Gekränkt und in seiner Ehre verletzt, niedergedrückt durch den Verlust
aller Schiffe, mit denen er von Spanien ausgezogen, siech an Körper
und Geist kam er von dieser seiner letzten Fahrt zurück. Niemand
kümmerte sich um die Heimkehr des armen Schiffbrüchigen. Der Jubel, der
ihn sonst empfangen, war verstummt. Peter Martyr, welcher in seinen
Briefen ehedem sich der intimen Freundschaft des Admirals gerühmt
hatte, schweigt in seinen gleichzeitigen Briefen über die Resultate
dieser Reise. Columbus ist ihm ein gefallener Mann, den man nicht
mehr nennen darf, ohne sich zu compromittiren. Man darf wohl daran
erinnern, daß Martyr auch in seinen Decaden (~Dec.~ I. ~lib.~ 10) am
gehörigen Orte nur ganz kurz diese letzte Fahrt des Columbus erwähnt;
und erst viel später, in den 1515 geschriebenen Abschnitten seines
Werkes (~Dec.~ III. ~lib.~ 1-4) wo er die Ereignisse von 1513 auf
dem mittelamerikanischen Isthmus erzählt, erinnert er sich seines an
Columbus begangenen Unrechts und holt die Geschichte der letzten Fahrt
nach.
Gewiß, Columbus hatte, als er wieder in Spanien eintraf, nur noch wenig
Freunde und sollte bald nach seiner Ankunft auch noch die treueste
Freundin, die Königin, verlieren. Isabella starb am 26. November 1504,
also nur wenige Wochen, seitdem Columbus in Cadiz angekommen war. Daher
fand dieser keine Gelegenheit, seine hohe Beschützerin noch einmal zu
sehen.
Der Admiral brachte den folgenden Winter in Sevilla zu. Er erwartete,
den schriftlichen Zusagen der Krone gemäß, baldigst in seine Rechte
und Würden wieder eingesetzt zu werden, er rechnete darauf, daß ihm
die versprochenen Einkünfte und der Antheil an den Erträgnissen der
Colonie, welche er seit mehreren Jahren nicht erhalten, ausbezahlt
würden. Wiederholt richtete er Briefe an seinen Sohn Diego, um seine
Angelegenheiten bei Hofe nachdrücklicher zu betreiben. So schrieb er
am 1. December 1504: „Mein Leiden gestattet mir nur des Nachts zu
schreiben, denn bei Tage habe ich keine Kraft dazu in den Händen“.
Er brannte vor Verlangen, von seinem Sohne zu hören, wie es bei Hofe
zugehe und wie seine Sachen stünden. Er ermahnt ihn, so oft als irgend
möglich zu schreiben.
Auch an den König Ferdinand richtete er einen langen Brief, in welchem
er die Misstände der Colonialverwaltung ausführlich darlegte, und
forderte, es solle ein Vertrauensmann zur Untersuchung hinübergesandt
werden. Aber er erhielt keine Antwort darauf. Er beklagte sich bitter,
daß ihm kein Mensch mehr schreibe.
Man liest diese Briefe des Verlassenen nicht ohne Mitleid; die steten
Wiederholungen seiner Wünsche, die drängende Ungeduld, die wehmüthigen
Klagen -- alles zeigt uns den gebrochenen Mann.
[Illustration: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.]
Der König Ferdinand behandelte die ganze Angelegenheit ohne Wärme
und persönliche Theilnahme und überließ die Ordnung derselben einem
Tribunal, welches die testamentarischen Verfügungen der Königin ordnen
sollte. Daher vermochte selbst Bartolomé Colon, der sich mit seinem
Neffen Ferdinand ebenfalls an den Hof begab, nichts ausrichten. Endlich
machte sich der Admiral im Mai 1505 selbst auf die beschwerliche Reise
nach Segovia, wo sich damals der König aufhielt. Zwar erwies man ihm
hier die seinem Range gebührende Achtung, aber eine von Herzen kommende
Werthschätzung seiner Verdienste mußte er schmerzlich vermissen.
