20. Cortes in Mexiko.

Dieser denkwürdige Einzug in Mexiko geschah am 8. Nov. 1519. In der

Hauptstraße der Stadt kam der König dem einrückenden spanischen

Feldherrn mit einem glänzenden Gefolge von 200 Personen entgegen,

sämmtlich barfuß, mit Ausnahme des Herrschers, welcher von Edelleuten

in einem goldverzierten Sessel getragen wurde, über dem sich eine

Art Thronhimmel, mit grünen Federn, Gold, Silber und edeln Steinen

geschmückt, erhob. Als die Spanier nahten, verließ Montezuma seinen

Sitz und schritt über ausgebreitete Decken den Fremden entgegen,

angethan mit einer reichen, malerischen Kleidung, auf dem Kopf den

Federbusch von grüner Farbe. Grün galt als die königliche Farbe. Seine

mit Juwelen besetzten Halbstiefel hatten goldene Sohlen. Wie er durch

die Menge daher schritt, durfte keiner zu ihm aufschauen; alle senkten

demüthig den Blick. Cortes stieg, als er des Königs ansichtig wurde,

vom Pferde, ging dem aztekischen Herrscher entgegen und hing ihm als

Geschenk eine Kette von funkelndem Kristallglas um den Hals, er wollte

ihn sogar umarmen, wurde daran aber durch die beiden begleitenden

Fürsten, welche dem Kaiser zunächst standen, verhindert, damit die

Person des Landesherrn nicht entweiht würde. Nachdem dieser dann für

Cortes noch ein reiches Geschenk zurückgelassen, zog er sich mit seinem

Gefolge zurück.

Mit Musik und fliegenden Fahnen hielten die Spanier ihren Einzug.

Sechstausend Tlascalaner folgten ihnen. Inmitten der Stadt lagen an

einem geräumigen Marktplatze der hohe Tempel des Kriegsgottes, da wo

jetzt die Stiftskirche in Mexiko steht, und die weitläufigen Gebäude

des Palastes, welchen der Vater Montezuma’s gebaut. Diesen wies

Montezuma seinen Gästen als Wohnung an. Die besten Zimmer waren auch

hier mit bunten baumwollenen Vorhängen bedeckt und der Fußboden mit

Matten belegt. Cortes ließ den ganzen Gebäudecomplex, der durch die

umgebende dicke Mauer und die Mauerthürme an sich schon einer Festung

glich, mit Wachen besetzen und vor die Eingänge Kanonen aufpflanzen. Am

Abend erschien Montezuma zum Besuch, erzählte dem Cortes ausführlich

die Sage von Quetzalcoatl und erklärte schließlich: nach allem, was

er bisher von den Spaniern über ihr Land und über ihren König gehört,

glaube er ganz fest, dieser sei der rechtmäßige Herr von Mexiko.[367]

Cortes möge daher über ihn und über sein Land verfügen.

Am nächsten Morgen erwiderte Cortes in Begleitung von vier Hauptleuten,

Pedro de Alvarado, Juan Velasquez de Leon, Diego de Ordaz und Gonzalo

de Sandoval, den Besuch. Der königliche Palast umschloß mehrere Höfe,

in einem derselben spielte ein Springbrunnen. Der ganze Bau war

aus behauenen Steinen ausgeführt. Die Wände der Gemächer waren mit

Marmor, Jaspis und Porphyr belegt, in dessen glattpolirten Flächen man

sich spiegeln konnte, oder sie waren mit kostbaren Webstoffen oder

Federteppichen behängt, auf denen Vögel und Blumen eingestickt waren.

Im Laufe des Gesprächs ließ Cortes durch den Dolmetscher erklären, er

habe von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Montezuma zum Christenthum

zu bekehren und begann daher ihm die Grundlehren des Glaubens

auseinanderzusetzen. Allein der König, welcher früher selbst das Amt

eines Oberpriesters bekleidet hatte, wich einer weiteren Erörterung

über die Vorzüge der beiden Religionen aus; doch wiederholte er auch

hier seine Bereitwilligkeit, dem spanischen Könige als seinem Oberherrn

Tribut zu bezahlen. Bernal Diaz, welcher im Gefolge des Cortes dieser

Audienz beiwohnte, gibt bei dieser Gelegenheit folgende Beschreibung

von der Person Montezuma’s.[368]

„Der große Montezuma mochte um diese Zeit in seinem vierzigsten Jahre

stehen. Er hatte eine ansehnliche Statur, war von schlankem Wuchs,

etwas mager von Gliedern, aber in den besten Verhältnissen gebaut.

