16. Die Portugiesen in Südamerika.

Es ist bereits oben (S. 129) berichtet, unter welchen Umständen bei

der zweiten portugiesischen Expedition nach Indien unter Pedralvarez

Cabral im April 1500 die Küste Brasiliens zufällig berührt wurde. Da

die Portugiesen von der fast gleichzeitig erfolgten Auffindung der

nördlicheren Gestade des südamerikanischen Continents durch die Spanier

noch keine Nachricht erhalten hatten, so hielt Cabral das entdeckte

Land für eine große Insel, welcher er den Namen Santa Cruz beilegte,

und schickte den Capitän Gaspar de Lemos mit der Kunde von dieser

Entdeckung nach Portugal zurück, während er selbst seinen Weg nach

Indien fortsetzte.

In Lissabon erkannte man sofort den Vortheil, welchen die neue Insel

den Indienfahrern gewähren könne, da sie sehr günstig gelegen sei,

um Schiffe auszubessern und Wasser einzunehmen.[321] Es wurde daher

beschlossen, durch ein zu diesem Zweck entsendetes Geschwader den von

Cabral gemachten Fund weiter untersuchen zu lassen. Um diese Zeit war

Amerigo Vespucci von seiner zweiten Fahrt, auf welcher er bis zum

8. Grad s. Br. gekommen war, zurückgekehrt und weilte in Sevilla.

Da nun Amerigo auch eine von Fachleuten anerkannte Geschicklichkeit

besaß, mittelst Quadranten die geographische Breite zu bestimmen, so

suchte König Manuel ihn zu gewinnen, die beabsichtigte Fahrt nach

dem Sa. Cruzlande mitzumachen und sandte daher einen Florentiner,

Giuliano di Bartolomeo del Giocondo von Lissabon nach Sevilla. Erst

auf wiederholte Bitte erklärte Vespucci sich bereit und reiste nach

Portugal. Im Mai 1501 liefen drei Schiffe von Lissabon aus, an Bord des

einen befand sich Vespucci, wahrscheinlich als Astronom. Der Name des

Capitäns ist unbekannt, da Vespucci, dessen Briefe die einzige Quelle

über die Fahrt sind, uns denselben verschweigt. Das Geschwader ging

an der afrikanischen Küste bis über das grüne Vorgebirge hinaus, nahm

dort bei den Bissagos Lebensmittel, Holz und Wasser ein und steuerte

dann mehr westlich haltend über den Ocean. In der Region der Calmen,

in der Nähe des Aequators, brachen furchtbare Unwetter los, welche

sie lange dort festbannten.[322] Erst am 16. August kam die Küste

von Südamerika in Sicht in der Nähe von Cap S. Roque, unter 5° s.

Br. Man nahm für den König von Portugal in üblicher Weise Besitz vom

Lande und versuchte mit den Eingeborenen einen kleinen Tauschhandel

zu eröffnen. Es entstand aber auch hier bald Mißhelligkeit und Streit

und die Europäer mußten es erleben, daß einer ihrer jungen Matrosen am

Strande erschlagen und verzehrt wurde. Man folgte nun der Küste weiter

nach Südwesten und ertheilte, wie es scheint, einzelnen Punkten den

Namen der Kalenderheiligen des Tages. Der Atlas des Vaz Dourado[323]

läßt in solcher Weise den Fortschritt der Entdeckung klar erkennen.

Demgemäß war man am 16. August, am Tage des heil. Rochus zuerst auf

den Continent am Cap San Roque, gestoßen, hatte das Cap des heil.

Augustin (8° südl. Br.) am 28. August erreicht, den Rio de San Miquel

(10° südl. Br.) am Michaelistage berührt, den Rio de San Franciso am

4. October gefunden. Weiterhin streifte man die von Cabral entdeckte

Küste und erkannte daraus, daß die von demselben als Ilha de Sa. Cruz

bezeichneten Gestade einem gewaltigen Continente angehörten, und lief

nun weiter über den Rio de Sa. Luzia, wahrscheinlich den heutigen Rio

Doce, zu welchem man nach der Bestimmung des Tages am 13. December

gelangte, zum Cabo de San Thomé (21. December). Das Sternbild des

kleinen Bären war ihnen bereits entschwunden[324] und auch der große

Bär stand nur noch sehr niedrig.[325] Vermuthlich entdeckte man den

Eingang der prachtvollen Bucht am Rio de Janeiro am 1. Januar 1502

und westlich davon die Angra dos Reis am heiligen Dreikönigstage, also

am 6. Januar, Porto de San Vicente am 22. Januar und gleich darauf

Cananea (25° s. Br.), fälschlich auf den damaligen Karten als Cananor

bezeichnet. Mit diesem Punkte hören auf den Karten, welche bis 1510

erschienen, die Küstenbenennungen auf, obwohl Vespucci berichtet, das

Geschwader habe bis zum 32° südl. Br. das Land in Sicht behalten.

Bis hieher läßt sich der Verlauf der Entdeckungen also bestimmt

verfolgen. Vespucci erzählt aber, man habe von da an ihm persönlich die

weitere Leitung übertragen und er sei nun vom Lande ab gegen Süden bis

zum 50° oder 52° s. Br. in das südliche Meer vorgedrungen, wo man am

2. April eine von Klippen umsäumte, unbewohnte, öde Küste entdeckt, an

der man 20 Seemeilen entlang gesegelt; und weil man in den südlichen

Winter hineingerieth, habe man nun die weitere Fahrt aufgegeben und

sei über den Ocean nach der Serra Leona zugesteuert. Welche Küste er

gesehen haben will, läßt sich nicht bestimmen.[326] Man hat an die

Falkland-Inseln und die patagonische Küste gedacht.

An der Küste der Serra Leona wurde eins von den drei Schiffen, welches

untauglich geworden war, verbrannt, die beiden andern langten über die

Açoren am 7. September 1502 in Lissabon an, so daß also die ganze Reise

16 Monate gewährt hatte.

Der Erfolg dieser auf Staatskosten unternommenen Erforschungsreise war

in geographischer Beziehung ein sehr bedeutender, und Vespucci verstand

es, durch seine Briefe und Berichte sich dabei als den Hauptträger

und wissenschaftlichen Leiter hinzustellen. Die ausführlichen

Schilderungen der entzückend schönen, tropischen Küstenlandschaften

des südamerikanischen Continents, dessen gewaltige Ausdehnung nach

Süden durch diese Fahrt zuerst erkannt wurde, die Schönheit des

südlichen Himmels, von dessen Sternbildern Vespucci einige unförmliche

Zeichnungen entwarf, und endlich die sichere Behauptung, daß er mit

seinen Schiffen wenigstens bis zum 50° s. Br. gekommen sei, alles

dies trug ohne Zweifel dazu bei, gerade diese dritte Reise Vespucci’s

berühmter als alle anderen zu machen; denn es war eine Seefahrt

gewesen, welche sich von Lissabon, also etwa von 40° n. Br. an, in

der Richtung der Meridiane über den vierten Theil des Erdumfanges

ausdehnte. In der deutschen Uebersetzung eines Briefes des Florentiner

Kosmographen an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de Medici wird

dieses Resultat mit den Worten zusammengefaßt. „So ist küntlich vnnd

offenbar das wir den vierdenteyl der welt durchschyffet haben.“ In

demselben Sinne gibt Ruchamer[327] diesem Abschnitt seines Werkes den

Titel: „Wie Alberich den vierten Theil der Welt entdeckt hat.“ Der

Brief Vespucci’s machte ungeheures Aufsehen, wurde 1503 zuerst durch

Jean Lambert zu Paris in lateinischer Uebersetzung und weiter in

Augsburg und Straßburg in deutscher Sprache gedruckt.

[Illustration: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes,

welchen Am. Vespucci über seine dritte Reise an Pierfrancesco de Medici

schrieb.

(Königl. Bibliothek zu Dresden.)]

[Illustration: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.

(Königliche Bibliothek zu Dresden.[328])]

Und wenn schon auf dem Titel, auf dem der König von Portugal in

herausfordernder Weise sich spreizt und mit den Errungenschaften zu

brüsten scheint, die neu entdeckten Länder als eine +Welt+ bezeichnet

werden, so spricht Vespucci selbst es in der Einleitung seines Briefes

noch deutlicher aus, daß man die großen Länderräume, welche er im

Auftrage des Königs von Portugal aufgefunden, die +neue Welt+ nennen

könne, zumal da man früher gar keine Kunde davon gehabt, vielmehr der

Ansicht gewesen sei, daß südlich vom Aequator sich nur Wasser über die

ganze Hemisphäre erstrecke. Nun seien aber zahlreiche Völker und eine

eben so reiche Thierwelt aufgefunden, wie sie in der alten Welt bekannt

sei.

