Bisher hatten sich fast alle Unternehmungen im Umkreis des caribischen
Meeres bewegt. Columbus selbst hatte dazu die Richtung angegeben. Seit
dem ersten Zusammentreffen mit den Bewohnern der neuen Welt waren
die Spanier bei ihren unermüdlichen Fragen nach den Goldländern auf
den Südwesten gewiesen, und diese Richtung war selbst dann maßgebend
geblieben, als Columbus an der Küste von Yukatan zuerst mit der Kultur
der Mayastämme in Berührung kam. Daher blieb das Meer im Nordosten
von Cuba zwanzig Jahre unbesucht. Der erste kühne Versuch in diesen
unbekannten Norden einzudringen, ging merkwürdiger Weise von dem
Statthalter von Puertorico, +Juan Ponçe de Leon+ aus. Die Bewohner der
Bahamainseln hatten von einem Wunderlande im Nordwesten berichtet, in
dessen Heilquellen das Alter sich verjüngen könne.[345] Ponçe de Leon
betrat dieses Land am Ostertage, 27. März, 1513 und nannte es nach dem
Tage der Entdeckung Pascua +Florida+. Er fuhr dann an der Ostküste
von Florida bis zum 10° n. Br., ließ es aber noch unentschieden, ob
es eine Insel oder ein Theil des Festlandes sei.[346] Von hier kehrte
er zur Südspitze der Halbinsel zurück und ging eine Strecke weit an
der Westküste nach Norden, wo zwischen 25° und 26° n. Br. die Bahia
de Ponçe de Leon noch den Namen des Entdeckers trägt. Die erste
Karte von Florida lieferte sein Pilot Antonio de Alaminos.[347] Die
feindselige Haltung der kriegerischen Einwohner hatte jeden Versuch
einer Besiedelung vereitelt. Mehr als Puertorico schien Cuba schon
durch seine Lage berufen der Ausgangspunkt aller Unternehmungen zu
werden, welche gegen die Länder im Westen gerichtet wurden. Die „Perle
der Antillen“ war mit leichter Mühe von +Diego Velasquez+ unterjocht,
welcher seit dem Jahre 1511 daselbst als Statthalter eingesetzt
war. Die ganze Insel wurde sammt den Indianern unter die Eroberer
vertheilt, und bei der großen Ausdehnung des Landes strömten immer
mehr Abenteurer dahin. Aber zum friedlichen Landbau nicht geneigt,
unternehmungslustig, unstät, durch jede neue Kunde von goldreichen
Ländern aufgereizt, scharten sich die jüngeren Leute bald zusammen,
um auf eigene Entdeckung und Eroberung auszuziehen. Sie rüsteten zwei
Schiffe aus, wählten Hernandez de Cordova zu ihrem Hauptmann, gewannen
Antonio de Alaminos aus Palos als Piloten und erhielten zur Ausrüstung
eines dritten Schiffes von Velasquez das Geld vorgestreckt.[348] Am
8. Februar 1517 gingen die Schiffe unter Segel und steuerten von Cuba
nach Westen. Beim Cap Catoche erreichten sie die Küste von Yukatan.
Diese Entdeckung war von höchster Bedeutung, denn hier trafen die
Spanier zuerst auf ein Kulturvolk, das prächtige Steinhäuser besaß,
sich in baumwollene Gewänder kleidete und in Tempeln von behauenen
Steinen, welche auf abgestumpften Pyramiden errichtet waren, ihren
Götzen Menschenopfer darbrachten. Ueberrascht waren die Entdecker, hier
mehrfach das Zeichen des Kreuzes in Stein gehauen zu finden, welches,
wie sie später erfuhren, ein Symbol des regenbringenden Gottes war.
Das Volk der Maya, welches das Land bewohnte, bediente sich sogar
einer eigenartigen Bilderschrift, welche noch nicht entziffert ist.
Abgesehen von der Verwendung derselben auf den monumentalen Bauwerken,
welche sich, im Urwald begraben, zum Theil noch erhalten haben und
das lebhafteste Interesse der europäischen Forscher auf sich gezogen
haben,[349] sind nur drei oder vier Manuscripte der +Maya-Sprache+
mit farbigen Bildern erhalten. Die werthvollste und umfangreichste
dieser Mayahandschriften bewahrt die königliche Bibliothek in Dresden.