Seine Farbe fiel nicht sehr ins Braune, sondern streifte blos an das

Colorit der Indianer. Die Haare trug er nur über den Ohren stark,

welche ganz von den Locken bedeckt wurden. Er hatte einen schwachen,

aber wohlaussehenden, schwarzen Bart. Sein Gesicht war länglich und

heiter, und seine wohlgeformten Augen drückten, je nachdem es paßte,

Liebe und Ernst aus.“

Die Spanier richteten sich dann, mit Genehmigung des Königs, in ihrem

Palaste eine christliche Kapelle ein, entdeckten dabei eine vermauerte

Thür und dahinter den verborgenen Privatschatz des Königs. Nachdem

eine Woche verstrichen war, entschloß sich Cortes, den aztekischen

Herrscher gefangen zu nehmen. Den Vorwand dazu boten die Ereignisse

in seiner Station an der Küste, wo Juan de Escalante mit 150 Mann

als Besatzung zurückgeblieben war. Ein benachbarter Cazike hatte

dieselbe verrätherisch überfallen, mehrere Spanier getödtet und den

Befehlshaber tödtlich verwundet. Mit mehreren zuverlässigen Leuten

ging Cortes zu Montezuma, sowie er von diesen Vorfällen benachrichtigt

war, und beschuldigte denselben als geheimen Urheber des Verraths,

auch verlangte er die Bestrafung des Caziken. Montezuma sagte dieses

bereitwillig zu und ließ den Frevler sofort nach der Hauptstadt zur

Verantwortung rufen. Damit noch nicht zufrieden, forderte Cortes, der

König solle solange, bis die Sache entschieden sei, in dem Palaste

der Spanier seine Wohnung nehmen. Montezuma bot seinen Sohn und seine

Töchter als Geißeln an; aber Cortes ging nicht darauf ein, sondern

bestand darauf, daß nur die eigne Person des Königs den Spaniern in

der Hauptstadt die nöthige Sicherheit gewähren könne. Als dieser

Wortwechsel schon eine gute halbe Stunde gedauert hatte, verloren die

Officiere des Cortes die Geduld und Velasquez de Leon rief erregt:

„Wozu noch viele Worte! Entweder geht er freiwillig mit uns, oder wir

stoßen ihn nieder. Denn hier kömmt es darauf an, unser eignes Leben zu

retten; und geschieht es nicht auf diese Weise, so sind wir unfehlbar

verloren.“[369]

Durch diese Drohung erschreckt, gab Montezuma nach und ging mit.

Dem Volke, das sich zusammenrottete, gab er die Erklärung, er

gehe freiwillig. Man behandelte ihn ehrfurchtsvoll, wie den Herrn

eines großen Reichs und ließ ihm seinen ganzen Hofstaat sammt dem

ceremoniellen Gepränge. Er ertheilte in gewohnter Weise Audienzen und

stand mit seinem Volke ununterbrochen in Verkehr.[370] Es +schien+ fast

keine Veränderung eingetreten, aber Montezuma selbst empfand sie tief.