Durch die Erzählungen von einer neuen Welt, welche Vespucci mit

bewußtem Stolze Asien, Afrika und Europa gegenüberstellte, verdunkelte

er das niedergehende Gestirn seines Landsmannes Columbus vollständig

und gab wenige Jahre später die Veranlassung, daß der neu entdeckte

Erdtheil seinen Namen erhielt. Der Florentiner war aber mit seinen

Erfolgen noch nicht zufrieden, er wollte, wie er an Lorenzo de

Pierfrancesco schreibt, noch einen ausführlicheren Bericht über

seine Beobachtungen und Entdeckungen liefern, „damit mein gedechtnuß

bei vnßern nachfaren, löblich beleib, Vnd des almechtigen gots so

groß köstlich, künstliche werk bekant werde.“ Zugleich kündigte er

auch seine Absicht an, noch eine vierte Reise zu unternehmen, zu

welcher bereits zwei Schiffe ausgerüstet seien. Er plante dabei nicht

geringeres, als durch den Süden nach dem Orient zu segeln,[329] oder

wie der Text der Dresdner Flugschrift noch bestimmter sagt „durch den

wyndt, genant Affricus“, also gegen Südwesten.

Es ist also zuerst von Vespucci der Vorsatz klar ausgesprochen,

auf südwestlichem Wege Indien zu erreichen und dabei vor allem den

Gewürzmarkt von Malakka aufzusuchen -- ein Gedanke, welchen Magalhães

16 Jahre später verwirklichte. Die Expedition, an welcher Vespucci

Theil nahm, stand unter dem Befehle des Gonzalo Coelho; sie zählte

sechs Schiffe und ging am 10. Juni 1503 von Lissabon ab. Von der

Serra Leona steuerte sie nach Südwesten, nach der Küste Brasiliens

hinüber; unter 4° s. B. scheiterte das größte Schiff an einer Klippe

vor der öden Felseninsel Fernando Noronha. Getrennt von einander

gingen die Fahrzeuge weiter nach dem verabredeten Sammelplatze der

Allerheiligenbai (Bahia). Als Vespucci mit seinem Begleitschiff

hier über zwei Monate vergebens gewartet hatte, folgte er der schon

bekannten Küste weiter nach Süden und legte unter 18° s. B. die erste

Niederlassung in Brasilien an, in welcher 24 Mann von dem gestrandeten

Schiffe als Colonisten blieben, nahm darauf eine Ladung Rothholz mit

und kehrte am 2. April nach Europa zurück. Am 18. Juni 1504 erreichte

er den Hafen von Lissabon. Nach und nach kamen auch die übrigen Schiffe

zurück. Das Unternehmen war vollständig misglückt, die der Expedition

vom König von Portugal gestellte Aufgabe, auf jeden Fall nach Indien

zu segeln, blieb ungelöst. Vespucci gab der Unerfahrenheit und dem

Hochmuth Coelho’s alle Schuld und meinte, da derselbe noch nicht

zurückgekehrt war, als Vespucci seinen Bericht entwarf, Gott werde ihn

wegen seines Stolzes auf dem Meere vernichtet haben.[330] Er schwebte

in Ungewißheit, was der König weiter über ihn selbst beschließen

werde. Er sehnte sich nach so vielen Anstrengungen nach Ruhe; aber auf

Belohnung für seine Dienste konnte er nicht rechnen, da die letzte

Unternehmung fehlgeschlagen war. Er nahm daher gern die Gelegenheit

wahr, mit einem Schreiben des portugiesischen Königs sich nach Sevilla

zu begeben. Hier traf er im Februar 1505 mit Columbus zusammen, der

ihn wie einen Leidensgenossen behandelte, welcher gleichfalls von dem

Undanke der Könige betroffen sei. „Vespucci,“ so schrieb der Admiral an

seinen Sohn Diego, „hat sich mir gefälllg erwiesen. Dem ehrenwerthen

Manne ist das Glück abhold gewesen, wie so vielen andern. Auch er hat

den gebührenden Lohn für seine Leistungen nicht empfangen.“[331] Der

König Ferdinand benutzte die dargebotene Gelegenheit, den tüchtigen und

kenntnißreichen Florentiner wieder für sich zu gewinnen; am 11. April

ehrte er ihn durch ein königliches Geschenk, und vierzehn Tage später

verlieh ihm sein Schwiegersohn, König Philipp, das Bürgerrecht in

Spanien.

Von da an blieb Vespucci in spanischen Diensten.

Neuerdings sind noch einige venetiansche Gesandtschaftsberichte bekannt

geworden,[332] aus denen hervorgeht, daß Vespucci noch eine fünfte

Reise unternommen und wiederum die Terra Firma berührt hat, aber ohne

neue bedeutende Entdeckungen zu machen.

Amerigo hatte von 1505 sich wieder in den Dienst Spaniens begeben und

blieb demselben bis zu seinem Tode treu. Im Jahre 1508 wurde er mit

200 Ducaten Gehalt als Reichspilot angestellt und hatte das Amt, die

Befähigung der Piloten zu prüfen und als Kartograph thätig zu sein. Daß

er Seekarten entworfen hat, finden wir mehrfach bestätigt; aber leider

hat sich kein Originalblatt erhalten. Dagegen darf mit Sicherheit

angenommen werden, daß die in der Straßburger Ausgabe des Ptolemäus von

1513 enthaltene Karte der neuen Welt (~tabula terre nove~) von Vespucci

stammt. Er starb am 22. Februar 1512 zu Sevilla und erhielt den Juan

Diaz de Solis zum Nachfolger.

Während Columbus schon bei Lebzeiten seinen Ruhm vollständig erbleichen

sah, widerfuhr dem Vespucci die unverdiente Ehre, daß bereits im Jahre

1507 der Vorschlag gemacht wurde, die neuentdeckten großen Landmassen

Amerika zu nennen.

Die +Entstehung des Namens Amerika+ ist beachtenswerth genug, um hier

ausführlicher dargelegt zu werden. Es ist bereits mehrfach darauf

hingewiesen, daß Amerigo ein fleißiger Briefsteller war, und indem er

mit einer frischen Beobachtung auch die Gabe verband, namentlich das

Völkerleben der neuen Welt in pikanter Weise zu schildern, so wurden

seine Berichte außerordentlich gern gelesen und waren in vielfachen

Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet. Außer den einzelnen Briefen

erschien seit 1507 eine zusammenfassende Darstellung seiner vier ersten

Reisen nach der Fassung, welche der Reisende selbst in den Berichten an

seinen florentinischen Freund Soderini gegeben hatte. Diese „~Quatuor

navigationes~“ (Vier Schifffahrten) erlebten wiederum eine Reihe von

lateinischen Auflagen, während weder von Magalhães’ noch von Vespucci’s

Reisen gleichzeitige spanische oder portugiesische Ausgaben bekannt

sind.

[Illustration: Lies: ~De vuestra reverendisima señoria hymylmente beso

las manos~.

_Amerrigo Vespucci_,

~piloto mayor~.

Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den

Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9.

December 1508.]

Unverkennbar macht sich in ihnen ein eitles Haschen nach Gelehrsamkeit

bemerklich, denn Amerigo citirt den Plinius, Virgil und Aristoteles,

auch ist der Verfasser, wie die meisten Reisenden seines Zeitalters

zu Uebertreibungen geneigt und weiß sich auch als praktischer

Astronom einen gewissen Nimbus zu verschaffen. Alexander von Humboldt

hat es ganz treffend als ein Uebermaß astronomischer Ruhmredigkeit

bezeichnet,[333] wenn Vespucci in Bezug auf die Längenbestimmungen

zur See sich folgendermaßen äußert: Längenbestimmungen zu machen ist

eine sehr schwierige Sache, und nur diejenigen Personen verstehen es,

welche sich den Schlaf versagen können. Ich habe die nächtliche Ruhe

so oft gemieden, daß ich mein Leben dadurch um zehn Jahre verkürzt

habe, ein Opfer, welches ich keineswegs bedaure, weil ich hoffe dadurch

in späteren Jahrhunderten mir noch Nachruhm zu erwerben. Und da er

selbst nun von seiner dritten Fahrt berichtete, er habe seine Reise

über den vierten Theil des Erdumfanges ausgedehnt und die von ihm

berührten Länder könne man wohl füglich eine Welt für sich nennen und

den Erdtheilen der alten Welt gegenüber stellen, so verbreitete sich

nun sehr rasch die Meinung, +Amerigo sei der Entdecker+, und

um so mehr wurde diese Ansicht widerspruchslos weitergetragen, weil

über die Reisen des Columbus nach dem Lande Paria und dem Goldlande

Veragua kaum ein Laut in die Oeffentlichkeit drang und weil man den

Genuesen nur für den Entdecker von „etlichen Inseln“ hielt. Man staunt

über die lange Reihe von Schriften und Verfassern, welche sämmtlich

dem Amerigo das Verdienst der Entdeckung des Festlands von Amerika

zuschreiben.[334] Daher erklärt sich auch, daß als einmal der Vorschlag

aufgetaucht war, das neue Land „Amerika“ zu nennen, man ohne Zögern den

Gedanken als einen glücklichen, treffenden bezeichnete und auch für die

weitere Verbreitung des Ausdrucks sorgte.

