19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko.

Für die erfolgreichste Ausdehnung der spanischen Macht in der neuen,

indischen Welt war die auf Cortes gefallene Wahl eine überaus

glückliche, wenn sie auch für Velasquez selbst eine Reihe bitterer

Enttäuschungen brachte und ihm den gehofften Lohn gänzlich aus den

Händen riß. Unter den wenigen wahren Heldengestalten der spanischen

Conquistadoren, welche jenes Zeitalter gebar, ragt Cortes vor allen

hervor. Sein edler, großer Charakter, seine kühnen Thaten erfüllen uns

mit Bewunderung. Cortes war 1485 in Medellin in Estremadura geboren,

hatte in Salamanca zwei Jahre studirt und sich dort, wenn er auch

keine ausgesprochene Neigung zu den Wissenschaften zeigte, doch einen

Grad allgemeiner Bildung erworben, wie er unter den Heerführern in den

Colonialländern selten war. Der Reiz des Wunderbaren, welches die neue

Welt belebte, die Lockung zu romantischen Abenteuern, welche jenseits

des Oceans goldene Berge verhieß, erfüllte, wie die ganze spanische

Jugend, so auch ihn. Und so ging er schon 1504 zum Statthalter Ovando

nach San Domingo. Sieben Jahre später nahm er an der Eroberung Cuba’s

theil und erwarb sich dadurch Landbesitz. Seine literarische Bildung

beförderte ihn zum Secretair des Velasquez und später zum Alcalden

von St. Jago, so daß er bereits eine der ersten Beamtenstellen

auf der Insel einnahm. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen

übermittelgroßen, schönen Mann mit breiter männlicher Brust und

großen, dunkeln Augen in dem blassen Gesichte. In allen ritterlichen

Uebungen gewandt, muthig und fest in seinen Entschlüssen, wie klar und

überlegend in seinen Plänen; durch rasche Auffassung und klaren Geist,

wie durch gewandte und feurige Rede seine Umgebung beherrschend, war

er zum Anführer wie selten ein Mann in der neuen Welt geschaffen. Als

Velasquez ihm das Commando übertrug, zählte er 33 Jahre. Es war dem

Statthalter willkommen, daß Cortes aus eignen Mitteln einen Theil der

Ausrüstung bestreiten konnte, welche mit 11 Schiffen den kühnen Angriff

auf einen mächtigen Staat ausführen sollte.[355]

Aber noch ehe Cortes seine Vorbereitungen getroffen hatte, erwachte

bereits die Eifersucht des Statthalters, welcher, durch seine Getreuen

gewarnt, bereits fürchtete, dem gewählten Führer zu viele Machtmittel

anvertraut zu haben, mit denen er sich womöglich eine unabhängige

Stellung schaffen könnte. Er schien entschlossen zu sein, die Ernennung

des Cortes zum General wieder zurückzunehmen; aber dieser brach, noch

ehe der zögernde Velasquez sich entschied, mit seiner Flotte von

St. Jago auf, bevor die Ausrüstung und Verproviantirung vollendet

war, und ging zunächst nach der ebenfalls auf der Südseite von Cuba

gelegenen Stadt Trinidad und, nachdem er hier noch 100 Mann von der

zurückgekehrten Expedition Grijalva’s angeworben hatte, weiter nach

Habana. Hieher sandte Velasquez an die Behörden des Orts den Befehl,

Cortes zu verhaften, und gebot diesem in einem Briefe, er solle

nicht eher absegeln, als bis er selbst nach Habana gekommen sei.

Aber Cortes ließ sich an der Spitze seiner bedeutenden Macht weder

als ein einzelner Edelmann gefangen setzen, noch befolgte er das

unglaublich ungeschickt vorgebrachte Gebot des Velasquez, auf ihn zu

warten; vielmehr begab er sich am 10. Febr. 1519 nach dem Sammelpunkt

seiner Flotte am Cap S. Antonio, der Westspitze von Cuba, und ging

von hier aus acht Tage später mit seinen eilf Schiffen unter Segel.

Der erfahrene Steuermann Alaminos, der nun zum viertenmale nach

Yukatan steuerte, denn er hatte bereits die letzte Fahrt des Columbus

mitgemacht und dann die Expedition Cordova’s und Grijalva’s geleitet,

war sein Hauptpilot. Seine bewaffnete Macht bestand aus 400 spanischen

Soldaten, darunter 13 Büchsenschützen und 32 Armbrustschützen, und

200 Indianern, ferner aus 16 Reitern, 10 schweren Bronzegeschützen

und 4 leichten Feldschlangen. Auch begleiteten zwei Geistliche den

Zug, um den Götzendienst zu vernichten und die Indianer zu taufen.

Das Geschwader steuerte nach der Insel Cozumel. Die Einwohner flohen

bei der Landung zwar anfangs aus Furcht ins Innere, kamen dann,

durch Dolmetscher beschwichtigt, zurück, ließen es geschehen, daß

ihre blutigen Altäre gestürzt und daß in ihren Tempeln christlicher

Gottesdienst gefeiert wurde, ja sie bequemten sich sogar zur

äußerlichen Annahme des Christenthums.

[Illustration: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.

