12. Die letzte Reise des Columbus.

Es scheint, als ob König Ferdinand vor der Hand nicht daran dachte,

den einmal vollendeten Eingriff in die Rechte des Columbus wieder

rückgängig zu machen. Die Verwaltung der indischen Colonien mußte

vor allem in einen geregelten Gang gebracht werden. Bobadilla hatte

sich durchaus untauglich gezeigt durch die übereilte Parteinahme

gegen den rechtmäßigen Statthalter, den er, ohne ihn nur zu sehen und

zu hören, von der Insel entfernte. Seine Anordnungen lockerten alle

Bande, Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeiten traten an die Stelle

der straffen Zucht Bartolomé’s, so daß die bessern Elemente sich von

dem neuen Regimente abwandten. Auch war man auf der Insel selbst dem

beseitigten Befehlshaber eine entschiedene Genugthuung schuldig. Daher

wurde im königlichen Rathe beschlossen, Bobadilla durch den gerechten

und unparteiischen Don Nicolas de +Ovando+ zu ersetzen; denn es galt

zu gleicher Zeit auch, den nutzlosen Bedrückungen und Grausamkeiten,

welche sich die spanischen Herren über ihre indischen Unterthanen

erlaubten, ein Ziel zu setzen. Ovando erhielt von der Königin Isabella

den ausdrücklichen Befehl, den Caziken und andern Indianern die

bestimmte Versicherung zu geben, daß sie selbst ihre neuen Unterthanen

in jeder Beziehung zu beschützen gesonnen sei. Nur für den königlichen

Dienst sollten die Indianer zu Arbeiten herangezogen werden dürfen.

Dieses letzte Recht bot aber in der Folgezeit wieder die Handhabe für

fortdauernde neue Quälereien. Auch sollte es gestattet sein, gewiß

in der guten Absicht, die Indianer zu entlasten, Negersklaven nach

Haiti einzuführen entweder von Spanien oder von der Westküste Afrikas,

wo der Menschenhandel schon seit langer Zeit bestand. Damit war der

erste Anlaß zu dem für Amerika so verhängnißvoll gewordenen schwarzen

Sklaventhum gegeben, welches in den folgenden Jahrhunderten so oft zu

blutigen Conflicten und staatserschütternden Kämpfen führen und -- ein

eignes Verhängniß -- nach 300 Jahren grade die erste spanische Colonie,

Haiti, ganz in die Hände der Schwarzen und Farbigen liefern sollte.

Das von Bobadilla confiscirte Vermögen des Statthalters sollte

Ovando zurückfordern, die dem Vicekönig zustehenden Einkünfte ihm

ungeschmälert überweisen, die von Bobadilla erlassene Verfügung

bezüglich des freien Bergbaus auf Gold wieder aufheben.

Das Vertrauen, welches man in Spanien auf die Tüchtigkeit Ovando’s

setzte und die Hoffnung, mit seinem Eintreffen in Haiti die Colonie

geordneten Verhältnissen wieder zugeführt zu sehen, ermuthigte eine

große Zahl von Auswanderungslustigen, ihr Heil in der neuen Welt zu

suchen. So segelte er mit 30 Schiffen und 2500 Personen am 13. Februar

1502 von San Lucar de Barrameda ab. Ein Schiff ging leider im Sturm

unter, die übrigen erreichten indeß am 15. April ihr Ziel. Ovando wurde

ohne Schwierigkeit, nachdem er die königlichen Befehle vorgelegt, als

Statthalter anerkannt. Gegen Bobadilla, dessen Ansehen mit einem Male

verschwand, wurde keine Untersuchung eingeleitet, doch mußte er nach

Spanien zurückkehren. Roldan dagegen und seine eifrigsten Parteigänger

wurden in Haft genommen und zur Verurtheilung auf die Flotte gebracht,

welche den neuen Befehlshaber herübergeführt hatte. Nachdem dieselbe

befrachtet war, sollte sie in die Heimat zurückkehren.

Columbus hatte inzwischen, da er sah, daß er nicht sofort in seine

westindische Herrschaft wieder eingesetzt werde, sich zu einer neuen

großen Entdeckungsfahrt gegen Westen erboten. Man darf annehmen, daß

die Erfolge der Portugiesen einen wesentlichen Einfluß auf seine

neuen Pläne ausübten. Vasco da Gama war im September 1499 aus dem

indischen Gewürzlande zurückgekehrt, zu einer Zeit also, wo Columbus

noch in heftigem Kampfe gegen Roldan lag. In Spanien hatte er weitere

Nachrichten über Indien eingezogen, und da er sich überzeugt hielt,

das Ostgestade des asiatischen Continents bereits in Cuba und Paria

berührt zu haben, da ferner durch die Entdeckungsfahrten spanischer

Privatunternehmer, der Hojeda, Vespucci, Pinzon noch weitere

Küsten des Festlandes, zu welchem Paria gehörte, besucht waren, so

schloß er daraus, eine Fahrt zwischen Cuba und Paria gegen Westen

werde ihn nach dem portugiesischen Indien bringen. Die gewaltige

Meeresströmung, welche an der Küste Südamerikas ungestüm nach Westen

drängte, mußte nach seiner Vorstellung durch eine noch unerforschte

Meerenge führen, hinter welcher er das indische Meer „jenseits des

Ganges“, wie es seit dem Alterthum genannt wurde, zu finden meinte.

Durch diese Vorstellungen war die Richtung der neuen von ihm ins Auge

gefaßten Unternehmung bestimmt. Sein Plan wurde von den spanischen

Souveränen gern genehmigt, und so konnte er bereits im Herbste 1501

an die Vorbereitungen zur Ausrüstung der bewilligten Schiffe gehen.

