganze Stadt und griff die spanische Besatzung
in ihrem Palaste so energisch an, daß Alvarado Boten entsenden und
den Oberfeldherrn um schleunige Hilfe bitten mußte. Die Kranken und
Verwundeten in Cempoalla zurücklassend, eilte Cortes mit seiner ganzen
Macht auf das Tafelland zurück. In Tlascala hielt er kurze Rast und
musterte sein Heer. Er verfügte wieder über eine Streitmacht von
1300 Mann, darunter 90 Reiter, 80 Armbrustschützen und ebensoviel
Musketiere. Je näher er der Hauptstadt kam, um so kühler wurde der
Empfang von seiten der Bewohner. Alvarado war seit vierzehn Tagen
in seiner Festung belagert. Als Cortes am Johannistage 1520 wieder
in die Hauptstadt einrückte, empfing ihn nicht mehr eine neugierige
Volksmenge, wie das erste Mal. Alle Bewohner hielten sich scheu zurück.
Die Stadt schien wie verödet.