(Berlin, kgl. Münzcabinet.)]

Schon auf der Expedition Cordova’s hatte Alaminos mehrfach das Wort

Castillan gehört, ohne sich dasselbe in dem Munde der Indianer erklären

zu können. Cortes vermuthete sofort richtig, es müßten Spanier bereits

früher hieher gelangt sein. Diese Vermuthung wurde durch die Angabe

eines Häuptlings bestätigt, daß noch zwei Spanier als Gefangene im

Lande lebten. Unter ihnen befand sich Fray Jeronimo de Aguilar (s.

o. S. 346), den Cortes befreite und der ihm als Dolmetscher wichtige

Dienste leistete. Dann ging die Fahrt in gewohnter Weise um Yukatan

herum nach dem Rio de Tabasco oder Grijalva. Die Einfahrt in den

Fluß war so seicht, daß keins der größeren Schiffe einlaufen konnte;

Cortes befuhr ihn daher in den kleinen Brigantinen und mit bewaffneten

Böten, um die Stadt Tabasco selbst zu besuchen. Seine Erklärung, er

komme in friedlicher Absicht, wurde mit Drohungen und Kriegsgeschrei

beantwortet. Aber die Spanier ließen sich dadurch nicht abschrecken.

Der Kampf begann schon in den Böten, dann im Wasser am Strande, das den

Angreifenden bis an den Gürtel ging, und setzte sich am Lande fort, wo

am 25. März mit Geschütz und Reiterei eine förmliche Schlacht geliefert

wurde, in welcher die tapferen Tabascaner, deren Heer nach der eigenen

Angabe des Cortes[356] aus 40,000 Mann bestand, durch die ungewohnte

Kriegsmacht einer Reiterei in die Flucht geschlagen wurden und 220

Todte auf dem Schlachtfelde zurückließen.

Am nächsten Tage unterwarfen sich die Caziken und brachten unter

anderen Geschenken 20 Sklavinnen, deren eine, eine geborene

Mexikanerin, von den Spaniern den Namen +Donna Marina+ erhielt und sich

den Eroberern anschloß, denen sie als Dolmetscherin die wesentlichsten

Dienste leistete. In Tabasco vernahm man auch die Worte Culhua, womit

die gewerbreiche Stadt Cholula[357] westlich von Mexiko bezeichnet

wurde, und den Namen Mexiko selbst. Nachdem am Palmsonntag noch in

feierlicher Messe die Häuptlinge die Taufe empfangen hatten, segelte

Cortes weiter und landete am Charfreitag, 21. April 1519, mit seiner

ganzen Macht an der Stelle der heutigen Stadt Vera Cruz; zwei Tage

später stattete ihm bereits der aztekische Statthalter einen Besuch ab

und erhielt die Mittheilung, daß Cortes von einem mächtigen Herrscher

jenseits des Meeres mit Geschenken und einer persönlichen Botschaft an

den Fürsten des Landes abgesendet sei und freien Durchmarsch begehre.

Die Mexikaner waren geschickte Maler; um seinen Bericht an den Kaiser

möglichst anschaulich zu machen über die seltsamen, weißen, dem

Meere entstiegenen Fremdlinge, ließ der Gouverneur des Küstenlandes

die Spanier abzeichnen. Cortes ließ dies gern geschehen und, um den

Eindruck, den sein Erscheinen offenbar hervorrief, noch zu verstärken,

mußte die Reiterei und die Artillerie kriegerische Uebungen ausführen,

damit auch diese mit abgebildet würden. Dann richtete er sich hinter

den Dünen ein festes Lager ein und erwartete die Antwort auf seine

Botschaft.

Ehe wir den Verlauf der Verhandlungen weiter verfolgen, werfen wir

zunächst einen Blick auf die Natur des Landes und die Geschichte der

Bevölkerung.

[Illustration: KARTE ZU CORTES’ EROBERUNG von MEXICO.]

Hinter einem mehrere Meilen breiten, flachen Küstenstriche, der durch

seine Fieber verrufen ist, und an dem es keinen einzigen guten,

natürlichen Hafen gibt, erhebt sich das mittlere Land zu einem

mächtigen Plateau von durchschnittlich 2000 Meter Höhe. Der östliche

Steilrand des Hochlands wird von einzelnen Bergriesen, die über 5000

Meter emporsteigen, überragt. Hier besitzt Mexiko keinen schiffbaren

Strom; von der Küste führen nur schwierige Landwege und Gebirgspässe

auf das innere Hochland von Anahuac, das Centrum des alten Reichs,

welches sich nordwärts etwa bis zum Wendekreise erstreckte. Das

Hochthal von Mexiko, der Hauptstadt, erhebt sich bis über 2200 Meter

und erscheint als ein Oval von 73 Kil. Länge und 35 Kil. Breite. Von

einem thurmartigen Walle von Porphyrfelsen umschlossen, war dieses Thal

früher grün und dicht mit Bäumen bewachsen, erscheint aber gegenwärtig

an manchen Stellen weißlich von den Salzefflorescenzen und macht von

den Höhen aus fast den Eindruck einer Steppe in folge der Abnahme des

Sees, welcher ehedem, die Stadt umgebend, eine weit größere Ausdehnung

hatte. Trotzdem ist die ganze Landschaft von großer, eigenartigen

Schönheit, erhöht durch den Kranz von Bergen, über welche die beiden

Schneegipfel, der Popocatepetl (5400 Meter) und der Ixtaccihuatl (5200

Meter) mit breitem Rücken mächtig emporragen.

