11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus.

Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als

Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen

Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der

spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand

entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen

des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcher

innerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter

dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den

Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der

Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich

mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier

trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß

sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit

Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des

erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das

Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie

mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden

in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.

Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella

der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an

Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so

mehr, als der Oberrichter +Francisco Roldan+ sich an die Spitze der

Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan

mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie

des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen

Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß

sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer

für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die

Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten

jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst

die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth

entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des

Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften

gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht

aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte,

die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten

Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben

hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art

gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten

Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort

einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade

einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten

Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden

unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation

vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß

viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig

geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So

wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus

eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf

einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die

Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seiner

Widersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine

Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug,

dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei,

einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine

Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine

Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und

seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem

ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.

Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage

mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und

wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er

sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht

hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in

der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine

Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in

seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten

Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.

Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem

Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über

den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von

Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft

gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte

freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen

bleiben.

Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte

schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen

mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei

Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch

mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der

rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen

schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König

wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten,

erhielten freie Geleitsbriefe.

Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht

ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für

nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich

bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter

einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und

zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt

werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt

zu erzwingen.

Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher

Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus

gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den

Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst

und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner

Stellung als +Admiral+ rechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte,

während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in

seiner Eigenschaft als +Vicekönig+ vollzogen werden müssen.[269] Aber

zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste,

daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?

In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil

der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig

einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den

Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling

großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als

seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die

Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum,

um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte,

statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und

Gewürzen.

Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer

Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen,

bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen

Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und

Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen

Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus

sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging

wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des

Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270] +Francisco

de Bobadilla+, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499

ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl

der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen.

Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine

Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte

Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil

sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen

Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, war +die Insel ruhig+“.

Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits

der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen

Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten

müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese

Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit

seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt,

seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er

dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in

königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt

werden solle, hatte er bereits einen großen Theil der Spanier

gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die

Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte

gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des

Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als

sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber,

die Rechtsansprüche +beider+ Parteien zu prüfen. Das ganze Volk zog

er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen

ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit

Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die

Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen

Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch

wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte

und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen.

Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus

leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er

ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla

den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner

Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem

Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß

dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich

gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch

der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute

sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit

ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des

Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein

Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach

bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung

als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden

Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld

oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist

die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die

meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]

Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig

gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo

Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm

erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem

Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs

Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte

der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei

der wiederholten Versicherung, daß man ihn nicht täusche, fühlte sich

Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas

Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm

die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach

sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine

hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt

ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.

Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte

gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten

dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß.

So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung

eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht

Bobadilla’s.

Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das

größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten

nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß

die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren

Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr

höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner

Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt

werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000

Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe

erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen,

darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber

dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272] glauben, daß Columbus, als er vor

den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend

seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.

Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit

Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm

zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem

Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in

seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 87 / 123 题