Er scheint selbst sein Leben daran setzen zu wollen, um einen großen

Erfolg zu erzielen; aber als ein vorsichtiger Mann wollte er dabei die

Zukunft seiner Familie möglichst sicher stellen. Darum ließ er von den

wichtigsten Dokumenten beglaubigte Abschriften nehmen und dieselben

in der Bank von Genua niederlegen. Darunter befand sich auch die am

14. März 1502 von der Krone gegebene erneuerte Versicherung, daß ihm

und seinen Kindern alle seine verbrieften Rechte unverkürzt erhalten

bleiben sollten. Er hatte vier kleine Caravelen, von 70 resp. 50 Tons

ausgerüstet und mit 150 Leuten bemannt. Sein Bruder Bartolomé, der ihm

überall die kräftigste Stütze gewesen war, sowie sein jüngerer, damals

erst 13jähriger Sohn Ferdinand begleiteten ihn.

Am 9. Mai 1502 ging er von Cadiz aus in See. Beseelt von frommer

Hoffnung, daß seine Unternehmung gelingen werde, schrieb er von den

Canarien aus an seinen Freund und Rathgeber, der Karthäusermönch

Gaspar Gorricio in Sevilla. „Ich reise im Namen der heiligen Trinität

und hoffe auf Sieg“.[273] Eine rasche Fahrt von 19 Tagen brachte das

Geschwader von den Canarischen Inseln über den Ocean nach Martinique

(Matinino) und von hier an den kleinen Antillen und der Südküste

von Puertorico entlang nach San Domingo. So lange seine Schiffe im

Stande waren, wollte er seine Reise beeilen, aber da eins derselben

zur Forschungsreise untauglich war und schlecht segelte, so wollte er

dasselbe gegen ein besseres vertauschen und dieses auf seine Kosten

ausrüsten lassen. Im Haupthafen von San Domingo lag die große Flotte

noch vor Anker, als er am 29. Juni vor der Stadt erschien. Aber

Ovando gestattete dem Admiral nicht, ans Land zu kommen und Columbus

hinwieder hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, sein gesunkenes

Ansehen in seiner Colonie wieder zu heben, wenn er als Befehlshaber

eines Geschwaders einlaufe. Nur die von ihm aus Spanien mitgebrachten

Briefe konnten abgegeben werden, Ovando lehnte jede weitere Annäherung

ab. Auch darin fand Columbus kein Gehör, daß er aus astrologischen

Ursachen[274] den nahebevorstehenden Ausbruch eines furchtbaren Sturmes

verkündete und daher den Statthalter Ovando warnte, vor Ablauf einer

Woche die im Hafen segelbereite Flotte, auf welcher sich Bobadilla,

Roldan u. a. befanden, nicht abfertigen zu wollen.

Wenn nun bald darauf, als die Flotte wirklich ausgelaufen war, der

Orkan losbrach, gegen 20 Schiffe mit Mann und Maus verschlang und

dabei auch Bobadilla und Roldan vernichtete; wenn von allen Fahrzeugen

nur ein einziges, und dazu ziemlich gebrechliches, welches aber das

wieder ausgelieferte Vermögen des Admirals an Bord hatte, endlich nach

Spanien die Reise fortsetzen konnte: mußte Columbus in allem nicht die

unmittelbare Hand Gottes und sein Strafgericht erkennen? Er selbst

hatte sich mit seinen vier Schiffen in die Nähe der Küste geflüchtet

und dort das verderbliche Unwetter glücklich überstanden, wenn auch

der schlechte Segler, den sein Bruder befehligte, aufs Meer getrieben

und seiner Böte beraubt wurde. „Der Sturm war furchtbar,“ schreibt

Columbus, „die Schiffe wurden getrennt und ich fürchtete, daß die

übrigen untergegangen. Wie schmerzlich ist es bei solcher Gefahr und in

Angst um den Sohn, den Bruder, die Freunde, nicht ans Land oder in den

Hafen flüchten zu dürfen, an einer Küste, welche ich unter so vielen

Mühseligkeiten für Spanien selbst gewonnen habe.“

Am 14. Juli segelte Columbus von Haiti ab und steuerte, indem er

die Inseln Jamaica und Cuba zur Rechten ließ, grade gegen Westen.

Jenseits Jamaica trieb ihn aber eine heftige Strömung gegen Nordwesten

bis zu der Region, wo die „Gärten der Königin“ lagen, doch sah er

das Land nicht. Von hier steuerte er nach der ~terra firma~ hinüber

und erreichte am 30. Juli die im äußeren Golf von Honduras gelegene

Insel Guanaja,[275] welche er nach dem prächtigen Fichtenwalde Isla

de Pinos nannte. Dort traf er mit yukatanischen Händlern zusammen,

welche in ihren großen, aus einem Stamm gefertigte Barken allerlei

Handelswaren hatten, als messingene Schellen, Messer und Beile von

hellem, durchscheinenden Stein, hölzerne Schwerter, deren Schneiden

aus scharfen Steinen bestanden, welche beiderseits in Rinnen eingefügt

waren, schön geschnitzte hölzerne und marmorne Gefäße, baumwollene, in

verschiedenen Farben gewebte Decken u. a. Columbus erkundigte sich bei

den Insassen der Böte nach dem Lande im Westen. Man nannte das Land der

Maya (Yukatan). Da die Handelswaren eine höhere Kultur verriethen,

als die Spanier bisher im westindischen Gebiete angetroffen, so wäre

Columbus, wenn er die Heimat der einheimischen Händler aufgesucht

hätte, zu den Städten in Yukatan, vielleicht gar an das Gestade von

Mexiko gelangt. Aber von der Vorstellung einer Meerenge beherrscht,

welche ihn weiter südlich um die vermeintliche hinterindische

Halbinsel, in deren Nähe er sich zu befinden glaubte, in den Golf

von Bengalen führen sollte, blieb der Admiral seinem Plane treu und

segelte statt nach Westen, nach Osten, und sah sich dadurch auch bei

der letzten Fahrt auf die Erforschung innerhalb des caribischen Meeres

beschränkt. Zunächst ging der Admiral nach dem im Süden gelegenen

festen Lande hinüber und landete in der Nähe des Cap Honduras, um

von dem neu entdeckten Gebiete für Spanien Besitz zu ergreifen. Es

scheint, daß er bei dem fortdauernd schlechten Wetter hier gegen 14

Tage verweilte, dann steuerte er an der Küste gegen Osten. Aber die

heftigen Stürme und die furchtbare Gegenströmung ließen ihn kaum einen

Schritt vorwärts gewinnen. In einem Zeitraum von vier Wochen, vom 14.