Anfänglich waren die Bezeichnungen für die neuen Entdeckungen noch

ziemlich unsicher und schüchtern aufgetreten, so lange man noch

keine klare Vorstellung von der großen Ausdehnung zusammenhängender

Landmassen besaß. Columbus hatte von einem neuen Himmel und einer neuen

Erde gesprochen, in lateinischer Form lautete danach die Bezeichnung

~mundus novus~ oder ~novus orbis~, was dann wieder in „neue Welt“

verdeutscht wurde. Während man in den wenigen von Columbus bekannten

Mittheilungen nur von Inseln erzählen hörte, erklärte Vespucci mit

großer Sicherheit, er habe einen neuen Erdtheil entdeckt. Kein Wunder,

daß dann die jungen Gelehrten, welche sich in der lothringischen Stadt

St. Dié mit Geographie befaßten und die vier Schifffahrten des Vespucci

in lateinischer Uebersetzung verbreiteten, auch die Ueberzeugung

gewannen, man müsse dann auch dem Florentiner zu Ehren jene Länder

nennen. Der Urheber des Namens Amerika ist +Martin Waltzemüller+.[335]

In seiner 1507 zuerst veröffentlichten Einleitung zur Kosmographie

(~Cosmographiae introductio~) gibt er im 9. Capitel eine ganz kurze

Charakteristik der Erdtheile Europa, Afrika und Asia und bemerkt dazu,

daß in der neusten Zeit diese Erdtheile nicht nur genauer bekannt

geworden, sondern daß durch Amerigo Vespucci auch noch ein vierter

Erdtheil entdeckt worden sei, welchem man mit gutem Fug und Recht den

Namen Amerige, gleichsam Amerigo’s Land oder +Amerika+ geben könne, da

sowohl Europa als auch Asia nach Frauen benannt worden seien. Ueber

Land und Leute dieses neuen Erdtheils sollen dann die der Kosmographie

angehängten vier Schifffahrten des Vespucci genaueres berichten. Da an

dieser Stelle der Name „Amerika“ zuerst in der Literatur erscheint,

so geben wir hier vorstehend eine getreue Copie dieser interessanten

Stelle.

[Illustration: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der

Name „Amerika“ vorgeschlagen wird. Aus ~Cosmographiae Introductio~ des

~Hylacomylus~ von 1507.]

Der Vorschlag Waltzemüllers fand zunächst unter den deutschen Gelehrten

Anklang. So erschien denn der Name Amerika zuerst in dem kleinen anonym

veröffentlichten Werke ~Globus mundi~ (Straßburg 1509) und in demselben

Jahre auf einer in Wien befindlichen Karte. Zwei Jahre später lesen wir

die neue Benennung in einem englischen Schauspiel (~A new interlude~).

Weiterhin begegnen wir derselben in einem 1512 von Joachim Vadianus an

Rudolf Agricola gerichteten Briefe, welcher in der 1518 erschienenen

Ausgabe des Pomponius Mela abgedruckt wurde. Im Jahre 1515 schrieb

Johannes Schöner in Bamberg den Namen Amerika auf seinen Globus.

Dann folgte die wahrscheinlich 1516 entworfene merkwürdige Weltkarte

Leonardo da Vinci’s, 1520 Peter Apian, welcher für die von Camers

(Giov. Rienzi Vellini aus Camerino in Umbrien) besorgte Ausgabe des

Solinus eine Weltkarte zeichnete, und sodann das von dem französischen

Kosmographen Oronce Fine (Orontius Finaeus) 1531 gefertigte Weltbild.

Aber allgemein befestigt war die Benennung damit noch nicht, denn

durch das ganze 16. Jahrhundert begegnen wir für Südamerika auch den

Bezeichnungen Peruana (Peru) oder Brasilia. Erst im 17. Jahrhundert

erlangte der Name allgemeine Gültigkeit.

17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von Mittelamerika

und die Entdeckung der Südsee.

Alonso Hojeda hatte bereits drei Fahrten nach der Nordküste Südamerikas

gemacht (vgl. oben S. 325 und 329), aber seine Versuche, sich in der

ihm zuertheilten Statthalterschaft von Coquibacoa am Maracaibosee

mit Waffengewalt festzusetzen, waren an dem zähen Widerstande der

kriegerischen Cariben gescheitert. Trotzdem gab der unbeugsame

spanische Ritter seine Pläne nicht auf, er ließ sich 1508 mit der

ganzen Küste, welche nun den Namen Nueva Andalusia erhielt, von neuem

belehnen und verpflichtete sich, daselbst zwei feste Plätze anzulegen.

Zu gleicher Zeit wurde einem anderen Bewerber, +Diego de Nicuesa+, der

Küstenstrich des mittelamerikanischen Isthmus von Honduras bis Darien

überwiesen; die Grenze sollte der Atrato bilden, welcher sich in den

Golf von Darien ergießt. Gegen Osten, auf dem Gebiet Hojeda’s, trug

die Landschaft den indianischen Namen Uraba, gegen Westen erstreckte

sich weiterhin das goldreiche Veragua. Hojeda ging im Herbst 1509

mit vier Schiffen und 300 Mann nach seinem Gebiete unter Segel. In

seiner Begleitung befanden sich der Pilot Juan de la Cosa, als sein

Stellvertreter, und Francisco Pizarro. Kurz darauf folgte Nicuesa,

welcher über bedeutendere Mittel verfügte, mit sieben Segeln und 700

Mann und steuerte nach Veragua.

Hojeda landete in der Gegend von Cartagena und beschloß die Dörfer der

Cariben zu überfallen, um die Einwohner zu Sklaven zu machen. Mit dem

Erlös der Beute hoffte er einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu

können. Vergebens warnte Juan de la Cosa vor den vergifteten Geschossen

der kriegerischen Küstenstämme, deren Gefährlichkeit er auf früheren

Fahrten hatte kennen lernen, und empfahl weiter westlich zu landen;

allein Hojeda verschmähte den wohlgemeinten Rath. Mit einer Schar von

70 Mann rückte er in der Morgendämmerung aus, überwältigte das erste

Dorf, machte alles nieder, was Widerstand leistete, und brachte die

Ueberlebenden als Menschenbeute auf seine Schiffe. Nach diesem ersten

Erfolge aber überließen sich die Spanier in der heißen Mittagszeit

sorglos der Ruhe und wurden nun von den benachbarten Indianern,

deren Ortschaft gleichfalls bedroht war, vollständig überrumpelt.

Unter den Giftpfeilen der Cariben fielen alle Spanier, zuletzt auch

Juan de la Cosa; nur Hojeda, der sich hinter seinem großen Schilde

vollständig decken konnte, schlug sich durch und rannte der Küste zu,

aber ohne die Schiffe erreichen zu können. Zum Glück kam zur selben

Zeit Nicuesa mit seinem Geschwader in dieselbe Gegend, fand Hojeda’s

Schiffe und beschloß, mit dem Reste der Mannschaft desselben die

Gegend zu durchstreifen, um das Schicksal der Expedition gegen die

Indianer aufzuklären. Zuerst fand man Hojeda, tief im Mangrovegebüsch

versteckt, wohin er sich geflüchtet hatte, entkräftet durch Hunger,

sprachlos vor Erschöpfung, aber den Degen in der Faust und am Arme

den Schild, auf welchem gegen 300 Pfeilschüsse zu zählen waren. Dann

kam man zur Stätte des unheilvollen Ueberfalls und stieß auf die

Leiche Cosa’s; dieselbe war an einen Baum gebunden und von zahllosen

Geschossen durchbohrt, „ein Igel von Pfeilen“. Von dem todbringenden

Gift gräßlich aufgedunsen, bot die Leiche ein so grauenvolles Bild,

daß keiner der Spanier, aus Furcht, von einem ähnlichen Schicksal

betroffen zu werden, auch nur noch eine Nacht an dem Orte zu bleiben

wagte. Alle kehrten zu den Schiffen zurück: Nicuesa steuerte nach

Veragua, Hojeda lief an dem Gestade westwärts und gründete im Anfange

des folgenden Jahres 1510 am Golf von Uraba, hart an der Grenze seines

Gebiets eine Niederlassung, welche er San Sebastian nannte und durch

ein festes Blockhaus sicherte. Aber da die Indianer der Nachbarschaft

ebenso kriegerisch und feindselig waren als bei Cartagena, so sahen

sich die Ansiedler fast ganz auf ihr Blockhaus beschränkt und durften

es einzeln nicht verlassen, aus Furcht, von den lauernden Cariben

aus dem Hinterhalte erlegt zu werden. So stellte sich bald Mangel an

Lebensmitteln ein und in seinem Gefolge Unmuth und Mißstimmung, welche

zu Meutereien ausartete; und wenn auch Hojeda strenge Mannszucht zu

halten verstand, so war er doch nicht im Stande, der immer drohender

nahenden Hungersnoth vorzubeugen. Um Verstärkungen an Abenteurern

heran zu ziehen, sandte er ein Schiff mit Sklaven und Gold nach Haiti.

