14. Zur Charakteristik des Columbus.

Vor der welthistorischen Größe des Columbus stehen wir mit getheilten

Gefühlen. Wir bewundern die Kühnheit, die aus der felsenfesten

Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Theorien und Combinationen

entsprang, wir fühlen uns vielseitig angeregt durch seine treffenden

Naturbeobachtungen, in denen wir die ersten Keime einer physischen

Erdkunde erblicken dürfen;[286] aber auf der andern Seite fühlen wir

uns abgestoßen durch seinen blinden Autoritätsglauben, durch die

Zuversichtlichkeit, mit der er seine aus falsch oder ungenügend

angestellten Beobachtungen in seinem eignen Fache, der Nautik,

abgeleiteten abenteuerlichen Lehrsätze verkündet, durch die

schwärmerische Anmaßung, mit der er sich so oft als Abgesandten Gottes

einführt, durch die kleinliche Habsucht, mit welcher er die einem armen

Matrosen gebührende Belohnung sich selbst aneignet, durch die in der

Verschwörung Roldan zu Tage tretende Charakterschwäche. Wenn Humboldt

gemeint hat (a. a. O. II, 5), die großartige Gestalt des Columbus

beherrsche das Jahrhundert, so muß dagegen daran erinnert werden,

daß man den Entdecker der neuen Welt schon bei seinen Lebzeiten fast

vergessen hatte, und daß das Gesammtgebiet seiner Entdeckung kurz nach

seinem Tode nach einem seiner Nachfolger, nach Amerigo Vespucci benannt

wurde, und daß erst im 7. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit dem

Erscheinen der ~vida del Almirante~ die Aufmerksamkeit der Welt wieder

in erhöhtem Maße auf Columbus gelenkt wurde. Die weiteren Folgen seiner

Entdeckungszüge, die Eroberung der neuen Welt, die Erdumsegelungen,

die Enthüllung der allgemeinen Züge des ganzen Erdballs beherrschten

allerdings das Interesse aller seefahrenden Nationen des Abendlandes,

aber die Person des Entdeckers trat dabei ganz zurück. Seine Stärke

lag in dem scharfen Blick, mit dem er die Erscheinungen in der Natur

auffaßte, nicht blos in den Schilderungen, welche er mit poetischer

Begeisterung von den entdeckten Tropenländern gab, sondern in der

Aufstellung allgemeiner Gesetze, zu denen er, ohne wissenschaftliche

Bildung, in einzelnen Fällen das Richtige treffend, die wahrgenommenen

Erscheinungen combinirte. „Dieses Bestreben, die Resultate der

Beobachtung zu verallgemeinern, verdient um so größere Aufmerksamkeit,

als kein ähnlicher Versuch vor dem Schlusse des 15. Jahrhunderts,

fast hätte ich gesagt, vor den Tagen des Pater Acosta hervorgetreten

war. Bei den Urtheilen, welche Columbus über Gegenstände der

physischen Geographie fällte, ließ er sich ganz gegen seine sonstige

Gewohnheit +nicht+ von Erinnerungen aus der scholastischen Philosophie

leiten.[287] Dahin gehören seine Beobachtungen über die Vertheilung der

Wärme, die Variation des Erdmagnetismus, die äquatoriale Meeresströmung

und die durch diese Strömung bedingte Gestaltung +Trinidads+ und

der übrigen kleinen Antillen. „Columbus hat Fragen angeregt aus dem

Gebiete der physischen Geographie und Anthropologie, die damals die

aufgeklärten Geister Spaniens und Italiens beschäftigt: die Frage nach

der Vertheilung der Menschenrassen, die Configuration der Ländermassen.