Nördlich von dem Thale von Mexiko liegt +Tula+, die erste Ansiedlung

der Tolteken, jenes räthselhaften Kulturvolkes, welches aus dem

unbekannten Norden zu unbekannter Zeit (man nennt in der Regel das 7.

Jahrh. n. Chr.) hier einzog. Sie führten den Anbau von Mais, Baumwolle

und des sog. spanischen Pfeffers als unentbehrliches Gewürz ein.

Sie bearbeiteten die edlen Metalle und entfalteten eine originelle

Baukunst. Sie liebten es, ihre Steinhäuser und Tempel auf Anhöhen

anzulegen, die verschiedenen Wohnräume lagen in verschiedener Höhe

und waren durch kleine Treppen und enge Corridore verbunden.[358]

Eigenartig waren auch die Stufenthürme oder Tempelpyramiden.

Nach einem Aufenthalte von mehreren Jahrhunderten verschwanden die

Tolteken wieder, wahrscheinlich zogen sie weiter nach Süden und

verbreiteten ihre Kultur über Yukatan und Honduras.

Nach ihnen rückten von Nordwesten die +Chichimeken+ ein und wählten

die Ostseite des Sees von Mexiko zu ihrer Hauptansiedlung, wo sie

die Stadt Tezcuco gründeten. Dort verschmolzen sie mit den Acolhuern

oder Acolhuas. Ihre Herrschaft unterlag wieder unter den Angriffen

eines verwandten kriegerischen Stammes, der +Tepaneken+, bis sie sich

mit Hilfe der Azteken in Mexiko wieder befreiten und sich mit diesen

verbanden. Als letzter Zug der Einwanderer treten die +Azteken+ auf,

welche wahrscheinlich erst im Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt

Tenochtitlan (Mexiko) auf einer Insel im See gründeten. Allmählich

erst gelangten sie zu bedeutenderer Macht, hatten aber zur Zeit der

Ankunft der Spanier durch ihre Kriegstüchtigkeit ihre Herrschaft von

einem Meere zum andern ausgebreitet, und dabei zahlreiche fremde, nicht

verwandte Stämme unterworfen, ohne aber in der verhältnißmäßig kurzen

Zeit trotz ihres Gewaltregiments die verschiedenartigen Volkselemente

mit einander verschmelzen zu können. Eine blutige Schreckensherrschaft

lastete auf dem weiten Länderraume zwischen dem Golf von Mexiko und

der Südsee, denn die Azteken verlangten für ihre Götzenaltäre zahllose

Menschenleben von den unterworfenen Stämmen. Man gibt die Zahl der

Menschenopfer auf jährlich 20,000 an. Die Schädel der Geschlachteten

wurden zu Pyramiden aufgethürmt; Spanier aus dem Gefolge des Cortes

wollten an +einem+ Orte 136,000 Schädel gezählt haben.

Nur Furcht und Schrecken hielt das große Reich zusammen; ein Angriff

von außen mußte viele nach Befreiung seufzende Völkerstämme in das

Lager der Feinde treiben. So fiel nach diesem Gesichtspunkte die

Ankunft des Cortes in eine ihm günstige Zeit, und es stand zu erwarten,

daß er nach den ersten bedeutenden Waffenerfolgen den aztekischen

Staatsverband lockern und manche der unterworfenen Völker auf seine

Seite ziehen werde.

Aus einer ursprünglich aristokratischen Regierung hatte sich bei den

Azteken ein fast unumschränktes Königthum entwickelt. Wenn die Könige

auch nur durch Wahl, welche von den vier vornehmsten Adligen vollzogen

wurde, auf den Thron gelangten, so blieb doch die höchste Würde stets

in derselben Familie. Bei Hofe war ein ängstliches Ceremoniell und

morgenländisches Gepränge eingeführt, den unmittelbaren Dienst bei der

Person des Monarchen versah der zahlreiche Lehnsadel.

Der Nationalgott der Azteken (man zählte an 2000 Localgötter),

Huitzilopochtli[359], war der zur Gottheit erhobene erste Anführer

gewesen, der das Volk nach Anahuac geführt. Er verlangte die meisten

Menschenopfer. Dagegen war Quetzalcoatl, ursprünglich ein Priester

und Reformator der Tolteken in Tula, aus dem Lande vertrieben, weil

er die Menschenopfer abschaffen wollte, und sollte der Sage nach an

der östlichen Meeresküste im niedrigen Waldlande am Goatzocoalco

verschwunden sein. Später verehrte man ihn als einen Gott der Luft,

als den Wohlthäter des Volkes, welches ihm die Kunst des Landbaues

und der Metallbearbeitung verdankte. Man dachte ihn sich von hoher

Gestalt, mit +weißer+ Hautfarbe und wallendem Barte. An das östliche

Meer vertrieben, schiffte er sich dort auf einem aus Schlangenhaut

gefertigten Zauberschiffe ein, nachdem er feierlich erklärt, er werde

dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Besitz nehmen. An seine

baldige Wiederkunft glaubte das ganze Volk. Die Unterdrückten und

selbst der König sahen in Cortes die Prophezeihung verwirklicht.