Durch die vielverheißenden Berichte ließ sich ein spanischer Colonist

von Haiti, namens Talavera, welcher, weil er in Schulden steckte, die

Insel zu verlassen wünschte, mit einer Anzahl verwegner Leute gleicher

Lage verleiten, ein mit Lebensmitteln beladenes Schiff, welches an der

äußersten Südwestspitze von Haiti vor Anker lag, zu überfallen und

in Besitz zu nehmen, um mit diesem Raube dem Goldlande zuzusteuern.

Die Ankunft der Räuberbande mußte der bedrängten Colonie Hojeda’s

willkommen sein; sie brachte eine namhafte Verstärkung an Mannschaft

und -- Brot. Nach dem rechtlichen Erwerb des Schiffes und der Fracht

durfte der Leiter der kleinen Ansiedlung nicht fragen. Mit neubelebtem

Muthe trat man den Indianern entgegen; aber schon bei einem der

nächsten Ausfälle aus dem Blockhause erhielt Hojeda einen vergifteten

Pfeilschuß in den Schenkel. Um den bekannten, unausbleiblichen

Wirkungen der gefährlichen Verletzung zuvorzukommen, ließ der kühne

Hidalgo sich die Wunde mit einem glühenden Eisen ausbrennen und einen

in Essig getauchten Verband darumlegen. Und nur durch solche unerhörte

Energie rettete er sein Leben.

Kaum war er genesen, so ging er auf Talavera’s Schiffe selbst nach

Haiti, um neue Zufuhr herbeizuschaffen, da sich ohne dieselbe seine

Colonie nicht aufrecht erhalten ließ. Als seinen Stellvertreter ließ

er den Francisco Pizarro[336] zurück und setzte fest, daß, wenn er

binnen 50 Tagen nicht wieder erschienen sei, Pizarro die Niederlassung

ausheben und mit dem Reste der Leute Veragua aufsuchen könne.

Hojeda landete mit dem Piratenschiff an der Südküste Cuba’s. Unter

unsäglichen Beschwerden wanderte er dreißig Meilen weit durch die

menschenleeren Strandsümpfe und Lagunen ostwärts. Tagtäglich betete

er zu seiner Patronin, der Jungfrau Maria, deren Bildniß, in Flandern

gemalt und ein Geschenk seines Gönners Fonseca, er am Halse trug.

In dem ersten Indianerdorfe, welches er antreffen würde, gelobte

er dem Madonnenbilde eine Capelle zu bauen. Und als er mit seinen

Leidensgefährten, halb verhungert und verschmachtet, dasselbe

erreichte, führte er sein Gelübde aus. Denn er fand freundliche

Aufnahme und die Indianer gaben ihm sogar Führer und ein Boot, um ihn

nach Haiti hinüberzubringen. Talavera mit seinen Raubgesellen fiel

hier in den Arm der Gerechtigkeit und erlitt für seine Verbrechen

den Tod am Galgen. Hojeda wurde freigesprochen; aber auch sein Muth

war gebrochen, er starb, von allen Freunden verlassen, in tiefster

Armuth, wahrscheinlich 1515. Ein tragisches Geschick hatte alle seine

hochfliegenden Pläne vereitelt. Die anmuthige Rittergestalt war ein

Schreckbild für alle Glücksjäger geworden. Er selbst fühlte dies in

tiefster Seele und verfügte in seinem letzten Willen, man solle ihn an

der Schwelle der Klosterkirche des heiligen Franciscus in San Domingo

begraben, damit jeder, welcher das Gotteshaus besuche, den Fuß auf

seinen Grabstein setzen müsse. So wollte er selbst noch im Grabe für

seinen Stolz büßen und sich demüthigen.

Nachdem die verabredeten fünfzig Tage verflossen waren, ohne daß von

Hojeda irgend welche Kunde einlief, entschloß sich Pizarro im Sommer

1510 mit den letzten sechzig Mann, die ihm noch geblieben waren, die

unglückliche Niederlassung von San Sebastian in Uraba aufzulösen

und mit seinen zwei Schiffen den Weg nach San Domingo (Haiti)

einzuschlagen. Aber das Misgeschick verfolgte sie auch aufs Wasser.

Das eine Fahrzeug ging im Sturme unter, das andere stieß unerwartet

auf ein Schiff des Rechtsgelehrten (Baccalaureus) Martin Fernandez

de Enciso, welcher auch an der Küste der Tierra firme als Entdecker

und Colonisator sein Glück versuchen wollte. Aber auch Enciso verlor

an der Ostspitze des Golfs von Darien, an der Punta Caribana, sein

Schiff, und die Mannschaft sah sich genöthigt, am Strande hin nach der

nahe gelegenen Niederlassung von San Sebastian zu gehen. Da man aber

die kaum verlassenen Hütten bereits durch die Indianer zerstört und

verbrannt antraf, entschloß sich der ganze Haufe der unglücklichen

Abenteurer, auf die andere Seite des Golfs hinüber zu ziehen und sich

dort festzusetzen, ohne sich viel darum zu kümmern, daß dieser Theil

der Küste bereits zu Veragua, also unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s

gehörte. Die Anregung zu diesem Schritte gab Vasco Nuñez +Balboa+,

ein armer Edelmann aus Jerez de los Caballeros in Estremadura, südlich

von Badajoz. Derselbe zählte damals etwa 38 Jahre, war aber schon vor

fast zehn Jahren mit Bastidas in dieser Gegend gewesen und hoffte dort

einen günstigern Boden für eine Ansiedlung zu finden, als in Uraba.

Jahre lang hatte er dann auf Domingo, wo er Ländereien erhalten,

Feldbau getrieben. Aber des einförmigen Landlebens überdrüssig und

von Schulden gedrückt, suchte er eine Gelegenheit, sich seinen

Verpflichtungen zu entziehen. Als Enciso im Hafen von Domingo seine

Ausrüstung betrieb, nahm Balboa diese Gelegenheit wahr, ließ sich, da

nach dem Gesetz kein Schuldner ohne Wissen seiner Gläubiger die Insel

verlassen durfte, von seinem Landgute aus in einer Proviantkiste an

Bord schaffen und kam erst auf offner See, als er sich sicher glaubte,

aus seinem Versteck hervor. Enciso hatte zwar anfangs die Absicht, um

nicht selbst durch Balboa’s Erscheinen in Ungelegenheit zu kommen, den

Eindringling an der ersten wüsten Insel auszusetzen, ließ sich dann

aber bewegen, den Flüchtling als guten Kriegsmann zu behalten.

In der neuen Niederlassung am Flusse Darien, welche den Namen Santa

Maria del Antigua erhielt, wollte Enciso, der sich für den einzigen

rechtmäßigen Leiter ansah, alles nach seinen gelehrten Rechtsbegriffen

ordnen und leiten, fand aber dabei in der Schar der zügellosen

Abenteurer den heftigsten Widerstand. Militärischem Commando entzogen

sie sich nicht, aber die Fesseln einer papiernen Rechtspflege ertrugen

sie nicht. Balboa trat an die Spitze der Widersacher und erklärte den

Baccalaureus für abgesetzt und gefangen; doch ließ man ihn später

wieder los. Enciso durfte nach Spanien zurückkehren. Die Erbitterung

Balboa’s gegen diesen Rechtsgelehrten war so groß, daß er noch im

Anfange des Jahres 1513 an den König von Spanien schrieb und bat,

er möge allen Juristen und studirten Leuten, außer den Medicinern

verbieten, die Tierra firme zu betreten, denn sie hätten alle den

Teufel im Leibe und stifteten mit ihren tausenderlei Rechtshändeln und

Niederträchtigkeiten nur Unheil an.[337]

Doch in Santa Maria del Antigua erschien bald wieder die Noth und

der Mangel an Lebensmitteln, welcher namentlich in den ersten

Stadien der Bildung einer neuen Colonie verhängnißvoll geworden ist.

Glücklicherweise brachten im November 1510 zwei Schiffe unter Rodrigo

Enriquez de Colmenares unerwartete Hilfe. Dieselben waren für Rechnung

Nicuesa’s mit Lebensmitteln befrachtet und liefen an der Küste hin, um

dessen Niederlassung aufzusuchen. Colmenares ließ sich bewegen, einen

Theil seiner Vorräthe an Balboa und seine Leute abzugeben und setzte

dann seine Reise fort, um +Nicuesa+ aufzufinden.

