_Westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten
Erdkarte. Original (auf Pergament) im Marine-Museum zu Madrid.
Facsimile-Reproduktion in ½ der Höhe des Originals._]
[Illustration: _Die englischen Entdeckungen unter Cabot in Nordamerika
und die spanischen Entdeckungen in Mittel- und Südamerika sind durch
Wappenfähnlein kenntlich gemacht. -- Die über das ganze Kartenblatt
laufenden, von den Strichrosen ausgehenden Linien sind nur an ihren
Durchschnittspunkten markiert. Die weissen Stellen im Festland von
Amerika bezeichnen im Original befindliche Löcher._]
Von dem Golf aus drangen die Schiffe am 24. August durch den engen Hals
in die innere Bucht, in den See von Maracaibo ein, an dessen Eingange
sie den Hafen San Bartolomé benannten. Langsam vorrückend, besuchten
sie darauf die westlich vom Golf gelegene Halbinsel Guajira. Bis hieher
ist auf der Karte Juans de la Cosa der Verlauf der Küste recht wohl zu
erkennen; an dieser Halbinsel endete die Entdeckung am 16. September
bei dem Cabo de la vela. In der Ferne sah man noch einen hohen Berg,
welcher bei Cosa Monte de Santa Eufemia heißt, wahrscheinlich die
Sierra nevada von Santa Marta. Dann brach man die Untersuchung des
Continentes ab und steuerte in sieben Tagen nach Haiti hinüber und
lief am 23. September in die Bucht von Yaquimo ein. Dem Vicekönig,
welcher damals mitten in dem unerquicklichen Streit mit Roldan lag,
war der Besuch Hojeda’s höchst unbequem, so daß er noch nach Jahren
in dem Briefe an die Amme des Prinzen Juan darauf zurückkommt mit den
Worten: „Dann kam Hojeda, in der Absicht, diese Unordnungen auf Haiti
zu besiegeln.“
Nach dem Bericht Vespucci’s nahm das Geschwader von Haiti aus den Weg
durch die Bahama-Inseln, wo man, um einen Theil der Ausrüstungskosten
decken zu können, 232 Menschen raubte, um sie in Spanien als Sklaven zu
verkaufen, und kehrte endlich, auf der Fahrt von den Açoren nach den
Canarien verschlagen, in Mitte Juni 1500 nach Cadix zurück.
Wenn man auf Cosa’s Karte die Insel Cuba bereits als Insel dargestellt
sieht, obwohl dieser Kartograph wenige Jahre früher eidlich seine
Ueberzeugung hatte zu Protokoll geben müssen, daß er Cuba für das
Festland von Asien halte (s. S. 278), so sollte man vermuthen, daß
vielleicht auch auf dieser Expedition Hojeda’s schon das Westende Cubas
aufgefunden sei. Darauf weist auch eine etwas unbestimmt gehaltene
Bemerkung Peter Martyrs, daß von gewisser Seite behauptet sei, man habe
Cuba umfahren.[310]
Der Gewinn der Unternehmung war gering. Nach Abzug der Kosten blieben
nur 500 Ducaten, welche unter 55 Personen zu vertheilen waren.
Daher kam es auch, daß die geographischen Erfolge weniger Beachtung
fanden, als sie verdienten, und daß die zwei Monate früher vollendete
Expedition des +Per Alonso Niño+ mehr Eindruck machte, weil der
materielle Gewinn ein größerer war.
Palos und das benachbarte Moguer[311] waren durch die Unternehmung
des Columbus mächtig angeregt. Wie die dortigen Seeleute sich der
ersten Fahrt angeschlossen, so versuchten sie späterhin mehrfach in
selbständigen Expeditionen nach der neuen Welt ihr Glück.
Der erste war +Per+ (Pedro) +Alonso Niño+ aus Moguer, welcher
unter Columbus die erste und dritte Reise mitgemacht hatte[312] und von
dem Banquier Luis Guerra in Sevilla die Mittel zur Ausrüstung eines
Schiffes unter der Bedingung erhielt, daß dessen Bruder Cristobal
Guerra nominell die Leitung erhalte. Das kleine Fahrzeug von fünfzig
Tons segelte mit 33 Mann im Juni 1499, einige Tage nach der Abfahrt
Hojeda’s, von Palos ab. Fonseca hatte dazu die königliche Erlaubniß
erwirkt, aber unter der Bedingung, daß sie sich wenigstens 50 Leguas
von denjenigen Plätzen entfernt hielten, welche Columbus berührt
hatte.[313]
Mit günstigem Fahrwinde erreichten Niño und Guerra die Küste von
Paria etwas südlicher als Columbus und gingen, nachdem sie am Golfe
Brasilholz geschlagen, durch den Drachenschlund nach der Perlenküste
(~Costa de perlas~ auf Cosa’s Karte) mit der Absicht, dort Perlen
einzutauschen. An der Küste von Cumana und la Guaira machten sie den
reichsten Eintausch, denn sie langten 14 Tage eher dahin als Hojeda.