Die von den Tolteken geschaffene materielle Kultur hatten die Azteken

weiter entwickelt. Der Landbau stand in hoher Blüte; außer Mais,

Baumwolle und Pfeffer baute man die Aloe (Magnay) an, deren Blattfasern

Papier, deren Saft den berauschenden Pulquewein lieferte, erntete

Cacao, deren Bohnen als kleinste Münze cursirten, oder zur Bereitung

des Chocolatl (Chokolade) verwendet wurden, und Vanille. Bananen boten

die beliebteste Frucht, den Tabak rauchte man aus Pfeifen oder in Form

von Cigarren. Der Bergbau wurde eifrig betrieben, doch verstand man die

Gewinnung des Eisens nicht und bediente sich zu Messern und Schwertern

der scharfen Splitter des glasartigen Obsidians. Die Töpferei war

allgemein verbreitet, Trinkschalen schnitzte man aus Holz, bemalte sie

und überzog sie mit Firniß. Sehr geschickt waren die Handwerker in der

Herstellung buntfarbig gestickter Baumwollgewänder, wie in den zum

Schmuck dienenden prächtigen Federarbeiten. Ein lebhafter Marktverkehr

fand zu bestimmten Zeiten in den Städten statt, und durch das ganze

Land zog sich ein Netz von mit Posthäusern besetzten Straßen. Eilboten

beförderten die Befehle der Regierung. Die militärische Einrichtung

war durch Bildung von Kriegerorden und Abzeichen am Kleide darauf

berechnet, den Ehrgeiz anzustacheln. Die Soldaten trugen ein dichtes

Baumwollkleid, welches die leichten Wurfgeschosse nicht durchdringen

ließ. Die Brust der Führer war außerdem durch goldene oder silberne

Platten gedeckt. Man trug hölzerne, zuweilen mit Silber belegte und mit

Federn geschmückte Helme, außerdem auch Arm- und Beinschienen. Das Heer

war in Armeecorps von 8000 Mann und diese wieder in Compagnien zu 3-400

Mann abgetheilt. Die Waffen bestanden aus Schwertern, Lanzen, Keulen,

Bogen und Pfeilen und Schleudern. Wenn es zur Schlacht ging, trug der

Feldherr die Standarte. Im Kampfe war man vor allem darauf bedacht,

Gefangene zu machen, um sie den Götzen zu opfern.

Unter den Wissenschaften, welche von den Priestern gepflegt wurden,

hatte die Eintheilung des Sonnenjahres in 18 Monate zu 20 Tagen, wozu

am Ende des Jahres noch fünf Ergänzungstage kamen, religiöse Bedeutung,

weil danach die Opfer- und Feiertage geregelt wurden. Eine farbige

Bilderschrift wurde auf die Faserstoffe der Agave, auf baumwollene

Tücher oder sorgfältig bereitete Häute aufgetragen. Auch verstand

man auf dem gleichen Material große Karten des Reichs, der Provinzen

und der Küsten zu zeichnen. Cortes zog eine solche Karte auf seinem

Feldzuge nach Honduras zu Rathe.

Seit 1502 regierte der König Montezuma (Cortes schrieb Muteczuma).

Ehrgeizig, wie alle aztekischen Fürsten auf die Ausbreitung ihres

Reiches und ihres Cultus bedacht, denn er hatte die Stelle eines

Oberpriesters bekleidet, hatte er, allzueifrig und unbesonnen, den

Krieg in zu entfernte Landstriche getragen, bevor er alle seine

Feinde in der Nähe vollständig bezwungen hatte. So war er mit seinem

Heere bis Guatemala und Honduras (Vera-Paz), vielleicht sogar bis

Nicaragua vorgedrungen und hatte doch die Tlascalaner, in der

östlichen Nachbarschaft seiner Hauptstadt, nicht unterworfen. Ernst,

zurückhaltend, stolz, hatte er sich die Gemüther des Volkes entfremdet

und schlich mistrauisch, wie man es ähnlich von Harun al Raschid

erzählt, des Nachts vermummt durch die Gassen seiner Residenz, um

die Stimmung zu belauschen, angeblich um den ihm etwa verheimlichten

Misbräuchen in der Verwaltung auf die Spur zu kommen. Aus Mistrauen

hatte er seine Verwandten beseitigt, um des Thrones sicherer zu sein

und ließ sich den Spaniern gegenüber dann doch durch seinen Aberglauben

entwaffnen.[360]

Dieser Aberglaube bezog sich auf die bereits berührte Sage von der

Wiederkunft des Quetzalcoatl. Allerlei Zeichen deutete das Volk auf die

baldige Erfüllung dieser Prophezeihung. Der Thurm des Haupttempels war

abgebrannt, im Osten war ein seltsames Licht aufgegangen, drei Kometen

waren am Himmel erschienen u. dgl. mehr.