Dieser war im November 1509, also ein Jahr vorher, von Cartagena

nach Darien gegangen und steuerte von da nach Veragua. Einer Karte

des Bartolomé Colon folgend, war er irrthümlich über das Ziel

hinausgerathen. Der Sturm trieb die Schiffe auseinander, einige

gingen unter, mit dem letzten lief er nothgedrungen in die Mündung

eines Flusses ein, wo dasselbe auf den Grund gerieth und durch den

heftigen Wogenschwall zerschlagen wurde. Die Mannschaft rettete sich

ans Land. In der Nähe des von Columbus entdeckten Vorrathshafens

(~puerto de bastimentos~) legte er nothgedrungen seine Niederlassung

an und gab ihr den Namen Nombre de Dios. Von Lebensmitteln entblößt,

an einer fieberschwangern Küste zwischen Sümpfen und dichten Wäldern

festgehalten erlag die Schar der Colonisten größtentheils den vereinten

Angriffen von Krankheit und Hunger. Colmenares fand nur noch die

bleichen Trümmer einer stattlichen Ausrüstung. Als Nicuesa durch

ihn von der Unternehmung Balboa’s hörte, der sich auf seinem Gebiet

an einem günstigen Platze festgesetzt hatte, beschloß er mit den

Ueberlebenden, -- er zählte nicht mehr als sechzig Mann -- sich dorthin

zu wenden und Nombre de Dios aufzugeben. Als einige Jahre später

(1515) Gonzalo de Badajoz mit achtzig Mann hier ans Land ging, um in

das Innere des Isthmus einzudringen, fand er in der Nähe von Nicuesa’s

Blockhaus nur noch zahlreiche Steinhaufen, mit rohen Holzkreuzen

versehen, unter denen die Leichen der Verhungerten bestattet waren.

Balboa’s Colonie hatte sich indessen, dank der ihr durch Colmenares

gewordenen Unterstützung, fester organisirt und die erste schwerste

Prüfungszeit glücklich überwunden; aber sie war nicht gewillt, sich

unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s zu begeben. Man war gefaßt darauf, daß

der nominelle Herr von Veragua seine Ansprüche werde geltend machen

und hatte darum auf den Höhen an der See Wachtposten ausgestellt,

um nicht durch einen unerwarteten Besuch Nicuesa’s überrascht zu

werden. Als dieser nun mit seiner sehr gelichteten Schar auf dem

Schiffe des Colmenares erschien, rotteten sich die Ansiedler von

Santa Maria zusammen und der „~procurador de la ciudad~“ rief

ihm vom Strande mit lauter Stimme entgegen, bei Todesstrafe keinen

Fuß ans Land zu setzen. Zurück in seine unheilvolle Colonie konnte

Nicuesa nicht; ließ man ihn nicht in Santa Maria ans Land, so war er

unabwendbar dem Verhängniß verfallen. Trotz aller Verhandlungen und

Vorstellungen beharrte das Volk auf seinem Willen, und drohte zu den

Waffen zu greifen. Erst am nächsten Morgen ließ man den unglücklichen

Mann ans Land kommen, aber nur, um ihm einen Theil seiner Gefährten

zu entfremden und ihm selbst dann hinterlistiger Weise einen Eid

abzunehmen, der ihn verpflichtete, unverzüglich wieder in See zu gehen

und an keinem Punkte in der neuen Welt anzulaufen, sondern direct nach

Spanien zu segeln. Vergebens wies Nicuesa auf die gefährlichen Folgen

eines solchen verrätherischen Verfahrens hin (auf Balboa’s Haupt sollte

das gleiche Geschick fallen), man ließ ihm nur die schlechteste und

am wenigsten seetüchtige Brigantine und stieß ihn im März 1511 mit 17

Leidensgefährten aufs Meer hinaus. Es ist ungewiß, ob Balboa oder sein

Genosse Zamudio der Hauptanstifter dieses Verraths gewesen. Nicuesa ist

verschollen, nirgends ist eine Spur von ihm aufgefunden. Die Reste von

drei verunglückten Colonisationsversuchen waren von da ab, in einer

Stärke von 300 Mann, unter Balboa’s energischer Leitung in Santa Maria

del Antigua vereinigt.

Aus der ganzen Reihe der Abenteurer traten nur zwei Männer von

bekanntem Namen hervor, Balboa und Pizarro. Pizarro, damals noch in

untergeordneter Stellung, wurde von Balboa herangezogen und erhielt zu

kleinen Unternehmungen das Commando. So kam er empor und sollte später

an Balboa die Hand legen, um dessen Laufbahn ein plötzliches Ende zu

bereiten. Aehnlich war dieser mit Enciso und Nicuesa verfahren.

+Balboa+ drang auf glücklichen Streif- und Beutezügen ins freiere

Binnenland von Darien und bis ins Quellgebiet des Chucunaque vor,

der sich in den großen Ocean, in den Golf von San Miguel ergießt.

Als ein eingeborner Fürst, Panciaco, die Goldgier der Spanier sah,

wies er sie nach dem südlichen Meere, welches man in sechs Tagereisen

übers Waldgebirge erreichen, aber auf dem näheren Gebirgskamme

bereits sehen könne. Schon Columbus hatte dunkle Kunde von jenem

anderen Meere erhalten, jetzt trat die Nachricht bestimmter auf. Um

aber in jene völlig unbekannten Räume vordringen zu können und das

Gestade des gegenüberliegenden Meeres zu erreichen, bedurfte man

bedeutenderer Kräfte, als sie augenblicklich der in Noth befindlichen

Colonie zur Verfügung standen. Dem Admiral Don Diego Colon sollte

ein Schiff die wichtige Entdeckung nach Haiti melden und die Bitte um

Zusendung von Waffen und Lebensmitteln vortragen; aber das Fahrzeug,

welches zugleich den königlichen Fünften an Gold überbringen sollte,

scheiterte an der Küste von Yukatan. Die Mannschaft rettete sich zwar

anfänglich ans Land, fiel dort aber dem Stamm der Maya in die Hände,

welche die Gefangenen zum Theil in ihren Tempeln opferten, zum Theil

als Sklaven behielten. Einer dieser letzteren, der Pater Jeronimo

de Aguilar wurde 1519 durch Cortes befreit. Als der Erfolg dieser

Schiffssendung ausblieb, schickte Balboa das letzte verfügbare Schiff

1512 direct nach Spanien, zufällig kamen vom Admiral im folgenden

Jahre zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln nach Darien und befreiten die

hungerleidenden Ansiedler aus äußerster Noth. Noch günstiger war, daß

eine Schar von 150 Mann die bereits zusammengeschmolzene Zahl der

Colonisten verstärkte und daß der Statthalter von Haiti dem Balboa

die Oberleitung übertrug. Aber trotz dieser Anerkennung fürchtete

Balboa mit Recht, daß man ihn in Spanien als Empörer gegen Enciso und

Nicuesa nicht so glimpflich behandeln und ihm einen Nachfolger senden

werde, denn Enciso war nach Spanien gegangen und hatte beim indischen

Rathe Klage gegen ihn erhoben und seinen Verrath gegen Nicuesa

gebrandmarkt. Balboa war daher entschlossen, durch eine große That den

übeln Eindruck seines Verrathes abzuschwächen. Er faßte den Plan, das

südliche Meer auszusuchen und die daran grenzenden reichen Gebiete

der spanischen Krone zu unterwerfen. So brach er am 1. September 1513

mit 190 Spaniern, 600 einheimischen Lastträgern und einer Meute von

Bluthunden von seiner Niederlassung auf und ging mit einer Brigantine

und neun großen Canoes an der Küste entlang nordwestlich nach Careta’s

Dorf. Der Häuptling gab ihm von hier Wegweiser mit ins Innere. Diese

Richtung des Marsches zeigt, daß Balboa über die Lage der Südsee wohl

unterrichtet war, denn von dem Punkte aus, wo er landete, beträgt die

Luftlinie zu dem gegenüberliegenden Gestade nur neun Meilen, und die

Waldgebirge auf dieser Landenge erheben sich nur 700 Meter hoch. Aber

dicht verschlungener Urwald umhüllt den mittelamerikanischen Isthmus

dergestalt, daß kaum ein Sonnenstrahl das Blätterdach durchdringt und

den Boden erreicht. Selbst noch in unserem Jahrhundert ist ein Marsch

über die Landenge mit den größten Schwierigkeiten verbunden. So hat

im Jahre 1853 der bekannte Reisende Carl v. Scherzer sich vergebens

bemüht, weiter im Westen, im Staate Costarica, unter dem 10° n. Br. von

Angostura aus, den Hafen von Limon zu erreichen. In Begleitung von 30

Trägern, unterstützt von Ingenieuren mußte man nach vergeblicher Arbeit

von 16 Tagen davon abstehen, die Küste des nur 10 Meilen entfernten

caribischen Meeres zu erreichen. Der Wald war überall so dicht, daß

nur ein fahler Schein, der durch die Blätternacht brach, die Tageszeit

verkündete.[338]

[Illustration: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee.]