Westwärts gingen sie nur bis zu der Landschaft Cauchieto, wo nach
Angabe der Indianer viel Gold zu finden war. Allein darin fanden sie
sich getäuscht. In Folge dessen gingen sie im Anfang November noch
einmal nach Cumana und der Insel Margarita zurück, welche Columbus
nicht betreten hatte, und traten dann die Heimreise an, nachdem sie
die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß das entdeckte Land ein
Continent und keine Insel sei, da sie Hirsche, Eber und anderes Wild
angetroffen, wie man es auf Inseln nicht findet, und da sie eine
bedeutende Strecke an der Küste hingefahren waren.[314] Im Februar
(nach Andern im April) erreichten sie die Nordwestküste von Spanien
wieder und liefen in den galicischen Hafen von Bagona ein. Die gesammte
Ausbeute belief sich auf 96 Mark (~libras octunciales~) Perlen, von
denen ein Fünftel an den königlichen Fiscus abgegeben wurde. Der
glückliche Verlauf und der reiche Gewinn reizte zu neuen Fahrten.
Am Schlusse desselben Jahres 1499 brach von Palos ein zweites
Geschwader auf. Die reiche Familie der Pinzone hatte es auf ihre
Kosten ausgerüstet. An der Spitze standen +Vicente Yañez Pinzon+ und
seine Neffen Diego Fernandez und Perez Arias. Am 18. November gingen
4 Caravelen unter Segel und steuerten von der capverdischen Insel St.
Jago am 13. Januar 1500 gegen Südwesten trotz Stürme und großer Gefahr
über den Aequator. Jenseit des fünften Grades südl. Br. stießen sie am
26. Januar südlich von dem Cap S. Roque auf die brasilianische Küste
und nannten den ersten Landvorsprung das schöne Vorgebirge, Rostro
Hermoso. Die Portugiesen nannten dasselbe später Cap Sa. Cruz oder S.
Agostinho. Juan de la Cosa bezeichnet diese Stelle mit der Inschrift:
„Dieses Cap wurde im Jahre 1499 (irrthümlich statt 1500) für Castilien
entdeckt, der Entdecker war Vicentians.“[315] Der Führer der Expedition
stieg mit mehreren königlichen Notaren ans Land und nahm für den König
von Spanien Besitz von demselben, indem er Zweige von den Bäumen
abhieb, von dem Wasser des Landes trank und Kreuze errichtete. Ein
Versuch, mit den Eingebornen in friedlichen Tauschverkehr zu treten,
wurde durch das feindselige Benehmen derselben vereitelt. Man steuerte
darauf an der Küste des Landes gegen WNW. So wurde also auch, wie
Peter Martyr triumphirend schreibt, hier, jenseit des Oceans die alte
Streitfrage, an welcher sich Philosophen, Dichter und Kosmographen
lebhaft betheiligt hatten, ob nämlich der heiße Aequatorialgürtel für
Menschen bewohnbar sei, endgiltig durch den Augenschein gelöst.[316]
Auf der Weiterfahrt geriethen sie mit den Indianern in blutigen
Streit, welcher mehreren Matrosen das Leben kostete. Sie hielten daher
etwas von der Küste ab und gelangten vor die Mündung des mächtigen
Amazonenstroms; sie waren nicht wenig erstaunt, als sie in einer
Entfernung von 40 spanischen Meilen vom Lande trinkbares Wasser von
der Meeresfläche schöpfen konnten. Daß solche gewaltige Massen von
süßem Wasser, welche den Ocean bedeckten, nur von einem Riesenstrome
herrühren konnten, wurde klar, jemehr sie sich nun dem Gestade
näherten, an welchem sie mehrere Inseln entdeckten. Auf einer derselben
nahmen sie 36 Eingeborene gefangen und führten sie als Sklaven mit sich
fort. An der Mündung des Marañon, wo sie zuerst den Polarstern wieder
zu Gesicht bekamen, beobachteten sie eine Springflut und glaubten aus
den Angaben der Indianer zu verstehen, daß weiter aufwärts am Fluß
viel Gold zu finden sei. Offenbar hatte man ein bedeutendes Festland
vor sich, dem man unmöglich die kleine Bezeichnung „Insel“ ertheilen