Im Jahre 1516 starb der Fürst von Tezcuco; in dem nun ausbrechenden

Thronstreite begünstigte Montezuma den +Cacama+ und wußte ihm das

Haupterbtheil nebst der Hauptstadt zuzuwenden, während die nördliche

Hälfte an den zweiten Sohn +Ixtlixochitl+ fiel, den sich der aztekische

König dadurch zum Feinde machte.

Unter diesen Ereignissen kam die Kunde von der Landung der Spanier.

Das Volk sah in ihnen die Erben des vertriebenen Gottes. Montezuma

berief seine Räthe. Die muthigen verlangten energischen Kampf, die

bedächtigen riethen zum Frieden. Montezuma wollte selbständig scheinen

und schlug einen gefährlichen Mittelweg ein. Auf die Botschaft des

Cortes antwortete er mit reichen Geschenken und mit der Bitte, den

beabsichtigten Besuch in der Hauptstadt zu unterlassen. Aber diese

wunderbaren Geschenke reizten die Spanier nur noch mehr.[361]

Den Wunsch Montezuma’s, die Spanier möchten mit diesen reichen

Geschenken heimkehren, befolgte Cortes nicht, er erwiderte vielmehr: er

habe den Auftrag erhalten, den König selbst zu sprechen. Eine zweite

mexikanische Gesandtschaft erschien mit neuen Gaben und wiederholte

das frühere Gesuch. Umsonst. Die Spanier blieben, aber sie mußten bald

empfinden, daß die Beziehungen zu dem aztekischen Fürstenhofe kühler

wurden. Die Indianer verließen die Nähe des spanischen Lagers, sie

lieferten keine Lebensmittel mehr und brachten dadurch die Fremden in

eine schwierige Lage. Da erschienen glücklicherweise mehrere Totomaken,

ein von den Azteken physisch und sprachlich verschiedener Volksstamm,

welcher nördlich von Vera Cruz an der Küste wohnte und erst kürzlich

von Montezuma unterworfen war, und luden Cortes zu einem Besuch in

ihrer Stadt Cempoalla ein. Der spanische Heerführer erkannte daraus,

daß das Reich Montezuma’s manche widerstrebende Elemente umfaßte,

welche er für sich gewinnen konnte. Ehe er aber diese Einladung annahm,

wurde in Vera Cruz eine förmliche Stadt mit spanischen Einrichtungen

gegründet. Dieselbe erhielt in glücklicher Verbindung der beiden

Hauptziele der Spanier: Gold und Christenthum, den Namen „Die reiche

Stadt des wahren Kreuzes“ (~Villa rica de la vera cruz~). Vor dem aus

seinen Getreuen zusammengesetzten Rathe der neuen Stadt legte Cortes

dann, indem er sich erlaubte, eine kleine Komödie aufzuführen, das

ihm von Velasquez anvertraute Amt feierlich nieder. Der Rath ernannte

ihn natürlich sofort „im Namen der spanischen Majestät“ zum obersten

Feldherrn und Richter und damit war das Abhängigkeitsverhältniß von

der Statthalterschaft Cuba als gelöst zu betrachten. Die neue Colonie

stellte sich unmittelbar unter die spanische Krone. Die Anhänger

des Velasquez, welche sich dadurch überrumpelt sahen, rotteten sich

zusammen; aber Cortes ließ die Rädelsführer in Ketten werfen und

beugte einem Aufstande vor. Dann marschirte er nach Cempoalla. Damals

zählte der Ort wenigstens 20-30,000 Einwohner, jetzt ist er verfallen.

Die Spanier wurden festlich empfangen und die Totomaken begaben sich

unter die spanische Botmäßigkeit. An Stelle der Götzentempel wurden

christliche Altäre errichtet und die Einwohner ließen sich taufen. Hier

erfuhr Cortes auch genauere Nachrichten von der feindlichen Stellung

des tlascalanischen Staats zu den Azteken.