Auf versteckten Waldwegen, auf denen die Indianerstämme sich zu

nächtlichem Ueberfall und Raub beschleichen, drang Balboa’s Schar

ins Gebirge hinein, welches hier, der Ostküste näher, sich am Golfe

von Darien hinzieht. Dahinter erstreckt sich, von zahlreichen Bächen

durchschnitten, das Waldland bis ans südliche Meer. Der Uebergang über

die Cordillere, ohnehin durch die natürlichen Verhältnisse erschwert,

wurde überdies den Spaniern durch die Häuptlinge, in deren Gebiet

Balboa eindrang, streitig gemacht. Erst am 25. September konnten die

eingebornen Wegweiser dem spanischen Anführer die langersehnte Meldung

machen, daß er auf dem nächsten, vor ihnen liegenden Bergrücken das

neue Meer sehen werde. Balboa ließ den ganzen Zug halten, er wollte

+zuerst+ sich an dem Anblick der Südsee erfreuen. Allein schritt

er voran und erreichte den Gipfel. Er fällt auf die Kniee, hebt die

Hände zum Himmel empor, grüßt den Süden und dankt Gott und allen

Himmlischen auf das innigste, daß ihm als einem Manne von nicht

hervorragenden Gaben, nicht vornehmer Geburt ein solcher Ruhm zu

theil geworden. Dann winkt er den Gefährten mit der Hand und zeigt

ihnen das ersehnte Meer. Alle sinken auf die Kniee, und Balboa fleht

zum Himmel, namentlich zur Jungfrau Maria, daß das Unternehmen einen

glücklichen Ausgang finden möge. Jubelnd stimmen alle den Lobgesang

an und blicken auf das Land hinunter. Kühner als Hannibal, der seinen

Soldaten von den Alpenhöhen herab das italische Land zeigte, verheißt

er den Genossen unermeßliche Schätze. Zum Zeichen der Besitznahme wird

von rohen Steinen ein Altar aufgethürmt. Dann werden beim Hinabsteigen

rechts und links die Namen des Königs in die Bäume geschnitten, damit

die Nachwelt die kühnen Entdecker nicht der Lüge zeihen könne, daß die

große That nicht wirklich ausgeführt sei.[339] Der begleitende Notar

Andres de Valderrabano nahm über das wichtige Ereigniß der Entdeckung

und Besitzergreifung ein Protokoll auf, in welchem alle 67 anwesenden

Spanier aufgezählt wurden, an zweiter Stelle nennt er den Geistlichen

Andres de Vera, als dritten Francisco Pizarro. Noch ein siegreicher

Kampf mußte ausgefochten werden, um die Häuptlinge zum Frieden und

zum Bündniß zu bewegen, dann erreichte Balboa am 29. September mit 26

Begleitern die Mündung des Sabanas, der sich in den innern Golf von

San Miguel ergießt, welcher nach dem Tage der wichtigen Entdeckung

seinen noch jetzt gültigen Namen erhielt. Bei eintretender Flut schritt

Balboa mit Schwert und Fahne bis an die Kniee ins Wasser der See und

nahm von allen Ländern, Gestaden und Inseln dieses Meeres „vom Nordpol

bis zum Südpol“ im Namen seines königlichen Herrn feierlich Besitz.

Wochenlang blieb er dann an der Küste des Golfes, befuhr auf den Böten

der Eingeborenen die Südsee und machte die anwohnenden Häuptlinge

tributpflichtig. Vor den Augen der Spanier wurden im Golf von S. Miguel

Perlen gefischt, doch wurde der weiter draußen gelegene Archipel der

Perleninseln, wegen der stürmischen Jahreszeit, noch nicht aufgesucht.

Der Anführer selbst zog auch hier wieder möglichst genaue Erkundigungen

über die näheren und ferneren Landschaften ein und ließ sich von dem

Caziken Tumaco über eine mächtige Nation im Süden berichten, welche

unermeßlich reich sein, Schiffe und Lastthiere besitzen sollte, wie sie

in der Nähe von Darien nicht bekannt waren. Eine Figur aus Thon, welche

Tumaco von diesem Hausthiere fertigte, sah fast wie ein Kamel aus. Die

Spanier erhielten so die erste Kunde von dem Goldlande Peru und von dem

dort in Herden gezüchteten Lama. Auf keinen der Zuhörer machten diese

Erzählungen einen tieferen Eindruck als auf Pizarro, der den lockenden

Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte.

Am 3. November trat Balboa den Rückmarsch an, er schlug einen anderen

Weg ein und zog das Thal des Chucunaque, welches damals noch gut

bevölkert war, bis zu den Quellen des Flusses hinauf. Trotz der

mühevollen Märsche fanden die Spanier Gelegenheit den einheimischen

Fürsten ihre Schätze an Gold abzupressen und für jedes kleine

Vergehen die grausamste Justiz an denselben auszuüben. So wurde der

Cazike Poncoa, nachdem er sein Gold hingegeben, nebst drei anderen

Häuptlingen, schmachvoll den Bluthunden geopfert und von diesen

zerrissen. Unter der täglich schwerer werdenden Last von Gold sanken

die erschöpften Träger nieder; aber erst als auch den Spaniern die

Kräfte zum Weiterzuge versagten, machte Balboa eine längere Rast in dem

Dorfe Pocorosa’s und kehrte von da nach Careta zurück. Am 19. Januar

1514 erreichte er endlich seine Niederlassung in Sa. Maria del Antigua

wieder, ohne einen Spanier verloren zu haben. Im darauffolgenden

März sandte der glückliche Entdecker ein Schiff nach Spanien mit dem

Berichte über seinen kühnen Zug und wußte den Werth seiner Eroberung

durch Beifügung eines ansehnlichen Schatzes von 20,000 Castellanos an

Gold und 200 der besten Perlen als königlichen Antheil an der Beute in

das beste Licht zu setzen. Die Kunde von der Entdeckung eines neuen

Oceans machte natürlich das größte Aufsehen. Von nun an konnte erst

mit Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die neue Welt wirklich, wie

man bisher angenommen, einen Theil von Ostasien bilde, oder ob, was

immer wahrscheinlicher wurde, das von Columbus erreichte Indien, einen

Welttheil für sich bilde. Die Folgen der Entdeckung waren unermeßlich,

sie gaben den ersten Anstoß zu der Weltumsegelung Magalhães’ und zu der

Eroberung Peru’s durch Pizarro.

Aber Balboa sollte die Früchte seiner glänzenden That nicht ernten.

Sein Schicksal war bereits besiegelt, als seine Sendung in Spanien

eintraf. Bereits am 11. April 1514 war sein Nachfolger, der 60jährige

+Pedrarias de Avila+ mit einer ansehnlichen Flotte von ca. 20 Schiffen

und 1500 Mann nach Darien unter Segel gegangen. Hätte Balboa sich

mit der Absendung des Schiffes mehr beeilen können, und wäre seine

Botschaft um vier Wochen früher nach Spanien gelangt, so hätte sein

Geschick und das der ganzen Colonie von Darien gewiß eine andere

Wendung genommen. Allein der Leiter der indischen Angelegenheiten, der

Bischof Fonseca, war über den an seinem Günstlinge Nicuesa verübten

Verrath empört und daher entschlossen, gegen Balboa auf das strengste

zu verfahren. Die Nachricht von Balboa’s Entdeckung würde seine

Maßnahmen unfehlbar gemildert oder ganz verändert haben, aber bis zur

Absendung Pedrarias’ hatte Balboa keinen Fürsprecher in Spanien.

Der neue Statthalter des Landes Castilla aurifia, denn so hatte der

König befohlen, solle das Gebiet der Eroberung Balboa’s in Zukunft

heißen,[340] landete am 30. Juni 1514 in Sa. Maria del Antigua. Er

brachte ein so glänzendes Gefolge von Rittern und gelehrten Männern

mit, wie es die neue Welt noch nicht beisammen gesehen. Viele von ihnen

haben sich in der Folgezeit hervorgethan und in der Geschichte der

Eroberung einen dauernden Namen erworben. Vier unter diesen Männern

haben uns werthvolle historische und geographische Arbeiten über die

neue Welt hinterlassen: +Bernal Diaz del Castillo+, der Waffengefährte

des Cortes, schrieb eine Geschichte der Eroberung Mexiko’s, Gonzalo

Fernandez de +Oviedo+, welcher als Inspector (~veedor~) eingesetzt

wurde, schrieb die ~historia general de las Indias~, der Baccalaureus

+Enciso+, welcher das Amt eines Alguacil mayor (Gerichtsbeamter)

bekleidete, verfaßte eine ~Summa de geografia~, und +Pascual de

Andagoya+ aus Cuartango in der Provinz Alava, der Mitentdecker von

Nicaragua, entwarf eine Schilderung der Thaten der Spanier unter der

Herrschaft des Pedrarias de Avila.[341] Außerdem betraten den Boden

Amerika’s Diego +Almagro+, der Eroberer von Chile, +Benalcazar+, der

Eroberer von Quito und Bogota, Fernando de +Soto+, der Waffengefährte

Pizarro’s und Entdecker des mittleren Mississippithals, und Francisco

Vasquez +Coronado+, der Eroberer von Cibola und Quivira. Als erster

Pilot der Flotte wird Juan +Serrano+ genannt, welcher mit Magalhães

die erste Reise um die Erde unternahm und zugleich mit diesem auf den

Philippinen getödtet wurde.