Colon hat dem menschlichen Geschlechte wesentliche Dienste geleistet,

indem er so viel neue Gegenstände auf einmal dem Nachdenken darbot;

er hat die Masse der Ideen vergrößert; durch ihn hat ein wahrhafter

Fortschritt des menschlichen Denkens stattgefunden. Das Zeitalter

des Columbus war auch die Zeit des Copernicus, Ariosto, Dürer und

Rafael.“[288]

Aber neben diesen persönlichen und sachlichen Verdiensten, neben

den richtigen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Lehrsätzen

erscheint eine so breite Phalanx von veralteten Theorien und

unverzeihlichen Verirrungen, wie sie nur in einem aller objectiven

Beurtheilung unfähigen Kopfe entstehen und von einem dem blindesten

Autoritätsglauben unterworfenen Geiste verkündigt werden konnten.

Wir brauchen hier nur auf die Abhängigkeit hinzuweisen, in welcher

Columbus bei den Fragen über die Größe oder Kleinheit der Erde, über

die Schmalheit des Oceans und den geringen Antheil, welcher der

Wasserdecke gegenüber der Landhülle des Erdballs zugewiesen wird,

ferner über die Theorien von der Lage des irdischen Paradieses und

den Weltuntergang sich von den Schriften des Cardinal d’Ailly befand,

auf seine Abhängigkeit von Toscanelli in Bezug auf Richtung und Ziel

seiner Fahrten, um dieses Verzichtleisten auf eigne Kritik zu erkennen.

Und wenn er in den erforschten Regionen Ophir und Cipangu, Katai und

den goldenen Chersones wiedergefunden zu haben glaubte, so liegt eine

Hauptursache in der Unfähigkeit des Admirals, annähernd richtige

astronomische Bestimmungen zu machen, in Folge dessen nicht einmal sein

Landungspunkt in der neuen Welt mit Sicherheit nachzuweisen ist. Weil

er den Karten Toscanelli’s u. a. bezüglich der Größe Cipangus mehr

traute, als seinen eignen Erfahrungen, hielt er die Insel Haiti für

eben so groß als ganz Spanien und verlegte die Nordküste der großen

Antillen bis unter den 40. Breitengrad.

Aber nicht blos, daß ihm thatsächlich in dieser Beziehung die

wissenschaftliche Kenntniß in seinem eigentlichsten Fache abging,[289]

er verschmähte sogar die Wissenschaft selbst, wenn er in seinem

~Libro de la profecias~[290] behauptet: „Zur Ausführung einer

Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten

mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der

Prophet Jesaias vorhergesagt hat.“

Man erkennt darin den mächtigen Einfluß, den die Geistlichkeit auf

das gläubige Gemüth des Genuesen ausübte. Wie er das Zustandekommen

seiner Unternehmung nur der Unterstützung und Befürwortung durch

die Geistlichkeit verdankte, und diese ihm auch behilflich war bei

der Sammlung und Erklärung der Stellen der heiligen Schrift, welche

er in zuversichtlichem Glauben auf sich bezog, wie er sich für den

Abgesandten Gottes erklärte, um die heiligen Prophezeiungen zu

erfüllen, so trug er auch äußerlich diese schwärmerisch-religiöse

Richtung zur Schau. „Da der Admiral,“ erzählt Las Casas (~lib.~ I.

~Cap.~ 102), „den Lehren des heiligen Franziskus sehr ergeben war, so

liebte er vorzugsweise die braungraue Farbe; wir haben ihn zu Sevilla

in einer Kleidung gesehen, welche mit der der Franziskanermönche fast

vollkommen übereinstimmte.“

Dahin rechnen wir auch die pedantische Gruppirung, in welcher Columbus

bei dem mystischen Bau seiner Namensunterschrift die seinem Eigennamen

vorangestellten sieben Buchstaben, unter denen wieder das A größer

als die übrigen sein mußte, theilweise nur mit Punkten versah. Diese

Unterschrift (d. h. die einzelnen Buchstaben)

S.