Das Zerwürfniß, welches zwischen beiden Stämmen herrschte, bestärkte

den kühnen Spanier in seinen Eroberungsplänen. Aber ehe er ins Innere

des Landes hineindrang, mußten an der Küste die Verhältnisse geordnet

und befestigt werden. Mit Zustimmung der Soldaten wurde der ganze

bisher erworbene Schatz an Gold und Schmuck an den König von Spanien

gesendet; auch mußte der Rath von Villa rica denselben ersuchen,

Cortes als Oberfeldherrn zu bestätigen. Am 26. Juli 1519 ging Alaminos

mit einem Schiffe nach Spanien; er hatte zwar die strengste Weisung

erhalten, direct nach der Heimat zu steuern, trotzdem lief er in Cuba

an, und so erhielt Velasquez die ersten zuverlässigen Nachrichten über

den Abfall der Truppen und beschloß die Empörer zu züchtigen. Seine

Partei im Heere des Cortes erhob sich von neuem, sie wollten sich von

Cortes trennen und heimlich nach Cuba zurückkehren. Dadurch wäre dessen

Macht zersplittert, sein großer Plan erschwert. Die Hauptanstifter

wurden mit dem Tode bestraft, und um ähnlichen Verschwörungen für alle

Zeiten ein Ende zu machen, griff der Feldherr zu dem verzweifelten

Mittel und ließ die Flotte, mit Ausnahme eines einzigen kleinen

Schiffes, auf den Strand laufen, nachdem ein ihm willkommenes Gutachten

dieselbe für nicht mehr seetüchtig erklärt hatte. Alles brauchbare

Geräth, alles Eisen wurde ans Land geschafft. Bernal Diaz (I, 52),

indem er die Erzählung des Historikers Gomara corrigirt, welcher

behauptete, Cortes habe die Fahrzeuge +heimlich+ versenken

lassen, schreibt dagegen: „Es ist weltkundig, daß Cortes die Schiffe

mit +Zustimmung der ganzen Mannschaft+ und vor aller Augen auf

den Strand laufen ließ, damit auch die Seeleute an unserem Feldzuge

theilnehmen könnten.“ So war also der Rückzug abgeschnitten; es gab

fortan nur noch ein Ziel: die feindliche Hauptstadt zu erobern, zu

siegen oder zu fallen.

Nachdem in Villa rica 150 Mann und 2 Reiter als Besatzung

zurückgelassen waren, brach Cortes am 16. August mit 300 Spaniern,

1300 totomakischen Kriegern, 1000 Trägern, 15 Reitern und 7 Geschützen

auf und marschirte ins Bergland nach Westen. Durch das tropische

Küstenland kam der Zug in zwei Tagen nach Jalapa, wo in einer Höhe

von 1300 Metern die Palmen verschwinden. Je höher man stieg, desto

kühler wurde das Klima; die Pflanzenwelt änderte sich, und ehe man die

Gebirgspässe erreichte, hatte man auch die Region der Eichenwälder

bereits hinter sich gelassen. Drei Tage marschirten sie durch rauhes,

unbewohntes Land, wo mehrere von den cubanischen Indianern der Kälte

erlagen. Dann erreichten sie, an dem mehr als 4000 Meter hohen Cofre

de Perote vorbei, der südlich von ihnen lag, das Plateau von Anahuac.

Als Cortes hier einen Dorfhäuptling fragte, ob er auch ein Unterthan

Montezuma’s sei, antwortete dieser: „Wer wäre es denn nicht? Er ist

der Herr der Welt.“[362] Obwohl das Landvolk sich friedlich verhielt,

zog Cortes doch stets in fester Schlachtordnung weiter auf Tlascala.

Auf der Hochebene wurde bedeutender Maisbau getrieben, Tlascala

bedeutet „Brotland“. Das Volk der Tlascalaner war im 12. Jahrhundert

eingewandert und hatte sich nach mancherlei Kämpfen in dem Gebiete

niedergelassen. Sie standen nicht unter einem Könige, sondern sie

bildeten eine Art Bundesstaat, dessen vier Fürsten sämmtlich in

der Hauptstadt wohnten. In heftigen Kämpfen mit den Azteken hatten

sie sich auf ihrem Gebiet behauptet und ihre Freiheit bewahrt.

Den eindringenden Spaniern setzten sie den heftigsten Widerstand

entgegen. Die Anzahl ihrer Krieger schätzte Cortes auf 100,000.

Nach mehrtägigem, verzweifeltem Ringen, in welchem auch zwei Pferde

getödtet wurden, gewannen die Spanier, besonders durch ihre Kanonen,

am 5. September einen entscheidenden Sieg. Als dann auch noch der

Versuch eines nächtlichen Ueberfalls durch die Wachsamkeit des Cortes

vereitelt worden, welcher das Geständniß von der beabsichtigten

Ueberrumpelung von einem gefangenen Indianer herausgelockt hatte,

nahmen die Tlascalaner das Freundschaftsanerbieten des Siegers an und

schlossen Frieden. Der tapfere Fürst Xicotencatl erschien persönlich

im Lager der Spanier. Zum Abschluß eines Bündnisses trug besonders die

Erklärung der Leute von Cempoalla bei, daß die Fremden +Feinde+ des

Montezuma seien. Ohne den Bund mit Tlascala wäre das Unternehmen des

Cortes schwerlich gelungen. Sehr richtig befolgte dieser überall das

Princip sich Freunde zu erwerben und Frieden zu schließen. Der römische

Wahlspruch: ~Divide et impera~ verhalf auch ihm zum endlichen Siege.

Als die Nachricht von den wiederholten Siegen über die Tlascalaner zu

Montezuma drang, welcher trotz seiner großen Machtmittel den kleinen

Freistaat nicht hatte bezwingen können, befestigte sich in ihm der

Glaube immer mehr, die Spanier seien jene längst erwarteten Erben

Quetzalcoatls. Seine Boten suchten unter Ueberreichung wiederholter

Geschenke dem Heerführer der Weißen den Marsch in die Hauptstadt

des mexikanischen Reiches als ein höchst gefährliches Unterfangen

hinzustellen. Montezuma erklärte sich sogar zu einem Tribut an den

König Karl von Spanien bereit und ließ Cortes ersuchen, die Höhe

und den Umfang an Gold, Silber, edlen Steinen, Sklaven und bunten

Baumwolltüchern nach seinem Gutdünken zu bestimmen;[363] allein dieser

beharrte um so mehr bei seiner einmal abgegebenen Erklärung: er habe

von seinem königlichen Herrn den ganz bestimmten Befehl erhalten,

Mexiko selbst zu besuchen.