Die große Schar der neuen Ankömmlinge sah sich bei der Landung sehr

enttäuscht, da für die Urbarmachung des Landes und für Gewinnung von

Feldfrüchten fast noch nichts geschehen war. Die Umgebung von Sa. Maria

war mit Wald und Sümpfen bedeckt, der Landbau war völlig vernachlässigt

und wurde erst nach Balboa’s Rückkehr von der Südsee in Angriff

genommen. Auch Pedrarias de Avila war nicht der Mann, um hier energisch

einzugreifen und Hilfe zu schaffen. In kurzer Zeit erlagen gegen 500

der Neuangekommenen dem Fieber und Hungertode, andere wurden von

Indianern getödtet. Der neue Statthalter war zu alt für einen solchen

gefährlichen und verantwortlichen Posten; mißtrauisch und eifersüchtig

auf Balboa’s Ruhm, überwachte er seinen Nebenbuhler mit argwöhnischem

Auge. Hart gegen die Indianer und auf gewaltsame Eroberungen bedacht,

ward er mehr zum Verwüster als zum Begründer eines Colonialgebiets. Las

Casas verurtheilt ihn, ohne seinen Namen zu nennen, aufs schärfste,

wenn er schreibt: „Im Jahre 1514 kam ein unseliger Statthalter nach der

Terra firme, der grausamste Tyrann, ohne Erbarmen und ohne Klugheit,

ein Werkzeug des göttlichen Zorns.“[342]

Zunächst wurde +Ayora+ mit 400 Mann ausgesandt, um eine Reihe

von Stationen von einem Meere zum andern anzulegen. Es war ein

Vernichtungszug gegen die eingeborenen Häuptlinge, die der grausame

Spanier verbrennen, hängen oder von Hunden zerreißen ließ. Aber seine

Gründungen wurden von den erbitterten Indianern wieder zerstört. Im

November 1515 sollte Antonio Tello de +Guzman+ die Pläne Ayora’s wieder

aufnehmen. Ebenso grausam wie dieser drang er gegen Westen über die

Landenge und erreichte zuerst +Panama+. Von hier aus plünderte er die

Landschaft Chagre, wurde auf dem Rückwege von Indianern angegriffen,

kam indeß glücklich nach Maria del Antigua zurück.

Im Juni 1515 machten Balboa und der von Pedrarias ernannte Befehlshaber

Luis +Cavillo+ einen Zug nach +Dabaiba+ am Atrato gegen Süden, um die

dortigen, angeblich von Gold strotzenden Tempel aufzusuchen. Aber die

Indianer griffen die spanischen Böte auf dem Flusse an und stürzten

dieselben um, wobei Cavillo das Leben einbüßte. Der Rest kehrte

unverrichteter Sache nach der Colonie zurück. Als in der Folgezeit noch

drei andere Expeditionen nach dem goldenen Tempel fehl schlugen, gab

man die Eroberung nach dieser Richtung auf.

Inzwischen kam im Juli 1515 aus Spanien eine Anerkennung für Balboa’s

Leistungen; er wurde, allerdings unter dem Oberbefehl des Pedrarias,

zum Adelantado der Südsee ernannt und bekam dadurch einen eignen

Verwaltungs- oder Vergewaltigungsbezirk. Aber diese Gestade an der

Südsee waren das einzige kostbare Land in der Terra firme, ohne

welches die Ostseite, wo Pedrarias hauste, völlig werthlos war. Dazu

war es gesünder und für Europäer zuträglicher. Sollte Pedrarias es

seinem Rivalen überlassen? Er schickte seinen Neffen Gaspar de Morales

und Pizarro mit 60 Mann an den Michaelsgolf, um die Perleninseln zu

erobern. Mit 30 Mann gingen sie auf Böten nach der Isla rica, wie

Balboa die größte Insel im Perlenarchipel genannt hatte, hinüber, vor

dessen Häuptling selbst die Fürsten des Festlandes zu zittern schienen.

Nach einem erbitterten Kampfe unterwarf sich der Inselfürst und bot

den Fremden einen Korb voll kostbarer Perlen an. Dann führte er seine

Gäste auf den Thurm seines Hauses, zeigte ihnen alle Inseln, die unter

seiner Botmäßigkeit standen und sämmtlich ergiebige Perlenfischerei

besaßen, und berichtete von der mächtigen Nation im fernen Süden,

deren Schiffe er oft gesehen habe. Während Pizarro’s Phantasie aufs

neue lebhaft dadurch angeregt wurde und mit kühnen Plänen ins Weite

schweifte, hielt sich Morales an das vor Augen Liegende und dachte nur

an die Ausbeutung der besetzten Inselgruppe. Zu dem Zweck legte er dem

unterworfenen Fürsten einen jährlichen Tribut von 100 Mark Perlen auf.

Dann kehrten die Spanier nach dem festen Lande und nach der Ostseite

des Continents zurück, wobei wiederum unerhörte Schandthaten gegen die

Eingebornen verübt wurden. Bei einer zu freundschaftlichem Gespräch

berufenen Versammlung hetzte man die Bluthunde unter die Häuptlinge

und ließ achtzehn Caziken zerreißen; zu Hunderten wurden die Indianer

hingemordet und als die gefühllosen Räuber dann von dem ergrimmten

Volke verfolgt wurden, schlugen sie hundert gefesselten Eingebornen,

Weibern und Kindern, welche sie als Sklaven vor sich her getrieben

hatten, die Köpfe ab oder skalpirten sie, nur um die Verfolger von

weiterem Nachdringen abzuschrecken. Selbst Balboa berichtete mit

höchstem Unwillen über solche Greuel; aber der Neffe des Gouverneurs

ging ohne Strafe aus.

Um eine Versöhnung zwischen den beiden Rivalen Pedrarias und Balboa

herbeizuführen, regte Quevedo, Bischof von Darien, eine Heirath

zwischen der ältesten Tochter des Statthalters und dem Entdecker der

Südsee an; beide Parteien schienen dazu geneigt, aber Pedrarias lauerte

nur auf eine Gelegenheit, den ihm lästigen Eidam unschädlich zu machen.

Diese Gelegenheit bot sich, sobald Balboa seine Machtstellung am

großen Ocean erweitern wollte. Um den Befehl des Königs, eine sichere

Verbindungslinie zwischen beiden Meeren herzustellen, in Ausführung

zu bringen, wurde jenseit Careta der Hafenplatz Acla angelegt und

auf trocknem Grund ein festes Blockhaus errichtet. Von diesem Punkte

aus sollte dann Balboa das Material zum Bau mehrerer Schiffe über

den Isthmus schaffen und am Strande der Südsee zu seetüchtigen

Fahrzeugen zusammenzimmern lassen. Als Balboa aber nach Acla kam,

fand er den Platz bereits durch die Indianer wieder zerstört, die

spanische Besatzung todt. Es war also seine Aufgabe, zunächst das

Blockhaus wieder herzustellen und die Indianer zu unterwerfen. Geraume

Zeit verstrich, ehe das Baumaterial für die kleine Flotille mühsam

auf dem Rücken indianischer Lastträger über die Landenge geschafft

werden konnte, wo es am Rio Balsa, dem untern Laufe des Chucunaque,

zusammengesetzt werden sollte. Aber hier zeigte sich, daß es zu lange

am Strande von Acla der Witterung und zerstörendem Insektenfraß

ausgesetzt gewesen war, so daß man aus den durchbohrten und morschen

Planken kein seetüchtiges Fahrzeug bauen konnte. Und doch hatte der

nutzlose Transport von Holz und Eisen über den Isthmus an 500 Indianern

das Leben gekostet. Las Casas gibt den Verlust an Menschenleben sogar

auf 2000 an. Man mußte also von neuem an die Arbeit gehen, um das

Baumaterial herbeizuschaffen.