S. A. S.

Χ Μ Υ

ΧΡΟ FERENS.

malte er mit peinlicher Genauigkeit unter alle seine Briefe, selbst

an seine Söhne, und verlangte die sorgfältige Nachahmung ausdrücklich

auch von den Erben seines Majorats. Diese Unterschrift ist verschieden

gedeutet. Margry[292] erklärt sie: ~Supplex Servus Altissimi

Servatoris. Christus Maria Joseph Christoferens~. Becher[293] liest:

~Servidor Sus Altezas Sacras Jesus Maria Ysabel Christoferens~. W.

Irving macht zwar dabei darauf aufmerksam, daß es früher in Spanien

Sitte gewesen, seinem Namen irgend eine abgekürzte Sentenz beizusetzen,

welche, gegenüber den Juden und Mauren, den Schreiber als +Christen+

auswies;[294] aber Columbus hatte bei dieser langen Unterschrift,

welche auch Humboldts gerechten Widerwillen erregte,[295] die Absicht,

seinen Eigennamen Christoph, Christoferens in nicht mißzuverstehender

Weise mit der heiligen Familie in Verbindung zu bringen und sich als

den Christbringer zu erklären, welcher, dem ihm gewordenen göttlichen

Auftrage gemäß, das Christenthum über den Ocean tragen sollte.

[Illustration: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph

Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502 „~à los Reyes Católicos

exponiendo algunas observaciones sobre el arte de naveger~“.[291]]

Diesem Gedanken, den Admiral als den Christusträger zu verherrlichen,

hat auch Juan de la Cosa auf seiner Karte von Amerika vom Jahre 1500

bildlichen Ausdruck gegeben, indem er auf dem damals noch nicht

enthüllten mittelamerikanischen Isthmus, wo Columbus 1503 eine Meerenge

suchte, den heiligen Christopherus darstellt, welcher das Christkind

durch den Ocean trägt. Einen erhöhten Reiz gewönne dies Bild, wenn die

oben bereits (S. 233) mitgetheilte Vermuthung das Richtige träfe, daß

der Kopf des Christopherus das Porträt des Entdeckers sei.

[Illustration: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von

1529.]

Dieselbe Karte enthält noch ein zweites bedeutsames Bild in der

künstlerisch ausgeführten Strichrose, unter welcher der Wendekreis des

Krebses hinläuft. Inmitten der nautischen Rose thront Maria mit dem

Kinde, umgeben von anbetenden Engeln. Daß auch spätere Kartographen

noch dem Glauben an die göttliche Sendung des Columbus huldigten,

erkennt man aus der naiven Weise, in welcher Diego Ribero auf seiner

1529 entworfenen Weltkarte der zuerst von Columbus entdeckten Insel

+San Salvador+ eine geradezu symbolische Gestalt gab. Er zeichnet sie

nämlich in Gestalt eines Kreuzes und gruppirt die Korallenbänke ringsum

als eilf rundliche Inseln. Wir sehen also den Erlöser (San Salvador)

von seinen eilf Aposteln umgeben.

Endlich ist hieher noch das merkwürdige Titelbild zu rechnen, mit

welchem die erste deutsche Ausgabe des Berichtes über die erste

Entdeckungsfahrt des Columbus geziert ist, von welchem Anfang und

Schluß bereits (S. 263) in Facsimiledruck mitgetheilt ist. Hier

erscheint Christus vor dem Könige von Spanien und weist bedeutsam auf

das Wundmal seiner Hand; ebendahin zeigte auch die rechte Hand des

Königs. Ist es nicht eine deutliche Anspielung auf den Unglauben des

Apostel Thomas, und ist der ungläubige spanische Monarch, welcher

jahrelang der Versicherung des Columbus mistraute, nicht durch den

Erfolg der ersten Reise bekehrt worden?