Das Material dieser Handschriften besteht aus einzelnen Blättern, die
aus den Fasern der mexikanischen Agave gefertigt und mit einer feinen
Gypsschicht überzogen sind.[350] Neben den merkwürdigen Ruinen, deren
bedeutendste Ueberreste sich im Süden des Landes bei Uxmal und Palenque
finden, sind noch hohe Steinbilder, aus Monolithen geschaffen, vor der
Zerstörung durch die Spanier, welche bei der fanatischen Verbreitung
des Christenthums alle Erinnerungen an das Heidenthum der Eingeborenen
zu vernichten strebten, sowohl in Yukatan als in den Nachbargebieten
von Mexiko, Guatemala und Honduras erhalten. Diese Steinbilder stellen
vielfach vergötterte Könige und Fürsten dar, denen, nach Weise
des Heroencultus, Opfer gebracht wurden,[351] oder erschienen als
Frauengestalten in der eigenthümlichen Landestracht, erstere mit kurzem
Baumwollpanzer, letztere in gesticktem Rock mit Perlen und Fransen.
[Illustration: Eine Seite aus der Mayahandschrift der kgl. Bibliothek
zu Dresden; (Originalgröße).]
[Illustration: Tempelruine zu Uxmal.]
Die Spanier unter Cordova versuchten an mehreren Punkten der Küste
zu landen, wurden aber von den kriegerischen Bewohnern blutig
zurückgewiesen. Alaminos segelte an der Nord- und Westseite der
Halbinsel bis Champoton, südlich von Campeche; aber als hier in einem
Gefechte der Anführer lebensgefährlich verwundet wurde, stand man von
der Fortführung des Kampfes ab, da man sich zu einer Eroberung zu
schwach fühlte, und ging wieder in See. In dem Irrthum befangen, daß
der nächste Weg nach Cuba über die Halbinsel Florida führe, steuerte
Alaminos zuerst nach diesem Lande, welches er von der ersten Fahrt Juan
Ponçe’s kannte, sah sich aber auch hier von den Indianern feindlich
empfangen und segelte nach Cuba, wo Cordova 10 Tage nach der Landung
seinen Wunden erlag. Der Statthalter Velasquez berichtete über den
Verlauf der Expedition nach Spanien und rühmte sich der Entdeckung,
sowie der darauf verwendeten Kosten.[352] „Von uns aber,“ fügt Bernal
Diaz bitter hinzu, „die wir das Land gefunden hatten, wurde keiner
genannt.“[353] Im nächsten Jahre rüstete Velasquez eine neue Flotte
aus und sandte im April oder Mai 1518 vier Schiffe unter seinem Neffen
Juan +de Grijalva+ nach Yukatan ab. Als Pilot fungirte wiederum Antonio
de Alaminos; außerdem begleitete ihn der tapfere Pedro de Alvarado,
welcher sich später unter Cortes bei der Eroberung Mexiko’s hervorthat.
Südlich vom Cap Catoche erreichten sie bei der Insel Cozumel, welche
damals ein berühmtes Heiligthum besaß, gegenwärtig aber dicht bewaldet
und unbewohnt ist, die Küste Yukatans und umfuhren die ganze Halbinsel
bis zur Laguna de Terminos und bis Tabasco. Die zahlreichen gut
gebauten Ortschaften, welche man mit ihren weißen Steinhäusern am
Strande schimmern sah, erinnerten die Seefahrer an ihre Heimat, weshalb
man das Land „Neuspanien“ zu nennen anfing. Auf der Halbinsel zeigten
sich die Bewohner ebenso feindlich als bei der ersten Expedition und
erst am Rio Tabasco, welchen man den Grijalvafluß nannte, gelang
es einen friedlichen Verkehr mit dem Volke und seinen Häuptlingen
zu eröffnen. Dann ging die Fahrt nach Westen an dem gefährlichen
Gestade[354] weiter bis in die Nähe der heutigen Hafenstadt von Vera
Cruz. Hier liegen mehrere kleine Inseln am Strande, wo man landete.