Inzwischen war König Ferdinand, 1516, gestorben und es hieß, Pedrarias

werde in der Person des bisherigen Gouverneurs auf den Canarien, Lope

de Sosa, einen Nachfolger erhalten. Um durch diesen nicht in seinen

Unternehmungen an der Südsee gehemmt zu werden, beeilte sich Balboa,

seine Schiffsausrüstung zu vollenden. Aber dieser Eifer wurde ihm

falsch ausgelegt. Die Freunde des Pedrarias behaupteten, er wolle

sich vom Statthalter von Darien unabhängig machen und direct mit der

spanischen Krone in Verbindung treten. Das sah Pedrarias als Verrath

an, denn Balboa hatte seinen Auftrag binnen 18 Monaten ausführen sollen

und diese Zeit war unter den mühsamen Vorbereitungen verstrichen,

ehe er hatte in See gehen können. Als nun Balboa zum letztenmal auf

Einladung des Pedrarias nach Acla zurückkehrte, um durch persönliches

Eingreifen die Ausrüstung zu beschleunigen, und mit dem Statthalter die

Ziele seines Unternehmens zu besprechen, ließ dieser ihn durch Pizarro

gefangen nehmen und nach kurzem Proceß, den Espinosa als Alcalde mayor

zu führen hatte, nebst vier Anhängern enthaupten; wahrscheinlich im

Jahre 1517. Balboa war etwa 42 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein

Unglück für die Entwicklung der spanischen Herrschaft. Rohe Abenteurer

zertraten in kurzer Zeit Land und Volk und machten das Gebiet fast

menschenleer. Sicher hatte Balboa sich gegen den unglücklichen Nicuesa

schwer vergangen, aber das Urtheil des Pedrarias war ein ungerechtes.

Nachdem die Krone seine Verdienste durch Ernennung zum Adelantado

anerkannt hatte, war damit zugleich Verzeihung für sein früheres

Benehmen ausgesprochen. Leider ist die ganze Geschichte der spanischen

Eroberungen in der neuen Welt eine unausgesetzte Reihe von Treubruch

und Verrath, und diesem Verhängniß erlag auch Balboa. Aber kühn in

seinen Unternehmungen, fest im Entschluß, als Staatsmann und Krieger

zum Befehlen geboren, gebildet und von reifem Urtheil, hätte unter

seiner Leitung die Colonie einen ungeahnten Aufschwung nehmen können.

Zwar hatte auch unter Balboa das Land gelitten, aber weit schlimmer

wurden die Verhältnisse unter Pedrarias und die Verödung der einst

volkreichen Landstriche nahm dermaßen zu, daß es im Anfange des 17.

Jahrhunderts in der Provinz Panama mehr Neger als Indianer gab.

An der Südsee wurde Espinosa Balboa’s Nachfolger. Mit Hilfe der von

Balboa erbauten Flotte von vier Brigantinen und der verfügbaren

Mannschaft gründete er 1519 die Colonie von Panama, welcher Karl V.

im Jahre 1521 Stadtrecht verlieh. Aber in dem ungesunden Klima gingen

in den ersten 28 Jahren 40,000 Menschen dort zu Grunde. Daher befahl

Philipp II. später den Ort zwei Meilen weiter westwärts an einer

gesünderen Stelle anzulegen und bestimmte als Ausgangspunkt für die

Isthmusstraße +Puerto Bello+, nordöstlich von Aspinwall oder

Colon, von wo jetzt die Eisenbahn nach Panama hinüberführt.

Espinosa unterwarf die Stämme und Landschaften auf dem Isthmus und

Bartolomé Hurtado befuhr die Küste der Südsee bis zum Golfe von

Nicoya (unter 10° n. Br.), und in den folgenden Jahren gingen alle

von Pedrarias angeordneten Entdeckungsfahrten nach Nordwesten, im

ausgesprochenen Gegensatz zu den Plänen Balboa’s, der sein Augenmerk

stets nach dem Süden gerichtet hatte. Möglicherweise ließ auch schon

Pedrarias nach einer mittelamerikanischen Meerenge forschen, wie sie

später so eifrig von Cortes gesucht wurde.

Noch weiter als Espinosa gelangte +Gil Gonzalez de Avila+. Derselbe

hatte zwar im Jahre 1519 durch königlichen Befehl das Commando über

die Flotte Balboa’s erhalten, mußte aber, da Pedrarias über dieselbe

bereits verfügt hatte, auf den Perleninseln 4 andere kleine Fahrzeuge

bauen und segelte damit im Jahre 1521 zunächst nach dem Dorfe Nicoya’s,

wo der Häuptling sich willig mit sammt seinem Volke taufen ließ,

und entdeckte dann weiter das fruchtbare, offene, volkreiche Land,

das nach seinem damaligen Fürsten noch den Namen +Nicaragua+ trägt.

Die Kultur zeigte sich bei den Indianern, je weiter man nach Norden

kam, immer mehr entwickelt, denn die Landschaften von Nicaragua und

Honduras standen bereits unter dem Einfluß der von Mexiko und Yukatan

her verbreiteten höheren materiellen und geistigen Bildung. Gonzalez

verließ seine Schiffe und zog friedlich zu dem Fürsten Nicaragua, der

an dem See gleichen Namens hauste und von dessen Macht ihm bereits

Nicoya erzählt hatte. Auch Nicaragua ließ sich mit 9000 Mann auf einmal

taufen und ließ es ruhig geschehen, daß der Spanier mit seinem Pferde

in den See hineinritt, von dem Wasser trank und durch diese Ceremonie

von dem umgebenden Lande Besitz ergriff. Auch bei diesem Zuge sollen

100,000 Pesos in Gold erbeutet sein.[343]

Auf dem Rückwege an die Küste wurde Gonzalez zwar von den Eingebornen

angegriffen, aber seine Schar behauptete den Sieg und erreichte

glücklich den Strand der Südsee. Inzwischen hatte der Steuermann Andres

+Niño+ die Entdeckungsfahrt weiter bis zur Fonsecabai und darüber

hinaus bis auf „die Rückseite von Yukatan“ fortgesetzt.[344]

Am 25. Juni 1523 kam die ganze Expedition nach Panama zurück. Die alte

Niederlassung Santa Maria del Darien (Antigua) begann schon 1521 zu

veröden und wurde 1524 ganz aufgegeben. An ihre Stelle trat Panama.

Zur weiteren Ausbeutung seiner Entdeckungen, die ihm Pedrarias nur

unter +seinem+ Namen gestatten wollte, begab sich Gil Gonzalez nach

S. Domingo, warb Schiffe und Mannschaften und segelte damit im

Frühling 1524 nach der Ostküste von Nicaragua und Honduras und wollte

an der Mündung des Rio Ulea landen. Er benannte den Hafen Puerto de

Caballos, weil er gezwungen wurde, im Sturme mehrere Pferde über Bord

zu werfen, um das Schiff zu retten. Dann ging er weiter nach Osten zum

Cap Honduras und drang von hier aus gegen Süden in der Richtung zum

Nicaraguasee vor. Dort stieß er auf eine Abtheilung der spanischen

Schar, welche um dieselbe Zeit von Süden her unter dem Commando des

Hernandez de Cordova dasselbe Gebiet zu erobern suchte. Gewissenlos

fiel er über seine Landsleute her und nahm ihnen ihre Beute an Gold

und ihre Waffen ab. Als er aber nach Puerto Caballos zurückkam, wurde

ihm wiederum von Cristoval d’Olid, welchen Cortes entsendet, das Land

streitig gemacht. Ueber den Ausgang dieser Unternehmungen werden wir im

Verlauf der Eroberung Mexiko’s (Cap. 2. 24) weiter zu berichten haben.

Auch Francisco Hernandez de Cordova war von Pedrarias zur Eroberung

Nicaragua’s ausgesendet. Er legte den Grund zu den Städten Granada,

am nordwestlichen Ende des Sees und Leon, in der Nähe des Golfes von

Fonseca. Eine Brigantine, am Gestade der Südsee auseinander genommen

und im Nicaraguasee wieder zusammengesetzt, diente zur Befahrung

des Binnensees und entdeckte den Abfluß desselben, den Rio S. Juan,

den man aber wegen der Klippen und Stromschnellen nicht bis zum

caribischen Meere verfolgen konnte. Wie fast alle Conquistadoren, wenn

sie einigen Erfolg gehabt, strebte auch Cordova nach Unabhängigkeit

von dem Statthalter Pedrarias. Seine Hauptleute Hernando de Soto und

Compañon, welche den Verrath misbilligten, sagten sich von ihm los und

kehrten nach Panama zurück. Da raffte sich Pedrarias zum letztenmal

auf, erschien mit seinen Truppen unerwartet in Nicaragua, nahm den

rebellischen Hauptmann gefangen und ließ ihn in Leon 1526 enthaupten.

Als er im Februar 1527 nach Panama zurückkam, war sein Nachfolger

Pedro de los Rios bereits auf dem Isthmus gelandet. Pedrarias zog

sich nach Leon zurück und starb 1530. Dreizehn Jahre hatte das Land

unter seiner Verwaltung geseufzt, er war nicht mehr fähig gewesen,

seine Unterbefehlshaber zu zügeln, welche unter einander und gegen den

Statthalter selbst zu den Waffen griffen. Die dissoluten Verhältnisse,

welche seine schlechte Leitung über die herrlichen Landschaften von

Mittelamerika gebracht, machten sich auf immer fühlbar. Sein Name war

mit Recht verrufen.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 93 / 123 题