August bis zum 12. September (Columbus gibt irrthümlich 60 Tage, Peter

Martyr richtiger 40 Tage, den Aufenthalt bei Guanaja eingerechnet),

legte er, unter stetem Laviren, nur einen Abstand von drei Meridianen

zurück. „Es regnete, donnerte und blitzte unaufhörlich, es sah aus,

als ob die Welt untergehen sollte. In der ganzen Zeit sah ich weder

Sonne noch Sterne. Meine Schiffe hatten furchtbar gelitten, die Segel

waren zerrissen. Wir hatten Anker, Takelwerk, Böte und eine große Menge

Vorräthe eingebüßt. Das Schiffsvolk war krank und niedergedrückt.

Manche gelobten ein religiöses Leben zu führen und alle verpflichteten

sich zu Walfahrt und Beichte. Wir haben manche Stürme erlebt, aber nie

einen von solcher Heftigkeit.“[276] Am meisten war Columbus um seinen

13jährigen Sohn besorgt; aber er fand einen Trost darin, daß dieser

sich auf der See bewährte. Dann machte er sich Vorwürfe darüber, daß er

seinen Bruder Bartolomé, den er gegen dessen Willen mitgenommen, stets

der äußersten Gefahr ausgesetzt sah, weil er sich auf dem schlechtesten

Fahrzeuge befand. Der Admiral selbst lag fieberkrank danieder, leitete

aber trotzdem von einer kleinen Cabine aus, die auf Deck errichtet

worden war, den Lauf des Schiffes. Krankheit und Sorgen preßten ihm die

Klage aus, daß er nun in 20 Dienstjahren voll Mühen und Gefahren noch

nichts gewonnen habe und bis jetzt in Castilien noch keinen Dachziegel

erworben habe, daß er in Spanien beständig auf das Wirthshausleben

angewiesen gewesen sei und meistens kaum die Mittel besessen habe, um

seine Rechnungen bezahlen zu können.

So erreichte er endlich am 12. September das östlichste Vorgebirge von

Honduras, von wo die Küste nach Süden lief und ihm besseres Wetter und

günstiger Fahrwind in Aussicht stand.

Zum Dank für die Errettung Aller nannte er jenes Vorgebirge ~Gracias

à Dios~ (Gott sei Dank), wie es noch heute heißt. Die Küste, welche

sich von da ab, zwischen dem 15° und 10° n. Br. nach Süden zog,

bewahrte zwar noch denselben Charakter, aber die Fahrt ging leichter

von statten. Hinter dem flachen, sandigen Strande breiten sich

zahlreiche Lagunen hin. Der Boden ist, bisweilen bis dicht ans Meer,

mit Pechtannen bewachsen oder mit üppigem Platanenwald bedeckt. Große

Savannenflächen breiten sich dazwischen aus. Die ganze Gegend gilt als

gesund. Erzgänge kennt man hier nicht; aber manche Flüsse, wie der Rio

Tinto gegen Norden, und der Rio Pataca scheinen reich an goldführendem

Sande zu sein.

Am 25. September gelangte das Geschwader zu einer reizenden

Gestadeinsel, welche Columbus den Garten (la Huerta) benannte.

Am festen Lande lag, in der Nähe der Mündung eines Flusses, das

Indianerdorf Cariai.[277] Hier gönnte er (vielleicht in der Nähe der

heutigen Stadt Greytown) seiner Mannschaft eine längere Ruhe, ließ

die Schiffe ausbessern und Vorräthe einnehmen. Aus den Erkundigungen,

welche Bartolomé Colon am Lande einzog, ging hervor, daß weiter gegen

Südosten reiche Goldgestade ihrer warteten. So steuerten denn die

Schiffe am 5. October dieser verheißenden Küste zu und kamen nach zwei

Tagen in die heutige inselreiche Bai von Chiriqui. Die Indianer nannten

diese Gegend Cerabaró oder Carabaro. „Ich selbst,“ schreibt Columbus,

„erhielt Mittheilung über die gesuchten +Goldbergwerke in der Provinz

Ciamba+ und zwei Indianer führten mich nach Carambaru, wo das nackte

Volk Goldschmuck am Halse trug.“

Die Provinz Ciamba, welche Columbus nennt, ist das schon von Polo

erwähnte Königreich Tschampa in Hinter-Indien. Der Irrthum des Admirals

erklärt sich aber, sowie wir einen Blick auf den Globus Behaims werfen.

Westlich von Cipangu (Haiti, nach Ansicht des Columbus) erstreckt sich

die Ostküste Asiens zwischen dem 20° und 10° n. Br. von Norden nach

Süden. An dieser Küste glaubte der Admiral angelangt zu sein, und eben

hier sehen wir auf Behaims Globus das Königreich Ciamba eingezeichnet.

So fest war auch hier wieder Columbus von seinen Ideen eingenommen,

daß er ohne weitere Erklärung und mit der größten Sicherheit von der

„Provinz Ciamba“ spricht.