konnte, man müßte denn, wie Martyr bemerkt, die ganze bewohnte Erde
(~universum terrae orbem~) als Insel ansehen. Wegen der ungeheuren
Breite des Amazonenstroms, welche die Entdecker auf 30 spanische Meilen
schätzten, hielt Martyr die Erzählung anfangs für eine Fabel. Als er
sie dann aber weiter fragte, ob sie nicht etwa eine Meerenge für einen
Fluß angesehen hätten, bemerkten ihm jene, daß, je weiter man in den
Strom hinauf fahre, das Wasser um so süßer werde. Durch diese Erklärung
beruhigt, ruft der Verfasser der Decaden aus: „Wer will es der Natur
nehmen, daß sie nicht noch größeres selbst als diesen Fluß schaffen
könne!“ Die Entdeckung des gewaltigsten Stroms der Erde erregte mit
Recht die staunende Bewunderung der Zeitgenossen. So verschwommen aber
waren damals noch die Vorstellungen, welche man über diese Gebiete in
Spanien hatte, daß Peter Martyr glaubte, der Marañon sei derselbe Fluß,
den Columbus auf seiner dritten Reise gefunden; der Amazonenstrom und
Orinoco schienen ihm also identisch. Daß beide neben einander existiren
könnten, schien unglaublich.
Aus den prachtvollen Urwäldern nördlich vom Strome, wo sie Riesenstämme
antrafen, welche 16 Männer kaum zu umspannen vermochten, nahmen sie
eine Ladung von Brasilholz[317] mit und gingen dann am Orinocodelta
vorüber durch den Drachenschlund, entdeckten jenseit Trinidad die
Insel Tabago, berührten mehrere der kleinen Antillen und trafen am
23. Juni 1500 in Haiti ein. Von hier aus wandte sich das Geschwader,
welches weder Gold noch Perlen gewonnen hatte, zur Menschenjagd
nach den Bahama-Inseln, verlor aber in einem furchtbaren Sturm zwei
Schiffe. Die beiden andern Fahrzeuge erreichten am 30. September 1500
den heimatlichen Hafen. Der geographische Erfolg dieser Reise war ein
bedeutender, aber der materielle Gewinn fehlte vollständig. Die Droguen
und Hölzer, welche man für Ingwer und Zimmet gehalten, waren werthlos.
Es blieb nur die Sklavenfracht und das Brasilholz; dazu stürzte der
Verlust zweier Schiffe die Familie der Unternehmer in Schulden und ließ
den Gedanken an eine Fortführung der Pläne nicht aufkommen, obwohl
man dem Ziele weit näher gekommen zu sein meinte, als Columbus; denn
man war überzeugt, über Catai hinaus das indische Gestade jenseit des
Ganges erreicht zu haben.[318]
Kaum einen Monat später, als die Pinzone, brach ebenfalls von Palos,
etwa in der Mitte des December 1499 +Diego de Lepe+ mit zwei Schiffen
auf und segelte von der capverdischen Insel Fuego 500 Leguas gegen
Südwesten, bis er in der Nähe von Cap Agostinho auf die Küste des
Festlandes stieß. Der Verlauf der Expedition am Marañon vorüber nach
dem Parialande ist ziemlich derselbe wie bei der Fahrt der Pinzone;
doch würde Lepe’s Reise noch ein besonderes Interesse gewinnen, wenn,
wie vermuthet ist, Amerigo Vespucci daran theilgenommen hätte und der
Bericht von der zweiten Schifffahrt des Florentiners sich auf Diego
de Lepe’s Unternehmung bezöge.[319] Vespucci, welcher zweimal am Cap
Agostinho war, bestimmte die südliche Breite desselben zu 8 Grad, nach
den Aussagen Sebastian Cabots, Juan Vespucio’s u. a. (Navarrete III,
319. 320). Andreas Morales entwarf nach den Angaben der Entdecker und
der nachfolgenden Expeditionen eine Karte für den Bischof Fonseca,
auf welcher auch die Lage des Cap Agostinho nach Rücksprache mit
Lepe angegeben war. Diego de Lepe’s Karte wurde später auch von Juan
Diaz de Solis geprüft. Das Cap Agostinho gewann aber deshalb eine so
große Wichtigkeit, weil man durch seine Fixirung den ersten festeren
Anhalt für die Bestimmung der Demarcationslinie zu finden glaubte.
