15. Die kleinen Entdecker.

Es war eine natürliche Folge des Misgeschicks, welches den Entdecker

Amerikas auf seiner dritten Reise während seines Aufenthalts auf

Haiti traf, daß, da sein Ansehen in dem unerquicklichen Streite

mit der Partei Roldans im Sinken begriffen war, eine Anzahl von

kühnen Unternehmern von der bereits 1495 gegebenen Erlaubniß, auf

Entdeckungsfahrten ausziehen zu dürfen, Gebrauch machte und die

Untersuchung des Festlandes von Paria, welches Columbus auf seiner

dritten Reise aufgefunden hatte, weiter fortsetzte. „Do aber Admirans

(Admiral) jnn das vngluck kam, das man in acht als wer er jn vngnaden

der könig, do vndernamen sich vil der seinen, die vast wol kundten

auff dem Meer faren, und vnderstunden vestigklich sich jn das gluck zu

begeben, und vnerfaren ort der welt zu ersuchen“.[307]

Der erste, welcher diese günstigen Zeitumstände benutzte, war

der jugendliche Ritter +Alonso de Hojeda+. Derselbe war ums Jahr

1470 in der Stadt Cuenca in Neu-Castilien aus einer angesehenen

Familie geboren[308] und trat als Page in den Dienst eines der

einflußreichsten, mächtigsten Granden Spaniens, des Don Luis de

Cerda, Herzog von Medina Celi. Dieser ist uns bereits als einer der

frühesten Gönner des Columbus bekannt, und in seinem Hause hatte Hojeda

jedenfalls schon den Genuesen kennen gelernt und sich für dessen

Pläne begeistert; denn wir haben schon oben (S. 280) mitgetheilt,

daß Hojeda die zweite Reise des Columbus mitmachte und sich durch

die Gefangennahme des Caziken Caonabo auszeichnete. Dann verweilte

er einige Jahre in Spanien und wurde durch die Vermittlung seines

Vetters, des Dominikanermönches Alonso de Hojeda, welcher als einer

der ersten Inquisitoren Spaniens bei den Monarchen in Gunst stand,

mit dem Bischof Fonseca, dem Leiter der indischen Angelegenheiten

bekannt und erhielt durch diesen Einsicht in die Briefe und die Karte,

welche Columbus über den Verlauf seiner dritten Reise und namentlich

über die Entdeckung der Küsten von Südamerika eingesandt hatte. Diese

Nachricht lief etwa um Weihnachten 1498 in Spanien ein. Wahrscheinlich

ward bald nach dieser Zeit schon der Beschluß gefaßt, den Admiral von

seiner Statthalterschaft in Haiti zu beseitigen; Fonseca förderte

deshalb bereitwillig den Plan Hojeda’s, die perlenreiche Küste von

Paria auszubeuten und stellte ihm einen Erlaubnißschein zur Ausrüstung

von Schiffen aus; doch durfte Hojeda weder portugiesisches Gebiet

berühren, noch jene Regionen besuchen, welche Columbus bis zum Jahre

1495 entdeckt hatte. Als Piloten für seine Expedition gewann der junge

Ritter den Basken +Juan de la Cosa+, welcher nach Abschluß dieser

Fahrt seine Karte, die erste von der neuen Welt, entwarf. Außerdem

nahm an dem abenteuerlichen Zuge der Florentiner +Amerigo Vespucci+

theil, welcher es verstand, durch die lebendigen Schilderungen seiner

Erlebnisse und Beobachtungen sich bald einen weltbekannten Namen zu

machen.

In welcher Stellung Vespucci mitging, läßt sich nicht mehr ermitteln.

Er war am 9. März 1451 in Florenz geboren, also nur wenige Jahre jünger

als sein Landsmann Columbus. Er war der Sohn eines öffentlichen Notars

und von seinem Oheim, einem gebildeten Geistlichen, unterrichtet worden

und zwar in Gemeinschaft mit Pietro Soderini, dem späteren Gonfaloniere

von Florenz. An diesen hat Vespucci im Jahre 1501 den Bericht seiner

zweiten Reise gesandt. Seit dem Jahre 1493 finden wir Vespucci in

Spanien, wohin sich damals viele unternehmende Italiener wandten. Dort

trat er in den Dienst des seit 1486 in Spanien ansäßigen italienischen

Handelshauses Berardi, welches für das indische Amt die Geschäfte

besorgte und die Ausrüstung der nach Westindien gehenden Schiffe

übernommen hatte. Hierbei war auch Vespucci thätig und wird 1495 und

1496 erwähnt.[309]

In der Zeit vom April 1497 bis zum Mai 1498 finden wir ihn fast immer

unterwegs zwischen Sevilla, dem Sitze des indischen Amts, und dem Hafen

von San Lucar, von wo Columbus aussegeln wollte.

[Illustration: _Alfr. Runge, Geogr. artist. Inst., Leipzig-Reudnitz_.

_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin._

]

Das kleine Geschwader Hojeda’s ging am 18. Mai 1499 von Cadix ab,

steuerte zuerst nach den Canarischen Inseln hinüber und nahm von

Gomera ab dieselbe Richtung, welche Columbus auf seiner dritten Reise

eingeschlagen hatte. In 27 Tagen gelangten sie über den Ocean an die

Gestade von Surinam etwa unter 6° n. Br. Sie folgten der flachen Küste

nach Nordwesten, entdeckten die Mündung des Essequibo, den sie Rio

dulce nannten, und das Delta des Orinoco und verfolgten von hier aus,

nachdem sie 200 spanische Meilen Küstenlinien entdeckt hatten, den

Spuren des Columbus. Auf Trinidad fanden sie Zeichen von der früheren

Anwesenheit des Admirals und gingen durch den Golf von Paria und den

Drachenschlund auf die Nordseite des Continents. Sie folgten der Küste,

besuchten auch die Perleninsel (Margarita) und Curaçao, wo, wie aus

dem Berichte Vespucci’s hervorgeht, die Seefahrer überrascht waren

durch den großen indianischen Menschenschlag, den sie dort antrafen,

infolge dessen man sie die Insel der Giganten nannte. Am 9. August

erreichten sie das Cap S. Roman (nach dem Heiligen des Tages benannt)

und entdeckten weiterhin den Golf von Venezuela, welcher seinen Namen

daher erhält, weil man an der Ostküste des Golfes viel Volk antraf,

welches an der Küste in auf Pfahlrosten errichteten Hütten über

dem Wasser wohnte. Durch diese kunstreichen Pfahlbauten wurden die

Entdecker an die Anlage Venedigs erinnert und nannten daher zunächst

das Dorf, dessen einheimischer Name Coquibacoa war, Klein-Venedig, also

Venezuela und demnach weiterhin auch den ganzen Golf. Bekanntlich

hat späterhin die ganze Küste und neuerdings die spanisch-amerikanische

Republik den Namen Venezuela erhalten.

[Illustration: ~Aelteste Karte von

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 91 / 123 题