Als der aztekische Statthalter Quauhpopoca (Cortes schreibt

Qualpopoca), welcher die Spanier an der Küste überfallen hatte,

auf Befehl Montezuma’s mit seinem Sohne und 15 Hauptleuten in der

Hauptstadt erschien, wurde er Cortes zur Verurtheilung übergeben. Sie

gestanden alle, daß Montezuma sie zu dem Ueberfall veranlaßt habe, und

wurden dann auf dem großen Platze vor dem Palaste verbrannt. Während

der Hinrichtung ließ Cortes den König als Urheber des Verraths in

Fesseln legen. Wenn es nun auch nach dieser Demüthigung Montezuma

freigestellt wurde, in seinen eignen Palast zurückzukehren, so wagte

er es doch nicht mehr aus Furcht, die Azteken möchten sich dann gegen

die Fremden erheben und er könne dem Ingrimm seines Volks keinen

Einhalt gebieten. Er zog es also vor, unter dem Schutze der Spanier zu

bleiben. Da beschloß der Neffe des Königs, Cacama, Fürst von Tezcuco,

einer großen Stadt am östlichen Seeufer, welche etwa 150,000 Einwohner

zählte, der unwürdigen Behandlung des Landesherrn mit Gewalt ein

Ende zu machen. Aber da der Adel ohne Zustimmung Montezuma’s nichts

unternehmen wollte, so erfuhr auch Cortes von dem Plan, ließ Cacama

mit Hilfe von tezcucanischen Edelleuten, die im Dienste Montezuma’s

standen, gefangen nehmen und durch seinen Oberherrn für abgesetzt

erklären. Auch die übrigen Verschworenen wurden auf Montezuma’s Befehl

verhaftet. Dann leistete dieser in öffentlicher Versammlung der Caziken

und Vornehmen den Huldigungseid dem Könige von Spanien, wobei er darauf

hinwies, daß die Prophezeihung Quetzalcoatl’s nun in Erfüllung gegangen

sei. Er schloß seine Ansprache an die Häuptlinge des Landes mit den

Worten: „Gehorchet also von nun an dem großen König Karl als eurem

natürlichen Oberherrn, und dem General, der ihn vertritt. Bezahlt ihm

die Abgaben, die ihr mir entrichtet habt und dienet ihm, wie ihr mir

gedient habt.“[371] Montezuma sprach unter Thränen und Seufzern, er

fügte sich fatalistisch ergeben in sein Geschick. Cortes ließ die Akte

der Unterwerfung von einem Notar aufsetzen und von beiden Parteien

unterzeichnen.

Von eingebornen Beamten begleitet, zogen dann die Spanier weit und

breit durchs Land, um Steuern zu erheben und den Tribut für den König

von Spanien in Empfang zu nehmen. Sie drangen bis zu 100 Meilen

Entfernung von der Hauptstadt ohne Schwierigkeit vor und kehrten

mit Gold und Silber beladen zurück. Montezuma fügte dem aus seinem

Privatschatze noch andere Kostbarkeiten hinzu. „Die Kleinodien,“

schrieb Cortes, „sind, abgesehen von ihrem Metallwerth, wegen ihrer

Neuheit und eigenartigen Form unschätzbar. Kein Fürst der Welt kann

dergleichen haben. Alles, was Montezuma auf der Erde gesehen, oder

aus der Tiefe des Meeres gezogen, wurde auf seinen Befehl in Gold,

Silber, Edelsteinen und bunten Federn aufs vollkommenste nachgebildet.

Er hat auch nach meinen Zeichnungen Crucifixe, Medaillen, Kleinodien

und Halsbänder nach europäischem Geschmack anfertigen lassen.

Außerdem hat mir Montezuma eine große Menge baumwollner Stoffe von

der größten Schönheit, sowohl wegen der Farbe als der Arbeit, ferner

Tapeten für Kirchen und Wohnhäuser, baumwollne und aus Kaninchenwolle

gefertigte Decken, sowie zwölf prächtig verzierte und gemalte Blasrohre

geschenkt.“[372] Ungerechnet die feinern Kunstarbeiten, die nicht

eingeschmolzen wurden, betrug von den übrigen Tributen und Geschenken

der königliche Quint 32,400 ~pesos d’oro~.

Um eine genauere Vorstellung von der Größe des Landes und seiner Küsten

zu bekommen, namentlich, um die Ankerplätze ausfindig zu machen, ließ

sich Cortes vom Kaiser eine auf Nequenstoff gemalte Karte geben.[373]

Durch die dadurch gewonnene Kenntniß wuchs der Einfluß der Spanier

im Lande immer mehr, und es schien, als ob sich der Uebergang der

Herrschaft allmählich und auf friedlichem Wege vollziehen sollte. Da

trat aber ein Ereigniß ein, durch welches Cortes genöthigt wurde, die

Hauptstadt zu verlassen und die bereits gewonnene Machtstellung gegen

die eignen Landsleute zu vertheidigen.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 96 / 123 题