Am 23. September 1519 zog Cortes in Tlascala ein, die Stadt schien ihm

größer als Granada zu sein.[364] Vor einer großen Zahl von neugierigen

Zuschauern wurde täglich Messe gelesen. Mehrere vornehme Indianerinnen,

darunter die Tochter Xicotencatls ließen sich taufen und gingen mit

spanischen Officieren ein Ehebündniß ein.

In Tlascala erfuhr Cortes Genaueres über die Streitkräfte des

Beherrschers von Mexiko. Montezuma, so erzählten die Tlascalaner, habe

eine so große Kriegsmacht, daß er, wenn er einen großen Ort erobern,

oder in eine Provinz einfallen wolle, jedesmal 100,000 Mann ins Feld

rücken lasse. Die Mexikaner seien aber in allen Provinzen und bei

allen Völkerschaften, welche Montezuma ausgeplündert und unterjocht

habe, äußerst verhaßt und die mit Gewalt ausgehobenen Truppen schlügen

sich nur mit Widerwillen und ohne Tapferkeit. Dann berichteten sie

weiter von der Bewaffnung und Kriegsführung der Mexikaner und brachten

zur Erklärung alles dessen große Stücke Nequen herbei, worauf ihre

Schlachten abgebildet waren.[365] Es war also eine Militärherrschaft,

welche nur aus Furcht vor einem noch schlimmeren Regiment ertragen

wurde.

Nach einer Rast von drei Wochen rückte Cortes weiter nach Cholula,

einer der größten Städte, welche unter mexikanischer Botmäßigkeit

stand, denn sie zählte 20,000 Häuser, war ein Haupthandelsplatz und

besaß ein blühendes Gewerbe. Hier hatte Quetzalcoatl auf seinem

Marsch an die Küste 20 Jahre geweilt. Ihm war ein gewaltiger Tempelbau

geweiht, dessen Stufenabsätze im ganzen 177 Fuß hoch sich erhoben.

Oben in dem Tempel befand sich das riesige Bild des Gottes. Außerdem

gab es noch 400 andere Opferthürme in der Stadt. Die Scheußlichkeit

der Menschenopfer trat immer greller hervor, jemehr man sich der

Hauptstadt näherte. Aus mächtigen Balken waren große Käfige gezimmert,

in welchen Männer und Knaben zum Opfer gemästet wurden. Diese

Menschenställe wurden von den Spaniern zerstört und die Gefangenen

in ihre Heimat entlassen. Schon in Tlascala hatte man Cortes vor dem

hinterlistigen, heuchlerischen Charakter der Cholulaner gewarnt; aber

6000 tlascalanische Krieger, welche mit ihm zogen, um an dem Feldzuge

gegen Montezuma theilzunehmen, meldeten ihm alles, was auf eine gegen

ihn geplante Verrätherei hindeutete. So erfuhr er denn, daß ein Theil

der Stadt verbarrikadirt sei, und daß viele Einwohner den Ort bereits

verlassen hätten. Donna Marina erfuhr ferner, daß man die Spanier

bei ihrem Abzuge aus der Stadt überfallen wolle. Deshalb kam Cortes

ihnen zuvor und ließ einen Theil der versammelten Caziken und Soldaten

niederhauen. Dann drangen auch die tlascalanischen Hilfstruppen aus

ihrem Lager vor der Stadt ein und setzten, aus Haß gegen Cholula, das

Plündern und Morden fort, bis Cortes ihnen Einhalt gebot. In diesem

Straßenkampfe kamen gegen 3000 Menschen um. Der große Tempel wurde

erstürmt und verbrannt. Diese rasche Züchtigung eines Verrathes,

welcher, wie sich nachher herausstellte, auf Montezuma’s Befehl geplant

war, übte einen gewaltigen Eindruck, so daß die Nachbarstädte sich, um

einem ähnlichen Geschick zu entgehen, schleunig unterwarfen.

Dann ging der Marsch weiter nach Mexiko, dessen Thalbecken von Cholula

durch eine kurze von Süden nach Norden streichende Gebirgskette,

über welche einige Vulkankegel emporsteigen, getrennt wird. Der

Gebirgspaß, welchen die Spanier überschritten, führt zwischen den

beiden Hochgipfeln des Popocatépetl („rauchender Berg“) und dem

nördlich davon gelegenen Iztaccihuatl („weiße Frau“) hindurch. Von

der Höhe des Passes aus ließ Cortes durch den spanischen Hauptmann

Diego Ordaz eine Besteigung des Popocatépetl versuchen; aber es war

wegen der Menge Schnee, der großen Kälte und der Wirbelstürme in der

Höhe nicht möglich, den höchsten Gipfel zu erreichen. Von der Höhe

des Gebirgskammes genoß man eine herrliche Ansicht des schönen Thals

von Mexiko mit der Hauptstadt, welche, gleich Venedig, in einem See

erbaut war. Der See war damals größer als jetzt und verlängerte sich

gegen Südosten in das schmale Wasserbecken von Xochimilco und weiter

gegen Osten in den rundlichen See von Chalco, welcher von den ersteren

durch einen künstlichen Damm getrennt war. Nach der Hauptstadt selbst

führten von verschiedenen Seiten drei Dammstraßen, jede mit mehreren

Durchschnitten, über welche Holzbrücken gelegt waren. Unter denselben

konnten die Kähne von einem See-Abschnitt in den andern gelangen.

