Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als
Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen
Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der
spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand
entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen
des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcher
innerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter
dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den
Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der
Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich
mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier
trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß
sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit
Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des
erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das
Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie
mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden
in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.
Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella
der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an
Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so
mehr, als der Oberrichter +Francisco Roldan+ sich an die Spitze der
Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan
mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie
des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen
Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß
sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer
für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die
Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten
jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst
die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth
entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des
Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften
gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht
aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte,
die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten
Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben
hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art
gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten
Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort
einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade
einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten
Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden
unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation
vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß
viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig
geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So
wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus
eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf
einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die
Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seiner
Widersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine
Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug,
dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei,
einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine
Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine
Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und
seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem
ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.
Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage
mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und
wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er
sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht
hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in
der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine
Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in
seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten
Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.
Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem
Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über
den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von
Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft
gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte
freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen
bleiben.
Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte
schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen
mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei
Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch
mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der
rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen
schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König
wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten,
erhielten freie Geleitsbriefe.
Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht
ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für
nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich
bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter
einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und
zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt
werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt
zu erzwingen.
Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher
Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus
gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den
Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst
und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner
Stellung als +Admiral+ rechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte,
während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in
seiner Eigenschaft als +Vicekönig+ vollzogen werden müssen.[269] Aber
zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste,
daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?
In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil
der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig
einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den
Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling
großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als
seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die
Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum,
um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte,
statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und
Gewürzen.
Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer
Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen,
bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen
Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und
Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen
Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus
sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging
wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des
Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270] +Francisco
de Bobadilla+, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499
ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl
der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen.
Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine
Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte
Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil
sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen
Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, war +die Insel ruhig+“.
Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits
der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen
Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten
müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese
Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit
seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt,
seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er
dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in
königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt
werden solle, hatte er bereits einen großen Theil der Spanier
gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die
Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte
gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des
Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als
sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber,
die Rechtsansprüche +beider+ Parteien zu prüfen. Das ganze Volk zog
er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen
ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit
Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die
Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen
Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch
wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte
und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen.
Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus
leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er
ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla
den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner
Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem
Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß
dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich
gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch
der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute
sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit
ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des
Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein
Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach
bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung
als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden
Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld
oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist
die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die
meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]
Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig
gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo
Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm
erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem
Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs
Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte
der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei
der wiederholten Versicherung, daß man ihn nicht täusche, fühlte sich
Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas
Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm
die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach
sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine
hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt
ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.
Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte
gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten
dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß.
So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung
eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht
Bobadilla’s.
Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das
größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten
nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß
die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren
Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr
höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner
Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt
werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000
Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe
erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen,
darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber
dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272] glauben, daß Columbus, als er vor
den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend
seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.
Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit
Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm
zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem
Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in
seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.