Wo südlich von der Mündung des Rio San Juan die Küste des

mittelamerikanischen Isthmus in den Staaten Costarica und Panama

sich im allgemeinen mehr nach Osten zieht, ändert sich die Natur des

Gestades. Dicht bewaldete Berge treten bis an die See; größere und

kleinere, zum Theil mit Berginseln malerisch besetzte Buchten öffnen

sich und bieten guten Ankergrund. Gegenüber von Carabaró lag auf den

anderen Seiten der herrlichen, fischreichen Bucht von Chiriqui die

Landschaft +Aburéma+, beide reich an Gold in allen Flüssen. Hier

war es, wo Columbus die erste dunkle Kunde von dem großen Ocean

erhielt, diese Nachricht aber auf das indische Meer jenseits des

Ganges bezog. Neun Tagereisen quer durch das Land nach Westen lag

nach den Angaben der Indianer, denen man Glauben schenken durfte,

das goldreiche Land +Ciguara+, dessen Bewohner Korallenschmuck im

Haar und große Korallenarmbänder trugen. Auch sollte dort der Pfeffer

bekannt sein. Columbus erfuhr weiter, daß in jenem Lande Messen

und Märkte abgehalten würden, daß die Leute kunstreich gearbeitete

Kleidung trügen, mit Schwertern, Bogen und Pfeilen bewaffnet, sogar mit

Harnischen gerüstet seien. Auch glaubte der Admiral aus den weiteren

Mittheilungen zu verstehen, daß das Volk auf seinen Schiffen Kanonen

führe und Streitrosse besitze. Die goldreiche Küste jenseits der Bai

von Chiriqui wurde nach einem Indianerorte +Veragua+ genannt. Eine

höhere, der Küste parallel laufende Gebirgskette war fast immer in

Wolken gehüllt. Ihre Gipfel schätzte Columbus auf 50,000 Fuß Höhe.

Am Fuß der Gebirge, sagte er, öffne sich ein Pfad zu dem asiatischen

Ostmeere, so daß Veragua und Ciguara einander gegenüber liegen wie

Tortosa und Fuentarabia in Spanien, oder Venedig und Pisa in Italien.

Er hoffte also, da er sich die mittelamerikanischen Landschaften

auf den einander gegenüberliegenden Küsten einer Halbinsel, wie

Spanien und Italien vorstellte, bei einer Weiterfahrt das Ende des

Landes umsegeln zu können und eine Meerenge zu finden in ähnlicher

Lage, wie südlich von Italien oder Spanien. Darum fügt er hinzu: Die

See umgibt Ciguara und in 10 Tagen kommt man von da zum Ganges. Er

glaubte also nahe dem südlichen Ende der hinterindischen Halbinsel zu

sein, wo nach der Vorstellung des Ptolemäus der Hafen Catigara lag.

Bestärkt wurde Columbus noch durch die Angaben der Kosmographie des

Aeneas Sylvius[278] (Papst Pius II.), welche er auf seinem Schiffe

mit sich führte. Hier fand er bei der Beschreibung Ostasiens, Katais

und Matschins (Großchinas) Mittheilungen über das Tätowiren, über

den Sonnenkultus u. a., was er an der Küste von Mittelamerika auch

beobachtet hatte, so daß er daraus folgerte, er sei in die Nähe des

alten Handelshafens von Catigara angelangt, die Halbinsel sei nur noch

9 Tagereisen breit und jenseits derselben erreiche man bei günstiger

Fahrt in 10 Tagen den Ganges.

War diese Berechnung richtig und hatte er damit, auf die Autorität

des Ptolemäus bauend, welcher Catigara 180 Meridiane östlich von den

Canarischen Inseln ansetzt, gegen Westen segelnd, die Hälfte des

Erdballs umfahren, dann konnte auch der Umfang der Erde nicht so groß

sein, wie seit der Berechnung des Alterthums allgemein angenommen

wurde; denn er war sich wohl bewußt, daß er in geradem Abstande von

Osten nach Westen noch nicht eine so große Strecke durchmessen hatte,

welche der Hälfte des Erdumfanges entspräche. Aber auch vor dieser

Consequenz schreckte er nicht zurück und erklärte darum in seinem

Briefe aus Jamaica: +Die Welt ist nicht so groß, als man gewöhnlich

annimmt+, denn ein Aequatorialgrad beträgt nicht 60 sondern nur 56⅔

Meilen (~millas~).[279]

Unter diesen Vorstellungen und in der sicheren Erwartung, die

Meerenge bald zu erreichen, segelte er weiter, ohne das Goldland

von Veragua genauer zu untersuchen. Am Abend vor Simon und Judä

wurde er widerstandslos vom Sturme fortgetrieben und fand erst nach

mehreren angstvollen Tagen Schutz vor der wilden See und dem rasenden

Sturme in einem prächtigen Hafen, dem er den Namen Puerto bello gab.

Hier blieb er vom 2. bis 9. November liegen, bis das Unwetter sich

ausgetobt zu haben schien. Nach den Goldminen von Veragua wollte er

nicht zurückkehren; er sah sie schon als spanisches Eigenthum an.