Den Glauben, daß der Genuese profane und heilige Prophezeihungen

aus alter Zeit erfüllt habe, theilten die Zeitgenossen mehrfach. So

schrieb der gelehrte Sohn des Columbus, Ferdinand in die Tragödien des

Seneca zu der (S. 236) mitgetheilten Stelle aus der Medea: ~Venient

etc.~ „Diese Prophezeihung hat mein Vater erfüllt.“ So machte Agostino

Giustiniani (geb. 1470 in Genua, seit 1514 Bischof in Mebbio auf

Corsica) in seinem polyglotten Psalter[296] zu der bekannten Stelle

im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ die Bemerkung,

Columbus habe oft gesagt, daß er von Gott berufen sei, den Gedanken

des fünften Verses: „Durch alle Lande gehet ihr Klang, bis ans Ende

der Welt ihr Ruf“ zu verwirklichen. Und dabei benutzt der Verfasser

die Gelegenheit, an dieser Stelle seinem Commentare eine längere

Lebensbeschreibung des Columbus einzuverleiben.[297]

Alle diese verschiedenen Aeußerungen des Glaubens und Vertrauens auf

die Berufung des Columbus hatten ihren Ursprung in der felsenfesten

Zuversicht des Genuesen zu seiner von Gott bestimmten Lebensaufgabe,

welche von ihm selbst auf seine Umgebung überging. Im allgemeinen

repräsentirt sich in ihm der unverwüstliche Drang der Zeit zu großen

Entdeckungen, aber seine unerschütterliche Ausdauer entsprang nur

seinem schwärmerischen Glauben. Dieser gab ihm den Muth, auf seinen

ungemessenen Forderungen zu verharren, ehe noch die Unternehmung

gesichert war, dieser verlieh ihm auch die unvergleichliche Energie,

welche er sowohl auf der ersten, als auch auf der letzten Reise

bewiesen. In dieser unerschütterlichen Ueberzeugung, in diesem Glauben

an sich selbst lag eine Größe, welche seine Genossen zuweilen mit

fortriß.

Den Eindruck, welchen die Kunde von den ersten Entdeckungen machte,

fühlen wir am besten aus den Briefen Peter Martyrs.

Auf die erste Mittheilung vom 15. Mai 1493, worin er schreibt: „Von

den westlichen Antipoden ist ein gewisser Christopherus Colon, ein

Ligure, zurückgekehrt mit Proben von kostbaren Produkten, namentlich

von Gold“[298] folgt im September desselben Jahres (13. Sept.) schon

der Ausdruck wärmerer Theilnahme. „Merket auf und vernehmet die neue

Entdeckung,“[299] worauf ein ausführlicher Bericht über die erste

Fahrt des Columbus folgt. Ein anderer Brief[300] von demselben Tage

bezeichnet die Entdeckung als ein wunderbares Ereigniß, als eine

gesegnete That. Kurz darauf (1. Oct. 1493) spricht er seine Freude

darüber aus, daß die bisher noch unbekannte Erdhälfte durch den

Wetteifer der Spanier und Portugiesen, welche immer weiter südwärts

vordringen, nun immer mehr enthüllt werde.[301] Er bezeichnet

Columbus als den Entdecker der „neuen Welt“ (~novi orbis repertor~)

und jubelt, daß Tag für Tag neue Wunder aus jenen Regionen gemeldet

werden, und daß der Admiral fast schon den goldenen Chersones erreicht

habe.[302] Er nimmt sich vor, diese ewig denkwürdigen Ereignisse mit

gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu sammeln und den Gelehrten

mitzutheilen. Sein Freund Pomponius Laetus, der ausgezeichnete

Förderer der classischen römischen Literatur, war bei der Kunde von

den wunderbaren Erfolgen der Westfahrten vor Entzücken aufgesprungen

und hatte sich kaum der Freudenthränen erwehren können. „Ich ersehe,“

schreibt ihm Martyr, „aus deinem Briefe, was du empfunden hast und

wie du die Bedeutung dieser Entdeckungen zu würdigen weißt. Welche

Nahrung kann für erhabene Geister willkommener sein? Ich fühle es

an mir selbst. Ich bin freudig erregt, wenn ich verständige Männer

spreche, welche aus jenen Gegenden zurückkommen. Wer mag heute noch

staunen über die Entdeckungen, welche Saturn, Ceres und Triptolemos

gemacht haben sollen? Selbst die Phönizier müssen mit ihren Leistungen

zurücktreten.“[303] Ganz ähnlich spricht er sich in den Decaden (I.