Wurden aber die Brücken abgenommen, so bestand die Dammstraße aus

mehreren inselartig von Wasser umgebenen Stücken, und es war nicht

möglich in die Stadt einzudringen. Diese war auch im Innern von

zahlreichen Canälen durchschnitten, über welche Zugbrücken führten. Die

Häuser waren mit einer Art von Brustwehr versehen und dienten jedes als

eine kleine Festung für sich.

Außer der Hauptstadt lagen noch zahlreiche Städte und Dörfer am See,

welcher zum Theil auch noch schwimmende Gärten trug, die den Reiz der

eigenthümlichen Scenerie erhöhten. Derartige Gärten haben sich noch

bis in die Gegenwart erhalten. Die Stadt Mexiko selbst zählte damals

wenigstens 60,000 Häuser, woraus man auf eine Bevölkerung von über

300,000 Einwohnern schließen kann, besaß aber auch große Marktplätze,

von denen einer so groß wie die Stadt Salamanca gewesen sein soll; der

große Opfertempel, von dessen hoher Plattform, zu welcher 114 Stufen

hinanführten, man die ganze Stadt überschauen konnte, ragte mächtig

über alle Gebäude empor. Der Haupttempel hatte 40 Thürme, alle sehr

stark von behauenen Steinen gebaut, das Gebälk wohl zusammengefügt und

bemalt. Die vornehmsten Herren in der Stadt hatten in diesen Thürmen

ihre Götzen und Familiengrüfte. Auf der Höhe der Plattform befanden

sich in einer Tempelhalle zwei Götzenbilder, welche von Gold und

Edelgestein strotzten. Hier war die Hauptopferstätte, wo die Gefangenen

auf einem Jaspisblocke geschlachtet wurden. Boden und Wände der Halle

waren schwarz von Menschenblut. Die Köpfe der Schlachtopfer wurden auf

Gerüsten aufbewahrt. An einem dieser Schädelberge wollte ein Spanier

136,000 Köpfe gezählt haben.

Trotzdem Montezuma immer wieder durch Botschafter seinen schon mehrfach

ausgesprochenen Wunsch erneuern ließ, marschirte doch Cortes gerade

auf die Stadt zu. Den Eindruck, welchen die Capitale der Azteken auf

die Europäer machte, malt Bernal Diaz in einzelnen charakteristischen

Zügen aus. „Wir gelangten,“ erzählt er, „auf die breite Heerstraße

von Iztallapan, wo uns zu erstenmale die Menge von Städten und

Dörfern, welche mitten in den See gebaut waren, die noch größere

Zahl von bedeutenden Ortschaften am Ufer und die schöne schnurgrade

Straße, welche nach Mexiko führte, ins Auge fiel. Unsere Verwunderung

stieg in der That auf das höchste, und wir sprachen unter einander,

daß hier alles den Zauberpalästen in Amadis’ Ritterbuche gleiche:

so hoch und stolz stiegen Thürme, Tempel und Häuser mitten aus dem

Wasser hervor. Ja manche unserer Leute behaupteten gradezu, daß

alles, was sie sähen, nur ein Traumgesicht sei. In Iztallapan selbst

stiegen unsere Vorstellungen von der Macht und dem Reichthum dieses

Landes immer höher. Wir wurden in wahre Paläste einquartirt, die von

ansehnlichem Umfange, mit großen Höfen umgeben, aus schön behauenen

Quadersteinen, aus Cedern- und anderm wohlriechenden Holze aufgeführt

waren. Sämmtliche Gemächer waren mit Tapeten von baumwollenen Zeugen

behangen.“

„Am nächsten Morgen zogen wir nach Mexiko. Die Dammstraße war acht

Schritt breit, aber gegenwärtig für die Menge von Menschen, welche in

die Stadt hineinwollten und aus derselben herausströmten, um uns zu

sehen, viel zu enge, so daß wir uns kaum bewegen konnten. Alle Thürme

und Opfertempel waren mit Zuschauern bedeckt, der ganze See lag voll

von Fahrzeugen, die mit Neugierigen angefüllt waren. Wer wollte sich

auch darüber wundern, da man Leute unserer Art und Pferde noch nie hier

gesehen hatte. Von Strecke zu Strecke hatten wir eine neue Brücke zu

passiren und vor uns dehnte sich die große Stadt Mexiko in all ihrer

Herrlichkeit aus. Und wir, die wir durch die zahllosen Menschenmassen

hinzogen, waren ein Häufchen von 450 Mann und hatten den Kopf noch voll

von den Warnungen der Bewohner von Tlascala und anderer Städte, und von

den Vorsichtsmaßregeln, die sie uns empfohlen, um unser Leben gegen

die Mexikaner sicher zu stellen. Wenn man unsere Lage erwägt, darf man

wohl fragen, ob es je Männer gegeben, welche ein so kühnes Wagestück

unternommen haben.“[366]

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 95 / 123 题