Unter heftigen Regengüssen segelte er weiter, wurde aber schon nach

kurzer Fahrt genöthigt, wider seinen Willen, an der schützenden Küste

eine Zuflucht gegen die von neuem losbrechenden Wetter zu suchen. Die

Umgebung des Hafenplatzes war wohl angebaut und bot eine willkommene

Fülle von Nahrungsmitteln, daher erhielt die Bucht den Namen ~Puerto

de los bastimentos~ (Hafen der Vorräthe). Sturm und Ungewitter hielten

ihn hier bis zum 23. November fest. Als er sich ohne günstiges Wetter

von neuem wieder hinauswagte, konnte er unter großer Anstrengung nur 15

Meilen zurücklegen; denn Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen,

daß er nach dem verlassenen Hafen zurückweichen mußte. Unterwegs fand

er einen andern Hafen, den er Retrete nannte. Es war ein ganz kleiner,

unbequemer Hafen, der von Sandbänken und Felsen umsäumt war. Hier ward

er von neuem auf die Dauer von 14 Tagen festgehalten. Am 5. December,

als er die Zufluchtsstätte verlassen und nur vier Meilen weit gekommen

war, brach der Sturm mit gesteigerter Wuth wieder los und machte ihn

völlig rathlos. Die schaumbedeckte See erhob sich zu furchtbarer Höhe,

wie er noch nie erlebt hatte. „Der Wind war uns grade entgegen,“ so

beschreibt Columbus diese Unwetter, „und machte es uns unmöglich, nach

einer vor uns liegenden Landspitze zu steuern. Die See kochte wie ein

Kessel über starkem Feuer. Tag und Nacht flammte der Himmel von den

zuckenden Blitzen, welche von so entsetzlichem Donner begleitet waren,

daß wir alle fürchteten, die Schiffe müßten untergehen.“ Neun Tage

schwebte er so in Lebensgefahr und während dieser ganzen Zeit strömte

das Wasser vom Himmel nicht wie Regen, sondern wie eine neue Sündflut.

Die Mannschaft wurde so muthlos, daß sie den Tod als eine Erlösung aus

diesem Jammer ansah. Zweimal hatten die Schiffe bereits Verluste an

Böten, Ankern und Tauwerk erlitten und lagen nun ohne Segel bei.

In der Nähe der eigentlichen Landenge von Panama wurde Columbus zur

Umkehr genöthigt. Seine Schiffe waren in dem erbärmlichsten Zustande

und hielten sich, von Bohrwürmern angegriffen, kaum noch über Wasser.

Aber auch auf dem Rückwege nach Veragua tobte das Wetter und hielten

widrige Winde ihn beständig auf, so daß er wiederholt sich in den

Schutz der Küste flüchten mußte; so auch am Weihnachtsabend, wo er aus

der bevorstehenden Opposition des Saturns mit der Sonne auf ein neues

Ausbrechen der Wuth der feindlichen Elemente sich glaubte gefaßt machen

zu müssen. Erst mit dem Beginn des neuen Jahres 1503 trat günstigeres

Wetter ein und so erreichte er, im Zustande höchster Erschöpfung, denn

die Mannschaft lag größtentheils krank darnieder, die Küste von Veragua

am Epiphaniastage und lief in den Fluß Belen oder Yebra ein, über

dessen Barre er zwar mit großer Schwierigkeit, aber doch glücklich in

stilles Fahrwasser gelangte. Am folgenden Tage brach der Sturm wieder

los und hätte es ihm unmöglich gemacht über die Barre zu kommen, wenn

er von dem Unwetter noch auf der See überrascht worden wäre. Der Regen

hielt bis zum 14. Februar an, so daß man anfangs nicht im Stande war

die Schiffe zu verlassen. Am 24. Januar schwoll der Fluß plötzlich so

gewaltig an, daß er die Schiffe von ihren Kabeln losriß und beinahe

wieder auf das Meer hinausgetrieben hätte.

Erst am 6. Februar konnte der Admiral es wagen, seinen Bruder Bartolomé

mit 68 Mann auf Kundschaft nach dem Veraguafluß zu senden. Der

Adelantado erreichte in seinen Böten bald das Dorf des Quibian oder

Caziken von Veragua. Der Häuptling, nach Landessitte bemalt, aber

nackt, kam den Fremden mit großem Gefolge, aber unbewaffnet entgegen.

Bei der Zusammenkunft holten seine Begleiter aus der Nähe einen großen

Stein herbei, wuschen denselben in dem Flusse sorgsam ab, rieben ihn

trocken und legten ihn vor ihrem Fürsten nieder, damit er, seiner

Würde gemäß, sitzend die Unterhaltung beginnen könne.[280] Auf den

Wunsch der Spanier, zu den Fundstätten des Goldes geführt zu werden,

zeigte sich der Quibian sofort bereit und bestellte drei Führer, um die

Fremden dahin zu geleiten. Bartolomé Colon sandte einen Theil seiner

Mannschaft zum Schutz der Böte zurück und brach mit den übrigen nach

den Minen auf. In allen Gewässern konnte man mit leichter Mühe zwischen

den Wurzeln der Bäume, unter dem Flußgeröll und im Sande Goldblättchen

auflesen. Weiter brachten die Indianer den Adelantado mit seinem

Gefolge auf einen hohen Berg, von wo aus man das Land weit und breit

übersehen konnte und erklärten, daß überall, namentlich gegen Westen

auf 20 Tagereisen weit sich Gold sammeln lasse und nannten Städte und

Dörfer, welche in jenem Goldgebiete lägen. Nachher erfuhr man, daß

der schlaue Quibian den Spaniern die ergiebigen Gebiete eines ihm

feindlichen Nachbarfürsten hatte zeigen lassen, um die Fremdlinge mit

seinem Feinde in Streit zu bringen, daß er aber die besten Goldfelder

im eignen Lande verheimlicht hatte.

Am 16. Februar setzte Bartolomé die Erforschung des Landes weiter fort,

fand überall reichliche Spuren von Gold, besuchte mehrere Caziken, bei

denen er freundliche Aufnahme fand, erkannte aber, daß das Gebiet von

Veragua von allen am reichsten sei. Auch wiederholte sich hier wieder

die Kunde von einem mächtigen Kulturvolke, das an dem andern Meere

wohnen sollte.