~lib. X. p.~ 119) aus: „Weder dem Saturn, noch dem Herkules, noch

irgend einem der Alten, welche neue Küsten aufgesucht haben, stehen die

Spanier unserer Zeit nach. Wie weit wird die Nachwelt das Christenthum

ausgebreitet sehen, ein wie weiter Raum ist der Ausbreitung der

Menschen angewiesen? Was ich darüber empfinde, vermag ich weder mit

Worten noch mit der Feder wiederzugeben.“

Aber diese hohe Begeisterung schien nur kurze Zeit zu dauern. Als das

Ansehen des Columbus nach seiner dritten Reise sank, als er selbst

in Ketten nach Europa geschafft wurde, wurde die Aufmerksamkeit

der Handelsvölker vielmehr nach dem von den Portugiesen +wirklich

erreichten Indien+ gelenkt. Hier war das lang erstrebte Ziel

thatsächlich gefunden, hier waren die Gewürzländer selbst erreicht,

und gewinnbringende Frachten kehrten nach Lissabon zurück. An den

Fahrten nach der neuen Welt betheiligten sich nur spanische Fahrzeuge,

zum indischen Handel drängten sich deutsche und italienische

Handelshäuser und unterstützten den wachsenden Verkehr mit Schiffen

und Geld. Daher erklärt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich die

Geschichtsschreiber in England, Frankreich und Portugal gar nicht um

die Entdeckungen des Columbus bekümmerten, daß alle durch Flugblätter

verbreiteten Berichte nur in lateinischen, deutschen oder italienischen

Uebersetzungen vorhanden sind, und daß von den vier Reisen des Admirals

nur eine einzige, und zwar die erste, in spanischer Sprache vorliegt.

Daran ist aber der Entdecker selbst schuld, insofern er in ängstlicher

Sorge um sein Monopol die große Angelegenheit als sorgfältig zu

hütendes Geheimniß behandelte und von seinen Gefährten sogar die von

ihnen entworfenen Karten abforderte, damit niemand ohne seine Erlaubniß

sein privilegirtes Gebiete beträte. Selbst in seinen Mittheilungen an

die Monarchen Spaniens war er in dieser Beziehung zurückhaltend.

Nur zwei Briefe des Columbus drangen in die Oeffentlichkeit -- und

zwar über die erste und vierte Reise. Der Inhalt des ersten an den

Schatzmeister Raphael Sanchez gerichteten Briefes wurde in der +ersten

Flugschrift über Amerika+ 1493 in Rom veröffentlicht. Wir haben

bereits oben (S. 262) das Facsimile des Anfangs dieses interessanten

Blattes mitgetheilt. Von dieser lateinischen Ausgabe erschienen gleich

im ersten Jahre sechs verschiedene Auflagen, dann folgten spanische

und italienische Texte und endlich 1497 eine deutsche Bearbeitung

unter dem Titel: Eyn schön hübsch lesen von etlichen inßlen u. s. w.

Endlich folgte 1505 die ~lettera rarissima~, ein Brief über die vierte

Reise, welcher gleichfalls in Italien bekannt gemacht wurde.[304]

Damit erlosch die speciell columbische Literatur; aber bereits seit

1503 beherrschten Amerigo Vespucci’s ausführliche Reiseberichte den

buchhändlerischen Markt, und so erntete dieser den Ruhm, welcher dem

Entdecker gebührte, so daß endlich sogar die ganze neue Welt seinen

Namen erhielt. Columbus selbst hatte leider bis an seinen Tod nicht die

Ueberzeugung gewinnen können, daß er einen neuen Erdtheil entdeckt habe.