Lepe’s Karte wurde dabei zu Rathe gezogen und Vespucci hat, nach der
Aussage namhafter Zeugen, seine Lage bestimmt (Navarrete III, 319). Die
Beziehungen zwischen Diego de Lepe und Amerigo Vespucci treten dadurch
so deutlich hervor, daß die Vermuthung, Vespucci habe mit Lepe seine
zweite Reise gemacht, dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ueber
Haiti kehrten die Schiffe wieder heim und langten vor dem November 1500
in Spanien an, denn schon am 9. November desselben Jahres ist ein Erlaß
der spanischen Majestäten, Diego Lepe betreffend, ergangen (Navarrete
III, 80).
Um die Küsten des caribischen Meeres weiter zu erforschen, zog
+Rodrigo de Bastidas+ im October 1500 mit zwei Schiffen von Cadiz
aus, besuchte den Golf von Venezuela, sowie die Länder im Süden und
Westen der Landschaft Coquibacoa. Von Cabo de la vela begann er seine
Entdeckungen, berührte die Küste der Sierra nevada de Sa. Marta und
drang über die Mündung des Magdalenenstroms in das Innere des Golfes
von Darien (oder Urabá). Von hier wandte er sich nach Nordwesten und
verfolgte den Saum der darischen Landenge bis zur Punta San Blas oder
dem nahegelegenen Puerto de Escribanos.[320] Er erreichte also den
Isthmus von Panama vor Columbus, welcher erst am 26. November 1502
hieher gelangte. Durch diese Reise des Bastidas wurde die Aufnahme der
Nordküste Südamerikas vollendet.
Im Januar 1502 machte sich +Hojeda+ zum zweitenmale auf, nachdem er zur
Beschaffung der Mittel sich mit Juan de Vergara und Garcia de Ocampo
oder del Campo verbunden und mit der Krone durch Vermittlung Fonseca’s
einen Vertrag geschlossen hatte, wonach ihm die Umgebung des Golfes
von Maracaibo unter dem Namen einer Statthalterschaft von Coquibacoa
oder Cichibacoa überlassen wurde. Er ging mit vier Schiffen über die
Capverden nach der Küste von Venezuela, entdeckte den Golf von Coro,
den östlichen Theil des Golfs von Venezuela und beschloß dort eine
Niederlassung zu gründen; aber die Eingeborenen vertheidigten ihr Land
mit den Waffen und tödteten in einem Gefechte zwanzig Spanier. Mangel
an Lebensmitteln riefen unter der Mannschaft einen Aufruhr hervor, in
welchem Hojeda gefangen genommen und in Ketten geworfen wurde. Dann
gaben die Meuterer die Ansiedlung auf und gingen nach Haiti, wo Hojeda
dem Gericht überliefert und nach Spanien gebracht, im Jahre 1503 aber
völlig freigesprochen wurde.
Noch unglücklicher verliefen die beiden Expeditionen, welche 1504
nach jenen Gegenden auszogen. Das eine Geschwader unter +Cristobal
Guerra+ und +Luis Guerra+ bestand aus vier Schiffen, das andere
unter +Juan de la Cosa+ aus drei oder vier Schiffen. Nachdem sie
die Gestade Venezuelas gebrandschatzt und Menschenraub getrieben
hatten, scheiterten mehrere der Fahrzeuge am Golf von Darien. Man
sah sich gezwungen, dreiviertel Jahr unter Hunger und Mühsal an der
Küste auszuharren, wobei mehr als die Hälfte der Mannschaft dem
Fieber erlag. Von den 200 Abenteurern beider Geschwader retteten sich
schließlich nur etwa vierzig über Jamaica und Haiti nach Spanien. Trotz
aller Mißerfolge fand +Alonso de Hojeda+ im nächsten Jahre wieder
Gelegenheit, mit drei Schiffen den Versuch, seine Statthalterschaft in
Coquibacoa zu begründen, zu wiederholen. Nähere Umstände über diese
1505 ausgeführte Unternehmung sind aber nicht bekannt geworden.