Es schien klar, daß man sich hier in der Nähe der reichsten Gebiete

Asiens befand, und daher beschloß Columbus hier eine Niederlassung zu

gründen. Veragua war der goldene Chersones. (Siehe oben S. 207.)[281]

Am Flusse Belen wurden Häuser errichtet, der Adelantado entschloß

sich in der Colonie die Leitung zu übernehmen und mit einem Fahrzeuge

zurückzubleiben, indeß Columbus nach Spanien zurückkehren und von da

neue Verstärkungen herüberführen wollte. Der Quibian, den der Admiral

durch Geschenke für seinen Plan gewonnen glaubte, sah die Versuche

seiner Gäste, sich häuslich niederzulassen, mit schelem Blick und

wachsendem Unbehagen. Das gute Einvernehmen zwischen Spaniern und

Indianern wurde allmählich getrübt, denn die Eingeborenen hatten

von der Anmaßung der Fremden zu leiden. Der Quibian benutzte die

entstehende Zwietracht zu einer allgemeinen Verschwörung, man wollte

die neuen Häuser der Colonie in Brand stecken und die Insassen

tödten. Diego Mendez, ein dem Columbus treu ergebener Mann, erhielt

zuerst von diesem Plan Kenntniß; er bewachte die Bewegungen der

bewaffneten indianischen Scharen, so daß sie im geheimen ihre Absicht

nicht ausführen konnten, ja er drang sogar bis zu dem Mittelpunkte

der feindlichen Macht, bis zur Behausung der Caziken vor, indem er

sich für einen Wundarzt ausgab, welcher dem verwundeten Häuptling

Linderung bringen wolle. Nachdem er sich dabei noch einmal vergewissert

hatte, daß in der That ein Angriff auf die spanische Niederlassung

bevorstehe, kehrte er nach dem Belen zurück. Bartolomé Colon wählte

sofort gegen 50 tüchtige Leute aus, rückte vor das Haus des Quibian

und nahm denselben sammt seiner zahlreichen Familie gefangen. Leider

entkam der Häuptling in der darauf folgenden dunkeln Nacht wieder und

gab nun das Signal zum Angriff auf die Ansiedlung. Inzwischen hatte der

Admiral im Anfang April drei Schiffe aus dem Flusse wieder über die

Barre aufs Meer gebracht, um nach Spanien zurückzukehren, während sein

Bruder nebst einem Schiffe in Veragua zurückbleiben sollte. Als aber

durch den erbitterten Angriff der Indianer die am Lande befindlichen

Spanier aus ihren Hütten vertrieben wurden, und als vollends der

Capitän Diego Tristan mit seiner Bootsmannschaft, welche den Fluß Belen

hinaufgegangen war, um Wasser zu holen, von den Feinden erschlagen

worden, war das Schicksal der Colonie besiegelt. Es galt nur noch, den

Adelantado mit seinen Leuten, die sich am Strande verschanzt hatten,

zu retten. Der Admiral, selbst in heftigem Fieber liegend, und fast

aller seiner Böte beraubt, nicht fähig seinem Bruder Hilfe zu bringen,

gerieth in die höchste Aufregung. „Ich war allein draußen,“ erzählte

er später, „an der gefährlichen Küste, von schwerem Fieber befallen

und todesmatt. Alle Hoffnung, zu entkommen, war dahin. Ich arbeitete

mich mühsam auf den höchsten Theil des Schiffes und rief mit zitternder

Stimme unter heißen Thränen die Hauptleute mir zu Hilfe zu kommen, aber

es kam keine Antwort.“ In seinen Fieberphantasien glaubte Columbus nun,

als er völlig erschöpft eingeschlafen war, eine mitleidige, tröstende

Stimme zu vernehmen, welche zu ihm sprach: „Warum verzagst du in deinem

Glauben an Gott? Was that er mehr für Moses oder für seine Knechte,

als er für dich gethan? Seit deiner Geburt hat er die größte Sorge

um dich gehabt. Als er dich zu den von ihm bestimmten Jahren kommen

sah, hat er deinen Namen in der ganzen Welt ertönen lassen. +Er gab

dir Indien+, den reichsten Erdtheil, du vertheiltest es nach deinem

Belieben. Du empfingst von ihm die Schlüssel zum Ocean, der bisher

mit starken Ketten verschlossen war. Man gehorchte deinen Befehlen

in den unermeßlichen Ländern, und du hast unsterblichen Ruhm unter

den Christen erworben. Was that er mehr für das Volk Israel, als er

es aus +Aegypten+ führte, und für David, den er aus dem Hirtenstand

zum Throne Judas erhob? Kehre zurück zu deinem Gott, erkenne endlich

deinen Irrthum; sein Mitleid ist ohne Grenzen. Dein Alter (~ta vejez~)

wird dich nicht hindern, große Thaten zu thun. Er hält in seiner Hand

die glänzendste Erbschaft... Sprich, wer hat dich so tief und so oft

gebeugt, Gott oder die Welt? Gott hält stets, was er verspricht.