Wir fügen diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die Familie des

Columbus an.

+Bartolomeus Columbus+, spanisch Don Bartolomé Colon, war der

erste Vertraute und auf seinen späteren Reisen eine wesentliche Stütze

seines Bruders. In dessen Auftrage war er schon 1488, ehe der Vertrag

mit Spanien zum Abschluß gekommen, nach England gegangen, um dem

Könige Heinrich VII. den Plan seines Bruders vorzulegen. Möglicher

Weise entstanden aus den dabei gegebenen Anregungen die Pläne zu den

Fahrten der Cabots. Bartolomé machte dann die zweite Entdeckungsreise

mit, gründete als Adelantado die erste Stadt der neuen Welt, San

Domingo, 1496 und machte sich namentlich auf der letzten Reise 1502

sehr verdient. Nach dem Tode des Admirals ging er mit seinem Neffen

Diego wieder nach Westindien und war 1511 in Besitz der kleinen Insel

Mona zwischen Haiti und Puertorico. Er starb am 12. August 1514 auf

Haiti. Las Casas rühmt seine Tüchtigkeit als Kosmograph und Kartograph.

Unzweifelhaft besaß er in der ganzen Familie am meisten Thatkraft und

Charakterstärke.

Weniger bedeutend ist der zweite Bruder +Diego+, der als Befehlshaber

in Isabella und in der Stadt San Domingo auftritt, aber ohne diese

schwierige Stelle befriedigend behaupten zu können. Auch er starb auf

Haiti.

Der einzige rechtmäßige Sohn des Admirals und Vicekönigs war

gleichfalls +Diego+ benannt. Er hatte von Kind auf den Vater während

der langen peinlichen Zeit des Hoffens und Harrens in Spanien auf

seinen Wanderungen begleitet, war ihm zur Seite, als in dem Kloster

la Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eintrat, wurde

später, als der Vater seine Fahrten begann, unter die Pagen der

Königin aufgenommen und kam erst 1509 nach Haiti. Er hatte dann den

langwierigen fiscalischen Proceß wegen der Würden und Privilegien, die

dem Vater zugesichert waren, zu führen, und erbte endlich den Titel

eines Admirals von Indien. Er starb am 23. Februar 1526.

+Ferdinand+ Columbus, der natürliche Sohn des Entdeckers, erhielt

eine wissenschaftliche Bildung und wurde später Geistlicher. Nachdem

er Amerika besucht hatte, ließ er sich in Sevilla nieder, wo er eine

für jene Zeit bedeutende Bibliothek von 20,000 Bänden sammelte,

welche noch unter dem Namen ~Biblioteca Colombina~ vorhanden ist.

Es zeugt von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, daß Cabot ihn

einst als Schiedsrichter anrief. Er galt bisher als Verfasser der

Lebensgeschichte seines Vaters, der s. g. ~vida del almirante (Historie

et vera relatione della vita é de’ fatti dell Ammiraglio D. Christofero

Colombo)~, welche 1571 erschien; allein dieses Werk enthält so viel

gradezu legendenhaften Stoff und dazu anekdotenhafte Züge, welche nicht

blos thatsächlich Unmögliches berichten, sondern auch aus der Feder

des in der Nautik wohlerfahrenen Sohnes unmöglich stammen können,[305]

so daß die Authenticität der „~vida~“ mit vollem Rechte bestritten

ist.[306]

+Don Luis+, der Sohn Diego’s, führte den fiscalischen Proceß zu Ende

und gab seine Ansprüche auf das Vicekönigthum auf gegen den Titel

Herzog von Veragua, Marquis von Jamaica, Admiral von Indien und für

eine Pension von 1000 Dublonen Gold. Er starb 1572 und es folgte ihm

der Sohn seines Bruders Christobal, +Don Diego+ II., als vierter

Admiral von Indien. Mit ihm erlosch 1576 die directe männliche Linie

des Columbus.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 90 / 123 题