Offenbar waren nach dem Tode der Königin die Stimmen der Gegner noch
lauter aufgetreten und hatten den König Ferdinand gewonnen, so daß auch
der edle Las Casas gestehen muß, er habe von manchen dem Monarchen nahe
stehenden Personen zu seinem Bedauern Aeußerungen vernehmen müssen,
welche diese Abneigung und den Mangel des königlichen Wohlwollens
bestätigten.[283] Das einberufene Tribunal, die Junta de Descargos,
hielt zwar mehrere Sitzungen, traf aber keine Entscheidung. Man
behandelte die ganze Frage als eine rein castilische Angelegenheit. Als
dann nach längerem Zögern dem Entdecker der neuen Welt der Vorschlag
gemacht wurde, seine Rechte auf das Vicekönigthum gegen Besitzungen und
Titel in Castilien zu vertauschen, wies Columbus diesen Antrag zurück,
weil er darin einen Bruch des gegebenen königlichen Wortes erblickte
und seine höchste Ehre darein setzte, den Ruhm seines mühevollen Lebens
seiner Familie in vollem Maße zu erhalten. Auch als er sich bereit
erklärte, zu Gunsten seines Sohnes Diego auf seine indischen Würden zu
verzichten, ging man nicht darauf ein und zog es vor, die Entscheidung
noch weiter hinauszuziehen. Man gewöhnte sich daran, die Verdienste
eines Mannes zu unterschätzen, „welcher lästig zu werden anfing, als
er zu nützen aufgehört hatte“.[284] Ein letzter Hoffnungsstrahl schien
dem Verlassenen noch zu winken, als die neuen Monarchen Castiliens,
Philipp und Johanna am 28. April 1506 von Flandern nach Spanien
kamen. Selbst krank und leidend, sandte er seinen Bruder Bartolomé
dem jungen Königspaar entgegen, um demselben in seinem Namen zu
huldigen. Er erhoffte von der Tochter der Isabella dieselbe Güte und
Gunst, welche ihm die Mutter stets bewiesen. Es war natürlich, daß
die neuangekommenen Regenten nicht sofort eine Entscheidung treffen,
sondern nur freundliche Zusagen machen konnten. Aber auch davon sollte
Columbus nichts mehr vernehmen, er starb am Himmelfahrtstage, den 21.
Mai 1506 zu Valladolid, nachdem er zwei Tage vorher, im Vorgefühl
des Todes sein bereits 1505 verfaßtes Testament gerichtlich hatte
bestätigen lassen. Er setzte seinen älteren Sohn Diego zum Haupterben
ein, da dieser allein aus einer rechtmäßigen Ehe entsprossen war.
Seine letzten Worte waren: ~In manus tuas, Domine, commendo spiritum
meum~. Er starb in den Armen der Franziskaner und wurde auch im
Franciskanerkloster beigesetzt. Die Welt hatte ihn bereits vergessen;
sein Tod machte keinen Eindruck mehr. Das ~Cronicon de Valladolid~,
welches sonst die kleinsten Vorfälle in der Stadt bespricht, erwähnt
des Todesfalls mit keiner Silbe. Selbst Peter Martyr, der sich 10 Jahre
früher gerühmt hatte, mit dem Genuesen im Briefwechsel zu stehen,
schweigt in seinen Briefen darüber, und erwähnt auch in den Decaden nur
einmal ganz nebenbei, daß Columbus gestorben; und doch befand er sich
vom 10. Februar bis zum 26. April 1506 zu Valladolid, also zu einer
Zeit, wo Columbus schon den Keim des Todes in sich fühlte. Ruchhamer
hatte bis zum 20. September 1508, wo er sein Werk (Unbekanthe landte)
vollendete, noch nichts vom Tode des Columbus gehört, sondern schreibt
vielmehr, daß er „noch auf den gegenwertigen Tage“ mit seinem Bruder
Bartolomé am spanischen Hofe lebe.
Wahrscheinlich im Jahre 1513 wurde die Leiche nach Sevilla ins Kloster
~Santa Maria de las Cuevas~ übergeführt und vermuthlich erst hier
erhielt der Sarg die Inschrift: ~A Castilla y à Leon Nuevo Mondo dió
Colón~, welche sich auch in dem Wappen des Vicekönigs befand. Der
Admiral hatte den Wunsch ausgesprochen, in San Domingo auf Haiti
beigesetzt zu werden. Dorthin wurden die sterblichen Ueberreste in der
Zeit zwischen 1540 und 1559 gebracht und in dem Dome bestattet, in
welchem später auch sein Sohn Diego und wahrscheinlich auch sein Bruder
der Adelantado Bartolomé und seine Enkel Don Luis und Christoval ihre
Ruhestätte fanden.
Als 1795 Domingo an Frankreich abgetreten wurde, ließ der Admiral
Don Gabriel d’Artizabel die Gewölbe der Kathedrale in der Hauptstadt
öffnen, die wenigen Reste des Entdeckers der neuen Welt auf dem Schiffe
San Lorenzo nach Habana hinüberführen und dort im Dome am 19. Januar
1796 feierlich wieder beisetzen; denn es vertrug sich nicht mit der
spanischen Ehre, die Asche des Mannes, welcher für Spanien so große
Verdienste hatte, den Fremden zu überlassen. Wie Columbus in seinem
Leben ruhelos umhergetrieben war, so sollten auch seine Gebeine erst
nach Jahrhunderten Ruhe finden.[285]