Fürchte nichts, fasse Muth!“

Die peinliche Ungewißheit über die am Lande Zurückgelassenen währte

tagelang, denn wegen der starken Brandung war aller Verkehr mit der

Küste abgeschnitten. Endlich erbot sich der Pilot Pedro Ledesma, durch

die Brandung zu schwimmen, wenn man ihn mit dem letzten verfügbaren

Bote bis an die Grenze derselben bringe. Diese kühne That gelang, und

so erhielt Columbus Nachricht, daß sein Bruder sich noch an der Küste

vertheidige. Trotz seiner gefahrvollen Lage -- denn die von Würmern

zerfressenen Schiffe hielten sich kaum noch über Wasser -- mußte er

noch längere Zeit ausharren, bis das Wetter sich günstiger gestaltete

und es ermöglichte, die am Lande befindliche Mannschaft, wenn auch mit

Zurücklassung ihrer Caravele, wieder einzuschiffen und die Gründung

einer Colonie einer späteren Zeit vorzubehalten. So gelang es denn

Ende April, die gefährliche Goldküste von Veragua mit drei Schiffen

zu verlassen. Das Geschwader ging nach Osten an der Küste entlang,

mußte bei Puerto bello noch ein Schiff zurücklassen, welches zu einer

Fahrt über das Meer völlig untauglich geworden war, und drang bis an

den Golf von Darien vor. Von hier steuerten die beiden letzten Schiffe

grade nach Norden, um womöglich Jamaica zu erreichen; aber Wind und

Strömung trieben sie von ihrem Cours ab und zu weit nach Westen, so daß

sie statt nach Jamaica an die kleine Cayman-Insel und von da nordwärts

zu der Inselwolke kamen, welche Columbus bei seiner Erforschung der

Südküste Cubas bereits besucht und mit dem Namen „Gärten der Königin“

belegt hatte. „Die See war sehr stürmisch und ich wurde rückwärts

getrieben vor Top und Takel (~volver atras sin velas~). Das eine Schiff

verlor drei Anker. Um Mitternacht brach ein Wetter los, als sollte die

Welt untergehen, so daß auch die Kabel des andern Schiffes rissen und

dasselbe mit solcher Gewalt auf uns zutrieb, daß alles in Stücke zu

gehen drohte. Nur +ein+ Anker hielt noch, und war nächst Gott unsere

einzige Rettung.“[282] Erst nach sechs Tagen, als das Wetter ruhiger

geworden war, konnte man weiter segeln. Es war eine verzweifelte

Fahrt. Die Schiffe waren von den Würmern wie Honigwaben durchlöchert.

Die Mannschaft war völlig verzagt und muthlos. Als Columbus die

Südwestspitze Cubas, Cap de la Cruz erreicht hatte, hoffte er an der

Küste entlang ostwärts nach Haiti zu kommen; aber Wind und Strömung

waren ihm dermaßen entgegen, daß er mit seinen kaum noch haltbaren

Schiffen nicht dagegen ankämpfen konnte und sich genöthigt sah, sich

nach Jamaica zu wenden. Das Wasser drang unaufhaltsam in die Fahrzeuge

ein und konnte, trotzdem man mit drei Pumpen, mit Töpfen und Kesseln

am Ausschöpfen arbeitete, nicht bewältigt werden, sondern stieg im

Schiffsraum immer höher. Man war froh, mit den sinkenden Schiffen

bis nach Jamaica hinübergekommen und wenigstens das Leben gerettet

zu haben. So ließ denn der Admiral beide Schiffe an einer günstigen

Stelle an den Strand laufen. Es war am 25. Juni 1503, daß die Schiffe

sich im Hafen Santa Gloria, jetzt Christovals-Bucht genannt, nahe

am Lande auf seichtem Grunde mit Wasser füllten, so daß sie bis ans

Verdeck sanken. Das Verdeck selbst blieb über Wasser, und hier wurde

in gedeckten Cajüten die Mannschaft untergebracht. So konnten die

Wracks noch als Holzfestungen gegenüber unerwarteten Angriffen von

Seiten der Bewohner dienen, auch wurden die Mannschaften abgehalten, am

Lande herumzuschweifen und den Indianern Anlaß zu Conflicten zu geben,

welche bei der hilflosen Lage der Spanier allen den Untergang bereiten

konnten, wenn ihnen vom Lande her die erforderlichen Lebensmittel

versagt wurden, denn die Schiffsvorräthe waren natürlich sämmtlich

verloren gegangen.

Glücklicherweise zeigten sich die Indianer, welche bald scharenweise

am Strande erscheinen, geneigt, zum Tausch gegen europäische Artikel

Lebensmittel herzuzuschaffen. Aber diese Art der Verproviantirung

konnte bei ihrer Unregelmäßigkeit auf die Dauer die Spanier nicht vor

Hungersnoth schützen. Es mußte das Gebiet der Bezugsquellen weiter

ausgedehnt, es mußten mit den entfernteren Dörfern gewissermaßen

Lieferungsverträge abgeschlossen werden.

Zu dem Ende erbot sich Diego Mendez, mit drei Leuten auf Kundschaft

auszuziehen. Ueberall fand er freundliche Aufnahme; Cassavebrod und

Fische wurden ihm in Fülle gereicht. So zog er von einem Dorf zum

andern und gelangte endlich bis an den äußersten Osten der Insel, wo

er sogar mit dem Caziken Blutsfreundschaft schloß und seinen Namen

eintauschte. Hier kaufte Mendez ein Boot, belud es mit Nahrungsmitteln

und brachte es nach der Hafenbucht von Santa Gloria.

War damit und mit dem in Folge des Uebereinkommens reichlich

zugeführten Lebensbedarf die Noth der Schiffbrüchigen gehoben, so blieb

doch ihre Lage eine absolut hoffnungslose, wenn es nicht gelang, nach

Haiti zum Statthalter Ovando eine Mittheilung von ihrem Aufenthalte

und ihrem Schicksal zu befördern. Auch zu diesem Wagniß erbot sich

Mendez. Zwar schlug der erste Versuch fehl, da er mit seinen Genossen

am östlichen Strande von Jamaica gefangen genommen wurde und nur mit

Noth den Eingeborenen entrinnen konnte. Aber er war auch zum zweiten

Male bereit, sein Leben für die Rettung des von ihm verehrten Admirals

und seiner Begleiter zu wagen. Diese zweite Unternehmung wurde besser

vorbereitet. Es gingen nämlich zwei Böte, indianische Canoes, welche

für die Seefahrt besonders hergerichtet waren, unter Mendez und

Bartolomeo Fiesco ab. In jedem Bote befanden sich sechs Spanier und

zehn indianische Ruderer; es fand nämlich ein Verkehr über See zwischen

den großen Inseln statt und die Indianer konnten dabei den Spaniern

die Segelrichtung angeben. Damit aber die beiden Böte, welche erst vom

Ostende Jamaicas sich nordwärts über das Meer wagen sollten, nicht

wieder von Indianern überfallen werden könnten -- denn es konnte der

Fall eintreten, daß wegen widriger oder hochgehender See die Böte nicht

sofort vom Strande ablaufen durften, sondern mehrere Tage auf günstiges

Wetter zu warten hatten; -- so begleitete sie der Adelantado mit 50

Bewaffneten, die am Strande hinzogen und denselben so lange schützten,

bis ihre Genossen sich mit den Canoes aufs Meer hinaus wagen durften.