Die erste erhielt den Namen Opferinsel (~Isla de Sacrificios~), weil
im Tempel kurz zuvor fünf Indianer geopfert waren. Auch auf der näher
an Vera Cruz gelegenen Insel S. Juan de Ulua waren zwei Knaben unter
dem Opfermesser der schwarzgekleideten Priester verblutet. Mit den
wachsenden Anzeichen einer höheren Kultur mehrten sich, zum
Entsetzen der Spanier, auch die Spuren des gräßlichen Opfercultus
der Mexikaner. Nichts desto weniger landete Grijalva hier mit seiner
ganzen Macht und verstand es, mit den Caziken in freundlicher Weise
Geschenke zu wechseln und die Schätze des Landes, Gold, Edelsteine
und Gefäße von wunderbarer Form im Werthe von 15 bis 20,000 Goldpesos
gegen Glasperlen, Nadeln und Scheeren auszutauschen. Hier war also
ein wirkliches Goldland gefunden, welches eine unermeßliche Beute
verhieß. Alvarado wurde mit dem ersten Gewinn und mit der Botschaft der
wichtigen Entdeckung nach Cuba zurückgesandt, während Grijalva seine
Küstenfahrt noch bis zur Landschaft Panuco, bis nach Tampico, unter
22° n. Br., weiter ausdehnte und erst an einem stürmischen Vorgebirge
abbrach, um dann über Yukatan nach Cuba zurückzukehren, wo er am 15.
November 1518 in St. Jago landete. Die bedeutsamen Nachrichten, welche
Grijalva mitbrachte, regten die Unternehmungslust des Statthalters von
Cuba mächtig an und drängten ihn zu raschen Entschließungen, um sich
den Gewinn dieser Entdeckung zu sichern. Während er einerseits Boten
mit reichen Geschenken nach Spanien sendete, um die Krone zu bewegen,
die entdeckten Gebiete seiner Statthalterschaft unterzuordnen, rüstete
er andererseits eine größere Flotte, um jene Länder zu erobern, und
ernannte Ferdinand Cortes zum Befehlshaber der Expedition.
[Illustration]
Sculpturen von Copán.
Am Fuße einer Pyramide an einem Altar stehende männliche Figur. Ueber
derselben ein baldachinartiger Aufbau von Ornamenten mit mehreren
sitzenden menschlichen Figürchen. Die Figur trägt auf dem Haupte
einen Helm in der Form eines phantastischen Thierkopfes; von ihm
hängen Zierrathen aus Goldblechstreifen, mit Perlen besetzt, zu beiden
Seiten herab. Die übermäßig großen Ohren scheinen Symbole der Würde
des Dargestellten zu sein. Die Brust bedeckt ein Panzer, der oben aus
Kugeln, unten aus gewebten Stoffen in Form von Rollen zusammengesetzt
ist. Letztere umschließt ein breiter Gürtel mit Masken und verzierten
Goldblechtafeln zwischen ihnen. Vorn hängt der Gürtel bis auf den
Boden herab. Um den Hals trägt die Figur an einem Bande eine Zierrath.
Die Arme sind mit dreifachen Armbändern, die Beine mit Kniebändern,
aus Masken und Perlen gebildet, und über den Knöcheln mit Ringen
geschmückt. Die Sculptur ist in +einem+ Steine ausgehauen und mißt in
der Höhe 364, in der Breite 133, in der Dicke 91 Centimeter.
Weibliche Figur, an einem Opfersteine stehend. Das kurze Gewand
ist mit netzartigen Ornamenten und am Saume mit Perlen und Fransen
geschmückt. Ein in derselben Weise verzierter Gürtel umschließt den
Leib; derselbe hat einen Thierkopf als Mittelpunkt und ist an den
Seiten, über den Hüften der Figur mit menschlichen Masken besetzt. Ein
breiter mit Goldblech und Perlen besetzter Streifen fällt vom Gürtel
auf den Boden herab. Die Figur trägt einen prächtigen Kopfschmuck,
dessen Kern ein phantastisches Thierhaupt ist, in welchem die Zähne
durch mit Perlen besetzte Fransen dargestellt werden. Von demselben
gehen nach beiden Seiten und oben viele Federn aus, deren größere
Ringe tragen und die auch sonst mit Rosetten, Perlen und Quasten reich
geschmückt sind. Eine kleine menschliche Figur krönt den Federschmuck;
unter ihm hängen vor den Ohren lange dünne Locken herab. Die nackten
Arme sind von Armbändern aus kleinen Platten, Perlen und Fransen
umschlossen. Die Brust wird von einem aus viereckigen, plattenartigen
Stücken zusammengesetzten Gewand bekleidet. Auf demselben liegt ein
Geschmeide, welches bis zu den Schultern reicht und daselbst in Masken
und Arabesken endigt. Die Füße sind von Halbschuhen, welche die vordere
Fußhälfte freilassen, bedeckt. Maaße: Höhe 345, Breite 98, Dicke 101
Centimeter.
[Illustration: Sculpturen von Copán: als Trachtenbilder.]