Diese kühne Bootfahrt fällt in den August 1503. Fünf Tage und vier

Nächte wurde unablässig gerudert, Mendez saß ohne Unterbrechung am

Steuer. So erreichten sie das Cap St. Miguel (jetzt Cap Tiburon), die

Westspitze Haitis, wo sie, erschöpft von der großen Anstrengung, zwei

Tage rasteten. Dann setzten sie ihre Fahrt längst der Südküste weiter

fort. In der Landschaft Jaragua traf Mendez den Statthalter Ovando,

welcher ihn zwar freundlich empfing, aber doch seinem Bericht über die

trostlose Lage der Schiffbrüchigen auf Jamaica nicht trauete, vielmehr

argwöhnte, Columbus wolle durch eine plumpe List ihn täuschen, um

wieder den Boden seiner Colonie betreten zu dürfen.

Monate vergingen, ehe der Statthalter von Haiti dem Drängen des Mendez

nachgab und ein Schiff unter Diego de Escobar auf Kundschaft nach

Jamaica entsendete. Die Wahl dieses Sendboten war als eine für Columbus

nicht günstige aufzufassen, denn Escobar hatte zu den Parteigängern

Roldans gezählt, war aber später begnadigt worden. Er kürzte auch

seinen Besuch in Jamaica möglichst ab, nahm Briefe des Columbus mit und

ging bald wieder in See mit dem Versprechen, ein größeres Schiff zu

senden, um den Admiral aus seiner gefährlichen Lage zu befreien; das

Fahrzeug, auf welchem er gekommen, sei zu klein, um die Schiffbrüchigen

alle aufzunehmen.

Mendez hatte sich indessen bemüht, mit dem Gelde des Columbus in Haiti

ein Schiff zu miethen, konnte aber seine Absicht erst im Frühling 1504

erreichen, weil nicht eher Schiffe von Spanien angekommen waren. Er

belud dann ein Fahrzeug mit Vorräthen aller Art und sandte es nach

Jamaica, während er selbst nach Spanien ging, um dem Könige von dem

Schicksal des Columbus Mittheilung zu machen. So kam es, daß der

Admiral sich ein ganzes Jahr unter wachsender Gefahr und aufreibenden

Sorgen auf Jamaica festgehalten sah.

Bald nach der Abfahrt des Mendez hatten die Indianer die weiteren

Lieferungen von Lebensmitteln verweigert und konnten nur durch eine

auf ihre Einfalt und ihren Aberglauben berechnete List bewogen werden,

die weitere Verpflegung der fremden Gäste zu übernehmen. Columbus

wußte, daß am 29. Februar 1504 eine Mondfinsterniß eintreten werde.

Er drohte daher den Indianern mit dem Zorn der himmlischen Gottheit,

welche ihr leuchtendes Angesicht von ihnen abwenden werde, wenn man den

Spaniern den nöthigen Nahrungsbedarf entzöge. Die kindlichen Gemüther

der Eingebornen wurden durch das rasche Eintreffen der drohenden

Prophezeihung so erschreckt, daß sie, um den Zorn des Lichtgottes zu

besänftigen, sich alsbald bereit erklärten, die Spanier mit Vorräthen

zu versehen.

Weit gefährlicher und langwieriger gestaltete sich die Meuterei

der beiden Brüder Francisco und Diego Porras, welche mit 48

Gesinnungsgenossen unter Drohungen, denen sich der muthige Adelantado

vergebens zu widersetzen suchte, die Schiffe verließen und auf

demselben Wege wie Mendez und Fiesco ihr Heil versuchen und nach Haiti

segeln wollten, weil sie meinten, Columbus habe gar nicht die Absicht,

Jamaica wieder zu verlassen, sondern wolle sie zwingen, mit ihm dort

eine dauernde Colonie zu gründen. Ihr Versuch, auf indianischen Böten

ihre Flucht auszuführen, scheiterte an der Ungunst des Wetters, sie

waren nach kurzem Kampf mit dem feindlichen Elemente genöthigt, nach

Jamaica zurückzukehren. Columbus suchte vergebens eine Verständigung

herbeizuführen, aber diese zerschlug sich an den unbilligen Forderungen

der Meuterer. Und als diese vollends sich anschickten, einen geeigneten

Hafenplatz, wo man die Landung der verheißenen rettenden Fahrzeuge

erwartete, zu besetzen, und sich dadurch zu Herren der Rettungsschiffe

zu machen, blieb der dem Columbus treu gebliebenen Mannschaft, an

deren Spitze der Adelantado trat, nichts übrig, als die Entscheidung

der Waffen anzurufen. So kam es am 19. Mai 1504 zu einem blutigen

Zusammenstoß, in welchem mehrere Meuterer erschossen und Francisco

Porras gefangen genommen wurde. Die Besiegten baten um Gnade und mußten

unter feierlichem Eidschwur von neuem Treue geloben. Nur unter dieser

Bedingung wurden sie in dem Schiffe mit aufgenommen, welches, von Diego

Mendez gesendet, am 28. Juni vor der Bucht von Santa Gloria eintraf und

alle Spanier nach Haiti hinüberbrachte, wo sie am 13. August den Hafen

von San Domingo erreichten. Ovando nahm den Admiral mit seinen Leuten

ehrerbietig auf, zeigte ihm aber auch seine höhere Amtsgewalt, indem

er dem gefangenen Francisco Porras seine Fesseln abnehmen ließ. Am 12.

September trat Columbus seine letzte Heimreise aus der neuen Welt an

und erreichte im Anfang November nach einer stürmischen Ueberfahrt den

spanischen Boden in Cadiz.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 88 / 123 题